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Heut' gibt es keine Indianer mehr - Eine Zeitgeistreise mit

 
   

THOMMIE BAYER

 
   

Eine Überdosis Liebe
erschienen 1985 im Rowohlt-Verlag
Das Herz ist eine miese Gegend
erschienen 1991 im Rowohlt-Verlag
Der neue Mann und das Meer. 30 Typen wie du und er
erschienen 1995 im Goldmann Verlag
LPs "Silchers Rache" (1978), "Abenteuer" (1979) und "Feindliches Gebiet" (1980)

 
       
   
 
 

"Vor drei Jahren nun spielte die Robbi Allmann Band in Heidelberg. Der Club hieß Schwimmbad Musik Club und faßte knapp zweihundert Leute. Und eine dieser knapp zweihundert war Rita." (Thommie Bayer "Eine Überdosis Liebe. Von einem, der auszog...", 1985)

"Er war Indianer. Die verträumten Besserwisser, die freundlichen Versager, die Anarchos mit Charme und die Pulloverträger mit den blutenden Herzen drunter sind die hierzulande eingetragenen seelischen Rechtsnachfolger der Indianer" (Thommie Bayer "Eine Überdosis Liebe. Von einem, der auszog...", 1985)

"Wer jetzt noch ein Yuppie sein will, der kann auf jeden Fall nicht rechnen." (Thommie Bayer "Der neue Mann und das Meer", 1995)

BEATLES oder ROLLING STONES, diese Frage polarisierte die 68er Generation - den 78ern ist dieser Gegensatz egal, denn in ihrer Brust schlagen zwei Herzen. Und THOMMIE BAYER befriedigt den BEATLES-Anteil der 78er.
      Als ich Thommie Bayer das erste Mal 1980 sah, da spielte er mit seiner Band (Robbi Allmann alias Thommie Bayer Band) im Heidelberger Schwimbad Musik Club. Ich war einer der knapp 200 namenlosen Leute, die sich von den teils melancholisch-romantischen, teils persiflierenden Texten von "Der letzte Cowboy" bis "Rock'n Roll (ist wenn man's trotzdem macht)" bezaubern ließ.
      Die Texte von THOMMIE BAYER vermitteln den Zeitgeist der 60er bis 80er Jahre durch die Augen eines distanzierten Beobachters, der die feinen Unterschiede sprachlich auf den Punkt bringt. BAYER war ein Popliterat als dieser Begriff noch gar nicht populär war. Er beschieb nicht die Oberflächenstruktur der Generation Golf, sondern die der 78er, jene Generation also, die mit der Selbsterfahrungs- und Alternativkultur erwachsen geworden ist.
      BAYER beschreibt eine Zeit, in der sich das Bewußtsein noch nicht an Marken und Werbeslogans, sondern an Idealen und Utopien abrackerte, die Authenzität und Wir-Gefühl versprachen. In diesen Jahren war für THOMMIE BAYER die entscheidende Frage, ob einer Cowboy oder Indianer war.
       Indianer waren gut und Cowboys böse und es wird klar, der Kult-Song der Band über den letzten Cowboy stammt nicht aus der Feder von BAYER, sondern von BERNHARD LASSAHN. Aber der letzte Cowboy war im Grunde seines Herzens eigentlich ein Indianer, weil er "sowas verstehen kann".
       Die Welt war noch in Ordnung als man in den Wäldern der Provinz unbeschwert Cowboy und Indianer spielen durfte ("Ich war der Häuptling auf dem Werscher Berg"). Es interessierte noch nicht, dass GITTE einen Cowboy als Mann wollte. WINNETOU war angesagt oder die edle Rothaut aus der LEDERSTRUMPF-Verfilmung. Und wer Fußballfan war (seit Wembley war das praktisch jeder), der war für Gladbach (auch wenn er nicht wusste, wo das lag) und gegen den 1. FC Bayern München.
      Die Welt geriet erst mit der Pubertät aus den Fugen und als publik wurde, dass die Indianer in Reservaten dahinvegetierten, sich Cher von Sony trennte, Feministinnen ernsthaft den Cowboy als Macho diskriminierten, aber Indianer links liegen liessen (denn Indianer kennen keinen Schmerz) und Gladbach nicht mehr um die Meisterschaft spielte, sondern irgendwann sogar abstieg.
      COCHISE sangen "Die Indianer sind noch fern", aber HORX verkündete bald darauf das Ende der Alternativen und THOMMIE BAYER sang "Heut gibt es keine Indianer mehr".
      Nicht der Kapitalismus, sondern der postmoderne Cowboy mit den stahlblauen Augen hat gesiegt und das cosmopolitane Cowgirl fährt im nächsten Urlaub "500 Meilen westwärts" (glaubt man der COSMOPOLITAN vom August 2000).
      Als ich THOMMIE BAYER Mitte der 90er Jahre das letzte Mal sah, da fing für ihn der Himmel über dem Boden an. "Bis man dreißig ist, will man bloß Indianer oder Cowboy sein. Aber ab dreißig kriegt man erst die Chance, dem einen oder andern Verein beizutreten." Welchem Verein er wohl jetzt angehört?

 
 
 
       
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 10. August 2000
Update: 17. Januar 2002
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