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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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News 1-5/2017
News 2000-2016

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom Oktober 2017: [07.10.] [08.10.] [09.10.] [10.10.] [11.10.] [12.10.] [13.10.] [14.10.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Altersdiskriminierung ist ein weltweites Problem

"Mit Blick auf die altersbezogenen Agenden von OECD, Welthandelsorganisation, Weltbank, IWF und EU kritisiert der Gerontologe Anton Amann: Die Alterung gilt als gefährliche Bürde für den Sozialstaat; sie gefährde die Produktivität des Wirtschaftsstandortes; Eigenvorsorge und individuelle Verantwortung seien zu forcieren; Pensionssysteme seien in profitable Pensionsfonds umzubauen. Unter dem ausgegebenen Label der Aktivierung wirken hier Konstruktionen fort, die Alter(n) als Problem definieren.
Hier ist der Anschluss an gängige Altersdiskriminierungen möglich. Alte wurden seit jeher als nutzlos stigmatisiert und diskriminiert. Heute wird den Alten die Verantwortung für ihre Bedarfe zugeschrieben, weil sie mangels gesunder Lebensführung und finanzieller Vorsorge allein verantwortlich für ihre Probleme seien. Im neueren Ageismus werden Alterserscheinungen als Resultat nachlässiger Lebensführung stigmatisiert. Das Leitbild ist und bleibt der junge, leistungsstarke Mensch."
(Winfried Rust "Gepriesen und vernachlässigt" in der Zeitschrift iz3w, September/Oktober 2017, S.19)

 
       
       
   

14.10.2017

 
       
   

HARDENBERG, Nina (2017): Wohl geboren.
Wenn Kreißsäle schließen, schreien alle auf. Zu Unrecht. Mit weniger Klinken ginge es Kind und Mutter vielleicht sogar besser,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.10.

"Deutschland gibt mit 11,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Geld für sein Gesundheitssystem aus als der Schnitt der EU-Staaten, dort sind es 9,9 Prozent. Deutschland hat im westeuropäischen Vergleich auch viel mehr Kliniken, nämlich knapp 2.000, und innerhalb der EU die meisten Klinikbetten, nämlich 8,2 pro 1000 Einwohner, in der EU sind es durchschnittlich 5,2 Betten",

leiert Nina HARDENBERG Zahlen herunten. Stutzig machen muss jedoch, wenn plötzlich der Vergleichsmaßstab geändert wird. Warum nennt HARDENBERG zweimal EU-Zahlen und einmal aber nur "Westeuropa"? Das legt den Verdacht nahe, dass die osteuropäischen Zahlen nicht ins neoliberale Bild passen, das uns HARDENBERG präsentiert.

Das gerade erschienene Statistische Jahrbuch 2017 widmet dem Gesundheitssystem im internationalen Vergleich gerade einmal zwei Seiten. Die 8,2 Klinikbetten stammen aus den Jahren 2009-2010. Einen Anteil von 11,1 Prozent des BIP findet sich in keiner Tabelle. Für das Jahr 2015 wird ein Wert von 11,3 Prozent angegeben. Die Datenbank von Eurostat weist dagegen für Deutschland einen Wert von 11,15 Prozent aus. Schweden, das von HARDENBERG als Vorbild bei den Geburten gepriesen wird, liegt mit 11 % nur knapp darunter:

"Schweden hat mit vergleichsweise wenigen Häusern proportional weniger Kaiserschnitte, die ein zusätzliches Risiko darstellten können, und eine geringere Müttersterblichkeit. (...).
Auch in Schweden gibt es weite Landstriche ohne einen einzigen Kreißsaal. Die schwangeren Frauen werden im Zweifel mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht".

Wenn HARDENBERG die angeblich hohen Kosten anprangert, dann rücken folgende das Bild zurecht:

"Die höchsten laufenden Gesundheitsausgaben in Euro im Verhältnis zur Bevölkerungszahl verzeichneten 2014 unter den EU-Mitgliedstaaten Schweden (5000 EUR je Einwohner) und Luxemburg (5600 EUR je Einwohner)",

heißt es auf der Website von EUROSTAT (Stand: 22.10.2017). Die deutschen Ausgaben liegen dagegen mit 4.065 Euro im Jahr 2014 (Stand: 22.20.2017) weit darunter. Es liegt also offenbar am falschen Vergleichsmaßstab, der von HARDENBERG angelegt wird. Die scheinbare Überlegenheit des schwedischen Gesundheitssystem ergibt sich aus der selektiven Darstellung von Indikatoren.

 
       
   

WITTMANN, Martin (2017): Lenjas Welt.
Buch zwei: Die Ehe für alle ist da. Homosexuelle dürfen heiraten, und sie dürfen Kinder adoptieren. Aber damit beginnt nicht die Zeit ungewöhnlicher Elternschaften - die gibt es längst. Die Geschichte einer bunten Familie,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.10.

"Petra, damals 40, und Daniel, 45, eint zu diesem Zeitpunkt nichts außer dem Baby. Keine Beziehung zueinander, keine Liebe füreinander. Sie haben keine gemeinsame Wohnung, führen kein gemeinsames Konto. Das erste Mal begegnet waren sie einander erst im Jahr davor. Der Ort, an dem sie sich getroffen hatten, heißt www.spermaspender.de.",

beschreibt Martin WITTMANN die Familienkonstellation, die schon seit längerem durch die Mainstreammedien gereicht wird, die ja immer auf der Suche nach DER Sensation ist. In der Popsoziologie spricht man dann von "Gesellschaft der Singularitäten" (sozusagen die Steigerungsform der Individualisierung). Der Begriff "Single-Gesellschaft" hat sein einstiges Empörungspotenzial eingebüsst, den er noch in der 68er-Generation hatte. Seitdem beherrscht die Soziologie eine Inflation von Gesellschaftsbegriffen, um auf dem Buchmarkt überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Single-Gesellschaft stand einstmals für den Gegensatz zur traditionellen Familie. In Zeiten der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme galten Singles als Inbegriff der Kinderlosigkeit. Die Familienkonstellation, die WITTMANN beschreibt, könnte man auch als Familienideal der Single-Gesellschaft bezeichnen.   

 
       
   

CLAUß, Anna/EBERLE, Lukas/FRIEDMAN, Jan (2017): Ministerium für Gefühle.
Landleben: Unionspolitiker fordern ein Heimatressort auf Bundesebene. Als Geheimwaffe gegen die Wut besorgter Bürger wird es aber kaum taugen,
in:
Spiegel Nr.42 v. 14.10.

CLAUß/EBERELE/FRIEDMAN beschreiben den Siegeszug des Heimatministeriums in CDU/CSU und des Heimatbegriffs bei den Grünen. Bayern wird uns als Beispiel für die Wirkungslosigkeit eines solchen Ministeriums präsentiert, da dort unter dem Heimatminister Markus SÖDER die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen in Westdeutschland erhielt.

"Der »demografische Turnaround« sei Bayern nachweislich gelungen, vermeldet er stolz. »Der ländliche Raum wächst«, lautet die frohe Botschaft des Heimatberichts 2016.
Wer den liest, stellt fest, dass zwar immer noch mehr Bayern sterben als geboren werden, dass aber der Wanderungssaldo in vielen strukturschwachen Regionen positiv war. Es kamen also mehr Menschen nach Oberfranken oder in die Oberpfalz, als sie verlassen haben. In einigen Regionen gab es sogar Einwohnerrekorde.
Allerdings wurde die Landflucht im vergangenen Jahr weder durch Söders Förderbescheidisierung des Freistaats gestoppt noch durch die vielfältigen Fotowettbewerbe und Mitmach-Aktionen der Jungbauernschaft.
Die meisten der Neubayern im ländlichen Raum kommen aus dem Ausland. Viele davon sind Asylbewerber",

halten CLAUß/EBERELE/FRIEDMAN dem angefeindeten SÖDER, der als neuer starker Mann in Bayern gefürchtet wird, genüsslich vor.   

 
       
   

MEDICK, Veit (2017): Macht der zweiten Reihe.
SPD: Der exzentrische Haushälter Johannes Kahrs opponiert geschickt gegen die Parteispitze. Fraktionschefin Andrea Nahles hat ihren ersten Problemfall,
in:
Spiegel Nr.42 v. 14.10.

Veit MEDICK porträtiert den Haushaltspolitiker Johannes KAHRS, den Chef des rechten Seeheimer Kreises, der gegen alle opponiert, die nicht zum harten Kern der Seeheimer gehören. Für die Seeheimer gelten alle als links, die nicht zu ihnen gehören. MEDICK beschreibt wie KAHRS seine parteiinternen Gegner domestiziert:

"In seinem Wahlkreis wirbt er mehr Neumitglieder als die meisten anderen Parteifreunde. Und als oberster Haushälter hat er die Möglichkeit, Fraktionskollegen zu beschenken oder zu bestrafen. Hier ein Zuschuss für ein Museum, dort ein bisschen Geld für ein Denkmal - oder ben auch nicht. Kurzum: Wer sich mit ihm anlegt, überlegt sich das gut."

Im Wahlkreis 018 Hamburg-Mitte erhielt KAHRS bei der Bundestagswahl nur 30,9 % der Erststimmen, ein Absturz von 8,3 %.

"Der linke Flügel ist in der neuen Mannschaft die größte Strömung, mit den Pragmatikern vom Netzwerk könnten sie den Seeheimer zurechtstutzen. (...). Vor vier Jahren trat Bettina Hagedorn vom linken Flügel gegen Kahrs an und verlor das Votum nur knapp. Auch Kahrs weiß das noch
Und er hat vorgesorgt. Dem Vernehmen nach hat Kahrs mit Hagedorn bereits einen Deal geschlossen: Er hilft ihr, Chefin des Haushaltsausschusses zu werden. Sie stützt ihn dafür bei der Wiederwahl zum Sprecher",

berichtet MEDICK über den Schachzug von KAHRS, mit dem er seine Machtstellung behaupten will. Die Netzwerker stehen jedoch eher dem Seeheimer Kreis als den Linken nahe, was bei MEDICK unerwähnt bleibt. Bekanntlich haben die Netzwerker den Agenda-Kurs der SPD mitgetragen.   

 
       
   

KROHN, Philipp (2017): Die neue Lebensversicherungswelt ist intransparent.
Mit neuen Garantiekonzepten fordert die Branche Kunden heraus. Oft wird aber weiterhin im Kollektiv gespart,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.10.

"Doch bei allen schönen Namen und neuen Konzepte bleiben alle Produkte, die eine Garantie beinhalten - also zum Beispiel einen Bruttobeitragserhalt oder eine Auszahlung von 80 Prozent aller Beiträge - , zum Teil Lebensversicherungen mit einem traditionellen Deckungsstock. Das bedeutet, dass Geld der Versicherten in einem Topf angelegt wird, der dem Kollektiv gehört und in dem Kapitalmarktschwankungen über die Zeit ausgeglichen werden können",

erzählt uns Philipp KROHN. Aus diesem Grund seien die jährlichen Informationsblätter der Versicherer wichtig. Der aktuelle Vorsorgeatlas 2017 zeigt jedoch: Die private Altersvorsorge der Schicht 2, zu denen diese Produkte gehören, ist in der Krise. Da hilft keine Schönfärberei wie sie KROHN versucht!

HOCK, Martin (2017): Preisbrecher bei Rentenversicherung mit Fonds.
Fondsgebundene Rentenversicherungen gelten als zu teuer für die Altersvorsorge. Doch mittlerweile gibt es konkurrenzfähige Angebote,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.10.

 
       
   

WIEDUWILT, Hendrik (2017): Werden Pensionszusagen billiger?
Karlsruhe prüft Steuerrecht - es geht um Milliarden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.10.

 
       
   

BINGENER, Reinhard (2017): Hie SPD, hie CDU.
Im Norden von Niedersachsen gibt es eine imaginäre Kulturgrenze. Im Emsland auf der einen Seite wählen die meisten Leute schon immer die CDU, in Ostfriesland auf der anderen Seite schon immer die SPD,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.10.

"Ganz oben links auf der Landkarte, im äußersten Nordwesten Deutschlands, verläuft eine bemerkenswerte Grenze. Auf der einen Seite der Grenze (...) wählen (sie) die CDU. Auf der anderen Seite (...) wählen (sie) die SPD.
Bei der Bundestagswahl vor drei Wochen trat dieses Phänomen so deutlich wie noch nie zutage: Die Sozialdemokraten erzielten bei der Wahl mit 37,8 Prozent der Erststimmen ihr bundesweit bestes Ergebnis in Aurich-Emden. Der Wahlkreis im Nordwesten Niedersachsens löste damit die angeblichen Herzkammern der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet ab (...). Das beste Wahlergebnis fuhr die Union mit 53,1 Prozent wie schon 2013 im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta ein. Der liegt von der großen SPD-Hochburg Aurich-Emden nur wenige Kilometer entfernt",

berichtet Reinhard BINGENER, der die Erst- und Zweitstimmenergebnisse der SPD vertauschte, denn im Wahlkreis 024 Aurich-Emden erhielt die SPD 49,6 % der Erststimmen. Auch beim CDU-Ergebnis im Wahlkreis 032 Cloppenburg-Vechta handelt es sich um das Zweitstimmenergebnis.

BINGENERs Artikel stellt die SPD-Direktkandidatin Johanne MODDER im Landtagswahlkreis 84 Leer/Borkum und den CDU-Direktkandidaten Bernd BUSEMANN im Landtagswahlkreis 82 Papenburg in den Vordergrund. Die besten fünf Zweitstimmenergebnisse der Landtagswahl für SPD und CDU sind aus der folgenden Übersicht zu ersehen:

Wahlkreis Beste SPD-Ergebnisse
Emden/Norden (085) 49,4 %
Leer/Borkum (O84) 48,7 %
Aurich (086) 47,4 %
Salzgitter (011) 45,6 %
Wolfenbüttel-Süd/Salzgitter (010) 44,9 %
Wahlkreis Beste CDU-Ergebnisse
Vechta (068) 57,5 %
Cloppenburg (067) 57,4 %
Meppen (081) 55,5 %
Pappenburg (082) 55,2 %
Lingen (080) 53,8 %
 
       
   

13.10.2017

 
       
   

DELHAES, Daniel/NEUERER, D./SPECHT, Frank (2017): Suche nach dem Rentenkonzept.
Sozialpolitik: Mütterrente, Mindestrente, Deutschlandrente? CDU und CSU suchen eine gemeinsame Linie,
in:
Handelsblatt v. 13.10.

Im Vorfeld der Sondierungsgespräche versucht der CDU-Wirtschaftsrat und die CDU-Mittelstandsvereinigung Einfluss auf das Rentenkonzept zu nehmen. DELHAES/NEUERER/SPECHT bringen deshalb die Deutschlandrente ins Spiel, denn alles was die private Altersvorsorge stärkt, schwächt die gesetzliche Rente und das ist das Hauptziel neoliberaler Rentenpolitik. 

 
       
   

SCHNELL, Christian (2017): Was tun mit der Police?
Kündigen, stillegen, verkaufen oder beleihen? Wer mit seiner Lebensversicherung nicht mehr zufrieden ist, hat unterschiedliche Möglichkeiten,
in:
Handelsblatt v. 13.10.

Christian SCHNELL knüpft an seinen Artikel von vorgestern an, in dem er die Verbraucherzentrale angesichts des drohenden Verkaufs von Altbeständen an Abwicklungsplattformen, folgendermaßen zitierte:

"Wer mit der Entwicklung seiner Lebensversicherung (...) unzufrieden ist, könne überlegen, ob er fortfährt wie bisher. Oder ob er seinen Vertrag stilllegt, kündigt oder verkauft. Diese Varianten stehen dem Kunden offen".

SCHNELL fügt dem nur eine weitere Variante hinzu: Die Beleihung, was zu dem Thema nicht unbedingt passend ist.

 
       
   

12.10.2017

 
       
   

SCHWENN, Kerstin (2017): Rente mit 63 weiter sehr beliebt.
Rentenversicherer entwickeln übergreifende Information,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.10.

Kerstin SCHWENN schreibt von einer "abschlagfreien Rente mit 63" obwohl das falsch ist, denn diese gab es nur für die vor 1953 Geborenen. Der Jahrgang 1954 muss dagegen bereits 4 Monate länger arbeiten  und der Jahrgang 1958 kann sogar erst mit 64 Jahren in Rente gehen. Die Jahrgänge ab 1964 müssen bis 65 Jahre arbeiten, um abschlagfrei in Rente gehen zu können. Und für alle Jahrgänge gilt: Sie müssen mindestens 45 Beitragsjahre zusammen haben, was die meisten Erwerbstätigen nicht erreichen. Nichts davon lesen wir bei SCHWENN. Dort heißt es lediglich:

"Bis Ende August zählten die Rentenversicherer rund 160.000 Anträge (...). Das sind kaum weniger als vor einem Jahr. Ingesamt hatten im vergangenen Jahr 240.000 Arbeitnehmer eine Rente mit 63 beantragt."

Diese Zahlen sind jedoch nicht aussagekräftig, wenn unbekannt ist, wie viel Prozent der Neurentner das sind.

In der Publikation Rentenversicherung in Zahlen 2017 werden für das Jahr 2016 783.718 Neuzugänge bei den Altersrenten ausgewiesen (vgl. 2017 S.60). Davon entfallen 225.290 auf Renten für besonders langjährig Versicherte (Frauen: 99.234; Männer: 126.056; vgl. 2017 S.59 und 61). Wer einen Antrag stellt, geht also noch lange nicht abschlagsfrei mit 63 Jahren in Rente. Im Jahr 2015 gingen noch 274.287 Männer und Frauen abschlagfrei in Rente (vgl. Rentenversicherung in Zeitreihen 10/2016, S.62).     

 
       
   

Das Single-Dasein in Japan

KÖLLING, Martin (2017): Angst vor dem Wähler.
Vorgezogene Neuwahlen sind in Japan eigentlich normal, besonders unter Regierungschef Shinzo Abe. Aber dieses Mal ist alles anders. Denn eine Anti-Abe-Partei könnte den Reformer stürzen - mit weitreichenden Folgen für die Wirtschaftspolitik und die Finanzmärkte,
in:
Handelsblatt v. 12.10.

 
       
   

11.10.2017

 
       
   

STOCKER, Frank (2017): Die neuen Abgehängten.
Der "Vorsorgeatlas" offenbart mit einem Nord-Süd-Gefälle ein neues Rentenproblem,
in:
Welt v. 11.10.

Frank STOCKER trommelt für die private Altersvorsorge. Der Beamte Bernd RAFFELHÜSCHEN hat im Auftrag eines Finanzdienstleisters einen "Vorsorgeatlas" erstellt, der die Profite der Finanzdienstleisters steigern soll und STOCKER ist sein williger Helfer.

Das Vorgehen ist insbesondere deswegen fragwürdig, weil die Rentenanwartschaften bis 2060 vorausberechnet wurden, obwohl eine solche Prognose nichts als Kaffeesatzleserei ist. Die Annahmen der Prognose werden - im Gegensatz zu seriösen Vorausberechnungen - zudem verschwiegen. Der Atlas spart nicht an bunten Bildchen, was darüber hinwegtäuschen soll, dass die Daten alles andere als gehaltvoll sind.

ZYDRA, Markus (2017): Generation Sorglos.
Studie: Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt der Grundpfeiler für die Altersvorsorge der Deutschen. Ohne zusätzliche Privatvorsorge droht allerdings die Altersarmut - gerade für die jüngeren Generationen. Doch die kümmert das nicht so recht,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 11.10.

NARAT, Ingo (2017): Rentenlücke mit Ansage.
Altersvorsorge: Die junge Generation muss die gesetzliche Rente ergänzen. Der beste Tipp: Kluges Sparen,
in:
Handelsblatt v. 11.10.

KROHN, Philipp (2017): Zusammenspiel aus Gesetzlich und Privat funktioniert.
Die Ansprüche aus allen drei Vorsorgeschichten genügen durchschnittlich für einen stabilen Lebensabend,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.10.

Philipp KROHN verdummt uns mit der Ideologie des Generationenvertrag, um die Einschnitte in das Rentensystem zu rechtfertigen, wenn er den neoliberalen Beamten Bernd RAFFELHÜSCHEN zitiert:

"Der Nachhaltigkeitsfaktor ist so gestaltet, dass die Generation, die in Rente geht, darauf geprüft wird, ob sie viele oder wenige Kinder in die Welt gesetzt hat".

Das ist purer Nonsens, denn den Nachhaltigkeitsfaktor interessiert die Zahl der Kinder, die in Deutschland geboren werden, nicht im geringsten, sondern nur das Verhältnis zwischen Erwerbstätigenzahl und Rentenempfängern und die Lohnentwicklung. Dieses ist jedoch in erster Linie von der Arbeitsmarktlage abhängig. Die Alterssicherung ist deshalb ein Gesellschaftsvertrag und kein Generationenvertrag wie uns das RAFFELHÜSCHEN und seine willigen Helfer in den Medien darstellen.

Zudem soll angeblich der Lebensstandard gesichert sein, wenn die Rente 60 Prozent des letzten Bruttoeinkommens beträgt. Auch das ist Nonsens, wie uns Markus ZYDRA in der SZ erklärt:

"Geringverdiener mit einem Einkommen von weniger als 1.100 Euro brutto kommen im Ruhestand den Berechnungen zufolge zwar auf rund 70 Prozent des letzten Gehaltes. Sie erhalten im Schnitt aber nur 679 Euro monatlich und liegen damit dann unterhalb der Armutsgrenze."

Das Zusammenspiel von Gesetzlich und Privat funktioniert? Das muss man als Zynismus bezeichnen, denn dazu reicht es die Aussagen des Vorsorgeatlas 2017 mit dem des Jahres 2013 zu vergleichen (vgl. 2013; 2017 S.14):

  Vorsorgeatlas 2013 Vorsorgeatlas 2017
Anspruch aus Schicht 1
(z.B. gesetzlicher Rente)
43,3 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
48,9 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
Anspruch aus Schicht 2
(z.B. betriebliche Altersvorsorge oder Riester-Rente)
16,6 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
12,9 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
Anspruch aus Schicht 3
(z.B. Vermögen oder Immobilien)
17,5 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
20,8 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
Gesamtansprüche 77,4 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens
82,6 Prozent des letzten
Bruttoeinkommens

Das Zusammenspiel funktioniert also nicht wegen der privaten Altersvorsorge, sondern TROTZ der privaten Altersvorsorge - wenn überhaupt! Die gesetzliche Rente hat im Grunde die Verluste bei der privaten Altersvorsorge kompensiert. Da es sich hier um Durchschnittswerte handelt, wird das Problem der Altersarmut einfach weggerechnet.

Wie realistisch sind eigentlich die Annahmen zum Rentenwert West/Ost? Das lässt sich z.B. anhand der Annahme des Vorsorgeatlas 2009 mit dem tatsächlichen Rentenwert des Jahres 2017 feststellen:

  aktueller Rentenwert (West) aktueller Rentenwert (Ost)
Prognose Vorsorgeatlas 2009
(vgl. 2009, S.3)
25,10 Euro 22,83 Euro
tatsächlicher Rentenwert 2017 31,03 Euro 29,69 Euro

Es zeigt sich, dass die Annahmen des Vorsorgeatlas 2009 wenig gemein haben mit der tatsächlichen Entwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung.   

 
       
   

SCHNELL, Christian (2017): Aufruhr bei den Versicherten.
Auf die Ankündigung großer Unternehmen wie Ergo, Axa oder Generali, ihre alten Lebensversicherungen verkaufen zu wollen, reagieren Kunden besorgt. Grund zur Panik gibt es aber nicht,
in:
Handelsblatt v. 11.10.

Christian SCHNELL folgt dem Tenor der Verbraucherzentrale, die angesichts des Abstoßens von unlukrativen Altbeständen großer Lebensversicherer, abwiegelt (siehe auch FR vom 04.10.).

"Wer mit der Entwicklung seiner Lebensversicherung (...) unzufrieden ist, könne überlegen, ob er fortfährt wie bisher. Oder ob er seinen Vertrag stilllegt, kündigt oder verkauft. Diese Varianten stehen dem Kunden offen",

lautet das Motto bei der Verbraucherzentrale. Für SCHNELL steht die Debatte erst am Anfang.

SCHNELL, Christian (2017): "Auf Punkt und Komma".
Heinz-Peter Roß: Der Chef der Viridium-Gruppe verspricht Vertragstreue bis zum Ende der Laufzeit,
in:
Handelsblatt v. 11.10.

Christian SCHNELL lässt noch einen Manager der Abwicklungsplattform Viridium zu Wort kommen, der nichts anderes macht als die Unternehmensinteressen zu vertreten. Das müsste eigentlich als Werbung deklariert werden, aber nicht als Aufklärung!

SCHNELL, Christian (2017): Branche am Wendepunkt.
Kommentar: Der Verkauf von Lebensversicherungen muss so sorgsam erfolgen wie bisher,
in:
Handelsblatt v. 11.10.

"Die Branche steht (...) an einem ganz entscheidenden Punkt. Ab sofort blicken Politik, Verbraucherverbände und letztlich die breite Öffentlichkeit ganz genau hin. Läuft eine Übernahme schief, (...) dann ist das Geschäftsmodell Run-off ganz schnell eine Gefahr für das Massenprodukt Lebensversicherung", meint Christian SCHNELL.

 
       
   

SCHLOEMANN, Johan (2017): Zerreißprobe.
Die Jagd der neuen Rechten nach Diskurshoheit hat jetzt auch einen großen intellektuellen Achtundsechziger erreicht - in seiner eigenen Ehe,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 11.10.

 
       
   

Die Gebietsreform in Brandenburg in der Debatte

NEIßE, Wilfried (2017): Kreisreform mit Wackelkandidaten:
Linksfraktionschef: Ohne eigene Mehrheit von Rot-Rot wird nichts aus dem Neuzuschnitt,
in:
Neues Deutschland v. 11.10.

Wilfried NEIßE berichtet über den zunehmenden Widerstand innerhalb der SPD gegen die Kreisreform. Ralf CHRISTOFFERS, Fraktionschef der Linkspartei wird von NEIßE als Befürworter der Kreisreform zitiert.

"Aus seiner Sicht sei die Annahme eines drastischen Bevölkerungsrückgangs in den berlinfernen Regionen Brandenburgs nicht widerlegt",

zitiert NEIßE wie üblich den demografischen Wandel als Grund für die Notwendigkeit der Kreisreform. Pikant auch: Lediglich Susanne STUMPENHUSEN von verdi, ist für die Reform, weil nur noch wenige Mitglieder betroffen seien, anders als bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt, die entsprechend die Reform ablehnt.  

 
       
   

JUNG, Hagen (2017): CDU-Flop durch Twesten-Wechsel?
Erstmals holt ein SPD-Mann in Niedersachsens Heidekreis das Direktmandat zum Bundestag,
in:
Neues Deutschland v. 11.10.

 
       
   

10.10.2017

 
       
   

MPlDR (2017): Demografische Forschung aus erster Hand,
in:
demografische-forschung.org v. 10.10.

Einführung der Rentenversicherung ließ Geburtenrate im Deutschen Kaiserreich sinken, lautet die umstrittene These von Robert FENGE & Beatrice SCHEUBEL, die bereits im letzten Jahr von dem Ökonom Winfried SCHMÄHL kritisiert und zurückgewiesen wurde. Nationalkonservatismus und Neoliberalismus sind die beiden Strömungen, die mit der AfD Auftrieb bekommen, weshalb nun die Epigonen von Hans-Werner SINN die Rente nach Kinderzahl pseudowissenschaftlich rechtfertigen wollen.

Große regionale Unterschiede bei der Geburtenrate haben dagegen Martin BUJARD & Melanie SCHELLER in einer Untersuchung auf regionaler Ebene gefunden. Die Untersuchung aus dem Jahr 2016 wurde hier bereits im August auch auf deutsch veröffentlicht.

Die Herangehensweise der Forscher hat jedoch Nachteile, weil nicht etwa die Kinderlosigkeit, sondern nur die Anzahl der Kinder im Haushalt erfasst wurde. Die Daten stammen zudem aus dem Zensus 2011 und beziehen sich auf die Geburtsjahrgänge 1969-1972, die zwischen 38 und 42 Jahre alt waren. Die Kinderzahl von Akademikerinnen wird dadurch unterschätzt und die Kinderlosigkeit überschätzt, da diese vielfach noch im Alter von über 40 Jahre erste Kinder bekommen. Die Konsequenz ist, dass vor allem in Universitätsstädten und Großstädten mit vielen Akademikerinnen die Geburtenentwicklung falsch eingeschätzt wird. Die Forscher wollen zwar diese Abweichungen korrigiert haben, mehr als eine Schätzung kann dies jedoch nicht sein.

Dennoch ist diese Herangehensweise der Schätzung der Kohortenfertilität (CTFR) der gebräuchlichen Messung der Geburtenrate (TFR) überlegen, da diese durch den Anstieg des Erstgeburtenalters verzerrt wird. Um welche Größenordnungen es dabei geht, zeigt das Beispiel Heidelberg:

"So lag etwa die Perioden-Geburtenrate in Heidelberg viele Jahre unterhalb von 1,0 Kindern pro Frau. Die endgültige Geburtenrate der Jahrgänge 1969-72 liegt dagegen deutlich höher: bei 1,36 Kindern pro Frau."

Den Stadt-Land-Unterschied bei der Geburtenentwicklung führen BUJARD & SCHELLER auf folgende Faktoren zurück:

"So ist die Kohorten-Geburtenrate generell in Kreisen höher, die einen geringen Anteil an gut gebildeten Frauen, einen hohen Anteil an Katholiken und einen Überschuss an Männern haben. Diese Unterschiede betreffen die Zusammensetzung der örtlichen Bevölkerung. Darüber hinaus gibt es gebietsspezifische Merkmale, die eine vergleichsweise hohe Geburtenrate wahrscheinlich machen: Geringe Arbeitslosigkeit, verfügbare und bezahlbare Wohnungen für größere Familien, einen eher traditionellen Arbeitsmarkt mit kleinem Dienstleistungssektor und eine eher ländliche Lage mit geringer Bevölkerungsdichte gehören dazu."

In dem Beitrag Einfluss regionaler Faktoren auf die Kohortenfertilität: Neue Schätzwerte auf Kreisebene in Deutschland heißt es zur Größenordnung der Abweichungen:

"Die Daten zur endgültigen Kinderzahl dagegen ermöglichen eine Antwort auf die Frage, wie viele Kinder Frauen einer Kohorte haben. Temporär kinderlose Frauen, die für die Ausbildungsphase oder das Studium in eine andere Stadt umziehen, beeinfl ussen die TFR dieser Stadt negativ, denn sie werden im Nenner mitgezählt und führen ggf. zu einer erheblichen Unterschätzung der Fertilität von Frauen in Universitätsstädten. Diese Phänomene führen dazu, dass die Abweichung von CTFR und TFR auf Kreisebene zwischen +0,50 im Brandenburger Kreis Elbe-Elster und -0,30 in Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen) liegt, also eine Spannbreite von über 0,8. Die kreisspezifische Variation der TFR-Verzerrung im Vergleich zur CTFR ist erheblich". (2017, S.117)

Gera wird von BUJARD & SCHELLER beim Aufschub der Geburten in Ostdeutschland als Sonderfall betrachtet:

"In Ostdeutschland ist die Timing-Komponente der TFR besonders deutlich, da der Aufschub (...) nach der Wende enorm hoch war. Entsprechend ist die CTFR in fast allen ostdeutschen Kreisen um mindestens 0,2 höher als die TFR – in 37,7 % sogar mehr als 0,3. Gera ist der einzige von 77 ostdeutschen Kreisen, in dem die TFR höher ist." (2017, S.117)

Durch Abwanderungen nach der Geburt von Kindern ergeben sich weitere Verzerrungen:

"In mehreren Kreisen sind Stadt-Land-Wanderungen nach der Geburt von Kindern sichtbar, wobei Familien mit kleinen Kindern von der Stadt in angrenzende ländliche Kreise ziehen. Dieses Phänomen zeigt sich in Köln, Düsseldorf, Essen und Frankfurt am Main und besonders deutlich in Bayern, wo in München, Ingolstadt, Amberg, Weiden, Nürnberg, Fürth und Erlangen mehrere Städte eine niedrigere CTFR im Vergleich zur TFR haben."

Besonders stark betroffen durch Verzerrungen sind die Universitätsstädte mit einer hohen Anzahl von weiblichen Studierenden aufgrund der Zuwanderung von jungen Studentinnen:

"In mehreren Studentenstädten wie Münster (0,33), Tübingen (0,23) oder Heidelberg (0,48) ist die CTFR erheblich höher als die TFR, die durch die überwiegend temporär dort lebenden und in dieser Zeit gering fertilen Studentinnen gedrückt wird"

Durch den Zuzug junger Kinderloser bei gleichzeitigem Wegzug vor der Geburt eines Kindes ergeben sich also besonders starke Unterschiede zwischen der gebräuchlichen Geburtenrate (TFR) und der Kohortengeburtenrate (CTFR). Aus der folgenden Übersicht sind die niedrigsten und die höchsten Geburtenraten (CTFR) und die durchschnittliche Werte der Geburtenrate (TFR) der Jahre 1999 - 2003 ersichtlich (Quelle: Martin Bujard 2017 Online Anhang):

Rang Stadt/Landkreis (Lkr) CTFR
(1,8 und mehr; unter 1,2)
TFR Differenz
1 Cloppenburg (Lkr) 2,01 1,90 + 0,11
2 Günzburg (Lkr) 1,88 1,53 + 0,35
3 Mühldorf a. Inn (Lkr) 1,87 1,47 + 0,40
4 Vechta 1,86 1,71 + 0,16
5 Freudenstadt 1,86 1,46 + 0,41
6 Eichstätt 1,86 1,56 + 0,30
7 Straubing-Bogen 1,84 1,47 + 0,37
8 Neckar-Odenwald-Kreis 1,84 1,48 + 0,37
9 Rottal-Inn 1,84 1,49 + 0,35
10 Daun 1,83 1,53 + 0,30
11 Emsland 1,82 1,67 + 0,14
12 Landsberg a. Lech 1,81 1,50 + 0,31
13 Biberach 1,81 1,57 + 0,24
14 Unterallgäu 1,80 1,60 + 0,19
         
395 Köln (Stadt) 1,19 1,29 - 0,10
396 Düsseldorf (Stadt) 1,18 1,20  
397 München (Stadt) 1,18 1,27 - 0,10
398 Weiden i.d. Oberpfalz (Stadt) 1,16 1,44 - 0,27
399 Würzburg (Stadt) 1,16 0,92 + 0,24
400 Gera (Stadt) 1,11 1,16  
401 Kiel (Stadt) 1,11 1,17  
402 Passau (Stadt) 1,05 1,03  

Die Fruchtbarkeit in den ländlichen Gebieten wird also in der Regel überschätzt, während sie in den städtischen Gebiet in der Regel unterschätzt wird.

 
       
   

ÖCHSNER, Thomas (2017): Da bleibt nur Aussitzen.
Die Union glaubt verstanden zu haben: Viele Wähler sorgen sich um ihre gesetzliche Rente. Ökonomen mahnen Reformen an. Doch einer Jamaika-Koalition fehlt ein gemeinsamer Nenner für grundlegende Systemeingriffe,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.10.

Thomas ÖCHSNER hofft darauf, dass sich die Neoliberalen in der nächsten Legislaturperiode mit der weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters durchsetzen können - auch wenn das dem Wählerwillen nicht entspricht. Obwohl die CDU/CSU aufgrund der Vermeidung des Themas Altersarmut hohe Stimmenverluste in Kauf nehmen musste, sieht ÖCHSNER mit Hinweis auf die Gemeinschaftsprognose der neoliberalen Wirtschaftsinstitute vom Herbst 2017 und die geplanten Koalitionspartner FDP und Grüne lediglich Spielraum für ein "flexibleres Renteneintrittsalter" und eine neue Renteninformation, die insbesondere die Profite der Finanzdienstleister steigern soll.

Gerade wurde vom Nobelpreiskomitee ein Verhaltensökonom geadelt, der das Verhalten in der Altersvorsorge für die Finanzdienstleister profitabler machen soll. Ob das so genannte Nudging, das im letzten Jahr von neoliberalen Journalisten geradezu gefeiert wurde, aber hält was es verspricht, bleibt dahingestellt. Am Ende könnte die Verärgerung größer sein als der kurzsichtige Gewinn, insbesondere dann, wenn die Kapitalmärkte ihre großmäuligen Versprechungen nicht halten können.

 
       
   

Didier Eribon - Gesellschaft als Urteil

ERIBON, Didier (2017): Macron? Not My President.
Warum ich an der Eröffnung der Buchmesse nicht teilnehmen werde,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.10.

NACHTWEY, Oliver (2017): Kraft der Scham.
Didier Eribon fragt weiter nach Mechanismen der Herrschaft und dem Kampf der Klassen,
in: Literaturbeilage der
Süddeutschen Zeitung v. 10.10.

MARTINI, Tania (2017): "Scared gay kid".
Didier Eribon ist der am meisten gefeierte Soziologe seit Langem. In "Gesellschaft als Urteil" knüpft er an sein Erfolgsbuch "Rückkehr aus Reims" an,
in:
Literaturbeilage der TAZ v. 10.10.

 
       
   

ECKERT, Daniel (2017): Ost-West-Spaltung bei Einkommen schwindet.
Gelsenkirchen ist die Stadt mit dem geringsten verfügbaren Einkünften. Löhne und Gehälter in den neuen Ländern steigen relativ schnell,
in:
Welt v. 10.10.

Daniel ECKERT berichtet über eine Statistik zu den verfügbaren Einkommen, obwohl die Daten bereits im November 2016 veröffentlicht wurden. Anders als behauptet, liegen die Daten nicht für alle Städte vor, sondern nur für die kreisfreien Städte. Heilbronn wird als "reichste Kommune Deutschlands" bezeichnet, obwohl das lediglich für die 107 kreisfreien Städte in Deutschland gilt. Aus der Grafik lässt sich nicht unterscheiden, ob die Einkommen für einen Landkreis oder eine kreisfreie Stadt gelten. Alle Daten sind als ZIP-Datei unter Einkommen der privaten Haushalte in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1995 bis 2015; Berechnungsstand November 2016 der Website der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder downloadbar.

Inwiefern die Kluft zwischen Ost und West weniger gravierend ist als die Kluft in Gesamtdeutschland, ist umstritten. Noch umstrittener ist nur noch das Konzept der "Kaufkraftarmut", das von Neoliberalen verwendet wird, um die Armut in Deutschland zu verhamlosen und die Armen in verschiedenen Regionen Deutschlands gegeneinander auszuspielen. Tatsächlich ist jedoch schon der Indikator "verfügbares Einkommen" problematisch, weil diese Maßzahl durch die Anzahl von Milliardären und Millionären einer Stadt bzw. eines Kreises stark verzerrt wird.    

 
       
   

09.10.2017

 
       
   

FROMME, Herbert (2017): Versichert und verkauft.
Altersvorsorge: Die Konzerne haben ihren Kunden die Treue versprochen, nun drücken sie sich,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 09.10.

"Durch die Ankündigung, große Tochtergesellschaften mit zehn Millionen Verträgen an Finanzinvestoren verkaufen zu wollen, haben Ergo und Generali der Branche in Deutschland ein Desaster ungeahnten Ausmaßes beschert",

erklärt uns Herbert FROMME. Bereits gestern trötete die Welt am Sonntag lautstark Die Altersversorgung von Millionen ist in Gefahr und versprach bereits auf dem Titel. Nur mal kurz Ihr Geld retten:

FROMME hat jedoch nichtsdestotrotz nur ein neues warmes Plätzchen für die Lebensversicherer auf dem deutschen Altersvorsorgemarkt im Sinn:

"Für die private Altersvorsorge der Zukunft müssen Regierung und Versicherer ernstzunehmende Alternativen prüfen. Dazu gehört der weitere Ausbau der betrieblichen Altersversorgung. Außerdem wird die Deutschlandrente eine Rolle spielen (...). Schließlich wurde sie von drei Ministern in der hessischen schwarz-grünen Koalition entwickelt."

Wer wie FROMME für den weiteren Ausbau der betrieblichen Altersversorgung plädiert, der hat nicht die Interessen der Rentner, sondern die Interessen der Lebensversicherer im Sinn, die im Bunde mit Arbeitgeberlobbyisten und Gewerkschaften ihre Profite auf einem anderen Markt finden sollen. Dort können sie ihre "Verträge auf Fondsbasis oder ohne Garantien" kostengünstig an den Mann bringen.

Fazit: Es ist eine grandiose Heuchelei, wenn FROMME nun das Gebaren, Altverträge an Abwicklungsgesellschaften zu verkaufen, kritisiert, was er ja bislang keineswegs als großes Problem ansah, weil die Finanzaufsicht Bafin hohe Hürden für den Verkauf anlegt. Die jetzige Entwicklung beschrieb FROMME bereits im Januar.

Es ist eher so, dass angesichts der anstehenden Koalitionsverhandlungen die geräuschlose Praktik der Lebensversicherer instrumentalisiert wird, um die gesetzliche Rente weiter schwächen zu können, indem ganz auf den Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge umgesteuert wird.

 
       
   

GSCHWENDTNER, Christian (2017): Ausfall Ost.
Wenn die Briten gehen, klafft eine Lücke von mindestens zehn Milliarden im EU-Haushalt - Geld, das Brüssel irgendwie einsparen muss. Ein Plan sieht vor, die Strukturhilfe für Ostdeutschland komplett zu streichen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 09.10.

"Bisher zählen die neuen Bundesländer noch zu den großen Profiteuren der EU-Strukturförderung. Wenn zwischen Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern eine Altstadt aufgehübscht oder eine Sportanlage neue gebaut wird, ist meistens Geld aus Brüssel mit im Spiel",

erzählt uns Christian GSCHWENDTNER anlässlich der heutigen Veröffentlichung des Fortschrittsbericht zur Ungleichheit in Europa. GSCHWENDTER erklärt uns die deutsche Sprachregelung, nach der Ostdeutschland als Übergangsregion gelten soll:

"In einer ersten Stellungnahme zur EU-Förderpolitik nach 2020 hat die Bundesregierung bereits Widerstand angemeldet. Sie fordert, dass die EU auch weiter Regionen unterstützt, die vor »tief greifenden Herausforderungen« stehen. Berlin denkt dabei an die Integration von Flüchtlingen und die Bewältigung des demografischen Wandels. Kategorien, die in jedem Fall auf Ostdeutschland zutreffen."

 
       
   

JAKOB, Christian (2017): "Die Nazis sind hier abgetaucht".
Nahaufnahme: Region Anklam, Mecklenburg-Vorpommern. Wie Punks, ein Bürgermeister und ein ehemaliger Soldat der NPD die nationale Suppe versalzen,
in:
TAZ v. 09.10.

Die Schlagzeile suggeriert Heldengeschichten, aber das Gegenteil ist der Fall:

"Schwichtenberg, Vorpommern: 20 Minuten südlich von Anklam, eine Region, in der Wölfe im Tierpark Thor und Wotan getauft wurden, wo vor der Bundestagswahl mehr NPD-Plakate hingen als irgendwo sonst. Daedelow, 68, SPDler (...) (wurde) vor zwanzig Jahren Bürgermeister (...). (Damals) hatte die Samtgemeinde 1.700 Einwohner. Heute sind es noch 1.200. Morgens fuhren 50 Schüler in die Schule nach Klockow, wo Daedelow Lehrer war. Heute sind es noch 15. Werden es noch weniger, »zahlt der Landkreis den einzigen Bus nicht mehr, mit dem auch die Oma zum Markt fahren kann«, sagt Daedelow. Selbst zahlen kann seine Gemeinde schon lange nicht. Doch außer dem doch noch ungetauften Wolfspaar zieht keiner her",

erzählt uns Christian JAKOB eine typische Niedergangsgeschichte aus dem Osten.

"Hartz-IV-Beratung, Fahrdienst zum Arzt, Babysitten: 2006, nach drei Jahren Kümmerkampagne, bekommt die NPD 12,2 Prozent im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald II und sechs Sitze im Landtag. Anklam nennt die NPD fortan eine »national befreite Zone«",

beschreibt JAKOB den Erfolg der Partei, deren Aufstieg jedoch nicht durch bürgerschaftliches Engagement von lokalen Helden gestoppt wurde, sondern von der AfD:

"Doch stärker, als es alternative Jugendkultur vermag, hat die AfD der NPD geschadet. Der Aufstieg der neuen Rechten bedinge den Niedergang der NPD. (...).
Wohlsituierte Bürger, die die NPD nicht offen unterstützten, haben heute eine für sie weniger anrüchige Alternative, sagt (...)(Daedelow). 2011 holte die NPD noch 10,4 Prozent der Stimmen in der Region. 2016 bekam die AfD bei den Landtagswahlen 20,6 Prozent und stieß die rechtsextreme Konkurrenz zurück in die Bedeutungslosigkeit. (...).
Bei der Bundestagswahl bleibt die NPD im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald unter 2 Prozent. Die AfD bekommt 23,5 Prozent."

Am Schluss erzählt JAKOB eine Heldengeschichte aus der "Kasernenstadt" Torgelow, wo ein 68-Jähriger, der als Bundeswehrsoldat aus dem Westen nach Torgelow versetzt wurde und blieb und der sich um die Flüchtlinge kümmert. Bezeichnend ist, dass sowohl der Bürgermeister als auch der ehemalige Soldat mit ihren 68 Jahren ältere Menschen sind. Was aber, wenn diese Generation weggestorben ist? Was, wenn der Nationalliberalismus der AfD als Fortsetzung des Neoliberalismus mit nationalkonservativem Fundament zur beherrschenden Ideologie wird? Diese durchaus realistische Entwicklung wird von der ehemaligen Linken nicht als Gefahr gesehen, sondern im Kampf gegen das Völkische erscheint diese Gefahr harmlos. Es zeigt jedoch wie weit die angebliche Linke bereits nach Rechts gerückt ist.

 
       
   

MORGENSTERN, Tomas (2017): Der Erbe von Hanse und knatternden Mühlen.
Brandenburg: Landesregierung fördert Stadterneuerung und -umbau in Kyritz mit fünf Millionen Euro,
in:
Neues Deutschland v. 09.10.

Tomas MORGENSTERN berichtet über die Aufhübschung der Altstadt von Kyritz mit Fördermillionen der EU und Bund-Länderprogrammen:

"Kyritz ist trotz seiner zehn Ortsteile eine beschauliche Kleinstadt mit insgesamt 9.500 Einwohnern. (...). Reich gemacht haben die Stadt Tuchmacher, Bäcker, Fleischer und Schuhmacher, Gewandschneider und Händler. (...).
Kyritz ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen. (...). Die Prignitzstadt hatte den Zweiten Weltkrieg ohne gravierende Schäden überstanden. (...)
Kyritz hat seit 1991 knapp 40 Millionen Euro Fördermittel aus mehreren Programmen für die Stadtentwicklung erhalten. So wurden (...) vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raumes (...) und die Sanierung von Stadtbild prägenden Gebäuden in der Altstadt gefördert."

Die AfD erhielt in der Stadt Kyritz 16,8 Prozent der Zweistimmen und blieb unter dem Landesdurchschnitt von 20,2 Prozent.

 
       
   

 08.10.2017

 
       
   

Didier Eribon - Gesellschaft als Urteil

RIECHELMANN, Cord (2017): Rückkehr zur Rückkehr.
Dem Soziologen Didier Eribon ist der Erfolg seiner Selbstanalyse "Rückkehr nach Reims" etwas unheimlich. In "Gesellschaft als Urteil" geht er den sozialen Gründen dieses Unbehagens nach,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 08.10.

 
       
   

07.10.2017

 
       
   

KROHN, Philipp (2017): Alle Rentenansprüche auf einen Blick.
Fast alle Marktteilnehmer sehen die Vorzüge einer App, die sämtliche erwartbaren Leistungen der Altersvorsorge einbezieht. Warum kommt sie dann nicht?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

"Könnte der künftige Rentner auf einen Blick erfassen, was ihm aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente zusteht, wüsste er was er tun muss. Ist noch eine Vorsorgelücke zu schließen?",

meint Philipp KROHN. Dies ist natürlich Unsinn, wie ein Blick zurück auf die Privatisierung der Alterssicherung deutlich zeigt: Weder ist die gesetzliche Rente, noch ist die private Rente sicher, denn die gesetzliche Rente wird seit 2001 geschwächt, während die private Altersvorsorge zwar gestärkt, aber aufgrund der Verhältnisse auf den Kapitalmärkten extrem schwankungsanfällig ist. Der Begriff "Versorgungslücke" ist nicht zufällig eine Erfindung des Neoliberalismus und der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme. Nicht um Transparenz geht es, sondern um Profitsteigerung. Die Versorgungslücke kann sich im Laufe der Zeit verkleinern oder vergrößern, nur konstant und damit eine Richtschnur, ist sie nie! Und da die Zukunft offen ist, schwanken Versorgungslücken nicht nur aufgrund der Veränderung der Rentenanwartschaften, sondern je nach prognostizierter zukünftiger Entwicklung. Der Überblick, den der Altersvorsorgesparer erhält ist nichts als eine trügerische Wette auf die Zukunft, die von Faktoren abhängt, die der Einzelne nur beschränkt beeinflussen kann, denn die Vorsorgelücke ist ja eine Fiktion, deren Prämissen von Interessenorganisationen bestimmt werden, die nicht unbedingt das Interesse des zukünftige Rentners wiederspiegeln.

"Seine Mitglieder seien in Sorge, dass sie in Haftung genommen werden könnten, wenn sie eine scheinbar verbindliche Information ausgegeben hätten",

wendet z.B. die Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung ein, was bereits das Grundproblem solcher Informationen andeutet. Was nützt dem zukünftigen Rentner eine Information, die unverbindlich ist und ständig revidiert werden kann?    

KROHN, Philipp (2017): Bedenkenträger.
Kommentar,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

 
       
   

CREUTZBURG, Dietrich (2017): Rente ab 63 belastet den Maschinenbau.
Die Zahl älterer Arbeitnehmer steigt allmählich wieder - aber eine deutliche Fachkräftedelle bleibt,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

Dietrich CREUTZBURG gibt die Jammerei des Branchenverbands VDMA unreflektiert weiter. Angeblich führt die Rente ab 63 im Maschinenbau zu Problemen. Diese können aber offensichtlich nicht groß sein, denn sonst würden sich die Verantwortlichen um bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung von älteren Arbeitnehmern bemühen. Vielmehr werden ältere Arbeitnehmer als günstige Arbeitskräfte gesehen, mit denen zudem die Löhne von Jüngeren gedrückt werden können. Die Zahlen, die uns CREUTZBURG präsentiert, sagen zudem nichts über den Bedarf an Arbeitskräften im Maschinenbau aus, weshalb die Argumentation fadenscheinig ist.  

 
       
   

BUCH, Petra (2017): Harte Zeiten für Kaffeehäuser.
Lässt sich das Geschäftsmodell in hektischer Zeit durchhalten? Ein Bericht aus Sangerhausen,
in:
Neues Deutschland v. 07.10.

"Das Kaffeehaus Kolditz in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt), gegründet im November 1888, wirbt mit »Wiener Kaffeehauskultur«. Und das inmitten einer früheren Bergbauregion.
Sangerhausen gehört seit dem Strukturwandel nach 1990 zu den Landstrichen, die mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung zu kämpfen haben",

erklärt uns Petra BUCH. Die Sozialwissenschaftler Thomas BÜRK & Sabine BEIßWENGER haben in dem Beitrag Stigmatisierung von Städten (2013) exemplarisch an Sangerhausen aufgezeigt wie Stigmatisierungen verlaufen. Die Stadt wurde von der ZEIT vor fast 20 Jahren als "Hauptstadt der Arbeitslosen" beschrieben. BACH interessiert sich dagegen weniger für die Stadt und ihre Probleme, sondern um das Konditorenhandwerk:

"Es gibt diverse Beispiele, wo Traditionen nicht fortgeführt werden konnten. Nur rund 60 Kilometer von Sangerhausen entfernt, in Halle etwa, gingen in einem alten Kaffeehaus, das auch von Feinschmeckern bundesweit empfohlen wurde, die Lichter aus. Andernorts, so in Touristenhochburgen und Kurorten, sind Kaffeehäuser hingegen der Treffpunkt schlechthin und werden von Reisemanagern wärmstens empfohlen."

BUCH betrachtet die Bäckereifilialen als Konkurrenz zum Kaffeehaus, wenn sie fragt:

"Was ist nun das Rezept zum (Über)-Leben mit einem Kaffeehaus mit gut 80 Plätzen (...). Zumal es mittlerweile gefühlt fast an jeder Ecke in Deutschland Bäckereifilialen gibt, die Sitzecken für Kaffee, Kuchen, Torte und auch Herzhaftes anbieten."

Eine befriedigende Antwort gibt der Artikel jedoch nicht.

 
       
   

BÄHR, Sebastian (2017): Von den Platte in den Bundestag.
Sören Pellmann gewann in Leipzig ein Direktmandat für die Linkspartei,
in:
Neues Deutschland v. 07.10.

"Mit rund 1000 Stimmen Vorsprung gewann »Pelli« das Direktmandat im Leipziger Süden gegen seinen CDU-Widersacher Thomas Feist. Es ist außerhalb Berlins das einzige Direktmandat der Linkspartei. Sie gewann damit - und das ist die kleine Sensation - in einem Bundesland, das seit der Wende von einer rechtskonservativen CDU geführt wurde und in dem sich nun die AfD als stärkste Kraft bei den Zweitstimmen durchgesetzt hat",

erklärt uns Sebastian BÄHR, der den Mythos einer

"widerspenstigen Trutzburg inmitten eines immer weiter nach Rechts driftenden Landes"

kritisiert, denn:

"Im südwestlichen Stadtteil Grünau, für den Pellmann im Stadtrat sitzt und der Teil seines Bundestagswahlkreises ist, wurde die AfD stärkste Kraft.
Das Plattenbau viertel Grünau, 1991: Knapp 80 rechtsradikale Jugendliche versuchen ein Flüchtlingsheim zu stürmen. (...). Auch in den folgenden Jahren wird es kaum besser in dem Viertel, das vor der Wende als beliebt galt, und in dem sich nun die Mischung aus Armut, Überalterung und Enttäuschung immer häufiger in Rassismus äußerst."

In den folgenden Leipziger Wahlbezirken der Wahlkreise 152 und 153 wurde die AfD gemäß der Stadt Leipzig bei den Zweitstimmenanteilen die stärkste Kraft:

Wahlkreis 152 Leipzig I 20,8 % Wahlkreis 153 Leipzig II 16,0 %
Mockau-Nord 27,8 % Lausen-Grünau 29,5 %
Paunsdorf 27,5 % Grünau-Nord 29,4 %
Thekla 27,0 % Liebertwolkowitz 29,1 %
Mockau-Süd 26,0 % Meusdorf 27,2 %
Schönefeld-Ost 24,7 % Schönau 26,6 %
Möckern 24,1 % Grünau-Mitte 26,4 %
Neulindenau 23,8 % Grünau-Ost 25,0 %
Sellershausen-Stünz 23,7 %    
Schönefeld-Altnaundorf 21,0 %    
Ergebnis der AfD in der Stadt Leipzig: 18,3 %

PELLMANN gewann den Wahlkreis 152 Leipzig. Und es ist offensichtlich, dass er ohne die Stimmen, die der Direktkandidat der AfD dem CDU-Direktkandidaten abgejagt hat (Die AfD erhielt 15,0 % der Erststimmen im Wahlkreis 152), den Wahlkreis nicht gewonnen hätte. Vor diesem Hintergrund besteht eigentlich kein Grund zum Feiern über diesen Sieg.

BÄHR porträtiert ansonsten den Bundestagsneuling Sören PELLMANN, der jedoch seit 2009 im Leipziger Stadtrat sitzt. Über Leipzig wurde bereits im Freitag und im Handelsblatt berichtet.

 
       
   

Die Broschüre Populäre Wahlen in den Medien

RIEL, Art van (2017): AfD ist die Partei des Prekariats.
Bertelsmann-Stiftung sieht eine neue Konfliktlinie zwischen Befürwortern und Skeptikern der "Modernisierung",
in:
Neues Deutschland v. 07.10.

Art van RIEL übersetzt das Sinus-Milieu "prekäres Mileu" fälschlicherweise mit Prekariat:

"Im Prekariat, das gekennzeichnet ist durch unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse, entfielen 28 Prozent der Stimmen auf die AfD. Damit war sie in diesem Milieu die stärkste Partei und gewann 18 Prozentpunkte hinzu."

Im Gegensatz dazu, dass dieses Milieu durch prekäre Arbeitsbedingungen gekennzeichnet wird, heißt es dagegen in der Broschüre der Bertelsmann-Stiftung:

"Mit 46 Prozent haben auch die Prekären einen hohen Anteil an Rentnern und auch die Arbeitslosigkeit ist in diesem Milieu deutlich überdurchschnittlich"

Im Prekären Milieu sammeln sich also nicht etwa nur Niedriglöhner und Erwerbstätige jenseits des Normalarbeitsverhältnisses, sondern in erster Linie Rentner und Arbeitslose, was auch das hohe Durchschnittsalter dieses Milieus von 58 Jahren erklärt (Ganz davon abgesehen, dass sich solche Lebens- und Arbeitsbedingungen auch in zwei weiteren Milieus finden. Mehr hier).

Problematisch an der Studie ist, dass nicht ersichtlich ist, wie Wähler den einzelnen Milieus zugeordnet wurden. In der Broschüre heißt es dazu lapidar:

"Das Sinus-Milieu-Modell verdichtet Informationen über Haushaltseinkommen, Bildung und Beruf zu einer Dimension »Soziale Lage«" (S.34)

Gehört also ein Wähler schon zur Unterschicht, wenn er nur einen Hauptabschluss besitzt? Oder muss sein Haushaltseinkommen unterhalb eines definierten Einkommensniveaus liegen? Da die Zuordnungsregeln nicht offen gelegt werden, ist eine Beurteilung der Ergebnisse so gut wie nicht möglich, zumal in Studien zur Wählerschaft sehr unterschiedliche Kriterien zur Definition von Wählergruppen vorliegen. Ein 70-jähriger Rentner ohne Hauptabschluss ist wohl kaum vergleichbar mit einem 25-jährigen ohne Hauptschulabschluss, obwohl beide als "bildungsfern" gelten. Noch komplizierter wird die Sache, dass beide Merkmale noch mit Grundorientierungen vermengt werden. So können der Bildungsferne sowohl dem "prekären Milieu" als auch dem "hedonistischen Milieu" gehören, entscheidend ist ihre Einstellung zu Konsum und Freizeit. Entsprechend dem gängigen Klischee würde der 70-Jährige dem "prekären Milieu" angehören, während der 25-Jährige als Hedonist eingestuft wird.

Fazit: Aufgrund der mangelnden Trennschärfe der Sinus-Milieus und mangels fehlender Offenlegung der Zuordnungsregeln von Wählern zu Milieus ist diese Analyse durch Außenstehende letztlich nicht überprüf- und damit auch nicht widerleg- oder gar kritisierbar.

Der Begriff "Prekariat" ist mit dem Begriff "prekäres Milieu" nicht identisch, denn auch Teile des "traditionellen Milieus" und des "hedonistischen Milieus" gehören aufgrund ihrer sozialen Lage dazu und werden nur aufgrund ihrer andersgearteten Einstellungen nicht dem "prekären Milieu" zugeordnet (vgl. S.34f.).

 
       
   

Andreas Reckwitz - Die Gesellschaft der Singularitäten

THIEL, Thomas (2017): Wir schrecklich Kreativen.
Die Spätmoderne hat den Anspruch auf Selbstverwirklichung zum Dogma erhoben: Andreas Reckwitz untersucht die Nebenwirkungen,
in: Literaturbeilage der
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

 
       
   

WEISSMÜLLER, Laura (2017): Mainmärchen.
Eine Puppenstube, umgeben von Investorenklötzen: Die neue Altstadt in Frankfurt zeigt, wie Architektur Heimat schaffen kann - echte und falsche,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 07.10.

 
       
   

Joseph Hanimann - Allez la France!

NONNENMACHER, Günther (2017): Der siebente Kontinent.
Risse im Raum: Der Frankreich-Korrespondent Joseph Hanimann beschreibt die Gegenwart einer Nation, die sich für exzeptionell hält und sich auf einer Mission wähnt,
in: Literaturbeilage der
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

Für Günther NONNENMACHER ist die kulturwissenschaftliche Herangehensweise von Joseph HANIMANNs Buch zu unpolitisch, weshalb er in der Rezension insbesondere die politischen Aspekte in den Vordergrund stellt:

"Offensichtlich ist das Buch zu großen Teilen vor der Wahl Emmanuel Macrons zum neuen Staatspräsidenten geschrieben und nach dieser Revolte gegen das vorherrschende Rechts-links-Schema mit seinen Regierungsparteien vom Autor überarbeitet worden. Der erste Titel, der einen Abgesang angedeutet hatte, ist von der Aufforderung abgelöst worden, unter und mit dem neuen Mann aufzubrechen",

interpretiert NONNENMACHER die Tatsache, dass das Buch ursprünglich einen anderen Titel tragen sollte, der aber vom Zeitgeist sozusagen überrollt wurde. Aus systemtheoretischer Sicht prangert NONNENMACHER die (Selbst-)Überschätzung der Politik an:

"Die systemtheoretische Einschätzung, dass im Unterschied zur »alteuropäischen Tradition« (Niklas Luhmann) Politik und Staat nicht mehr die Spitze einer Pyramide bilden, sondern nur noch ein Subsystem neben anderen (Wirtschaft, Kunst, Recht...) sind, lehnen die Franzoschen rundweg ab.
Die Weigerung, sich den »Imperativen« vor allem des ökonomischen Subsystems, aber auch der Hierarchie in den internationalen Beziehungen zu unterwerfen, gehört zum Kernbestand dessen, was den französischen »Exzeptionalismus« ausmacht".

Man kann darin auch die neoliberale Lesart der Systemtheorie erkennen, denn diese will dem ökonomischen System die entscheidende Rolle in der Gesellschaft zukommen lassen, obgleich doch der Begriff "Subsystem" dem ökonomischen System keine übergeordnete gesellschaftliche Rolle zukommen lässt, die einen Begriff wie "Imperative" angemessen erscheinen lässt. Davon abgesehen ist es fraglich, inwiefern die Systemtheorie ein angemessenes Bild von gesellschaftlichen Verhältnissen zeichnet. Die Systemtheorie glorifiziert postdemokratische Tendenzen und hängt dem Ideal der Expertokratie nach.   

HANIMANN, Joseph (2017): Herzklopfen, Bombenticken.
Frankreichs Literatur kehrt mit großen Themen auf die internationale Bühne zurück. Ein Lagebericht aus dem Gastland der Frankfurt Buchmesse,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 07.10.

Der französische Literaturbetrieb ist nicht weniger elitär wie der Deutsche. Joseph HANIMANN schreibt darüber was in französischen Partygesprächen der High Society gerade so literarisch angesagt ist. Wer nicht dazu gehört (bzw. dazu gehören will), der wird nur zwischen den Zeilen etwas über den Zustand der französischen Gesellschaft erfahren. Im Vordergrund steht dagegen eine Einordnung in literaturgeschichtlichen Kategorien, was sich dann folgendermaßen liest:

"Das Erzählverbot aus dem »Nouveau Roman« ist vergessen, die Leuchtkraft der »Ecriture« aus den Blütejahren des Strukturalismus erloschen. Und wenn französische Autoren heute gewichtige Themen angehen, gleiten sie nicht mehr sofort ins Philosophische ab."

Natürlich dürfen beim Name-Droping Namen wie Michel HOUELLEBECQ, Pierre BOURDIEU oder Michel FOUCAULT nicht fehlen. Will man gesellschaftskritische Literatur diffamieren, dann benutzt man in den alt- und neubürgerlichen Milieus den Begriff "Thesenroman" oder wie HANIMANN den Begriff "Thesenliteratur" statt Ideenroman:

"Anders als zu Zeiten von Philippe Sollers und Julia Kristeva führt die Schiene der Theorie heute auf einer Separatspur durch das Gebiet der französischen Literatur. Theoretiker wie Pierre Bourdieu und Michel Foucault bleiben zwar für die Literatur bedeutsam, wirken aber mehr durch die individuelle Erfahrung der Autoren mit ihnen. »Die Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon und »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis sind Beispiele einer persönlich gefärbten literarischen Gesellschaftskritik. Thesenliteratur ist in Frankreich ein alter Hut".

Die Aufarbeitung des Algerienkriegs wird von HANIMANN besonders betont. So steht im Roman L'Art de perdre von Alice ZENITER ein Harki im Mittelpunkt:

"»Harkis«, jenen frankreichtreuen Algeriern, die nach 1962 ihr Heimatland verlassen mussten, in Frankreich widerwillig eingebürgert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden."

In der politischen Debatte spricht man eher von pieds-noirs, die in Südfrankreich zur Anhängerschaft des Front National gezählt werden. Über solche Zusammenhänge liest man von HANIMANN natürlich nichts, obwohl es gerade diese Entwicklung ist, die nun die Aufarbeitung dieses Teils der französischen Kolonialgeschichte antreibt.

Ein anderes literaturgeschichtliches Schimpfwort ist "Betroffenheitsliteratur". Bei HANIMANN dient es dazu die Romane von Annie ERNAUX ("Die Jahre") zu adeln und abzugrenzen:

"Nervöser, wilder, lauter führt dagegen eine neue französische Betroffenheitsliteratur mitten hinein in die Dramen der Gegenwart. Getragen wird sie vor allem von Frauen, von der 1972 geborenen Karine Tuil zum Beispiel. Ihr jüngster Roman »Die Zeit der Ruhelosen« lässt (...) die Erfahrungen von Globalkapitalismus regionalen Weltkriegen, kommunikativem Dauerstress und Kollaps des Privatlebens durcheinanderwirbeln."

Den Schluss könnte man als Kritik an Emmanuel MACRON lesen, wenn dessen Buchmesse-Rede als die Beschwörung "eines mit sich selbst versöhnten Landes" bezeichnet wird. Und es dann zur Literatur heißt:

"Sie ist mit dem Aufarbeiten der bei den jüngsten Bombenexplosionen zum Vorschein gekommenen Probleme beschäftigt."

Dabei lässt sich bezweifeln, dass diese Art von Literatur, die HANIMANN vorgestellt hat, tatsächlich einen relevanten Beitrag leisten kann.    

 
       
   

Das Single-Dasein in Griechenland

SZYMANSKI, Mike (2017): Die Eroberer.
Wirtschaftreport: Captain Fu ist jetzt der Hafendirektor, und Piräus erwacht aus seinem Dämmerschlaf. Wie Staatskonzerne aus China die wirtschaftliche Schwäche Griechenlands benutzen, um ihr gigantisches Vorhaben zu verwirklichen: eine moderne Seidenstraße nach Europa,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 07.10.

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

SCHÖCHLI, Hansueli (2017): Nur ja keine Verluste.
Die sonderbare Psychologie des Menschen erschwert Reformen in der Schweizer Politik,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 07.10.

Aus Sicht der Neoliberalen ist der Mensch eine Fehlkonstruktion, weil er sich nicht der neoliberalen Expertokratie unterordnet, die angeblich weiß, was das Beste für den Menschen ist. Die Bürger werden deshalb von Hansueli SCHÖCHLI als eine Art Drogensüchtige diffamiert.

Nicht Interessen- und Machtanalyse erwartet deshalb den Leser, sondern Küchenpsychologie.

"Verlustaversion und Besitzeffekt können zu Verhaltensweisen führen, die Ökonomen heute als »irrational« bezeichnen",

doziert SCHÖCHLI. Wer keine Namen nennt und die dahinter stehende Theorie verschweigt, der will nicht aufklären, sondern nur seine eigene Ideologie transportieren. Kulturpessimistische Begriffe wie "Überflussgesellschaft" sollen dann Bedürfnisse oder Interessen diffamieren, ohne dass deren angebliche Unrechtmäßigkeit begründet werden müsste. SCHÖCHLI spricht wie ein Pfarrer zu seiner Gemeinde der Gläubigen. Andersgläubige oder Kritiker bleiben durch diese Art des Konsensjournalismus außen vor.      

 
       
 

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 05. November 2017