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Buchrezension mit weiterführenden Links

 
   

MICHEL HOUELLEBECQ

 
   

Ausweitung der Kampfzone

erschien im Mai 2000 als Taschenbuch bei Rowohlt

 
   
 
 

"Ich erklärte, was die heutige Kybernetik als Information bezeichnet: unsere Handlungen als Antworten auf sogenannte Informationen, beziehungsweise Impulse, und zwar sind es automatische Antworten, größtenteils unserem Willen entzogen, Reflexe, die eine Maschine ebensogut erledigen kann wie ein Mensch, wenn nicht sogar besser (...). Vor allem aber: die Maschine erlebt nichts, sie hat keine Angst und keine Hoffnung, die nur stören, keine Wünsche in bezug auf das Ergebnis, sie arbeitet nach der reinen Logik der Wahrscheinlichkeit, darum behaupte ich: Der Roboter erkennt genauer als der Mensch, er weiß mehr von der Zunkunft als wir, denn er errechnet sie, er spekuliert nicht und träumt nicht, sondern wird von seinen eigenen Ergebnissen gesteuert (feed back) und kann sich nicht irren; der Roboter braucht keine Ahnungen"
(Max Frisch "Homo faber", 1957)

"Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information."
(Michel Houellebecq "Ausweitung der Kampfzone", 1999)

Der Protagonist in FRISCHs Buch "Homo faber", der Ingenieur Walter Faber, ist ein typischer Vertreter der technischen Zivilisation des Industriezeitalters gewesen. Der namenlose Ich-Erzähler, ein Pariser Software-Entwickler, beschreibt dagegen die Welt der "Homo fabers" des Informationszeitalters.
      Während bei FRISCH der Prozess einer Wandlung im Mittelpunkt steht, steckt HOUELLEBECQs "Held" zwar ebenfalls mitten im Wandlungsprozess, aber nicht die damit verbundenen Identitätsprobleme sind das zentrale Thema, sondern die Kritik an der modernen Zivilisation.
      Das Leiden an der Welt hat ihn zum Schreiben gezwungen, auch wenn es nur wenig Erleichterung verschafft. Vor kurzem ist er dreißig geworden, was für einen, der mit dem 68er-Spruch "Trau keinem über 30" aufgewachsen ist, bereits ein Alter ist, das zur Bilanzierung drängt. "Als Programmierer in einem EDV-Dienstleistungsbetrieb verdiene ich netto das Zweieinhalbfache vom Mindestlohn; das ist eine ganze Menge Kaufkraft. (...) Im großen und ganzen kann ich mit meiner gesellschaftlichen Stellung zufrieden sein. In sexueller Hinsicht sieht es weniger berauschend aus. (...) Seit meiner Trennung von Véronique vor zwei Jahren habe ich nicht eine einzige Frau kennengelernt."
      Der Ich-Erzähler hat versucht sich mit diesem Zustand abzufinden, aber die "fortgesetzte Langeweile ist keine haltbare Position: sie führt leider früher oder später zu wesentlich schmerzhafteren Wahrnehmungen, verwandelt sich also in einen positiven Schmerz. Genau das ist es, was derzeit mit mir geschieht."
      In der Freizeit wird die eigene Existenzweise zum Problem: "in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen Ihre absolute Einsamkeit (...) Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen."
      Es ist der Widerspruch zwischen beruflichem Erfolg und privatem Mißerfolg, der den Ich-Erzähler an der Gegenwartsgesellschaft verzweifeln läßt. Dem sozialen Status entspricht kein adäquater Familienstand. Das Credo der beruflichen Leistungsgesellschaft wird sozusagen durch die Selbstreferentialität des Privatlebens torpediert. "Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist (...) Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden". Der Ich-Erzähler und seine Arbeitskollegen sind dagegen in wirtschaftlicher Hinsicht Sieger, aber in sexueller Hinsicht Verlierer. Dies trifft auf Bernard zu, mit dem er sein Pariser Büro teilt. "Ein Typ wie er müßte eigentlich Kinder haben. (...) Aber nein, er ist nicht einmal verheiratet. Bloß eine trockene Frucht." Es trifft auf Jean-Yves Fréhaut zu, der zur gleichen Zeit in die Firma eingetreten ist und den Typus eines Akteurs der "telematischen Revolution" verkörpert. "Er selbst hatte, da bin ich sicher, nie eine Liaison gehabt; seine Freiheit aber erreichte den höchsten Grad". Und es trifft auf seinen Kollegen Tisserand zu, mit dem er gemeinsam eine Dienstreise durch die Provinz unternimmt und der ihm gesteht "ich bin achtundzwanzig und immer noch Jungfrau!".
      Mangelnde körperliche Attraktivität kann bei Männern durch Charme kompensiert werden, aber Tisserand "ist so häßlich, daß er die Frauen abstößt und es ihm nicht gelingt, mit ihnen zu schlafen". Im Anschluß an das Geständnis von Tisserand formuliert der Ich-Erzähler die zentrale These des Romans: "In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen."
      HOUELLEBECQ geht es letztlich aber nicht um das Sex- sondern um das Liebesleben und damit um die Unfähigkeit zu Lieben in der modernen Gesellschaft: "Die Liebe als Unschuld und Fähigkeit zur Illusion, als Gabe, die Gesamtheit des anderen Geschlechts auf ein einziges geliebtes Wesen zu beziehen, widersteht selten einem Jahr sexueller Herumtreiberei, niemals aber zwei. In Wirklichkeit zerrütten und zerstören die zahllosen, während der Zeit des Heranwachsens angehäuften sexuellen Erfahrungen jede Möglichkeit gefühlsmäßiger, romantischer Projektion. Nach und nach, tatsächlich aber sehr rasch, wird man so liebesfähig wie ein altes Wischtuch." Es ist HOUELLEBECQs Credo, daß der Erfahrungsraum, der durch die Sexuelle Revolution ermöglicht wurde, die romantische Liebe zur Ausnahmeerfahrung werden läßt.
      Auch wenn man die Thesen von HOUELLEBECQ nicht teilt, so ist es sein Verdienst, den Blick auf die Verlierer der Sexuellen Revolution gelenkt zu haben.
      HOUELLEBECQs Debutroman "Extension du domaine de la lutte" wurde in Frankreich bereits 1994 veröffentlicht. In deutscher Übersetzung erschien er zuerst im Berliner Wagenbach Verlag (1999). Die deutschsprachige Rezeption des Romans ist stark von dem Skandalroman "Elementarteilchen" beeinflußt worden. Zu Unrecht, wie ich meine. Die präzisen, pointierten Beschreibungen des urbanen Technikermilieus und der "telematischen Revolution" mit ihren gesellschaftlichen Folgen blieben von der Kritik völlig unbeachtet.
      Philippe HAREL hat den Debutroman im vorletzten Jahr verfilmt. Bei uns lief der Film bereits auf der diesjährigen Berlinale.

 
 
 
       
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 03.Juni 2000
Update: 30. März 2002
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