Von London nach Penzance

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"Kaum zehn Minuten saß Jülich im Auto, als schon sein dünnes Hemd durchgeschwitzt und die Oberschenkel naß waren. Er hatte das linke Seitenfenster heruntergelassen, um etwas Kühlung zu haben, aber nur die Abgase der LKWs vor und hinter ihm drangen ins Innere des Wagens. Es ging langsam vorwärts, zehn Uhr morgens, alle Ferntransporte in den Westen schienen zur gleichen Zeit aufzubrechen. Über West Kensington, Hammersmith, schließlich Hounslow, in einiger Entfernung an Heathrow Airport vorbei, ging es zusehens schneller nach Westen auf die Autobahn nach Bristol. Die Schätzungen, wie lange er bis Cornwall brauchen werde, waren sehr unterschiedlich gewesen. Sechs Stunden, hatte der Schauspieler geschätzt; Alan hatte gesagt: drei. Jülich war es gleichgültig, er war froh, unterwegs zu sein. Hier draußen an den Rändern nahm die Bebauung durch Hochhäuser zu; trotzdem hatte Jülich das Gefühl, weiter sehen zu können als im Innern der Stadt. Auf dem Motorway, wo er schneller fahren konnte, bei immer noch leicht geöffnetem Seitenfenster, wurde es kühler. An den Ausfahrten versuchte er, sich die Ortsnamen zu merken wie bei seinen Fahrten in Deutschland, hatte sie aber meist nach ein paar Meilen vergessen. Der Himmel war uneingeschränkt blau: der richtige Tag, um aus der Enge des Londoner flats ans Meer zu fahren."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.100

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Mein Zug ist ein Intercity. Die Wagen werden zwar von einer Diesellok angetrieben, aber mit einer deutschen Diesellok wie sie z.B. auf der Strecke nach Westerland verkehrt, hat dieser moderne Zug nichts zu tun.
Ich kann von Glück sagen, daß ich eine Platzkarte habe. Auf den nachfolgenden Bahnhöfen gibt es Kämpfe um die wenigen freien Plätze. Andererseits kann ich mir aber auch meine Platzgenossen nicht aussuchen. Mir gegenüber sitzt eine Mutter mit zwei Kindern. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Frau, die so um die 30 sein dürfte. Sie hat eine Geige im Gepäck, an dem sich ein Lufthansa-Aufkleber befindet. Sie lächelt mich ein paar Mal an. Wohl, weil ich meist mit geschlossenen Augen dasitze und mir dann nach einiger Zeit der Kopf nach vorne fällt und ich davon wieder wach werde. Sie schreibt Tagebuch. Ob sie auch etwas über mich schreibt?
Der Zug fährt mittlerweile an saftiggrünen Wiesen und heckenumzäunten Wegen vorbei. Ab und zu kann man einstöckige, rietgedeckte Häuser sehen. Sie sind entweder verputzt oder der Granit ist noch sichtbar. Die Kirchen besitzen Türme, die mit einem geländerumrandeten Flachdach abrupt enden. Im Südosten überwogen Häuser aus grauen oder roten Backsteinen, die meist zwei- oder dreistöckig waren und immer kleine Ansiedelungen bildeten. Der morgendliche Nebel hat sich in der Zwischenzeit verzogen, aber der Himmel ist noch wolkenverhangen düster.
Dann erreicht der Zug Plymouth. Endlos erscheinende Häuserreihen ziehen sich hügelauf und -ab dahin und bilden monton, nebeneinander verlaufende Straßenschluchten. Über die Flußmündung führen zwei große Stahlhängebrücken und vor der Hafeneinfahrt liegt ein martialisches Kriegsschiff.

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"Hinter Exeter gewann Jülich die Autobahn wieder, eine Schnellstraße wenigstens. Die Landschaft verlor ihre Niedlichkeit, wurde schroffer und kahler. Irgendwo begann die Grafschaft Cornwall, sauber markiert durch ein entsprechendes Schild. Er sah zuerst Wolkenstreifen am Himmel, dann war die Sonne ganz verschwunden, er fuhr in Nebelfelder hinein, mußte das Licht einschalten, kurbelte das Seitenfenster hoch. Das reichte nicht lange hin, die Nebelfelder verdichteten sich, die Kälte drang durch die geschlossenen Fenster und Jülich fuhr auf einen Parkplatz, um sich einen Pullover und eine Steppjacke überzuziehen. Der Parkplatz war gut besucht, dem Wetter zum Trotz waren viele Familien auf dem Weg in den Westen: eine Art kollektiver Sehnsucht schien das zu sein. Gleich änderten sich auch die Namen: Bodmin, Truro und Redruth waren angezeigt, und einmal fuhr er mitten durch Blackwater."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.102f.

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Als sich der Zug Cornwall nähert, bricht der Himmel auf. Um 15 Uhr sind wir in Redruth/Cornwall. Das Wetter ist nicht mehr wieder zu erkennen. Es ist kaum noch eine Wolke am Himmel zu sehen. Die Klimaanlage des Zuges verhindert jedoch, daß ich den Sonnenschein auch mit meinen restlichen Sinnen wahrnehmen kann. Ab und zu erblicke ich verfallene und vom Grün überwucherte Zinnbergwerke. Bis zur Endstation sind es noch fast 1 1/2 Stunden. Die Landschaft ist karger und hügeliger geworden. Drachenflieger schweben ab und zu die Hänge herunter und am Bahndamm entlang wächst Heidekraut und Farn.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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