"Belgien,
ein kleines Land mitten in Westeuropa, etwa eine Stunde
von zu Hause entfernt, durchfuhr er bei Regen und
schlechter Sicht. Er wußte nichts Bestimmtes über das
Land. Das war für ihn eine Sammlung von Gerüchten.
Brüssel sei eine autogerechte Stadt, und man könne dort
sehr gut, wenn auch teuer essen. In Lüttich gebe es
einen Flohmarkt, der sich lohne. Die Häuser seien
deshalb oft so schmal, weil sie nach der Breite besteuert
würden. In Teilen des Landes werde gutes Geld gemacht,
aber die Borinage sei beinahe ein Elendsgebiet. Schneller
als 120 dürfe man auf der Autobahn nicht fahren, und
gern kassierten die Belgier Ausländer ab, die dieses
Gebot überträten. Eigentlich gäbe es Belgien gar
nicht, sondern nur Brüssel, Flandern und die Wallonie. |
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| Am späten Abend ist der
Zug in Heidelberg abgefahren und erreicht frühmorgens
Belgien. Die bäuerlich geprägte Landschaft liegt unter
morgendlichem Nebel, der ihr eine HAMILTON-Athmosphäre
verleiht. Vor Lüttich steht die Sonne als dunkelroter
Ball am Himmel und verstärkt die romantische Stimmung
noch. Mein Nachbar, der in Aachen zugestiegen ist,
schwärmt vom Lütticher Flohmarkt und erzählt mir, daß
in Belgien nachts die Autobahnen mit Straßenlaternen
beleuchtet werden. Welch eine Energieverschwendung, kommt
es mir in den Sinn. "Belgier fahren mit Standlicht,
damit die Autobatterie geschont wird". Kaum zu
glauben, daß dies stimmt. Ich sollte mir den TATORT
"Kressin und der Laster nach Lüttich" nochmals
anschauen und dann auf die Beleuchtung der Fahrzeuge
achten. Mein Nachbar möchte Schottland erwandern. In seinem Rucksack hat er Büchsennahrung für zwei Wochen dabei. Ob es in Schottland nichts zu kaufen gibt? Mir wäre das zuviel Ballast. Bei der Paßabfertigung kommt er dann bereits ins Schwitzen. |
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| "Endlich
begann die Einschiffung; zuerst wurden die Wagen mit
Reservierung, dann die aus der Warteschlange ins Schiff
eingewiesen. Jülich ging sofort nach oben ins
Selbstbedienungsrestaurant, holte sich ein erbärmlich
schlechtes Essen und trank ein Ale dazu, das viel zu warm
war. Später setzte er sich auf eine Bank am Fenster und wartete auf die leichte Übelkeit, die ihn bei Seereisen oft überfiel, ohne daß er je wirklich seekrank wurde. Diesmal gab es nicht das geringste Leiden von Übelkeit, und das Warten wurde ihm bald zu langweilig wie die offene See jenseits des Fensters. Er begann zu lesen." aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.77f. |
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| Ostende erreichen wir mit 20 minütiger Verspätung. Ich muß den Zug verlassen und mir einen Platz auf der Fähre suchen. Bei der Abfahrt kann ich die großstädtische Skyline von Ostende bewundern. Der Dunst verwischt die Farbunterschiede von Wasser und Skyline zu einem monochromen Grau. |
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| Das Schaukeln des Schiffes auf den Wellen hinterläßt bei mir ein Gefühl des Unwohlseins. Es reicht nicht zum Brechreiz, sondern nur zu einem flauen Gefühl, das mich an die täglichen Busfahrten als Jugendlicher erinnert. Da ich am Abend gut gegessen hatte, habe ich mir über Reiseproviant nicht viel Gedanken gemacht. Wenn der Magen etwas zu verdauen hätte, ginge es mir jetzt vielleicht besser. |
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| "Er
fühlte sich hilflos. Es gab nichts zu tun auf dieser
Fähre, es war nicht wie Autofahren. Die Passagiere
wurden befördert, und was sie in der Zeit ihrer
Beförderung taten, blieb ihnen überlassen. Essen,
lesen, vielleicht schlafen. Der Zugang zum Oberdeck blieb
ihm versperrt; nicht einmal die Seeluft stand den
Passagieren zur Verfügung." aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.78f. |
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Bald sind wir auf offener See. Eine Mövenschar begleitet das Schiff über den Kanal. Ich sitze auf meinem Rucksack, an die Reeling gelehnt und spüre den frischen Wind und die Sonne auf meiner Haut. Nach einer Weile strecke ich mich doch lieber auf dem Deck aus und höre FLEETWOOD MAC und NEIL YOUNG aus meinem Walkman. Bald darauf löst sich das flaue Gefühl auf; je näher das Schiff sich der Insel nähert, desto schlechter wird das Wetter. Die "white cliffs of Dover" sind kaum zu erkennen, als das Schiff in den Hafen einläuft. |
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| © 2000-2002 Bernd Kittlaus |
Bernds@single-dasein.de | Erstellt: 04. Juni 2000 Update: 29. Januar 2002 |
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