Die "Populärwissenschaft hat die Schüchternheit als erfolgreiches Thema entdeckt - und zwar nicht mehr nur im klassischen Ratgeberformat, das Schüchterne Techniken lehrt, die nächste Party oder den Betriebsausflug zu überleben. Vielmehr findet nun eine Neucodierung von Schüchternheit als soziale und ökonomische Qualität statt. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist Susan Cains (...) Bestseller Quiet; in Deutschland mag man an Florian Werners literarische Verteidigung der Schüchternheit denken. (...).
Der Schüchterne ist nun nicht nur ein potentieller und leidender Künstler, sondern er gilt in vielen Fällen sogar als der bessere Unternehmer, Manager und Erfinder. (...). Diese Heroisierung des Introvertierten geht allerdings mit einer recht problematischen Aufspaltung zwischen dem Introvertierten und dem Schüchternen einher: Der nun hochgeschätzte Introvertierte verzichtet aus eigenem Willen auf soziale Geselligkeit, während der Schüchterne von sozialer Angst getrieben und nicht mehr Herr seines Gemeinschaftswillen ist. Nur der willensstarke Introvertierte taugt zum Helden; der Schüchterne dagegen wird einmal mehr zur tragischen Figur, möchte er doch am Gemeinschaftsleben teilhaben, wird aber von seinen Ängsten davon abgehalten."