[ Singles in Frankreich ] [ Houellebecq-Seite ] [ News ] [ Suche ] [ Homepage ]

 
       
   

Debatte und weiterführende Literatur (teilweise verlinkt)

 
   

Michel Houellebecq als Leitfigur

 
   

oder die Debatte um die sexuelle Revolution

 
       
   
  • Die Themen des Essays:

  •  
           
       
     
     

    Zitate zur sexuellen Revolution

    "Bist du unkeusch gewesen?
    Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Schon allein deswegen nicht, weil ich kaum wußte, worin sie eigentlich bestand (...), nie sah ich meine Eltern nackt, und ihr kaltes Schlafzimmer ließ eher ans Klinikum denken als an einen Sündenpfuhl.
    (...)
    Alle tun's. Und alle tun so, als täten sie's nicht. Das konnte ich nur schockierend finden; lachhaft und traurig zugleich."
    (Ralf Rothmann "Wäldernacht", 1994)

    "Woher nahm er eigentlich die Sicherheit, daß er zeugungsfähig war? Diese Sicherheit hatte sich bisher einzig auf seine Weigerung gegründet, Vater zu werden. Wie aber, wenn er dazu gar nicht in der Lage war? Klara zitierte eine Erhebung, wonach in fünfzig Prozent der Fälle von anhaltender Unfruchtbarkeit der Mann für das Malheur verantwortlich war. Jetzt, nach dem Tod seines Vaters, wollt er wissen, ob er ein Kind haben könnte, falls er es wollte.
    (...)
    Das Urteil über seine Zeugungsfähigkeit kam durchs Telefon. (...) Wie Eduard selber vermutet habe, lasse die Qualität seines Samens zu wünschen übrig.
    (...)
    Sollte er wirklich kein Kind haben können? Aus der Beunruhigung, die dieser Gedanke auslöste, mußte er schließen, daß er sich allen Beteuerungen zum Trotz eigentlich immer Kinder gewünscht hatte. Offenbar hatte sich seine zeitweise Entscheidung gegen jede Nachkommenschaft auf die Gewißheit gegründet, daß sie jederzeit widerrufbar sei. Nun, da diese Gewißheit dahin war, verlor sein »Verzicht« jeden Glanz. Auf eine Möglichkeit heldenhaft zu verzichten, die man nie hatte, lief auf eine bestenfalls peinliche Veranstaltung hinaus."
    (Peter Schneider "Paarungen, 1992)

    Das Leben war wirklich ein grausamer Witz. Erst verbrachte man fünfzehn oder zwanzig Jahre mit Beten, daß man nicht schwanger war (...). Dann entschied man sich für Schwangerschaft und machte eine Wendung um hundertachzig Grad."
    (Marissa Piesman "Kontaktanzeigen", 1993)

    Warum wird gerade jetzt die sexuelle Revolution verteufelt?

    Michael BÖRGERDING ist in Oversexed (Theater der Zeit, Januar 2001) der Frage nachgegangen, warum Michel HOUELLEBECQ zur Leitfigur des deutschen Theaters geworden ist. Er geht davon aus, dass dies mit der gegenwärtigen Debatte um die sexuelle Revolution und deren zugeschriebenen Folgenkomplex zusammenhängt und geht deshalb der Frage nach, "warum gerade jetzt die Sexualität so verteufelt schwierig und elend erscheint, oder genauer: der Diskurs über Sexualität diese so unmöglich erscheinen lässt".
          BÖRGERDING kritisiert die Tendenz, die sexuelle Revolution für das ganze Elend dieser Gesellschaft verantwortlich zu machen: "für Atomisierung und Anonymisierung, kaputte Familien, verlassene Kinder, Einsamkeit und Angst".

    Die Nachzügler aus der Provinz und der Kulturschock

          Der Verfasser ist in den 50er Jahren in der katholischen Provinz aufgewachsen, einer Zeit und Gegend, in der Kinder Erwachsene als asexuelle Wesen erlebt haben (siehe hierzu auch Ralf ROTHMANN). Diese Erfahrung können Kinder, die in den 60er Jahren in Metropolen aufgewachsen sind, nicht mehr nachvollziehen. Aber viele dieser katholisch erzogenen Kinder sind in die Metropolen - oder grössere Städte - gezogen und erlebten einen "Kulturschock". Für andere war die sexuelle Revolution etwas, das sich auf dem Fernsehbildschirm abspielte, während das soziale Umfeld im katholischen Mittelalter verharrte.

    Die sexuelle Revolution hat bei der Single-Generation zwar den Verstand, aber nicht das Gefühl erreicht

          HOUELLEBECQ ist ein durch und durch katholischer Schriftsteller. Die sexuelle Revolution ist bei ihm im Verstand und im Handeln angekommen, aber nicht im Gefühl. Wie ihm ist es vielleicht vielen aus seiner Generation gegangen. In Interviews hat er immer wieder auf die Bedeutung des Religösen hingewiesen. Obgleich der Kirchgang im Alltag keine Bedeutung mehr hat, ist das Fühlen stärker durch die religiöse Sozialisation geprägt als dies viele glauben möchten. In sozialwissenschaftlichen Umfragen ist die Variable "Religion" immer noch unverzichtbar für die Erklärung unterschiedlicher Verhaltensweisen.

    Der Kreuzzugscharakter der Debatte

          Die Debatte um HOUELLEBECQ trägt durchaus Züge eines Religionskrieges, wenn er auch säkularisiert ausgetragen wird. Spätestens seit der Franzose Jean-Claude GUILLEBAUD mit seiner "Tyrannei der Lust" seinen Unmut über die Darstellung von Sexualität in den Medien auf einen griffigen linksmoralischen Begriff gebracht hat, ist die Rede vom Scheitern der sexuellen Revolution Allgemeingut in der öffentlichen Debatte.
          GUILLEBAUD möchte den Sex retten, indem er ihn aus der Öffentlichkeit verbannt. Eine auf den ersten Blick merkwürdige Vorstellung, wenn man die Verhältnisse der Vor-68er Zeiten aus eigener Anschauung kennt.

    Hinter den statistischen Oberflächen liegt die unsichtbare Alltagswirklichkeit

    Kann es möglich sein, dass es Menschen gibt, die sich dorthin zurückwünschen? Kaum vorstellbar. Höchstens sie glauben der Oberfläche statistischer Daten und sozialwissenschaftlicher Umfragen, die wenig über die Zustände hinter dieser Fassade eines "goldenen Zeitalters der Heirat" aussagen. Denn mitten in diese Idylle platzte der erste Jugendprotest und überraschte die unvorbereitete Öffentlichkeit. Dies war der "Sputnikschock" der Jugendforschung.
         1959 erschien Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend von Hans Heinrich MUCHOW. Es geht darin um die Halbstarken und die Erklärung der "Halbstarkenkrawalle":

    "Pfingsten 1953 haben sich auf dem Bahnhofsvorplatz von Hannover zum ersten Male jene Szenen abgespielt, die dann in den folgenden Jahren immer häufiger beobachtet werden konnten und die schließlich im Sommer 1956 die erschreckte Öffentlichkeit monatelang beschäftigt haben."

    Seit diesen Halbstarkenkrawallen ist die Jugend im Nachkriegsdeutschland immer schon verdächtig.

    Das Problem der 50er Jahre erscheint als Lösung der 90er Jahre

    In diesen goldenen 50er Jahren war die "Frühehe" ein Problem, heutzutage scheint so mancher Familienpolitiker und Bevölkerungswissenschaftler darin eher eine Problemlösung zu sehen, wenn man die Debatte um späte Heiraten verfolgt.

    Rückschlüsse von der Mediendebatte auf die Schlafzimmer und was davon zu halten ist

    Aber was hat dies mit der sexuellen Revolution zu tun? BÖRGERDING fragt sich, warum die These vom Sex, der überall zu sein scheint, nur nicht im Bett, heutzutage so populär ist. Er zitiert hierzu Mariam LAUs "Die neuen Sexfronten" aus dem Jahre 2000, wonach es zwischen dem öffentlichen Sprechen über Sexualität und dem öffentlichen Zeigen sexueller Verhaltensmodelle und der realen Sexualität einen direkten Zusammenhang gibt. Es wird eine Entlastungsstrategie postuliert, wonach die "Lustlosigkeit eine Befreiung von der sexuellen Überanspannung um uns herum" ist.
          Waren also die als asexuelle Wesen erlebten Erwachsenen der 50er Jahre im Grunde sexuell aktiver als heutige Erwachsene? Haben sie dies vor ihren Kindern nur besser geheimgehalten? Wenn man wissenschaftliche Ergebnisse mit der Skepzis eines Sozialwissenschaftlers betrachtet, dann gibt es nur einen einzigen Indikator, der objektiv Auskunft über den Erfolg von Sexualverhalten gibt: die Anzahl der geborenen Kinder. Alle anderen Herangehensweisen haben den Nachteil, dass sie nicht überprüfbar sind. Wenn ich Ergebnisse von Umfragen miteinander vergleiche, dann sagen diese eher etwas über den jeweiligen Zeitgeist zum Zeitpunkt der Umfrage bzw. Untersuchung aus, aber nicht unbedingt etwas über das reale Verhalten im Bett. Welche Massstäbe ziehe ich für Vergleiche heran? Was sagt die erfasste Zufriedenheit über das tatsächliche Verhalten und das Erleben aus? Solche Fragen werden gar nicht erst gestellt, wichtiger ist die Plausibilität von Thesen und die Entlastungsthese ist insofern plausibel, weil sie gut zur Debatte um den Geburtenrückgang passt.

    Die Massenmedien im Dienste der Bevölkerungspolitik

    LAU will zudem in ihrem Buch aufzeigen, dass Verheiratete mehr und besseren Sex haben und glücklicher sind als Unverheiratete. In den letzten Monaten hat es in der Presse genügend Meldungen gegeben, die diese These plausibel erscheinen lassen. Solche Meldungen sagen etwas über die Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas aus. Das Single-Dasein soll als unattraktive Lebensform erscheinen. Dadurch erhofft man sich eine Stabilisierung der Ehe und damit eine Erhöhung der Geburtenraten.
          Im Jahr 1996 haben die beiden Demographen Karl SCHWARZ und Jürgen DORBRITZ dieses Credo als Zielsetzung für eine Bevölkerungspolitik formuliert, die sie aus ihrer These von der zunehmenden Polarisierung in einen Familien- und einen Nicht-Familiensektor ableiten. Der langfristigen Erhöhung der Kinderzahlen pro Familie geben die Bevölkerungswissenschaftler keine Chancen. Im historischen Verlauf sind die geburtenstarken Jahrgänge in den 60er Jahren die Ausnahme gewesen und nicht die Regel. Erfolg hat nach DOBRITZ & SCHWARTZ allein "einer Ausbreitung der Kinderlosigkeit entgegenzuwirken". Entsprechend den normativen Prämissen sind nur Kinder in der Ehe erwünscht, d.h. mit dem Zurückdrängen der Kinderlosen ist gleichzeitig das Zurückdrängen des Single-Daseins verbunden. Diese Position entspricht dem Wertekonservatismus, der sich in Deutschland ausbreitet.

    Der bevorstehende Familienwahlkampf wirft seine Schatten voraus

    Der Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr wird ganz im Zeichen der Familienwerte stehen. Die Debatte um HOUELLEBECQ und die Debatte um die Folgen der sexuellen Revolution müssen im Kontext der gegenwärtigen sozialpolitischen Verteilungskämpfe gesehen werden.
           BÖRGERDINGs Ausführungen greifen deshalb zu kurz, wenn er meint, es reiche aus den Kulturbetrieb als selbstreferentielles System zu betrachten. Er gibt deshalb den Ratschlag es mit THEWELEIT zu halten:

    "Die Kunst (des Nicht-Boulevard-Seins) besteht darin, die jeweils vorgegebenen Rhythmen zu ignorieren; heißt, wählen, wenn nicht Wahl ist. Bleiben, wenn sich alle trennen. Lachen, wenn die Rhythmiker heulen. Freud lesen, wenn alle ihn treten. Lohnerhöhung fordern bei leeren Kassen. Nicht abonnieren, wenn abonniert wird. Und soweiter, undsofort: nur wer lernt, durch die Welle zu tauchen, kann sich sehen lassen in der Brandung, und erfährt die Sexualität des Meers."

    Singles sollten die Umkehr der Beweispflicht verlangen

    Viel wichtiger wäre heutzutage zu fragen, welche Folgen die öffentliche Debatte für jene Singles hat, die jetzt schon zu den Benachteiligten gehören. Wem nutzt diese Debatte, wenn die Debattierenden in erster Linie gutsituierte Angehörige der Neuen Mitte sind, die in Familien leben? Wenn es eine Selbstreferentialität gibt, dann ist sie auf diese Gruppe beschränkt.

     
     
     
           
       

    [ Homepage ]

     
           
       

    zitierte Literatur:

     
         
           
       

    weiterführende Links:

     
         
       
     
       

    Bitte beachten Sie:
    single-dasein.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

     
       
     
         
       
     
       
    © 2000-2002
    Bernd Kittlaus
    Bernds@single-dasein.de Erstellt: 21. Januar 2001
    Update: 07. April 2002
    Counter Zugriffe seit
    dem 04.Juni 2000