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"Die
kollektive Ausgangsbedingung einer Generation
ist die schicksalmäßig verwandte Lagerung
eines Geburtsjahrgangs. Dennoch führt die
verwandte Lagerung noch nicht zur Entstehung
einer sozialen Gruppe, sie ist lediglich ein
zugeschriebenes Merkmal. Der
Generationenzusammenhang entsteht nicht
allein aufgrund der chronologischen
Gleichzeitigkeit der Geburt, sondern durch
die gemeinsame Teilhabe an bestimmten
historischen Ereignissen. Eine
Generationseinheit bildet sich erst dann
heraus, wenn aufgrund einer gemeinsamen
Problemlage ein bewußter Zusammenschluß von
Individuen stattfindet. Durch den stetigen
Neuzugang und Abgang von Kulturträgern,
durch die Tatsache, daß Menschen nur an
einem bestimmten Ausschnitt von Geschichte
partizipieren, durch die Notwendigkeit des
Tradierens gesammelter Kulturgüter (MANNHEIM
1968, 292) sind die Voraussetzungen als
Träger von Bewußtseinslagen für die
Notwendigkeit des Vorhandenseins von
Generationen genannt."
(HOERNING, Erika (1994): Grundfragen der
Soziologie des Lebenslaufs. Makrosoziale
Perspektiven des Lebenslaufs, Kurs 3635 der
Fernuniversität, Kurseinheit 1, Hagen, S.51)
Unlängst
ist in der SOZIALWISSENSCHAFTLICHEN
LITERATURRUNDSCHAU der Trendbericht
"»Generationenrhetorik« und mehr: Versuche
über ein Schlüsselkonzept" (H.39, 1999)
von ANDREAS LANGE erschienen, in dem auf den
"neuen Aufmerksamkeitsschub für ein
traditionsreiches Konzept" eingegangen wird.
Der Generationenbegriff ist in den 90er
Jahren sowohl in der Publizistik als auch in den
Sozialwissenschaften zum Modebegriff geworden.
Während in den Medienberichten der
kulturspezifische Aspekt des Generationenbegriffs
in der wissenssoziologischen Tradition von KARL
MANNHEIM mehr oder weniger verkürzt Anwendung
findet, dominiert in der empirischen Forschung
ein Generationenbegriff, der gerade diesen Aspekt
ausklammert. In der Familiensoziologie bzw. in
den Erziehungswissenschaften stehen biologische
Abstammungsgenerationen im Vordergrund, während
das Interesse in der politischen Soziologie bzw.
den Politikwissenschaften den Kohortenjahrgängen
oder Altersgruppenbewußtseinen gilt.
Wer sich für
die erziehungswissenschaftliche und
familiensoziologische Generationendebatte
interessiert, der sei auf den Trendbericht von
LANGE verwiesen. Mir geht es dagegen um die
gegenwärtige Mediendebatte. "Das von
Mannheim entworfene Konzept der
Generationsabfolge ist zugleich ein Modell zur
Erklärung des historischen und sozialen
Wandels", schreibt HOERNING (1994). Verfolgt
man jedoch die Mediendebatte, dann geht es vor
allem um die Etikettierung bestimmter
Kohorten. Inwiefern diese
Zuschreibungsprozesse jedoch von sozialen Gruppen
aufgenommen und als generationsspezifische
Mentalität internalisiert werden, das ist die
entscheidende Frage.
In dem von
JOCHEN HÖRISCH herausgegebenen Buch
"Mediengenerationen" (1997),
kommt der Autor in dem Beitrag "Was
generiert Generationen: Literatur oder Medien?
Zur Querelle allemande zwischen Achtundsechzigern
und Neunundachtzigern" zu dem Fazit, daß Medien
keine Generationen generieren können.
Sein Pessimismus rührt aus dem gescheiterten
Versuch, eine 89er-Generation in der
68er-Nachfolge zu etablieren. Als weiteres
Beispiel führt er REINHARD MOHR an, der 1992 den
Begriff der "78er" geprägt hat:
"Die
78er, die heute auf die vierzig zugehen,
kamen zu spät zur Revolte der sechziger
Jahre und standen dann, in den Achtzigern,
vor den verschlossenen Türen der
reformierten Gesellschaft, die sie gar nicht
zu brauchen schien. Daß sie für eine
gewisse Larmoyanz und die große
philosophische Wehklage außergewöhnlich
anfällig waren, hing mit ihrer sozialen
Metaexistenz zusammen: Als Angehörige einer
historisch »überflüssigen«
Zwischengeneration fielen sie durch den
imaginären Rost des Zeitgeistes. Anders als
die »Alt-68er« und die postmodernen
»Neonkids« haben die 78er keine politisch
oder kulturell griffige Symbolik entwickelt,
die sie auf Anhieb identifizierbar machte.
Sie verfügten über kein Label,
kein Erkennungszeichen"(MOHR 1992).
MOHR ist
jedoch nicht der erste, der "seine"
Generation beschreibt. Drei Jahre zuvor
veröffentlichte MATTHIAS HORX den Bestseller
"Aufstand im Schlaraffenland.
Selbsterkenntnisse einer rebellischen
Generation". HORX ist wie MOHR ein
"78er", nur mit dem Unterschied, daß
er kein Label für seine Generation prägte.
HÖRISCH sieht in den "78ern" ein
Etikett, das sich nicht durchgesetzt hat. Der im
gleichen Band erschienene Beitrag von NORBERT
BOLZ "1953 - Auch eine Gnade der späten
Geburt" ist jedoch auch wieder eine
Selbstbeschreibung eines "78er", der
die Erfahrungen seiner Generation medientheorisch
auf den Punkt zu bringen versucht. Just im
gleichen Jahr als dieser Sammelband erscheint,
übernimmt MATTHIAS POLITYCKI das Etikett von
MOHR. In der Zeitschrift Die Woche
entbrennt eine Debatte um die 78er,
mit deren Ergebnis POLITYCKI nicht zufrieden ist.
In der Süddeutschen Zeitung
(30./31.08.97) spricht er von einer
"gesellschaftlichen Aufgabe als
Schwellengeneration zwischen 68ern und 89ern,
zwischen Schrift- und Hyperlink-Kultur". Die
Diskussion um die 78er bezeichnet er als
"das Gequake von satten Fröschen".
POLITYCKIs Anliegen ist kein politisches, sondern
es geht ihm in erster Linie darum, Deutschland
davor zu bewahren "zum literarischen
Entwicklungsland zu werden". Kurze Zeit
später erscheint sein Roman "Der
Weiberroman". Also nur eine gelungene
Public-Relation-Veranstaltung für seinen
Generationenroman? Das Buch wurde ein Bestseller
und vor kurzem ist die Fortsetzung "Ein Mann
von vierzig Jahren" erschienen. Die
Generation der 78er ist also weiterhin im
Gespräch.
Auch die
89er-Generation ist nicht so tot, wie HÖRISCH
glaubte. Sie hat in der "Generation
Berlin" einen Nachfolger gefunden.
Geprägt hat den Begriff der Soziologe HEINZ
BUDE. Nach dem historischen Ereignis des
Mauerfalls von 1989 soll nun der Umzug der
Regierung von Bonn nach Berlin der
Kristallisationskern einer neuen Generation sein.
"Ich erhebe keine Forderung, sondern
beschreibe einen Prozess, der in der deutschen
Gesellschaft zu beobachten ist. Er hängt
zusammen mit der Abfolge von Generationen. Wir
erleben den Übergang von Erinnerung in
Geschichte, von Erfahrung in Repräsentanz. Es
mag sein, dass (...) nun die
Achtundsechziger-Generation wichtige
Schaltstellen besetzt, aber die jüngere
Generation, die um die Vierzigjährigen, muss
neue Ziele suchen, den Übergang
definieren", erklärt BUDE in einem
Interview (Deutsches Allgemeines
Sonntagsblatt, 13.11.1998). Inzwischen hat
sich eine SPD-Gruppe gefunden, die das neue
Etikett übernommen hat. Die Zeitschrift
"Berliner Republik" soll dieser
Generation Breitenwirkung verschaffen. Eine
weitere Totgeburt, weil die jüngeren Kohorten
eine unpolitische Generation sind?
Der Publizist
FLORIAN ILLIES ist jedenfalls davon überzeugt.
Mit der "Generation Golf"
hat er dies auf den Begriff gebracht. Der
aktuelle Börsenboom ist die
erste große Leidenschaft seiner Altersgenossen (Badische
Zeitung 30.03.2000). Den gesellschaftlichen
Beitrag seiner Generation sieht er in der
"Ästhetisierung der Gesellschaft".
Damit meint er die Definition der eigenen
"Existenz über Werbesprüche und Labels in
den Jacketts" (Leipziger Volkszeitung
05.04.2000). Sein Kollege STUCKRAD-BARRE ist als
Mitglied des popkulturellen Quintetts
gerade sehr erfolgreich bei der Selbstvermarktung
dieser Ästhetisierung. Mit "Tristesse
Royale" liegt ein Manifest dieser
Popliteraten vor, das einer geschmacksunsicheren,
orientierungswilligen Mittelschicht
Nachhilfeunterricht in den "feinen
Unterschieden" (BOURDIEU) gibt. Man versteht
sich als konsumästhetische Avantgarde:
"Pervers
ist, daß wir letztendlich genau das Publikum
bedienen werden, das wir verachten (...).
Wenn ich zum Beispiel manchmal Etikettentips
schreibe, verrate ich Geheimcodes und gewisse
geheim vereinbarte Regeln und veröffentliche
sie in einer Zeitung. Das tue ich in einer
bewußten Zerstörung dessen, was ich auch
beklage. Niemand darf eigentlich wissen,
welche Kneipe (...) die beste ist, aber im
Moment, in dem ich es (...) schreibe,
zerstöre ich diesen Ort. Das ist unser
Beruf." (BESSING 1999)
Für GUSTAV
SEIBT von der ZEIT ist die
"Generation Berlin" nur ein politisch
motiviertes Wunschbild, während er die
"Generation Golf" bereits für eine
"soziologische und kulturelle Tatsache"
hält. Zumindest im feuilletonistischen
Elfenbeinturm ist die Aufregung um die
"Generation Golf" und das popkulturelle
Quintett groß. Nicht politische Zäsuren wie
Mauerfall und Regierungsumzug sind für ihn
generationenstiftend, sondern ästhetische
Ereignisse wie "das Erscheinen des Werther
1774 oder das Auftreten Stefan Georges und Hugo
von Hofmannsthal in den neunziger Jahren des 19.
Jahrhunderts".
"Wir
sind das Ergebnis eines dreißigjährigen
Feldversuches. An uns wurde das Fernsehen
ausprobiert. Schließlich waren wir die erste
Generation in Deutschland, deren Erziehung
maßgeblich von den Vorstellungen der
Fernsehmacher geprägt wurde", schrieb
WALTER WÜLLERWEBER in seinem Generationenbuch
"Wir Fernsehkinder" im Jahr 1994. Können
technische Innovationen wie Radio, Fernsehen und
neuerdings das Internet, Generationen generieren?
EIKE HEBECKER scheint dies zu bejahen
und geht sogar noch einen Schritt weiter: Masse +
Medien = Generationskonflikt (TAZ
24.06.1999). Generation N oder Generation @,
werden die "Net-Kids" das
Generationenmodell der Zukunft? Halten wir fest:
Die Autoren sind sich uneins darüber, welcher
Art die Ereignisse sein müssen, um Generationen
zu generieren. Vielleicht haben aber alle ein
wenig recht. Es können politische
Ereignisse, ästhetische Stile oder technische
Innovationen sein, die zu einem neuen
Generationenbewußtsein beitragen.
68er, 78er,
89er, Generation Berlin, N, @ oder Golf.
"Irgendwo da draußen muss es eine
florierende Generationenmanufaktur geben. Man
kann nämlich durchaus den Eindruck bekommen,
dass jede Saison neue, windschnittige
Generationenmodelle wie am Fließband produziert
werden", beschreibt DIRK KNIPPHALS (TAZ
26.02.2000) den inflationären Gebrauch des
Generationenbegriffs. Da fällt es schwer, ein
weiteres Buch zum Thema zu rechtfertigen.
Für
KNIPPHALS ist das Gemeinsame der
aktuellen Generationenbegriffe:
"Sie konkurrieren um die beste Konkurrenz
zur 68er-Generation, die dafür als, wenn auch
negativer, Bezugspunkt darauf folgenden
Generationen erhalten bleibt". Ausgerechnet
die Generation Golf soll hier eine Ausnahme
machen? "Was hier vorliegt, ist eine neue
Generation von Generationenbüchern. Illies
schreibt mit einer Chuzpe, für die 68 kein
Stachel, kein Anziehungspunkt und keine
Herausforderung mehr darstellt". Die Nachfolge
der 68er versucht die Generation Golf
auf alle Fälle anzutreten, ob der negative
Bezugspunkt fehlt oder nicht.
DOTZAUER (Tagesspiegel
24.02.2000) sieht in der lautstarken Beschwörung
von Generationenzugehörigkeiten einen
"intergenerationellen Abgrenzungswahn",
der ein Indiz für das Brüchigwerden ihrer
Definitionsmacht ist. Die gesamtgesellschaftliche
Perspektive ist auf die Analyse von Jugendszenen
geschrumpft.
ROBERT LEICHT
(Tagesspiegel 15.10.1999) hält gar das
ganze Generationengerede für törricht und weist
darauf hin, daß selbst die 68er keine
"Generation im Kollektiv" waren. Er
fühlt sich in seinem "Differenzierungs- und
Erinnerungsvermögen" beleidigt.
Generationenkohorten sind voller Gegensätze.
HANS-PETER BARTELS (Spiegel 21.02.2000)
erwidert darauf: "»Generation« ist wie
»Klasse« oder »Schicht« ein die Gesellschaft
strukturierender Kollektivsingular. Ohne solche
synthetischen Großbegriffe wäre alles noch viel
unübersichtlicher. Eine soziale Generation
existiert nicht in einem physischen Sinne, ihre
Grenzen sind willkürlich, verschiebbar. Ganz,
wie man es sehen will". Der
Generationenbegriff ein großer Vereinfacher, bei
dem "anything goes"? Das Entscheidende
und Substanzielle ist für BARTELS jedoch der Generationenkonflikt:
"Das Gemeinsame der Jüngeren, der
skeptischen Generation, der Halbstarken, der
68er, der 78er, der Generation Golf, ist die
Distanzierung von den Älteren - auf Grund
eigener Erfahrungen, mit eigener Sprache, Musik,
Kleidung, Literatur, Ideologie, Organisation.
Selten mit all diesen Generationsinsignien
gleichzeitig. Ein paar neue Chiffren
genügen". Damit folgt BARTELS der
Argumentation von ULRIKE WINKELMANN (TAZ
23.03.1999): "Als provokant genutztes
Etikett, als Differenz produzierende
Debattenvokabel und als multifunktionale
Selbstverständigungskategorie hat die
»Generation« in den neunziger Jahren eine
beachtliche Karriere gemacht.
Verallgemeinerungen, im intellektuellen Dickicht
ebenso notwendig wie geschmäht, werden
möglich."
GUSTAV SEIBT
(ZEIT 02.03.2000) erklärt dagegen den
inflationären Gebrauch aus dem "Charakter
Westdeutschlands als mobiler
Mittelstandsgesellschaft". Mit der einfachen
Formel "Wo wenig Klasse ist, ist viel
Generation" konstruiert er aus der
MANNHEIM'schen Unterscheidung von
Klassen- und Generationenlage einen
Gegensatz, der einleuchtend erscheint: "Wo
Klasse ist, herrscht ein gewisses Maß von
Tradition und überindividuellem Stil; wo soziale
Mobilität überwiegt, kommt leicht der
Mechanismus von Generationen mit ihren Moden und
Sonderkulturen in Gang." Klasse und
Generation sind jedoch keinesfalls Gegensätze,
sondern stellen unterschiedliche Perspektiven auf
die Gesellschaft dar, die HEINZ BUDE (1999) in
der ZEIT so beschreibt: "Die alten
sozialstrukturellen Kategorien, an die wir
gewöhnt sind - Klasse, Schicht, Milieu -, gehen
immer von der Vorstellung einer gewissen Konstanz
aus. Der Generationenbegriff stellt in Rechnung,
daß es kontingente Einwirkungen auf
Gesellschaften gibt, die über die Zeit eine
konstitutive Wirkung entfalten: Kriege,
Inflationen, Revolutionen, aber auch friedliche
Veränderungen wie die Einführung des Euro. Die
Erfahrung der Verzeitlichung des Sozialen ist der
Grund für die Konjunktur des
Generationenbegriffs. Wichtig ist dabei
allerdings, daß Generationen erst dadurch
zustande kommen, daß sich benachbarte Jahrgänge
als erlebnismäßige Einheit verstehen. Im
gefühlten und verstandenen
Generationszusammenhang findet der einzelne einen
Halt in der Geschichte - ganz unabhängig davon,
ob er nun an den generationsbildenden Ereignissen
beteiligt war oder nicht."
ULRICH BARON
(Welt 29.01.2000) erkennt in den
Generationendebatten gar einen evolutionären
Prozess. Er geht dafür bis in prähistorische
Zeiten zurück, um seine Vorstellungen über eine
Generationenfolge von Biologie über Soziologie
zum Markenartikel darzulegen. Festzuhalten ist,
daß man verschiedene Dimensionen des
Generationenbegriffs unterscheiden muß:
"Denn neben der biologischen Generation -
der Geschlechterfolge von Großeltern, Eltern,
Kindern - gibt es noch eine soziologische
Generation, deren Mitglieder Alterstufe,
Lebensverhältnisse und Weltanschauung teilen,
und schließlich die Generation als Etikett der
Medien und Werbeindustrie."
Wer jetzt
noch nicht genug von der ganzen
"Generationenrhetorik" hat und
neugierig geworden ist, der kann sich anhand der
weiterführenden Literatur selbst über die
aktuelle Debatte informieren.
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