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Debatte und weiterführende Literatur (teilweise verlinkt)

 
   

PUPPIES

 
   

Halb Punks - halb Hippies: Die Popdialektik in der Nachfolge der 68er

 
       
     
       
   
 
 

Zitate zur Hippie-Punk-Kontroverse

"Bevor der jugendliche Außenminister mit seinem kleidsamen Helm die aktuelle Version der 68er-Diskussion auslöste, kursierten zwei große Vorwurfskomplexe gegenüber der Generation, die sich immer selbst davor gewarnt hatte, wie unsere Eltern zu werden. Der eine prangerte ihr Gutmenschentum an, vor dem sich Leute, die sich viel auf ihre Lockerheit einbilden, seit etwa dem dritten Jahrgang der Titanic dauerhaft ekeln. Auf der anderen Seite werden die Stimmen nicht leise, die denselben 68ern ihren Hedonismus, ihre Missachtung der bürgerlichen Familie zugunsten egoistischer Ausschweifungen vorwerfen. Diese Linie führt von der legendären Rechtsaußen-Psychologin Christa Mewes über Sid Vicious, der als erstes prominentes 68er Kind seine eigene Kaputtheit auf die Exzesse seiner Mutter zurückführte, zu Michel Houellebecq.
Die beiden Vorwürfe widersprechen sich jedoch. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um ein 68er-Selbstgespräch handelt, den Streit zweier Fraktionen. Wenn es so ist, ist dieser Streit allerdings entpolitisiert worden - verglichen mit den Zeiten, als die einen noch Spontis, Anarchos oder umherschweifende Haschrebellen hießen und die anderen Mitglieder kommunistischer Bünde und Parteien waren. In beiden Debatten ist man bemüht, nicht zur Diskussion zu stellen, welche Moral die Moralisten so unerträglich macht oder in Namen welcher Konzeption von Familie, egoistisch-promiskes Sexualleben gegeißelt wird.
"
(Diedrich Diederichsen in der Frankfurter Rundschau vom 17.01.2001)

"»Junger Mann – oder ist das gar kein junger Mann, sondern ein Mädchen, kann man bei den langen Haaren gar nicht so genau sagen, höhö.« Dieses Problem löste bald darauf die Punk-Bewegung, nicht aber das der einsamen oder unverstandenen Männer."
(Diedrich Diederichsen in der Süddeutschen Zeitung vom 25.01.2001)

"77: das Jahr von Punk und Stammheim. Dies war die Korrektur von 68 (...). Überall und auf allen Niveaus entstanden kleine Zellen schwarzer Romantiker und Nihilisten, auch rechte Positionen wurden erstmals wieder versucht. Und so steht 77 für alles, was 68 vergessen hatte – kurz für alles, was eine bürgerliche Revolution nicht leisten kann. Nur hat 77 leider 68 nicht politisch und historisch verstanden und zum politischen Gegenschlag ausgeholt – 77 hat die politischen Defizite von 68 vor allem kulturell und lebensweltlich erfahren, verstanden und in eine Gegenkultur übersetzt. In eine Gegengegenkultur, wenn man denn 68 selber eine Gegenkultur nennen will.
Aber im Unterschied zu 68 wurde 77 nie hegemonial. Man löste die 68er nie ab: 68 ging weiter bis heute, 77 auch, aber darunter, daneben. Man kann sich seitdem eines von beiden aussuchen. Entweder (...) einen Kapitalismus, der Spaß macht, eine Produktivität, die die Seele nicht beleidigt. Eine hedonistische Hausse (...).
77 war dagegen dunkel und verbiestert (...). Wenn man noch politische Ideen hatte, dann ohne genaue Zielvorstellung und ohne Utopien. Die Parole lautete: Mikropolitik und kleine Fluchten. Oder man gab einer Verweigerung der Vorzug, die in keiner Richtigkeit mehr aufging, welche sich aus dem falschen Gegenüber ergeben hätte. Man konnte sich nicht verständlich machen, konnte sich auch untereinander kaum verständigen. Und deshalb wurde 77 auch nie zu einem Mythos wie 68 (...). Und selbst wenn es heute mittlerweile keine glühenden Vertreter von 68 mehr gibt, weil eigentlich alle, die nicht noch bei Luhmann nach Licht suchen, sich zwischen 77er Nicht-Positionen und Ironie eingerichtet haben – das ändert nichts daran, dass wir alle immer noch ziemlich beruhigt darüber sind, dass irgendwo und irgendwie Bürgerlichkeit und Aufklärung und 68 weiter voranschreiten. Dabei sollte es immerhin ein kleiner Trost sein, dass auf dem Weg in die totale Diktatur der Ware wenigstens die 68er noch da sind, Puste haben und sich durch die Welt wurschteln.
77 war die Romantik zur Aufklärung von 68. Und Sid Vicious war der Novalis. Er fand heraus: My Way – das bürgerliche Evangelium – endet bei Tod und Selbstmord. Zuende gedacht. Punk ist die Chiffre für dieses Sammelsurium, das von verbessertem Linksradikalismus bis zu heroischem Nihilismus reicht (...). Als Romantiker hatten sie ein anderes Verhältnis zu ihren Einstellungen als ein Rationalist – der das für falsch befundene leichten Herzens und erfreut über neue Einsichten abstreifen konnte."
(Diedrich Diederichsen in der Süddeutschen Zeitung vom 24.02.2001)

"Es war die Zeit, als Pink Floyd, Fleetwood Mac und die Eagles die Hippiebegeisterung der 68er ins Unerträgliche gesteigert hatten. Stadionrock und ein festgelegter Geschmack regierten wie Könige. Dann knallte es, zuerst in New York, dann in London: Punkrock war da. Die alten Könige waren tot. Mit den 68ern ging eine junge Generation gnadenlos ins Gericht.
Es war gegen dieses Alles-ist-ok-Gefühl der Hippies (...). Obwohl der Schlachtruf des Punk 'No Future' hieß, erwies sich die kulturelle und ästhetische Abrechnung mit allen bisher praktizierten Vorstellungen von Schönheit, Glück und Kunst als Jungbrunnen für Kultur, Medien und Gesellschaft (...).
Die Geschichte des Punk ist kulturell von ebenso grundlegender Bedeutung wie das Werk von Duchamp, Godard oder Stockhausen (...). Zum Geschichtsstudium empfohlen ist Julian Temples Dokumentarfilm 'The Filth and The Fury' (gerade auf Video erschienen), zu Deutsch: Der Schmutz und die Wut, in dessen Mittelpunkt das heroische Scheitern aller Anliegen der Sex Pistols gezeigt wird und gleichzeitig - als negative Dialektik - verdeutlicht wird, dass dieses Scheitern selbst den Sieg von Punk möglich machte: die Legendenbildung, die Verehrung, das Pathos, die Erinnerung und das Weitertragen des bedeutendsten Aufbegehrens nach 68 - ohne Utopien."
(Anne Philippi in der Welt am Sonntag vom 18.02.2001)

"Jeden Tag sickert ein Tröpfchen Johnny Rotten in unser Gewebe. Wir können es nicht vermeiden. Es sickert.
Und dieser Rotten, der eigentlich John Lydon hieß, ein Verklemmter, Katholik und Poseur, leitete die Debutsingle der Sex Pistols, Anarchy In The UK, mit dem Satz ein: "I'm an antichrist"; wobei er jedes einzelne Wort ausspuckte, als könne er sie nicht bei sich behalten, weil sie so bitter schmeckten (...). Im zweiten Satz, mit der gleichen Arroganz wie der erste heraus gepresst, präzisierte er sein Profil: I'm an anarchist. So. Ab sofort galt keine Norm mehr. Ziviliation, Bewusstsein, Erkenntnis, Vernunft, Pink Floyd? Alles löste sich im Nichts auf, die Stunde Null brach an; die Stunde des neuen Messias.
Denn mit Religion musste es schon etwas zu tun haben. Zu viele Menschen versichern, ein Konzert der Sex Pistols hätte ihr Leben verändert (..)
Es war nämlich so, dass sich die Popmusik jener Tage von der Gegenwart abgekoppelt hat, Punk aber die Gegenwart in der Musik einfangen wollte. Die Haltung war wichtiger als das Können: Bist Du wütend genug? Ja? Gut"
(Adam Olschewski in der Frankfurter Rundschau vom 26.05.2001)

"Meistens waren es die Älteren, die mit uns nach der Schule in den »Kaffeestuben« am Grindelberg herumsaßen, wo es damals, Mitte der 70er, schon genauso roch, wie es inzwischen in jedem Biomarkt riecht, und weil die 70er für mich keine guten Jahre waren, hasse ich diesen Geruch bis heute (...). Es war eine dunkle, fanatische Zeit, in der die meisten Jugendlichen genauso hässlich dachten, wie sie aussahen, sie waren verklemmte, unaufrichtige Nazikinder, die mit ihren verklemmten, unaufrichtigen Nazieltern mehr gemeinsam hatten, als sie sich je hätten träumen lassen.
Vermutlich waren sie cool. Mitte der Siebziger gab es dieses Wort eigentlich nicht – die Beatniks, die es einst den Schwarzen gestohlen hatten, waren längst vergessen, und die neuen Kinder des Pop, die es zwei Jahrzehnte später den Beatniks stehlen sollten, beschmierten gerade erst mit Fingerfarben die Wände ihrer antiautoritären Kindergärten (...)
Ich war gerade erst aus Prag nach Hamburg herübergekommen, und ich ging davon aus, dass alle Leute gleich sind (...). Ich bin mir sicher, meine deutschen Freunde und Bekannten haben viel früher als ich gemerkt, dass sie und ich anders sind, aber sie haben es mir leider nicht gesagt. So versuchte ich meine halbe Jugend lang zu entschlüsseln, warum die anderen das taten,was sie taten, und erst nachdem ich – mit Hilfe von jemandem, von dem ich gleich erzählen will – begriffen hatte, dass dieser ganze langweilige deutsche Coolness-Mist einfach nur langweiliger deutscher Coolness-Mist war, konnte ich mich Dingen zuwenden, die ich verstand (...).
Wenn ich heute an die dunklen Hamburger Jahre zurückdenke, kann ich mich an kaum ein Gesicht erinnern, geschweige denn an einen Namen. Der einzige Mensch aus der Zeit, den ich nicht vergessen habe, ist Mischa Grinberg aus Leningrad. Er (...) durchschaute den Westen viel schneller als ich, es verging kein halbes Jahr, und schon wusste er, welche Musik man gerade hörte und in welche Lokale man ging, er sprach ein absolut klares, akzentfreies Deutsch, und dass er Hamburgs zweite Punkband gründete, war ebenfalls eine absolut grandiose Assimilationsleistung von ihm gewesen.
Mischa und ich gingen natürlich manchmal auch in die »Kaffeestuben«, wir saßen mit den verklemmten Nazikindern an einem Tisch (...). Plötzlich aber passierte etwas. Ich weiß nicht, wer von uns beiden damit anfing, aber ziemlich sicher war er es gewesen, der große Durchblicker, der sagte, es sei genug. Jedenfalls war klar, dass wir mit diesem deutschen Jugendelend nichts mehr zu tun haben wollten. Ab sofort verachteten wir (...) sie dafür, dass sie selten das sagten, was sie gerade dachten (...) und wenn wir in die »Kaffeestuben« gingen, dann nur noch, um die lahme, kalte Bande dort als Hippiepack zu beschimpfen.
"
(Maxim Biller in der Süddeutschen Zeitung vom 01.06.2001)

PUPPIES - Halb Punks, halb Hippies oder die Popdialektik in der Nachfolge der 68er-Popmoderne

Am Beispiel von Michel HOUELLEBECQ und Maxim BILLER sollen die PUPPIES und die Mechanismen des gegenwärtigen Kulturkampfes, der teils als Generationenkonflikt und teils als Kampf der Lebensstile ausgetragen wird, dargestellt werden. Beide Aspekte sind jedoch nur zwei Seiten einer Medaille.
      Man könnte es sich einfach machen und das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell aus der Mottenkiste herauskramen. Dann könnte man die Persönlichkeitsstruktur der PUPPIES folgendermassen beschreiben:
      Das Über-ICH der PUPPIES ist durch einen moralischen Rigorismus geprägt, der den "Vor-Hippie-Zeiten" entstammt, denn die PUPPIES sind das Produkt einer vorsätzlichen Erziehung, die der alten Moral entsprungen ist. In der gegenwärtigen Generationen-Debatte wird selten die Unterscheidung zwischen "Prägung" und "Geprägtwerden" berücksichtigt. Die Väter und Mütter der PUPPIES waren ja selbst keine 68er. Desweiteren müssen Land-Stadt-Ungleichzeitigkeiten berücksichtigt werden.
      Das Hippie-ES der PUPPIES ist dagegen das Produkt einer Sozialisation, die aus den neuen Verhältnissen der "sexuellen Revolution" resultiert. Nicht erst heutzutage sind Jugendliche den enormen Gruppenzwängen der Cliquen unterworfen, denen sie angehören möchten.
      Das Punk-ICH ist dann das Ergebnis der widersprechenden Anforderungen von Vor-Hippie-Über-ICH und Hippie-Triebstruktur oder von sozialen Ausschlussprozessen. Das Punk-ICH wäre in beiden Fällen das Produkt eines Selbsthasses.
      Michel HOUELLEBECQ stände dann für den ersteren Fall und Maxim BILLER für letzeren.
Der Roman "Elementarteilchen" ist auch so gedeutet worden, als ob die Protagonisten Bruno und Michel zwei Seiten von HOUELLEBECQs Persönlichkeit darstellen würden. Bruno steht dann für das Hippie-Prinzip und Michel für das Punk-Prinzip. Michels Vision vom Klon als dem besseren Menschen ist die radikalisierte, technizistische Version der Punk-Attitude "No Future". Nicht mehr nur der Einzelne hat keine Zukunft mehr, nein, die ganze Menschheit hat keine Zukunft mehr.
      Maxim BILLER beschreibt dagegen in der SZ vom 31.05.2001 die Entstehung des Punk-Intellektuellen aus einem Gefühl des Ausgeschlossenseins. Wer nicht dazugehören kann, der wendet seinen Selbsthass entweder gegen sich selbst, oder gegen jene, die ihn ausschliessen. Aus den gewünschten Freunden werden so die gehassten Hippies.
      Eine psychologische Betrachtungsweise wird den PUPPIES jedoch nicht gerecht. Autoren sind keine autonomen Künstler, sondern sind auf einen Medienbetrieb und seine Gesetze verwiesen. HOUELLEBECQ hat den mediengerechten Kulturkampf auf die Spitze getrieben, indem er das Punk-Prinzip modernisiert hat. Er ist die politische Unkorrektheit in Person, ein Plastiktüten-Punk mit Zigarette. Ein Rebell gegen das linke Gutmenschentum und das sterile Fit-for-Fun-Ethos des gesunden, ökologischen Lebensstils. Gegen jede Vernunft setzt er auf eine Synthese aus Katholizismus, technischer Fortschrittsgläubigkeit und wiederverzauberter Sexualität. HOUELLEBECQ versöhnt damit Hippies und Punks auf eine Weise, die sowohl die eine als auch die andere Seite vor den Kopf stösst - damit aber genau in die Mitte jener Kultur zielt, die er für das Leiden an der Welt verantwortlich macht: den Hedonismus der Popmoderne.
      Für diesen Hedonismus steht in "Elementarteilchen" z.B. der Jet-Set Ende der 50er Jahre in St.Tropez mit den Stars Brigitte BARDOT und François SAGAN. In den 60er und 70er Jahren sind es dann der Mini-Rock und die Popmusik als Symbole der "Swinging Sixties".
      Der Hedonismus der Popmoderne ist für HOUELLEBECQ untrennbar mit jenen Phänomenen verbunden, die im Mittelpunkt seiner Kritik stehen: Rabenmütter, Scheidungen, Abtreibungen und nicht zuletzt die Serienkiller der 90er Jahre. HOUELLEBECQ hat damit die Munition für den Kulturkampf der Lebensstile geliefert, wie er in der Kontroverse Familie versus Single auch hierzulande seit Anfang der 90er Jahre in zunehmenden Masse entbrannt ist.
      Was der deutsche Soziologe Ulrich BECK mit dem Schlagwort "Individualisierung" für die Wissenschaft geschafft hat, das hat der Popliterat HOUELLEBECQ literarisch für die Kulturwelt nachgeholt.
      Die Schlagwörter "Individualisierung" und "Elementarteilchen" sind weitgehend synonym und stehen für einen Problemkomplex, der zur unhinterfragbaren Gewissheit einer Gesellschaft geworden ist, die eine Synthese aus lebensweltlichem Wertkonservatismus und ökonomisch-technischer Liberalisierung im Zeichen der Globalisierung anstrebt. Oder anders ausgedrückt: die Rückkehr zur traditionellen Kleinfamilie soll die Folgen der Fahrstuhl-nach-unten-Gesellschaft des globalen, digitalen Kapitalismus abgefedern.
      Ulrich BECK hat in den 80er Jahren die Metapher vom Fahrstuhl-Effekt geprägt. Während Deutschland bis Mitte der 70er Jahre eine Fahrstuhl-nach-oben-Gesellschaft war, gilt seitdem der umgekehrte Fall. Beide Gesellschaftstypen sind durch unterschiedliche Strategien gekennzeichnet. Ist es in der Fahrstuhl-nach-oben-Gesellschaft von Vorteil als erster den Fahrstuhl zu betreten, so profitieren in der Fahrstuhl-nach-unten-Gesellschaft jene, die bis zu letzt vor dem Fahrstuhl stehen bleiben.
      In der gegenwärtigen deutschen Debatte steht die Modernisierung des Sozialstaats im Vordergrund. In Frankreich hat unlängst der L'Express eine Titelstory gebracht, in der genau der BECKsche Fahrstuhleffekt den argumentativen Kern bildete:

"pour la première fois dans l'Histoire, une génération aura mieux vécu que les suivantes. En 1975, l'écart moyen entre le salaire des quinquagénaires et celui des trentenaires était de 15%; en 1995, il est passé à 40%: le pouvoir d'achat des quinquagénaires a progressé de 35%, tandis qu'a baissé celui des trentenaires, qui, même diplômés, mettent plus de temps à trouver un emploi fixe et dont la promotion est bloquée par des quinquagénaires dont ils devront payer les belles retraites... Durant les Trente Glorieuses, les vieux ont été sacrifiés au profit de la génération du baby-boom et, depuis les années de crise, c'est au tour des jeunes de souffrir pour que ses privilèges de génération gâtée ne soient pas touchés."
(Eric Conan im L'Express vom 24.05.2001)

Die französischen Baby Boomer - in Deutschland würde man in Anlehnung an Florian ILLIES von der "Generation Golf" sprechen - werfen quasi den 68ern ihr Privileg der frühen Geburt vor. Auch in Deutschland ist es üblich, dass Berufseinsteiger schlechtere Konditionen als jene in Kauf nehmen müssen, die erst einmal auf ihre gewerkschaftlich durchgesetzte Besitzstandswahrung hoffen dürfen. Das neueste Beispiel dafür ist das Wolfsburger Volkswagen-Arbeitszeitmodell.
      Bei der Modernisierung des deutschen Sozialstaats ist der Generationenkonflikt dagegen voll im Gange. Er wird jedoch nicht offen ausgetragen, sondern versteckt sich hinter der Kampagne gegen Kinderlose. Mittels Single-Rhetorik werden Eltern im Rentenalter in Kinderlose umdefiniert. Man möchte damit eine Umverteilung zwischen den kinderreichen, alten und den kinderarmen, jungen Generationen erreichen, gegen die sich die Rentner nur schwerlich wehren können. Viele sind sich der Tatsache gar nicht bewusst, dass sie in der Debatte nicht als Eltern, sondern Kinderlose gelten.
      Der Erfolg des französischen Romanciers darf deshalb nicht nur im Kontext der Kulturwelt gesehen werden, sondern muss auch im Rahmen der sozio-ökonomisch motivierten Kämpfe um den richtigen Lebensstil analysiert werden. Nancy FRASER beklagt im gerade erschienen Band "Die halbierte Gerechtigkeit" (Suhrkamp-Verlag) das Auseinandertriften einer sozialen und einer kulturellen Linken. An die Stelle der alten Statuskämpfe ist nach FRASER die Identitätspolitik getreten. Die stark emotional geführte Kontroverse Familien versus Singles zeigt jedoch, dass Umverteilungspolitik und Identitätspolitik nicht zu trennen sind.
      Mit den PUPPIES ist eine Kulturelite entstanden, die eine Speerspitze im Kulturkampf der Lebensstile darstellt. In einer Konzertkritik der SZ vom 01.02.2001 schreibt Christian SEIDL z.B.:

"Es sind Geschichten, die den Rolling Stone zu dem Urteil brachten, Eminem sei 'der einzigartigste, krankeste, komischste, verstörendste Popkultur-Autor, den wir haben'. Geschichten einer geschunden Seele. Die Mutter hat ihn verwahrlosen lassen, die Mädchen haben ihn verlacht, hintergangen und ausgenommen – warum soll er Frauen nicht hassen? Seine Schulkameraden haben an seiner Männlichkeit gezweifelt, ihn fagott genannt, gequält und verprügelt, weil er klein, schwach und hübsch war – warum soll er was für Schwule übrig haben? Die Liberalen und politisch Korrekten haben ihn zum Staatsfeind erklärt und dafür gesorgt, dass seine Platten aus vielen Läden verschwinden, während Waffen und andere Mordgeräte drin bleiben – warum soll er dieser Gesellschaft keine Ladung in den Hintern wünschen?
Höhepunkt des Konzerts ist eine überlange Version des Hits „The Way I Am“, sein vielleicht bestes, auf alle Fälle sein traurigstes Lied – so genial, deprimierend und klischeefrei hat keiner seiner Generation je über eine Welt ohne Liebe gesungen."
(Christian Seidl in der SZ vom 01.02.2001)

Die Identität von Künstlerbiografie und Kunstwerk soll eine Autenthizität herstellen, die kulturelle Gewissheiten schafft. Der Künstler steht für sein Produkt. So werden "Vorbilder" erschafft, die lebendiger Beweis für abstrakte gesellschaftliche Zusammenhänge sind. Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit entsteht in der Mediengesellschaft über die sinnhafte Verkörperung von Klischees. Die Konstruktion sozialer Identitäten ist ein wesentlicher Bestandteil in den Kulturkämpfen. Dies ist kein neues Prinzip, aber es wurde durch die Popmoderne modernisiert.
      Die Analyse von DIEDERICHSEN könnte sich als vorschnell herausstellen, wenn er schreibt: "Nur hat 77 leider 68 nicht politisch und historisch verstanden und zum politischen Gegenschlag ausgeholt – 77 hat die politischen Defizite von 68 vor allem kulturell und lebensweltlich erfahren, verstanden und in eine Gegenkultur übersetzt. In eine Gegengegenkultur, wenn man denn 68 selber eine Gegenkultur nennen will.
Aber im Unterschied zu 68 wurde 77 nie hegemonial."

      Es könnte aber auch sein, dass per x-maliger Revision dessen was 68 einmal war oder sein sollte, 68 so immun geworden ist, dass die Unterschiede zwischen 68 und 77 aufgehoben sind. Die PUPPIES sind solche Hybriden.

 
 
 
       
   

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weiterführende Literatur

 
     
   
  • zitierte Literatur:

    • KREYE, Andreas (2001): Punk. Ende. Aus.
      Bier, Sex und wunderbar schlechte Laune: Vor 25 Jahren gab die New Yorker Zeitschrift "Punk" der Bewegung ihren Namen,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 19.01.
    • SEIDL, Christian (2001): Intensivstation Sehnsucht.
      Der Skandal-Rapper Eminem erstmals auf einer deutschen Bühne,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 01.02.
    • PHILIPPI, Anne (2001): Go future!
      Was kommt nach der 68er-Debatte? Die 77er-Debatte! Wer war dabei, als Punk die westliche Gesellschaft erschütterte und was machen sie heute?,
      in: Welt am Sonntag v. 18.02.
    • DIEDERICHSEN, Diedrich (2001): Die Gegengegenkultur.
      68 war Revolte, 77 war Punk - warum nur 68 zum Mythos wurde,
      in: Süddeutsche Zeitung v. 24.02.
    • FRASER, Nancy (2001): Was ist gerecht?
      Früher, in der Fabrikgesellschaft, war die Sache klar: Es ging um die Arbeit. Und Gerechtigkeit hieß: Umverteilung, Heute, in der Wissensgesellschaft, ist die Sache interessanter. Gerechtigkeit heißt Anerkennung. Und mehr.
      in: Tagesspiegel v. 05.05.
    • CONAN, Eric (2001): Mai 68: La génération gâtée.
      Ils on eu de la chance, les soixante-huitards, d'être, au bon moment, les acteurs d'un mouvement de contestation. Nombre d'entre eux l'ont transformé en instrument de pouvoir. Mais aujourd'hui, gare à ceux qui les contestent.
      in: L'Express v. 24.05.
    • OLSCHEWSKI, Adam (2001): Bist du wütend genug?
      Vor 25 Jahren begann der Punk: Mit 'Blitzkrieg Bob' von den Ramones,
      in: Frankfurter Rundschau v. 26.05.
    • BILLER, Maxim (2001): Der Joint.
      SZ-Serie: Das war die BRD (23),
      in: Süddeutsche Zeitung v. 31.05.
 
     
       
   
 
   

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Bernds@single-dasein.de Erstellt: 11. Juni 2001
Update: 11. Juni 2001
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