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Die
normative, ehezentrierte amtliche Statistik verhinderte
bis zum Jahr 2009 die korrekte Zuordnung von Geburten zu
Frauen. Ohne eine solche Zuordnung konnten für Deutschland
keine tempobereinigten Geburtenziffern ermittelt werden:
"Für die Berechnung der
tempobereinigten TFR* sind die Geburtenzahlen nach einzelnen
Paritäten erforderlich. Für das vereinigte Deutschland und das
frühere Bundesgebiet lagen solche Angaben aufgrund der
gesetzlichen Regelungen bis 2009 nicht vor. Vor 2009 wurde die
Parität ausschließlich bei Geburten von verheirateten Müttern
erfasst, wobei sich die Ordnungszahl (auch als Geburtenfolge
bezeichnet) allein auf die Kinder der Frau aus der
gegenwärtigen Ehe bezog (einschließlich vorehelicher Kinder
mit dem aktuellen Ehemann). Die vorehelichen Kinder mit
anderen Vätern als dem jetzigen Ehemann der Mutter sowie
Kinder aus früheren Ehen wurden hierbei nicht berücksichtigt.
Erst nach der Ergänzung des Bevölkerungsstatistikgesetzes
(BGBl 2007) war für das Jahr 2009 erstmals ein
deutschlandweiter Nachweis der sogenannten biologischen
Geburtenfolge unabhängig vom Familienstand der Mutter möglich
(siehe Statistisches Bundesamt 2010)."
LUY & PÖTZSCH haben diese
Datenlücken nun für die Jahre 1955 - 2008 durch Schätzungen
aufgrund anderweitiger Daten aufgefüllt.
Bislang fehlte hierzu der politische Wille, doch
mittlerweile wird die klassische Berechnung zum
Hemmnis für
weitere bevölkerungspolitisch motivierte Reformen. Deshalb
wird diese Debatte erst jetzt geführt, obwohl diese
Debatte international bereits seit 1998 geführt wird.
Ein Beispiel für den
fehlenden politischen Willen gefällig?
Im Jahr 2001 veröffentlichte der Bevölkerungsstatistiker
Ron LESTHAEGHE für die westdeutschen Frauen folgende
endgültigen (und vorläufige) Kinderzahlen:
"Betrachte
man - anders als die deutsche Statistik - nicht nur die
aktuelle Geburtenentwicklung pro Jahr, sondern das jeweilige
Verhalten von Frauen-Altersgruppen (so genannten 'Kohorten'),
so werde deutlich, dass der Geburtenrückgang langfristig
weniger dramatisch sein dürfte. Die Frauen der Jahrgänge 1957
bis 1961 etwa hätten zwar viel später mit dem Kinderkriegen
angefangen als ihre Vorgängerinnen, aber dann aufgeholt: Die
Geburtenrate ihrer Altersgruppe liegt bei rund 1,6 Kindern pro
Frau; verglichen mit 1,8 für die Jahrgänge 1942-1946. Die
heute 35- bis 40-Jährigen hätten bereits jetzt eine Rate von
1,5 erreicht - obwohl sie sich durchschnittlich noch länger
Zeit gelassen hätten, bevor das erste Baby kam."
Diese Zahlen stimmen mit
den
kürzlich veröffentlichten endgültigen und tempo-bereinigten
Kinderzahlen des Max-Planck-Institut für demografische
Forschung (MPIDR) überein.
Die Zahlen wurden im
Nachgang zu einem Bundesverfassungsurteil zur
Pflegeversicherung veröffentlicht.
Das Urteil vom 3. April 2001 begründete die geforderten
Änderungen neben dem Anstieg der Kinderlosigkeit hauptsächlich
mit der durchschnittlichen Kinderzahl (TFR)
folgendermaßen:
"In Deutschland ist seit
Mitte der sechziger Jahre die Zahl der Lebendgeborenen je Frau
von 2,49 in rascher Folge auf mittlerweile 1,3 gesunken. In
den meisten der wirtschaftlich entwickelten Länder hat der
Effekt beobachtet werden können, dass mit steigendem
Lebensstandard und steigendem Pro-Kopf-Einkommen die
Geburtenrate zum Teil erheblich unter 2,0 sinkt. Es ist - wie
auch der Sachverständige dargelegt hat - nichts dafür
ersichtlich, dass sich die für diese Entwicklung
verantwortlichen Rahmenbedingungen alsbald grundlegend
wandeln. Ein sprunghafter Anstieg der Geburtenrate ist nicht
zu erwarten"
Alle damaligen
Presseveröffentlichungen im Vorfeld des Urteils und zur
Debatte um das Pflegeurteil - außer dem Interview mit Ron
LESTHAEGHE - argumentierten mit der durchschnittlichen
Kinderzahl von 1,3.
Bis heute hat kein einziger
Frauengeburtsjahrgang eine endgültige Kinderzahl von 1,3
erreicht, sondern sie liegen bis zum Jahrgang 1961 bei 1,6.
Jene Geburtsjahrgänge, die in den nächsten Jahren ihre
endgültigen Kinderzahl erreichen werden, liegen allesamt über
1,5 - immer noch weit entfernt von 1,3. Der Trend bei den
endgültigen Kinderzahlen weist jedoch immer noch nach unten.
Solange dies der Fall ist, lässt sich das Gegenteil nicht
sicher beweisen.
Was aber, wenn die
durchschnittliche Kinderzahl (gemessen als TFR) nun in den
nächsten Jahren sprunghaft nach oben weist? Bereits ein Wert
von 1,5 würde die Bevölkerungswissenschaftler in Erklärungsnot
bringen. Ein Wert von 1,6 war Anfang des Jahrtausends - zu
Zeiten der
Agenda 2010-Debatte - völlig undenkbar. Was, wenn die TFR
diesen Wert übersteigt?
Dass nun auch in
Deutschland die Debatte um tempobereinigte Geburtenziffern
beginnt, ist also der Staatsraison geschuldet, und nicht etwa
der Tatsache, dass es vorher nicht möglich gewesen wäre. Nein:
einzig der politische Wille fehlte!
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