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"Das
Männlichkeitsideal, 'sich stets als stark,
mutig, unverletzlich usw. darzustellen',
hindert die Männer, ihre Sexualität und die
mit ihr verbundenen Emotionen zu akzeptieren.
(...)
Dabei hat sich das Männlichkeitsideal in den
letzten zehn, fünfzehn Jahren erheblich
verändert. Ich erschrecke manchmal, wenn
ich, oft bei ganz lächerlichen Anlässen,
auf den Unterschied stoße, der sich heute
schon zwischen einem Zwanzig- und einem
Dreißigjährigen herausgebildet hat (...).
In meiner (Schul-)Klasse, also Mitte bis Ende
der fünfziger Jahre, wären die meisten
Männer, die heute das Bild des jungen Mannes
prägen, eher als Schwächlinge dagestanden.
Man braucht nur die gedrungenen, trotzigen
Gestalten von Marlon Brando und James Dean
mit den eher zarten und zerbrechlichen Image
von Jim Morrison oder der Beatles zu
vergleichen. Neulich sah ich einen alten
Elvis-Presley-Film und war erstaunt, wie hart
und teilweise unbeholfen mir seine Show
erschien, die damals für uns einen Ausdruck
körperlicher Befreiung darstellte. Er setzt
tatsächlich den Körper eher wie ein Boxer
ein, er schüttelt mit den Armen und Beinen
unsichtbare Ketten ab, aber verglichen mit
Mick Jagger wirken seine Exaltationen
äußerlich, die Musik geht nicht durch den
Körper durch. Provozierend sind bei ihm die
aggressiven, schnellen Rocks, sobald er ein
langsames Lied singt, wird er sofort
sentimental und unglaubwürdig, man hofft,
daß er bald damit fertig ist. Zehn Jahre
später betreten schmalschultrige,
langhaarige Kollektive die Bühne und sie
können zärtliche Lieder singen, ohne im
mindesten schmierig zu wirken. Der männliche
Anspruch, sich als stark und unverletzbar zu
präsentieren, ist aus Gründen, die
natürlich nicht aus der Musik-Entwicklung
ableitbar sind, gelockert, die Haut ist
dünner geworden."
(Peter Schneider "Die
Sache mit der 'Männlichkeit' Gibt es eine
Emanzipation der Männer?" in Kursbuch
Nr.4, 1974)
"Als
ich ein Kind war, im Jahr vor meiner
Einschulung, wollte ich im raschen Wechsel
hintereinander Schornsteinfeger, Heizer auf
einer Dampflok und Müllfahrer werden.
Männliche Berufe, aber vor allem schmutzige
Berufe: nicht die Berufe der Erfolgreichen.
Daß die Müllmänner später oft tuberkulös
wurden, wie man mir erzählte, schreckte mich
nicht ab, machte mir diese Arbeit eher noch
attraktiver; mehr schon deprimierte mich die
Entdeckung, daß ich nicht schwindelfrei und
somit für den Beruf des Schornsteinfegers
ungeeignet war.
(...)
Zum Glück, zu meinem Glück, gab es dann
einen Zeitpunkt, an dem ich das nicht mehr
wollte. Die mittleren sechziger Jahre kamen,
mit ihnen eine neue Musik, eine neue Mode,
eine neue Art, die Haare zu tragen, all das
nicht mehr besonders männlich: nicht mehr
Elvis, sondern die Beatles, nicht mehr die
Rocker, sondern die Mods. Alles wurde
plötzlich weicher, schöner, sanfter, auch
die Männer. Breite Schultern und der
Brustkorb eines Gorillas waren nicht mehr
erstrebenswert. Vor allem aber waren wir
selber, die Sechzehn- bis Neunzehnjährigen,
die Protagonisten dieser entstehenden
Popkultur; es gab keine Vertröstungen auf
später, aufs Erwachsensein (...).
Beides zugleich also: Abkehr von der
Erwachsenenwelt und Ablösung des bisherigen
Männlichkeitsbildes durch andere Leitbilder,
sanftere, schönere, auch narzißtischere
Männer, tendenziell androgyn. (Ich nehme an,
es gibt handfeste Gründe für diese
'Tendenzwende'. Wa sollte noch der
zupackende, aufbauende, starke tough guy aus
der Nachkriegszeit? Inzwischen war alles
aufgebaut, alles lieferbar, alles fertig,
alles zur Verfügung: Es war eine wonderful
world, gegen Bezahlung natürlich.)"
(Jochen Schimmang "Text
Nr.1 - auf die Frauenbewegung
schielend", 1979)
"Eine
Frauenbewegung gibt es. Eine Männerbewegung
gibt es nicht. Kann es sie geben? Ich glaube
nicht. Der Kampf der Frauen ist
notwendigerweise, ob sie wollen oder nicht,
ein politischer Kampf (...). Einen
politischen Kampf der Männer als Männer
kann ich mir nur schwer vorstellen. Die
Männer, auch wir, die 'progressiven', sind
keine unterdrückte Klasse (Gruppe) - auch
hier die Schwulen wieder ausgenommen - wie
die Frauen, sie sind noch allemal die
Unterdrücker selbst. Sie müssen sich selber
bekämpfen und die reaktionärsten
Repräsentanten ihres Geschlechts, und zum
Teil, in der Verweigerung vor allem
(Verweigerung von Rollenerfüllung, von
Karriere, von allgemeinem 'Männerkonsens'
über bestimmte Fragen etc.), mag das
politische Qualitäten haben: eine politische
Bewegung wird daraus noch lange nicht.
(...)
Durch keinen Trick schaffe ich die Tatsache
aus der Welt, daß ich selbst Angehöriger
dieses Geschlechts bin. Schwul bin ich nicht,
eine Frau schon gar nicht, und männliche
Feministen kann es nicht geben, auch wenn
manche sich das einbilden mögen.
(...)
Es ist schwer, eine Identität zu finden in
einer Zwangswelt, die nur die Identitäten
'Frau' oder 'Mann' anbietet und zuläßt,
wenn man 'Mann' nicht sein will und 'Frau'
nicht sein kann. Es wird nichts anderes
übrig bleiben, als diese Zwangswelt
aufzubrechen und am Ende abzuschaffen. Die
Männer werden wohl bei diesem Prozeß bloß
die kleinere Rolle spielen."
(Jochen Schimmang "Text
Nr.1 - auf die Frauenbewegung
schielend", 1979)
"»Frauen
kommen langsam, aber gewaltig« - auch wenn
sich die feministische Rhetorik schnell zum
Jargon entwickelte, der innerhalb weniger
Jahre zum scheinbar selbstverständlichen
Bestandteil der gesellschaftlichen Symbolik
gehörte, für die männlichen 78er war sie
ein biographischer Einschnitt, der ganz
unterschiedlich verarbeitet wurde. Die
Mehrheit sah sich nicht in der Lage, ihre
Verunsicherung durch schlichte Ignoranz oder
eine konzentrierte Gegenattacke aufzufangen.
Obwohl die feministische Offensive zunächst
gegen die »sozialistischen Eminenzen« der
männlichen 68er gerichtet war, die sich in
den Augen ihrer Altersgenossinnen ungebrochen
der Traditionen des bürgerlichen
Patriarchats bedient hatten, begriffen die
78er rasch, daß auch sie unmittelbar
betroffen waren.
(...)
Mit dem Vorteil ausgestattet, aus wesentlich
geringerer Fallhöhe vom kleinen Pascha-Schemel
gestoßen zu werden als ihre großen Brüder,
spürten sie nun (...), daß ein neues Ziel
alle Anstrengungen erfordern würde: die
endlich befreite, nicht-repressive
Sexualität. Was das war, wußte keiner, aber
der Weg dorthin mußte auf jeden Fall über
die »Infragestellung« der männlichen Rolle
führen (...). Die
Selbstverständnisdiskussion des Mannes
sollte der Anfang seiner Selbstbefreiung, die
Aufgabe seiner patriachalen Rollenidentität
sein, denn auch er war letztlich das Opfer
gesellschaftlicher Verhältnisse (...): Der Softie
war geboren. (...) Aufgeschlossenheit,
Verständnis, gar Betroffenheit und
Schuldbewußtsein zeigen, zuhören und reden,
das sind die wirksamsten Abwehr- und
Nothilfemaßnahmen (...) War er geschickt, so
konnte er seine narzißtischen Kränkungen
hinter einem möglichst souveränen Gebrauch
des neuen, feministisch geprägten Vokabulars
verbergen (...). Bereitwillig räumte er ein,
»irgendwie« auch ein Chauvi zu sein (...).
Die Summierung der einzelnen Vorwürfe zu
einer pauschalen Kritik am Verhalten der
Männer, die allgegenwärtige Anklage des
Sexismus, erleichterte eine ebenso pauschale
wie vorauseilende Selbstbezichtigung, ein
katholisch inspiriertes Schuldbekenntnis mit
eingeschränkter Haftung und einer nur
begrenzt geltenden Garantieerklärung, daß
sich die Verfehlungen nicht wiederholen
würden. Der einmal dingfest gemachte Sünder
genoß den Vorteil, selbst inmitten des
Angriffs auf die Bastionen des Patriachats
seine - wie immer angeschlagene - Identität
zu wahren. Der anerkannte Chauvi, der als
Softie ging, konnte sich häufig sicherer
fühlen als die feministische
Angreiferin"
(...)
Aus den 78ern waren (...) Singles, Paare und
Passanten geworden, neue Mütter, neue
Väter, alte Chauvis. Die einen bekannten
sich zu einem unerhörten Tabubruch und
heirateten ohne Wenn und Aber, andere machten
einsam Karriere und belegten die teuren
Zweizimmer-Apartments in bester Citylage.
Männer wie Frauen hatten im langjährigen
Kampf gelernt, sich zu akzeptieren: ein
bemerkenswerter Zustand, dessen historische
Bedeutung sich durch den Seitenblick in die
(Geschlechter-)Verhältnisse anderer
Generationen erst voll erschloß. Die
Erbschaft der befreiten Sexualität jedoch,
die »neue Erotik«, war nicht nur vom
Rückfall in alte Verhaltensmuster bedroht,
sondern auch von einer ganz neuen Gefahr:
AIDS wurde zum Stichwort für einen
übergesellschaftlichen Notstand, der die
jahrenlangen Kämpfe um Lust und Liebe in
einem fast nostalgischen Licht erscheinen
ließ."
(Reinhard Mohr
"Zaungäste", 1992)
"Ich
selbst habe immer wieder beobachten können -
in den achtziger Jahren noch amüsiert,
später mehr und mehr unversöhnlich und
ärgerlich -, wie man als Mann beste Karten
bekam in selbstbewusst debattierenden
Frauenkreise. Das Verfahren war
vergleichsweise überschaubar. Methode:
Vorurteile bestätigen,
Anti-Männer-Klischees hochhalten und
aktualisieren, sein eigenes Geschlecht mit
Häme, Kritik und schnoddriger Abwertung
vorführen - all das half, als Individuum,
obschon männlich, akzeptiert zu werden. Zu
ernten war damit nicht nur Zustimmung,
sondern phasenweise sogar echter menschlicher
Respekt für die scheinbar intelligente
Großtat, sein Geschlecht zum
Generalschadensverursacher zu erklären.
Versucht nun aber derselbe männliche Mensch
mit einem Perspektivenwechsel Verständnis
für Nöte, Zweifel, Zwänge in einem
stinknormalen Männerleben zu wecken, schauen
die eben noch Nickenden und Zustimmenden wie
verwandelt."
(...)
Aus dem Ärger über diesen Denkstandard
resultiert diese Streitschrift. Männer, mit
ihrem Selbstverständnis, ihrer Identität
und ihrem Gefühl mit dem Gesicht gegen die
Wand gedrückt, müssen sich umdrehen und
endlich reden. Sie müssen sich stellen,
allem, was da ist: der Häme, dem
Unverständnis, der Rechthaberei.
(...)
Die Klärung, wo Kritik anzusetzen hat an
einer einseitigen Realitätsdeutung in Sachen
»Patriarchat«, ist eine Aufgabe
reformorientierter Männer. Nicht schweigen,
nicht die Schultern einziehen, die Vorwürfe
regnen lassen und, frisch gedeckelt, weiter
machen wie bisher, sondern: Reden, die
eigenen Gefühle und Positionen klären"
(H.- P. Gruner "Frauen
und Kinder zuerst", 2000)
Im Wonnemonat Mai ist bei Rowohlt
"Frauen und Kinder zuerst"
erschienen. Der Autor Paul-Hermann GRUNER ist ein
sogenannter "Neuer Mann", der sich in
HOUELLEBECQscher Manier als Opfer der
Frauenbewegung der 70er Jahre versteht und nun
sein spätes Coming Out hat. Sein Rebellengestus
wirkt etwas antiquiert, wenn er im Stile von
"Allein gegen die Frauenbewegung" seine
angeblich provokativen Themen vorträgt.
Die "Krise
des Mannes" ist
spätestens seit dem Erfolg von HOUELLEBECQ,
dessen erster Roman "Ausweitung der
Kampfzone" im selben Verlag erschienen
ist, ein Modethema. Der Erfolg dieses Themas
wäre ohne den Rückhalt in Teilen der
Frauenbewegung kaum denkbar. Dies wird
von GRUNER jedoch verschwiegen. Seine Positionen
sind weder radikal noch originell, sondern werden
bereits seit längerem unter Stichworten wie
"Geschlechterdemokratie" oder
"Gendermainstreaming" verhandelt. Im
Rahmen der Genderforschung gibt es bereits
Anfänge einer Männerforschung, die zur
"Männerdämmerung" (Hollstein) werden
soll.
Es erscheint mir
jedoch fraglich, ob die Perspektive des
Geschlechterkampfes heute noch sinnvoll
ist, oder ob nicht vielmehr von einem "Kampf
der Lebensstile" gesprochen werden
sollte. Es ist offensichtlich, dass heute
Lebensstile existieren, die den Geschlechterkampf
in der bisherigen Form beigelegt haben. Besonders
in den Neuen Mittelschichten
wird die Hausarbeit nicht mehr geteilt, sondern
gekauft! (siehe meine Rezension zu ODIERNA)
Hinter der
Kampfformel "Singles versus Familien"
verbergen sich Konflikte, die sich nicht auf
Geschlechterverhältnisse reduzieren lassen,
sondern auf Verteilungskämpfe zwischen
Lebensstilen zurückzuführen sind. Mit seinen
Themen bleibt GRUNER deshalb immer einen Schritt
hinter dem aktuellen Diskurs zurück. Dies soll
anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden.
Im Kapitel 3 spricht
GRUNER von der "Ganzkörper-Prostitution
der Männer" und meint
damit die Tatsache, dass Männer gegen ihren
Willen in der Armee verheizt werden. Nur ist es
so, dass in anderen Armeen schon längst Frauen
den "Dienst an der Waffe" leisten und
in Deutschland Frauen dies ebenfalls durchgesetzt
haben. Dennoch sind es vorwiegend Männer, die
Wehrdienst leisten, da hat GRUNER die Statistik
auf seiner Seite. Aber die Debatte geht
inzwischen darum, welche Männer zur Bundeswehr
eingezogen werden sollen. In der WELT v.
24.10.2000 wurde unter der Schlagzeile
"Trauschein schützt vor Truppe" wieder
einmal das Thema "Singles versus
Familien" variiert. Es gibt also wertlose
und wertvolle Männer. Aber es werden auch nicht
mehr alle Männer gebraucht und diese müssen
auch noch mit Frauen um die besten Positionen
kämpfen - ein Schlag gegen die traditionelle
Männlichkeit.
Im Kapitel
4
"Männer - die Idioten für alles. Die
»Hälfte des Himmels«? Wie wär's mit der
Hälfte von Müllabfuhr und Kanalreinigung?"
widmet sich GRUNER am Beispiel des Kultbuchs
"Momo" und der Figur des
Straßenkehrers Beppo den typischen
Männer- und Frauenberufen. Sein Credo:
Männerberufe sind schmutzig und gefährlich,
während Frauenberufe schnieke und schön sind.
GRUNER schwelgt in den Bildern der
heroischen Industriegesellschaft, die
den ganzen Mann forderte. Dies mag auch für die
Gegenwart noch stimmen, aber die Zukunft sieht
anders aus. Schmutz und Körperkraft sind nicht
das Kennzeichen der neuen Berufe in der
Dienstleistungsgesellschaft. In der
Produktion ersetzen zunehmend Roboter die
männliche Muskelkraft und die
Dienstleistungsbranche offeriert vermehrt
typische Frauenberufe. Nicht die Tatsache, dass
Frauen in Männerberufen weniger dominieren,
wäre das Thema gewesen, sondern der Wandel der
Arbeitswelt, der die männliche Identität
bedroht, weil die neuen Berufe traditionelle
Männlichkeit in Frage stellen.
Im Kapitel 6 kommt GRUNER zum
Scheidungskrieg. Bereits 10 Jahre zuvor hat der
Soziologe Ulrich BECK das Szenario in dem Buch
"Das ganz normale Chaos der Liebe"
beschrieben, von dem sich GRUNER Zulauf
verspricht:
"Vater
werden ist nicht schwer, geschiedener
Vater sein dagegen sehr. Wenn es zu spät
ist, wird in dem Kind die Familie zum Ort der
Hoffnung, der konkreten Mühe, für die
ansonsten 'beim besten Willen' Aufmerksamkeit
und Zeit einfach nicht vorhanden waren. Der
geschiedene, seine Gefühlswelt entdeckende
Vater-Mann ist der Trauerfall der erzwungenen
Emanzipation, die entdeckt, ergriffen wird,
wo ihr das Ziel entglitten ist.
Nun kehrt sich
alles gegen ihn. Zug um Zug bekommt er
Quittungen für seine familiale
Exterritorialität: erzwungene Einsamkeit,
angelernte Hilflosigkeit, Besuchszeiten,
Versorgungsregelungen - das sind die
Gitterstäbe, hinter der die entdeckte
Vaterschaft sich nun zu Unrecht eingesperrt
sieht. Die Empörung, der Schmerz, die
Verbitterung sind - manchmal - die
Schockwellen einer beginnenden
Männeremanzipation."
Der Vater
wird zum Zahlvater! Aber das ist noch nicht
alles. In der amtlichen Statistik zieht der Zahlvater
in den Einpersonenhaushalt ein,
während die Mutter in den Familienhaushalt
einzieht. Damit sind wir wieder bei der
Kampfformel "Singles versus Familie".
Geschiedene Männer
sind kein Sujet, dem sich die Single-Forschung
intensiv gewidmet hat. Single-Forschung war lange
Zeit Forschung von Frauen und damit
Frauenforschung, aber keine Männerforschung.
Die erste deutsche
Studie, die sich dem geschiedenen Mann
gewidmet hat, stammt vom Bamberger Soziologen
Jörg ECKARDT. In dem Buch "Gebrauchte
Junggesellen. Scheidungserleben und biographische
Verläufe" aus dem Jahre 1993 wird auf
das Erleben des Scheidungsprozesses eingegangen.
ECKARDT unterscheidet zwischen passiv und
aktiv Getrennten und verschiedenen
Verlaufstypen, die sich danach unterscheiden, ob
die Ehe weiterhin als Ideal angestrebt wird
(Konsolidierung, Suspendierung und Regression)
oder nicht (Konversion).
Der Bamberger
Familiensoziologe Ronald BACHMANN hat sich
dagegen in seiner Single-Studie ("Singles.
Zum Selbstverständnis von 30- bis 40jährigen
partnerlos alleinlebenden Männern und Frauen"
aus dem Jahre 1992) speziell mit geschiedenen
Männern, die zum Zeitpunkt der Studie partnerlos
waren und einen Einpersonenhaushalt führten,
beschäftigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich
geschiedene Männer am wenigsten von
traditionellen Rollenvorstellungen lösen
können:
"Sie
erweisen sich nicht nur in dem Moment des
Überganges in die Partnerlosigkeit als wenig
anpassungsfähig an ein Alleinleben, sondern
vermögen auch nach längerer
Single-Erfahrung einem leben ohne den
emotionalen Rückhalt einer Partnerin wenig
Sinn abzugewinnen. Ohne Partner leben ist
unter ihnen mit Abstand am stärksten mit
Gedanken an Einschränkungen,
Benachteiligungen, unerfüllten Wünschen und
Gefühlen der Einsamkeit assoziiert. Ein
Stück weit sind sie als Singles mit
Scheidungserfahrung aus der Spur ihrer
vertrauten Lebensperspektiven geraten, die
das Lebensmodell Familie so geradlinig
vorgezeichnet und dessen Verheißungen sie
sich in ihrem Leben mehr oder weniger 'blind'
anvertraut hatten."
Hier muss
jedoch gefragt werden, inwieweit die Ergebnisse
auch Generationenerfahrungen bzw. die Erfahrungen
spezieller Gruppen von geschiedenen Männern
(Väter oder Kinderlose, langjährig oder nur
kurzzeitig verheiratet) widerspiegeln.
Die Single-Gesellschaft wurde 1977
geboren und war im Kern eine Scheidungsbewegung,
denn in diesem Jahr trat das neue
Scheidungsgesetz in Kraft. Der
Bevölkerungsforscher Karl SCHWARZ schreibt 1981:
"Bei einer Scheidung wird das Sorgerecht
für die Kinder in der Regel der Mutter
zugesprochen. Daher lebten im April 1979 nur 12 %
der geschiedenen Männer, aber 42 % der
geschiedenen Frauen mit ledigen Kindern in einem
Mehrpersonenhaushalt". 1995 schreibt der
Soziologe HRADIL, daß "Frauen viel
häufiger als Männer nach Scheidungen
Alleinerziehende werden (in Westdeutschland sind
84 % aller Alleinerziehenden Frauen) trägt dazu
bei, daß es weniger weibliche als männliche
Singles gibt."
Der Soziologe Ulrich BECK weist
jedoch darauf hin, dass "leibliche
und soziale Elternschaft sowie soziale
und rechtliche Elternschaft immer
weniger zusammenfallen." Dies bedeutet
jedoch, dass die amtliche Statistik ein
Kategorienproblem hat. Die statistischen
Kategorien können Singles, Paare und Eltern
nicht trennen. Die Kategorien
"Einpersonenhaushalt" und
"Familienhaushalt" bilden die
tatsächlich vorhanden Lebensstile immer weniger
ab. Wie will man z.B. eine Patchworkfamilie
einer der Kategorien zuordnen, wenn ein Kind
Montags bis Mittwochs bei seinem leiblichen
Vater, Mittwochs bis Freitag bei seiner
leiblichen Mutter und am Wochenende mal hier, mal
dort wohnt? Was ist mit jenen verheirateten
Alleinerziehenden, die mit einem neuen Partner
zusammenwohnen?
Mit der Scheidungsreform wurden private
Probleme öffentlich und damit sichtbar gemacht.
Das heisst jedoch nicht, dass vor der
Scheidungsreform die Ehe kein Problem war. Der
Soziologe René KÖNIG hat bereits Mitte der 60er
Jahre von der "Individualisierung
der Ehe" gesprochen. 1978 hat er
darauf hingewiesen, dass das Nichtvorhandensein
einer rechtlichen Scheidungsmöglichkeit, die
auch Wiederverheiratung zulässt, nichts über
die Stabilität der Familie aussagt.
Er führt dann die "italienische
Scheidung" als Beispiel an, die
eine faktische Trennung der Ehepartner war,
jedoch keinen rechtlichen Ausdruck fand. Wenn
z.B. die US-amerikanische
Anti-Scheidungsbewegung auf der
rechtlichen Ebene wieder die Einführung von
Restriktionen zur Folge hätte, dann hiesse dies
noch lange nicht, dass die Gefahr einer
"Single-Gesellschaft" abgewehrt wäre.
Es hiesse vielmehr, dass das Problem öffentlich
unsichtbar werden würde, aber privat weiter
bestehen würde. Die Sehnsucht nach
stabilen Verhältnissen verkennt diesen
Umstand. Die Familie war auch vor 1968 keine
Idylle, die Probleme waren nur andere.
GRUNER kritisiert John
LENNON, der 1972 das Lied "Women
is the nigger of the world" geschrieben
hat. Wie kann LENNON so eine Behauptung
vertreten, wenn doch Männer offensichtlich die
Zahlväter der Nation sind? Der Widerspruch
klärt sich, wenn man den veränderten
historischen Kontext in Rechnung stellt. Als
LENNON das Lied sang, da gab es das Problem
Zahlvater in dieser Form noch nicht. Würde er
einen vergleichbar provokativen Song heute schreiben,
dann würde er vielleicht "Single is the
nigger of the world" singen, denn
"Singles" werden in zunehmenden Masse
diskriminiert, obwohl Singles im Grunde nur eine virtuelle
Gruppe sind, die durch den
politischen Diskurs erst erzeugt wurde.
Als soziale
Gruppe existieren "Singles"
nicht. In "Single-Haushalten"
leben Partnerlose, Paare, Eltern, junge und alte
Menschen. Es sind Menschen, die kein Bewusstsein
für ihre zugeschriebene gemeinsame Lage
besitzen, weil ihre Lebenssituation zu
verschieden ist. Viele würden das Etikett
"Single" für sich strikt ablehnen.
Eine ganze Industrie verdient gut an den
Partnerlosen (die nur zum Teil überhaupt in
Einpersonenhaushalten leben, was diese Industrie
ignoriert), die gerne Teil eines Paares wären.
Andere wiederum sind bereits Paare auf dem Sprung
zum Zusammenleben. Und sie sind vor allem eines:
eine Minderheit, die weder organisationsfähig,
noch konfliktfähig ist. Sie sind die
Sündenböcke im Kampf der Lebensstile, der im
Kern ein Kampf um die Normalfamilie der
Neuen Mitte ist.
Menschen in
Einpersonenhaushalten sind männlich oder
weiblich. Und wenn sie die Hausarbeit nicht von
der Dienstleistungsgesellschaft erledigen lassen
(was für die Mehrheit nicht im Rahmen ihrer
finanziellen Möglichkeiten liegt), dann müssen
sie sowohl die männliche Berufsrolle (falls sie
nicht Student/in oder Rentner/in bzw. arbeitslos
sind) als auch die weibliche Hausfrauenrolle
einüben. Rollenvielfalt ist für Singles deshalb
selbstverständlicher als für andere
Haushaltsformen.
Die Frauenbewegung ist gespalten und
dies könnte Ausdruck der Rückkehr der
Klassengesellschaft sein, die quer zu
Frauen- oder Männerinteressen verläuft. Es
könnte also entscheidender sein, ob man zu den Gewinnern
oder Verlierern der Modernisierung
gehört, ob man also zur Neuen Mittelschicht
gehört, die den Geschlechterkampf aus der
Paarbeziehung heraushalten kann, indem sie sich
z.B. Dienstpersonal leistet, oder ob man selbst
zum Dienstpersonal gehört, weil dies ein
notwendiger Bestandteil des Lebensunterhalts ist.
Der Ausstieg aus der männlichen oder weiblichen
Rollenfixierung setzt Wahlmöglichkeiten voraus,
die nicht alle im gleichen Masse besitzen. Sowohl
die Frauen- als auch die Männerbewegung sieht
das Hauptproblem im Bereich der Werte
und nicht in den gesellschaftlichen
Strukturen. "Trennt euch, Frauen
wie Männer, von lieb gewordenen Verkrustungen im
Empfinden, Denken und Handeln" ist deshalb
auch das Credo von GRUNER.
Das Hausfrauen- bzw.
Hausmanndasein kann aber auch attraktiv werden,
wenn man auf dem Arbeitsmarkt für sich keine
Existenzmöglichkeiten erkennen kann. Die
Auflösung der alten Rollenmuster muss also kein
Anzeichen für neue Wahlmöglichkeiten sein,
sondern kann genauso gut das Ergebnis neuer
Zwänge sein. Dies sollte man zumindest immer im
Hinterkopf behalten.
GRUNER unterstellt
den Frauen, dass sie vorhandene
Wahlmöglichkeiten nicht wahrnehmen und Männer
sofort neue Rollen ausprobieren würden. Dies ist
nur die simple Umkehrung der Argumentation, die
vorher von der Frauenbewegung vertreten wurde. Ob
dies ein Fortschritt ist, ist mehr als
zweifelhaft. Widerstände gegen Veränderungen
und Veränderungsbereitschaft sind sowohl bei
Männern als auch bei Frauen zu erwarten.
GRUNER fordert zu Rollenexperimenten auf. Es sieht
jedoch nicht danach aus, dass wir in einer Zeit
leben, in der Lebensstilexperimente erwünscht
sind. Vielmehr werden erbitterte Kämpfe um die
Durchsetzung eines neuen Familienideals geführt.
Es geht also eher um das Ende der Alternativen.
Aus diesem Grunde steht auch der "neue
Vater" und nicht so sehr der
"neue Mann" im Vordergrund des
Diskurses zur "Geschlechterdemokratie".
Eines scheint jedoch
sicher, GRUNER wird Nachfolger finden. Das Thema
"Krise des Mannes" ist ein Modethema,
das so schnell nicht von der Agenda verschwinden
wird. Männer werden sich vermehrt zu Wort melden
und ihre Sicht der Dinge einbringen. Das
Schweigen hat ein Ende und das ist gut so. Die
besten Momente von GRUNERs Buch sind jene, in
denen die biographischen Motive aufscheinen. Der
neue Vater GRUNER fühlt sich in seiner Rolle
unbehaglich. Vielleicht hätte GRUNER lieber
einen Bericht über das Leben als neuer Vater
verfassen sollen, das hätte die Debatte
weitergebracht.
Für die
"Singles" kann man da nur hoffen, dass
es nicht nur zur Männer- sondern auch zur "Singledämmerung"
kommt. "Singles" - auch wenn sie sich
nicht als solche wahrnehmen, sondern als
Partnerlose, Paare oder Eltern - werden sonst zu
den Verlierern der schönen neuen Welt gehören.
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