Reisevorbereitungen

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"Die Sonne schien nicht mehr. Er hörte das gleichmäßige Geräusch von Regen. Zeit abzufahren, sagte er sich. Jetzt gibt es einen wirklichen Grund abzufahren. Das Wetter ist schlecht. Er hätte keinen anderen Grund nennen können, so wenig, wie es einen Grund zu bleiben gab.
...
Eine weitere Viertelstunde saß er auf dem Bettrand, schwitzend und frierend, hungrig und ohne Appetit, beschäftigt mit dem Gedanken, daß er heute würde abreisen müssen, weil er es sich vorgenommen, weil er es jedem erzählt hatte, und daß er irgendwann abends in London sein würde, wo es für ihn nichts zu tun gab, weil Anna keineswegs in London sein würde."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.73

"Er las Texte über Penzance und vor allem über St. Ives, mit Gedanken an Virginia Woolf. Er war neugierig auf Cornwall, hatte manches darüber gelesen, Fotos gesehen, und Anna hatte begeistert davon erzählt."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.99

"Die Wahrheit ist, daß ich gern im Zug sitze und aus dem Fenster sehe, meine Phantasie in Gang kommen lasse und allerlei Pläne mache. Das einzige, was mich bisher daran gestört hat, war die Zumutung, irgendwo aussteigen zu müssen, weil die Fahrt zu Ende war. Aus diesem Grund kaufte ich mir eine Netzkarte. So etwas könnte ich sicherlich gerade einer Freundin nicht ohne weiteres begreiflich machen. Wie gut, daß ich keine habe - schon das Erklärenmüssen behindert eine Reise. Die Freiheit soll es sein und keine Fessel, kein Joch - niemals!
aus: Sten Nadolny "Netzkarte", S.11

"Der Bahn zeigen die Städte und Dörfer ihr altes und hübsches Gesicht, der Straße dagegen alles, was neu ist. Und die Reklame."
aus: Sten Nadolny "Netzkarte", S.20

"Ich brauche überhaupt nicht nachzudenken, ich habe es nicht nötig. Augen und Ohren genügen. Ich kann mich dem Zufall anvertrauen und in unregelmäßigen Abständen je nach Lust den Zug verlassen, um einen anderen zu nehmen, der als nächster aus dem Bahnhof fährt. Wartezeiten nutze ich, um mich in den Städten und Dörfern umzusehen"
aus: Sten Nadolny "Netzkarte", S.22

"Im Zeitraum 1973 - 1982 lassen sich bei der Wahl der Reiseverkehrsmittel (bei Alleinreisenden, Anm.d.Verf.) folgende Trends beobachten:
- Bedeutungsverlust der Bahn (von 50,9% auf 36,1%)
- Bedeutungsgewinn des PKWs (von 25,0% auf 31,6%)
aus: Steinecke & Klemm (1985) "Allein im Urlaub", S.51

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Im Reisegepäck habe ich neben den üblichen Reiseutensilien meinen neuen WALKMAN und das Buch von SCHIMMANG. NADOLNY's "Netzkarte" war zwar schon erschienen, aber ich kannte es noch nicht. Im Gegensatz zu Ole Reuter habe ich mit Cornwall ein Reiseziel. Der Ablauf der Reise ist jedoch nicht generalstabsmäßig durchgeplant, sondern ich möchte die genaue Reiseroute auch von den Gegebenheiten vor Ort abhängig machen.
      In der Stadtbücherei habe ich mir ein Jugendherbergsverzeichnis ausgeliehen und mußte feststellen, daß es nur 3 oder 4 Jugendherbergen gibt, die für mich in Frage kommen. Der Rest liegt abseits der Bahnlinie. Am Ende der Hauptstrecke liegt Penzance und damit steht das erste Reiseziel fest. Von dort aus möchte ich den westlichsten Zipfel von Cornwall erkunden.

Exkurs: Die Alleinreisenden

I. Wer sind die Alleinreisenden?

Jülich, die Hauptfigur in SCHIMMANGs Roman und Ole Reuter, der Protagonist bei NADOLNY sind Singles, ersterer versucht auf seiner Reise nach Cornwall eine unglückliche Liebesbeziehung zu vergessen, und letzterer hat es auf Eroberungen (neudeutsch: Affären) abgesehen, aber Alleinreisende müssen keine Partnerlose (Singles) sein.
      STEINECKE & KLEMM (1985) unterscheiden zwischen alleinlebenden und nicht-alleinlebenden Alleinreisenden. Bei der letzten Gruppe nennen die Autoren berufsbedingte (z.B. Doppelverdiener, Diskrepanzen zwischen Schul- und Betriebsferien) oder partnerbedingte (z.B. Krise in der Partnerschaft, Emanzipationsversuche) Gründe für das Alleinreisen. Es dominieren zwar ältere Alleinreisende (vorwiegend verwitwete Frauen), aber der größte Zuwachs ist bei den jüngeren Alleinreisenden zu verzeichnen. Während STEINECKE & KLEMM (1985) für die Jahre 1973 bis 1982 eine starke Zunahme von jüngeren Männern feststellten, liegt das Hauptaugenmerk der neueren Medienberichte auf den (jüngeren) alleinreisenden Frauen.

II. Wann und wie reisen sie?

Die Monate Juli und August waren bei den Alleinreisenden in den 70er und Anfang der 80er Jahre die beliebtesten Reisemonate, obwohl sie meist auch auf die Nebensaison hätten ausweichen können:

"Die Hauptsaison wird von den Alleinreisenden bewußt gewählt, um die typische Athmosphäre vieler Fremdenverkehrsorte (Geselligkeit, Betrieb, Hektik) zu erleben. In dieser Umgebung besteht die Wahlfreiheit, andere Menschen kennenzulernen oder sich problemlos allein in der Masse der Urlauber zu bewegen. Während der übrigen Zeit des Jahres fehlt diese Atmosphäre"(STEINECKE & KLEMM 1985, S.51).

In den letzten Jahren geht der Trend jedoch zur Nutzung der Vor- und Nachsaison.
      Man kann zwischen Pauschal- und Individualreisenden unterscheiden. Für letztere stellt das Hotel häufig eine problematische Unterkunftsform dar (Einzelzimmerzuschlag, niedriges Leistungsniveau):

"In Hotels besteht außerdem kaum die Möglichkeit, mit anderen Urlaubern in Kontakt zu kommen. Der Gefahr einer Isolation begegnen zahlreiche Individualreisende (auch mittleren Alters), indem sie völlig andersartige Unterkünfte aufsuchen, die zwar nur einen niedrigen Ausstattungsstandard, dafür aber gute Kontaktmöglichkeiten bietet" (STEINECKE & KLEMM 1985, S.53f)

Damit sind vor allem Jugendherbergen gemeint.
      In den letzten Jahren hat sich zwar die Situation für Alleinreisende verbessert, da es vermehrte Angebote von Reiseunternehmen gibt, die sich auf Singles spezialisiert haben. Individualreisende haben jedoch weiterhin mit Diskriminierungen zu rechnen.

III. Vor- und Nachteile des Alleinreisens

STEINECKE & KLEMM (1985) unterscheiden 3 Erfahrungstypen, die zum positiven Erleben beitragen:

1) Alleinreisen als bewußte Form des Alleinseins
2) Selbstbestimmung der sozialen Kontakte
3) Selbstbestätigung und Leistungsbeweis

Das Alleinreisen bietet die Möglichkeit die Umwelt ohne Ablenkungen bewußter wahrzunehmen. Es ist einfacher mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen und die Meisterung schwieriger Situation stärkt das Selbstbewußtsein des Alleinreisenden.

Das Alleinreisen kann jedoch auch als Streß erlebt werden, wenn das Alleinsein in fremdartigen Situationen überfordert und sich Kommunikationsmöglichkeiten nicht im gewünschten Maße ergeben. Bei alleinreisenden Frauen kommen eingeschränkte Handlungsfreiheiten hinzu.      

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Exkurs: Der Eurotunnel

"Calais ist eine beeindruckende Stadt. Gewöhnlich gibt es in einer Provinzstadt dieser Größe ein historisches Zentrum, Fußgängerzonen, die sich am Samstag nachmittag beleben, usw. In Calais findet man nichts von alldem. Die Stadt wurde während des Zweiten Weltkriegs zu 95 % zerstört. Und in den Straßen ist am Samstag nachmittag niemand zu sehen. Man läuft an verlassenen Gebäuden, an riesigen leeren Parkplätzen entlang (es handelt sich mit Sicherheit um die Stadt in Frankreich, in der das Parken am leichtesten ist).
....
Der Ort, an dem man am Sonntag nachmittag spazierengeht, ist der Eingang zum Tunnel unter dem Ärmelkanal. Hinter den Zäunen sehen die Leute - meist mit Familie, mitunter mit Kinderwagen - den Eurostar vorbeifahren. Mit der Hand geben sie dem Zugführer ein Zeichen, der ihnen hupend antwortet, bevor das Meer ihn verschluckt."
aus: Michel Houellebecq (1999) "Die Welt als Supermarkt", S.87

Wer heutzutage mit dem Zug nach London reist, der wird nicht über Ostende die Fähre nehmen, sondern mit dem Eurostar fahren.
      
Ich wollte spaßeshalber wissen, ob es noch möglich ist, auf meiner damaligen Strecke nach London zu kommen. Es ist möglich, aber man benötigt sehr viel mehr Zeit.
      
Der Non-Stop "boat train" ist zum Bummelzug geworden und der Kontinentaleuropäer kommt nicht mehr in Victoria Station, sondern in Waterloo Station an.
      
Die Kapitel "Von Ostende nach Dover" und "London - ein Zwischenspiel" sind deshalb eher etwas für Nostalgiker...

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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dem 04.Juni.2000