| |
|
 |
|
 |
| |
Zitate
aus der Debatte um die Spaßgesellschaft
"Eine
Kultur, die sich selbst als
'Spaßgesellschaft' verachtet, kann so heiter
nicht sein. Die Spaßgesellschaft hat keinen
Augenblick an sich selbst geglaubt. Und sie
hat sich als Falle erwiesen."
(Georg Seeßlen im
Tagesspiegel v. 21.10.2000)
"Spielen
statt Denken, auch das wäre eine, die
andere, die nur scheinbar harmlose Erbschaft
aus 68. Das dialektische 'make love not war'
verdichtete sich zum eindimensionalen 'have
fun' . Für diesen Befund gibt es ja auch
längst den richtigen Begriff:
Spaßgesellschaft. Bezeichnend ist
allerdings, dass sich diese Spaßgesellschaft
als Negation, nicht als Ergänzung zur einst
so geheiligten Denkgesellschaft
realisiert."
(Alexander Schuller in der
Welt v. 02.02.2001.)
"Die
Spaßgesellschaft, der Mythen und Symbole,
die Künste wie die Religion gleichgültig
sind, sieht nicht, dass eine Gesellschaft,
die sich nicht erinnert, zerfällt und eine
Gesellschaft ohne Utopie und exemplarisch
vorgetragener Abweichung von sich selbst
erstickt. Die Spaßgesellschaft gefährdet
den Standort Deutschland mehr, als es die von
der Industrie so gern beklagte
Überregulierung je könnte."
(Alexander Gauland in der
Welt v. 27.03.2001.)
"Toleranz
für kleine Kinder - Fehlanzeige: Die
Interessen der Spaßgesellschaft reiben sich
mit denen junger Familien, und die werden
weniger"
(Welt am Sonntag v.
09.09.2001)
"»Will
ich als Single weiterleben? Haben wir noch
das Recht zu lieben, zu hoffen, auf Glück,
Lachen, Trinken, Unbekümmertheit?« (...)
»Ja verdammt!« "
(Sascha Lehnartz in der
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v.
07.10.2001)
"Daß die Spaß- und
Erlebnisgesellschaft plötzlich ein Ende
haben würde, konnte nur annehmen, wer diese
für einen bloßen Zuckerguß hielt, unter
dem eine davon unterschiedene wahre,
substantielle Kultur verborgen sei. Viel
wahrscheinlicher ist, daß beide nach
denselben Regeln funktionieren und daß es
jenseits dieser Regeln nichts gibt, was
kulturell artikulierbar wäre."
(Mark Siemons in der FAZ v.
16.10.2001)
Eine kurze
Begriffsgeschichte
Der Begriff
"Spaßgesellschaft" wurde
erstmals in der TAZ vom 23. Januar 1993
verwendet, wenn die Recherche von Lutz
HACHMEISTER (Tagesspiegel v. 07.04.2001)
korrekt ist. Es ging dabei um Fußball, also ein
Phänomen der Freizeitkultur. Damit begann eine
Karriere, deren Höhepunkt um die
Jahrtausendwende erreicht wurde.
Seit dem 11.
September 2001 hat die Formel vom "Ende
der Spaßgesellschaft"
Hochkonjunktur. Gestern meldete die Süddeutsche
Zeitung, dass ein Verlag bereits das
Copyright auf diesen Titel erhoben habe. Klaus
PODAK nennt Peter SCHOLL-LATOUR als den
vermutlichen Autor. Dies liegt nahe, denn "Peter
Scholl-Latour antwortete in dieser Woche in
meiner Sendung auf die Frage, was jener
Verteidigungsfall, den die Nato beschlossen hat,
für die Welt bedeute, mit einem Satz: Das Ende
der Spaßgesellschaft" (Michel FRIEDMAN in
der SZ v. 18.09.2001).
Aber der
11. September bedeutet keinen Bruch - wie das
SCHOLL-LATOUR behauptet - , sondern er hat nur
Tendenzen beschleunigt, die bereits vorher in der
Gesellschaft spürbar waren. »Schafft die
Spaßgesellschaft ab!« Sonst geht die soziale
Lebensqualität in Deutschland verloren
betitelte der Freizeitpapst Horst W. OPASCHOWSKI
ein Essay in der Zeitschrift Spektrum
Freizeit. Forum für Wissenschaft, Politik &
Praxis. Das war vor dem 11. September und
stellte eher schon den Höhepunkt und nicht der
Beginn der Debatte vom "Ende der
Spaßgesellschaft" dar.
Was ist die
Spaßgesellschaft?
Was mit dem Begriff
"Spaßgesellschaft" bezeichnet wird,
das ist von Autor zu Autor unterschiedlich. Dies
spricht nicht für die Behauptung von Wolfgang
SCHÄUBLE (Welt v. 12.09.2001), dass
dies ein soziologischer Begriff geworden ist.
Ganz zu schweigen davon, dass innerhalb
der Soziologie viele
Gesellschaftsbegriffe um die Beschreibung unserer
Wirklichkeit konkurrieren. Armin PONGS
hat z.B. 24 gebräuchliche soziologische
Gesellschaftsbegriffe in einem 2 Bände
umfassenden Werk (In welcher Gesellschaft
leben wir eigentlich?) aufgeführt. Die
Spaßgesellschaft fehlt jedoch!
Nichtsdestotrotz gibt es einen
soziologischen Begriff, der dem nahe kommt, was
in erster Linie damit gemeint ist. Es ist der Begriff
"Erlebnisgesellschaft", der
von dem Kultursoziologen Gerhard SCHULZE geprägt
wurde. Sein Buch "Die
Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der
Gegenwart" ist 1992 erschienen und hat
es bisher auf 8 Auflagen gebracht. Seitdem hat
der Soziologe sein Konzept
"Erlebnisgesellschaft" immer wieder den
veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen
angepasst.
SCHULZE stützt sich
mit seinem Gesellschaftsverständnis auf den
Prozess der Individualisierung,
der von dem Soziologen Ulrich BECK seit Ende der
80er Jahre popularisiert worden ist. Mit der
Individualisierung werden Phänomene wie Vereinzelung
oder Atomisierung des Sozialen in
Verbindung gebracht. Hierfür hat sich auch das
Schlagwort von der "Single-Gesellschaft"
eingebürgert.
SCHULZE interessiert sich
dagegen für die Entstehung neuer Milieus,
die durch diesen Prozess hervorgebracht werden.
Der Soziologe unterscheidet 5 verschiedene
Erlebnismilieus, die sich in den 80er Jahren
herausgebildet haben sollen:
1) Das Niveaumilieu entspricht
am ehesten bildungsbürgerlichen Vorstellungen,
wonach es eine strikte Trennung zwischen
Hochkultur (E-Kultur) und seichter Unterhaltung
(U-Kultur) geben sollte.
2) Das Harmoniemilieu kommt
Vorstellungen vom Unterhaltungsbedürfnis der
Arbeiterschicht nahe, das früher für
Heimatfilme und Volksmusik stand.
3) Das Selbstverwirklichungsmilieu
ist dagegen jenes Milieu, das in Medienberichten
oftmals im Mittelpunkt des Interesses steht.
Diesem Milieu werden Hedonismus
und Narzissmus zugeschrieben.
4) Das Unterhaltungsmilieu ist
an Spannung und Action interessiert (hier finden
sich die Liebhaber von Computerspielen und
Action-Videos wieder), während
5) das Integrationsmilieu alle
Unterschiede zwischen U- und E-Kultur ignoriert
und sich aller Stilelemente der vorgenannten
Milieus bemächtigt.
Die
Mediendebatte um die Spaßgesellschaft
Gegenüber den Differenzierungen im
Konzept "Erlebnisgesellschaft" von
Gerhard SCHULZE fallen die Debatten in den Medien
weit zurück. Die Debattenteilnehmer lassen sich
jedoch unschwer jeweils den verschiedenen
Erlebnismilieus zuordnen.
Die Debatte
um die Popliteratur und ihr Ende ist in
diesem Sinne ein Nebenschauplatz der Debatte um
das Ende der Spaßgesellschaft.
Nach SCHULZE lassen
sich die Erlebnismilieus auf die Faktoren
Alter/Generation und Bildung zurückführen. In
den Medien steht dagegen der Generationenkonflikt
im Vordergrund: "Generation Golf"
und "68er" sind jene
Kontrahenten, die am profiliertesten in den
Feuilletons in Szene gesetzt werden.
"Die
Spaßgesellschaft ist ein Phantom denkfauler
Politiker und Mittelstandsjournalisten, denen die
Muße zur intelligenten Beschreibung kultureller
Ursachen und Wirkungen fehlt", heißt es bei
HACHMEISTER, aber er ist optimistisch, dass sich
die Debatte bald erledigt: "Wenn sich ein
Schlagwort erst einmal von der 'taz' über den
'Spiegel' bis zum 'Focus'-Titel durchgefressen
hat, so wissen wir aus der modernen
Medienforschung, ist der Exitus meist nicht mehr
fern."
Mit
der
Formel vom "Ende der
Spaßgesellschaft" ist die Debatte
jedoch nicht beendet, sondern der Konflikt ist
nur transformiert worden. Alexander
GAULAND schreibt dazu unter der Überschrift Es
geht wieder um etwas: "Unter der
Oberfläche der Spaßgesellschaft tobt ein neuer
Kulturkampf - und das ist gut so." Er
plädiert in diesem Artikel für einen
"Aufstand der Verwurzelten" (Welt
vom 11.09.2001). Dies zeigt, dass es nicht
allein um die Frage der "Geschmacksdiktatur
in der Spaßgesellschaft" (Focus vom
26.03.2001) geht. Nicht die Frage, welche
Fernsehformate ("Big Brother") oder
welche Personen für den Spaß stehen (Harald
SCHMIDT, Verona FELDBUSCH usw.) ist entscheidend,
sondern im weiteren Sinne geht es um einen Kampf
der Kulturen oder genauer: Kampf der
Lebensstile.
Die
Ausweitung der Kampfzone
Nicht nur die Mediengesellschaft
wird verhandelt, sondern in erster Linie die Pluralisierung
der Lebensformen. Hier erfolgt dann ein
folgenreicher Kurzschluss in der Argumentation:
Die unterschiedlichen Erlebnismilieus werden
bestimmten Lebensformen zugeschrieben. Damit wird
aus einer Frage des Geschmacks unter der Hand
eine Frage der Haushaltsform.
Für den Spaßtheoretiker
Reinhard MOHR ist klar: "Die
Spaßgesellschaft zeugte ihre Computerkids, und
der Single wurde zum Symbol, zur Leitfigur tief
greifender Veränderungen der Lebensformen"
(Spiegel Nr.5 v. 31.01.2000). Hier wird
nahe gelegt: Spaßgesellschaft =
Singlegesellschaft. In diesem Sinne sind wir
mitten in der Kontroverse "Familien
contra Singles", die von den
Polarisierern zugespitzt wird.
Der sozialpolitische
Verteilungskampf hat seit der Wiedervereinigung
seinen Ausdruck in der Polarisierungsthese
gefunden. Die Rede von einem Familien- und einen
Nicht-Familiensektor lässt sich leicht mit einem
Antagonismus in der Spaßgesellschaft verbinden.
Der Bevölkerungsrückgang
wird dann genauso zu einem Problem der
Spaßgesellschaft wie die fehlende Bereitschaft
Verantwortung für Familie und Gesellschaft zu
übernehmen. Selbstverwirklichung, Hedonismus und
Narzissmus sind dann Merkmale der Singles,
während der Familie Opferbereitschaft,
Verantwortung und Selbstlosigkeit zugeschrieben
wird.
Nach dem 11.
September war es Heimo SCHWILK, der den bisher
umfassendsten "Gegenentwurf"
zur Spaßgesellschaft vorgelegt hat
("Der Bürger kehrt zurück"; Welt
am Sonntag vom 30.09.2001). Der
Spaßgesellschaft soll die
Verantwortungsgemeinschaft folgen.
SCHWILK beruft sich u.a. auf Meinhard MIEGEL,
dessen Bevölkerungstheorie sich auf den Gegensatz
von "individualistischen" und
"kollektivistischen" Kulturen gründet.
Individualistische Kulturen sind nach MIEGEL dem
Untergang geweiht, weil sie aussterben oder
ausgelöscht werden. SCHWILK möchte ein
"Zurück zur Familie" und beklagt
deshalb, dass die Berufstätigkeit der
Mutter in unserer Gesellschaft nicht als
unmoralisch gilt.
Fazit
Der 11. September hat Tendenzen
beschleunigt, die bereits vorher spürbar die
Mediendebatte beherrscht haben. Singles geraten
dadurch noch stärker in die Defensive.
|
|
 |
|
 |
|
|
| |
|
- MOHR,
Reinhard (2000): Der totale Spaß.
Ob
"Big Brother" oder
"Insel-Duell": Immer schriller
gebärdet sich die neue deutsche Spaßkultur.
Geht das Volk ohne Witz nun tabulos ins
Lach-Millennium? Droht flächendeckender
Schwachsinn, oder geht es um die Befreiung von
alter Humorlosigkeit?
in:
Spiegel
Nr.23 v. 05.06.
- MAAK, Niklas (2000):
Von Alfa bis Omega.
Opfer der Spaßgesellschaft:
Warum will keiner mehr Opel fahren?,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 28.06.
- SEEßLEN,
Georg (2000): Die neue Lust am Leiden.
Wir
haben uns fast zu Tode amüsiert, die
Spaßgesellschaft läuft leer. Jetzt haben Filme
wie "Dancer in the Dark" Konjunktur,
die weh tun wollen. Und einen neuen religiösen
Text für das Kino entwerfen,
in: Tagesspiegel
v. 21.10.
- RUTSCHKY,
Michael (2000): Die Rettung der Britney S.
Was
hat Rembrandt mit einer Popsängerin zu tun?
Nicht die Wertschätzung der besseren Kreise. Sie
verachten die Spaßgesellschaft, wie sie die
einfachen Stände schätzen. Eine Kritik
anlässlich der Silvesterparties,
in: TAZ
v. 30.12.
- SCHULLER,
Alexander (2001): Die Spaßgesellschaft braucht
die kalte Dusche.
Diktatur
des Spielerischen: 1968 hat auch einen
langfristigen Wertewandel zu Ungunsten der
Wissenschaften eingeleitet,
in: Welt v. 02.02.
- GAULAND,
Alexander (2001): Fellachen der
Spaßgesellschaft.
Ohne
historische Erinnerung und kulturellen Halt hat
keine Gesellschaft auf Dauer Bestand,
in: Welt
v. 27.03.
- AHA
(2001): Der gute Mensch am Ende der
Spaßgesellschaft,
in:
TAZ Hamburg
v. 11.04.
- Inhalt:
Eine Hymne auf den
"Rebell" und "Outcast der
Mediengesellschaft" Horst W.
OPASCHOWSKI und sein
"Schafft die Spaßgesellschaft
ab!"
- Kommentar:
Das Problem
von OPASCHOWSKI ist weniger seine
Analyse der Erlebnisgesellschaft
in Anlehnung an Gerhard
SCHULZE,
sondern sein kurzschlüssiger
Freizeit- und Single-Begriff, der
ihn zu einem Polarisierer in der
Kontroverse "Familien"
versus "Singles" werden
lässt.
- JOOP,
Wolfgang (2001): Glamour war gestern.
Seit
dem Absturz der Börsenkurse ist es mit dem
Konsumrausch vorbei. Nun zeichnet sich eine Suche
nach dem Echten ab. Das Glück liegt in der
Beschränkung.
in:
Spiegel Online
v. 31.07.
- POSENER,
Alan (2001): Spaß muss sein.
Gäb's
eine Zensur, so wünschte man sich ein Verbot des
Begriffs "Spaßgesellschaft" - mitsamt
dem misslaunigen Lippenschürzen, das seine
Aussprache begleitet - Kommentar
in:
Welt v. 07.09.
- WELT AM
SONNTAG (2001): Kein Herz für Familien.
Passen
Eltern und Kinder in unsere Spaßgesellschaft?,
in: Welt
am Sonntag v. 09.09.
- GÄCHTER, Sven (2001):
Ausweitung der Kampfzone.
Jahrelang wusste niemand,
wie man mit dem schlechten Gewissen umgehen
sollte. Jetzt scheint man ein Gegenmittel
gefunden zu haben: die Angs,
in: Profil
Nr.39 v. 24.09.
- SEIFERT, Heribert
(2001): Rein und richtig trauern.
Der
Spassgesellschaft ist nach den Terroranschlägen
auf die USA das Lachen vergangen. Auftrieb
erhalten die Förderer der «emotional
correctness», welche zugelassene und abgelehnte,
ja verpönte Gefühle säuberlich trennt. Die
reine Trauer gilt dabei als vornehmste
Reaktionsweise. Doch so unpolitisch ist diese
nicht im Medienzeitalter.
in:
Neue Zürcher Zeitung
v. 05.10.
- LEHNARTZ, Sascha
(2001): Sie machen Witze!
Die Spaßgesellschaft sei am
Ende, behaupten ihre Verächter. Und liefern
damit Stoff für neue Pointen,
in: Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung
v. 07.10.
- POLLACK,
Anita (2001): Das jähe Ende der Spaß-Literatur,
in: Kurier v. 12.10.
- Inhalt:
"»Das Ende der
Spaßgesellschaft.« Das Copyright für
diesen Satz liegt seit 12. September bei
Peter Scholl-Latour. Erklärt Klaus Eck,
einer der Ober-Bosse der Verlagsgruppe
Random-House", schreibt POLLACK und
nimmt das zum Anlass über den Buchmarkt
nach dem "Ende der
Popliteratur" zu
schreiben.
- IDEL, Stefan
(2001): "Den Unsinn längst satt".
Opaschowski zur
Spaßgesellschaft. Falls sich der Krieg gegen
Terroristen jahrelang hinzieht, wird es in der
westlichen Welt einen Wertewandel geben.
in: Nordwest
Zeitung v. 13.10.
- Interviewauszug:
"Frage:
Markiert der 11. September das Ende der
so genannten Spaßgesellschaft, wie viele
Politiker behaupten?
Opaschowski: Bereits fünf Monate vor den
Terrorangriffen habe ich das Ende der
Spaßgesellschaft prognostiziert. Zwar
schwimmt die Generation der 14- bis
29-Jährigen noch auf dieser Welle, viele
haben allerdings den Unsinn der
Unterhaltungsbranche längst satt.
Natürlich wird der 11. September das
Umdenken beschleunigen.
(...)
Frage: Ist es nun ein Konflikt der
Kulturen?
Opaschowski: Wenn Sie auf das Buch von
Samuel P. Huntington anspielen, gebe ich
zu bedenken, dass viele Begriffe des
US-Originals nur unzureichend übersetzt
wurden. Der Terror ist eher ein Angriff
auf den westlichen Lebensstil. Er wird
von einigen als unmoralisch, von anderen
dagegen als faszinierend empfunden. So
wird der Musiksender MTV, der die Kultur
von McDonalds und Coca-Cola
verbreitet, in 140 Ländern empfangen.
Länder der Dritten Welt fürchten die
Attraktivität des 'American Way of
Life'."
- HAGER,
Angelika (2001): "Und dann wird Bushs Krieg
auch noch heilig".
Interview. Bei den
Prêt-à-porter-Shows letzte Woche trug Paris
sowohl Angst als auch Ignoranz. Der deutsche
Designer Wolfgang Joop analysiert die Mode in
Zeiten des Kriegs,
in: Profil
Nr.42 v. 14.10.
- Inhalt:
Wolfgang
JOOP rechnet mit der
popkulturellen Spaßgesellschaft ab, aber
das hatte er bereits vor dem 11.
September getan:
"profil: Schon im Juni haben Sie in
einem Essay im 'Spiegel' mit dem Titel 'Glamour
war gestern' eine
Rückkehr zu einer Ästhetik der
Beschränkung gefordert.
Joop: Ich bekam damals wütende
Reaktionen, denn keiner wollte sich
damals durch solche Thesen irritieren
lassen. Denn im Kopf und im Herzen steckt
die Gesellschaft ja nach wie vor in den
achtziger Jahren. Dass die Party vorbei
ist, wollte niemand wahrhaben."
- SPIEGELONLINE
(2001): Wolfgang Joop.
Kein
Bedauern über Verlust des World
Trade Center,
in:
SPIEGELONLINE v. 15.10.
- Inhalt:
SPIEGELONLINE
verteidigt JOOPs
Äusserungen im Interview
mit HAGER ist jedoch
erstaunt, dass JOOP die
Gesetzmäßigkeiten eines
Marktes kritisiert, die
"auch das
Jet-Set-Leben des
Multi-Millionärs Joop
ermöglichen."
-
SIEMONS, Mark
(2001): Mitten im Kampf: Kann die Kultur noch
überwirklich sein?
In Kampfzeiten: Steht der
Kultur eine neue Politisierung bevor?
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v.
16.10.
- GAULAND,
Alexander (2001): Mythendeuter gesucht.
Der
Kampf gegen den Terror bedarf auch des Rüstzeugs
der abendländischen Kulturtradition,
in: Welt
v. 17.10.
- Inhalt:
GAULAND sieht sich
als Vertreter des erlebnisgesellschaftlichen
Niveaumilieu von den
Ereignissen bestätigt: "Der 11.
September hat über Nacht eine
Lebenslüge der Spaßgesellschaft
entlarvt: dass die sperrigen Güter der
europäischen Bildungstradition nicht
mehr gebraucht werden (...). Cohn-Bendit
ist über Nacht interessanter geworden
als Craig Venter und Oswald Spengler
wichtiger als Hubert Markl. Die
'randständigen' Kritiker der
Spaßgesellschaft haben ihre
Deutungshoheit zurückgewonnen
(...)
Es ist schon richtig, wenn Alan Posener in der
WELT schreibt, dass die
Kritik an der Unkultur Amerikas
Kulturkritik am eigenen Volk ist. Nur,
der 11. September gibt jenen Kritikern
Recht, die Marx und Heidegger zur
Erklärung der Welt noch immer für
wichtiger halten als Kracht und Stuckrad-Barre. Anything
goes? Nicht mehr".
- OBERT, Mark
(2001): Lassen Sie uns über Spaß reden.
Warum der Journalist Peter
Scholl-Latour Kriegsgräuel mit Lachen
verarbeitet und ihn obszöne Witze im Fernsehen
empören,
in: Frankfurter
Rundschau v. 20.10.
- Inhalt:
Peter Scholl-Latour
über schlechten und guten Spaß und die
Lebenslügen der Spaßgeneration.
-
MARTENSTEIN,
Harald (2001): Der Tag der Entscheidung.
Manche sagen: Die
Spaßgesellschaft ist jetzt zu Ende. Aber das
geht gar nicht. Ohne Spaß bricht alles zusammen
- die Wirtschaft, unser Selbstbild, unsere
Kultur. Zu Ende ist etwas ganz anderes,
in: Tagesspiegel
v. 21.10.
- Inhalt:
Für MARTENSTEIN
sind am 11. September nicht die
"Apologeten der Spaßgesellschaft
widerlegt worden, sondern die
neoliberalen Propheten der
Globalisierung". Deshalb ist eine
Repolitiserung der Öffentlichkeit
wahrscheinlicher als das Ende der
Spaßgesellschaft.
- GÜNTNER,
Joachim (2001): Deutschland im Ernst.
Geht die Spassgesellschaft,
kommen bleierne Zeiten?,
in: Neue
Zürcher Zeitung v. 26.10.
- Inhalt:
GÜNTNERs
Zeitdiagnostik beginnt damit, dass Sigrid
LÖFFLER bereits 1996 - zu ihrem Einstand
bei der Wochenzeitung ZEIT - der
Spassgesellschaft das baldige Ende
vorhergesagt hat. Sein Fazit zur
Spaßgesellschaft der Gegenwart:
"Die mag sich im Kultur- und
Fernsehreservat, im Lifestyle- und
Freizeitzirkus weiterhin drehen. In
politicis aber gilt: Deutschland im
Herbst ist Deutschland im Ernst."
- POLITYCKI,
Matthias (2001): Simplifizierer und
Schubladianer.
Es
schlägt die Stunde des erhobenen Zeigefingers:
Brauchen wir nach dem 11. September wirklich eine
andere deutsche Literatur? Wer die Lufthoheit
über den deutschen Ernst anstrebt, kann auch
gleich den Freigeist zur bedrohten Art erklären
in: TAZ
v. 27.10.
- Inhalt:
Matthias
POLITYCKI
beschäftigt sich mit jenen, die das Ende
der Spaßgesellschaft ausgerufen haben.
Er versucht seine "Neue deutsche
Lesbarkeit" gegen die
"Spaßliteratur" der
Popliteraten abzugrenzen, um einerseits
das "Ende der
Popliteratur" zu
begrüssen, andererseits jedoch der
Forderung "Irony is
over" (Jarvis
COCKER) eine Absage zu
erteilen, denn: Ironie ist
"vielleicht die sublimierteste Form
des Leidens an der Welt (...), die
luftigste, spielerisch leichteste
Zustandsform der Schwermut!".
Seine Prophezeiung: "die Zukunft des
Romans, ums einmal nassforsch zu
formulieren, wird humoristisch sein oder
sie wird nicht sein."
- MICHAELIS,
Nils (2001): Steht jetzt das Ende der
Spassgesellschaft bevor?
Das deutsche Feuilleton
diskutiert, ob sich die "Generation
Golf" nach dem 11. September am Scheideweg
befindet,
in: Tages-Anzeiger
v. 31.10.
- Inhalt:
MICHAELIS fasst den
Stand der Debatte zur
"Spassgesellschaft" zusammen.
Er grenzt seine Position ab gegen Jost
KAISER (SZ, 25.10.2001 "Immer im
Werden und niemals im Sein"),
Henning SUSSEBACH (ZEIT,
18.10.2001) und
Matthias POLITYCKI (siehe TAZ,
17.10.2001) und folgt stattdessen der
Argumentation von Sascha LEHNARTZ (siehe
FAZ v. 07.10.2001) und Diedrich
DIEDERICHSEN (TAZ,
06.10.2001), indem
er dem "Baudrillardismus"
der Postmoderne eine Absage erteilt.
Seine Einschätzung der Lage des Ernstes:
"Kommt
es nun also, oder kommt es nicht, das
Ende der Spassgesellschaft und ihrer
Ironie? Auch wenn Harald Schmidt und die
Seinen längst wieder mit voller Kraft
auf bewährtem Kurs moralfreie Zynismen
drechseln, muss man einräumen, dass der
Motor der Postmoderne stottert. Bleibt
die Frage, ob er ersetzt oder nur
repariert wird."
- ROSS, Jan
(2001): Arbeit am neuen Weltbild.
Der 11. September und seine
geistigen Folgen: Deutsche Intellektuelle
räsonieren über Staat, Religion und das
Undenkbare - um am Ende bei ihren Lieblingsideen
zu landen. Zusammenfassung einer zuweilen
ideologisch geführten Debatte,
in: Die
ZEIT Nr.45 v. 31.10.
- Inhalt:
Jan ROSS mustert
u.a. die "Kurzformeln und Kernsätze
(...), mit denen die Zäsur des 11.
September beschrieben wurde. Von der
»Renaissance des Staates« und ihren
wahrscheinlich recht engen Grenzen war
die Rede, und viel hat man vom »Ende der
Spaßgesellschaft« gehört; ein Gedanke,
der (...) jedoch zu jenen Themen gehört,
die man tunlichst meiden sollte: In
unfruchtbarem Ideologiegerede stehen sich
übellaunige Zivilisationskritiker und
ebenso humorlose Heiterkeitsverfechter
gegenüber, die entweder in irgendwelchen
Fernsehsendungen ein Dekadenzphänomen
oder umgekehrt in der »neuen
Ernsthaftigkeit» eine Art
Inquisitionsherrschaft sehen."
- SCHMIDT,
Thomas E. (2001): Ist nun Schluss mit lustig?
Es
mehren sich die Stimmen, die ein Ende der
heiteren Beliebigkeit fordern. Die Wertevielfalt
wird zum Feind erklärt. Doch Pluralismus ist
keine Schwäche, sondern Stärke
in:
Die ZEIT
Nr.45 v. 31.10.
- Inhalt:
Thomas E. SCHMIDT
verteidigt die
"Spaßgesellschaft" ("Republik
ohne Mitte" im
Sinne von Richard
HERZINGER) gegen die
"Kulturexistenzialisten", d.h.
den "Existenzialismus des einsam in
der Globalisierung stehenden historischen
Subjekts".
- KLEINER,
Marcus S. & Hermann STRASSER (2001):
Postskriptum zur Spassgesellschaft.
Worüber man lacht, wenn es
nichts mehr zum Lachen gibt,
in: Neue
Zürcher Zeitung v. 03.11.
- Kommentar:
In welcher
Gesellschaft leben wir eigentlich? Die beiden
Soziologen wähnen sich in der
Spaßgesellschaft, was nichts anderes ist
als eine Verengung des Konzepts
"Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze) auf einen
Aspekt:
"Auf
der (...) Oberfläche, operiert das
mediale Design der Spassformate nach dem
Prinzip «Erlebe dein Leben». Fun als
erlebnisorientierte Selbstinszenierung,
Spass- und Erlebnisgesellschaft in
inniger Wahlverwandtschaft."
In ihrem
Essay zeichnen sie das Phänomen der
Spassgesellschaft ab Mitte der 80er Jahre
nach, um zu dem Schluss zu kommen, dass
sich das Ende der Spassgesellschaft
bereits vor dem 11. September
abgezeichnet hat und demnächst passé
ist. Sie gehören damit zur LÖFFLER-Fraktion
der Verabschieder.
Sie
verabscheuen die Spassgesellschaft, denn
sie ist in ihrer Tiefenstruktur
affirmativ und totalitär.
Was soll
nach ihrer Meinung an deren Stelle
treten? Nichts anderes als der alte
Wertekannon von Familie und
Kulturgütern. Dies ist natürlich
genauso affirmativ und totalitär, aber
das scheint diese Anhänger des
Niveaumilieus - Adepten von ADORNO und
HORKHEIMER - nicht zu stören.
Die
Lebenslüge der Spassgesellschaft sei es
Inhalte durch Kommunikation zu ersetzen,
schreiben die Autoren in Ablehnung der
Postmoderne. Das Problem der Autoren ist
es jedoch, dass sie zum einen die
Existenz unterschiedlicher
Erlebnismilieus leugnen und zum anderen
die unstimmige Gleichung
Spaßgesellschaft = Singlegesellschaft
aufstellen.
Ihre
Analyse wird den Funktionsmechanismen der
pluralistischen Gesellschaft deshalb
nicht gerecht, sondern ist das Ergebnis
eines niveaumilieu'schen Ressentiments
das der Kritischen Theorie der
Frankfurter Schule immanent ist. Die
Tatsache, dass Anhänger des
Niveaumilieus die Feuilletons der grossen
Tageszeitungen dominieren, bleibt bei
dieser Art von
"Gesellschaftsanalyse" - ganz
und gar unkritisch - aussen vor.
Lohnend
wäre auch die Untersuchung der
sinnstiftenden Wirkung des Begriffs
"Spassgesellschaft" für das
Selbstverständnis des Niveaumilieus. Michael RUTSCHKY hat das
leider nur unzulänglich aufgegriffen.
Erlebnismilieus sind in erster Linie
Wertegemeinschaften, d.h. in der
Erlebnisgesellschaft herrscht ein
"Kampf der Kulturen" oder wenn
es um einzelne Akteure im Medienbetrieb
geht: ein "Verteilungskampf um
Prominenz" (Bodo
KIRCHHOFF in der FR
vom 31.10.2001).
Das
Niveaumilieu stilisiert sich im Begriff
der "Spaßgesellschaft" als
Opfer der Mediengesellschaft. Es
beansprucht nicht mehr und nicht weniger
als die Definitionsmacht über das
Kulturelle, aber diese wird von den
Tätern verweigert! Die Täter sind
einerseits diejenigen, die den
Medienmarkt beherrschen und andererseits
jene, die sich dem Fun hingeben, d.h. die
Hedonisten. Die Verwalter der Hochkultur
leiden unter einem Gefühl des
Machtverlustes in der
"Spassgesellschaft", das
letztlich einer narzisstischen Kränkung
gleichkommt. Ihnen ist deshalb jedes
Ereignis recht, das ihre Stellung
innerhalb des Machtgefüges der Berliner
Republik stärkt.
Eine
Gesellschaftsanalyse, die solche Fragen
der Identitätspolitik ausklammert, ist
kaum geeignet unsere
"Mediengesellschaft" adäquat
zu beschreiben.
- BOLZ, Norbert
(2001): Schock des Weltterrors.
Wider die Pathosformeln der
Neuen Ernsthaftigkeit,
in: Frankfurter
Rundschau v. 06.11.
- JUNGLE WORLD
(2001): Kummer im Stuckrad-barrio,
in: Jungle World
Nr.46 v. 07.11.
- Inhalt:
Statements zur
Spassgesellschaft von NAATZ, Heike
BLÜMNER, Dietmar DATH und Harald PETERS.
- BAUDRILLARD,
Jean (2001): Der Geist des Terrorismus.
Das
Abendland, das die Stelle Gottes eingenommen hat,
wird selbstmörderisch und erklärt sich selbst
den Krieg,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 12.11.
- Inhalt:
BAUDRILLARD
verteidigt seine Postmoderne.
- SCHÜMER,
Dirk (2001): Gekrönte Moderne.
Vor allem die Monarchien
erweisen sich in Europa dem Ernst der Lage
gewachsen,
in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung v.
19.11.
- mehr zum Thema:
Das Ende der Spaßgesellschaft - revisited
|
|