10. Tag

Ein Abstecher zur Küstenstadt Dawlish

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Am Morgen verabschiede ich mich von Bettina auf dem Bahnhof und nehme auf dem Bahnhofsvorplatz den Bus, der mich zum neuen Quartier bringen soll.
      Auf der Fahrt zur Jugendherberge erklärt mir der freundliche Busfahrer ausführlich den Weg zur Herberge. Er erzählt mir auch gleich, was man in Exeter unbedingt gesehen haben muß und wo man am besten aussteigt, wenn man die Kathedrale besichtigen will. Bei seinem Dialekt, der mit Schulenglisch kaum etwas zu tun hat, fällt es mir schwer viel zu verstehen. Ich scheine jedoch den Eindruck vermittelt zu haben, alles zu verstehen und eine ältere Frau spricht mich an. Sie findet es ganz lovely, daß ich aus Germany stamme. Sie war zwar noch nie in Deutschland, ist aber schon einmal durchgefahren, als sie nach Österreich fuhr. Sie erzählt mir von einer Verwandten in München, die jung gestorben ist. Ich hätte sicherlich die ganze Familiengeschichte zu hören bekommen, wenn die Busfahrt länger gedauert hätte.
      Das erinnert mich an den Brief, den mir eine Freundin von ihrem Englandaufenthalt geschrieben hat: "Ich hätte nie gedacht, daß die Engländer genauso sind, wie sie immer in den Schulbüchern beschrieben werden. Alles ist nice, lovely, beautiful, fantastic und nice weather today isn't it? Dann das 'oh that's all right dear', 'of course Darling', wenn man jemanden fragt. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, schreit jemand am Ende der Straße 'Morning - nice weather today, isn't it?'. Wenn ich mich den englischen Sitten anpasse und nach Deutschland zurückkomme, denken die Deutschen ich spinne."
      Am Empfang der Jugendherberge werde ich mit DIRE STRAITS begrüßt. Die Musik dröhnt lautstark aus den Lautsprechern, die damit hörbar überfordert sind. Die Verständigung wird dadurch erschwert, aber für die Buchung eines Bettes reicht ein einfacher Wortschatz und eine unzweideutige Gestik. Die Herberge ist vor allem von Engländern belegt, die mit dem Fahrrad unterwegs sind.
      Nachdem ich mein Bett bezogen habe, möchte ich nach Dawlish fahren, das mit dem Bus schnell erreichbar ist. Die Umgebung der Küstenstadt mit der Steilküste aus rotem Sandstein gefiel mir gut als der Zug gestern die Gegend passierte.
      Keine 5 Minuten muß ich an der Bushaltestelle stehen bis der Bus nach Dawlish kommt. Der Busfahrer wäre aber sicher vorbeigefahren, wenn ich nicht meinen Mitfahrwunsch durch Winken signalisiert hätte.
      Dawlish besitzt eine ausgedehnte Parkanlage, die sich am Fluß entlang erstreckt. Blumen, Springbrunnen und Lichterketten sind nur für das Touristenauge da. Das schöne Wetter ist zu Ende. Es ist triste und dunkle Wolken hängen regenschwer über der Küste. Die roten Klippen haben ihr Leuchten verloren.      

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"Während beim cream tea in Devon der Scone erst mit Marmelade, dann mit clotted cream - einem fetten Milchprodukt auf halbem Weg zwischen Sahne und Butter - bestrichen wird, folgt in Cornwall die Marmelade der Sahne. Wer das falsch macht, ist als Fremder entlarvt. Denn manche Leute in Cornwall glauben in einer milden Anwandlung von Separatismus, Devon in Richtung Westen zu verlassen hieße, England zu verlassen"
Bisping, Stefanie (2000) "Allein unter Schafen", Frankfurter Rundschau v. 01.04.

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Bevor es zu regnen beginnt, suche ich ein Café, wo ich einen Devon Cream Tea bestelle. Die Scones mit clotted Cream und Strawberry Jam sind hervorragend. Die clotted Cream wird wie Butter benutzt, ist aber eher mit Schlagsahne zu vergleichen. Hier lerne ich also das Original aus Devon kennen, das inzwischen die umliegenden Grafschaften erobert hat. In Westcornwall war die Teekultur dafür noch ursprünglicher. Für Teeblätter, Wasser und Milch gab es dort ein eigenes Kännchen. Zucker, braun oder weiß, stand auf jedem Tisch. Hier ist der Tee bereits tassenfertig zubereitet.
      Was die Musik am Empfang bereits vermuten ließ, das Durchschnittsalter liegt hier niedriger als in Penzance oder St. Just.
      Im Gemeinschaftsraum ("common room") sind die Leute in ihre Bücher oder Zeitschriften vertieft, also gehe ich in ein Pub ganz in der Nähe. Es ist brechend voll. Die Darts-Scheiben hängen dort, wo sich die Pubbesucher besonders drängeln. Wer nicht gerade wirft, feuert an, bangt um seinen Vorsprung oder will zumindest etwas sehen.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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dem 04.Juni.2000