| Kurz nach 10 Uhr kommt der Zug im Paddington Station an und ich nehme die nächste Tube zum Victoria Station. Dieser Bahnhof, über den alle Bahnreisenden abgefertigt werden, die zum Kontinent wollen oder vom Kontinent kommen, ist den hochsommerlichen Menschenmassen nicht gewachsen. Ich bin froh, daß ich hier keine Fahrkarte kaufen muß. Am einzigsten Schalter für verbilligte Auslandsfahrkarten stehen über 100 Leute - meist Rucksackreisende - an. So mancher Tourist flucht leise vor sich hin. Reisende, die zum ersten Mal hier durchkommen, finden sich nur schwer zurecht. Nicht selten stehen sie zuerst einmal am falschen Schalter an. Wenn sie an einen schlechtgelaunten Bahnbediensteten geraten, dann werden sie schon mal zu einem falschen Schalter weggeschickt. Sprachprobleme führen zum gleichen Resultat. London bleibt für durchreisende Kontinentaleuropäer dadurch schnell in schlechter Erinnerung. |
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| "Nachmittags
fuhr er zum Sloane Square, ging die King's Road hinunter,
bis er einen schönen Platz in einer Mauernische fand, um
sich zu setzen und den Vorübergehenden zuzusehen. Die
Straße war bunt wie vor 15 Jahren, als er zum ersten Mal
hier gesessen hatte. Die Kostümierung hatte sich
geändert: auch die Musikfetzen, die er ab und zu hörte,
waren andere als damals, aber die Straße selbst blieb
davon unberührt. Die Häuser, das Pflaster, die kleinen
Plätze kümmerten sich nicht um diese Unterschiede: sie
blieben gleichgültig gegen All you
need is love wie gegen Anarchy
in the U.K., gegen Make
love, not war wie gegen Obstruct
the doors, cause delay and be dangerous." aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.125f |
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| Bis zum Nachtzug habe ich
einige Stunden Zeit, die ich für einen Londonbummel
nutzen möchte. Was sich wohl so alles seit meinem ersten
Besuch vor ein paar Jahren verändert hat? An der Gepäckabgabe ("left luggage") muß ich dann aber doch noch Schlange stehen. Am Buckingham Palace vorbei, erreiche ich den Green Park durch den ich zum St. James Park gelange. Den hektischen Trafalgar Square lasse ich hinter mir. Leicester Square ist belebt von Menschen jeden Alters. Die Älteren sitzen auf den Bänken, während die Jüngeren unter den Bäumen oder auf dem Rasen liegen, der gerade besprengt wird. Hier ist London der Nabel der Welt. Wer sich für die Entfernungen zu den Hauptstädten der ehemaligen britischen Kolonien interessiert, der wird hier fündig. |
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They
seek him here, they seek him there, "Was so alles geschieht in der
Carnaby Street, Allen geht der Beat in die Beine, "London
calling, now don't look at us |
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| Soho wird von der
Shaftesbury Avenue, Regent Street und Oxford Street
begrenzt. Und dort befindet sich auch die vielbesungene
Carnaby Street, die immer noch die Welt begrüßt. An das "Swinging London" erinnert nicht einmal die Musik, die aus den aneinandergereihten Boutiquen die Straße mit Discosound erfüllt. Punker gab es bei meinem ersten Besuch hier noch nicht. Ich lasse den Touristen Nepp hinter mir und trinke ein paar Straßen weiter meinen Kaffee. |
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| "Bei
Marble Arch nahm er eine Unterführung, um die
Straßenseite zu wechseln und in den Hyde Park zu
kommen.(...) Der Wind war noch stärker geworden, und Jülich zog den Mantel um sich zusammen. Der Teil des Parks, den er einsehen konnte, war noch bevölkert, aber es schien so, als habe der aufkommende Wind den größeren Teil der Besucher schon vertrieben. Obwohl viele der noch Anwesenden jetzt ihre Körbe, Klappstühle und Decken zusammenpackten, erschien Jülich das Bild doch fast statisch. Vielleicht lag das daran, daß der Wind alle Geräusche verschluckte und Jülich die Bewegungen der Aufbrechenden nur sehen, nicht hören konnte." aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.96 |
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| Danach suche ich den Hyde
Park auf und setze mich in einen der herumstehenden
Liegestühle. Es ist sommerlich heiß, aber es weht ein
ständiger, kühler Wind. Die Menschenmassen fallen in
dem riesigen Park nicht auf. Ich höre Musik aus meinem
Walkman und betrachte die jahrhundertealten Bäume, die
hoch in den Himmel ragend die Stadt vergessen lassen. Nur
eine Gruppe von Hochhäusern stört diese ländlich
anmutende Idylle. Den Himmel kreuzen in Minutenabständen Flugzeuge aus allen Himmelsrichtungen. Das weckt Erinnerungen an Back in the U.S.S.R. Die krawattetragenden Angestellten in ihren Anzügen, die tagsüber das Bild bestimmen, ziehen sich in die Vorstädte zurück. Der Rasen ist verdorrt, was darauf schließen läßt, daß es hier schon länger heiß ist. Von einem typisch englischen Rasen ist nichts zu sehen. Es ist ein Stoppelfeld, und zwischen den Grasbüscheln ragen immer wieder Abfälle hervor. Wenn ich eine Rangliste der gepflegtesten Parks erstellen sollte, durch die ich heute gekommen bin, dann würde der Green Park am besten abschneiden und der Hyde Park am schlechtesten. Andererseits wird der Hyde Park von den Bewohnern am intensivsten genutzt. Ich muß plötzlich an die mittägliche Oxford Street denken. Auf den Gehsteigen drängeln sich die Einkaufenden und Flaneure, während sich auf der Straße die roten Doppeldeckerbusse und die schwarzen Taxis meist im Stop and Go vorwärts bewegen. Dieses Bild urbanen Lebens kontrastiert mit dem menschenleeren Küstenpfad in Westcornwall, wo ich meist nur meine eigenen Schritte vernehmen konnte. Ich muß bei diesen Gedanken wohl kurz eingeschlafen sein, denn als ich meine Umgebung wieder bewußt wahrnehme, ist es merklich kühler geworden. Die Sonne hat ihre Kraft verloren, während der kühle Wind unvermindert weht. Es ist Zeit für Victoria Station. Um an meinen Rucksack zu kommen, muß ich längeres Schlangenstehen einplanen. Ich habe richtig vermutet. War morgens bei der Gepäckannahme die längere Schlange, so stehen jetzt die Leute vorwiegend an der Gepäckabgabe an. Für die nächtliche Überfahrt ist es wichtig, bei den ersten zu sein, um einen günstigen Schlafplatz zu erwischen. Ich kann mich dann tatsächlich über zwei Plätze ausstrecken und der Cider, den ich mir kurz vorher noch gekauft habe, tut den Rest. Mein Abschied von der Insel vollzieht sich im Halbschlaf. |
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| © 2000-2002 Bernd Kittlaus |
Bernds@single-dasein.de | Erstellt: 04. Juni 2000 Update: 29. Januar 2002 |
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