6. Tag

Die Umgebung von St. Just: Cape Cornwall - Botallack

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Nach dem Frühstück wandere ich zur Küste, wo ich diesmal zum Cape Cornwall laufe. Dabei habe ich schöne Ausblicke auf Sennen Cove und die umliegende Steilküste.
      Mein Ziel sind aber die cornischen Zinn- und Kupferminen in der Nähe von Botallack. Auf meiner Suche gerate ich unversehens in eine "Ghosttown". Zwischen den verfallenen Gebäuden leben noch ein paar Tiere. Ein Esel grast friedlich neben einem ausrangierten Betonmischer und schreckt auf, als ich so plötzlich bei ihm auftauche. Als er sich mir anschließen möchte, wird er durch eine Leine daran gehindert.
Maschinenhausruine im Tal Bald darauf entdecke ich auch verfallene Maschinenhäuser. Ich stelle mir vor, wie diese Gegend bei Nebel auf mich wirken würde. EDGAR ALLAN POE fällt mir ein, aber bildhaft vertrauter sind mir die Szenen aus den EDGAR WALLACE Krimis. Man weiß nie, welcher Bösewicht gleich vor einem steht. Mir verstellen plötzlich zwei Ziegen den Weg. Sie sind zwar angebunden, aber das einzige weiterführende Gatter liegt genau in ihrer Reichweite. Mit Schnelligkeit rette ich mich vor den gefräsigen Ziegen.
In der Verlassenheit und Stille dieser cornischen Landschaft entstehen schnell Gefühle der Einsamkeit, besonders wenn die Sonne nicht scheint oder Nebel die Düsterheit betont. Wie lange könnte ich einer solchen Stimmung widerstehen?
      Die Häuser in den englischen Küstenstädten sehen anders aus als bei uns. Sie sind meist aus grauen Granitsteinblöcken erbaut, die den Wetterverhältnissen trotzen können. Die Türen, Fenster, Rohre und Dachkandeln setzen dagegen verschiedenfarbige Akzente. Bei aneinandergereihten Häuserblocks ergibt sich dadurch ein überraschend buntes Bild.
Straßenzug in Penzance
In St. Just kommen die Farben jedoch nicht zur Geltung. Wenn bei diesem verschlafenen Nest die Sonne einmal weg ist, dann wirkt alles grau und düster. In Penzance kam mir das nie so vor. Allein die vielen Menschen lassen zumindest im Sommer düstere Stimmungen kaum zu. Wie es wohl wäre, den Winter in Cornwall zu verbringen?

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Exkurs

Hätte ich St. Just damals als Übernachtungsort gewählt, wenn ich Wolfgang HILDESHEIMERs "Zeiten in Cornwall" gekannt hätte und dessen Buch statt SCHIMMANGs "Das Ende der Berührbarkeit" auf der Reise dabei gehabt hätte?
      
Für HILDESHEIMER, der sich autofahrend vom Landesinnere näherte, war St. Just "the last town", während für mich, vom Meer her wandernd, St. Just "the first town" war. "The first and last town", so wird die westlichste Stadt Englands auch scherzhaft genannt.

"Ich sehe wieder ein Stück eigener Vergangenheit vor mir liegen, verstreut über die Ausläufer der letzten Hügel, bevor sie sich zum Meer senken, das immer noch nicht sichtbar ist: ein geordnetes schuckloses lebloses Arbeiterdorf: St. Just
      
St. Just ist trist. Angesichts dieser scheinbar toten Siedlung, wie sie mir jetzt von außen erscheint, entsinne ich mich der von Taffy genau an diesem Punkt gestellten Frage, ob ich hier wohnen möchte."
aus: Wolfgang Hildesheimer "Zeiten in Cornwall", S.74f

HILDESHEIMER hat St. Just aufgesucht, weil es ein Ort ist, der mit persönlichen Erinnerungen verbunden ist. Beim Anblick der Stadt wird die Vergangenheit lebendig und er hört erneut die an ihn gestellte Frage, ob er hier wohnen möchte.

"Ich fahre in St. Just ein, das Schild sagt: St. Just-in-Penwith. Die meisten Orte hier gibt es zwei- wenn nicht dreimal. Das andere St. Just heißt St. Just-in-Roseland und ist, dem Namen entsprechend, lieblicher als dieser Ort, den man kaum freiwillig betritt, den man allenfalls als Rastplatz in Kauf nimmt, als einen Punkt, um sich zu sammeln, bevor man ins Unbekannte aufbricht, in dem man Schlimmeres erwartet. Dennoch hat er den Reiz des Reizlosen, ist ein Kontrapunkt, Station auf einem Abweg, für den man sich entschieden hat, niemand würde einen hier vermuten."
aus: Wolfgang Hildesheimer "Zeiten in Cornwall", S.78

Im Bahnhof habe ich neulich einen Werbeslogan für Reiseliteratur gesehen, der sinngemäß hieß: Man sieht nur das, worüber man gelesen hat.
Lesen verhindert vielleicht so manche Erfahrung, weil man sich von den Eindrücken anderer leiten läßt und manche Orte gar nicht erst besucht. Oder man sucht gerade deshalb einen Ort auf, weil man die Erfahrungen anderer nachvollziehen möchte.

"Gegen Mittag stehe ich auf dem Holzfußboden des Pubs, in dem wir damals standen, es ist noch derselbe Boden, ich habe ein gutes Gedächtnis für Holz. Wir neun füllten beinah den Raum aus. Ich trinke Worthington Ale wie damals, aber nicht mehr so gern. Der Wirt ist neu, der von damals wäre heute ein alter Mann. Aber die Sicht aus dem Fenster ist dieselbe, nichts ist dazugekommen zu den beiden Läden, nur hat man den einen zum supermarket erhöht, das muß auf Kosten des anderen gegangen sein; daneben die Filiale der Barclays Bank, deren Direktor ich mir als Strafversetzten vorstelle, eine Art Expositus. Vor der Bank stehen zwei Frauen mit Einkaufstaschen, sie sehen aus wie Zwillinge, in unhörbarem Gespräch, sie trennen sich, die eine geht gegen den Wind, sie hat es schwerer als die andere, die mit ihm geht. Das Blickfeld ist leer von Figuren."
aus: Wolfgang Hildesheimer "Zeiten in Cornwall", S.78f

HILDESHEIMER hatte es einfacher mit dem Auffinden von Orten als ich. Er kann das Vorhandene mit seinen im Gedächtnis gespeicherten Erinnerungen vergleichen, während ich auf den Vergleich mit Geschriebenem angewiesen war. Dies ist bei einem Reiseführer einfacher, der zum Zwecke des Auffindes geschrieben wurde, als bei einem Roman, der eine Handlung erzählt und dessen Handlungsorte mehr oder weniger austauschbar sind. Beschreibungen sind hochselektiv, gemessen an der wahrnehmbaren Umgebung. Wenn man nur das sieht, was man gelesen hat, dann übersieht man vieles. Andererseits hat jede Umgebung eine Geschichte und hier stößt das gegenwartsverhaftete Sehen an seine Grenzen.
      
Zurück zur Ausgangsfrage: "Je ne regrette rien".

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Den letzten Abend in St. Just verbringe ich in einem Pub. Die Dämmerung hat inzwischen die letzten Farben zum Verschwinden gebracht. Ich sitze diesmal in der Lounge und nicht in der Bar. Wenn ich so die Leute beim Schlemmen betrachte, dann sammelt das Pub gegenüber den hiesigen Restaurants Pluspunkte. Das Essen sieht gut aus und man bekommt sogar ein Lager oder Bitter dazu. Es verkehren hier vorwiegend Familien und nur selten Einzelpersonen oder Gruppen wie an der Bar.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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