London - ein Zwischenspiel

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"Irgendwo fing London an, den genauen Punkt  konnte Jülich nicht benennen. Die Route hatte er vorher nicht ausgearbeitet, obwohl er einen Londoner Straßenatlas dabei und auf der Fähre genug Zeit gehabt hatte. Seit einer Viertelstunde war er nun in London, war sicher schon den ersten Umweg gefahren; es machte ihm nichts aus. Er fühlte sich schon angekommen, ruhiger als auf der Fahrt, sah nicht mehr nur auf die Richtung, sondern auch auf die Stadt. Neger an den Bushaltestellen. Restaurants, fully licensed, und alle pubs waren noch hell erleuchtet, owohl es schon deutlich nach elf war. Schließlich gab er das Fahren auf Verdacht auf und parkte den Wagen vor Victoria Station, um anzurufen. Erst an einer Normaluhr sah er, warum die pubs noch hell erleuchtet waren. Offenkundig hatte er eine Stunde gewonnen: es war einfach eine Stunde früher als auf dem Kontinent."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.83f.

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London ist ein Ärgernis. Ich komme am Victoria Station an und mein Zug nach Penzance fährt in Paddington Station ab. Die Strecke überwindet man am besten mit der U-Bahn ("tube"), wenn man sich nicht den Luxus eines der vielen Taxis leisten kann.
      Für die Subway benötige ich vier 10-Pence-Stücke, sonst muß ich mich in eine lange Schlange einreihen und bekomme womöglich nur ein überteuertes Ticket. Da ich durstig bin, kaufe ich einen Orange Juice, um die ersehnten Geldstücke zu bekommen. Ich habe Pech. Ich versuche der Verkäuferin verständlich zu machen, daß ich 10-Pence-Stücke benötige. Sie deutet jedoch nur stumm auf ein Schild, auf dem steht, daß es verboten sei, Münzen zu wechseln. Also versuche ich mein Glück außerhalb des Bahnhofs. Bei WIMPY's habe ich mehr Erfolg. Ich mußte jedoch einen Hamburger erstehen, aber Hunger habe ich sowieso. Den 10:25 Uhr-Zug von Paddington nach Penzance werde ich locker erreichen.
      In Paddington erlebe ich, was es mit dem queueing auf sich hat. Zuerst muß ich mir an einem Kiosk eine kostenlose Platzkarte besorgen. Die Reisenden stehen in Reih und Glied hinter Schildern mit Zugnummern. Ich suche meinen Zug. Die Schlange ist bereits 20 - 30 Meter lang und so entschließe ich mich die Zeit sinnvoller zu nutzen und kaufe mir noch einen Hamburger, den ich gleich esse. Als ich wiederkomme, stehen die Leute immer noch in Reih und Glied, diesmal jedoch auf dem Bahnsteig, an dem der Zug ankommt. Ein Kontrolleur überprüft die Fahrkarte, während ein weiterer Bediensteter Personen ohne Karte zurückschickt. Ich erinnere mich an einen Brief von einer Freundin, die vor Jahren als Au Pair in der Nähe von London gearbeitet hatte: "In London wäre ich beinahe aus den Socken gekippt, als ich eine mindestens 3 km lange Schlange Menschen vor einem Theater sehe. Das ist ungelogen und nicht übertrieben. Im Geschäft, in der Post, an der U-Bahn, im Kino - überall 'queueing'". Da habe ich heute ja noch ausgesprochenes Glück. Nichtsdestotrotz, 3 km scheint mir dennoch übertrieben. Ich erinnere mich an meinen ersten Londonaufenthalt. Damals standen die Kronjuwelen auf dem Programm, aber für den Eintrittspreis auch noch stundenlang Schlange stehen, das empfand ich damals übertrieben und so weiß ich heute noch nicht, wie die Kronjuwelen aussehen.
      Ich setze mich lieber auf eine Bank im Bahnhof, stülpe mir einen Kopfhörer über und schalte meinen Walkman ein. Es ist ein irres Gefühl, wenn die typischen Geräusche eines Bahnhofs in der Musik untergehen. Auge und Ohr erleben verschiedene Welten. Bei DAVID BOWIEs SPACE ODDITY bekommt das Sichtbare eine neue Dimension.

      Ground Control to Major Tom.Take your protein pills and put your helmet on
      ...Ten...
      Leute hasten lautlos vorbei.

      ...Nine...
      Ground Control to Major Tom
      ...Eight...Seven...
      Das Geräusch laufender Diesellokmotoren wird leiser.

      ...Six...
      Commencing countdown,
      ...Five...Four...
      engines on
      ...Three...Two.
      Das Rumpeln vorbeirollender Elektrokarren muß sich im Kopf abspielen.

      Check ignition
      ...One...Liftoff...
      and may God's love be with you.
      Die Durchsagen des Bahnhofslautsprechers bleiben unerhört.

      This is Ground Control to Major Tom. You've really made the grade.
      Keine Gesprächsfetzen sind zu hören.

      Now it's time to leave the capsule if you dare.
      Ein Bahnbediensteter führt seine Pfeife zum Mund, die Backen plustern sich auf, aber kein Pfiff dringt zu mir durch.

      This is Major Tom to Ground Control. I'm stepping through the door. And I'm floating in a most peculiar way.
      Kraftfahrzeuge fahren mitten durch die Bahnhofshalle

      ...And the stars look very different today...
      und verpesten die Luft mit ihren Abgasen. Bahnhöfe sind eben nicht zum Verweilen eingerichtet.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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