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Peter Kraft

 
   

Die Mär vom Geburtenrückgang und der Mythos von der Vorherrschaft der Ein-Kind-Familie

Internet
-Aufsatz:
www.prof-kraft.de/mythos/mythos.htm (in der Fassung vom 5.3.2003).

 
   
 
  Der Bielefelder Pädagoge Peter KRAFT setzt sich in seinem Aufsatz "Die Mär vom Geburtenrückgang und der Mythos von der Vorherrschaft der Ein-Kind-Familie" detailliert mit der Aussage auseinander, "daß in den letzten 25 Jahren die Geburtenrate um 50% gesunken sei"..
      Aussagen in dieser oder ähnlicher Form sind in wissenschaftlichen und journalistischen Publikationen weit verbreitet. Sie sind inzwischen zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden, die nicht mehr hinterfragt wird. Anders ist nicht zu erklären, dass sie ständig reproduziert werden. Wenn die eigenen alltäglichen Erfahrungen dem Gelesenen widerspricht, dann wird eher die eigene Erfahrung als die Glaubwürdigkeit der Publikation in frage gestellt..
      Peter KRAFT liefert Belege dafür, dass die Aussage über 10 Jahre hinweg immer wieder übernommen wurde. Das Problem dabei ist, dass sich die Aussage Die Geburtenrate ist in den letzten 25 Jahren um 50% gesunken, nur auf einen Zeitraum bezieht. Es wird kein Jahr angegeben, das als Bezugsjahr verwendet werden könnte. Wenn eine solche Aussage auch noch 10 Jahre nach ihrer Erstpublikation verwendet wird, dann setzt dies voraus, das eine kontinuierliche Entwicklung vorliegt. Bei der Entwicklung der Geburtenzahlen ist dies jedoch nicht der Fall:

"Zunächst schaue ich mir den Hochpunkt (1.065.437) und den Tiefpunkt (576.468) der Kurve an und stelle fest, daß sich der größte Rückgang (46%) der Geburtenziffer in einem Zeitraum von 14 Jahren zwischen 1964 und 1978 abgespielt hat (dies ist der berühmte, gleichwohl aber falsch bezeichnete "Pillenknick").
Danach steigt die Geburtenziffer (mit Ausnahme der Jahre 1984 und 1985) ständig an und erreicht 1990 mit 727.199 einen neuen Hochpunkt. Dies wäre ein Anstieg innerhalb von 12 Jahren um 26%. Unter Beibehaltung des Zeitraumes von 14 Jahren würde ich einen Zuwachs von 25% konstatieren, da 1992 die Geburtenziffer 720.794 betrug.
Die letzte Überlegung zeigt, daß man bei einem größeren Zeitraum die Kurve (beabsichtigt oder auch unbeabsichtigt) 'glättet' - Hoch- bzw. Tiefpunkte werden übersprungen."
(aus: Peter Kraft "Die Mär vom Geburtenrückgang und der Mythos von der Vorherrschaft der Ein-Kind-Familie", 2000)

Peter KRAFT belegt eindrucksvoll wie aus einer ehemals richtigen Aussage eine Falschaussage wird, die in den Folgejahren in verschiedenen Werken zitiert wird.
      Ein weiteres Beispiel ist der "Mythos Ein-Kind-Familie" wie es Peter KRAFT nennt. Er beschäftigt sich mit der Aussage "In ca. 80% der Familien wachsen die Kinder nur mit einem oder keinem Geschwister auf". In dieser Behauptung werden zwei unterschiedliche Sachverhalte zusammengefasst. Die summarische Prozentangabe lässt jedoch keinen Rückschluss darauf, inwieweit die Ein-Kind-Familie verbreitet ist. Kinder mit nur einem Geschwister wachsen erstens in einer Zwei-Kind-Familie auf und Kinder in einer Ein-Kind-Familie zu sein, heisst zweitens nicht, dass keine weiteren Geschwister vorhanden sind, denn diese könnten bereits ausser Haus leben.

      
Was Peter KRAFT für den Fall des Geburtenrückgangs und den "Mythos Ein-Kind-Familie" belegt, lässt sich in der öffentlichen Debatte um die Single-Gesellschaft immer wieder feststellen. Zitate werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen und ohne Angabe ihrer Herkunft zitiert oder verschiedene Sachverhalte werden summiert, um eine Mehrheit zu konstruieren (z.B. HONDRICH im Tagesspiegel v. 02.09.)
      
Das Thema Kinderlosigkeit ist in dieser Hinsicht besonders sensibel. Es wird oft so getan, als ob gesicherte Erkenntnisse über das Ausmass der Kinderlosigkeit vorhanden wären. Dem ist jedoch nicht so:

"Gegenwärtig erlaubt es die Datenlage nicht, exakte bevölkerungsstatistische Angaben zur Kinderlosigkeit zu machen. Zu groß sind die in den Konzepten der Datenerhebung angelegten Schwierigkeiten."
(aus: DORBRITZ, Jürgen & Karl SCHWARZ (1996): Kinderlosigkeit in Deutschland - ein Massenphänomen? Analysen zu Erscheinungsformen und Ursachen, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 21, H.3, S.231-261)

DORBRITZ & SCHWARZ (1996) nennen drei Wege, um Kinderlosigkeit zu bestimmen:.
      1) Schätzungen der Verteilung der Lebendgeborenen nach der Lebendgeborenenfolge anhand der Daten der amtlichen Statistik..
      Solche Daten liegen aber nur für verheiratete Frauen in bestehenden Ehen und nicht für Unverheiratete und für Mehrfachverheiratete vor. Das Analyseinstrumentarium der amtlichen Statistik ist immer noch auf die lebenslange Ehe ausgerichtet. Kinder von ledigen Müttern und Scheidungen existieren zwar in der Realität, jedoch nicht für die amtliche Statistik..
      2) Die Daten des Mikrozensus beziehen sich dagegen auf die Haushaltsfamilie. Kinder, die den Haushalt verlassen haben, können hier nicht zugeordnet werden..
      3) Sozialwissenschaftliche Erhebungen wie der repräsentative "Family and Fertility Survey" (FFS). Hier muss jedoch mit Stichprobenfehlern gerechnet werden..
      Aus den genannten Gründen ist der Spielraum für Interpretationen gerade auf diesem sensiblen Gebiet, das im Brennpunkt der Debatte um die Single-Gesellschaft steht, enorm hoch. Angesichts der Lücke in der Empirie ist es um so wichtiger Aussagen kritisch zu überprüfen..
      Was die Prognosefähigkeit betrifft, so muss man noch skeptischer sein. Die zukünftige Geburtenentwicklung wird von den Bevölkerungswissenschaftlern im Zusammenhang mit dem Heiratsverhalten gesehen. Sind die Annahmen bezüglich des Heiratsverhaltens falsch, so sind die Prognosen über die Geburtenentwicklung ebenfalls davon betroffen. Andererseits könnte auch eine Entkopplung von Ehe und Familie die Prognosen beeinträchtigen. In dieser Hinsicht wäre es interessant, die Prognosen der Bevölkerungswissenschaftler aus den 60er und 70er Jahren für das Jahr 2000 mit der tatsächlichen Entwicklung zu vergleichen.

 
 
 
       
   

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Bernds@single-dasein.de Erstellt: 23.September 2000
Update: 08. September 2003
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