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MATTHIAS ALTENBURG

 
   

Landschaft mit Wölfen

erschienen 1997 bei Kippenheuer & Witsch (Dtv-Taschenbuch 1999)

 
   
 
 

"Ein Wolf kam aus der Steppe angelockt vom Trubel der Stadt;
wollte sehn wie man als Haushund lebt und ob es sich lohnt
die Freiheit und die Weite, die man draußen hat
zu tauschen gegen die Wärme die in den Städten wohnt.
(...)
Und er lernte ihre Regeln, lernte so wie sie zu bellen,
lernte soviel, daß er vergaß woher er kam.
(...)
nur manchmal nachts, wenn draußen in der Wildnis
ein Wolfsgeheul die Ruhe zerstört,
wühlt eine Sehnsucht tief in ihm die er sich nicht erklären kann;
nur der Wolf in ihm weiß, daß er nicht hierher gehört,
daß er zurückgehen muß nach draußen irgendwann:
Wölfe in der Stadt sind wie Fische auf dem Land - verloren."
(aus: Mario Henés "Lied vom Steppenwolf", 1977)

"Ich gehe von der These aus, daß Desintegration einen zentralen Aspekt zur Klärung von Gewalt darstellt (...). Desintegration meint dabei vor allem Auflösungsprozesse in zumindest drei Dimensionen (...). Sie betreffen
a) die Auflösung von Beziehungen zu anderen Personen oder Institutionen;
b) die Auflösung der faktischen Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen;
c) die Auflösung der Verständigung über gemeinsame Norm- und Wertvorstellungen.
Ein Zusammenhang von solchen Auflösungsprozessen mit Gewalt wird allerdings nur dort angenommen, wo Desintegration als Verlust von Zugehörigkeit, Teilnahmechancen oder Übereinstimmung erfahren wird."
(aus: Wilhem Heitmeyer (1994):"Entsicherungen. Desintegrationsprozesse und Gewalt")

Der Roman erzählt von sieben Tagen im Leben des Protagonisten Neuhaus. Der kinderlose Grossstadt-Single im mittleren Erwachsenenalter ist vor kurzem von seiner Freundin verlassen worden. Seinen Unterhalt verdient er sich durch Gelegenheitsjobs als Touristenführer, die er von Zeit zu Zeit vermittelt bekommt. Die Lage von Neuhaus ist also wenig erfreulich: die Freundin weg und keine finanzielle Sicherheit. Neuhaus ist ein typischer Modernisierungsverlierer.
      Im Laufe der Erzählung erfährt der Leser, dass Neuhaus ein Leben jenseits aller Bindungen führt. Der Vater ist gestorben als er noch ein Kind war. Die Mutter lebt zwar im Umland der Grossstadt Frankfurt, in der Neuhaus sein anonymes Grossstadtleben führt, aber seine Besuche sind nur Pflichtbesuche, die er alle paar Monate widerwillig absolviert. Zum Bruder, der ganz in der Nähe wohnt, bestehen gar keine Kontakte mehr. Freundschaft ist für Neuhaus keine sinnvolle Beziehungsform seit sich sein bester Freund umgebracht hat und die Jugendclique auseinandergedriftet ist. Die Paarbeziehung wird in dieser Situation zum letzten Anker, geht sie in die Brüche, beginnt der Sturz ins Bodenlose.
      Die Geschichte erzählt von den aussichtslosen Versuchen diesen Sturz aufzuhalten. Der Leser erlebt die Grossstadt Frankfurt durch die Augen von Neuhaus, der dort ein Fremder geblieben ist. Nachbarn und Bewohner des Viertels sind Projektionsflächen seiner Ängste und Sehnsüchte. Neuhaus befindet sich auf der Suche nach einer neuen Beziehung, obwohl er sich bereits im klaren ist, dass diese genauso zum Scheitern verurteilt ist, wie alle anderen Beziehungen:

"Ich weiß nicht, was die Frauen an mir finden. Ich tue nichts. Ich mag sie ebenfalls, vor allem jene, die nichts von mir wissen wollen. Vielleicht ist das mein Unglück. Die anderen, die sich mir an den Hals werfen, kommen mir wertlos vor".

Diese Selbstreflexion bringt auf den Punkt, was Neuhaus in den nächsten Tagen widerfährt. Ob ihm ein Hund zuläuft, ob er sich seinem Jugendfreund Brinkmann wieder anzunähern versucht oder ob er ein Verhältnis mit der Jurastudentin Milla beginnt, das destruktive Bindungsverhalten kann den Sturz nicht mehr bremsen. Aus Selbsthass wird Misstrauen und Hass auf den Rest der Welt.
      Die Geschichte kann auch als schleichender Verlust der Selbstkontrolle gelesen werden: "wenn wir uns selber nicht in Schacht hielten, würden wir wie die Wölfe übereinander herfallen." Neuhaus hat Angst vor Keppler, einem Nachbarn. Er hält ihn für gefährlich. Er sieht so aus, als ob ihm alles zuzutrauen wäre. Neuhaus sieht nicht so aus, als ob ihm alles zuzutrauen wäre, aber er weiss, dass der Schein trügt: "Manche meinen, ich sei nicht zu großen Empfindungen fähig, aber sie täuschen sich. Oftmals ist meine Wut so groß, daß ich Lust hätte, jemanden zu töten. Manchmal reicht es schon, wenn mich jemand in der U-Bahn auf besonders unverschämte Weise anrempelt". Vom Gedanken bis zur Ausführung ist es jedoch ein weiter Weg. ALTENBURG beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die bis zum Gewaltausbruch führen und übt Gesellschaftskritik:

"Ein Kind ist von einem Wolf angefallen worden (...) Dann zeigen sie eine Tierpflegerin, wie sie mit den Wölfen schmust. Sie (...) sagt, die Wölfe seien besser als ihr Ruf. Wenn man mit ihm umzugehen wisse, seien sie sogar possierlich. Wahrscheinlich wird sie irgendwann totgebissen, aber auch das wird ihr keine Lehre sein".


ALTENBURG zeichnet das Bild einer Single-Gesellschaft, wie es in der Individualisierungsthese des Bielefelder Erziehungswissenschaftler WILHELM HEITMEYER beschworen wird. Ein Leben jenseits aller Bindungen ist jedoch weder typisch für unsere Gesellschaft noch für Personen, die einen Einpersonenhaushalt führen.
      Neuhaus ist jedoch in einer Hinsicht tatsächlich ein typischer Vertreter: Männer sind für das Überleben als Singles weniger gut gerüstet als Single-Frauen.

 
 
 
       
   

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© 2000 Bernd Kittlaus Bernds@single-dasein.de Erstellt: 06. Oktober 2000
Update: 06. Oktober 2000
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