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Mikrozensus
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Analysen
eines jährlich wiederkehrenden Rituals
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Die Politik der
Haushaltsstatistik
Es ist ein
alljährliches Ritual geworden. Die
Haushaltsstatistik ist das ideale Instrument,
um Politik im Sinne "Familien versus
Singles" zu betreiben.
Solange
das Statistische Bundesamt nicht die
Haushaltsstrukturstatistik mit der
Bevölkerungsstruktur verknüpfen muss, d.h.
sagen muss, dass in den 13,7 Millionen
Single-Haushalten NUR 13,7 Millionen Menschen
und damit ca. 69 Millionen Menschen NICHT in
Single-Haushalten leben, wird ein verzerrtes
Bild der tatsächlichen Lebensverhältnisse
in Deutschland vorgetäuscht. Denn ca.
85 % der Bevölkerung lebt NICHT
in Single-Haushalten!
Wenn man dann noch weiss, dass
sich das Statistische Bundesamt nur für
WIRTSCHAFTSGEMEINSCHAFTEN interessiert und
nicht für LEBENSVERHÄLTNISSE, dann ergibt
sich eine weitere Verzerrrung.
Die
Haushaltsstatistik überschätzt das
Alleinwohnen, weil das ALLEINWOHNEN GAR NICHT
ERFASST WIRD, SONDERN NUR DAS
ALLEINWIRTSCHAFTEN. In den Single-Haushalten
wohnen viele Paare, die nur nicht angegeben
haben, dass sie zusammenwirtschaften. Diese
Paare WOHNEN nur zusammen! Für die Art des
Zusammenwohnens interessiert sich die
Haushaltsstatistik überhaupt nicht. Das ist
Privatsache, d.h. eine
WIRTSCHAFTSGEMEINSCHAFT muss gar keine
PARTNERSCHAFT sein. Es gibt keine mir
bekannte repräsentative empirische
Untersuchung, in der weniger Paare gezählt
werden als vom Statistischen Bundesamt.
Die
Kategorie "Nichteheliche
Lebensgemeinschaft" sollte besser
"Wirtschaftsgemeinschaft von Mann und
Frau" heissen, denn genau das wird
erfasst und nichts anderes.
Die
ASOZIALITÄT ist die Konsequenz der
ökonomistischen Perspektive. Beziehungen
werden nur in ihrer ökonomischen Funktion
erfasst. Aber selbst diese Betrachtungsweise
ist unvollständig. Das Statistische
Bundesamt geht davon aus, dass ökonomische
Austauschprozesse nur innerhalb des Haushalts
und nicht zwischen Haushalten stattfindet.
Dies
ist aber genau jene Sichtweise, die auch in
der Single-Debatte vorherrscht. Die Familie
ist ein gesellschaftlicher Leistungsträger
und Singles werden deshalb auch nur als
Leistungsträger erfasst. Angesichts der
Tatsache, dass ca.
85 % der Bevölkerung nicht in
Single-Haushalten leben,
ist die Aufmerksamkeit
verständlich.
Singles sind EXOTEN!
Sie sind so selten,
dass man in den Medien nur etwas über sie
liest, wenn mal wieder ein Sündenbock
gesucht wird. Man muss deshalb die
Haushaltsstatistik sozusagen als LUPE
verwenden, um die Singles überhaupt sichtbar
machen zu können. Man würde sie sonst glatt
übersehen.
Wer Alleinwirtschaften
mit Alleinwohnen, Partnerlosigkeit oder
Kinderlosigkeit gleichsetzt, der muss
logischerweise ein falsches Bild unserer
Gesellschaft im Kopf haben. Jede dieser
Dimensionen kann unabhängig voneinander
auftreten, aber es existieren auch die
vielfältigsten Kombinationen.
Das Statistische
Bundesamt ist nicht am Puls der Zeit, sondern
lichtjahreweit davon entfernt!
Die Kritik am
Single-Begriff des Statistischen Bundesamtes
basiert auf der Magisterarbeit: "Das
Single-Dasein. Leistungen und Grenzen von
Begriffstraditionen und Typologien"
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- Die Pressekonferenz am 19.
April 2001
Das Statistische
Bundesamt stellt hier Pressemeldungen und den
Bericht
"Leben und Arbeiten in Deutschland -
Ergebnisse des Mikrozensus 2000" als
90-seitiges PDF-Dokument (3275 KB) zum Download
bereit
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- STATISTISCHES
BUNDESAMT (2002): 17 % der
Menschen in Deutschland leben allein,
in: Pressemitteilung
des Statistischen Bundesamt
v. 03.05.
- Die
Pressekonferenz in den Medien:
- EUBEL,
Cordula (2002): Viele leben wild,
die meisten trauen sich.
Mit Kindern ist im
Westen die Ehe nach wie vor die
häufigste Lebensgemeinschaft -
im Osten heiraten immer weniger,
in: Tagesspiegel
v. 03.05.
- BUL
(2002): Ehe wie ehedem.
Mikrozensus zu Familie
und Kindern,
in: Tagesspiegel
v. 03.05.
- KIRCH,
Raimund (2002): Dinner for one.
Werden wir zu einer
Gesellschaft von
"Ichlingen"?,
in: Nürnberger
Zeitung v. 04.05.
- WELT
(2002): In Deutschland leben 13,5
Millionen Singles.
Statistisches
Bundesamt untersucht mit dem
Mikrozensus 2001 wieder die
Lebens- und Familiensituationen
der Mitbürger,
in: Welt
v. 04.05.
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- SCHOLZ,
Ernst-G. (2001): Kinderlose Gesellschaft,
in: Hamburger
Abendblatt v.
25.04.
- Auszug:
"Statistik,
das sind nun mal in erster Linie
Zahlen und Prozente. Logisch und
kalt. Seele und Bedeutung
bekommen sie erst, wenn man sie
auf die Menschen bezieht, die
hinter den Ziffern stehen. Dann
werden sie lebendig und können
eine Dramatik entwickeln, die man
ohne die Zahlen so nie gesehen
hätte. Wie bei der Aussage, dass
in vier von fünf Hamburger
Haushalten keine Kinder mehr
großgezogen werden
(...) Man muss sich das mal
vorstellen: Ein Hochhaus und dann
die Balkone abgezählt. Eins,
zwei, drei, vier, Kinder, eins,
zwei, drei, vier, Kinder. Nur in
jeder fünften Wohnung lebt
mindestens ein Kind. Kinderlose
sind die Mehrheit.
- Kommentar:
Scholz
möchte die Menschen
hinter den Zahlen
sichtbar machen. Er
begeht dabei jedoch einen
typischen Denkfehler.
Wenn in vier von fünf
Haushalten keine Kinder
mehr grossgezogen werden,
dann heisst das eben
nicht, dass nur in jeder
fünften Wohnung ein Kind
lebt. Zwischen Allein-
bzw. Zusammenwirtschaften
und Allein- bzw.
Zusammenwohnen besteht
eine Differenz, die
sofort deutlich wird,
wenn man weiss, dass es
in Hamburg zwar 916.300
Haushalte gibt, aber nur
852.900 Wohnungen. Es
besteht also eine
Differenz von ca. 60.000.
Diese 60.000 Haushalte
werden nicht etwa von
Obdachlosen geführt, wie
das nach der Rechnung von
SCHOLZ sein müsste,
sondern eine Wohnung kann
mehrere Haushalte
umfassen. Da das
Statistische Landesamt
weder Wohngemeinschaften
noch Partnerschaften
erfasst, sondern nur
Wirtschaftsgemeinschaften,
ergeben sich in der
Realität andere
Verhältnisse: So wohnt
eine Alleinerziehende mit
einem Kind
(Zwei-Personen-Haushalt)
mit ihrem neuen Partner (Einpersonenhaushalt)
in einer Wohnung
zusammen. Daneben wohnt
ein Partnerloser
(Einpersonenhaushalt).
Sein Nachbar ist ein
Alleinwirtschaftender,
dessen Partnerin eine
Wohnung in einem anderen
Stadtteil hat, die sie
erst aufgeben möchte,
wenn sie sicher ist, dass
die Partnerschaft auch
die erste Krise
übersteht. Nebenan wohnt
ein alleinwirtschaftender
Zahlvater, der seine
beiden Söhne nur nach
einer ausgeklügelten
Besuchsregelung sieht
oder wenn die Mutter mal
kurzfristig einen
Babysitter benötigt.
Ganz unten wohnt eine
alleinwirtschaftende
Trümmerfrau, deren
überlebenden Kinder (die
Hälfte hat entweder die
Kindheit oder den Krieg
nicht überlebt) wegen
besserer Berufschancen
nach Süddeutschland
gezogen sind, aber sie
wollte ihren
Bekanntenkreis nicht
aufgeben und blieb lieber
im Norden. Die nackten
statistischen Zahlen oder
der polarisierende Blick
von SCHOLZ vereinfachen
lieber, denn um der
Familienpolitik willen
darf Realität nicht
vorkommen.
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-
- MU
(2001): Mehr als die Hälfte der
Frankfurter lebt alleine,
in: Taunus-Zeitung
v. 23.04.
- eMail
von single-dasein.de an die
Redaktion der Taunus-Zeitung:
"Mehr
als die Hälfte der Frankfurter
wohnt in Ein-Personen-Haushalten.
Das geht aus einem Bericht des
Amtes für Statistik hervor.
Demnach liegt der Anteil der
Singles an der Frankfurter
Bevölkerung seit zwei Jahren bei
50,6 Prozent. (...) Frauen leben
häufiger alleine als Männer.
Die 181000 Ein-Personen-Haushalte
werden zu 46 Prozent von einem
Mann und zu 54 Prozent von einer
Frau gebildet." Dies
schreibt ein Autor mit dem
Kürzel mu unter der Schlagzeile "Mehr
als die Hälfte der Frankfurter
lebt alleine".
Nach Ihren Angaben müsste
Frankfurt demnach ca. 357.707
Einwohner haben. In Ihren 181.000
Ein-Personen-Haushalte leben
ganze 181.000 Einwohner und dies
sind dann die Hälfte der
Frankfurter, ergo wohnen in
Frankfurt insgesamt 357.707
Menschen. Sie haben mit Ihrem
Artikel das Kunststück
geschafft, Frankfurt um fast die
Hälfte zu schrumpfen. Kein
Wunder wenn die Deutschen
aussterben!
Es sollte eigentlich klar sein,
dass es zwar über 50 %
Ein-Personenhaushalte in
Frankfurt gibt. Aber deshalb
wohnt noch lange nicht die
Hälfte der Frankfurter in diesen
Haushalten. Bei ca. 650.000
Frankfurtern wohnen 27,5 % der
Frankfurter in
Ein-Personenhaushalten. Diese
Zahl dürfte aber bereits sehr
hoch gegriffen sein.
Ich empfehle Ihnen für Ihren
nächsten Bericht über
Single-Haushalte das Buch:
BURKART,
Günter (1997): Lebensphasen -
Liebesphasen. Vom Paar zur Ehe,
zum Single und zurück?, Opladen:
Leske und Budrich
Hier speziell das Kapitel
"Die Singles und die Tücken
der Haushaltsstatistik"
(S.149ff.)
- INGA
(2001): Neue Statistik: Die meisten
Singles wohnen in St. Georg.
Statistisches
Landesamt stellt aktuelle Zahlen vor
in:
Welt
v. 21.08.
- Kommentar:
"Die
meisten Hamburger Singles wohnen
in St. Georg: Zwei von drei
Bewohner dieses Stadtteils leben
allein (67,8%)", ist der
erste Satz und er zeigt, dass
INGA besser über andere Themen
schreiben sollte.
Von einer
überregionalen Tageszeitung
sollte man erwarten können, dass
die Journalisten wissen, was sie
schreiben.
INGA begeht
einen klassischen Fehler und
setzt Bewohner mit Haushalten
gleich. Es ist zwar
wahrscheinlich richtig, dass es
in St. Georg 67,8 %
Einpersonenhaushalte gibt, aber
dass deshalb zwei von drei
Bewohnern allein lebt ist voll
daneben! Leider stellt das
Statistische Landesamt in Hamburg
keine stadtteilspezifische
Haushaltshaltsdaten ins Internet,
aber die Broschüre Statistik.Magazin.Hamburg
Nr.6 vom 17.04.2001
"Mikrozensus. Leben und
Arbeiten in Hamburg"
ist als PDF-Datei abrufbar. In
dem Magazin erfährt man, dass 25
% der Hamburger in den ca. 48 %
Einpersonenhaushalten leben. In
St. Georg wohnen also maximal 34
% allein. Das wären Ein von drei
Bewohnern. In diesem Fall dürfte
es nur Ein- und
Zweipersonenhaushalte in St.
Georg geben, was wenig
wahrscheinlich ist, d.h. der
Anteil der Alleinlebenden liegt
wohl irgendwo um die 30 %.
Die sozialpolitische Debatte
macht zwar solche Horrorzahlen -
wie sie von INGA präsentiert
werden - plausibel. Gerade
deshalb wäre es wichtig, dem
entgegen zu wirken.
Journalisten sollten lieber die
absoluten Haushaltszahlen angeben
oder noch besser: die Statistiker
auffordern den Bewohneranteil zu
nennen. Dadurch würde dem Leser
so manches Missverständnis
erspart bleiben. Dies wäre den
Alleinlebenden gegenüber
wesentlich fairer.
Hohe
Prozentzahlen mögen ja
langweilige Statistiken ein wenig
aufpeppen, aber sie schüren die
Vorurteile und das ist singlefeindliche
Berichterstattung!
- KREBS, Andrea
(2001): Familie ist da, wo Kinder leben.
Ein erster Bericht.
Zukunftswerkstätten sollen bis zum
Sommer Antworten finden
in: Neue
Ruhr Zeitung v.
20.11.
- Kommentar
KREBS berichtet über die
Vorstellung des ersten kommunalen
Familienbericht von Düsseldorf.
Um
dem Bericht Nachdruck zu
verleihen zitiert sie den
Sozialdezernenten Göbel,
"dass Düsseldorf die
Hauptstadt der Alleinerziehenden
und Singles ist". Danach
liefert sie statistische Daten,
die das belegen sollen:
"Von
den 480 001 Frauen und Männern
über 18 Jahren sind 227 626
Singles. Mit 47,9 Prozent besteht
fast die Hälfte aller Haushalte
aus einer Person, im
Bundesdurchschnitt sind das nur
35,7 Prozent."
Ein Vergleich
mit den Daten des Statistischen
Amtes
ergibt
folgendes: Am 31.12.1999 lebten
480.001 über 18Jährige in
Düsseldorf. Davon führten
147.023 einen Einpersonenhaushalt
und werden deshalb als
"Singles" bezeichnet.
Dies sind
zwar 47,9 Prozent der Haushalte,
aber nur knapp über 30 Prozent
"Singles".
KREBS
nennt eine um 80.000 erhöhte
Zahl (ca. 17 %). Würde man die
Zahlen ernst nehmen, dann würde
Düsseldort statt der 570.000 nur
396.000 Einwohner haben.
Desweiteren
wird nicht nach dem Alter der
"Singles"
unterschieden. Eine
alleinwohnende Witwe wird genauso
dazu gezählt wie ein Student in
einer Wohngemeinschaft. Aus der
Altersstruktur von Düsseldorf
ergibt sich, dass die grösste
Zahl von "Singles"
alleinwohnende Witwen sein
dürften.
Ausserdem
sollte sich eine Stadt wie
Düsseldorf mit anderen
Grossstädten messen und nicht
mit einem Bundesdurchschnitt ihre
angebliche Ausnahmesituation
hervorheben. Städte zeichnen
sich generell durch eine andere
Bevölkerungsstruktur als
Umlandgemeinden oder ländliche
Gegenden aus.
- ZIPS,
Martin (2002): Roland - allein zuhaus.
In Bayerns
Großstädten lebt jeder Zweite allein.
Besuch bei einem von zwei Millionen
Singles - wie ein 40-Jähriger das Leben
in der Einsamkeit meistert,
in:
Süddeutsche Zeitung
v. 09.02.
- Kommentar:
Es ist eine
Schande, dass in einer
überregionalen Zeitung immer
noch Falschmeldungen über die
Anzahl der Singles zu lesen sind.
Es kann gar
keine Rede davon sein, dass in
Bayerns Großstädten jeder
Zweite allein lebt. Der Autor
verwechselt die Haushalts- und
Personenebene.
ZIPS
hätte besser bei seinem Kollegen
von der Regionalzeitung
"MAIN ECHO"
(10.12.2002) abgeschrieben, denn
dort steht zu lesen, dass
"in den bayerischen Städten
mit mindestens 100 000 Einwohnern
über 26 Prozent der Menschen
alleine (lebten). Fast jeder
zweite Haushalt (49 Prozent)
bestand dort aus nur einer
Person."
Auch wenn man bei der SZ gerne
die Familien als aussterbende
Minderheit darstellt, so sollte
man nicht versuchen die Anzahl
der Singles künstlich zu
dramatisieren, denn dies ist singlefeindliche
Medienberichterstattung.
"Nur
wenige Singles sind unter
30". Dies ist so richtig wie
falsch!
Die grösste
Gruppe sind die älteren Witwen.
Aber auch junge Singles unter 30
sind in Bayern mit 18 Prozent
eine bedeutende Gruppe. Die
Alleinlebenden jedoch, die im
Brennpunkt der Medien stehen,
sind die 25-45 Jährigen. Nur ist
das nicht die Mehrheit, wie es
ZIPS nahelegt, sondern eine
Minderheit.
Nur in einem
Punkt liegt ZIPS richtig:
Männer
dominieren in dieser Gruppe auch
wenn die weiblichen Yuppies gerne
in den Vordergrund gerückt
werden. Das Fallbeispiel eines
geschiedenen Alleinlebenden, der
Unterhalt zahlen muss, liegt
näher an der Wirklichkeit des
typischen männlichen Singles im
mittleren Lebensalter als die
üblichen
Lifestyle-Yuppie-Geschichten. Der
Soziologe Jörg ECKHARDT nennt
diese Gruppe die
"gebrauchten
Junggesellen".
- DIERING,
Frank (2002): Keine Lust mehr auf Kinder.
Neue Statistik: Jede
fünfte Familie lebt von Sozialhilfe -
Berlin entwickelt sich zur Hauptstadt der
Singles,
in: Berliner
Morgenpost 16.07.
- Kommentar:
"Fast
jeder zweite Berliner lebt in
einem Single-Haushalt",
behauptet DIERING. Wäre diese
Meldung richtig, dann hätte
Berlin nur 1,8 Millionen
Einwohner und keine 3,3
Millionen!
Dies mag zwar jene bestätigen,
die das Aussterben der Deutschen
befürchten, aber der Realität
entspricht es nicht.
Nur
26,8 % der Berliner leben in
einem Einpersonenhaushalt, obwohl
der Anteil der
Einpersonenhaushalte in Berlin 49
% beträgt.
Das
Statistische Landesamt Berlin
meldet deshalb auch fast korrekt:
"Die
Hälfte aller Berliner Haushalte
sind Singles"
(Pressemeldung vom 03.07.2002).
Interessant
ist auch die Tatsache, dass die
Männer im Alter von 25-50 Jahren
dominieren. Dies steht im krassen
Gegensatz zur Tatsache, dass die
kinderlose Karrierefrau die
Single-Debatte beherrscht. Mehr als
doppelt soviele Männer wie
Frauen wohnen im mittleren
Lebensalter alleine. In das Bild
von DIERING passt ein solcher
Sachverhalt jedoch nicht.
Ein Blick
auf das Schaubild der
Pressemeldung vom Statistischen
Landesamt Berlin führt die Schieflage
der Debatte
dagegen drastisch vor Augen.
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- WIDMANN,
Arno (2001): Eine Gesellschaft von
Singles,
in: Berliner
Zeitung v.20.04.
- Leserbrief
von single-dasein.de an die
Berliner Zeitung (21.04.2001):
"Die
Einpersonenwirtschaft ist heute
der häufigste Haushaltstyp in
der Bundesrepublik. Man wird -
das macht diese Entwicklung
deutlich - die Familie nicht
wieder zum zentralen Ort, zum
Kern der Gesellschaft machen
können" schreibt Arno
Widmann. Das hört sich auf den
ersten Blick beängstigend an.
Aber wenn in Deutschland über 82
Millionen Menschen leben und nur
13,7 Millionen in
Single-Haushalten, dann heisst
dies, dass ca. 85 % der
Bevölkerung NICHT in
Single-Haushalten lebt. Wenn es
weiter heisst: "In
Westdeutschland nahm die Zahl der
Single-Haushalte bei den 25- bis
40-Jährigen seit 1961 um mehr
als das Fünffache zu." Auch
dies hört sich nur auf den
ersten Blick dramatisch an. Das
Statistische Bundesamt spricht
von den 25-45Jährigen und diese
Personengruppe macht nicht einmal
7 % der Bevölkerung aus. Die
Ledigen in Single-Haushalten (ca.
3 % der Bevölkerung) sind vor
allem Studenten und Auszubildende
oder Berufseinsteiger. Die
Verbesserung der
Wohnverhältnisse hat den Effekt,
dass sie nicht mehr in
Anstaltshaushalten (Wohnheimen)
untergebracht sind, sondern in
Appartments. Über solche
Verschiebungen wird leider nichts
ausgesagt. Menschen in
Einpersonenhaushalten sind also
vor allem jene, die auch früher
keine Familie gegründet haben.
Im mittleren Lebensalter handelt
es sich vor allem um geschiedene
Männer (meist Zahlväter). Die
Zahl der über 75Jährigen ist
seit 1961 um mehr als das
Vierfache gestiegen. Dies
verdeutlicht, dass die erhöhte
Lebenserwartung und nicht die
niedrige Geburtenzahl (die Zahl
der Lebendgeboren ist 1978 in den
alten Bundesländern sogar um
über 100.000 niedriger gewesen
als 20 Jahre später) das
eigentliche Problem ist. Wer die
Schuld für die demografische
Entwicklung bei den jungen
Singles sucht, der hat sich
offensichtlich im Dschungel der
Haushaltsstatistik verirrt.
- Eine
detaillierte Erläuterung
der Kritik:
In
der gegenwärtigen
Kontroverse
"Familien versus
Singles" wird der
Single-Begriff meist als
Synonym für Haushalte
ohne Kinder verwendet,
z.B. in der
Titelgeschichte des
SPIEGELS "Zurück
zur Familie".
WIDMANN weicht jedoch
davon ab, wenn er von
Single-Haushalten
spricht. Diese sind nur
eine kleine Untergruppe
der Haushalte ohne
Kinder. Die
gutverdienenden Haushalte
ohne Kinder sind in
erster Linie unter den
Mehrpersonenhaushalte
ohne Kinder zu suchen.
Indem WIDMANN die
25-45jährigen und deren
enormen Zuwachs in den
Mittelpunkt stellt,
möchte er anscheinend
den Eindruck erwecken,
dass es vor allem die Yuppies
sind, die sich hinter
dieser Gruppe verbergen.
Eine Fehleinschätzung,
die er mit vielen seiner
Kollegen teilt.
Die Yuppies, die sich
unter den
Einpersonenhaushalten
befinden, sind vor allem
ein Kategorienproblem des
Statistischen Bundesamt.
Nicht das Zusammenwohnen
von Mann und Frau,
sondern nur das
Zusammenwirtschaften
bildet für das
Statistische Bundesamt
die Grundlage zur
Einordnung in einen
Mehrpersonenhaushalt.
Die Zahl der
Single-Haushalte ist
gerade im
"Familienlebens-Alter"
besonders niedrig. Es
überwiegen jüngere und
ältere
"Singles". Dies
deutet bereits darauf
hin, dass das lebenslange
Alleinwirtschaften die
Ausnahme von der Regel
ist.
In dem Bericht des
Statistischen Bundesamtes
fehlen ausgerecht jene
Zahlen, die besonders
aussagekräftig wären.
Es gibt nur eine Tabelle
mit der Altersstruktur
der Einpersonenhaushalte.
Notwendig wäre jedoch
eine Tabelle aus der
sowohl das Lebensalter
als auch der
Familienstand hervorgeht.
Stattdessen wird auf die
Zunahme im Vergleich zu
früheren
Mikrozensusuntersuchungen
ausgewichen.
Daraus lässt sich
schliessen, dass es nur
eine getrennte Tabelle
von Alter und
Familienstand gibt.
Letztere fehlt im
Bericht. Man wird auf das
Erscheinen der Fachserie
warten müssen, um
genaueres darüber zu
erfahren.
Die Nichterwähnung der
erstaunlichen Zunahme der
über 75jährigen lässt
dagegen darauf
schliessen, dass die
Aufmerksamkeit auf das
Thema
"Kinderlosigkeit"
und nicht auf das Thema
"höhere
Lebenserwartung"
gelenkt werden soll. Dies
passt wiederum zur
gegenwärtigen Debatte
über das angebliche
"Aussterben der
Deutschen".
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- HEIDENREICH,
Hans-Joachim & Manuela NÖTHEN (2002): Der
Wandel der Lebensformen im Spiegel des
Mikrozensus,
in: Wirtschaft und Statistik
Heft 1, S.26-38
- Kommentar:
Die Autoren stellen
die Defizite des Mikrozensus bei der
Erfassung von Paaren und Familien in den
Mittelpunkt und formulieren Anforderungen
für eine Reform des Mikrozenus. Die
Soziologen Hans
BERTRAM und Norbert F.
SCHNEIDER haben mit
empirischen Untersuchungen die
Unzulänglichkeiten des
Haushaltskonzeptes bewiesen.
Die
vorgeschlagenen Reformen von HEIDENREICH
& NÖTHEN bleiben weit hinter dem
zurück, was aus Sicht der Soziologie
bezüglich der Erfassung von Lebensformen
wünscheswert wäre. Das grösste Manko,
die "haushaltsbegrenzte
Betrachtung", wird auch nach einer
Reform des Mikrozensus weiter bestehen
bleiben.
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©
2000-2002
Bernd Kittlaus |
Bernds@single-dasein.de |
Erstellt:
21. April 2001
Update: 17. Juli 2002 |
|
Zugriffe
seit
dem 04.Juni 2000 |
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