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"Lieber allein, als
gemeinsam einsam" oder das Single-Dasein
als Konsequenz eines neuen Paarideals
Der Titel
des Debütalbums von MARIO HENÉ "Lieber
allein, als gemeinsam einsam" war
programmatisch für die Singlebewegung
der 70er Jahre. Es ging um den Auszug
der Singles aus dem Reservat der Ehe.
Es wäre
jedoch völlig verkehrt, wenn man meinen würde,
dass dies mit dem Ziel geschah nun als "Swinging
Single" ein Leben jenseits aller
Bindung zu führen. Vielmehr war das Motiv ein neues
Paarideal, das höhere Ansprüche an den
anderen - und was oft vergessen wird - an sich
selbst stellte.
Das Defizit
der Ehebeziehung formuliert der Liedermacher im
Begleittext folgendermassen: "Viele
Menschen die zusammenleben haben sich so sehr
aneinander gewöhnt, daß sie sich nur noch dann
bemerken wenn der andere krank ist oder tot. Sie
leben nebeneinander her jeder in seiner Rolle."
Im Refrain des gleichnamigen Titelsongs heisst es
dann:
"Einsamkeit ist der Preis
meiner Freiheit
ich möcht' sie trotzdem nicht verliern.
Lieber allein als gemeinsam einsam
vor Zufriedenheit zu friern".
Das
Single-Dasein ist für HENÉ kein
erstrebenswertes Leben an sich, sondern eine
notwendige Phase, in der man einen geeigneteren
Partner sucht.
Im "Lied
vom Steppenwolf" wird dieses Motiv
als Fabel variiert. Nicht nur die Ehe, sondern
die bürgerlichen Normen der Gesellschaft mit
ihren Zwängen, können als unerträglicher
Kompromiss empfunden werden. Die Erzählung
"Der Steppenwolf" von
HERMANN HESSE, das 1974 im Suhrkamp-Verlag als
Taschenbuchausgabe erschien, war damals ein
vielgelesenes Buch. Es lassen sich unschwer
Bezüge zwischen beiden Texten herstellen.
Der Partner
ist die Verheisung und im Begleittext zum Lied
"Ich brauche dich"
heisst es: "Jedes Ding auf dieser Welt
hat sein Gegenstück mit dem zusammen es eine
Einheit bildet und so strebt auch jeder Mensch
nach Vereinigung. Mancher findet sie, ein anderer
sucht ein Leben lang."
Singles sind
für HENÉ Suchende und diese Suche kann
scheitern. Dieses Scheitern steht im Mittelpunkt
der Lieder "Der Weg nach nirgendwo"
und "Ein Leben lang".
Es gibt
Phasen, da scheint die Suche aussichtslos zu
sein. HENÉ hat für diese Momente den
hoffnungsvollen Vergleich "Wie ein
Baum im Herbstwind" gefunden:
"Ich bin der Baum der im
Herbstwind
ein Blatt nach dem anderen verliert
und ich warte auf den Frühling
und daß etwas passiert"
Und
manchmal passiert wirklich etwas. Man trifft
einen anderen Einsamen und verliebt sich, man
meint, es könnte auf Dauer sein, aber die Liebe
erlischt. Und mit jeder Enttäuschung fällt es
schwerer, sich erneut auf die Suche nach dem
Einen zu machen. Das Lied "Zeit(t)räume"
handelt von diesem Problem.
Auf seiner
zweiten LP "Unter der gleichen Sonne"
beschäftigt sich HENÉ weniger mit dem konkreten
Single-Dasein, als mit den gesellschaftlichen
Verhältnissen. Im Song "Wilde
Pferde mit Sattel und Zaum" wird
jedoch das damalige Lebensgefühl auf den Punkt
gebracht:
"Zwischen Sehnsucht nach Liebe
und Kampf ums' Brot
im Kreislauf von Geburt und Tod
zwischen Darwin und dem samften Trost von
Religion
in Gemeinschaft und Einsamkeit
auf der Suche nach Beständigkeit
zwischen Fortschritt und dem Staub von Tradition.
Gefangen in den Grenzen, die wir selber ziehn
mit wenig Hoffnung, ihnen jemals zu entfliehn
solang wir Macht und Reichtum sammeln statt
Freiheit zu erstreben
vom Leben träumen statt zu leben."
Im dritten
Album, das schlicht "Mario Hené +
Band" heisst, steht wieder die
konkrete Zweierbeziehung und das Single-Dasein im
Mittelpunkt. Den Gegensatz beider Lebensformen
bringt HENÉ durch die Zeitformen zum Ausdruck,
die jeweils bestimmend sind. Das Single-Dasein
ist ein Leben in Vergangenheit oder
Zukunft, nur in einer befriedigenden
Partnerschaft kann man die Gegenwart geniesen. Im
Lied "Wenn du nicht wärst"
geht es um diese Differenz.
In "Wintertraum"
geht es dagegen um die Differenz zwischen
dem alten und dem neuen Partnerideal:
"Ich such an deinen Augen zu
erkennen, was du siehst
und ich gäb was zu erfahren, wie du fühlst.
Ob dein Lächeln für dich so ist, wie der Schnee
für diese Stadt
und ob du immer nur die eigene Rolle spielst
(...)
Du suchst an meinen Augen zu erkennen was ich
seh,
und du gäbst was zu erfahren, wie ich fühl.
Ob mein Lachen für mich so ist, wie der Schnee
für diese Stadt
und ob ich immer nur die eigne Rolle spiel
(...)
Ein sanfter Wind weht zögernd
unsre Spuren wieder zu
und gemeinsam gehn wir weiter
ich als ich und du als du.
Getrennt durch die Gedanken
verbunden durchs Gefühl,
gehn wir zwei verschiedne Wege
und vielleicht ist das auch gut."
Authenzität
statt Rollenspiel, Eigenständigkeit statt
Symbiose, Liebe statt Vernunft(ehe) sind die
Elemente der unterschiedlichen Partnerideale, die
in diesen Textpassagen zum Ausdruck kommen.
In dem Song
"Jeder malt ein andres Bild von mir"
geht es um die stereotype Wahrnehmung der Anderen
und selbst die eigene Identität ist keine feste
Konstante, sondern die Wahrnehmung der eigenen
Person wechselt situationsspezifisch und ist
abhängig von Stimmungen.
"Der
Weg zum Lächeln" variiert das
Thema vom "Baum im Herbstwind"
und im "Mitternachtsbild"
skizziert HENÉ das Bild von einer typischen
Szenekneipe, die nichts mit den Geschichten über
Single-Bars zu tun hat. HENÉ
zeichnet ein freundliches Bild von den
Aussenseitern, die gescheitert sind, aber ihre
Hoffnung noch nicht aufgegeben haben:
"Ursel, die Mutter der
Träumenden,
hat schon wochenlang nicht mehr geträumt.
Wenn die anderen schlafen, sitzt sie hier herum,
weil sie meint, daß sie hier nichts
versäumt."
1981
erscheint die LP "Wind und Wasser".
Darauf befindet sich der Song "Für
immer". Darin wird der Kern des
neuen Partnerideals beschrieben, das sich auf die
"reine" Liebe gründet:
"Wie kannst du sagen, du liebst
mich für immer,
wie willst du wissen, ob du so fühlst für immer
(...)
Liebe wird immer von neuem geboren.
Vögel im Käfig singen nicht so, wie die Vögel
im Wald.
Ich geb' dir mein Heute, mehr kann ich nicht
geben,
und wenn wir zusammen ein Morgen erleben,
wird morgen zu heut', und wenn das so bleibt,
werden wir zusammen alt."
Erlischt
die Liebe, dann endet auch die Partnerschaft, das
ist die Botschaft.
Im Lied
"Erwacht" geht es um
das authentische Leben, das man leben muss. Es
genügt nicht mehr ein Rollenspieler zu sein und
darin seine Erfüllung zu sehen.
Im Titelsong
"Wind und Wetter" wird
das Authentizitäts-Thema variiert und auf die
Zeitdimension angewandt. Im Augenblick leben,
statt Zukunftsplanung betreiben.
In "Schade"
beschreibt HENÉ die Gefühle, die einer Trennung
voraus gehen. Es werden die Gründe reflektiert,
die eine sinnvolle Trennung verhindern. HENÉ
greift damit die Thematik von "Lieber
allein, als gemeinsam einsam"
wieder auf:
"Was dich und mich heut' noch
verbindet,
ist doch nur Angst vor dem Alleinsein,
doch nur die Furcht vor neuem Anfang
ohne die traute Sicherheit."
In "Alltag"
wird dagegen ein Heiratsmotiv beschrieben. HENÉ
sieht hier im Heiraten einen letzten Versuch,
eine Partnerschaft, die nicht mehr vom Gefühl
der Liebe getragen wird, zu retten. Der gleiche
Grund, der Trennungen erschwert, ist auch ein
Grund, der dazu führt, dass man Beziehungen auf
Dauer stellen möchte:
"Aus Angst, sich zu verlieren,
gingen beide irgendwann zum Traualtar."
Festzuhalten ist: das
Single-Dasein ist für HENÉ keine freiwillig
gewählte Lebensform, sondern eine
Konsequenz des neuen Paarideals. Eine weitere
Konsequenz ist die serielle Monogamie,
die sich auf der Suche nach dem EINEN im Laufe
des Lebens ergeben kann.
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