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Buchrezension mit weiterführenden Links

 
   

Michel Houellebecq:

 
   

Elementarteilchen

erschienen bei DuMont 1999

 
   
 
 

People talking without speaking
People hearing without listening
People writing songs that voices never share
And no one dare disturb the
Sound of silence
"Fools!" said I
"You don't know silence like a cancer grows"
(PAUL SIMON 1964)

Am 18. Oktober fand im völlig überfüllten Raum der Traditionsbuchhandlung Weiss in Heidelberg eine Lesung des Autors statt. HOUELLEBECQ hat die Statur eines BERTI VOGTS und wäre er durch eine Fußgängerzone flaniert, niemand hätte sich nach ihm umgedreht. Keine auffällige Kleidung, kein gestyltes Äusseres - ein Relikt aus den Zeiten als Männer noch nicht den Moden unterworfen waren. Und dennoch ist er im Literaturbetrieb nicht mehr zu übersehen.
      Er sei ein Provokateur, liest man. Davon war an diesem Abend nichts zu spüren. Der Altlinke MANFRED METZNER las aus der deutschen Übersetzung vor, während sich HOUELLEBECQ anfangs im Hintergrund hielt und die Reaktionen des Publikums beobachtete. Es mag an den ausgesuchten Passagen gelegen haben (es dominierten erheiternd wirkende Szenen aus dem Leben des "Möchtegern-Swinging Single" Bruno), an sprachlichen Barrieren oder nur an der Zurückhaltung des Publikums, das mehrheitlich der Generation des Autors angehörte. Die von Talkshows gewohnten hitzigen Debatten blieben jedenfalls aus.
      In der FAZ vom 12.10.99 hat THOMAS STEINFELD die Frage aufgeworfen, was denn das Anstössige an dem Buch sei und darauf die Antwort gegeben, es seien die "antimodernen Einwände gegen das moderne Leben". In den essayistischen Passagen des Buches kritisiert HOUELLEBECQ dann auch vehement die Individualisierungstendenzen in den westlichen Gegenwartsgesellschaften. Er spricht gar vom "Selbstmord der westlichen Welt".
      Das Buch liest sich in weiten Passagen wie eine Pathologie der Single-Gesellschaft. Die beiden Hauptakteure des Romans - die Halbbrüder Bruno und Michel - sind um die Vierzig und keine Randexistenzen wie in den üblichen Büchern, die vom Scheitern erzählen. Sie gehören vielmehr zur Mittelschicht. Bruno ist Lehrer und Michel ein erfolgreicher Molekularbiologe. Dem beruflichen Status entspricht jedoch kein adäquater Familienstand. Beide sind Alleinlebende im Familienlebensalter. Bruno hat seine Ehe bereits hinter sich und Michel hat nie geheiratet. Man könnte sie sozusagen als altgewordene, bindungsunfähige Yuppies bezeichnen.
      HOUELLEBECQ kann mit diesen Typen an den wissenschaftlichen Diskurs der 80er und 90er Jahre anknüpfen. Während ULRICH BECK seine soziologische These von der "Single-Gesellschaft" noch als Antithese zur psychoanalytischen Perspektive von CHRISTOPHER LASCH (Das Zeitalter des Narzißmus) formuliert hat, gehen beide Versatzstücke bei HOUELLEBECQ eine zweifelhafte Synthese ein, die in eine Krankheitsgeschichte der westlichen Zivilisation mündet. Die "Pioniere der Moderne" wie Singles gerne bezeichnet werden, erscheinen nicht als Vorboten einer modernisierten Moderne, sondern als Vorboten des Untergangs. HOUELLEBECQ muß sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Probleme der Gegenwartsgesellschaft einzig im Wertesystem des westlichen Individualismus erblickt. Für Brüche oder gar Widersprüche bleibt da kein Raum. Diese Sichtweise ist nicht neu, genauso wenig wie die Abrechnung mit den 68ern. Dies mag zwar noch ein Thema für die Feuilletons sein, beim Publikum der Lesung vermochte es jedoch keine Diskussion in Gang bringen. Eine differenzierte Analyse der Gegenwartsgesellschaft bleibt bei einem solchen "Paradigmenstreit" sowieso auf der Strecke.
      Üblicherweise wird der Roman mit CAMUS' Der erste Mensch oder ALDOUS HUXLEYs Schöne Neue Welt verglichen. Wenn es jedoch um das Scheitern eines Singles geht, dann fällt einem älteren Leser vielleicht das Buch Mars von FRITZ ZORN ein. Dieser autobiografische Bericht aus den 70er Jahren zeigt einige Parallelen zu den Protagonisten der Elementarteilchen. Der Ich-Erzähler in Mars war Lehrer wie Bruno und führte ein asexuelles Leben in noch umfassenderer Weise als Michel. Er begeht keinen Selbstmord oder endet in der Psychiatrie, sondern stirbt 32jährig an Krebs. Sein Leiden sieht er im Zusammenhang mit seinem Elternhaus. Er leidet jedoch nicht an der physischen Abwesenheit seiner Eltern wie Michel und Bruno. Es ist nicht die Mutter, die nach Selbstverwirklichung strebend, ihre Söhne im Stich lässt. Es ist vielmehr ein Elternhaus, das dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie entspricht, wie es sich Bruno und Michel ersehnen. Und dennoch ist der Ich-Erzähler der Auffassung, dass er "aus Mangel an Liebe zugrunde ging". Nicht die sexuelle Befreiung sieht er als das Problem, sondern die Verdrängung der Sexualität im "kanzerogenen bürgerlichen Milieu". Hier ist noch nicht die Atomisierung der Familie das zentrale Thema, sondern die Kritik an einem Erziehungsstil. Während der Ich-Erzähler in Mars dem Denkmuster der Sexuellen Befreiung folgend, die elterlichen Erziehungsvorstellungen kritisiert, sehen HOUELLEBECQs Protagonisten gerade in diesem Denkmuster einen Beitrag zum Zerfall der Familie. Sind die Elementarteilchen in diesem Sinne eine konsequente Übertragung des Stoffes in die 90er Jahre?
      Die Akteure beider Romane interpretieren ihr Leiden an der Welt im Lichte des jeweiligen Zeitgeistes. Dieser Zeitgeist veranlasste den Ich-Erzähler in Mars seine Krankheitsgeschichte in den Worten der Psychoanalyse zu erklären, während Michel die Welt mit den Augen eines Naturwissenschaftlers auf Distanz hält, denn die öffentliche Debatte "sollte zu diesem Zeitpunkt keinen Raum für eine neue Philosophie lassen, sondern im Gegenteil sämtliche Intellektuellen diskretieren, die sich auf die »Humanwissenschaften« beriefen; der zunehmende Einfluß der Naturwissenschaftler in allen Bereichen des Denkens war von da an unvermeidlich geworden".

 
 
 
       
   

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Das Buch in der Debatte

 
   
  • MATZ, Wolfgang (2000): Vor der Abschaffung des Menschen.
    Michel Houellebecqs Asketik der Liebe,
    in: Neue Rundschau, Heft 4, S.44-54
    • Inhalt:
      MATZ analysiert "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" als Zeitromane, die Gesellschaftsroman, Liebesroman und Entwicklungsroman zugleich sein wollen.
    • HARMS, Ingeborg (2000): Kampfzone der Zweiermoleküle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.10.
      • In der Zeitschriftenschau befasst sich HARMS mit den "Schlachtfeldern der Liebe", u.a. mit dem Artikel von MATZ.
  • HAUSER, Kornelia (2001): Die anwesende Frau im abwesenden "Eigentlichen".
    Der "männliche Geist" in gesellschaftlicher Krise,
    in: Argument 241, H.3
    • Inhalt:
      HAUSER liest HOUELLEBECQs "Elementarteilchen" als "implizite Kritik an feministischer Theorie".
  • GRAUERT, Wilfried (2002): Houellebecqs Ekel und Brauns Neugier.
    Positionen literarischer Zivilisationskritik,
    in: neue deutsche Literatur, Heft 1
    • Inhalt:
      Wilfried GRAUERT, ein Angehöriger der 68er-Generation, deutet den Erfolg der Romane "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" als das Ende der Spassgesellschaft und das damit verbundene Ende der Popliteratur.
            
      Er beschreibt HOUELLEBECQ als Romantiker, der antihumanistischen Ordnungsvorstellungen anhängt, die als biologistisches Erlösungsprogramm daherkommen:
            
      "an die Stelle von Individualität, Unterscheidung und Entwicklung werden Standardisierung, Geschlechtslosigkeit und Unsterblichkeit treten; an die Stelle von Persönlichkeiten geklonte Wesen, so dass, vermittelt über die Herrschaft desselben genetischen Codes, zwischen den Einzelwesen, den Elementarteilchen, eine neue Art von Beziehungen entsteht.
            
      GRAUERT stimmt zwar der Atomisierungsthese von HOUELLEBECQ zu, aber seine Gesellschaftsvision sieht er dagegen eher in der Tradition von Volker BRAUN. Dem technokratischen Gesellschaftsideal bei HOUELLEBECQ setzt er deshalb ein "radikaldemokratisches" Modell in der Tradition des Vormärz entgegen.
  • HOUELLEBECQs Vision und wie sie in Deutschland Realtität werden könnte:
    Deutschland im Jahr 2030 - Wie es dazu kam, dass die Klonpartei vor ihrem grössten Wahlsieg steht
 
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 03.Juni 2000
Update: 24. Februar 2002
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