[ Debatte: Familien contra Singles ] [ Suche ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Debatte

 
   

Der Kampf der Lebensstile:

 
   

Die Normalfamilie der Neuen Mitte

 
       
     
       
   
 
 

"Catherine Lechardoy bestätigt von Anfang an alle meine Befürchtungen. Sie ist fünfundzwanzig, hat ein Technikerdiplom in Informatik und schlechte Zähne. Ihre Aggressivität ist erstaunlich (...) Jedes Wochenende fährt sie nach Hause, ins Béarn. Und voranzukommen. Noch drei Jahre, abends besucht sie Kurse am CNAM, um beruflich und sie hat vielleicht ihr Ingenieurdiplom in der Tasche. (...) Abends arbeitet sie oft bis Mitternacht in ihrer kleinen Einzimmerwohnung, um ihre Arbeit zu machen. Auf alle Fälle muß man kämpfen, um im Leben etwas zu bekommen: Das war immer schon ihre Meinung. (...) Sie ist wirklich nicht sehr hübsch. Abgesehen von den schlechten Zähnen hat sie glanzloses Haar und kleine, vor Zorn funkelnde Augen. Kaum Brüste, keinen Hintern. Gott hat es wirklich nicht gut mit ihr gemeint. (...) Ich bin sicher, daß sie nicht im Traum daran denkt, mit irgendeinem Typ etwas anzufangen."
(Michel Houellebecq (1999) Ausweitung der Kampfzone)

Der Kampf der Lebensstile

Der Soziologe Ulrich BECK hat 1986 in seinem Buch Risikogesellschaft drei Szenarien zur Gesellschaftsentwicklung im Bereich der Lebensformen entworfen, die paradigmatisch für die Positionen im Kampf der Lebensstile sind:

1) Die Entwicklung zur "vollmobilen Single-Gesellschaft"

Dieses Szenario ging davon aus, dass sich die radikalen Feministinnen der 70er Jahre, die in der kinderlosen, unverheirateten Karrierefrau den Prototyp der modernen Frau sahen, durchsetzen würden. Als Beleg für die Gefahr einer "Singelisierung" führte BECK den Anstieg der Einpersonenhaushalte an.
      Eine prominente Vertreterin dieser Richtung der feministischen Bewegung war die Britin Margaret ADAMS, die 1976 in ihrem Buch Single Blessedness. Observations on the Single Status in Married Society die ideologische Basis für eine "vollmobile Single-Gesellschaft" lieferte.
      Dieser Ansatz war jedoch bereits Mitte der 70er Jahre in die Defensive geraten und Mitte der 80er Jahre, als BECK sein Buch verfasste, war die Realisierung einer "vollmobilen Single-Gesellschaft" kein realistisches Szenario mehr. Die Popularität des Szenarios lag eher darin begründet, dass es sich ideal zur Polarisierung eignete und die eigene Position pointiert hervortreten liess.

2) Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

BECKs Position zielte auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Rahmen der traditionellen Haushaltsfamilie ab. Mitte der 80er Jahre war dies der Mainstream der Frauenbewegung, lediglich über die Formen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde gestritten.

3) Die "refeudalisierte Hausfrauenfamilie" der neuen Mitte

Das dritte Szenario von BECK entwickelte seit den 80er Jahren im Rahmen der postfeministischen Debatten eine steigende Anziehungskraft. Diese Position kann sich mit zwei Argumenten gegen die erstgenannten Szenarien abgrenzen:
a) Sie ist anschlussfähig zur BECKschen Position, indem sie dessen Kritik an der "vollmobilen Single-Gesellschaft" aufgreift und zur eigenen Profilierung weiter verwendet.
b) Sie richtet sich gegen BECKs Position, indem sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Überlastung thematisiert und die traditionelle Rollenverteilung als Lösung ansieht.

Die Attraktivität der Position ergibt sich aus folgenden gesellschaftlichen Problemlagen und Argumentationsmustern:
      1) Vollbeschäftigung ist kein gesellschaftliches Ziel mehr.
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich seit Mitte der 70er Jahre dramatisch zugespitzt. Wenigen Topjobs stehen viele Billigjobs gegenüber. Frauenarbeit ist vor allem Teilzeitarbeit und das männliche Normalarbeitsverhältnis entwickelt sich zum Privileg für Minderheiten.

      2) Der Umbau des Sozialstaats trifft die Geburtsjahrgänge in unterschiedlichster Weise.
Jüngere steigen aus dem Normalarbeitsverhältnis und damit aus der Beitragszahlung aus oder kommen erst gar nicht in den Genuss. Der "Unternehmer" wird zur neuen Leitfigur stilisiert. Die Konzerne haben durch ihre politisch geduldete Frühverrentungsstrategie die älteren Beitragszahler schrumpfen lassen. Die Ressourcen des Sozialstaats sind dadurch gefährdet. Ein zunehmender Verteilungskampf ist vorprogrammiert. Die "Politik der Lebensstile" und die "Politik der Generationenkonflikte" sind Ausdruck dieses Verteilungskampfes um knapper werdende Ressourcen und die Erschliessung neuer Ressourcen.

      3) Die "Hausfrau" wird zur neuen Avantgarde der modernen Frau stilisiert.
Die moderne Managerin widmet sich ihrem "Hausfrauendasein" freiwillig im Gegensatz zur Berufsfrau, die gezwungen ist zu arbeiten. Vorbild ist die Frau der Neuen Mitte, die sich für die Dreckarbeit Dienstpersonal hält und ihre Bestimmung "an seiner Seite" sieht.

      4) Die Ehe wird als "Rebellion" (Benjamin Stuckrad-Barre) oder als "Privileg" bzw. "Statussymbol" aufgewertet.
Die Ehe wird dadurch zum Akt des Protests, der Unterscheidung bzw. der freien Wahl, während das Single-Dasein als unattraktive Zwangssituation oder als unerwachsenes Verhalten abgewertet wird.

      5) Mutterschaft ist die einzigste Rolle, in der die Frau ihre Erfüllung findet.
Mutterschaft wird als freiwilliger Akt angesehen, während Erwerbsarbeit Zwang bedeutet. Kindererziehung ist die zentrale Aufgabe der modernen Frau. Wer es sich leisten kann, der beweist seinen gesellschaftlichen Status dadurch, dass er seine Kinder selbst erzieht und dies nicht delegieren muss. Berufstätige Frauen, die ihre Kinder von öffentlichen Einrichtungen betreuen lassen müssen, sind Rabenmütter.

Prominente Vertreterinnen dieser postfeministischen Richtung sind Karin JÄCKEL und Astrid von FRIESEN.

Der Erfolg des französischen Romanciers Michel HOUELLEBECQ kann als Beleg für die veränderten gesellschaftlichen Machtverhältnisse gewertet werden. In den beiden Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" lassen sich die zentralen Argumentationsmuster der beiden letztgenannten Positionen wiederfinden: die Beschreibung der Gesellschaft als "vollmobile Single-Gesellschaft", die Abwertung von Karrierefrauen und die Aufwertung der Haushaltsfamilie.

Der Kampf der Lebensstile ist im Kern ein Kampf um die Frage, welche Familienformen welche sozialstaatlichen Leistungen erhalten sollen. Die zentrale Konfliktlinie verläuft zwischen den Verfechtern der Vereinbarkeit von Beruf & Familie und den Verfechtern der Kleinfamilie mit traditioneller Rollenverteilung.
      Singles (unverheiratete Kinderlose über 30, die kinderlos bleiben wollen) spielen bei diesem Kampf keine aktive Rolle, da sie zahlenmässig eine unbedeutende Minderheit sind. Sie spielen jedoch eine Hauptrolle insofern sie den beiden Gegnern die Gelegenheit zur Schärfung ihres Profils geben.
      Die Kontroverse Singles versus Familien ist eine Scheinkontroverse, da es sich um Verteilungskämpfe zwischen Familien handelt. Die Umverteilung findet zwischen folgenden Familienformen statt:
- Paaren, die sich eine Familiengründung noch nicht leisten können,
- Familienhaushalten (Eltern und Kind(er) leben in einer Wohnung zusammen)
- und Eltern, die per Haushaltsdefinition zu Kinderlosen werden.

Die Verlierer im Kampf der Lebensstile werden in erster Linie Eltern sein, die aus der gesetzlichen Familiendefinition herausfallen.

Ein paar Beispiele aus dem Kampf der Lebensstile:

"Der Glaubenskrieg zwischen Eltern und Kinderlosen tobt, weil die Singles der Regierungs-PR geglaubt haben, die eigentlich die Eltern ruhigstellen sollte"
(Henning Krumrey (1994): Singles contra Familien, in: Focus Nr.33 v. 14.08.)

"Wie werden Singlezeiten mit Kinderzeiten verrechnet? Wer hat beim geschiedenen 1 Kind-Ehepaar 'seine Norm' erfüllt? Kann man unfreiwillig Kinderlose bestrafen (oder zur Adoption zwingen)?"
(Susanne Busch & Klaus Deimer (1994): Lebensweisen und staatliche Rahmenbedingungen. Probleme und Lösungsansätze anhand ausgewählter Beispiele, in: Grözinger (Hg.) Das Single)

"die aktuelle Diskussion über eine 'Kinderlosensteuer' wird zuweilen als 'Strafe' für die Nicht-Übernahme der gesellschaftlichen Reproduktionsaufgabe aufgefaßt. Doch in dieser Debatte wird mit einem sehr unpräzisen Begriff von 'Kinderlosigkeit' gearbeitet, der sich nicht nur auf 'ehelos/ledig ohne Kinder', sondern unterschiedslos auf einen 'Haushalt ohne Kinder', nämlich zur Zeit der Steuerberechnung, bezieht. Damit umfaßt er auch kinderlose Verheiratete und ferner Eltern, deren Kinder das Elternhaus verlassen haben, die also bereits ihren Beitrag zur Reproduktion der Gesellschaft geleistet haben, im Gegensatz zu den ledigen Kinderlosen"
("Rosemarie Nave-Herz & Dirk Sander (1998): Heirat ausgeschlossen? Ledige Erwachsene in sozialhistorischer und subjektiver Perspektive")

 
 
 
       
   

[ Homepage ]

 
       
   

weiterführende Literatur

 
     
     
     
     
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-dasein.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 18. November 2000
Update: 24. Februar 2002
Counter Zugriffe seit
dem 04.Juni 2000