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Debatte und weiterführende Literatur (teilweise verlinkt)

 
   

Coolness oder Betroffenheitskult:

 
   

Die neue Eigentlichkeit in der Kulturindustrie - von royaler Tristesse bis zum Neuen Deprimismus

 
       
     
       
   
 
 

"die Stürme der vorangegangenen Jahre wurden schwächer oder blieben ganz aus. So kam es, daß in diesem Sommer das öffentliche Leben vor allem ein öffentliches Sterben war. Adorno starb zum Beispiel in diesem Sommer, im frühen August (...). Einen Monat vorher, im Juli, starb der Gitarrist Brian Jones, Mitglied der Rolling Stones. Die holten sich daraufhin einen anderen Gitarristen und veranstalteten im Hyde Park in London ein Konzert zu Ehren ihres toten, in seinem Swimmingpool ertrunkenen Gitarristen, und dieses Konzert wurde von 250 000 Menschen besucht. Zu Beginn des Konzerts las Mick Jagger ein Gedicht von Shelley vor, das in etwa mit den Worten begann »He is not dead, he is just sleeping«. Danach sagte er noch ein paar Sätze, die von ihm selbst stammten und in die Aufforderung mündeten: »Keep it cool.« Dann begannen die Stones zu spielen und hörten zwei Stunden lang nicht wieder auf. Es muß schön gewesen sein.
Aber das Wichtigste war natürlich die Botschaft: keep it cool. Längst fand ja die Popmusik auch in die Kulturteile der sogenannten seriösen Zeitungen Eingang, und wer also, wie ich, nicht das Glück hatte, in London selbst dabeizusein, der konnte es in den Zeitungen nachlesen und in einem kurzen Bericht im Fernsehen sehen und hören: »Keep it cool«, sagte Mick Jagger, und der mußte es eigentlich wissen. Es galt also nur noch, die Botschaft umzusetzen.
Da war zum Beispiel eine Liebesgeschichte zu Ende gegangen. Das ist nicht schön, aber man legt sich eben ein paar Platten auf and keeps it cool. Versuch nicht zu leiden, und wenn das schon nicht zu vermeiden ist, versuch wenigstens, so wenig und so kurz zu leiden wie möglich. Auch wenn du nicht cool bist, versuch es zu sein, laß nichts raus, was dich angreifbar macht; wenn du im Eimer bist, zeig es niemanden, oder fast niemand, nur denen vielleicht, die nicht zum Angriff übergehen, falls es sie geben sollte.
Ich wechselte das Programm. Die Kämpfe waren zu Ende (...). Ab jetzt war ich cool."
(Jochen Schimmang "Schöner Vogel Phönix, 1979, S.95f)

"Ich habe so wenig geweint in den letzten Jahren (außer vielleicht unbeobachtet, bei einigen sehr sentimentalen und schlechten Filmen, über die man eigentlich häßlich lachen müßte, bei denen mir aber peinlicherweise die Tränen kommen) (...). Jetzt kann ich wirklich nicht mehr weiterlesen, ich schiebe das Buch weg und weine unbeschreiblich wohltuende Tränen, fühle mich immer leichter werden, federleicht, und mit jedem Atemzug löst sich etwas, was ich jahrelang unter Aufbietung fast all meiner Kraft in mir eingesperrt habe, was ich vernichten wollte und was doch beinahe mich selber vernichtet hätte."
(Jochen Schimmang "Schöner Vogel Phönix, 1979, S.294)

"aus der Unwirklichkeit der siebziger Jahre (gibt es) nur einen Ausweg (...), den in das Schreiben; (...) um sich daran machen zu können, (bedarf es) einer Katastrophe, eines Traumas, das den Schleier zerreißt, der die Wirklichkeit verhüllt. Die siebziger Jahre sind eine Zeit des Nebels, nicht eines kalten, eher eines warmen. Es wird etwas ersehnt, das ihn vertreibt. Vielleicht sind es Schrecken oder Schmerz, als der Index der Wahrheit, genauer: in ihnen erschiene endlich die Wirklichkeit."
(Michael Rutschky "Erfahrungshunger", 1981, S.95)

"Wir haben Gefühle, aber keine Manieren. Und sind ehrlich - selbst wenn es nur taktlos ist. Das große Mißverständnis der späten 60er Jahre bestand darin, daß man mit der Entlarvung der verdächtigen bürgerlichen Gesellschaft auch alle anderen filigranen Regeln und Riten für verzichtbar erklärte, die das Zusammenleben von Menschen, die einander, wie die große Mehrheit, weder verwandt noch befreundet, noch auch nur bekannt sind, zuträglich machen könnten."
(Cora Stephan "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", 1994, S.60)

"Die folgenden Seiten bilden einen Roman. Ich verstehe darunter eine Abfolge von kleinen Geschichten, deren Held ich bin. Es ist wirklich nicht eine Entscheidung für einen autobiographischen Stil; so oder so bleibt mir keine andere Wahl. Wenn ich nicht aufschreibe, was ich gesehen habe, werde ich ebenso leiden - vielleicht sogar ein wenig mehr.
(...)
Wirklich, ein mit Lesen ausgefülltes Leben hätte mir besser gepaßt.
Ein solches Leben war mir nicht gegönnt."
(Michel Houellebecq "Ausweitung der Kampfzone", 1999, S.16)

"Seine stille Verzweifelung ist so ansteckend wie das ruhige Entsetzen, das von seinen Romanen ausgeht. 'Ich habe sie nicht erfunden', sagt er."
(Stefanie Rosenkranz "Ein sanfter Schocker", Stern v. 18.02.1999)

"Authentizität? Wir, die wir hier sitzen, sind so unauthentisch, daß es sich gar nicht lohnen würde, uns zu re-modeln.
(...)
Was mir die ganze Zeit über als sehr sinngemäßes Bild für diese ganze Geschichte aufscheint, ist der Rock; daß der Rock an sich, den die Rolling Stones repräsentieren, dieses Re-Modeling gar nicht kennt. Der Rock muß sich immer treu bleiben. Der Rock ist stringent, er ist die Saite."
(Joachim Bessing (Hg.) "Tristesse Royale", 1999, S.137ff)

KUNISCH (Süddeutsche Zeitung v. 18.10.2000) zählt Autoren wie Bret Easton Ellis, François Emannuel, Frédéric Beigbeder, Michel Houellebecq, Viktor Pelewin und Georg M. Oswald zu Vertretern einer "neuen Eigentlichkeit", denen es darum geht, die Beliebigkeiten der Postmoderne zu überwinden und zeigen, "was ist. Emotional, ökonomisch." Ihnen ist ein "unideologischer Fundamentalismus" zu eigen, der im Grunde ein neuer aufklärerischer Gestus ist. "Statt mit "Gegnerschaft" zur Gesellschaft, die seit jeher billiger zu behaupten als einzulösen war, versucht sie ihren Widerstand vorerst mit Darstellung und Analyse.
      1980 erschien Michael RUTSCHKYs "Erfahrungshunger". Darin beschreibt er den deutschen Germanistentag 1968 und die damalige Kritik an der Literaturwissenschaft und der Literatur: "das sind die zentralen Punkte der Kritik: daß die Literaturwissenschaft eine isolierte, esoterische Beschäftigung einiger weniger ist, daß das wissenschaftliche Studium der Literatur, vielleicht die Literatur insgesamt keine gesellschaftliche Funktion hat." Die Motive waren damals andere, aber das Ziel war das gleiche: Literatur soll die Welt verbessern. Leben und Literatur sind keine getrennte Sphären. Das Leben gibt die Literatur vor und Literatur wirkt wiederum auf das Leben ein. L'Art pour L'Art ist nicht mehr. Die Frage ist nur noch, wer ist der Erlöser aus der "Tristesse Royale" der Gegenwartsgesellschaft?
      Michel HOUELLEBECQ ist einer der Kandidaten auf den Erlöserposten. Der Autor verbürgt die Glaubwürdigkeit des Romangeschehens. Der Autor "macht keinen Hehl daraus, dass er den größten Teil seiner Geschichten selbst erlebt hat" schreibt Thomas STEINFELD (FAZ v. 12.10.1999). Er sieht HOUELLEBECQ in der Tradition von Botho STRAUß: "Das Geniale und das Schreckliche an Michel Houellebecq besteht darin, daß ein großes Publikum solche Zeugnisse, solche Zumutungen versteht und aufnimmt. In dieser Wirkung kehrt eine vormoderne Aufgabe von Dichtung mit großer Kraft zurück: die Literatur als moralische Anstalt." STEINFELD hält "Elementarteilchen" für ein Buch, das nach royaletristen 30 Jahren dem "Leser wie ein Block im Wege steht, und siehe da: Der Leser muss sich entscheiden. Er muss den Block zertrümmern oder die Straßenseite wechseln. Dieses Gefühl scheint die Literatur lange schuldig geblieben zu sein."
      Literatur muss zuerst das Gefühl ansprechen, um den Verstand auszuschalten. In diesem Zustand sind wir wehrlos gegenüber unseren Idiosynkrasien. "Idiosynkrasien fordern das "Wir-Gefühl". "In der blitzhaften Übereinstimmung, in der fast reflexhaften Gemeinsamkeit von Sympathien und vor allem der gemeinsamen Aversionen gegen etwas oder jemanden feiert die Freundschaft ihre größten Triumphe" (SCHURY, SZ v. 18.10). Das ist Wahrheit. Die einzige.
      Dann ist es jedoch zum Umschlagen ins Vorurteil nicht sehr weit. Das Ende aller Idiosynkrasie, wie es Silvia BOVENSCHEN (SEZGIN, FR v. 18.10.) nennt. Singles versus Familien - Freund oder Feind - 68er versus 89er & Co. Ein solches Buch wünschen sich diejenigen, die Auseinandersetzungen mit einem Erstschlag für sich entscheiden möchten.
      Aber möglicherweise ist alles ganz anders. HOUELLEBECQ ist der Coole im Gewand des Uncoolen. Eine perfekte Inszenierung der Verwahrlosung und Verzweifelung. Der Inbegriff dessen, was uns die Zeitungen als Elend der modernen Welt täglich ins Haus liefern. HOUELLEBECQ ein MICK JAGGER der Jahrtausendwende.
      Manchmal passieren Patzer bei der Inszenierung, so im SZ-Magazin v. 29.09.2000, wenn beschrieben werden muss, was man auf dem Bild zu sehen hat und das Bild nicht für sich selbst spricht, weil der Autor ein Insignum der Coolness (schwarze Brille) trägt und der Blick vergeblich die Wohnung auf Verwahrlosung absucht. Man hätte sich Anleihen bei Roman POLANSKIs "Ekel" holen sollen. Zwischen Romaninhalt und Autor darf kein Unterschied mehr sein. Das ist neue Eigentlichkeit. Ein Insiderroman wie von Frédéric BEIGBEDER, das ist genial. Wer ist der nächste im Umfeld von HOUELLEBECQ. Müssen wir bis zum nächsten Herbst warten?
      Wo bleibt der deutsche HOUELLEBECQ? fragt Jan KURSKO verzweifelt in BLÄTTER FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK 11/1999. Das Fehlen erklärt er folgendermassen:

"Houellebecq hat auch in Frankreich etwas Singuläres, seine radikale Wut und Ernsthaftigkeit heben ihn aus der Masse seiner postmodernen Jahrgangsgenossen heraus. Houellebecq, Geburtsjahr 1958, steht für die Jahrgänge, die es aufgrund der Dominanz ihrer Vorgänger, der 68er, nie zu einer intellektuellen Generationseinheit gebracht haben."

Die 78er sind also gefordert. Oder die Generation Golf? Oder wer könnte zu einer moralischen Anstalt werden?
      Mit dem 78er Michael KUMPFMÜLLER hat die FAZ eine Leerstelle mit einem Erlöser besetzen wollen. Die Suche nach dem "grossen deutschen Wenderoman" schien damit an ihr Ende gekommen zu sein. Aber kann jemand glaubwürdig über etwas schreiben, was er nicht selbst erlebt hat?
      Die Leerstelle von HOUELLEBECQ ist weiterhin vakant. Es gibt viele Sucher, aber wenige geeignete Kandidaten. WEIDERMANN (TAZ v. 26.08.2000) hat mit Georg M. OSWALD einen Kandidaten zur Begutachtung präsentiert, der sich zumindest selbst als geeignet ansieht. "Ein Houellebecq aus Bayern?" fragt er schüchtern im Untertitel. Als Rechtsanwalt hat OSWALD gewisses Insiderwissen bezüglich der dunklen Seiten der Gesellschaft und gegen die tristen Royalisten hat er sich vorher ausreichend abgegrenzt.
      Die Dandies von der Popfraktion als Gegner zu haben, das ist die Mindestvoraussetzung für einen Kandidaten, der als moralische Anstalt in Deutschland gelten will. Würde es das Popkulturelle Quintett nicht geben, man hätte es erfinden müssen. Yuppie, das ist die Steigerungsform von Single. Und die Steigerungsform von Yuppie? Richtig! Popkulturelles Quintett. Das nennt man die Dialektik der Neidgesellschaft.
      Und der Spezialist für die Neidgesellschaft, das ist der Soziologe Sighard NECKEL:

"Im Neid drücken sich trotz aller Gegensätze auch gemeinsame Wertsetzungen aus, die gleichermaßen den Neider wie seinen Kontrahenten antreiben. Neid gehört damit typischerweise noch zur Gefühlskultur des Konkurrenzkapitalismus, in dem die sozialen Klassen konflikthaft um die Anerkennung ihrer Bedürfnisse ringen. Die Wut hingegen verdeutlicht, dass für viele das Rennen um knappe Güter gelaufen ist und damit auch das bisherige Sozialmodell der Industriegesellschaft an ein Ende gelangt."
(Sighard Neckel, "Neid", Zeit Nr.28 v. 08.07.1999)

Von der Neidgesellschaft zur Wutgesellschaft? Keep it cool.

 
 
 
       
   

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weiterführende Literatur

 
   
  • Die Debatte um die neue Eigentlichkeit:

    • KRAUSE, Tilman (1999): Romane über die Angst vor der Freiheit.
      Geht vom umstrittenen Schriftsteller Michel Houellebecq eine Erneuerung der französischen Literatur aus?,
      in: Welt v. 17.03.
    • KURSKY, Jan (1999): Wo bleibt der deutsche Houellebecq?,
      in:
      Blätter für deutsche und internationale Politik Nr.11
    • RUTSCHKY, Michael (2000): Die jungen Ernstler,
      in:
      Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr.10 v. 10.03.
    • ASSHEUER, Thomas (2000): Ich Prada, Du Armani.
      Von "American Beauty" bis "Glamorama": Filme und Romane riskieren wieder Gesellschaftskritik und beschreiben den Lifestyle-Kapitalismus als Quelle von Gewalt und Sinnlosigkeit,
      in: Die ZEIT Nr.12 v. 16.03.
    • CRAMER, Sibylle (2000): Die Rückkehr der Moral in die Literatur.
      Moralische Verbindlichkeit statt ästhetischer Beliebigkeit,
      in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.03.
    • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Die Leude woll'n, daß was passiert.
      Wege aus der Ironiefalle: Für eine Wiedergeburt des Politischen aus dem Ungeist der Freizeitkultur,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.10.
    • KUNISCH, Hans-Peter (2000): Zeig mir, wer du bist.
      Sex und Ökonomie oder Die neue Eigentlichkeit in der abendländlichen Literatur
      in: Süddeutsche Zeitung v. 18.10.
      • auch in: Rheinpfalz v. 10.11.
    • NIEMANN, Norbert (2000): Realismus der Entzauberung.
      Über die angebliche Rückkehr des Erzählens in der jungen deutschen Literatur,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 21.10.
    • SALTZWEDEL, Johannes (2000): Dämon der Echtheit.
      Digitale Technik und das Internet eröffnen grenzenlose Möglichkeiten fürs Fälschen und Kopieren. Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel über die Sehnsucht nach dem Authentischen, das in allen Bereichen des Lebens immer rarer wird,
      in: Spiegel Nr.45 v. 06.11.
    • WYSS, Beat (2000): Stil oder Die "Nachträglichkeit" des Neuen,
      in:
      Frankfurter Rundschau v. 02.12.
      • WYSS, Beat (2000): Stil oder Die "Nachträglichkeit" des Neuen,
        in:
        KURSBUCH Stilfragen Heft 142, Dezember, S.1-9
    • DIEDERICHSEN, Diedrich (2000): Kritik? Konsequenzen!
      Lange waren Linke und Hipster nicht mehr so weit voneinander entfernt wie heute. Während die Gründung von Unternehmen mit Glamour aufgelanden wird, bezieht die bürgerliche Presse antikapitalistische Positionen,
      in: Jungle World Nr.50 v. 06.12.
    • PREIß, Sascha (2000): Der Autor als Popstar:
      Zu den Inszenierungen des Michel Houellebecq, Teil 1,
      in:
      ULIT v. 10.12.
    • KIEßLING, Kristian (2000): Der Autor als Popstar:
      Zu den Inszenierungen des Michel Houellebecq, Teil 1,
      in:
      ULIT v. 10.12.
    • GÄCHTER, Sven (2000): Die neue Leid-Kultur.
      Zeitgeist. Bloß keine Gefühle, hieß das Motto der zynischen Vernunft. Doch die zwanghafte Lust an der Ironie zeigt allmählich Verschließerscheinungen. Sentimentale Ausrutscher häufen sich. Steht eine Renaissance des Pathos bevor?
      in: Profil Nr.52
    • STRAUß, Botho (2000): Wollt ihr das totale Engineering?
      Ein Essay über den Terror der technisch-ökonomischen Intelligenz, über den Verlust von Kultur und Gedächtnis, über unsere Entfernung von Gott,
      in: Die ZEIT Nr.52 v. 20.12.
    • BOHRER, Karl Heinz (2001): Eine Phänomenologie des Einzelnen. Die gesellschaftskritischen Möglichkeiten des dichterischen Blicks.
      Wovon darf sich der kritische Kopf mehr versprechen: von normativer Gesellschaftstheorie oder von der seismographischen Wahrnehmung und Schilderung menschlicher Zustände, individueller wie kollektiver? - Einige Argumente, die für das kritische Potenzial des dichterischen Blicks sprechen,
      in: Neue Zürcher Zeitung v. 13.01.
    • Nikolaus von FESTENBERG & Marianne WELLERSHOFF (2001): Die Realos der Echtzeit.
      Die Kunst erhebt sich nicht mehr über die Wirklichkeit, sondern vermischt sich mit ihr: in Biografien, Popliteratur, Dokumentarkino und Trash-Mode. Der Fakten-Kult verdrängt den alten Glauben an die Zauberkraft der Bilder - eine Kulturkrise?
      in: Spiegel Nr.5 v. 29.01.
    • RUTSCHKY, Michael (2001): Bücher ohne Familiennamen.
      Über Literatur außerhalb von Genres,
      in: Merkur Nr.2, Februar
      • Inhalt:
        RUTSCHKY widmet sich Büchern, die sich keiner Gattung zuordnen lassen, die "zwischen Kunstwerk und Dokument unentschlossen bleiben" und die "gegenwärtig die fruchtbarsten" sind. Am Beispiel von KRACAUERs "Die Angestellten", Ernst JÜNGER, Walter BENJAMIN und Walter KEMPOWSKI geht RUTSCHKY dem "Problem der monologischen Rechthaberei" nach. Als besonderen Problemfall sieht er Botho Strauß, der seit 1981 regelmässig Prosabücher veröffentlicht, "in denen sich ein hoher Anteil des Dokumentarischen (...) mit erheblichen Anteilen Rechthaberei unglücklich mischt".
    • WITTSTOCK, Uwe (2001): Verpasste Chancen, verlorenes Jahrzehnt.
      Als die Dichter auf die Straße gingen statt auf den Boulevard - wieso 1968 literarisch alles falsch lief,
      in: Welt v. 03.02.
    • FREUND, Wieland (2001): Pop, Papa?
      Nach '89 ist vor '89 - Von der notwendigen Rückeroberung der Bonner Republik und ihrer Protestkultur,
      in: Welt v. 24.03.
    • ASSHEUER, Thomas (2001): Im Reich des Scheins.
      Zehn Thesen zur Krise des Pop,
      in: Die ZEIT Nr.16 v. 11.04.
    • SIEMONS, Mark (2001): Das lebende T-Shirt.
      Böse neue Markenwelt: Der Antikapitalismus wird unironisch,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.06.
      • Inhalt:
        SIEMONS beschäftigt sich mit dem Genre der Marken- und Werbekritik, zu denen er Autoren wie Frédéric Beigbeder, Naomi KLEIN oder die Band Blumfeld zählt: "Das Neue ist (...) eine Entscheidung: die Aufkündigung jenes einverständigen Blinzelns, das sich im Umgang mit Werbung und Marketing eingebürgert hat." Die Gemeinsamkeit besteht in einem "Überdruß an allzu subtilen Distinktionen (...). Man strebt wieder eindeutige Gut/Böse-, Freund/Feind-, Wir/Ihr-Unterscheidungen an (...): Das Bewußtsein der eigenen sozioökonomischen Verstrickung hält offenbar nicht mehr vom Willen zur Fundamentalkritik ab. Und die Resonanz darauf in der etablierten Kulturwelt ist, allen performativen Widersprüchen zum Trotz, gewaltig (...).
        Das Selbstbewußtsein (...) beruht offensichtlich (...) auf einer sozialen Tatsache: dem globalen Gemeinschaftsgefühl". SIEMONS gesteht der neuen Unversöhnlichkeit sogar einen rationalen Kern zu: "die Entlarvung eines Selbstbetrugs. Es ist eben eine Illusion, von der Einbindung in ein instrumentelles Abhängigkeitsgeflecht, wie es das Markensystem darstellt, einen Zugewinn an Freiheit zu erwarten. Die pure Selbstachtung gebietet es, damit zu brechen." Den blinden Fleck der Sehnsucht nach der "wirklichen Wirklichkeit" einer solchen Kritik sieht SIEMONS im Fehlen "einer eigenen Idee von sozialer Wirklichkeit"
    • TERKESSIDIS, Mark (2001): Rebellion in der Geschmacksdiktatur.
      Pop-Kultur ist anstrengend: Man muss die richtigen Sachen tragen und die richtige Musik hören. Pop ist ganz und gar Konsum geworden. Nun regt sich zaghaft Widerstand. Aber kann man in der Pop-Kultur gegen die Pop-Kultur arbeiten?
      in: Tagesspiegel v. 23.06.
      • Inhalt:
        Die zentrale These von TERKESSIDIS lautet: "Werbung und Marketing haben die rebellischen Gesten der Populärkultur übernommen und deren Protagonisten sprachlos gemacht". Die Kulturkritik ex-linker Provenienz ist demnach heute fester Bestandteil der Konsumideologie geworden. "Was ist heute cool?" gehört zur entscheidenden Frage derjenigen, die in der Konsumgesellschaft nicht sozial isoliert sein wollen. Das Buch "Generation Golf" von Florian ILLIES ist Ausdruck einer Sozialisation durch Massenkultur, die Rebellion durch Konsum ersetzt hat. Das Buch gehört zusammen mit der Popliteratur zur neuesten "Version des bürgerlichen Bildungsromans". TERKESSIDIS erläutert am Beispiel der Band "Blumfeld" sowie der Musiker Jan Delay und Matthew Herbert die verschiedenen Artikulationsweisen von Kritik innerhalb der Populärkultur. Die von David BROOKS als "Bobo" bezeichnete Bildungselite ist das Sinnbild einer sozialen Gruppe, die den rebellischen Gestus mit einem wohlhabenden und erfolgreichen Leben in Einklang gebracht haben. Hinter der Bobo-Fassade verbirgt sich nach Meinung von TERKESSIDIS jedoch das "Schwanken zwischen Angst und Ekel", wie es auch von Jochen Distelmeyer (Blumfeld) und Michel HOUELLEBECQ zum Ausdruck gebracht wird. Was für frühere Bildungseliten die Hochkultur war, das ist für die neue Elite die Populärkultur: "Platten, Videos und Stilfragen sind für die Identität der heutigen Neobürger ebenso bedeutungsvoll wie die Hochkultur in vergangenen Tagen". Jegliche Totalopposition ist für TERKESSIDIS unmöglich: "Auch der Einspruch gegen die konsumistische Differenzkultur ist - eine Differenzgeste. Vor allem dann, wenn dem 'Ihr', von dem sich der Kulturschaffende abwendet, kein soziales 'Wir' mehr gegenübersteht, sondern zunächst bloß ein Individuum." Einzig die Aufklärung über die Popkultur - "Alphabetisierung in Sachen Pop" - weist einen Ausweg aus der "Differenzhölle".
    • aktuelle Artikel unter:
      Die Debatte um das Ende der Popliteratur
 
     
     
     
     
   
  • Bücher zum Thema:

    • RUTSCHKY, Michael (1980): Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre, Kiepenheuer & Witsch: Köln
    • SENNETT, Richard (1983): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Suhrkamp: Frankfurt a/M
    • STEPHAN, Cora (1993): Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte, Rowohlt: Berlin
    • BOVENSCHEN, Silvia (2000): Über-Empfindlichkeiten. Spielformen der Idiosynkrasie, Suhrkamp: Frankfurt a/M
      • ROEDIG, Andrea (2000): Silvia Bovenschen. Über-Empfindlichkeit,
        in: WochenZeitung v. 05.10.
      • SEZGIN, Hilal (2000): Rache an Heidi.
        Silvia Bovenschens subtiles Lob der idiosynkrasie,
        in: Frankfurter Rundschau v. 18.10.
      • SCHURY, Gudrun (2000): Eine Hausgrille, die im Kopf tschirpt.
        Ganz schön empfindlich...Silvia Bovenschen präsentiert die "Spielformen" der menschlichen Idiosynkrasie,
        in: Süddeutsche Zeitung v. 18.10.
      • THADDEN, Elisabeth von (2000): Lob des Unvollkommenen.
        Die Biomedizin verspricht eine Welt ohne Krankheit. Und wenn dabei die Individualität unter die Räder käme? Ein Essay anlässlich der neuen Bücher von Silvia Bovenschen und David B. Morris,
        in: Die ZEIT Nr.43 v. 19.10.
      • KONERSMANN, Ralf (2000): Nein, du wirst nicht singen!
        Das Ohr denkt mit: Sinn und Sinnlichkeit,
        in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.11.
      • FEßMANN, Meike (2001): Gänsehaut bei Butterschlieren im Marmeladenglas.
        Von kleinen Macken, Spleens und Animositäten - ein leicht zugängliches Buch über Idiosynkrasien,
        in: Financial Times Deutschland v. 05.01.
    • NECKEL, Sighard (2000): Die Macht der Unterscheidung. Essays zur Kultursoziologie der modernen Gesellschaft, Campus: Frankfurt/New York
    • POSCHARDT, Ulf (2000): Cool, Rogner & Bernard
    • KURSBUCH (2000): Stilfragen, Heft 142, Dezember
    • ERNST, Thomas (2001): Popliteratur,
      Rotbuch: Hamburg
 
   

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Bernds@single-dasein.de Erstellt: 05. November 2000
Update: 29. Oktober 2001
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