4. Tag

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Beim morgendlichen Geldwechseln auf der Bank mache ich die Bekanntschaft einer jungen Frau aus dem Sauerland.
      Wir gehen zusammen ins BEAUX PEEP in der Queenstreet, um einen Cream Tea zu trinken. In der Teestube, die gleichzeitig eine Galerie ist, herrscht eine gediegene Athmosphäre. Es dominieren weiße und himmelblaue Töne und aus den Lautsprechern kommt dezente Klaviermusik. An den Wänden hängen die käuflichen Ölgemälden, die man so vor dem Erwerb eingehend und unverbindlich betrachten kann.
      Meine Begleiterin wohnt bereits seit einer Woche in einem Gästehaus in der Alexandra Road. Wenn sie in einer fremden Stadt ankommt, geht sie zuerst ins Tourist Office, wo sie sich ein Zimmer vermitteln läßt. Vorher wohnte sie in Plymouth, das ihr gut gefiel. Vom Zug aus sah die Stadt zwar wenig interessant aus, aber Außenbezirke sind meist nicht besonders schön. Morgen will sie nach St. Ives weiterreisen. Den dortigen Badestrand hat sie bereits inspiziert. Sie liegt gerne am Strand: heute hier und morgen dort.
      Sie wäre sicher noch länger mit mir zusammengeblieben, wenn ich nicht bereits meinen Tag fest verplant hätte. Als Alleinreisende ist sie immer auf der Suche nach Anschluß, während ich mich auf das Alleinsein eingestellt habe. Würde ich sie unverhofft in St. Ives wiedersehen, dann könnte ich mich wohl schon eher auf ein Zusammensein einlassen.
      Ich habe jedoch einen guten Tip für das Abendessen bekommen: das MEADARY in der Hafengegend. Schummrige Kerzenbeleuchtung, Bedienungen in altertümlich langen Gewändern und beim Essen muß man ohne Besteck auskommen.

Die Umgebung von Penzance: Von Porthcurno nach Larmona Valley

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Ich fahre mit dem Bus nach Porthcurno und höre dabei Musik von NEIL YOUNG und WISHBONE ASH, die wundervoll zur Landschaft paßt.
      Bereits in Newlyn gibt es für den Busfahrer eine heikle Situation, weil er an einer engen Stelle an einem Lastwagen vorbei muß. Danach geht es weiter über enge Straßen. Zeitweise tuckelt der Bus hinter einer Kuhherde her, die ihre Vorfahrt genießt. Die Kirchtürme wirken mit ihren Zinnen mehr wie Burgtürme.
      Den Ort Porthcurno lasse ich links liegen und suche mir stattdessen einen Felsen, der vor Sonneneinstrahlung geschützt ist. Rechts über mir liegt das Minack-Theatre und unter mir, der samstäglich überfüllte Strand von Porthcurno.

Badebucht bei Porthcurno
Der Strand von Porthgwarra ist nur 1 Kilometer von hier entfernt, aber das Bild dürfte das gleiche sein. Ich wage mich anschließend bis zu den Knien ins Wasser, das ich mit der Zeit gar nicht mehr so kalt empfinde - es kommt mir eher angenehm kühl vor. Ich verweile dennoch nicht lange, habe ich mir doch eine Küstenwanderung zum Larmona Valley - 6 Meilen entfernt - vorgenommen.
      Gegen Mittag befinde ich mich mitten in der Wildnis der cornischen Küste, an die mich der "North Coast Path" geführt hat. Zeitweise hätte ich ein Buschmesser gebrauchen können. Unter mir liegt eine kleine Bucht. Das Meer brandet an die Felsen. Das Wasser ist herrlich dunkelblau und die weißen Schaumkronen bilden einen schönen Kontrast dazu. Auf den letzten Kilometern sind mir nur zwei Leute entgegengekommen. Die Heide blüht violett, rosafarben, gelb oder weiß. Kein Geräusch deutet auf Zivilisation hin. Nur das Meer rauscht und der Wind weht.
      Danach geht es drei Stunden lang auf und ab, durch Wald, Heide und über Klippen. Als ich heute morgen aufbrach, schien die Sonne und ich habe deswegen mein Ölzeug in der Jugendherberge gelassen. Seit meiner Pause an der Bucht sind Regenwolken aufgezogen und seit einigen Minuten nieselt es.
      Die Suche nach dem Wishing Well in Lamorna gebe ich bald auf, weil ich den Bus nicht verpassen will. Ich trinke lieber einen heißen Tee, der hier noch urtümlich serviert wird: eine Kanne für die ziehenden Teeblätter, eine Kanne Wasser und eine Kanne Milch. Erschöpft und durchnässt wie ich bin, geniesse ich diese Tea-Time wie andere ein saftiges Steak. Auf der Rückfahrt lasse ich den Nieselregen hinter mir.

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"Nachmittags in Penzance ging er meist in den Morrab Gardens spazieren, dem Park seines ersten Abends, und später, am frühen Abend, auf der Promenade. In den Straßen um Morrab Gardens gab es einige Katzen, die ihn bald wiedererkannten und um seine Beine strichen. Katzen kamen aus allen Winkeln, hinter Hecken und halboffenen Türen hervor, lagen in den Fenstern oder schliefen vor den Häusern in der Sonne.
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.107

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In Penzance scheint bereits wieder die Sonne und ich streife durch die engen und verwinkelten Gassen um die "Victoria Place". Mir fallen zum ersten Mal die vielen Katzen auf, die sich hier herumtreiben.
      Ich setze mich auf eine Parkbank in Morrab Gardens und schaue den Hummeln zu, die von Blüte zu Blüte fliegen und mich in Ruhe lassen. Penzance wird mir abseits des Touristenrummels immer sympathischer.
      Das WATERSIDE MEADERY öffnet um 19 Uhr und ich bin bereits kurz vorher da. Trotzdem muß ich zum ersten Mal vor einem Restaurant Schlange stehen. Ich bestelle als Vorspeise geräucherte Makrele und Hähnchen mit Pommes als Hauptgericht. Dazu probiere ich einen Honigwein. Die Makrele ist ein Leckerbissen und das Hähnchen ist herrlich knusprig. Ich habe mich bereits auf ein Essen ohne Besteck eingestellt, aber dann bekomme ich wenigstens ein Messer für die Makrele. Von den altertümlichen Gewändern ist dagegen nichts zu sehen, aber die Beleuchtung ist wirklich schummrig. Der "Mead wine" paßt nicht so recht, was zu erwarten war, aber ich wollte ihn einfach probieren. Die Portionen sind reichlich und der Preis niedrig, kein Wunder also, daß die Leute immer noch Schlange stehen als ich das Restaurant verlasse und nebenan im Free House noch ein Bier trinke. Von meinem Platz aus habe ich einen schönen Blick auf den Hafen von Penzance. Morgen will ich weiterreisen. Mit Gepäck soll es von Land's End nach St. Just gehen.
      Zurück in der Jugendherberge will ich mir gleich den Ausweis zurückgeben lassen, weil ich frühmorgens los möchte. Um ein Duty komme ich jedoch nicht herum, der Frühstückstisch muß gerade gedeckt werden.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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