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Buchrezension mit weiterführenden Links:

 
   

Paul-Hermann Gruner

 
   

Frauen und Kinder zuerst.
Eine Streitschrift


erschienen 2000 im Rowohlt Verlag

 
       
     
       
   
 
 

"Das Männlichkeitsideal, 'sich stets als stark, mutig, unverletzlich usw. darzustellen', hindert die Männer, ihre Sexualität und die mit ihr verbundenen Emotionen zu akzeptieren.
(...)
Dabei hat sich das Männlichkeitsideal in den letzten zehn, fünfzehn Jahren erheblich verändert. Ich erschrecke manchmal, wenn ich, oft bei ganz lächerlichen Anlässen, auf den Unterschied stoße, der sich heute schon zwischen einem Zwanzig- und einem Dreißigjährigen herausgebildet hat (...). In meiner (Schul-)Klasse, also Mitte bis Ende der fünfziger Jahre, wären die meisten Männer, die heute das Bild des jungen Mannes prägen, eher als Schwächlinge dagestanden. Man braucht nur die gedrungenen, trotzigen Gestalten von Marlon Brando und James Dean mit den eher zarten und zerbrechlichen Image von Jim Morrison oder der Beatles zu vergleichen. Neulich sah ich einen alten Elvis-Presley-Film und war erstaunt, wie hart und teilweise unbeholfen mir seine Show erschien, die damals für uns einen Ausdruck körperlicher Befreiung darstellte. Er setzt tatsächlich den Körper eher wie ein Boxer ein, er schüttelt mit den Armen und Beinen unsichtbare Ketten ab, aber verglichen mit Mick Jagger wirken seine Exaltationen äußerlich, die Musik geht nicht durch den Körper durch. Provozierend sind bei ihm die aggressiven, schnellen Rocks, sobald er ein langsames Lied singt, wird er sofort sentimental und unglaubwürdig, man hofft, daß er bald damit fertig ist. Zehn Jahre später betreten schmalschultrige, langhaarige Kollektive die Bühne und sie können zärtliche Lieder singen, ohne im mindesten schmierig zu wirken. Der männliche Anspruch, sich als stark und unverletzbar zu präsentieren, ist aus Gründen, die natürlich nicht aus der Musik-Entwicklung ableitbar sind, gelockert, die Haut ist dünner geworden."
(Peter Schneider "Die Sache mit der 'Männlichkeit' Gibt es eine Emanzipation der Männer?" in Kursbuch Nr.4, 1974)

"Als ich ein Kind war, im Jahr vor meiner Einschulung, wollte ich im raschen Wechsel hintereinander Schornsteinfeger, Heizer auf einer Dampflok und Müllfahrer werden. Männliche Berufe, aber vor allem schmutzige Berufe: nicht die Berufe der Erfolgreichen. Daß die Müllmänner später oft tuberkulös wurden, wie man mir erzählte, schreckte mich nicht ab, machte mir diese Arbeit eher noch attraktiver; mehr schon deprimierte mich die Entdeckung, daß ich nicht schwindelfrei und somit für den Beruf des Schornsteinfegers ungeeignet war.
(...)
Zum Glück, zu meinem Glück, gab es dann einen Zeitpunkt, an dem ich das nicht mehr wollte. Die mittleren sechziger Jahre kamen, mit ihnen eine neue Musik, eine neue Mode, eine neue Art, die Haare zu tragen, all das nicht mehr besonders männlich: nicht mehr Elvis, sondern die Beatles, nicht mehr die Rocker, sondern die Mods. Alles wurde plötzlich weicher, schöner, sanfter, auch die Männer. Breite Schultern und der Brustkorb eines Gorillas waren nicht mehr erstrebenswert. Vor allem aber waren wir selber, die Sechzehn- bis Neunzehnjährigen, die Protagonisten dieser entstehenden Popkultur; es gab keine Vertröstungen auf später, aufs Erwachsensein (...).
Beides zugleich also: Abkehr von der Erwachsenenwelt und Ablösung des bisherigen Männlichkeitsbildes durch andere Leitbilder, sanftere, schönere, auch narzißtischere Männer, tendenziell androgyn. (Ich nehme an, es gibt handfeste Gründe für diese 'Tendenzwende'. Wa sollte noch der zupackende, aufbauende, starke tough guy aus der Nachkriegszeit? Inzwischen war alles aufgebaut, alles lieferbar, alles fertig, alles zur Verfügung: Es war eine wonderful world, gegen Bezahlung natürlich.)"
(Jochen Schimmang "Text Nr.1 - auf die Frauenbewegung schielend", 1979)

"Eine Frauenbewegung gibt es. Eine Männerbewegung gibt es nicht. Kann es sie geben? Ich glaube nicht. Der Kampf der Frauen ist notwendigerweise, ob sie wollen oder nicht, ein politischer Kampf (...). Einen politischen Kampf der Männer als Männer kann ich mir nur schwer vorstellen. Die Männer, auch wir, die 'progressiven', sind keine unterdrückte Klasse (Gruppe) - auch hier die Schwulen wieder ausgenommen - wie die Frauen, sie sind noch allemal die Unterdrücker selbst. Sie müssen sich selber bekämpfen und die reaktionärsten Repräsentanten ihres Geschlechts, und zum Teil, in der Verweigerung vor allem (Verweigerung von Rollenerfüllung, von Karriere, von allgemeinem 'Männerkonsens' über bestimmte Fragen etc.), mag das politische Qualitäten haben: eine politische Bewegung wird daraus noch lange nicht.
(...)
Durch keinen Trick schaffe ich die Tatsache aus der Welt, daß ich selbst Angehöriger dieses Geschlechts bin. Schwul bin ich nicht, eine Frau schon gar nicht, und männliche Feministen kann es nicht geben, auch wenn manche sich das einbilden mögen.
(...)
Es ist schwer, eine Identität zu finden in einer Zwangswelt, die nur die Identitäten 'Frau' oder 'Mann' anbietet und zuläßt, wenn man 'Mann' nicht sein will und 'Frau' nicht sein kann. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als diese Zwangswelt aufzubrechen und am Ende abzuschaffen. Die Männer werden wohl bei diesem Prozeß bloß die kleinere Rolle spielen."
(Jochen Schimmang "Text Nr.1 - auf die Frauenbewegung schielend", 1979)

"»Frauen kommen langsam, aber gewaltig« - auch wenn sich die feministische Rhetorik schnell zum Jargon entwickelte, der innerhalb weniger Jahre zum scheinbar selbstverständlichen Bestandteil der gesellschaftlichen Symbolik gehörte, für die männlichen 78er war sie ein biographischer Einschnitt, der ganz unterschiedlich verarbeitet wurde. Die Mehrheit sah sich nicht in der Lage, ihre Verunsicherung durch schlichte Ignoranz oder eine konzentrierte Gegenattacke aufzufangen. Obwohl die feministische Offensive zunächst gegen die »sozialistischen Eminenzen« der männlichen 68er gerichtet war, die sich in den Augen ihrer Altersgenossinnen ungebrochen der Traditionen des bürgerlichen Patriarchats bedient hatten, begriffen die 78er rasch, daß auch sie unmittelbar betroffen waren.
(...)
Mit dem Vorteil ausgestattet, aus wesentlich geringerer Fallhöhe vom kleinen Pascha-Schemel gestoßen zu werden als ihre großen Brüder, spürten sie nun (...), daß ein neues Ziel alle Anstrengungen erfordern würde: die endlich befreite, nicht-repressive Sexualität. Was das war, wußte keiner, aber der Weg dorthin mußte auf jeden Fall über die »Infragestellung« der männlichen Rolle führen (...). Die Selbstverständnisdiskussion des Mannes sollte der Anfang seiner Selbstbefreiung, die Aufgabe seiner patriachalen Rollenidentität sein, denn auch er war letztlich das Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse (...): Der Softie war geboren. (...) Aufgeschlossenheit, Verständnis, gar Betroffenheit und Schuldbewußtsein zeigen, zuhören und reden, das sind die wirksamsten Abwehr- und Nothilfemaßnahmen (...) War er geschickt, so konnte er seine narzißtischen Kränkungen hinter einem möglichst souveränen Gebrauch des neuen, feministisch geprägten Vokabulars verbergen (...). Bereitwillig räumte er ein, »irgendwie« auch ein Chauvi zu sein (...). Die Summierung der einzelnen Vorwürfe zu einer pauschalen Kritik am Verhalten der Männer, die allgegenwärtige Anklage des Sexismus, erleichterte eine ebenso pauschale wie vorauseilende Selbstbezichtigung, ein katholisch inspiriertes Schuldbekenntnis mit eingeschränkter Haftung und einer nur begrenzt geltenden Garantieerklärung, daß sich die Verfehlungen nicht wiederholen würden. Der einmal dingfest gemachte Sünder genoß den Vorteil, selbst inmitten des Angriffs auf die Bastionen des Patriachats seine - wie immer angeschlagene - Identität zu wahren. Der anerkannte Chauvi, der als Softie ging, konnte sich häufig sicherer fühlen als die feministische Angreiferin"
(...)
Aus den 78ern waren (...) Singles, Paare und Passanten geworden, neue Mütter, neue Väter, alte Chauvis. Die einen bekannten sich zu einem unerhörten Tabubruch und heirateten ohne Wenn und Aber, andere machten einsam Karriere und belegten die teuren Zweizimmer-Apartments in bester Citylage. Männer wie Frauen hatten im langjährigen Kampf gelernt, sich zu akzeptieren: ein bemerkenswerter Zustand, dessen historische Bedeutung sich durch den Seitenblick in die (Geschlechter-)Verhältnisse anderer Generationen erst voll erschloß. Die Erbschaft der befreiten Sexualität jedoch, die »neue Erotik«, war nicht nur vom Rückfall in alte Verhaltensmuster bedroht, sondern auch von einer ganz neuen Gefahr: AIDS wurde zum Stichwort für einen übergesellschaftlichen Notstand, der die jahrenlangen Kämpfe um Lust und Liebe in einem fast nostalgischen Licht erscheinen ließ."
(Reinhard Mohr "Zaungäste", 1992)

"Ich selbst habe immer wieder beobachten können - in den achtziger Jahren noch amüsiert, später mehr und mehr unversöhnlich und ärgerlich -, wie man als Mann beste Karten bekam in selbstbewusst debattierenden Frauenkreise. Das Verfahren war vergleichsweise überschaubar. Methode: Vorurteile bestätigen, Anti-Männer-Klischees hochhalten und aktualisieren, sein eigenes Geschlecht mit Häme, Kritik und schnoddriger Abwertung vorführen - all das half, als Individuum, obschon männlich, akzeptiert zu werden. Zu ernten war damit nicht nur Zustimmung, sondern phasenweise sogar echter menschlicher Respekt für die scheinbar intelligente Großtat, sein Geschlecht zum Generalschadensverursacher zu erklären. Versucht nun aber derselbe männliche Mensch mit einem Perspektivenwechsel Verständnis für Nöte, Zweifel, Zwänge in einem stinknormalen Männerleben zu wecken, schauen die eben noch Nickenden und Zustimmenden wie verwandelt."
(...)
Aus dem Ärger über diesen Denkstandard resultiert diese Streitschrift. Männer, mit ihrem Selbstverständnis, ihrer Identität und ihrem Gefühl mit dem Gesicht gegen die Wand gedrückt, müssen sich umdrehen und endlich reden. Sie müssen sich stellen, allem, was da ist: der Häme, dem Unverständnis, der Rechthaberei.
(...)
Die Klärung, wo Kritik anzusetzen hat an einer einseitigen Realitätsdeutung in Sachen »Patriarchat«, ist eine Aufgabe reformorientierter Männer. Nicht schweigen, nicht die Schultern einziehen, die Vorwürfe regnen lassen und, frisch gedeckelt, weiter machen wie bisher, sondern: Reden, die eigenen Gefühle und Positionen klären"
(H.- P. Gruner "Frauen und Kinder zuerst", 2000)

Im Wonnemonat Mai ist bei Rowohlt "Frauen und Kinder zuerst" erschienen. Der Autor Paul-Hermann GRUNER ist ein sogenannter "Neuer Mann", der sich in HOUELLEBECQscher Manier als Opfer der Frauenbewegung der 70er Jahre versteht und nun sein spätes Coming Out hat. Sein Rebellengestus wirkt etwas antiquiert, wenn er im Stile von "Allein gegen die Frauenbewegung" seine angeblich provokativen Themen vorträgt.
      Die "Krise des Mannes" ist spätestens seit dem Erfolg von HOUELLEBECQ, dessen erster Roman "Ausweitung der Kampfzone" im selben Verlag erschienen ist, ein Modethema. Der Erfolg dieses Themas wäre ohne den Rückhalt in Teilen der Frauenbewegung kaum denkbar. Dies wird von GRUNER jedoch verschwiegen. Seine Positionen sind weder radikal noch originell, sondern werden bereits seit längerem unter Stichworten wie "Geschlechterdemokratie" oder "Gendermainstreaming" verhandelt. Im Rahmen der Genderforschung gibt es bereits Anfänge einer Männerforschung, die zur "Männerdämmerung" (Hollstein) werden soll.
      Es erscheint mir jedoch fraglich, ob die Perspektive des Geschlechterkampfes heute noch sinnvoll ist, oder ob nicht vielmehr von einem "Kampf der Lebensstile" gesprochen werden sollte. Es ist offensichtlich, dass heute Lebensstile existieren, die den Geschlechterkampf in der bisherigen Form beigelegt haben. Besonders in den Neuen Mittelschichten wird die Hausarbeit nicht mehr geteilt, sondern gekauft! (siehe meine Rezension zu ODIERNA)
      Hinter der Kampfformel "Singles versus Familien" verbergen sich Konflikte, die sich nicht auf Geschlechterverhältnisse reduzieren lassen, sondern auf Verteilungskämpfe zwischen Lebensstilen zurückzuführen sind. Mit seinen Themen bleibt GRUNER deshalb immer einen Schritt hinter dem aktuellen Diskurs zurück. Dies soll anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden.
      Im Kapitel 3 spricht GRUNER von der "Ganzkörper-Prostitution der Männer" und meint damit die Tatsache, dass Männer gegen ihren Willen in der Armee verheizt werden. Nur ist es so, dass in anderen Armeen schon längst Frauen den "Dienst an der Waffe" leisten und in Deutschland Frauen dies ebenfalls durchgesetzt haben. Dennoch sind es vorwiegend Männer, die Wehrdienst leisten, da hat GRUNER die Statistik auf seiner Seite. Aber die Debatte geht inzwischen darum, welche Männer zur Bundeswehr eingezogen werden sollen. In der WELT v. 24.10.2000 wurde unter der Schlagzeile "Trauschein schützt vor Truppe" wieder einmal das Thema "Singles versus Familien" variiert. Es gibt also wertlose und wertvolle Männer. Aber es werden auch nicht mehr alle Männer gebraucht und diese müssen auch noch mit Frauen um die besten Positionen kämpfen - ein Schlag gegen die traditionelle Männlichkeit.
      Im Kapitel 4 "Männer - die Idioten für alles. Die »Hälfte des Himmels«? Wie wär's mit der Hälfte von Müllabfuhr und Kanalreinigung?" widmet sich GRUNER am Beispiel des Kultbuchs "Momo" und der Figur des Straßenkehrers Beppo den typischen Männer- und Frauenberufen. Sein Credo: Männerberufe sind schmutzig und gefährlich, während Frauenberufe schnieke und schön sind. GRUNER schwelgt in den Bildern der heroischen Industriegesellschaft, die den ganzen Mann forderte. Dies mag auch für die Gegenwart noch stimmen, aber die Zukunft sieht anders aus. Schmutz und Körperkraft sind nicht das Kennzeichen der neuen Berufe in der Dienstleistungsgesellschaft. In der Produktion ersetzen zunehmend Roboter die männliche Muskelkraft und die Dienstleistungsbranche offeriert vermehrt typische Frauenberufe. Nicht die Tatsache, dass Frauen in Männerberufen weniger dominieren, wäre das Thema gewesen, sondern der Wandel der Arbeitswelt, der die männliche Identität bedroht, weil die neuen Berufe traditionelle Männlichkeit in Frage stellen.
      Im Kapitel 6 kommt GRUNER zum Scheidungskrieg. Bereits 10 Jahre zuvor hat der Soziologe Ulrich BECK das Szenario in dem Buch "Das ganz normale Chaos der Liebe" beschrieben, von dem sich GRUNER Zulauf verspricht:

"Vater werden ist nicht schwer, geschiedener Vater sein dagegen sehr. Wenn es zu spät ist, wird in dem Kind die Familie zum Ort der Hoffnung, der konkreten Mühe, für die ansonsten 'beim besten Willen' Aufmerksamkeit und Zeit einfach nicht vorhanden waren. Der geschiedene, seine Gefühlswelt entdeckende Vater-Mann ist der Trauerfall der erzwungenen Emanzipation, die entdeckt, ergriffen wird, wo ihr das Ziel entglitten ist.
      Nun kehrt sich alles gegen ihn. Zug um Zug bekommt er Quittungen für seine familiale Exterritorialität: erzwungene Einsamkeit, angelernte Hilflosigkeit, Besuchszeiten, Versorgungsregelungen - das sind die Gitterstäbe, hinter der die entdeckte Vaterschaft sich nun zu Unrecht eingesperrt sieht. Die Empörung, der Schmerz, die Verbitterung sind - manchmal - die Schockwellen einer beginnenden Männeremanzipation."

Der Vater wird zum Zahlvater! Aber das ist noch nicht alles. In der amtlichen Statistik zieht der Zahlvater in den Einpersonenhaushalt ein, während die Mutter in den Familienhaushalt einzieht. Damit sind wir wieder bei der Kampfformel "Singles versus Familie".
      Geschiedene Männer sind kein Sujet, dem sich die Single-Forschung intensiv gewidmet hat. Single-Forschung war lange Zeit Forschung von Frauen und damit Frauenforschung, aber keine Männerforschung.
      Die erste deutsche Studie, die sich dem geschiedenen Mann gewidmet hat, stammt vom Bamberger Soziologen Jörg ECKARDT. In dem Buch "Gebrauchte Junggesellen. Scheidungserleben und biographische Verläufe" aus dem Jahre 1993 wird auf das Erleben des Scheidungsprozesses eingegangen. ECKARDT unterscheidet zwischen passiv und aktiv Getrennten und verschiedenen Verlaufstypen, die sich danach unterscheiden, ob die Ehe weiterhin als Ideal angestrebt wird (Konsolidierung, Suspendierung und Regression) oder nicht (Konversion).
      Der Bamberger Familiensoziologe Ronald BACHMANN hat sich dagegen in seiner Single-Studie ("Singles. Zum Selbstverständnis von 30- bis 40jährigen partnerlos alleinlebenden Männern und Frauen" aus dem Jahre 1992) speziell mit geschiedenen Männern, die zum Zeitpunkt der Studie partnerlos waren und einen Einpersonenhaushalt führten, beschäftigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich geschiedene Männer am wenigsten von traditionellen Rollenvorstellungen lösen können:

"Sie erweisen sich nicht nur in dem Moment des Überganges in die Partnerlosigkeit als wenig anpassungsfähig an ein Alleinleben, sondern vermögen auch nach längerer Single-Erfahrung einem leben ohne den emotionalen Rückhalt einer Partnerin wenig Sinn abzugewinnen. Ohne Partner leben ist unter ihnen mit Abstand am stärksten mit Gedanken an Einschränkungen, Benachteiligungen, unerfüllten Wünschen und Gefühlen der Einsamkeit assoziiert. Ein Stück weit sind sie als Singles mit Scheidungserfahrung aus der Spur ihrer vertrauten Lebensperspektiven geraten, die das Lebensmodell Familie so geradlinig vorgezeichnet und dessen Verheißungen sie sich in ihrem Leben mehr oder weniger 'blind' anvertraut hatten."

Hier muss jedoch gefragt werden, inwieweit die Ergebnisse auch Generationenerfahrungen bzw. die Erfahrungen spezieller Gruppen von geschiedenen Männern (Väter oder Kinderlose, langjährig oder nur kurzzeitig verheiratet) widerspiegeln.
      Die Single-Gesellschaft wurde 1977 geboren und war im Kern eine Scheidungsbewegung, denn in diesem Jahr trat das neue Scheidungsgesetz in Kraft. Der Bevölkerungsforscher Karl SCHWARZ schreibt 1981: "Bei einer Scheidung wird das Sorgerecht für die Kinder in der Regel der Mutter zugesprochen. Daher lebten im April 1979 nur 12 % der geschiedenen Männer, aber 42 % der geschiedenen Frauen mit ledigen Kindern in einem Mehrpersonenhaushalt". 1995 schreibt der Soziologe HRADIL, daß "Frauen viel häufiger als Männer nach Scheidungen Alleinerziehende werden (in Westdeutschland sind 84 % aller Alleinerziehenden Frauen) trägt dazu bei, daß es weniger weibliche als männliche Singles gibt."
      Der Soziologe Ulrich BECK weist jedoch darauf hin, dass "leibliche und soziale Elternschaft sowie soziale und rechtliche Elternschaft immer weniger zusammenfallen." Dies bedeutet jedoch, dass die amtliche Statistik ein Kategorienproblem hat. Die statistischen Kategorien können Singles, Paare und Eltern nicht trennen. Die Kategorien "Einpersonenhaushalt" und "Familienhaushalt" bilden die tatsächlich vorhanden Lebensstile immer weniger ab. Wie will man z.B. eine Patchworkfamilie einer der Kategorien zuordnen, wenn ein Kind Montags bis Mittwochs bei seinem leiblichen Vater, Mittwochs bis Freitag bei seiner leiblichen Mutter und am Wochenende mal hier, mal dort wohnt? Was ist mit jenen verheirateten Alleinerziehenden, die mit einem neuen Partner zusammenwohnen?
      Mit der Scheidungsreform wurden private Probleme öffentlich und damit sichtbar gemacht. Das heisst jedoch nicht, dass vor der Scheidungsreform die Ehe kein Problem war. Der Soziologe René KÖNIG hat bereits Mitte der 60er Jahre von der "Individualisierung der Ehe" gesprochen. 1978 hat er darauf hingewiesen, dass das Nichtvorhandensein einer rechtlichen Scheidungsmöglichkeit, die auch Wiederverheiratung zulässt, nichts über die Stabilität der Familie aussagt. Er führt dann die "italienische Scheidung" als Beispiel an, die eine faktische Trennung der Ehepartner war, jedoch keinen rechtlichen Ausdruck fand. Wenn z.B. die US-amerikanische Anti-Scheidungsbewegung auf der rechtlichen Ebene wieder die Einführung von Restriktionen zur Folge hätte, dann hiesse dies noch lange nicht, dass die Gefahr einer "Single-Gesellschaft" abgewehrt wäre. Es hiesse vielmehr, dass das Problem öffentlich unsichtbar werden würde, aber privat weiter bestehen würde. Die Sehnsucht nach stabilen Verhältnissen verkennt diesen Umstand. Die Familie war auch vor 1968 keine Idylle, die Probleme waren nur andere.
      GRUNER kritisiert John LENNON, der 1972 das Lied "Women is the nigger of the world" geschrieben hat. Wie kann LENNON so eine Behauptung vertreten, wenn doch Männer offensichtlich die Zahlväter der Nation sind? Der Widerspruch klärt sich, wenn man den veränderten historischen Kontext in Rechnung stellt. Als LENNON das Lied sang, da gab es das Problem Zahlvater in dieser Form noch nicht. Würde er einen vergleichbar provokativen Song heute schreiben, dann würde er vielleicht "Single is the nigger of the world" singen, denn "Singles" werden in zunehmenden Masse diskriminiert, obwohl Singles im Grunde nur eine virtuelle Gruppe sind, die durch den politischen Diskurs erst erzeugt wurde.
      Als soziale Gruppe existieren "Singles" nicht. In "Single-Haushalten" leben Partnerlose, Paare, Eltern, junge und alte Menschen. Es sind Menschen, die kein Bewusstsein für ihre zugeschriebene gemeinsame Lage besitzen, weil ihre Lebenssituation zu verschieden ist. Viele würden das Etikett "Single" für sich strikt ablehnen. Eine ganze Industrie verdient gut an den Partnerlosen (die nur zum Teil überhaupt in Einpersonenhaushalten leben, was diese Industrie ignoriert), die gerne Teil eines Paares wären. Andere wiederum sind bereits Paare auf dem Sprung zum Zusammenleben. Und sie sind vor allem eines: eine Minderheit, die weder organisationsfähig, noch konfliktfähig ist. Sie sind die Sündenböcke im Kampf der Lebensstile, der im Kern ein Kampf um die Normalfamilie der Neuen Mitte ist.
      Menschen in Einpersonenhaushalten sind männlich oder weiblich. Und wenn sie die Hausarbeit nicht von der Dienstleistungsgesellschaft erledigen lassen (was für die Mehrheit nicht im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten liegt), dann müssen sie sowohl die männliche Berufsrolle (falls sie nicht Student/in oder Rentner/in bzw. arbeitslos sind) als auch die weibliche Hausfrauenrolle einüben. Rollenvielfalt ist für Singles deshalb selbstverständlicher als für andere Haushaltsformen.
      Die Frauenbewegung ist gespalten und dies könnte Ausdruck der Rückkehr der Klassengesellschaft sein, die quer zu Frauen- oder Männerinteressen verläuft. Es könnte also entscheidender sein, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern der Modernisierung gehört, ob man also zur Neuen Mittelschicht gehört, die den Geschlechterkampf aus der Paarbeziehung heraushalten kann, indem sie sich z.B. Dienstpersonal leistet, oder ob man selbst zum Dienstpersonal gehört, weil dies ein notwendiger Bestandteil des Lebensunterhalts ist. Der Ausstieg aus der männlichen oder weiblichen Rollenfixierung setzt Wahlmöglichkeiten voraus, die nicht alle im gleichen Masse besitzen. Sowohl die Frauen- als auch die Männerbewegung sieht das Hauptproblem im Bereich der Werte und nicht in den gesellschaftlichen Strukturen. "Trennt euch, Frauen wie Männer, von lieb gewordenen Verkrustungen im Empfinden, Denken und Handeln" ist deshalb auch das Credo von GRUNER.
      Das Hausfrauen- bzw. Hausmanndasein kann aber auch attraktiv werden, wenn man auf dem Arbeitsmarkt für sich keine Existenzmöglichkeiten erkennen kann. Die Auflösung der alten Rollenmuster muss also kein Anzeichen für neue Wahlmöglichkeiten sein, sondern kann genauso gut das Ergebnis neuer Zwänge sein. Dies sollte man zumindest immer im Hinterkopf behalten.
      GRUNER unterstellt den Frauen, dass sie vorhandene Wahlmöglichkeiten nicht wahrnehmen und Männer sofort neue Rollen ausprobieren würden. Dies ist nur die simple Umkehrung der Argumentation, die vorher von der Frauenbewegung vertreten wurde. Ob dies ein Fortschritt ist, ist mehr als zweifelhaft. Widerstände gegen Veränderungen und Veränderungsbereitschaft sind sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu erwarten.
      GRUNER fordert zu Rollenexperimenten auf. Es sieht jedoch nicht danach aus, dass wir in einer Zeit leben, in der Lebensstilexperimente erwünscht sind. Vielmehr werden erbitterte Kämpfe um die Durchsetzung eines neuen Familienideals geführt. Es geht also eher um das Ende der Alternativen. Aus diesem Grunde steht auch der "neue Vater" und nicht so sehr der "neue Mann" im Vordergrund des Diskurses zur "Geschlechterdemokratie".
      Eines scheint jedoch sicher, GRUNER wird Nachfolger finden. Das Thema "Krise des Mannes" ist ein Modethema, das so schnell nicht von der Agenda verschwinden wird. Männer werden sich vermehrt zu Wort melden und ihre Sicht der Dinge einbringen. Das Schweigen hat ein Ende und das ist gut so. Die besten Momente von GRUNERs Buch sind jene, in denen die biographischen Motive aufscheinen. Der neue Vater GRUNER fühlt sich in seiner Rolle unbehaglich. Vielleicht hätte GRUNER lieber einen Bericht über das Leben als neuer Vater verfassen sollen, das hätte die Debatte weitergebracht.
      Für die "Singles" kann man da nur hoffen, dass es nicht nur zur Männer- sondern auch zur "Singledämmerung" kommt. "Singles" - auch wenn sie sich nicht als solche wahrnehmen, sondern als Partnerlose, Paare oder Eltern - werden sonst zu den Verlierern der schönen neuen Welt gehören.

 
 
 
       
   

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weiterführende Literatur:

 
     
   
  • "Neue Väter" und ihre Sicht der Dinge:

    • GESTERKAMP, Thomas (2000): Mann gönnt sich ja sonst nichts, in: Jan Engelmann & Michael Wiedemeyer (Hg.) Kursbuch Arbeit. Ausstieg aus der Jobholder-Gesellschaft - Start in eine neue Tätigkeitskultur? Stuttgart/München: DVA, S.133-142
 
   
  • Walter HOLLSTEIN: ein Vordenker der deutschen Männerbewegung:

 
     
     
     
     
   

weiterführende Links:

 
     
   
 
   

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Bernds@single-dasein.de Erstellt: 01.Dezember 2000
Update: 28. April 2002
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