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Buchrezension

 
   

Jean-Claude Guillebaud

 
   

Die Tyrannei der Lust
Sexualität und Gesellschaft
(La tyrannie du plaisir)
erschien 2001 als Taschenbuch bei Luchterhand

 
       
     
       
     
       
   
 
 

Vorbild Frankreich

"Leben wie ein Kind in Frankreich, diese Perspektive ist offensichtlich besonders verlockend. Die Zahl der Geburten hat im Jahr 2001 mit 775 000 den hohen Stand des Vorjahres erreicht und damit die Hoffnung geweckt, daß sich der Kindersegen auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Im Durchschnitt bringt eine Frau in Frankreich 1,9 Kinder zur Welt, in Deutschland sind es nur etwa 1,4. Da die Geburten die Sterbefälle um rund 250 000 übertreffen, wächst die französische Bevölkerung, anders als die deutsche, auch ohne Zuwanderung. Diese ist in Frankreich heute ohnehin wenig bedeutend. Nach Berechnungen des Statistikamts Insée lebten in Frankreich im vergangenen Jahr annähernd 60 Millionen Menschen, fünf Millionen mehr als vor fünfzehn Jahren."
(FAZ, 07.02.2002)

GUILLEBAUD als Theorielieferant von HOUELLEBECQ?

"Jean-Claude Guillebaud liefert mit »Die Tyrannei der Lust« das theoretische Fundament zu Houellebecq" heisst es im Untertitel der Rezension von Mariam LAU (Welt,11.12.1999).
      
Dies gilt in erster Linie für Die Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen, aber kaum für HOUELLEBECQs neuen Roman Plattform. Und ob es sich hier um das theoretische Fundament oder nur um eine punktuelle Übereinstimmung geht, darüber liesse sich vortrefflich streiten.

Der postindustrielle Familienmensch als Widerstandskämpfer

Das Buch von GUILLEBAUD mit seinem über 400 Seiten erschliesst sich am besten, wenn man mit dem 14. Kapitel Zurück zur Familie beginnt. Dort wird der Familienmensch als Widerstandskämpfer vorgestellt:

"In stabilen Gesellschaften, in denen ein autoritärer und holistischer Konformismus herrscht, ist die Familie als Ort der Weitergabe und sozialen »Erneuerung« in der Tat ein Instrument im Dienst der bestehenden Ordnung. Natürlich ist sie die Instanz, die uns Gehorsam beibringt, und infolgedessen auch der Ort der Anpassung und der Tradition. Vollkommen anders ist die Lage hingegen in Zeiten des Umbruchs, in denen Entropie, Chaos und soziale Zersplitterung vorherrschen, das heißt, in denen sich im Extremfall sogar die Fähigkeit zur Weitergabe von Werten auflöst. Nun wird die Familie zum Hort der Menschlichkeit, der Sozialisierung und des Widerstands gegen die solipsistische Barbarei (...). Sie repräsentiert eine Instanz der »fortschrittsorientierten« Verweigerung gegenüber der »Bedeutungslosigkeit einer Gegenwart ohne Bindungen«, wie Irène Théry es formuliert." (S.386f.)

Familie wird damit in Übereinstimmung mit HOUELLEBECQ zur letzten Bastion gegen den Neoliberalismus überhöht.

Jenseits von Rechts und Links - Ein Allianz aus Not geboren

Aus dieser Perspektive des Familienmenschen als Widerstandskämpfer speist sich die leidenschaftliche Attacke gegen die Tyrannei der Lust. Die sexuelle Revolution wird im Rahmen einer Ideengeschichte der Sexualität und der Bevölkerungsgeschichte neu verortet.
      
Die Perspektive von GUILLEBAUD verknüpft dazu eine Zerfallsrhetorik mit der Gleichsetzung von sexueller Revolution und Neoliberalisierung. Der Autor sieht sich mit dem Rücken zur Wand:

"Nach dreißig Jahren »sexueller Revolution«, des radikalen Individualismus, der Durchtrennung von Bindungen schwindet uns auf einmal bei der Aussicht auf den endgültigen Zerfall der »Keimzelle der Gesellschaft«. Der traditionelle Faustkampf zwischen Linken und Rechten rund um die Familie ist in dieser Notsituation eigentlich fehl am Platz."(S.387)

Als Deutscher traut man da erst einmal nicht seinen Augen. Das soll unser Vorbild Frankreich sein? Es vergeht fast kein Tag, dass uns die Vorzüge des Familienlands Frankreich von den deutschen Familienrhetorikern gepredigt werden.

Die Instrumentalisierung demografischer Mythen für die neue Familienpolitik

Um dies verstehen zu können, muss man die französischen Mythen kennen, die GUILLEBAUD in dem Abschnitt Die »Gefahr der Entvölkerung« behandelt:

"Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, kurz nach dem Krieg von 1870, kehrte sich alles um. Die jähe Wende in der Bevölkerungsentwicklung - ein Trend, der in Wahrheit bereits zu Beginn des Jahrhunderts eingesetzt hatte, sich aber erst jetzt in vollem Ausmaß bemerkbar machte - löste nach der Katastrophe von Sedan eine regelrechte kollektive Panik aus und veränderte während der kommenden Jahre die Einstellung gegenüber Ehe, Sexualität und Fortpflanzung grundlegend. Die weltliche Macht und die Kirche, die jetzt beide die Gefahr der Entvölkerung fürchteten, wetteiferten miteinander in einer geburtenfördernden Propaganda, die bisweilen an nationalistischen Wahn grenzt. Tatsächlich waren die Geburtenziffern so stark zurückgegangen, daß die Bestandserhaltung nicht mehr gegeben war. Schlimmer noch, auf einmal wurde sich Frankreich bewußt, daß es hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung hinter den anderen Ländern Europas, insbesondere Preußen, weit zurückstand. Diese Erkenntnis führte zu einem psychologischen Trauma - »der demographische Schrecken« lautete bald die gängige Bezeichnung -, das die französische Geschichte ein knappes Jahrhundert lang beherrschte. Von allen Seiten wurde ein »landesweiter Ruck« gefordert." (S.315)

GUILLEBAUD knüpft mit seiner Behauptung einer Notsituation an den Mythos vom »demographischen Schrecken« an, um die mangelnde Stringenz seiner Argumentation zu verdecken.

Das neue Sedan

Das neue Sedan ist nun das Jahr 1964:

"Auf einmal verkehrten sich sämtliche demographischen Parameter gleichzeitig in ihr Gegenteil - man erlebte einen starken Rückgang der Geburtenzahlen und der Eheschließungen, die Frauen blieben länger unverheiratet, die Zahld der Scheidungen stieg sprunghaft an, während die Zahl der Kinder pro Familie abnahm, und so weiter. Binnen weniger Jahre hatte die Nettofortpflanzungsrate einen Tiefpunkt erreicht; 1975 sank sie unter das Niveau, das langfristig für eine gleichbleibende Bevölkerungsdichte erforderlich ist. Sämtliche Länder des Westens waren von dem Phänomen betroffen und erstaunlicherweise alle zur selben Zeit. »1964«, schreibt Evelyne Sullerot »ereignet sich ein verblüffender Bruch: zum ersten Mal seit zwanzig Jahren stürzt die Geburtenrate rasant in die Tiefe, und zwar in ein und demselben Jahr in Belgien, der BRD, in Dänemark, Spanien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, in Portugal, Schweden und in der Schweiz [...] Während der folgenden drei Jahre, von 1964 bis 1967, verlieren Frankreich, England und Deutschland 1,3 Geburten pro 1000 Einwohner, die Niederlande und Italien 1,8 und in Belgien sind es 2.«" (S.329)

Die 68er "Baby-Boomer" profitierten vom Wirtschaftswunder und der langen Friedenszeit. Unter diesen neuen Bedingungen verhalten sie sich bei der Familiengründung anders als die Kriegsgeneration. Statt der traditionellen Familie herrscht seitdem das pluralistische Chaos der Lebensformen.

Zurück zur patriachalen Familie und zu Vater Staat

GUILLEBAUDs Lösung der Familienkrise ist der Kampf gegen Singles und abweichende Familienformen, denn alle Familienformen jenseits des Ideals der bürgerlichen Familie sind defizitär. Dies gilt sowohl für die Patchworkfamilien als auch für die Alleinerziehenden.
      GUILLEBAUDs Gewährsfrau für diesen Kampf ist die Familiensoziologin Evelyne SULLEROT, deren Buch Quels pères? quels fils? (1992) er ausgiebig zitiert. Die bekehrte militante Feministin kämpft nun genauso fanatisch für die einzig wahre Familienform. In ihrem Buch Le grand remue-ménage (1997) tritt sie dafür ein die Ein-Elternfamilie («famille monoparentale») auf den Todesfall eines Elternteils zu beschränken.
      GUILLEBAUD sieht in der vaterlosen Gesellschaft das Grundübel der Gegenwart. Vaterlosigkeit ist hier nicht nur familial gemeint, sondern auch politisch, d.h. sowohl die autoritäre Gesellschaft als auch die patriachale Familie soll die Probleme der französischen Gesellschaft lösen.

Die Idylle des Rheinischen Kapitalismus als Utopie für Frankreich

Während in Deutschland die Verfechter der Berliner Republik den Rheinischen Kapitalismus und damit die Bonner Republik schnellstmöglich entsorgen möchten, wird eben dieser zum Sehnsuchtsbild des französischen Journalisten:

"Auf wirtschaftlichem Gebiet ist die fortschreitende Ausblendung der Zukunft erschütternd. Die neue liberale Auffassung des Unternehmens, die corporate governance, (...) wertet die Gegenwart zum Nachteil der Zukunft auf.
Aber die corporate governance ist vollkommen kohärent mit jener Variante des Kapitalismus, dem
»amerikanischen Modell«, das Michel Albert dem »rheinischen Modell« entgegensetzte. Das erste beruht auf (...) Mobilität (...). Das zweite (...) setzt eher auf Dauer, sozialen Zusammenhalt" (S.429)

Was hat das alles mit der Tyrannei der Lust zu tun?

Offensichtlich sind die Zusammenhänge, die GUILLEBAUD behauptet alles andere als logisch, wenn man die unterschiedlichen Debatten in Deutschland und Frankreich miteinander vergleicht.
      Auf beiden Seiten herrschen Sehnsuchtsbilder vor, die nur im Rahmen der jeweils nationalen Familiendebatten verständlich werden und im Vergleich der Debatten die Absurditäten der Heilsversprechen vor Augen führen.
      Es gibt jedoch auch überraschende Gemeinsamkeiten der französischen und deutschen Debatte: sowohl die französiche als auch die deutsche Familienrhetorik hat die erfolgreiche Identitätspolitik der Schwulenbewegung adaptiert und für eine Identitätspolitik der Neuen Mitte fruchtbar gemacht.

Die Gründe für eine Identitätspolitik der Neuen Mitte

Das Kapitel Zum grossen Glück des Kapitals ist aufschlussreich, wenn es um die Hintergründe der neuen strategischen Ausrichtung der Linken geht.
      Die Aufspaltung der Linken in eine "politische" (gemeinschaftsorientierte) und eine "kulturelle" (hedonistische bzw. narzisstische) Linke in den 70er Jahren wird von GUILLEBAUD in Anschluss an Henri WEBERs Unterscheidung in Vingt ans après, que reste-t-il de Mai 68? (1988) für den Bedeutungsverlust der Bewegung verantwortlich gemacht.
      Diese Analyse ist identisch mit jener von Nancy FRASER, die für die USA die Aufspaltung in eine "soziale" und eine "kulturelle" Linke beklagt (Die halbierte Gerechtigkeit, 2001). Kritisiert wird von FRASER die Identitätspolitik der kulturellen Linken, die zwar die Anerkennung von Minderheiten durchgesetzt hat, dafür aber die Umverteilungspolitik, das Hauptanliegen der sozialen Linken - zu denen auch GUILLEBAUD gerechnet werden muss - geopfert hat.
      Nach GUILLEBAUDS Argumentation ist die sexuelle Revolution durch die hedonistische Linke an den Kommerz verraten worden. Mit Blick auf die US-amerikanischen Verhältnisse schreibt er:

"Der Zerfall der Linken in eine Vielzahl von Gruppen (Schwarze, Frauen, Homosexuelle...) scheint nach Ansicht mehrer Intellektueller de eigentliche Grund zu sein, weshalb eine gemeinsame Zielsetzung, die für den Kampf gegen Ausgrenzung und Armut dringend erforderlich wäre, nicht zustande kommt." (S.115)

Für Europa prognostiziert GUILLEBAUD ähnliche Tendenzen:

"In Europa hat sich seit Mitte der 90er Jahre ein ähnlicher Spalt aufgetan. Um diese Zeit gewöhnte man sich an die Gegenüberstellung einer "moralischen" und einer "politischen Linken", und immer häufiger kommt es vor, daß deren Auffassungen und Empfindlichkeiten auseinanderklaffen. In Deutschland und in Frankreich war dies im Zusammenhang mit dem Umweltschutz und mit Aids der Fall (...).
Eines steht bereits fest: Die seit dreißig Jahren stattfindende Zersplitterung der Gesellschaft je nach sexuellem Verhalten, nach Gruppen und Identitäten, die mit der Revolution der Sitten einhergeht, hat weder den "Kapitalisten" schlaflose Nächte bereitet noch das Geld daran gehindert, seine Macht auszuüben. Heute müssen wir wohl oder übel feststellen, daß die Situation den "Wichtigen" mehr nützt, als sie die "Gequälten" tröstet." (S.115)

Die Kritik an der "Tyrannei der Lust" ist also keine Kritik an der sexuellen Revolution an sich, sondern an der hedonistischen Linken, die sich dem Kampf der Umverteilung von Reich zu Arm verweigert.

Die Mittel einer Identitätspolitik der Neuen Mitte

GUILLEBAUD ist die Pluralisierung der Lebensformen ein Dorn im Auge, weil sie die Durchschlagskraft der Linken schwächt. Nur in dieser Perspektive wird auch das Zurück zur Familie verständlich, denn durch diese Polarisierung soll eine Mobilisierung erreicht werden, die anders nicht zu erreichen wäre.
      Die Kontroverse Familien (Kommunitaristen) contra Singles (Hedonisten) wird zugespitzt, indem die Familie als bedrohte Minderheit stilisiert wird. Dies wird möglich, indem die Identitätspolitik nicht mehr an die sexuelle Orientierung, das Geschlecht oder die Ethnie geknüpft wird, sondern an die Haushaltsform. Der Verweis auf die Einpersonenhaushalte ist das entscheidende Mittel, mit dem die Machtverhältnisse in der Gesellschaft auf den Kopf gestellt werden können. Einerseits werden Eltern in Kinderlose umdefiniert und andererseits die Grössenordnung der Gruppen verschleiert. Obwohl z.B. in Deutschland 85 % nicht in Einpersonenhaushalten leben, können die 15 % durch geschickte statistische Darstellungen bis auf 50 % aufgebläht werden.

Singles als Faustpfand im Konflikt der beiden linken Strömungen

Singles werden damit zu Sündenböcken gemacht. Sie sind das Faustpfand im Konflikt der sozialen und kulturellen Linke.
      Über die Sozial- und Alltagsgeschichte der sexuellen Revolution erfährt man deshalb in dem Buch nichts. Stattdessen werden vor allem die Mediendebatten und die ideengeschichtlichen Aspekte ausgebreitet. Diese geben zwar Aufschluss über die politischen Kämpfe rivalisierender Gruppen der Linken, der gesellschaftliche Alltag abseits dieser selbsternannten Eliten wird jedoch ausgeblendet.
      Wer wie GUILLEBAUD aus den Mediendebatten auf die Schlafzimmer der Menschen kurzschliesst, dem geht es allein um strategische Positionierungen im politischen Machtkampf. Wenn man diese Beschränkungen berücksichtigt, dann bleibt von dem Buch nur ein Einblick in die innere Zerissenheit der politischen Linken.
      Die Sehnsucht nach einer neuen verbindlichen Vision scheint gewaltig. Davon zeugt neuerdings die Inflation sogenannter Manifeste von No Logo! bis zu Empire. Von der Rückkehr der Geschichte verspricht man sich die Rückgewinnung der Hegemonie.
      Wenn Eventhopper wie der Familienrhetoriker Jürgen BORCHERT sowohl bei dem brutalstmöglichen Aufklärer KOCH als auch bei ATTAC mitarbeiten, dann haben Singles von einer solchen "Linken" nichts zu erwarten.
      Die Gleichung Familien = arm, Singles = reich - wie sie von Familienrhetorikern aufgestellt wird -, entspricht zwar nicht der Realität, aber sie ermöglicht der sozialen Linken ein Äquivalent zur Heimat oder Nation, den Gefühlskategorien der politischen Gegner.

 
 
 
       
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 07. April 2002
Update: 07. April 2002
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