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Medienrundschau:

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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 10. - 14. Februar 2011

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Beiläufiges Kennenlernen im Internet

"Paarbildung im Internet basiert (...) auf zufälligen bzw. beiläufigen Kontakten und ist von gezielter Online-Partnersuche über Kontaktbörsen und Partnervermittlungen abzugrenzen (...).

(...).

Eine neue Form der Geselligkeit bieten beispielsweise die zahlreichen Online-Chats, in denen man sich - oft nach Altersgruppen differenziert - zusammenfindet und zeitgleich per Tastatur plaudert, scherzt und flirtet. Dieser unbefangene und zunächst anonyme Austausch, bei dem jede_r unbeobachtet zu Hause sitzt, wird von den Beteiligten als entspannend erlebt, sofern sie Chat-Erfahrung mitbringen und schnelles Lesen am Monitor und Schreiben auf der Tastatur für sie kein Problem darstellen. Schüchternheit spielt beim Online-Flirt eine weitaus geringere Rolle als beim Offline-Flirt (...).

(...).

Neben den themenfreien, geselligen Chaträumen bietet das Netz vielfältige themengebundene Online-Angebote. So manche Internet-Liebe hat sich in einem Online-Diskussionsforum (...), einer Online-Community (...), einer Online-Selbsthilfegruppe (...) oder einer globalen Online-Spielewelt (...) entwickelt."
(Nicola Döring "Wie wir Liebes- und Sexpartner im Internet finden" 2011, S.34f.)

 
 
       
   

SCHLEUFE, Markus  (2011): Flirttrainer - Der Liebe professionell auf die Sprünge helfen.
17 Millionen Singles gibt es in Deutschland, viele davon wünschen sich eine Partnerschaft. Ein großer Markt für Flirttrainer. Ihr Joballtag im Beruf der Woche,
in:
ZEIT Online v. 14.02.

 
   

HAUCK, Mirjam  (2011): "Für Liebe zu zahlen ist anrüchig".
Online-Dating bei Partnerbörsen: Wer sein Single-Dasein beenden will, geht immer häufiger im Netz auf Partnersuche. Die Ethnologin Julia Dombrowski hat sich das genauer angeschaut. Ein Gespräch über romantische Liebe, Effizienz und die Definition von "gutem Wein",
in:
Sueddeutsche.de v. 14.02.

 
   

BUDE, Heinz  (2011): Die Unverwendbaren.
Wie kann der Wohlfahrtsstaat die Müden und Gerissenen aushalten?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.02.

Heinz BUDE, der mit der Generation Berlin zum Oberlehrer der Berliner Republik avanciert ist, heizt zuerst kräftig die Ressentiments gegen die Hartz-IV-Empfänger, indem er sich zum Exegeten des "investiven Wohlfahrtsstaates" aufbläst. Aus dieser Position verkündet er die schlechte Nachricht:

"Die schlechte Nachricht bezieht sich auf die Existenz einer unverwendbaren Bevölkerung, die die Gesprächspartner aus den Jobcentern auf 1,5 bis 1,8 Millionen in Deutschland schätzen."

Diese unverwendbare Bevölkerung charakterisiert er dann als "die Müden, die Cleveren und die Gerissenen". Wer clever und gerissen ist, der sitzt bei uns jedoch traditionell eher im Management, weswegen er zuvor die ressentimentgeladenen Begriffe vom "Sozialschmarotzertum und Abzockermentalität" in den Mund genommen hat. Der Leser kann sich also auswählen, zu welchem Statement er eher neigt. Der Wendepunkt der Erzählung wird dann durch eine rhetorische Frage eingeleitet:

"Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, als sich im Ressentiment zu erregen oder in Resignation abzukühlen?"

Für das Ressentiment stehen als Vorbilder entweder Peter SLOTERDIJK oder Ulf POSCHARDT zur Verfügung. Die Resignierten versinnbildlicht BUDE im "schwermütig veranlagte(n) Junggesellen im mittleren Alter", also Typen wie sie von Michel Houellebecq hinreichend beschrieben wurden. Aber über welche Gruppe sprechen wir eigentlich?

"Diese Gruppe, an der sich der Wohlfahrtsstaat die Zähne ausbeißt, gibt es in Finnland genauso wie in Belgien, in Frankreich genauso wie in Großbritannien. Und in Deutschland ist die Anzahl gemessen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen sogar noch relativ gering."

Wem dieser Hinweis nicht genügt, dem spendet BUDE Trost mittels der katholischen Soziallehre und der Schicksalhaftigkeit der Unverwendbarkeit:

"Wenn immer nur gilt, was uns nach vorne bringt und zum Sieg verhilft, ist vom Schicksal der Unverwendbarkeit am Ende niemand gefeit."

Wir haben es hier mit der Wende vom aktivierenden zum respektierenden Sozialstaat zu tun, dessen Einsatzbereich die "Unverwendbaren" sind. Das muss man wohl als vorläufiges Friedensangebot zum Auftakt des "Superwahljahrs" verstehen. 

 
   

RABE, Jens-Christian  (2011): Keine Angst vor Banalitäten.
Sie wollen ein Buch zur Krise veröffentlichen? Gerhard Schulze zeigt, wie man die Welle auf dem Trittbrett reitet,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.02.

Der Soziologe Gerhard SCHULZE, das Vorläufermodell von Heinz BUDE in Sachen Zeitdiagnostik, lässt schon mal einen Blick in die Zukunft von Heinz BUDE werfen. SCHULZEs Buch Krisen wird von RABE in Grund und Boden gestampft. Das Buch steht in der Tradition der 1986 geschrieben Risikogesellschaft. Dessen positivistische Variante des Trendsurfers Matthias HORX stand dann im Zeichen von Wishful Thinking: Anleitung zum Zukunftsoptimismus.
            
Wessen Zeit die 1990er waren, der kann sich noch an den Topos Erlebnisgesellschaft erinnern, der Anfang der Nuller Jahre als Spaßgesellschaft x-mal zur Ruhe gesetzt wurde, aber ständig wieder als Zombie Karriere machte (Peter Pan und seine Spießergenossen).
            
Mit Krisen ist es so eine Sache, die werden nämlich nur von der SZ und anderer Qualitätszeitungen ausgerufen oder auch nicht. Wer sich da einmischt, kann eigentlich nur Prügel beziehen, wenn er nicht zum gerade amtierenden Hofstaat gehört. Über zwei Zeitungsspalten hinweg langweilt RABE mit einer - von ihm offenbar für ungeheuer intelligent und humorvoll gehaltenen Rezension. RABE hätte genauso gut über den Hipster oder sonst ein typisches RABE-Thema schreiben können. Latein und die Antike, das wissen wir jetzt, ist nicht sein Ding. Aber dazu wären keine zwei Zeitschriftenspalten Wald nötig gewesen oder fängt das Sommerloch bei der SZ jetzt bereits im Februar an? 

 
   

PILZ, Dirk  (2011): So geruhsam bleibt es nicht.
Der Philosoph Richard David Precht über Demokratie und die Gefahr einer Diktatur,
in:
Berliner Zeitung v. 14.02.

 
   

Udo Di Fabio - Wachsende Wirtschaft und steuernder Staat

STEINBEIS, Maximilian (2011): Die Fastenpredigt des Verfassungsrichters,
in: DeutschlandRadio v. 14.02.

 
   

JACOBY, Sybil (2011): Prinzen und Frösche.
Rund jeder vierte Schweizer ist Single, das sind 1,25 Millionen Frauen und Männer. Gerade am heutigen Tag wird ihnen der Wunsch nach einem Partner schmerzlich bewusst. Partnersuche im Internet ist zwar vielversprechend, doch kein Garant für die grosse Liebe. Singles berichten,
in:
St. Galler Tagblatt Online v. 14.02.

 
   

JIMENEZ, Fanny  (2011): Freunde fürs Leben?
Von Liebe zu Freundschaft oder andersherum zu wechseln, ist nicht einfach - doch es kann gelingen,
in:
Welt am Sonntag v. 13.02.

 
   

KILIAN, Alexandra & Ulrich CLAUSS  (2011): Fremdgehen mit Facebook? Gefällt mir!
In Rosenkriegen spielen soziale Netzwerke eine immer stärkere Rolle, warnen Anwälte und Detektive,
in:
Welt am Sonntag v. 13.02.

 
   

DOWIDEIT, Anette  (2011): Zwischen Brei und Blackberry.
Von A wie "Abendtermine" bis Z wie "Zwei-zu-eins-Regel": Unsere Wirtschaftsreporterin hat ein Überlebenshandbuch für berufstätige Mütter geschrieben. Die schönsten Stellen präsentieren wir Ihnen hier,
in:
Welt am Sonntag v. 13.02.

 
   

VOWINKEL, Heike & Eva SUDHOLT (2011): Wir wollen alles!
Seit Wochen wird über Frauen und ihre Rolle diskutiert: Sind sie feige? Brauchen sie eine Quote für Führungsposten? Hier kommen sie selbst zu Wort. Sechs Frauen über Kinder, Kerle und Karriere,
in:
Welt am Sonntag v. 13.02.

 
   

KÄMMERLINGS, Richard  (2011): Das kurze Glück der Gegenwart.
Warum sollen wir eigentlich lesen, was unsere Schriftsteller heute schreiben? Ein Plädoyer für Zeitgenossenschaft,
in:
Welt am Sonntag v. 13.02.

Die WamS bringt einen Vorabdruck des Literaturkritikers Richard KÄMMERLINGS aus der Einleitung zum Buch Das kurze Glück der Gegenwart. KÄMMERLINGS ist ein Generationsgenosse von Volker WEIDERMANN, der mit Lichtjahre vorgemacht hat, wie man eine erfolgreiche Literaturgeschichte als Emphatiker (Hubert WINKELS) schreibt. Wenn Popliteratur die Identität von Person und Werk fordert, dann versteht sich der Empathiker nicht als analytischer Literaturkritiker, sondern als überwältigter Leser. Das liest sich dann folgendermaßen:

"Michel Houellebecqs erster Roman »Ausweitung der Kampfzone«, das halbe Buch meiner kurzen Aufzählung, war ein Schock, ein Schlag vor den Kopf. Als ich das las, war ich fasziniert und konsterniert zugleich: Wie konnte man so brutal, so wissenschaftlich kalt und illusionslos über die Jagd nach Sex, den Konkurrenzkampf in den Nachtklubs, die Gesetze von Angebot und Nachfrage schreiben? Das ganze sogenannte Liebesleben als darwinistischer Überlebenskampf, als Fortsetzung der neoliberalen Ellenbogengesellschaft mit anderen Mitteln? Das Private erschien plötzlich nicht mehr als Gegensatz zum Karrierismus und zum Leistungsdenken, sondern als deren krasseste Form; wer das weiter steigern wollte, der landete bei dem Yuppie als Serienkiller, wie ihn Bret Easton Ellis in »American Psycho« (1995) dargestellt hatte. Houellebecqs verzweifelte und einsame Angestellte waren natürlich sehr Neunziger, und so konnte nur ein heimlicher Romantiker und verkappter Utopist schreiben, der das in Wahrheit furchtbar hasst und eigentlich gern in den Siebzigern gelebt hätte, wenn die Hippies nicht solche Loser gewesen wären."

Mehr bietet der Verlag als Leseprobe (hier als PDF-Datei zum Download)  

 
   

STOLLORZ, Volker (2011): Meine Gene, deine Gene.
Jeder Mensch trägt in seinem Erbgut Fehler. Wenn zwei davon in einer Partnerschaft zusammenkommen, können schwer behinderte Kinder geboren werden. Soll man das testen, noch ehe sie gezeugt werden?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.02.

KASTILAN, Sonja (2011): Warum testen? Wie viele?
Offene Fragen zur PID in Deutschland,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.02.

 
   

KLEMM, Jana & Simone RÖDDER  (2011): "Wir spielen schon lange Gott".
Vor fünfzig Jahren kam in Deutschland die Antibabypille auf den Markt. Heute wäre das nicht mehr möglich, sagt ihr Erfinder, der Chemiker Carl Djerassi,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.02.

 
   

SPRECKELSEN, Tilman  (2011): Mobile Gesellschaft? Ach was.
Ein Atlas zeigt, dass viele deutsche Familien am liebsten dort geblieben sind, wo sie schon im Mittelalter waren,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.02.

 
   

AMANN, Melanie  (2011): Der Biegsame.
Im Porträt - Bert Rürup: Er war der einflussreichste Ökonom im Land. Jetzt gibt er den Unternehmer. Und ist traurig, dass die Deutschen ihn nicht lieben,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.02.

 
   

REICHERT, Martin  (2011): Mund auf, Augen zu.
Kontakt: Lange Zeit galt er als unsittlich, doch heute ist er fast aus dem öffentlichen Raum verschwunden: der gute, tiefe Zungenkuss ,
in:
TAZ v. 12.02.

 
   

Kann man ohne Sex gut leben?
Begehren: Wer keinen Sex hat, gilt in einer Gesellschaft voller Porno-Chic und Stellungstipps schnell als Loser. Dabei fühlen sich manche auch ganz ohne wohl

GOLDSTEIN, Martin/DAHLKE, Frank/JAEGGI, Eva/TAPKEN, Sigrid  (2011): Ja,
in:
TAZ v. 12.02.

SCHIRPENBACH, Meik/WICHERS, Renate/FENSCH, Martin/SUNDERMEIER, Katja (2011): Nein,
in:
TAZ v. 12.02.

 
   

RATH, Christian  (2011): Geschiedene Frauen finanziell gestärkt.
Bundesverfassungsgericht: Neue Heirat nach Scheidung kann Unterhaltspflicht des Exmannes nicht verringern. BGH-Urteil kassiert,
in:
TAZ v. 12.02.

PRANTL, Heribert  (2011): Vom Wert der alten und der neuen Ehe.
Unterhalt nach der Scheidung: Das Bundesverfassungsgericht erklärt die neuere Rechtsprechung der Familiengerichte für verfassungswidrig,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 12.02.

 
   

SEIBT, Gustav  (2011): Du bist nicht allein.
Ach was, Grenzen: Über das neue eiserne Zeitalter in der Pädagogik und eine einfache Wahrheit der Erziehung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 12.02.

Gustav SEIBT blickt von Schöneberg aus auf den Prenzlauer Berg und entdeckt dort "Kinderfaschismus":

"In Prenzlauer Berg, dem mittlerweise kinderreichsten Wohngebiet Mitteleuropas, laufen die Kleinen ja nicht uniformiert in Dreierreihen über die Bürgersteige. Ganz im Gegenteil. Hier haben die Kinder das Regime im öffentlichen Raum übernommen. Die Gastronomie hat sich, unterstützt von der Anti-Raucher-Gesetzgebung, auf junge Frauen umgestellt. Wo früher Clubs dröhnten, pochen nun junge Eltern, die ihre Säuglinge mühsam zum Schlafen bringen, auf die polizeilich vorgeschriebenen Ruhezeiten, Fahrradfahrer müssen vor den Buggy-Fronten, die sich über die Gehwege schieben, bitte unverzüglich bremsen."     

 
   

SCHWARZ, Franziska  (2011): Digitale Inventur.
Warum man für seine Netz-Existenz einen Nachlassverwalter haben sollte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 12.02.

 
   

KERMANI, Navid  (2011): "Rom, Blicke" zu Ende gelesen.
Eine Wiederbegegnung mit Rolf Dieter Brinkmann in der Römer Villa Massimo,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 12.02.

 
   

Was braucht die Familie?
Wie Staat und Gesellschaft ihren wertvollsten Kleinunternehmen helfen müssen. Und wo sie sich bitte raushalten sollten

NIEJAHR, Elisabeth  (2011): Mit der großen Gießkanne.
Ob Oberschicht oder Unterklasse, alleinerziehend oder zu zweit, mit Job oder ohne Job: Der deutsche Sozialstaat hilft fast jeder Familie - und damit keiner richtig,
in:
Die ZEIT Nr.7 v. 10.02.

Elisabeth NIEJAHR beschwört die Komplexität der Familienleistungen - also das passende Gegenstück zu Jens JESSENs beschworener Familienkomplexität.

"Die Förderei ist so unübersichtlich, dass kein seriöser Wissenschaftler berechnen mag, welche soziale Gruppe wie stark profitiert",

klagt NIEJAHR. Sie verschweigt aber, dass Transparenz gar nicht gewünscht ist, denn dann hätte die ZEIT selber ein gravierendes Problem. Sie müsste dann ihre eigene Klientelpolitik transparent machen, die von der oberflächlich beschworenen Familienkomplexität nichts wissen will.
            
Die mediale Konstruktion der Problembeispiele in dem Beitrag folgt einer impliziten Klientelpolitik, d.h. der Förderung der akademischen Doppelkarrierefamilie. Dazu wird u. a. das mittelschichtorientierte Ehegattensplitting attackiert:

"zwanzig Milliarden kostet das Ehegattensplitting, das große Steuervorteile für Familien bietet, in denen nur ein Ehepartner berufstätig ist. Der maximale Vorteil liegt laut Bundesfinanzministerium bei 15.694 Euro pro Jahr. Ein Drittel der Splitting-Vorteile geht an kinderlose Ehepaare und an solche, deren Nachwuchs nicht mehr im Haushalt lebt. »Im Interesse der Kinder müssten wir junge Eltern stärker fördern als alte, aber das Splitting wirkt eher in die andere Richtung«, kritisiert der Familiensoziologe Hans Bertram."

Eng verbunden mit dieser Subventionierung der Ehe  statt der jungen Familie - unverheiratet oder verheiratet - ist der abgeleitete Anspruch auf Hinterbliebenenrente, den sich Rentnerpaare erhalten wollen:

"Und oft reagieren sie darauf, wie Menschen es schon immer getan haben: Sie richten sich ein und versuchen das Beste herauszuholen – auf Kosten des Gemeinwohls.
            So trägt die Familienpolitik sogar dazu bei, dass Paare ganz rational entscheiden, nicht zu heiraten. Heide Wolff ist ein Beispiel dafür. (...). Wolff und ihr Freund leben in benachbarten Wohnungen mit kleiner Verbindungstür. Seit zwanzig Jahren sind sie ein Paar.
            (...) Beide hatten Ehepartner, die gestorben sind, und bekommen deshalb Hinterbliebenenrenten. Im Fall einer neuen Ehe würden diese Ansprüche entfallen, und das Paar hätte monatlich viel weniger Geld.
"

"Wilde Rentnerehe" nennt NIEJAHR das, obwohl es dafür einen Begriff gibt, der fast so alt ist wie die alte Bundesrepublik: Onkelehe. Diese Praxis schien Ende der 1950er im Sterben zu liegen, wie Regina BOHNE in ihrem 1960 erschienen Buch Das Geschick der zwei Millionen schreibt:

"In der Tat war ja die »Onkelehe« bis vor kurzer Zeit ein heftig diskutiertes Problem im Zusammenhang mit der Rentenregelung. In den ersten Nachkriegsjahren stand die »Onkelehe« in hoher Blüte; heute liegt sie weithin im Sterben. Die günstigere Regelung für die Kriegerwitwe, die eine zweite Ehe schließen möchte (sie erhält heute den fünffachen Jahresbetrag ihrer Sozialrente ausbezahlt), dürfte hierfür entscheidend ins Gewicht fallen. Der nächst wichtige Grund ist immaterieller Art: die herangewachsenen Kinder mit ihren Problemen schärfen das Verantwortungsbewußtsein der Mutter.
Das Modell einer »Onkelehe«, wie sie vielfach ausgesehen haben mag, hat der Dichter Heinrich Böll in seinem Roman »Haus ohne Hüter« in einer exemplarisch deutlichen Sprache geschildert." (1960, S.165f.)

Wir erleben also im Zeichen der Skandalisierung der kinderlosen Ehe die Rückkehr der Onkelehe - nur mit anderen Vorzeichen. Konnte die Kriegerwitwe/Trümmerfrau noch auf politisches Verständnis hoffen, so gilt das wilde Rentnerehepaar nun als Trittbrettfahrer einer verfehlten Familienpolitik.
            
Wer verstärkt Akademikerkinder fördern möchte, dem sind die bildungsfernen Hartz-IV-Empfänger natürlich ein Dorn im Auge. Passend dazu wird deshalb der Missbrauch der sozialstaatlichen Leistungen durch die Auflösung von Paarhaushalten angeprangert:

"Immer wieder ziehen Paare auseinander, weil ihnen die Unterstützung angenehmer ist als die vom Partner".

Die Lösung, die angeblich vor Missbräuchen schützen soll: eine Grundsicherung für Kinder. Der Pferdefuß ist aber: das mittelschichtorientierte Ehegattensplitting und das Kindergeld lässt sich nicht abschaffen, sondern nur verringern. Der Kampf um die Art des Splittingverfahrens bleibt weiterhin auf der Agenda.  Hinzu kommt: Grundsicherung ist nicht gleich Grundsicherung:

"Die Oppositionsparteien wollen die Grundsicherung in verschiedenen Varianten, die meisten Familienverbände auch".

Mit der Grundsicherung für Kinder ist also keine wirklich transparente Lösung verbunden, sondern die Verschleierung der Klientelpolitik geht lediglich neue Wege. Warum sollte sich das Problem Familienpolitik auch erledigen, wenn doch der dahinter stehende Interessenkonflikt, d.h. der Kampf von Eltern gegen Eltern um die Bevorzugung der eigenen Familienform unverändert bleibt? Leider gibt weder der Artikel von NIEJAHR noch jener von JESSEN eine Antwort darauf. 

JESSEN, Jens  (2011): Zwischen Liebe und Propaganda.
Politik und Medien bestimmen das Bild von der Familie mehr als Eltern und Kinder selbst - oft aus Eigeninteresse,
in:
Die ZEIT Nr.7 v. 10.02.

Jens JESSEN beschwört die gesellschaftliche Komplexität der Familie, um diese der Vereinnahmung durch Politik und Medien gegenüberzustellen. Das alles hatte nur das eine Ziel, Familienpolitik zu formulieren, wie die ZEIT sie sich wünscht:

"Der Familie, wie auch immer sie sich gerade zusammensetzt, so wenig wie finanzielle Schwierigkeiten wie möglich zu machen ist noch das Beste, was sich von der Politik fordern lässt."

Für die Konkretisierung dieser allgemein gehaltenen ZEIT-Familienpolitik ist dagegen Elisabeth NIEJAHR zuständig.

MÜNCHHAUSEN, Anna von (2011): Jeden Monat Kassensturz.
Ein Unternehmensberater untersucht den Tageslauf der Frankfurter Familie Heckmanns/Neus. Ergebnis: Sie entscheidet ökonomisch richtig,
in:
Die ZEIT Nr.7 v. 10.02.

 
   

HERRMANN, Ulrike  (2011): Arm, ärmer, Langzeitarbeitsloser.
Kastensystem: Auch in den untersten sozialen Schichten gibt es eine subtile Hierarchie. Die Hartz-IV-Verhandlungen haben mal wieder gezeigt, wie sehr die Politiker dies ausspielen,
in:
TAZ v. 10.02.

"Ganz unten ist nicht ganz unten. Selbst für die sozialen Verlierer gilt noch eine subtile Hierarchie. Leiharbeiter sind besser als Hartz-IV-Empfänger, Niedriglöhner besser als Aufstocker - und arme Kinder laufen außer Konkurrenz",

meint Ulrike HERRMANN zur parteipolitischen Armuts-Rangfolge in Deutschland     

 
   

HAARHOFF, Heike  (2011): Still, kostendämpfend, weiblich.
Pflege: Der Sozialverband VdK will pflegende Angehörige finanziell besserstellen. Gesundheitsminister Rösler: Anrechnung der Pflege- auf die Rentenzeiten "diskutieren",
in:
TAZ v. 10.02.

 
   

DELIUS, Mara  (2011): Die Frechheit der Frauen.
Wie die amerikanische Komikerin Tina Fey die Debatte um Frauen, Kinder und Karriere belebt,
in:
Welt v. 10.02.

 
   

GEBHARDT, Richard  (2011): Die Zahlen des Schöpfers.
Thilo Sarrazin und die Statistik,
in:
Jungle World Nr.6 v. 10.02.

 
       
 

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Bernds@single-dasein.de Stand: 27. Juni 2011