London ist
ein Ärgernis. Ich komme am Victoria Station an und mein
Zug nach Penzance fährt in Paddington Station ab. Die
Strecke überwindet man am besten mit der U-Bahn
("tube"), wenn man sich nicht den Luxus eines
der vielen Taxis leisten kann.
Für die
Subway benötige ich vier 10-Pence-Stücke, sonst muß
ich mich in eine lange Schlange einreihen und bekomme
womöglich nur ein überteuertes Ticket. Da ich durstig
bin, kaufe ich einen Orange Juice, um die ersehnten
Geldstücke zu bekommen. Ich habe Pech. Ich versuche der
Verkäuferin verständlich zu machen, daß ich
10-Pence-Stücke benötige. Sie deutet jedoch nur stumm
auf ein Schild, auf dem steht, daß es verboten sei,
Münzen zu wechseln. Also versuche ich mein Glück
außerhalb des Bahnhofs. Bei WIMPY's habe ich mehr
Erfolg. Ich mußte jedoch einen Hamburger erstehen, aber
Hunger habe ich sowieso. Den 10:25 Uhr-Zug von Paddington
nach Penzance werde ich locker erreichen.
In Paddington
erlebe ich, was es mit dem queueing
auf sich hat. Zuerst muß ich mir an einem Kiosk eine
kostenlose Platzkarte besorgen. Die Reisenden stehen in
Reih und Glied hinter Schildern mit Zugnummern. Ich suche
meinen Zug. Die Schlange ist bereits 20 - 30 Meter lang
und so entschließe ich mich die Zeit sinnvoller zu
nutzen und kaufe mir noch einen Hamburger, den ich gleich
esse. Als ich wiederkomme, stehen die Leute immer noch in
Reih und Glied, diesmal jedoch auf dem Bahnsteig, an dem
der Zug ankommt. Ein Kontrolleur überprüft die
Fahrkarte, während ein weiterer Bediensteter Personen
ohne Karte zurückschickt. Ich erinnere mich an einen
Brief von einer Freundin, die vor Jahren als Au Pair in
der Nähe von London gearbeitet hatte: "In London
wäre ich beinahe aus den Socken gekippt, als ich eine
mindestens 3 km lange Schlange Menschen vor einem Theater
sehe. Das ist ungelogen und nicht übertrieben. Im
Geschäft, in der Post, an der U-Bahn, im Kino - überall
'queueing'". Da habe ich heute ja noch
ausgesprochenes Glück. Nichtsdestotrotz, 3 km scheint
mir dennoch übertrieben. Ich erinnere mich an meinen
ersten Londonaufenthalt. Damals standen die Kronjuwelen
auf dem Programm, aber für den Eintrittspreis auch noch
stundenlang Schlange stehen, das empfand ich damals
übertrieben und so weiß ich heute noch nicht, wie die
Kronjuwelen aussehen.
Ich setze
mich lieber auf eine Bank im Bahnhof, stülpe mir einen
Kopfhörer über und schalte meinen Walkman ein. Es ist
ein irres Gefühl, wenn die typischen Geräusche eines
Bahnhofs in der Musik untergehen. Auge und Ohr erleben
verschiedene Welten. Bei DAVID BOWIEs SPACE ODDITY
bekommt das Sichtbare eine neue Dimension.
Ground
Control to Major Tom.Take your protein pills and put
your helmet on
...Ten...
Leute
hasten lautlos vorbei.
...Nine...
Ground
Control to Major Tom
...Eight...Seven...
Das
Geräusch laufender Diesellokmotoren wird leiser.
...Six...
Commencing
countdown,
...Five...Four...
engines
on
...Three...Two.
Das
Rumpeln vorbeirollender Elektrokarren muß sich im
Kopf abspielen.
Check
ignition
...One...Liftoff...
and
may God's love be with you.
Die
Durchsagen des Bahnhofslautsprechers bleiben
unerhört.
This
is Ground Control to Major Tom. You've really made
the grade.
Keine
Gesprächsfetzen sind zu hören.
Now
it's time to leave the capsule if you dare.
Ein
Bahnbediensteter führt seine Pfeife zum Mund, die
Backen plustern sich auf, aber kein Pfiff dringt zu
mir durch.
This
is Major Tom to Ground Control. I'm stepping through
the door. And I'm floating in a most peculiar way.
Kraftfahrzeuge
fahren mitten durch die Bahnhofshalle
...And
the stars look very different today...
und
verpesten die Luft mit ihren Abgasen. Bahnhöfe sind
eben nicht zum Verweilen eingerichtet.
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