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Von einer Offensive der
Singles kann keine Rede sein, lediglich ein New Yorker
Soziologe hat ein Buch geschrieben, das Anlass für eine Story
ist, die nichts Neues bringt.
Von
Eric KLINENBERG ist in den USA das Buch Going Solo
erschienen, das noch einmal die bekannten Fakten (mit einem
Update der Daten) zusammenfasst, die bereits die
Single-Bewegung der 1970er Jahre und 1980er Jahre in den USA
propagierte. Dafür stehen der New Yorker Soziologe Peter J.
STEIN und Barbara EHRENREICH. Nachzulesen ist diese Geschichte
des Single-Daseins in den USA
hier.
Die Offensive der Singles
wird mit Haushaltszahlen belegt, die jedoch keineswegs nur
etwas über Menschen aussagen, die "freiwillig" ohne
feste Partnerschaft leben (der Kerngehalt des
Singlesbegriffs), sondern eher Ausdruck heterogener Faktoren
ist: dem veränderten Wohnungsmarkt, der Zunahme beruflich gut
gebildeter Frauen, der Arbeitsmarktsituation, die Flexibilität
erfordert, und eines Liebesideals, das auf
serielle Monogamie
mit zwischenzeitlichen Phasen des Alleinlebens hinausläuft.
Alles zusammen führt dazu, dass die Einpersonenhaushalte
zunehmen. Dieses Sammelsurium an heterogenen
Lebenssituationen, das gerne als Zunahme der Singles fehlinterpretiert wird, bietet Anlass für Spekulationen, also
das Geschäft der Medien.
"Die vergleichsweise kleine
Gruppe an Hardcore–Singles, die einer Partnerschaft
grundsätzlich eine Absage erteilen, wurde daher auch umgehend
mit einem ins Lächerliche gehenden Etikett beklebt: »Quirkyalones«
(schrullige Einzelgänger)",
behaupten die Autoren. Dies
ist jedoch falsch. Die
Quirkyalones stellen keine Absage an eine Partnerschaft
dar, sondern hängen dem Ideal der romantischen Liebe an, d.h.
sie sehnen sich nach dem einzig richtigen Partner. Solange der
Richtige nicht gefunden ist, stellt das Single-Dasein die
einzige Alternative dar.
Das
Alleinleben, eine amtliche Bezeichnung, die aus Zeiten
stammt, die längst überholt sind, kann zudem die
Lebenssituation von Paaren ohne gemeinsamen Haushalt sein. Das
ist eine Lebenssituation, die seit den 1990er Jahren stark
zugenommen hat, und hauptverantwortlich ist, für die Zunahme
von Singles vor dem Ruhestand.
Fernbeziehungen sind der Preis für die Zunahme von
Doppel-Verdiener/Karriere-Paaren und einem Arbeitsmarkt, in
dem frühere Normalarbeitsverhältnisse die Ausnahme geworden
sind.
Die Datenlage zu Paaren
ohne gemeinsamen Haushalt und Partnerlosen ist für Deutschland
immer noch bescheiden. Aber es gibt immerhin Anhaltspunkte für
die Größenordnung. Im Artikel Haushalt, Familie und soziale
Nahbeziehungen von Andreas EBERT & Tatjana FUCHS (2012)
wird der Anstieg der erwachsenen Partnerlosen in Deutschland
von 1996 bis 2007 von 24,4 % auf 27,8 % beziffert. In
Ostdeutschland war der Anstieg höher (7 % im Gegensatz zu 2,6
% im Westen). Von den westdeutschen Alleinlebenden im Alter
zwischen 18 und 65 Jahren hatten 2007 immerhin 30,9 % einen
Partner außerhalb des Haushalts, während der Anteil in
Ostdeutschland bei 25 % lag. Alleinerziehende waren in
Westdeutschland 2007 zu 70,9 % partnerlos, in Ostdeutschland
dagegen zu 81,1 %. Bei diesen Daten muss beachtet werden, dass
der Anstieg der Paare ohne gemeinsamen Haushalt vor 1996 lag
und die Entwicklung seit der Finanzkrise 2007 unberücksichtigt
bleibt. Außerdem handelt es sich um Querschnittsbetrachtungen,
d.h. wenn jemand zum Zeitpunkt der Befragung partnerlos war,
dann kann er kurz zuvor noch einen Partner gehabt haben. Die
Dauer von Single-/Paarphasen bleiben bei solchen
Untersuchungen unberücksichtigt.
Eine Untersuchung von Jan ECKHARD, die 2010 veröffentlicht
wurde, deutet darauf hin, dass die Anzahl der Partnerschaften,
aber auch der Trennungen zugenommen hat, wodurch sich der
Anstieg der Partnerlosen erklären lässt.
Wie wenig überzeugend es
ist, von einer Offensive der Singles auszugehen, ist die
Tatsache, dass das unfreiwillige Alleinwohnen/Nesthockerdasein
unter den Partnerlosen dominiert (Medien suchen
gewöhnlich verzweifelt nach den paar überzeugten Singles für
ihre Talkshows) und es auch keine politische
Interessenvertretung der Partnerlosen gibt. Offensichtlich
sind diese Menschen viel zu sehr mit ihren alltäglichen
Problemen beschäftigt (dies gilt im besonderen Maße für
Absolute Beginner), als dass sie sich auch noch um ihr
Image in der Öffentlichkeit kümmern könnten. Den Begriff
"Single-Industrie" jedoch auf die Institutionen der
Partnersuche einzuschränken, ist nicht zeitgemäß, denn die
Infrastruktur für Einpersonenhaushalte/Alleinstehende umfasst
wesentlich mehr, wie
hier nachzulesen ist.
Es wird Zeit Abschied zu
nehmen von dem altmodischen Konstrukt "Einpersonenhaushalt",
einer amtlichen Restkategorie, die den Verhältnissen in
modernen Gesellschaften nicht mehr gerecht wird. Dies würde
aber die politische Organisation der Betroffenen erfordern.
Diese kommt jedoch nicht von den unfreiwilligen Partnerlosen,
sondern eher von den Paaren, die als Singles diskriminiert
werden.
Solange es die unzeitgemäße
amtliche Bezeichnung "Einpersonenhaushalt"/"Alleinlebende"
gibt (der Begriff "Alleinstehende" macht die Sache auch nicht
besser), müssen wir weiter undifferenzierte Berichte in den Medien
lesen, die lediglich der Ökonomie der Aufmerksamkeit, aber
nicht der Aufklärung geschuldet sind.
Eine Offensive der Singles
würde sich daran ablesen lassen, dass die Kategorie
Einpersonenhaushalte/Alleinlebende in amtlichen Statistiken
verschwunden wäre und stattdessen z.B. durch differenzierte
Kategorien wie Alleinwohnende, Wohngemeinschaften, Paare ohne
gemeinsame Wohnung usw. ersetzt wurden. Dann wäre die Norm der
Ehe tatsächlich gebrochen. Solange aber der
Einpersonenhaushalt als undifferenzierte Restkategorie besteht, kann von einer Entdiskriminierung des Single-Daseins nicht wirklich
gesprochen werden.
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