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Rezension

 
   

Eva Jaeggi

 
   

Sind Singles glücklich oder unglücklich?

erschienen in: Liebesglück - Beziehungsarbeit, Reinbek: Rowohlt, S.115-155

 
   
 
  Der Essay ist mit einer Frage betitelt, die der Psychoanalytikerin JAEGGI zwar oft gestellt wird, aber von der Autorin nur ungern und ausweichend beantwortet wird. Viel lieber antwortet sie auf eine Frage, die ihr anscheinend nicht oft genug gestellt wird: Sind Singles die Pioniere der Moderne?
      Damit kann JAEGGI an die Individualisierungsdebatte anknüpfen, die von ULRICH BECK Anfang der 90er Jahre initiiert wurde. Während BECK jedoch den soziologischen Aspekt betont, möchte JAEGGI beweisen, dass Singles auch im psychologischen Sinne als Pioniere zu betrachten sind. Singles werden von ihr nicht sozialstatistisch als Alleinlebende, sondern psychologisch als alleinwohnende Partnerlose definiert. Auf diese Weise kann das Single-Dasein in Abgrenzung zum Paarleben diskutiert werden.
      Das zentrale Thema von JAEGGI ist der Konflikt zwischen dem Autonomiestreben und dem Wunsch nach Intimität oder positiv ausgedrückt: die Aufgabe der Balance von Nähe und Distanz. Dieses Thema wird anhand von vier typischen Problembereichen des Single-Daseins entfaltet.
      Da wäre als Erstes das Problem der erhöhten Bewußtheit zu nennen, das im Zusammenhang mit der alleinigen Organisation des Alltags diskutiert wird. Entscheidungen können von Singles nicht an einen Partner delegiert werden. "Seelische Faulheiten" führen im Single-Alltag deshalb schnell ins Chaos. Permanente Selbstreflexion wird dadurch zur Entwicklungsaufgabe für Single-Existenzen, wenn das Scheitern nicht vorprogrammiert sein soll.
      Ein weiteres Problem stellt die Suche nach einem adäquaten Ersatz für die "Selbstverständlichkeit des ehelichen Gesprächs" dar. Der Ausweg wird in der "selektiven Dialogisierung des Gesprächs" gesehen. Vielfältige Freundschaften und Bekanntschaften, die jeweils ein anderes Interessensegment abdecken, sollen das fehlende eheliche Gespräch kompensieren.
      Ein besonderes Problem ist für alleinwohnende Partnerlose die Balance von Aktivität und Passivität. Singles laufen Gefahr in Extremen zu leben: Zeiten voller Terminkalender wechseln sich ab mit depressiven Phasen des "Sich-Hängenlassens". In Paarbeziehungen sorgt idealerweise der Partner für einen Ausgleich. JAEGGI eröffnet hier einen neuen Blick auf die psychoanalytischen Begriffspaare "Regression" und "Progression". Hatte "Regression" im Psychodiskurs der 70er Jahre eine negative Konnotation, so war "Progression" das Ziel aller Anstrengung. Bei JAEGGI werden beide Begriffe differenzierter verwendet. "Regression" ist nicht nur als Rückschritt zu verstehen, sondern auch als Schutzmechanismus, der die drohende Überlastung verhindert. "Progression" dagegen ist nicht per se mit Fortschritt gleichzusetzen, sondern kann auch als Abwehrmechanismus fungieren.
      Das Problem der Einsamkeit thematisiert JAEGGI im Zusammenhang mit dem Gefühl, für jemand anderen unersetzlich zu sein. Diese "narzißtische Illussion" ist notwendig, muß jedoch im Laufe der persönlichen Entwicklung transformiert und damit ertragbar werden. "Ich bin derzeit für keinen der Wichtigste", mit dieser Tatsache müssen Partnerlose leben lernen.
      Die Kehrseite davon ist die "höchstmögliche Autonomie". Partnerlose erhalten dadurch die Chance zur Selbstverwirklichung. Zu dieser Selbstfindung gehören Kriterien der Authentizität. Nach JAEGGI, die sich hier auf den kanadischen Sozialphilosophen CHARLES TAYLOR beruft, leben wir in einer Authentizitätskultur. Liebesbeziehungen erscheinen als Garanten der Identität. Dies führt jedoch oft zum Scheitern dieser Beziehungen. Singles werden deshalb zu Pionieren der Moderne, denn ohne "die meist illusionäre Tröstung durch eine feste Beziehung, die Identität und letzte Sicherheit verspricht, und ohne die Vorgabe von Rollen, nur auf das eigene authentische Gefühl gestützt, müssen Singles (...) ihre Welt ordnen."
      Ob man dieser Interpretation nun folgen mag oder nicht, interessant sind JAEGGIs Überlegungen vor allem dann, wenn sie psychoanalytische Perspektiven mit sozialpsychologischen Theorien der Identität verknüpft und die historische Dimension der Liebesverhältnisse hervorhebt.
      Die Psychologisierung des Alltagsdiskurses und neuerdings die Soziologisierung dieses Diskurses wäre jedoch seinerseits im historischen Kontext zu analysieren. In einer solchen weiterführenden Perspektive wäre dann zu fragen, warum der "Mythos Single" (GÜNTER BURKART) gerade in den 90er Jahren Konjunktur hatte. Dies nur auf die Brüchigkeit der Liebesbeziehungen zurückzuführen erscheint mir zu kurz gegriffen.
 
 
 
       
   

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Bernds@single-dasein.de erstell: 03. Juni 2000
Update: 05. November 2001
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