1. Tag

Über Ostende und Dover nach London

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"Belgien, ein kleines Land mitten in Westeuropa, etwa eine Stunde von zu Hause entfernt, durchfuhr er bei Regen und schlechter Sicht. Er wußte nichts Bestimmtes über das Land. Das war für ihn eine Sammlung von Gerüchten. Brüssel sei eine autogerechte Stadt, und man könne dort sehr gut, wenn auch teuer essen. In Lüttich gebe es einen Flohmarkt, der sich lohne. Die Häuser seien deshalb oft so schmal, weil sie nach der Breite besteuert würden. In Teilen des Landes werde gutes Geld gemacht, aber die Borinage sei beinahe ein Elendsgebiet. Schneller als 120 dürfe man auf der Autobahn nicht fahren, und gern kassierten die Belgier Ausländer ab, die dieses Gebot überträten. Eigentlich gäbe es Belgien gar nicht, sondern nur Brüssel, Flandern und die Wallonie.
Abseits der Gerüchte war Belgien für Jülich eine gelb erleuchtete nasse Autobahn, auf der er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt. Alle fuhren mit Licht."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.74
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"Hinter Brüssel änderte sich das Licht: Der Regen nahm ab, erstarb ganz; dann brach die Sonne durch. Die Autobahn wurde zusehens leerer. Jülich jagte dahin, hatte sein Hinterrad längst vergessen. Ein starker Wind ging, rechts und links lagen Weiden. Ihn irritierte, daß er keine Kühe sah. Der Wind zerrte kleine weiße Wolken am Himmel hin- und her, und Jülich fuhr auf Ostende zu."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.76

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Am späten Abend ist der Zug in Heidelberg abgefahren und erreicht frühmorgens Belgien. Die bäuerlich geprägte Landschaft liegt unter morgendlichem Nebel, der ihr eine HAMILTON-Athmosphäre verleiht. Vor Lüttich steht die Sonne als dunkelroter Ball am Himmel und verstärkt die romantische Stimmung noch. Mein Nachbar, der in Aachen zugestiegen ist, schwärmt vom Lütticher Flohmarkt und erzählt mir, daß in Belgien nachts die Autobahnen mit Straßenlaternen beleuchtet werden. Welch eine Energieverschwendung, kommt es mir in den Sinn. "Belgier fahren mit Standlicht, damit die Autobatterie geschont wird". Kaum zu glauben, daß dies stimmt. Ich sollte mir den TATORT "Kressin und der Laster nach Lüttich" nochmals anschauen und dann auf die Beleuchtung der Fahrzeuge achten.
Mein Nachbar möchte Schottland erwandern. In seinem Rucksack hat er Büchsennahrung für zwei Wochen dabei. Ob es in Schottland nichts zu kaufen gibt? Mir wäre das zuviel Ballast. Bei der Paßabfertigung kommt er dann bereits ins Schwitzen.

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"Endlich begann die Einschiffung; zuerst wurden die Wagen mit Reservierung, dann die aus der Warteschlange ins Schiff eingewiesen. Jülich ging sofort nach oben ins Selbstbedienungsrestaurant, holte sich ein erbärmlich schlechtes Essen und trank ein Ale dazu, das viel zu warm war.
Später setzte er sich auf eine Bank am Fenster und wartete auf die leichte Übelkeit, die ihn bei Seereisen oft überfiel, ohne daß er je wirklich seekrank wurde. Diesmal gab es nicht das geringste Leiden von Übelkeit, und das Warten wurde ihm bald zu langweilig wie die offene See jenseits des Fensters. Er begann zu lesen."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.77f.

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Ostende erreichen wir mit 20 minütiger Verspätung. Ich muß den Zug verlassen und mir einen Platz auf der Fähre suchen. Bei der Abfahrt kann ich die großstädtische Skyline von Ostende bewundern. Der Dunst verwischt die Farbunterschiede von Wasser und Skyline zu einem monochromen Grau.
Hafeneinfahrt von Ostende
Das Schaukeln des Schiffes auf den Wellen hinterläßt bei mir ein Gefühl des Unwohlseins. Es reicht nicht zum Brechreiz, sondern nur zu einem flauen Gefühl, das mich an die täglichen Busfahrten als Jugendlicher erinnert. Da ich am Abend gut gegessen hatte, habe ich mir über Reiseproviant nicht viel Gedanken gemacht. Wenn der Magen etwas zu verdauen hätte, ginge es mir jetzt vielleicht besser.

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"Er fühlte sich hilflos. Es gab nichts zu tun auf dieser Fähre, es war nicht wie Autofahren. Die Passagiere wurden befördert, und was sie in der Zeit ihrer Beförderung taten, blieb ihnen überlassen. Essen, lesen, vielleicht schlafen. Der Zugang zum Oberdeck blieb ihm versperrt; nicht einmal die Seeluft stand den Passagieren zur Verfügung."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.78f.

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Bald sind wir auf offener See. Eine Mövenschar begleitet das Schiff über den Kanal. Ich sitze auf meinem Rucksack, an die Reeling gelehnt und spüre den frischen Wind und die Sonne auf meiner Haut. Nach einer Weile strecke ich mich doch lieber auf dem Deck aus und höre FLEETWOOD MAC und NEIL YOUNG aus meinem Walkman. Bald darauf löst sich das flaue Gefühl auf; je näher das Schiff sich der Insel nähert, desto schlechter wird das Wetter. Die "white cliffs of Dover" sind kaum zu erkennen, als das Schiff in den Hafen einläuft.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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dem 04.Juni.2000