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People talking without
speaking
People hearing without listening
People writing songs that voices never share
And no one dare disturb the
Sound of silence
"Fools!" said I
"You don't know silence like a cancer
grows"
(PAUL SIMON 1964)
Am 18.
Oktober fand im völlig überfüllten Raum der
Traditionsbuchhandlung Weiss in Heidelberg eine Lesung
des Autors statt. HOUELLEBECQ hat die
Statur eines BERTI VOGTS und wäre er durch eine
Fußgängerzone flaniert, niemand hätte sich
nach ihm umgedreht. Keine auffällige Kleidung,
kein gestyltes Äusseres - ein Relikt aus den
Zeiten als Männer noch nicht den Moden
unterworfen waren. Und dennoch ist er im
Literaturbetrieb nicht mehr zu übersehen.
Er sei ein
Provokateur, liest man. Davon war an diesem Abend
nichts zu spüren. Der Altlinke MANFRED METZNER
las aus der deutschen Übersetzung vor, während
sich HOUELLEBECQ anfangs im Hintergrund hielt und
die Reaktionen des Publikums beobachtete. Es mag
an den ausgesuchten Passagen gelegen haben (es
dominierten erheiternd wirkende Szenen aus dem
Leben des "Möchtegern-Swinging Single"
Bruno), an sprachlichen Barrieren oder nur an der
Zurückhaltung des Publikums, das mehrheitlich
der Generation des Autors angehörte. Die von
Talkshows gewohnten hitzigen Debatten blieben
jedenfalls aus.
In der FAZ
vom 12.10.99 hat THOMAS STEINFELD die Frage
aufgeworfen, was denn das Anstössige an
dem Buch sei und darauf die Antwort
gegeben, es seien die "antimodernen
Einwände gegen das moderne Leben". In den
essayistischen Passagen des Buches kritisiert
HOUELLEBECQ dann auch vehement die
Individualisierungstendenzen in den westlichen
Gegenwartsgesellschaften. Er spricht gar vom
"Selbstmord der westlichen Welt".
Das Buch
liest sich in weiten Passagen wie eine Pathologie
der Single-Gesellschaft. Die beiden
Hauptakteure des Romans - die Halbbrüder Bruno
und Michel - sind um die Vierzig und keine
Randexistenzen wie in den üblichen Büchern, die
vom Scheitern erzählen. Sie gehören vielmehr
zur Mittelschicht. Bruno ist Lehrer und Michel
ein erfolgreicher Molekularbiologe. Dem
beruflichen Status entspricht jedoch kein
adäquater Familienstand. Beide sind Alleinlebende
im Familienlebensalter. Bruno hat seine
Ehe bereits hinter sich und Michel hat nie
geheiratet. Man könnte sie sozusagen als
altgewordene, bindungsunfähige Yuppies
bezeichnen.
HOUELLEBECQ
kann mit diesen Typen an den wissenschaftlichen
Diskurs der 80er und 90er Jahre anknüpfen.
Während ULRICH BECK seine soziologische These
von der "Single-Gesellschaft" noch als
Antithese zur psychoanalytischen Perspektive von
CHRISTOPHER LASCH (Das Zeitalter des
Narzißmus) formuliert hat, gehen beide
Versatzstücke bei HOUELLEBECQ eine zweifelhafte
Synthese ein, die in eine Krankheitsgeschichte
der westlichen Zivilisation mündet. Die "Pioniere
der Moderne" wie Singles gerne
bezeichnet werden, erscheinen nicht als Vorboten
einer modernisierten Moderne, sondern als
Vorboten des Untergangs. HOUELLEBECQ muß sich
den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Probleme
der Gegenwartsgesellschaft einzig im Wertesystem
des westlichen Individualismus erblickt. Für
Brüche oder gar Widersprüche bleibt da kein
Raum. Diese Sichtweise ist nicht neu, genauso
wenig wie die Abrechnung mit den 68ern. Dies mag
zwar noch ein Thema für die Feuilletons sein,
beim Publikum der Lesung vermochte es jedoch
keine Diskussion in Gang bringen. Eine
differenzierte Analyse der Gegenwartsgesellschaft
bleibt bei einem solchen
"Paradigmenstreit" sowieso auf der
Strecke.
Üblicherweise
wird der Roman mit CAMUS' Der erste Mensch
oder ALDOUS HUXLEYs Schöne Neue Welt
verglichen. Wenn es jedoch um das Scheitern eines
Singles geht, dann fällt einem älteren Leser
vielleicht das Buch Mars
von FRITZ ZORN ein. Dieser
autobiografische Bericht aus den 70er Jahren
zeigt einige Parallelen zu den Protagonisten der Elementarteilchen.
Der Ich-Erzähler in Mars war Lehrer wie
Bruno und führte ein asexuelles Leben in noch
umfassenderer Weise als Michel. Er begeht keinen
Selbstmord oder endet in der Psychiatrie, sondern
stirbt 32jährig an Krebs. Sein Leiden sieht er
im Zusammenhang mit seinem Elternhaus. Er leidet
jedoch nicht an der physischen Abwesenheit seiner
Eltern wie Michel und Bruno. Es ist nicht die
Mutter, die nach Selbstverwirklichung strebend,
ihre Söhne im Stich lässt. Es ist vielmehr ein
Elternhaus, das dem Ideal der
bürgerlichen Kleinfamilie entspricht,
wie es sich Bruno und Michel ersehnen. Und
dennoch ist der Ich-Erzähler der Auffassung,
dass er "aus Mangel an Liebe zugrunde
ging". Nicht die sexuelle Befreiung sieht er
als das Problem, sondern die Verdrängung der
Sexualität im "kanzerogenen bürgerlichen
Milieu". Hier ist noch nicht die
Atomisierung der Familie das zentrale Thema,
sondern die Kritik an einem Erziehungsstil.
Während der Ich-Erzähler in Mars dem
Denkmuster der Sexuellen Befreiung folgend, die
elterlichen Erziehungsvorstellungen kritisiert,
sehen HOUELLEBECQs Protagonisten gerade in diesem
Denkmuster einen Beitrag zum Zerfall der Familie.
Sind die Elementarteilchen in diesem
Sinne eine konsequente Übertragung des Stoffes
in die 90er Jahre?
Die Akteure
beider Romane interpretieren ihr Leiden
an der Welt im Lichte des jeweiligen Zeitgeistes.
Dieser Zeitgeist veranlasste den Ich-Erzähler in
Mars seine Krankheitsgeschichte in den
Worten der Psychoanalyse zu erklären, während
Michel die Welt mit den Augen eines
Naturwissenschaftlers auf Distanz hält, denn die
öffentliche Debatte "sollte zu diesem
Zeitpunkt keinen Raum für eine neue Philosophie
lassen, sondern im Gegenteil sämtliche
Intellektuellen diskretieren, die sich auf die
»Humanwissenschaften« beriefen; der zunehmende
Einfluß der Naturwissenschaftler in allen
Bereichen des Denkens war von da an unvermeidlich
geworden".
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