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Rezension

 
   

Robert Hettlage

 
   

Individualisierung, Pluralisierung, Postfamiliarisierung. Dramatische oder dramatisierte Umbrüche im Modernisierungsprozess der Familie?

erschienen in: Zeitschrift für Familienforschung, 12. Jg., H.1/2000, S. 72 - 97

 
   
 
  In der sozialpolitischen Debatte dominieren Beiträge, die sich eine Single-Rhetorik zu eigen machen. Es wird von einer drohenden Single-Gesellschaft gesprochen, die durch Vereinzelung, Vereinsamung, Hedonismus usw. gekennzeichnet ist. Der französische Romancier Michel HOUELLEBECQ hat in seinen Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" ein düsteres Bild einer solchen Gesellschaft gezeichnet.
      Grundlage solcher Schreckensszenarien ist die amtliche Haushaltsstatistik, die eine Zunahme der Einpersonenhaushalte ausweist. Diese Haushalte werden meist mit dem Etikett "Single-Haushalt" versehen. Vom Single-Haushalt ist es dann nicht weit zum Klischee des "alleinlebenden Yuppies".
      In dem Artikel von Robert HETTLAGE wird der "Mythos Single" auf der Basis empirischer Forschungen und einer detaillierten Kritik der gängigen Interpretation von der Zunahme der Einpersonenhaushalte demontiert.
      HETTLAGE bezieht sich in seiner Analyse auf die Lebenslauf- und Biographieforschung, die eine lebensphasenbezogene Sicht der statistischen Daten vertritt. Single-Dasein, Partnerschaft und Familie werden als Lebensphasen betrachtet und nicht als einander ausschliessende, dauerhafte Lebensformen. In einer solchen Sicht, die am pointiertesten von Günter BURKART in seinem Buch "Lebensphasen - Liebesphasen. Vom Paar zur Ehe, zum Single und zurück?" aus dem Jahre 1997 dargelegt wurde, stellen sich die Befunde einer individualisierten Gesellschaft weit weniger dramatisch dar. Es geht dann nicht um das Ende der Familie, sondern um die Frage, wie sich die Familienstrukturen in der modernen Gesellschaft verändern.
      HETTLAGE spricht von der "bürgerlichen Normalfamilie", die im 19. Jahrhundert zur Norm wurde und in den 50er Jahren ihre grösste Wertschätzung erlangte und mittlerweile nostalgisch verklärt wird. Das Monopol dieser Normalfamilie sieht HETTLAGE durch nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinerziehende und Fortsetzungsehen, aber nicht durch Singles, gefährdet. Individualisierung ist keine Angelegenheit, die vor der Ehe oder Familie haltmacht, sondern sie kennzeichnet zunehmend auch das "Binnenverhältnis der Familienmitglieder". Singles, Living apart together und Commuter-Ehe sind für HETTLAGE weniger Ausdruck eines "Hedonismus", sondern einer Ökonomisierung der Lebensverhältnisse, in denen der "soziale Zwang zur Offenheit auf allen Märkten" sichtbar wird.
      Während die Sozialstrukturanalyse anhand von Querschnittsdaten dazu neigt, die Gegensätze von Singles und Familien zu dramatisieren, neigt die Lebenslauf- und Biographieforschung dazu, die Gegensätze ganz aufzulösen und zu entdramatisieren. Alternative Lebensformen können jedoch durchaus dauerhaft gelebt werden. BURKART greift deshalb auf den Milieuansatz zurück, um unterschiedliche Wertvorstellungen und daraus resultierende Lebensformen erklären zu können. HETTLAGE referiert die Ansätze von GENICKE und BERTRAM, die ebenfalls von unterschiedlichen Werthaltungen spezifischer gesellschaftlicher Gruppen ausgehen. Ursache ist kein gesamtgesellschaftlicher Wertewandel, sondern die unterschiedlichen Einstellungen ergeben sich aus der Zunahme der "(kinderdistanten) Nicht-Verheirateten - egal, ob jung oder alt, städtisch oder ländlich geprägt". HETTLAGE zieht daraus den Schluss,dass in der Gesellschaft die Polarisierungstendenzen bestehen bleiben oder sogar noch zunehmen. Die Familienpolitik ermöglicht die Anpassungsfähigkeit der Familie an die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse zu steigern.
      Was die Vermutung von Polarisierungstendenzen betrifft, so bewegt sich HETTLAGE auf sehr spekulativem Gebiet. Die Polarisierung scheint vor allem auf der Diskursebene stattzufinden und ist Ausdruck eines starken Familialismus, der das "Feindbild Single" zur Erzeugung von politischem Handlungsdruck benutzt.
 
 
 
       
     
       
   
 
     
   
 
   
© 2000 Bernd Kittlaus Bernds@single-dasein.de Stand: 15. September 2000 Counter Zugriffe seit
dem 03.Juni 2000