13. Tag

Wieder in London - Abschied von der Insel

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Kurz nach 10 Uhr kommt der Zug im Paddington Station an und ich nehme die nächste Tube zum Victoria Station. Dieser Bahnhof, über den alle Bahnreisenden abgefertigt werden, die zum Kontinent wollen oder vom Kontinent kommen, ist den hochsommerlichen Menschenmassen nicht gewachsen. Ich bin froh, daß ich hier keine Fahrkarte kaufen muß. Am einzigsten Schalter für verbilligte Auslandsfahrkarten stehen über 100 Leute - meist Rucksackreisende - an. So mancher Tourist flucht leise vor sich hin. Reisende, die zum ersten Mal hier durchkommen, finden sich nur schwer zurecht. Nicht selten stehen sie zuerst einmal am falschen Schalter an. Wenn sie an einen schlechtgelaunten Bahnbediensteten geraten, dann werden sie schon mal zu einem falschen Schalter weggeschickt. Sprachprobleme führen zum gleichen Resultat. London bleibt für durchreisende Kontinentaleuropäer dadurch schnell in schlechter Erinnerung.

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"Nachmittags fuhr er zum Sloane Square, ging die King's Road hinunter, bis er einen schönen Platz in einer Mauernische fand, um sich zu setzen und den Vorübergehenden zuzusehen. Die Straße war bunt wie vor 15 Jahren, als er zum ersten Mal hier gesessen hatte. Die Kostümierung hatte sich geändert: auch die Musikfetzen, die er ab und zu hörte, waren andere als damals, aber die Straße selbst blieb davon unberührt. Die Häuser, das Pflaster, die kleinen Plätze kümmerten sich nicht um diese Unterschiede: sie blieben gleichgültig gegen All you need is love wie gegen Anarchy in the U.K., gegen Make love, not war wie gegen Obstruct the doors, cause delay and be dangerous."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.125f

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Bis zum Nachtzug habe ich einige Stunden Zeit, die ich für einen Londonbummel nutzen möchte. Was sich wohl so alles seit meinem ersten Besuch vor ein paar Jahren verändert hat?
       An der Gepäckabgabe ("left luggage") muß ich dann aber doch noch Schlange stehen.
      Am Buckingham Palace vorbei, erreiche ich den Green Park durch den ich zum St. James Park gelange. Den hektischen Trafalgar Square lasse ich hinter mir.
      Leicester Square ist belebt von Menschen jeden Alters. Die Älteren sitzen auf den Bänken, während die Jüngeren unter den Bäumen oder auf dem Rasen liegen, der gerade besprengt wird. Hier ist London der Nabel der Welt. Wer sich für die Entfernungen zu den Hauptstädten der ehemaligen britischen Kolonien interessiert, der wird hier fündig.

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They seek him here, they seek him there,
In Regent Street and Leicester Square.
Everywhere the Carnabetian army marches on,
Each one a dedicated follower of fashion.
aus: Dedicated Follower Of Fashion von den "Kinks"

"Was so alles geschieht in der Carnaby Street,
ja die Girls und die Boys zahlen gerne den Preis
und sie kaufen den Hit in der Carnaby Street.

Allen geht der Beat in die Beine,
und die Melodie geht ins Ohr,
ja und alle denken das eine.
Das gibt es nur in der Carnaby Street."
aus: Carnaby Street von Peggy March, 1969

"London calling, now don't look at us
All that phoney beatlemania has bitten the dust
London calling, see we ain't got no swing"
aus: London Calling von den "Clash", 1979

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Soho wird von der Shaftesbury Avenue, Regent Street und Oxford Street begrenzt. Und dort befindet sich auch die vielbesungene Carnaby Street, die immer noch die Welt begrüßt.
      An das "Swinging London" erinnert nicht einmal die Musik, die aus den aneinandergereihten Boutiquen die Straße mit Discosound erfüllt. Punker gab es bei meinem ersten Besuch hier noch nicht. Ich lasse den Touristen Nepp hinter mir und trinke ein paar Straßen weiter meinen Kaffee.

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"Bei Marble Arch nahm er eine Unterführung, um die Straßenseite zu wechseln und in den Hyde Park zu kommen.(...)
Der Wind war noch stärker geworden, und Jülich zog den Mantel um sich zusammen. Der Teil des Parks, den er einsehen konnte, war noch bevölkert, aber es schien so, als habe der aufkommende Wind den größeren Teil der Besucher schon vertrieben. Obwohl viele der noch Anwesenden jetzt ihre Körbe, Klappstühle und Decken zusammenpackten, erschien Jülich das Bild doch fast statisch. Vielleicht lag das daran, daß der Wind alle Geräusche verschluckte und Jülich die Bewegungen der Aufbrechenden nur sehen, nicht hören konnte."
aus: Jochen Schimmang "Das Ende der Berührbarkeit", S.96

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Danach suche ich den Hyde Park auf und setze mich in einen der herumstehenden Liegestühle. Es ist sommerlich heiß, aber es weht ein ständiger, kühler Wind. Die Menschenmassen fallen in dem riesigen Park nicht auf. Ich höre Musik aus meinem Walkman und betrachte die jahrhundertealten Bäume, die hoch in den Himmel ragend die Stadt vergessen lassen. Nur eine Gruppe von Hochhäusern stört diese ländlich anmutende Idylle.
      Den Himmel kreuzen in Minutenabständen Flugzeuge aus allen Himmelsrichtungen. Das weckt Erinnerungen an Back in the U.S.S.R. Die krawattetragenden Angestellten in ihren Anzügen, die tagsüber das Bild bestimmen, ziehen sich in die Vorstädte zurück.
      Der Rasen ist verdorrt, was darauf schließen läßt, daß es hier schon länger heiß ist. Von einem typisch englischen Rasen ist nichts zu sehen. Es ist ein Stoppelfeld, und zwischen den Grasbüscheln ragen immer wieder Abfälle hervor. Wenn ich eine Rangliste der gepflegtesten Parks erstellen sollte, durch die ich heute gekommen bin, dann würde der Green Park am besten abschneiden und der Hyde Park am schlechtesten. Andererseits wird der Hyde Park von den Bewohnern am intensivsten genutzt.
      Ich muß plötzlich an die mittägliche Oxford Street denken. Auf den Gehsteigen drängeln sich die Einkaufenden und Flaneure, während sich auf der Straße die roten Doppeldeckerbusse und die schwarzen Taxis meist im Stop and Go vorwärts bewegen. Dieses Bild urbanen Lebens kontrastiert mit dem menschenleeren Küstenpfad in Westcornwall, wo ich meist nur meine eigenen Schritte vernehmen konnte. Ich muß bei diesen Gedanken wohl kurz eingeschlafen sein, denn als ich meine Umgebung wieder bewußt wahrnehme, ist es merklich kühler geworden. Die Sonne hat ihre Kraft verloren, während der kühle Wind unvermindert weht.
      Es ist Zeit für Victoria Station. Um an meinen Rucksack zu kommen, muß ich längeres Schlangenstehen einplanen. Ich habe richtig vermutet. War morgens bei der Gepäckannahme die längere Schlange, so stehen jetzt die Leute vorwiegend an der Gepäckabgabe an. Für die nächtliche Überfahrt ist es wichtig, bei den ersten zu sein, um einen günstigen Schlafplatz zu erwischen. Ich kann mich dann tatsächlich über zwei Plätze ausstrecken und der Cider, den ich mir kurz vorher noch gekauft habe, tut den Rest. Mein Abschied von der Insel vollzieht sich im Halbschlaf.

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt:
04. Juni 2000
Update:
29. Januar 2002
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dem 04.Juni.2000