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Thema des Monats

 
   

Der Verfall der Familie

 
   

Das Szenario des Sozialrichters Jürgen Borchert und seine blinden Flecken.
Eine Analyse des Artikels "Wozu noch Familie?" von Jürgen BORCHERT in DIE ZEIT Nr.3 vom 10.01.2002.

 
     
   
 
 

Zitate aus 150 Jahren Individualisierungsdebatte

"Die ländliche Bevölkerung lebt größtentheils familienweise zusammen, die städtische dagegen zu einem starken Theile vereinzelt. Diese Vereinzelung nimmt zu, je mehr die größeren Städte Großstädte werden."
(aus: Wilhelm Heinrich Riehl "Land und Leute", 3.Auflage, 1856. S.92)

"Schon Mitte des 19. Jahrhunderts machte man sich ernsthafte Sorgen um die Massen von unverheirateten jungen Leuten, welche die Großstädte füllten. Wilhelm Heinrich Riehl bezeichnete diese Zu- und Abwandernden als die »flutende« oder die »schwebende« Bevölkerung; nicht durch die seßhafte Bevölkerung, sondern durch eben diese durchströmende wüchsen unsere Großstädte so ungeheuerlich. In der Tat mußten in Paris Junggesellenwohnhäuser für unverheiratete Commis gebaut werden (...). Er überschätzte aber den Umfang dieser Bevölkerungsgruppe, wenn er fortfuhr, die ländliche Bevölkerung lebe »größtenteils familienweise«, die städtische dagegen »stark vereinzelt«(...). Vereinzelung aber war das schlechthin Gesellschaftswidrige (...). Da es zu seiner Zeit noch keine Wanderungsstatistik gab, konnter er nicht sehen, daß der größte Teil der Wandernden schließlich zur Ruhe kommen würde und daß die Familiengründung zwar verzögert, nicht aber verhindert würde. Die Erscheinung der Spätheirat beschränkte sich überdies auf bestimmte soziale Schichten."
(aus: Elisabeth Pfeil "Die Großstadtfamilie", 1973, S.148f.)

"Da gibt es schockierende Entwicklungen: Wilde Ehen, Ehen ohne Trauschein, Zunahme der Einpersonenhaushalte im Quadrat, alleinerziehende, alleinnachziehende, alleinherumirrende Elternteile.
(...).
Was muß denn noch geschehen, damit die empirische Soziologie überhaupt die Möglichkeit einer Begriffsreform ihres Forschungsfeldes auch nur in Erwägung zieht? Ich bin sicher, daß auch dann, wenn 70 % der Haushalte in Großstädten Einpersonenhaushalte sind (und das ist nicht mehr lange hin), unsere tapfere Familiensoziologie mit Millionen Daten beweisen wird, daß diese 70 % nur deshalb allein leben, weil sie vorher und nachher in Kleinfamilien leben."
(aus: Ulrich Beck "Der Konflikt der zwei Modernen", 1991)

"Die Rede von der "Familie in der Krise" zählt zum immer wiederkehrenden Topos in der sozialwissenschaftlichen Diskussion. Insbesondere in der Soziologie war und ist die Neigung zum Entwurf von Krisenszenarien extrem ausgeprägt (...). Liebe (...) verkürzte sich dabei rasch auf die Rolle des Krisenerzeugers wie -beschleunigers und erlaubte über die Suggestivdefinition Individualisierung ein Leuchtfeuer zu entfachen, das zwar das Haus mit Rauch füllte, aber kaum Helligkeit verbreitete."
(aus: Claus Mühlfeld "Krisenattribuierungen in der Familiensoziologie", 1995)

Am Anfang steht die Familienidylle

Jürgen BORCHERT schreibt in seinem Essay die Familiengeschichte im Anschluss an den konservativen Volkskundler Wilhelm Heinrich RIEHL fort. Gleichzeitig schreibt er die Individualisierungsthese des Soziologen Ulrich BECK zeitgeistgerecht um.
      
Ausgangspunkt seiner Argumentation ist der Mythos vom "ganzen Haus", der Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Konservativen W. H. RIEHL erfunden wurde. BORCHERTs Erzählung gerät dadurch zur oft wiederholten Verfallsgeschichte der Familie.
      
Leider bleibt bei BORCHERT der Begriffswandel, den er argumentativ vornimmt, unsichtbar. Das sog. "ganze Haus" war keine Familie im Sinne der "blutsverwandten Kleinfamilie", sondern integrierte auch die nicht-verwandten kinderlosen Mitglieder der Hausgemeinschaft, d.h. Singles:

"Bis ins 18. Jahrhundert hinein (...) kam den lebenslang Unverheirateten kaum größere Bedeutung zu.
(...).
Erst die Zugehörigkeit zu einem Haus öffnete den Zugang zur Gesellschaft, machte den Menschen zum Mitglied dieser Gesellschaft. Ansonsten war er rechtlich und politisch unbehaust, er hatte keine gesellschaftliche Vertretung, obowohl ein vollwertiges Mitglied der ständischen Gesellschaft nur der verheiratete Hausherr selbst war.
In den um nichtsblutsverwandte Personen erweiterten Haushalten fand der allergrößte Teil derjenigen ein Zuhause, die heute die Einpersonenhaushalte stellen: jüngere Ledige sowie Witwen und Witwer.
(...).
Die Ledigen wurden in der bäuerlichen Erwerbsgemeinschaft »Familie« vorwiegend als Arbeitskraft gesehen und entsprechend eingesetzt."
(aus: Peter Borscheid "Von Jungfern, Hagestolzen und Singles", 1994, S.30)

Singles gehörten also im "ganzen Haus" zur "Familie". Man kann sogar so weit gehen, und behaupten, dass ohne die Arbeitsleistung der Singles die Erwerbsgemeinschaft "Familie" nicht funktioniert hätte, denn je nach "Größe und Struktur des elterlichen Besitzes und dem Alter der Kinder veränderte sich permanent die Höhe des Bedarfs an fremden Arbeitskräften" (BORSCHEID, 1994, S.30).
      
Singles waren also bereits damals die "Melkkühe der Nation" und von der "Enteignung der Familie" durch den Sozialstaat kann deshalb auch heute keinerlei Rede sein.

Die These vom deutschen Sonderweg ist nicht plausibel

BORCHERT konstruiert zwar einen deutschen Sonderweg, wenn er den Verfall der Familie an das deutsche Recht und den deutschen Sozialstaat knüpft, aber er käme in Beweisnot, wenn er erklären müsste, warum Länder wie Italien und Spanien eine noch niedrigere Geburtenrate aufweisen als Deutschland oder die Überalterung in Japan noch gravierender ausfällt als hierzulande.
      
Das deutsche Familien- oder Steuerrecht kann den Rückgang der Reproduktionsrate nicht erklären, sondern das Familiensystem ist in komplexere Strukturen eingebunden, die nationale Grenzen überschreiten.

Sozialismus innerhalb einer Familie

Forderte LaFONTAINE noch die Solidarität eines "Sozialismus innerhalb einer Klasse", so formuliert BORCHERT in seinem Essay einen "Sozialismus innerhalb einer Familie".
      
Wer jedoch einerseits den Generationenzusammenhang Familie idyllisiert, um ihn andererseits zu spalten, der hat nicht die Modernisierung der Familie im Sinn, sondern verspricht ein nicht realisierbares Paradies auf Erden.
      
Diese Janusköpfigkeit der Argumentation von BORCHERT wird nur auf den zweiten Blick sichtbar. Wenn er von kinderlosen Rentnern spricht, dann meint er damit in erster Linie Rentner, deren Kinder aus dem Elternhaus ausgezogen sind.
      
Rentner, die nie in ihrem Leben einen Familienhaushalt geführt haben, sind und bleiben auch zukünftig eine vernachlässigbare Minderheit.
      
Es dominiert dagegen die multilokale Mehrgenerationfamilie, die mit der amtlichen Haushaltsstatistik nicht erfasst wird.
      
BORCHERT spielt die Generation, die gerade ihre Familienphase lebt, gegen jene Generationen aus, die sich in der Vor- bzw. der Nach-Familienphase befinden. Er macht sich damit zur Zeit zum Anwalt der Generation Golf.

BORCHERTs Reform als Aufgabenverlust der Familie

Im Gegensatz zur vordergründigen Logik seiner Argumentation möchte er die "Enteignung der Familie" gar nicht zurücknehmen, sondern nur die Umverteilung innerhalb des Generationenzusammenhangs Familie von der einzelnen Familie auf den Staat verlagern.
      
Der Soziologe Martin KOHLI verweist z.B. darauf, dass die Transfereinkommen der Rentner nicht in Mallorca verprasst werden, sondern zur Unterstützung der eigenen Kinder, Enkel oder sonstigen Verwandten beitragen. Als Tanten und Onkel sind auch Singles in dieses System eingebunden.
      
Dieser bereits praktizierte "Sozialismus innerhalb einer Familie" soll nun nicht mehr in Eigenregie der Familien durchgeführt werden, sondern staatlich genormt werden.
      
Den damit verbundenen Funktionsverlust der Familie vermarktet BORCHERT geschickt als familienpolitischen Fortschritt. Die erhoffte Verteilungswirkung wird jedoch durch den notwendigen Verwaltungsaufwand aufgefressen und am Ende bleibt ein Nullsummenspiel.

Eine notwendige Unterscheidung beim Generationenbegriff

In der familienpolitischen Debatte wird üblicherweise nicht ausreichend zwischen biologischen und politischen Generationen unterschieden. Auch BORCHERTs Argumentation lebt von der Diffusität seiner diesbezüglichen Begrifflichkeit.
      
Während mit Familie als Generationenzusammenhang der biologische Aspekt betont wird, rückt die Sozialstaatsdebatte die politischen Generationen in den Mittelpunkt.
      
In der politischen Arena werden jeweils unterschiedliche Zusammenhänge zwischen diesen beiden Dimensionen hergestellt, um die eigenen Interessen zu positionieren. Deshalb strukturieren nicht angemessene statistische Daten, sonden Vorurteile dieses Feld des Verteilungskampfes.
      
Während der Generationenbegriff einen spezifischen Mentalitätsstil thematisiert, wirken sich die Folgen der durchgesetzten gesetzlichen Änderungen auf genau definierte Geburtsjahrgänge aus. Man müsste also in der Politik genaugenommen über Kohorten sprechen.
      
Begriffe wie "68er", "98er", "Generation Golf" oder "Generation Berlin" werden dagegen eher nach Gutdünken auf spezielle Personen oder Jahrgangskollektive angewendet. Dennoch ist die Verwendung dieser Etiketten nicht ganz beliebig, sondern sie stehen für jeweils unterschiedliche Interessen. In der zukünftigen Debatte werde ich diesen Aspekt noch näher beleuchten.

Die ausgeblendete Gegenfigur zur Familie

BORCHERT stellt in seinem Essay dem benachteiligten Haushalt von Eltern und Kind ("Familie") den Kinderlosen ("Singles") als Nutzniesser gegenüber.
      
Diese einseitige Sichtweise verschleiert, dass die Gegenfigur zur Familie nicht nur der "familienlose" Kinderlose ist, sondern auch der Elternlose dazu gehört.
Fällt der Blick auf die Elternlosen, dann werden die wahren Benachteiligten sichtbar. Gerade in Zeiten, in denen die Erbengeneration als Leitbild des Normalbürgers propagiert wird, sollte der Blick auf jene gerichtet werden, die als Elternlose demnächst doppelt benachteiligt werden.
      
Im Gegensatz zum kinderlosen Erben ist der Nicht-Erbe vollkommen dem Sozialstaats- und Leistungsprinzip unterworfen.

"Andreas ist der Prototyp der neuen deutschen Elite. Jener Mittdreißiger, die als junge Menschen in den hedonistischen 80er-Jahren sozialisiert wurden (...). Die wissen, dass sie sich nicht allzu viele Gedanken über die Zukunft machen müssen, denn keine Generation war je finanziell so gut abgesichert wie sie: In den nächsten Jahren werden sie mehr als eine Billion Euro erben, im Jahr 2000 waren es allein 150 Millionen Euro. Tendenz steigend.
(...).
Im Zweifelsfall ziehen sie auch gleich in die Stadt, in der ihre ebenso wohlhabenden Eltern und die Freunde der Familie wohnen. Kaum ein Vertreter des neuen Establishments kommt aus nichtbürgerlichen Verhältnissen. Die Solidarität mit den nicht Begüterten hält sich in Grenzen."
(Markus Albers in der Welt am Sonntag vom 06.01.2002)

Die jungen Singles in der Vor-Familienphase als die Verlierer in BORCHERTs Modell

Der geplante Abbau des Sozialstaats - euphemistisch als Umbau bezeichnet - wird diesen Trend verstärken. Die von BORCHERT ausgeblendete Gruppe der jungen Elternlosen ohne Aussicht auf ein bevorstehendes Erbe werden die Hauptverlierer sein.
      
Statt Chancengleichheit bei der Familiengründung herzustellen, werden die Hürden für die benachteiligten jungen "Singles" in der Vor-Familienphase noch höher gesetzt als sie jetzt bereits sind.
      
Durch die Konzentration der Familienförderung innerhalb des Familienbildungszyklus auf die Phase des Familienhaushalts kann der Staat sehr viel Geld einsparen. Niemand kann garantieren, dass dieses eingesparte Geld im vollen Umfang für die Familienförderung verwendet wird.
      
Dann sind wir aber endlich wieder dort angelangt, wo BORCHERT offensichtlich hin möchte, wenn er beklagt, dass

"nicht mehr nur den erbenden und besitzenden Kindern, meist den Erstgeborenen erlaubt (war), zu heiraten und Nachkommen zu zeugen."

 
 
 
       
   

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zitierte Literatur

 
   
  • BECK, Ulrich (1991): Der Konflikt der zwei Modernen, in: Zapf, Wolfgang (Hg.) Die Modernisierung moderner Gesellschaften: Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt a/M 1990, Frankfurt/New York: Campus, S.40-54
  • BORCHERT, Jürgen (2002): Wozu noch Familie?
    Das herrschende Sozial- und Familienrecht ist ein Produkt der Individualisierung. Unter seinen Widersprüchen aber haben vor allem die Schwächeren zu leiden: Kinder und Frauen,
    in: Die ZEIT Nr.3 v. 10.01.
  • BORSCHEID, Peter (1994): Von Jungfern, Hagestolzen und Singles. Die historische Entwicklung des Alleinlebens, in: Gräbe, S. (Hg.) Lebensform Einpersonenhaushalt. Herausforderungen an Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, Frankfurt/New York: Campus, S. 23-54
  • PFEIL, Elisabeth (1970): Die Großstadtfamilie, in: Claessens, D./Milehoffer, B. (Hg.) Familiensoziologie - Ein Reader als Einführung, Frankfurt: Athenäum Fischer
  • MÜHLFELD, Claus (1995): Krisenattribuierungen in der Familiensoziologie, in: Bögenhold (Hg.) Soziale Welt und soziologische Praxis. Soziologie als Beruf und Programm. Festschrift für Heinz Hartmann zum 65. Geburtstag, Göttingen: Schwartz, S.353-368
  • RIEHL, Wilhelm Heinrich (1856): Land und Leute. Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, Erster Band, 3.Aufl., Stuttgart/Augsburg: Gotta'scher Verlag
 
       
   

Die Krise der Familie

 
     
       
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 13. Januar 2002
Update: 13. Januar 2002
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