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Kritik mit weiterführenden Links

 
   

Berufsmobilität:
Eine Studie möchte die Umzugsmobilität fördern

 
   

KRUMPHOLZ-REICHEL, Anja (2002): Kaum da, schon wieder weg!
Die einen nehmen täglich lange Fahrtzeiten zum Arbeitsplatz auf sich, andere leben unter der Woche wie Singles und werden nur am Wochenende wieder zu Familienmenschen. Berufliche Mobile und ihre Partner leben mit vielen Strapazen, nur um sich einen Umzug in eine fremde Stadt zu ersparen. Damit wählen sie den schwersten Weg, wie eine aktuelle Studie belegt,
in: Psychologie Heute, April

KRUMPHOLZ-REICHEL, Ana (2002): "Die negativen Folgen der Mobilität dürfen nicht länger übersehen werden".
Ein Gespräch mit Norbert F. Schneider, Professor für Soziologie an der Universität Mainz und Projektleiter der Studie Berufsmobilität und Lebensform,
in: Psychologie Heute, April

 
   
 
  Anja KRUMPHOLZ-REICHEL berichtet über die erste repräsentative Studie zur Berufsmobilität in Deutschland, die von dem Mainzer Soziologen Norbert F. SCHNEIDER geleitet wurde.
      Die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gäbe es nicht, wenn nicht die deutsche Politikerelite durch den Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin selbst massiv von diesem Problem betroffen gewesen wäre.

Mobilität als umkämpfter Wert

Mobilität ist in unserer Gesellschaft angeblich ein positiver Wert. Dies ist ebenso falsch wie zutreffend. Mobilität ist in erster Linie ein umkämpftes Terrain und der Konflikt zwischen den Mobilitätsgegnern und -befürwortern geht quer durch die Republik.
      Arbeitgeber, die einen guten Angestellten halten möchten, jammern genauso über die gestiegene Mobilität wie jene Menschen, die unfreiwillig mobil sein müssen. Wer dagegen zur exklusiven Klasse der globalen Elite gehören möchte, für den ist Mobilität qua Clubzugehörigkeit ein positiver Wert.

Der Interessengegensatz von Kapital und Arbeit

Wenn Mobilität ein umkämpftes Terrain ist, dann deswegen, weil zwischen den Anforderungen der sich globalisierenden Wirtschaft und der Mobilitätsbereitschaft der Deutschen eine scheinbar unüberbrückbare Kluft besteht.
      Entgegen der weitverbreiteten Rede vom Zerfall der Familie und zunehmender Bindungslosigkeit, ist der Deutsche bindungsorientierter als dies die Familienrhetoriker behaupten.
      Statt ihre Wurzeln herauszureissen - wie das der Soziologe Ulrich BECK formuliert hat - versuchen die Deutschen ihre Wurzeln trotz Mobilitätsanforderungen zu verteidigen. Aus diesem Grunde nehmen die Deutschen Nachteile wie Fernpendeln oder Wochenendehen in Kauf, nur um nicht alle Wurzeln abreissen - d.h. umziehen - zu müssen.

Die Interessen der Modernisierungsverlierer bleiben unberücksichtigt

Der Artikel von Anja KRUMPHOLZ-REICHEL beleuchtet diesen Aspekt jedoch mehr als einseitig. Zum einen behandelt er das Thema Umzug aus der Perspektive der Modernisierungsgewinner, d.h. jener Menschen, die freiwillig mobil sind, weil Mobilität sozialen Aufstieg verspricht, und zum anderen aus bevölkerungspolitischer Perspektive, d.h. mobilen Personen wird ihre Kinderlosigkeit zum Vorwurf gemacht.
      Nicht die Interessen aller mobilen Personen stehen deshalb im Mittelpunkt, sondern die Ressentiments jener, die um ihre Rente bangen und die Interessen der Wirtschaft, die am bindungslosen und gefügigen (euphemistisch: flexiblen) Menschen interessiert ist.
      Und nicht zu vergessen: die Politik. Die Studie im Auftrag des BMFSFJ blendet das Politikversagen aus und schiebt den Unternehmen den schwarzen Peter zu. Entsprechend sind die Lösungsvorschläge zum einen eliteorientiert und zum anderen utopisch:

"Das Entscheidende ist: Mobile Menschen müssen stärker motiviert werden, umzuziehen. Hier könnten Unternehmen ansetzen und beispielsweise dabei helfen, dass die Partner der mobilen Personen am neuen Wohnort auch Arbeit finden."

Diese Forderung nach Förderung der Paar- bzw. Familienmobilität hat bereits der Fernliebende Ulrich BECK Anfang der 90er Jahre formuliert. Die Umsetzbarkeit dürfte sich jedoch auf Bereiche beschränken, in denen hochqualifizierte Spezialisten Mangelware und deshalb gesucht sind. Hinz und Kunz bleiben - besonders in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit - unberücksichtigt.

Umzugsmobilität ist kein Königsweg

Umzugsmobilität als den Königsweg zu beschreiben, muss angesichts der Vielfalt mobiler Lebensverhältnisse zynisch erscheinen. Es gibt gute Gründe dafür, mobil zu sein und nicht umzuziehen. Diese liegen einerseits im beruflichen Bereich und andererseits im privaten Umfeld.
      Wehrdienst oder Studium sind von vornherein zeitlich begrenzte Lebensabschnitte, die meist Mobilität erzwingen und in mobile Lebensformen einüben. Ein Umzug ist selten notwendig. Die Bequemlichkeit des Elternhauses, in dem die Wäsche von der Mutter gewaschen wird, ist neben der Clique am Heimatort ein Grund, um das Pendeln zwischen zwei Orten bereits als Jugendlicher zu lernen.
      Berufsanfänger wiederum werden in der Probezeit kaum umziehen, weil die Unsicherheit der beruflichen Perspektive dem entgegensteht.
      Jene Menschen, die aufgrund des Strukturwandels der Wirtschaft ihren Arbeitsplatz verlieren, nehmen oftmals einen weit entfernten Arbeitsplatz an, in der Hoffnung, dass sie über kurz oder lang einen näher liegenden Arbeitsplatz finden.
      Gerade wer Familie hat, möchte den Kindern oftmals einen Schulwechsel ersparen. Pflegefälle in der multilokalen Mehrgenerationen-Familie sind ebenfalls Gründe, die gegen Umzüge sprechen.

Die Verfestigung von mobilen Lebensformen als Problem

Berufsbedingte Mobilität als eine geplante und zeitlich begrenzte Lebensphase ist auch nicht das Hauptproblem. Problematisch werden Lebenssituationen, die sich aufgrund äusserer Umstände verfestigen. Mobile Lebensformen können sich im Kampf gegen den sozialen Abstieg zur langandauernden Lebenssituation wandeln, die sich einer befriedigenden Partnerschaft genauso entgegenstellen wie einer Familiengründung.

Das Politikdefizit

Während die Probleme der sozialen Aufsteiger im Interesse der Unternehmen gelöst werden können, wird die Masse der Betroffenen auf solche Hilfe vergebens warten. Hier ist die Politik gefordert.
      Wirtschaftspolitik ist in diesem Sinne die beste Familienpolitik. Wer sichere, qualifizierte Arbeitsplätze dort schafft, wo sie verloren gehen, der sorgt gleichzeitig für die Verbesserung der Lage von Familien.

Die Rede von der "Single-Gesellschaft" verstellt den Blick

Umzugsmobilität ist heutzutage für alle jene kein Problem, die weder einen Partner haben, noch zu versorgende Familienangehörige oder kinderlos sind. Im mittleren Erwachsenenalter sind das jedoch - entgegen dem Gerede von der "Single-Gesellschaft" - die Wenigsten.

Die Gesellschaft der Doppelverdiener erfordert den Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft

In der paar- und familienorientierten Gesellschaft bleibt die Mobilitätsbereitschaft eingeschränkt, wenn nicht mehr die traditionelle Kernfamilie, in der die Frau Vollzeitmutter ist und ihrem Ehemann überall hin folgt - die Normalfamilie ist, sondern die Doppelverdienerehe bzw. -familie.
      Soll die Mobilität unter diesen modernen Bedingungen erhöht werden, dann ist der Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft unumgänglich. Die Politik muss dafür dann die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.

 
 
 
       
   

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© 2000-2002
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 24. März 2002
Stand: 25. März 2002
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