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Buchrezension

 
   

Hanif Kureishi

 
   

Rastlose Nähe

erschien im Februar 2001 als Taschenbuch bei Rowohlt

 
       
     
       
     
       
   
 
 

"You are young and life is long and there is time to kill today
And then one day you find ten years have got behind you
No one told you when to run, you missed the starting gun

And you run and run to catch the up with the sun, but it's sinking
And racing around to come up behind you again
The sun is the same in the relative way, but you're older
Shorter of breath and one day closer to death"
(Pink Floyd "Time", 1973)

"Yu don't need to discuss much
Just drop off the key, Lee
And get yourself free"
(Paul Simon "50 Ways to leave your lover", 1975)

"Eine Erfahrung machen heißt, wie unerwartet den Augenblick finden, in dem eine Geschichte zu Ende ist und von diesem Ende her formuliert werden kann."
(Michael Rutschky "Erfahrungshunger, 1982, S.226)

"In der Suche nach Selbsterfüllung reisen die Menschen nach Tourismuskatalog in alle Winkel der Erde. Sie zerbrechen die besten Ehen und gehen in rascher Folge immer neue Bindungen ein. (...) Besessen von dem Ziel der Selbstverwirklichung reißen sie sich selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre Wurzeln auch wirklich gesund sind. Dieses Wertsystem der Individualisierung enthält zugleich auch Ansätze einer neuen Ethik, die auf dem Prinzip der »Pflichten gegenüber sich selbst« beruht. (...) Diese neuen Wertorientierungen werden auch leicht als Ausdruck von Egoismus und Narzißmus (miß)verstanden. Damit wird jedoch der Kern des Neuen, der hier hervorbricht, verkannt. Dieser richtet sich auf Selbstaufklärung und Selbstbefreiung als eigentätigen, lebenspraktischen Prozeß"
(Ulrich Beck "Risikogesellschaft", 1986, S.156f.)

"Sinn und Gemeinsamkeit der Liebe sind immer gefährdet. (...) Eine Hauptgefährdungsquelle liegt in der Frage, wer wie über das Bestehen der Gemeinsamkeit und der Liebe zu entscheiden vermag. Zwei Schalthebel öffnen die Falltüren: Die Aufkündigung der Gemeinsamkeit kann isoliert erfolgen, ohne Vetorecht des »Gekündigten«. Und: Das Kriterium der Aufkündigung ist - letztlich - die subjektive Befindlichkeit, das Verhältnis von Liebestraum und -wirklichkeit im Horizont der individuellen Wahrnehmung (und angesichts von Konkurrenzen im offener werdenden Angebot). Hinter der Unendlichkeit der Beziehungsgespräche droht immer das Fallbeil der einseitigen Entscheidung. Daher rennen sie wie Ratten im Käfig."
(Ulrich Beck "Die irdische Religion der Liebe" in: Beck/Beck-Gernsheim "Das ganz normale Chaos", 1990, S.255)

"Die Liebe ist ein utopischer Roman."
(Michael Rutschky "Lebensromane, 1998, S.124)

Jay, ein erfolgreicher Londoner Drehbuchautor im mittleren Alter, hat sich entschlossen am nächsten Morgen seine Lebensgefährtin und seine beiden kleinen Söhne ohne ein Wort zu verlassen. Am Vorabend überprüft er noch einmal seine persönliche Bilanz, die zu dem Entschluss geführt hat. Will er sein gewohntes Leben wirklich aufgeben?
      
Peter J. STEIN, ein amerikanischer Pionier der Singleforschung hat in den 70er Jahren die Motive von Trennungen systematisiert, die Hanif KUREISHI in dem Roman "Rastlose Nähe" literarisch verarbeitet. Es zeigen sich aber auch Differenzen zu den 90er Jahren, denn STEIN hat sich bei seiner Systematik auf die Partnerschaftsdimension beschränkt, während Jay sich auch mit seiner Vaterschaft auseinandersetzen muss.
      Die Vor- und Nachteile des Single-Daseins müssen gegenüber den Vor- und Nachteilen der gelebten Beziehung zu Susan, Jays Lebensgefährtin, und den Kindern abgewogen werden. Eigene Erfahrungen, soziale Vergleiche und Vorstellungen darüber wie das Leben sein sollte, fliessen in diese persönliche Bilanz mit ein.
      
Was hat Jay zu verlieren? Jay führt eine typisches modernes Familienleben der Neuen Mitte, in der Leute "das Haus putzen, Hemden und Blusen bügeln, den Garten pflegen und die Bäume beschneiden, außerdem Kindermädchen, Babysitter und Au-Pair-Mädchen, ganz abgesehen von Masseuren, Dekorateuren, Akupunkteuren, Finanzberatern, Klavierlehrern, Steuerberatern". Jay und Susan sind ein Doppel-Karriere-Paar, deren Kinder in der Obhut der Dienstleistungsgesellschaft aufwachsen (siehe hierzu Simone ODIERNA).
      
Jay ist ein sozialer Aufsteiger - ein sogenannter Neureicher, der unter den Bedingungen seiner Herkunftsfamilie aus der unteren Mittelschicht gelitten hat. Seine Eltern hat er zerstritten oder sprachlos erlebt, aber sie sind zusammen geblieben, weil dies in den 50er Jahren so üblich war. Erst als die Kinder aus dem Haus waren, sind sie aufgeblüht: "Meine Eltern (...) gingen durch die Dunkelheit und entdeckten eine neue Vertrautheit".
      Aber Jay möchte nicht warten bis die Kinder aus dem Haus sind und zieht deshalb andere Lehren aus dem Familienleben der Eltern. Vom Vater hat er die Erfahrung, dass "die Ehe nur wenig Freude bringt; sie verlangt Durchhaltevermögen wie eine Arbeit, die zu tun man haßt. Man kann sie weder kündigen noch genießen". Die Mutter wäre lieber weggegangen, aber sie hatte keine eigenes Geld, das ihr ein eigenes Leben unabhängig vom Ehemann ermöglicht hätte. Die Botschaft ihres Lebens lautet deshalb für Jay: "Kinder hindern dich am Leben. Das war die Botschaft, die ihr Unglück an uns richtete".
      
Aber Jay vergleicht seine Lebenssituation nicht nur mit jener seiner Eltern, sondern auch mit seinen gleichaltrigen Freunden und Bekannten. Asif lebt das traditionelle Familienmodell der 50er Jahre. Er hat sich gegen eine Karriere und für eine Familie entschieden:

"An der Universität war er der intelligenteste unseres Jahrgangs und galt als eine Art Märtyrer, weil er Lehrer wurde".

Asif vertritt die Familienwerte und argumentiert aus der Perspektive des Kindeswohls, die Verantwortung gegenüber den Kindern höher bewertet als eine erfüllte Partnerschaft. Asif übt sich in Selbstbescheidung, die Jay nicht akzeptieren kann und sich deshalb trotzig fragt:

"warum müssen Menschen mit Talent zum Familienleben so selbstzufrieden sein und davon ausgehen, dies sei der einzig richtige Lebensentwurf, als wäre jeder, der anders denkt, unzulänglich? Warum kann man ihnen nicht vorhalten, ihnen mangele es an der Fähigkeit zur Promiskuität?"

Jay greift hier auf eine Argumentationfigur zurück, die auf den Entstehungszusammenhang der Single-Bewegung verweist.
      
Das Stereotyp vom "Swinging Single" war eine Kampfansage gegen die Vorherrschaft der Ehe und die Behauptung, Verheiratete wären glücklicher. Geschiedene konnten daraus ihr neues Selbstwertgefühl beziehen.
      Seit den 80er Jahren hat dieses Stereotyp jedoch seine Bedeutung verloren. Dies hängt vor allem mit der feministischen Mütterbewegung der 80er und 90er Jahre zusammen (siehe hierzu auch EHRENREICH/HESS/JACOBS). KUREISHIs Erzählung muss deshalb auch als Abrechnung mit dieser Art von Feminismus verstanden werden.
      
Susan ist der Prototyp der feministischen Mutter, deren Ideal die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist und die ihre Erfüllung aus ihrem Berufsleben und vor allem aus der Beziehung zum Kind bezieht:

"Sie küßt die Kinder innig. Ich liebe ihre Begeisterung für sie. Wenn wir uns wirklich unterhalten, dann nur über die Kinder (...). Susan berührt mich nicht, hält mir lediglich ihre Wange hin, einige Zentimeter von meinen Lippen entfernt, so daß ich mich etwas vorlehnen muß, um sie zu küssen - eine Demütigung für uns beide".

Jay fühlt sich ausgeschlossen: Susan "reklamierte die Babys und die Kompetenz für sich, ihre Freundinnen und ihre Mutter. Erst in den letzten Monaten habe ich mich nützlich machen können. Und erst kürzlich habe ich mich in ihn verliebt, ein Gefühl das aus unzähligen Momenten des Staunens erwuchs".
      Jay ist ein verhinderter "neuer Vater". Und er erkennt die Folgen seiner diesbezüglichen Bindungslosigkeit: wozu sind Männer heutzutage überhaupt gut?

"Sie schwängern die Frauen. Später überweisen sie vielleicht gelegentlich Geld. Was könnten Väter sonst sein? Das war keine Frage, die sich Dad stellen mußte. Das Vatersein war damals kein Thema."

Das Problem der Zahlväter ist nach KUREISHI nicht nur ein von Männern verschuldetes Problem, sondern hat seine Ursachen auch in der Verweigerung einer neuen Vaterrolle von seiten der Mütter. Die Kritik von Christiane KORFF: "die Frau an seiner Seite sollte alles sein: perfekte Liebhaberin, aufopfernde Mutter, erfolgreiche Berufstätige" ist deshalb unzutreffend (Berliner Morgenpost v. 02.05.1999). Zutreffend ist jedoch, dass für Jay die leidenschaftliche Liebe der zentrale Wert ist. Die Liebe ist die irdische Religion, der sich Jay verschrieben hat.
      
Der Soziologe Niklas LUHMANN hat in dem Buch "Liebe als Passion" (1982) die romantische Liebe und die Liebe als Passion unterschieden. Das traditionelle Familienmodell der 50er Jahre folgte dem Muster der romantischen Liebe, d.h. der Einheit von Liebe, Sexualität und Ehe. Dies führte jedoch oftmals zur Doppelmoral, d.h. heimlichen Seitensprüngen. Dieses Modell der Trennung zwischen Liebe und Sexualität nennt LUHMANN "Liebe als Passion", das seinen ideengeschichtlichen Ursprung in Frankreich hatte. Für Susanne GASCHKE ist dieses Modell der Doppelmoral der Ausweg, um die lebenslange Familie zu retten und gleichzeitig Erfüllung in Affären zu finden. Diese "Revolution im Reihenhaus" (ZEIT v. 11.03.1999) ist für GASCHKE das Familienmodell der Neuen Mitte.
      Jay lehnt diese Doppelmoral ab. Er hat zwar Affären während seiner Beziehung zu Susan, aber diese sind für ihn das Zeichen, dass die Beziehung gescheitert ist:

"Wann fing es an, zwischen Susan und mir schiefzugehen? Als ich meine Augen öffnete; als ich beschloß, sehen zu wollen. Vor einigen Monaten gingen wir in sein Arbeitszimmer und ich bat ihn, Susan zu erklären, ich wäre bei ihm gewesen, als ich bei Nina war."

Jay ist ein Anhänger der seriellen Monogamie, obwohl er als Jugendlicher Promiskuität in Ordnung fand: " Ich glaube, ich war der Ansicht, ohne Kinder bestünde kein zwingender Grund zur Monogamie". Serielle Monogamie heisst, wenn die Liebe erlischt, dann ist auch die Beziehung zu Ende.
      Aber Jay ist inkonsequent. Er hält die Beziehung zu Susan weiterhin aufrecht und lebt das Modell der Doppelmoral, das für ihn angenehm ist:

"Ich hatte eine annehmbare Lebensgefährtin, entzückende Kinder und die perfekte Geliebte, die ich fortschicken konnte, wenn sie anfing, sich mißgelaunt und schmollend aufzuführen."

Dies zeigt den Reiz einer solchen GASCHKEschen Problemlösung. Jay trennt sich erst von Susan als seine Geliebte Nina sich mit ihrer Rolle als Geliebte nicht mehr zufriedengibt und Jay so zu einer Entscheidung zwingt: "Sie teilte mir mit, sie wolle mich eine Zeitlang nicht sehen. Sie müsse Abstand gewinnen. (...) Ich dachte ich würde sie schnell vergessen." Mit dem Ende dieses Arrangements, das die Trennung hinausgezögert hat, wird die Trennung für Jay unumgänglich. Aber er wartet auch in dieser letzten Nacht immer noch darauf, dass Susan sein Begehren wieder weckt. Dann würde er noch ein Jahr bleiben.
      
Das Single-Dasein ist für Jay angstbesetzt, kein Zustand, dem er sich freiwillig auf Dauer aussetzen möchte. Sein Kumpel Victor ist für ihn das Negativbeispiel. Victor hat sich vor acht Jahren von seiner Frau getrennt und lebt seitdem im Single-Appartement. Auch wenn er mitten in einem Londoner Bohème-Viertel wohnt, in dem die große Auswahl an Restaurants und Single-Bars ein angenehmes ungebundenes Leben ermöglicht, ist er mit dem Swinging-Single-Leben und seinen wechselnden Liebschaften unzufrieden.
      Jay hat selbst Erfahrung mit dem Leben in WGs und im Alleinleben:

"Bevor Susan und ich wieder zusammenkamen, lebte ich auch alleine. Man könnte sagen, der erste Junge sei aus der Isolation heraus gezeugt worden, wenige Monate nach Vaters Tod. Ja. Ich begreife das Verlockende der Selbstgenügsamkeit, der Vorstellung, wir könnten alles, was wir brauchen, aus unserem Inneren schöpfen, und unsere Selbstliebkosungen wären genauso schön wie die Zärtlichkeiten von einem anderen. Aber ich möchte nicht wieder verführt werden. Ich werde mich anderen Menschen in die Arme werfen, mich restlos hingeben, nicht am Rande des Lebens herumlungern".

Das Single-Dasein ist für Jay ein unerträglicher Zustand, ein Herumlungern am Rande des Lebens und bei seinem Kumpel Victor entdeckt er Anzeichen, dass dessen Verstand von Zeit zu Zeit gestört ist:

"Victor sehnt sich nach Lebensqualität, womit er eine Gefühlsqualität, keine materielle meint. Aber möchten Sie mit so einem Menschen leben? Dreimal die Woche weint er sich bei seinem Therapeuten aus. Seit fünf Jahren geht das so, und noch immer keine Heilung in Sicht."


      Jay macht sich deshalb noch einmal auf die Suche nach Nina, mit der er eigentlich zusammenleben möchte. Er sucht sie in einem Nachtclub, in dem er jedoch ernüchtert feststellen muss:

"Ich bin die meiste Zeit meines Lebens jung gewesen - bis heute nacht. Die meiste Zeit meines Lebens gab es Leute, zu denen ich aufschauen konnte, die zu wissen schienen, was vor sich ging. Wo sind sie geblieben?"

Nina ist nicht aufzufinden und Jay sieht sich der ungewissen Zukunft als Single gegenüber, dennoch geht er fort. Er will vorübergehend bei seinem Kumpel Victor wohnen. Am Ende steht die Vision vom besseren Leben:

"Wir gingen nebeneinander, ein jeder in seine Gedanken versunken. Ich vergesse, wo wir waren, und sogar, wann es war. Dann rücktest du etwas näher, fuhrst mir durchs Haar und nahmst meine Hand; ich weiß noch, daß du meine Hand hieltest und mit ruhiger Stimme etwas erzähltest. Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß alles so war, wie es sein sollte, und daß es diesem Glück und dieser Zufriedenheit an nichts fehlte. Dies war alles, was es gab und was es geben konnte. Das Beste von allem hatte sich in diesem Moment zusammengefunden. Es kann nur eines gewesen sein: Liebe."

KUREISHIs Roman ist eine Abrechnung mit den kulturpessimestischen Abgesängen auf die Gegenwartgesellschaft, die allein im Individualismus das Problem sehen.
      
Er formuliert eine Gegenutopie zu Michel HOUELLEBECQs "Elementarteilchen". In jener Institution, in der HOUELLEBECQ die Rettung sieht, liegt bei KUREISHI das Problem: Für Jay gibt es nur wenige Institutionen, "die selbstsüchtiger sind als die Familie". Auf den Punkt gebracht: Neue Familien braucht das Land. Ziel ist die Vereinbarkeit von Familienleben und Liebe.
      Bei KUREISHI ist es bezeichnenderweise Susan, die HOUELLEBECQs Thesen vertritt:

"Susan ist vier Jahre jünger als ich und findet, daß wir in einer egoistischen Zeit leben. Sie spricht von einem Thatcherismus der Seele, der sich einbildet, daß die Menschen nicht aufeinander angewiesen sind. Heutzutage geht es in der Liebe wie auf dem freien Markt zu; abklappern und aufkaufen, aussuchen und auswählen, anmieten und abstoßen, ganz wie man lustig ist."

Als Jay noch einmal Asif, den Verteidiger der traditionellen Familienwerte aufsucht, formuliert er im Gedanken sein Credo vom "Neuen Menschen":

"Ich glaube an Individualismus, an Sinnlichkeit und an kreatives Nichtstun. Ich liebe die Phantasie der Menschen: ihre Zartheit, ihre brutale, aggressive Kraft, ihre Tiefe, ihre Macht, die materielle Welt in Kunst zu verwandeln. Mir gefällt, was Mann und Frau zusammen schaffen. Das ziehe ich allem anderen vor, neben Liebe und Frauenkörper, die das eigentliche Herzstück bilden von all dem, wofür es sich zu leben lohnt."

 
 
 
       
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 19. Januar 2001
Update: 02. September 2001
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