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Medienrundschau:

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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 16. - 20. November 2016: [16.11.] [17.11.] [18.11.] [19.11.] [20.11.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Anzahl der Armenbestattungen wird - insbesondere bei Männern - zukünftig stark steigen

"Personen aus Kohorten, die weniger Kinder haben, haben im Kohortenvergleich auch seltener einen Ehepartner/Lebenspartner (Lengerer 2011). Nun ist es aber gerade so, dass die Jahrgänge, die in den letzten Jahren gestorben sind, für den Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich waren. (...). In der Hauptsache waren in etwa die weiblichen Jahrgänge von 1926/1927 bis 1939/1940 und die männlichen Jahrgänge von 1924/25 bis 1937/1938 für den Babyboom der Nachkriegszeit verantwortlich. (...). Schaut man nun auf die Sterbetafeln der letzten Jahre (hier die Tafel für 2009/2011), stellt man fest, dass ca. 70 Prozent der weiblichen Todesfälle in die Altersgruppe zwischen 72 und 93 Jahren fallen. Bei den Männern liegen ca. 70 Prozent der Todesfälle in der Altersgruppe der 65- bis 90-Jährigen (Statistisches Bundesamt 2013). (...). Der typische Verstorbene der letzten Jahre stammt folglich aus den Geburtsjahrgängen der Babyboomer-Eltern und gehörte demnach zu einer Kohorte, die relativ viele Kinder hatte und besonders heiratsfreudig war. Das würde erklären, warum der kontinuierliche Zuwachs des relativen Anteils an ordnungsbehördlichen Bestattungen in den letzten Jahren ins Stocken gekommen ist. Es legt aber auch nahe, dass das »dicke Ende« erst noch kommt. (...). Rein demographisch spricht demnach vieles dafür, dass de relative Anteil an Ersatzvornahmen auch in den nächsten Jahren im Mittel weiter steigt. Es gibt noch zwei weitere starke Gründe, dies zu vermuten. Erstens die Entwicklung der Altersarmut, deren Anstieg nach dem Stand der Dinge besonders in Ostdeutschland stark prononciert sein wird (...). Zweitens weisen die Nachkriegskohorten (ab 1946) höhere Scheidungsraten auf (...). Scheidungen hängen kausal mit der Entfremdung von bestattungspflichtigen Angehörigen, speziell von Kindern von ihren Vätern zusammen. Dies leitet zu einer wichtigen Beobachtung über: Von Ordnungsamtsbestattungen sind besonders Männer betroffen."
(Janosch Schobin "»Armenbestattungen« im modernen Sozialstaat" in: Zeitschrift für Sozialreform, Heft 3, S.314f.)

 
       
       
   

20.11.2016

 
       
   

SCHAAF, Julia (2016): Einmal weg von dir und retour.
Krise, Trennung, Scheidung - Versöhnung: Wie schaffen es Paare, schwere Zeiten so zu meistern, dass sie anschließend wieder zueinanderfinden?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

SCHMIDT, Luica (2016): Kräftemessen mit Wonneproppen.
Sechs prominente Mütter bewerten gegenseitig ihre Erziehung im Fernsehen. Damit wollen sie Anerkennung für den Fulltime-Job "Mutter" schaffen. Nur funktioniert das nicht,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

RUNGE, Kathrin (2016): Wechseljahre mit 26.
Sabrinas Periode setzte viel zu früh aus. Wie die junge Frau damit umgeht,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

RUNGE, Kathrin (2016): Kinder? "Bei früher Diagnose möglich".
Die Gynäkologin Melanie Henes behandelt an der Uniklinik in Tübingen Frauen, deren Menopause früh beginnt. Die Ärztin kann bei Beschwerden helfen - und manchmal auch beim Wunsch nach einem Kind,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

Späte Mütter sind in Deutschlands Medien mindestens genauso unerwünscht wie erwerbstätige Mütter in den 1950er Jahren. Frühe Mutterschaft ist das bevölkerungspolitische Ideal, weswegen Themen Konjunktur haben, die Angst vor später Mutterschaft machen. Dazu gehört das frühzeitige Einsetzen der Wechseljahre:

"Man spricht nur dann von vorzeitigen Wechseljahren, wenn sie vor dem 40. Geburtstag beginnen, auch wenn ein Beginn zwischen 40 und 50 natürlich ebenfalls noch recht früh ist. In Deutschland gehen wir von mehr als einem Prozent der Frauen im fruchtbaren Alter aus. Das heißt, dass mehr als eine von 100 Frauen im Zeitraum zwischen der Pubertät und 40 Jahren betroffen ist - meiner Ansicht nach doch ziemlich viele",

erklärt uns die Gynäkologin. Das ist pure Panikmache, denn erstens wird uns nicht gesagt, was das "fruchtbare Alter" ist. Demografen bezeichnen das fruchtbare Alter inzwischen mit 15 - 49 Jahre (früher bis 44 Jahre). Sollte das bei den Gynäkologen genauso sein, dann müsste zumindest die Wahrscheinlichkeit für Altersgruppen angegeben werden. Mit 30 Jahren dürften wesentlich weniger Frauen von vorzeitigen Wechseljahren betroffen sein als mit 40 Jahren. Dass uns der Fall einer 26-Jährigen präsentiert wird in Verbindung mit dieser Aussage ist eindeutig eine tendenziöse Berichterstattung.

 
       
   

SARRAZIN, Thilo (2016): Lernt von Donald Trump!
Wer behauptet, Globalisierung und Einwanderung seien für alle gut, muss sich nicht wundern, wenn die Wähler davonlaufen. Das gilt für Amerika genauso wie für Europa,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

Thilo SARRAZIN, der nationalkonservative Mitläufer im Schlepptau von Demagogen wie Herwig BIRG und Gunnar HEINSOHN, deutet den US-Wahlsieg in seinem nationalkonservativem Sinne.

"Ohne eine eindeutige, nachhaltig wirksame Revision der Flüchtlings- und Einwanderungspolitik können Minderheiten schnell zu Mehrheiten werden",

droht SARRAZIN. Ungesagt bleibt all das, was eine nationalkonservative Klassengesellschaft im Sinne von SARRAZIN bedeuten würde, denn das würde den von SARRAZIN benannten Verlierern genauso wenig gefallen.  

 
       
   

BECK, Hanno (2016): Angriff auf die Superreichen.
Die Grünen wollen große Vermögen besteuern. Aber keiner weiß so genau, wie viel das Vermögen wert ist und was alles dazu zählt,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

Rainer HANK hat letzte Woche Donald TRUMP vorgeworfen, er würde lieber gegen Migranten hetzen statt auf mehr Umverteilung zu setzen. Hanno BECK zeigt in der Zeitung für Millionäre, dass Deutschland nicht weniger uneinsichtig ist.

 
       
   

SCHERFF, Dyrk (2016): Hoffen auf die Trumpflation.
Amerikas künftiger Präsident Donald Trump wird mit seiner Wirtschaftspolitik die Inflation zurückbringen. Das treibt die Zinsen in die Höhe. Endlich,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

ORTMANN-BABEL, Martina (2016): Vorsicht bei der gesetzlichen Rente.
Der Steuertipp zur Doppelbesteuerung von Renten,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

KLEMM, Thomas (2016): Bis zu 6 Prozent Rendite - garantiert!
Aktien übernommener Firmen sind für Anleger attraktiv: Sie garantieren Jahr für Jahr eine feste Dividende,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

KIESERLING, André (2016): Will Habermas das wirklich wissen?
Soziale Systeme: Was bei einem herrschaftsfreien Diskurs herauskäme, ist durchaus bekannt: Sehr wenig,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

André KIESERLING beschert uns heute eine wenig originelle Polemik gegen den herrschaftsfreien Diskurs von HABERMAS. Da wird uns die anonyme Großstadtbar als herrschaftsfreier Raum präsentiert, als ob das keine ganz spezielle Gesprächssituation ist, die mit Herrschaftsfreiheit überhaupt gar nichts zu tun hat. Schade um das Papier.

 
       
   

Postfaktisch hieß in den 1980er Jahren noch postmodern

MARTIN, Ralph (2016): Im Herzen des Unverständnisses.
Die Nachbarn aus Ohio haben Trump gewählt: Warum haben wir uns nur aus den Augen verloren?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

Ralph MARTIN, in Berlin lebender Schriftsteller, der in Ohio geboren ist, will uns Ohio näher bringen:

"Ich lesen (...) nur, was die Journalisten schreiben. (...).
Facebook hat, ohne dass mir das aufgefallen wäre, vor Jahren aufgehört, ein Ort zu sein, wo man sich über Leute auf dem Laufenden hält, deren Lebens sich entwickelt hat als das eigene",

schreibt MARTIN. Ein normaler Leser würde hier bereits aussteigen, denn jeder der nur liest, was Journalisten schreiben, würde nicht solch einen Unsinn über Facebook schreiben, denn so ein jemand hätte längst von dieser Entwicklung gewusst. Von so jemand Unglaubwürdigem würde man sich Ohio nicht erklären lassen.

"Cafes sollten Orte sein, an denen Menschen sich treffen und austauschen",

erklärt uns MARTIN, obwohl selbst in Berlin jede Blase ihren eigen Treffpunkt hat, ohne dass sich dort jemals irgendwelche Andersdenkende hinverirren würden. Und wenn, dann würden sie das schnell merken. Man muss nicht in das Paris der 1950er Jahre zurückgehen, es reicht in die 1980er Jahre in Berlin zurückzugehen, um die Anfänge des Kulturkampfs um die richtige Meinung zu beschreiben, denn dieser ist keine Erfindung des Internetzeitalters. Postfaktisch hieß damals noch postmodern!

"Die Stadt droht, eine Art Moskau am Hudson zu werden, wo sich Oligarchen um Trump scharen, weil sie Apartments brauchen und frei sein wollen von den nervtötenden Menschen auf der Straße. Auch sie wollen nicht mit der anderen Seite reden.
Deutschland ist ein anderes Land und hat andere Probleme",

behauptet MARTIN. Deutschland ist den USA viel ähnlicher als MARTIN glaubt, denn hier glauben die Eliten immer noch sie wären schlauer. Was würde passieren, wenn Angela MERKEL die nächste Bundestagswahl verliert? Noch glaubt keiner daran... 

 
       
   

KOLONKO, Petra (2016): Verlassene Generation.
Millionen Kinder wachsen in China ohne ihre Eltern auf. Das hat dramatische Folgen für die Kleinen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.11.

 
       
   

19.11.2016

 
       
   

WORATSCHKA, Rainer (2016): Gegen die Agenda.
Die Linkspartei schickt Armutsforscher Christoph Butterwegge ins Rennen ums Präsidentenamt,
in:
Tagesspiegel v. 19.11.

Für Rainer WORATSCHKA steht die Nominierung von Christoph BUTTERWEGGE - im Gegensatz zur gestrigen FR -schon ziemlich fest. WORATSCHKA hebt besonders hervor, dass der Sozialwissenschaftler ein "SPD-Gewächs" sei, obwohl dieser zwischen 1975 und 1987 aus der Partei ausgeschlossen war und 2005 dann der SPD endgültig den Rücken kehrte. BUTTERWEGGE sehe sich als Anti-Roman HERZOG. HERZOG sicherte bekanntlich mit seinem Ruck-Geschwafel den neoliberalen Siegeszug ab. 

 
       
   

PAUL, Kirsten (2016): Stärkt die Rente!
Gastwirtschaft: Gesetzliche Altersvorsorge ist besser als private,
in:
Frankfurter Rundschau v. 19.11.

 Die Vermögensverwalterin Kirsten PAUL, Jahrgang 1969, kritisiert die "Klüngelei von Politik und Versicherungswirtschaft", bei der die gesetzliche Rente auf der Strecke bleibt, obwohl sie der kapitalgedeckten Altersvorsorge überlegen ist.

"Wer nachrechnet, stellt fest, dass er mit Riester- und Rürup-Verträgen oder betrieblicher Altersvorsorge keine finanziellen Vorteile hat. Vielmehr handelt es sich bei diesen »Eigenvorsorge-Verträgen« um eine Subvention der Versicherungswirtschaft. Denn Abschlussprovisionen und laufende Vertragskosten fressen die erhaltenen Zuschüsse mehr als auf.
Wer am Ende das eingezahlte Geld wiedersieht, kann froh sein",

meint PAUL, die für eine Stärkung der gesetzlichen Rente plädiert. Neben einem Ausbau zur Erwerbstätigenversicherung, fordert sie eine stärkere Umverteilung, dessen ungenanntes Vorbild die Schweizer AHV ist:

"Eine deutliche Erhöhung oder sogar Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze darf kein Tabu mehr sein. Die Maximalrente für Hochverdiener sollte nach oben gedeckelt, die Rente für Geringverdiener dagegen durch Umverteilung erhöht werden." 

 
       
   

KAUFMANN, Stephan (2016): Sesshafte Reiche.
Analyse: Hohe Steuern schlagen Reiche in die Flucht? Stimmt nicht, sagen Forscher. Sie haben die Behauptung anhand der USA untersucht. Demnach sind Millionäre sogar besonders heimatverbunden,
in:
Frankfurter Rundschau v. 19.11.

Analyse? Das ist wohl ein schlechter Scherz. Müssen Millionäre ihren Wohnsitz ändern, um Kapitalflucht zu begehen? Solchen Blödsinn will uns Stephan KAUFMANN weismachen. Und ist, wer seinen Wohnsitz unverändert lässt heimatverbunden? Wer reich ist, der hat meist mehr als einen Wohnsitz.

 
       
   

MÜLLER, Michaela Maria (2016): Von links nach rechts.
Für sie gelesen: Soziologe Eribon schreibt über Trump und Rechtsruck,
in:
Frankfurter Rundschau v. 19.11.

Unsere Eliten beklagen nun die Wanderung der Arbeiter von links nach rechts. Aber folgen sie dabei nicht in dieser Hinsicht nur der Wanderung linker Demagogen? Gunnar HEINSOHN, einst linker Guru, hetzt inzwischen als Rechtspopulist gegen die Abgehängten. Der Ex-Linke Jürgen ELSÄSSER ist Chef eines rechtspopulistischen Hetzblatts, das im Gegensatz zur sonstigen Presse an Auflage gewinnt. Und das sind nur die prominentesten Seitenwechsler.

Michaela Maria MÜLLER stellt uns das Buch Rückkehr nach Reims vor, das gegenwärtig das Kultbuch jener ist, die uns die Arbeiterschicht erklären wollen.

"Das Buch wird immer wieder zitiert, um den Erfolg rechtsgerichteter politischer Parteien zu erklären. Dazu taugt es nur bedingt. Es entlarvt die Entfremdung der bürgerlichen Linken zu dem Milieu, deren Wähler einst auf sie setzten",

meint MÜLLER. Auch das ist nur die halbe Wahrheit. Der homosexuelle Soziologe Didier ERIBON, Biograf von Michel FOUCAULT, gehört zur kulturellen Linken - im Gegensatz zur sozialen Linken. Identitätspolitik ist diesen Linken immer wichtiger gewesen als die soziale Frage. Was aber soll die "bürgerliche Linke" sein? Anhänger von Schwarz-Grün? Mitglieder der Öko-FDP?

Bereits in den 1960er und 1970er Jahren erinnerten bürgerliche Soziologen, die im Grunde gegen die Bildungsexpansion waren, daran, dass Aufstieg durch Bildung zur Entfremdung mit dem Herkunftsmilieu führt. Links oder Rechts ist dabei völlig egal. Bei den Linken führte das jedoch im Dunstkreis des dortigen Moralismus durchaus zu Kontroversen. Es muss als Ironie der Geschichte bezeichnet werden, dass ausgerechnet die SPD als soziale Linke, deren Gewerkschaftsmilieu eher auf den kollektiven Aufstieg der Arbeiterklasse gesetzt hat, zur Partei der erfolgreichen Aufsteiger mutiert ist und dadurch sich selbst von der Arbeiterklasse entfremdet hat.

Alle gegenwärtigen Erklärungsversuche sind angesichts der Komplexität der Entwicklung simplifizierend. Die Geschichte des Rechtspopulismus lässt sich nicht linear erklären, sondern nur aus den Wechselwirkungen der verschiedenen Strömungen, die mit ihren ureigensten Ressentiments und Welterklärungsdeutungen zur heutigen Situation einer gespaltenen Gesellschaft beigetragen haben.     

 
       
   

ROLL, Evelyn (2016): Die Lüge.
Was bedeutet es für die Politik, wenn Fakten nicht mehr zählen? Überlegungen zum Wahljahr 2017,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.11.

Evelyn ROLL langweilt uns mit Printmedien-Ressentiments übers Internet. Es ist nämlich unerträglich für die Besitzstandswahrer der heilen Medienwelt, dass sich ihr Publikum längst von ihnen emanzipiert hat. Die Printmedien sind ja überhaupt nicht abhängig von der Wirtschaft und ihren Lobbyisten, die sich für neoliberale Berichterstattung mit Anzeigen bedanken! Sondern unsere hehre Elite ist lediglich der hehren Aufklärung verpflichtet. Weshalb immer nur andere Zeitungen auf Fakes hereinfallen, aber niemals die eigene Zeitung. Uns kotzt diese Selbstgefälligkeit unserer Blasenelite an: "unabhängige, freie Medien"?

Der Artikel ist ein Armutszeugnis für unsere Medienelite. Sie sollte sich in Grund und Boden schämen.

"Das postfaktische Zeitalter auszurufen und darüber hinaus nichts weiter zu tun, als lässig mit den Schultern zu zucken, das wäre Selbstaufgabe. Dann könnte es sein, dass im Herbst des Jahres 2017 eine noch etwas unangenehmere Vokabel zum internationalen Wort des Jahres ausgerufen wird: postdemokratisch",

sülzt ROLL, die nicht zur Kenntnis nimmt, dass wir längst im postdemokratischen Zeitalter leben, während es ein "postfaktisches Zeitalter" lediglich im Selbstbild unserer Deutungseliten geben kann, denen ihr Publikum abhanden gekommen ist. Wer so weitermacht, der darf sich nicht wundern, wenn er entlassen wird, weil das Blatt bankrott ist!    

 
       
   

GÖBEL, Heike & Sven ASTHEIMER (2016): "Wer tariflich gebunden ist, wird privilegiert".
Die Ministerin hat noch viel vor. Nun will sie die Modernisierungsbremsen im Arbeitszeitgesetz lockern. Im Interview nennt sie ihre Bedindungen dafür. Und stellt klar, was mit ihr in der Rente nicht zu machen ist,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.11.

Zu ihrer Rentenpolitik verbreitet Andrea NAHLES vor allem jene Floskeln, die uns in den Mainstreamzeitungen in den letzten Wochen bereits mantraartig entgegengeschleudert wurden.

Warum die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifabschlüssen in der betrieblichen Altersvorsorge die Enthaftung der Unternehmen aufwiegen soll, das bleibt das Geheimnis von NAHLES, denn bislang zahlt die Zeche allein der Arbeitnehmer.

Im Koalitionsausschuss soll es nach den Willen von NAHLES um einen Ersatz für die ungeliebte solidarische Lebensleistungsrente gehen. Auch die Ostrentenangleichung stehe vor einem Durchbruch:

"Wir haben jetzt schon in manch tarifgebundenen Bereichen Ostdeutschlands 100 Prozent Angleichung an den Westlohn. Die Arbeitnehmer im Osten kriegen dennoch eine höhere Rente, weil sie mehr Rentenpunkte bekommen. Dafür gibt es (...) keine Rechtfertigung mehr",

verkündet uns NAHLES, die damit die Sichtweise der Gewerkschaft übernimmt. Die Kopplung des Renteneintritts an die Lebenserwartung lehnt NAHLES ab. Sie will stattdessen den Renteneintritt flexibilisieren. Konkretes liefert sie uns dazu nicht.

Das Rentenniveau möchte sie aus dem Wahlkampf heraushalten. Aussagen zur Untergrenze behält sie jedoch immer noch geheim. Dabei grenzt sie sich dezidiert nur von der Linkspartei ab. Beim Rentenniveau wird die Dummheit der Leser (?) oder nur der Befürworter einer Stabilisierung des Rentenniveaus unterstellt, um diese dann mit den üblichen neoliberalen Floskeln berichtigen zu können. Die klugen Köpfe denken hierbei nur an die anderen, während die Befürworter die Zeitung gar nicht erst lesen.     

 
       
   

WOLFF, Volker (2016): Komplettdepots für kleines Geld.
Die Vermögensfrage: Portfolio-ETF sind für Privatanleger eine preiswerte Alternative zu aktiv verwalteten Misch- oder Dachfonds. Das Angebot ist allerdings noch sehr übersichtlich,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.11.

 
       
   

HEINSOHN, Gunnar (2016): Der weiße Arbeiter wählte Donald Trump.
Wie kam es zum Siegeszug des Kandidaten? Er spricht eine Bevölkerungsschicht an, die sich als Gruppe neu formiert,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.11.

Gunnar HEINSOHN überträgt sein schlichtes, rechtspopulistisches Weltbild auf die USA:

"Bei den wahlwilligen Weißen des unteren Segments geht es um 35 Millionen Männer und Frauen mit Highschool-Abschluss, aber ohne Studium. Das ist rund ein Drittel der gewöhnlich Abstimmenden. Einschließlich des Nachwuchses geht es um siebzig Millionen Bürger. Sie versehen sich als Mittelschicht. Ihre Löhne aber linken unter dem Niveau des Jahres 2000. Sie sind arbeitsbereit und trauen sich die Härten des industriellen Alltags zu. Das unterscheidet sie vom »white trash«, der zeitweilig oder dauerhaft vom Steuerzahler lebt. Immer mehr allerdings fürchten das Abrutschen in eben diese Unterschicht."

Das "explodierende" Sozialbudget wird uns dann als Ursache allen Übels erklärt, das allein den unwilligen Transferbeziehern zu geschrieben wird - Belege dafür? Fakten sind für HEINSOHN egal, wir müssen unserem Guru glauben oder wir lassen es besser sein.

Auch die schlichte Sicht auf die Politik kennen wir aus seinen Tiraden gegen Transferempfänger in Deutschland.

"140 Millionen Amerikaner arbeiten Vollzeit, während 106 Millionen aus Sozialtöpfen alimentiert werden. 45 Millionen Menschen erhalten monatlich 130 Dollar, um wenigstens Essen auf dem Tisch zu haben."

Bei dieser Aufzählung fehlen rund 80 Millionen Amerikaner, die HEINSOHN unterschlägt. Und wo bleiben hier eigentlich seine weißen Amerikaner, die TRUMP gewählt haben? Zudem wird suggeriert, dass jeder, der Vollzeit arbeitet, nicht alimentiert werden muss:

"Among people in the labor force for 27 weeks or more, 4.1 percent of those usually employed full time were classified as working poor" (A Profile of the Working Poor, 2014, April 2016),

erklärt uns die US-Arbeitsmarktstatistik für das Jahr 2014. Aber was interessieren HEINSOHN schon Fakten? Es geht lediglich um die Bedienung von Ressentiments. Dazu gehört auch sein globaler darwinistischer Kampf um Talente, der den Gegenpart zum Sozialstaat spielt. Auch hier werden uns wieder Zahlen präsentiert, die nicht nachvollziehbar sind. Aber schließlich ist bei HEINSOHN alles nur eine Frage seines schlichten Weltbilds.

 
       
   

BENZ, Matthias (2016): Polens Regierung verrät die Jungen.
Senkung des Rentenalters,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 19.11.

Matthias BENZ kritisiert die Rücknahme der neoliberalen Erhöhung des Renteneintrittsalter auf 67 durch die nationalkonservative Regierung in Polen:

"Das Parlament hat in erster Instanz beschlossen, das Rentenalter wieder auf 65 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen zu senken."

Mehr als die üblichen neoliberalen Standardsätze hat der Artikel nicht zu bieten. Über die tatsächliche demografische Situation in Polen erfährt der Leser nichts.

 
       
   

TSCHINDERLE, Franziska  (2016): Land der Großeltern.
Hoffnung: Aus keinem Staat Europas wandern so viele Menschen ab wie aus der Republik Moldau. Über Studenten, die abhauen. Alte, die zurückgelassen werden, und Eltern, die wiederkommen,
in:
TAZ v. 19.11.

 
       
   

DECKER, Markus & Joachim FRANK (2016): Linke will Butterwegge als Bundespräsidenten.
Der Armutsforscher und Kritiker der Ungleichheit und Hartz-IV-Reformen soll gegen Steinmeier antreten,
in:
Frankfurter Rundschau v. 18.11.

DECKER & FRANK bringen den Neoliberalismus- und Agenda 2010-Kritiker Christoph BUTTERWEGGE als Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten ins Spiel. Eine solche Nominierung wäre ein eindeutiges Signal, das anders als bisherige Nominierungen der Linkspartei endlich die soziale Frage ganz vorne auf die Agenda setzen würde, statt den Opportunisten GABRIEL zu hofieren, mit dem keine wirklich andere Politik möglich wäre. Rot-Rot-Grün ist derzeit keine Option, denn die Grünen stehen eher für Schwarz-Grün und GABRIEL steht für das Weiter-So der Großen Koalition. 

 
       
   

18.11.2016

 
       
   

Wie beim iff-Überschuldungsreport 2016 der Betroffenheitsindex durch die zugrunde liegende Berechnungsmethode beeinflusst wird

PAPON, Kerstin (2016): Vor allem Alleinerziehende sind finanziell gefährdet.
Immer mehr Deutsche sind von Überschuldung bedroht. Das Handy wird zunehmend zur Schuldenfalle,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.11.

Kerstin PAPON berichtet über die PR des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF), die der FAZ zuerst zugespielt wurde. Als Leser muss man einen Zahlenwulst über sich ergehen lassen, bevor uns PAPON erklärt, dass die Aussagekraft der Zahlen bescheiden ist:

"In Deutschland gebe es die wachsende Zahl von 6,85 Millionen Verbrauchern, für die in Auskunfteien wie der Creditreform »Negativmerkmale« gespeichert seien, sagt Dirk Ulbricht, Überschuldungsfachmann des IFF. Nach dem dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist ein Privathaushalt dann überschuldet, wenn Einkommen und Vermögen aller Haushaltsmitglieder über einen längeren Zeitraum trotz Reduzierung des Lebensstandards nicht ausreichen, um fällige Forderungen zu begleichen.
Absolute Zahlen gibt es jedoch nicht. (...). Die Untersuchung basiere auf anonymisierten Daten von 21 Schuldnerberatungsstellen aus allen Bundesländern und beziehe sich auf mehr als 60.000 Haushalte. Ein Großteil der Betroffenen finde den Weg in die Beratungen."

Hätte PAPON uns erst diese Informationen berichtet, dann hätten wir uns den Zahlenwulst ersparen können, denn mehr als Pseudogenauigkeit steckt nicht dahinter. Wir haben es also nicht mit Überschuldeten zu tun, sondern mit jenen Überschuldeten, die eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen. Diese sind aber nicht repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland, weil nicht alle die gleichen Voraussetzung zum Aufsuchen haben.

"Gut die Hälfte der Ratsuchenden lebt allein, wobei in dieser Gruppe mehr Männer als Frauen von Geldnot betroffen sind. Das durchschnittliche Alter lag bei 41 Jahren. Die am häufigsten vertretene Altersgruppe waren 25- bis 35-Jährige mit einem Anteil von rund 28 Prozent",

erzählt uns PAPON über diese spezielle Gruppe unter den Überschuldeten. In der PR dagegen heißt es:

"Der durchschnittliche Klient einer Sozialen Schuldnerberatungsstelle ist 41 Jahre alt, männlich, lebt allein, hat einen Hauptschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung in Form einer Lehre und ist arbeits- und vermögenslos. (...).
27,6 Prozent der Überschuldeten (waren) bei Beratungsbeginn zwischen 25 und 35 Jahre alt. (...) 34,9 Prozent der Ratsuchenden waren bei Beratungsbeginn zwischen 35 und 50 Jahre alt. (...). Die über 50- Jährigen machten unter den Überschuldeten 27,3 Prozent aus." (2016, S.25f.)

Ein Betroffenheitsindex soll uns die Unterschiede einzelner Bevölkerungsgruppen hinsichtlich ihrer Betroffenheit von der Überschuldung aufzeigen. Zu den Alleinlebenden heißt es dazu:

"Von den 4.785 nichtselbständigen Überschuldeten in der Stichprobe waren 2.696 allein lebend. Dies entspricht einem Anteil von 56,3 Prozent. In der Bevölkerung insgesamt liegt der Anteil der allein Lebenden dagegen bei 33,1 Prozent. Der Betroffenheitsindex ist der Quotient der beiden Werte. Allein Lebende sind bei den Überschuldeten somit um den Faktor 1,7 im Vergleich zur Bevölkerung insgesamt überrepräsentiert." (2016, Fn, S.72)

Der Prozentanteil von 33,1 Prozent bezieht sich jedoch nicht auf den Bevölkerungsanteil der Alleinlebenden, der insgesamt lediglich rund 20,4 Prozent inklusive der Selbständigen beträgt, sondern lediglich auf den Haushaltsanteil. Würde dagegen der Faktor für Alleinlebende mit dem Bevölkerungsanteil berechnet, dann läge er genauso wie bei Den Alleinerziehenden bei ca. 3 statt bei der ausgewiesenen 1,7.

Der Anteil der Bevölkerung in Alleinerziehendenhaushalten mit minderjährigen Kindern beträgt 2015 rund 4,6 % (2,1 Millionen Alleinerziehende mit 1,6 Millionen Kinder). Der Faktor dieser Gruppe wird in der Abbildung 18 mit einem Faktor von fast 4 angegeben, was anhand der Mikrozensus-Daten nicht nachvollzogen werden kann. Selbst wenn man rund 6 % Selbständige analog zu der Gesamtzahl der Alleinerziehenden annimmt, kommt man nicht annähernd auf das Ergebnis des IFF. Auch der Text stimmt nicht mit der Angabe der Abbildung überein:

"Insbesondere Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern sind, je nach Anzahl der Kinder mit Betroffenheitsindizes zwischen 3,36 und 4,12, stark überschuldungsgefährdet." (2017, S.27)

Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe an den Überschuldeten wird mit 13,6 % angegeben im Vergleich zu 56,3 Prozent bei den Alleinlebenden, was einen Faktor von ca. 3 wie bei den Alleinlebenden ergeben würde.

Tabelle: Betroffenheit der Alleinlebenden und der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern von Überschuldung im Jahr 2015 bei unterschiedlicher Berechnung des Betroffenheitsfaktor
  Haushalts-anteil Bevölkerungs-anteil Überschuldung Faktor
Haushalt
Faktor
Bevölkerung
Alleinlebende 16,46 Mill.
(39,5 %)
16,46 Mill.
(20,4 %)
56,3 % 1,7* 2,9*
Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern 2,133 Mill.
(5,1 %)
3,78 Mill.
(4,6 %)
13,6 % ca. 3,9* 3*
Anmerkungen: Haushaltsfaktor gemäß IFF, Abbildung 18, S.28; Haushalts- und Bevölkerungsanteile gemäß Fachserie 1 Reihe 3 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Haushalte und Familien, Ergebnisse des Mikrozensus, Jahr 2015;
 * Der Haushaltsfaktor wird vom IFF nur für die Nichtselbständigen angegeben. Gemäß MZ 2015 sind 860.000 der Alleinlebenden und 169.000 der Alleinerziehenden (für Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern fehlen Angaben) selbständig. Der Bevölkerungsfaktor für die Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern wird analog zur Gesamtzahl der Alleinerziehenden nur geschätzt. 

Fazit: Beim Betroffenheitsindex führen unterschiedliche Berechnungsmethoden zu gravierenden Unterschieden bei der Betroffenheit von Bevölkerungsgruppen. Zudem lassen fehlen Zahlenangaben zu den Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern. Die Angaben der Abbildung sind jedenfalls nicht nachvollziehbar. Auch bei den Alleinerziehenden gibt es Differenzen zwischen der heutigen Pressemeldung des IFF:

"Alleinerziehende 2,5-mal mehr unter Überschuldeten vertreten als in der Gesamtbevölkerung"

und der Abbildung 18 des Reports. Offenbar ist beim Schaubild etwas schiefgegangen.        

 
       
   

RETZLOFF, Arne (2016): Ein Stück vom Kuchen.
Das Lügenspiel der ERGO-Versicherungsgruppe - eine Innenansicht,
in:
Neues Deutschland v. 18.11.

Gestern erzählte uns Herbert FROMME in der SZ, dass die Hamburg-Mannheimer mit ihrem Herr Kaiser das Gesicht der Lebensversicherung in Deutschland war. Heute dagegen erzählt uns Arne RETZLOFF von der anderen Seite dieses Gesichts: Die Ergo ist hervorgegangen aus der Victoria und der Hamburg-Mannheimer, deren Manager durch Lustreisen nach Budapest ins Gerede kamen. Das bezeichnet RETZLOFF als

"Sex auf Kosten der Versicherten als Belohnung".

RETZLOFF beschreibt nun das System, mit dem der Lebensversicherer heutzutage seine Versicherungen auf der untersten Ebene unter die Leute bringt:

"Es gibt keine Ausbildungspauschale, kein Gehalt, nichts. Nur über eigene Verträge und Verträge des Teams kann man Einkünfte erwirtschaften und in der Struktur des Konzerns aufsteigen (...). Man (...) stellt seine Arbeitskraft nebenberuflich und unentgeltlich der ERGO zur Verfügung, wobei der Lebensunterhalt in dieser Zeit oft von der Agentur für Arbeit bestritten wird. Darüber hinaus bezahlt man Ausbildung und Gehalt selbst - durch eigene Vertragsabschlüsse, an denen die jeweiligen Strukturhöheren immer kräftig mitverdienen",

schreibt RETZLOFF über das Heer von jungen Menschen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keinen Job finden und in die Fänge von als private Arbeitsvermittler getarnte Menschenmaterial-Zulieferanten der Ergo fungieren. Dort werden diese Schwervermittelbaren mit ihrer Sehnsucht nach dem großen Geld geködert und sollen ihr persönlichen Kontakte ausbeuten. Dazu werden ihnen die Grundlagen des Verkaufsgesprächs eingebleut.

Am Anfang steht die durch die Teilprivatisierung der gesetzlichen Rentenversicherung 2001 geschaffene Versorgungslücke, die mit Altersvorsorgeprodukten der Ergo geschlossen werden soll. Das Mantra, das den Kunden vorgebetet wird, kennen wir aus den Mainstreamzeitungen, die uns unisoni die Kapitaldeckung als angeblich lukrativere Form der Altersvorsorge einreden:

"Es werden immer weniger Kinder geboren, die Menschen werden immer älter, das Verhältnis zwischen Beitragszahler und Rentenempfänger wird immer kritischer. Die gesetzliche Rentenversicherung ist kurz vor dem Kollaps. Die Vorsorgelücke wird immer größer, darum droht Altersarmut, und die einzige Rettung ist eine private Rentenversicherung".

Uns wird erzählt, dass das Rentenniveau in Zukunft bei 40 Prozent liegen wird - und das nutzt in erster Linie den Profitinteressen von Versicherungen und Banken, die bekanntlich über zu geringe Profite jammern. Denn genug ist nie genug. Oder wie es RETZLOFF formuliert:

"Bei der Riester-Rente muss man vier Prozent vom Brutto als Eigenanteil einbringen, um die vollen staatlichen Fördergelder zu erhalten, die wiederum aus Steuermitteln kommen. Für den Arbeitnehmer eine reale Beitragserhöhung, der Arbeitgeber spart seinen Arbeitgeberanteil und die Versicherungen machen garantierte Gewinne."

Befürworter dieses Systems werden einwenden, dass nicht jeder Arbeitgeber knausrig ist und dass es Unterschiede bei den Altersvorsorgeprodukten gibt. Die Vorteile kommen jedoch in erster Linie Besser- und Spitzenverdiener zugute. Der Rest zahlt diese Zeche des Systems.

Fazit: Für 9,50 Euro pro Vertrag auf der untersten Ebene verkaufen diese Mitglieder der Kapitaldeckungssekte ihre Kontakte. Sie brauchen keine Skrupel dabei zu haben, denn Medien und Politik haben längst jegliche Hemmschwelle abgebaut: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer reinfällt ist selber schuld! 

 
       
   

MÜLLER, Hans Christian (2016): Der Dax.
Eine bewegte Börsengeschichte,
in:
Handelsblatt v. 18.11.

"Und auch wenn der Dax bisweilen schwächelte oder einbrach: Mit einem durchschnittlichen Wertzuwachs von knapp neun Prozent pro Jahr bereitete er seinen Anlegern - auf lange Sicht - viel Freude",

lautet eine von vielen Versionen, mit denen uns der Index als Erfolgsgeschichte verkauft wird und unsere Renditegier angestachelt wird. Das Problem: Der Wertzuwachs ist ein Fake, denn in der Praxis ist diese Rendite nicht erreichbar.

Den DAX gibt es erst seit 1988 und wer älter ist, der weiß, dass 1987 mit dem Börsen-Crash die Yuppie-Dekade begann (Gerne wird das Gegenteil erzählt). Der DAX resultierte also aus einem Imageproblem der Börse.

Verschwiegen wird gerne die Tatsache, dass die 30 Konzerne, die den DAX bilden, in nur 28 Jahren vielfach wechselten. Die Grafik nennt 57 Konzerne, die in dieser kurzen Zeitspanne den Index bildeten.

Lediglich 14 Konzerne konnten sich über die ganzen 28 Jahre im DAX halten. Ein Konzern flog in dieser Zeit zwei Mal aus dem Index. Unter jenen Konzernen, die auf der Strecke blieben, finden sich einstmals klangvolle Namen wie Hypo Real Estate, Dresdner Bank, Hannover Rück, Karstadt-Quelle, Kaufhof//Metro, MLP und Nixdorf.

Fazit: Was uns die Verfechter der Kapitaldeckung als Erfolgsgeschichte preisen, ist eine Misserfolgsgeschichte. Kein durchschnittlicher Anleger kann jene Rendite von 9 Prozent erreichen, die uns das Handelsblatt präsentiert. Es ist wie mit den Abgastests: Nur auf dem Zeitungspapier und in Studien werden die Werte erreicht, die uns als Köder vorgesetzt werden. Allein die Kosten von Kauf- und Verkauf bzw. die Depotkosten schmälern die Rendite drastisch. Auch ETF-Indexfonds erreichen den Spitzenwert nicht, denn geschlossene oder zusammengelegte Fonds bleiben in der Regel bei den Erfolgsgeschichten außen vor.     

 
       
   

JAKOBS, Hans-Jürgen (2016): Die wahren Herren der Welt.
Deutschland AG, das war einmal. Jetzt hat die New York Inc. das Sagen: Ein Netz aus US-Vermögensverwaltern kontrolliert inzwischen weite Teile der Weltwirtschaft. Ihr Renditehunger könnte eine neue Finanzkrise auslösen,
in:
Handelsblatt v. 18.11.

 
       
   

SCHWERDTFEGER, Heike (2016): Wie Versicherte den Renditeturbo einschalten.
Fondspolicen: Mit den richtigen Fonds können Versicherte die Rendite ihrer fondsgebundenen Lebens- und Rentenpolicen steigern - und langfristig profitieren,
in:
Wirtschaftswoche Nr.48 v. 18.11.

Fondsschließungen sind für Heike SCHWERTFEGER - anders als für SZ und FAZ - kein Problem, sondern lediglich eine Herausforderung:

"2,4 Milliarden Euro Vermögen sind derzeit unmittelbar betroffen. Sie sind in Garantiefonds der DWS-Flex-Pension-Palette angespart worden. Doch 17 der 22 Fonds werden jetzt geschlossen. Das Geld muss in andere Fons umgeschichtet werden. Doch nicht nur die von den Fondsschließungen betroffenen Versicherten, sondern alle gut 14 Millionen Kunden mit fondsgebundenen Policen sollten regelmäßig überprüfen, ob ihre Fonds noch die Erwartungen erfüllen".

Verbraucherschutz sieht anders aus. SCHWERTFEGER ist nichts als eine willige Erfüllungsgehilfin der Finanzdienstleisterlobby. Dazu gehört z.B. die Ratingagentur Assekurata, die von SCHWERTFEGER hofiert wird:

"Die WirtschaftsWoche stellt die empfehlenswertesten Fonds der fünf - gemessen am auf Fondspolicen entfallendem Beitragsteil - größten Anbieter vor (...) Da Assekurata von einigen Anbietern keine Daten vorlagen, konnten sie nicht berücksichtigt werden."

Uns werden 18 Fondspolicen vorgestellt. Allein 7 Fonds stammen von der Deutsche Bank-Tochter DWS, die gemäß SCHWERTFEGER 17 ihrer 22 Fonds geschlossen hat, was kein Ausweis für die Güte dieser Fondsgesellschaft ist. Jemand mit gesundem Menschenverstand würde die Finger weg lassen, denn was ist ein Rating Wert, wenn die Basis lediglich aus noch nicht geschlossener Fonds besteht? Schulnoten zu vergeben (alternativ Sterne) täuscht vor, dass es möglich ist, gute von schlechten Fonds zu trennen, aber die dahinter stehenden Kriterien werden nicht offen gelegt. Und wie kann ein Fonds, der bei Risiko mit "mangelhaft" bewertet wird, noch ein Gesamturteil von "gut" bekommen?

Man muss den Artikel bis zur letzten Seite lesen, um zu den Problemen zu kommen. Da wird uns als Beispiel nicht etwa eine deutsche Fondsgesellschaft als unseriös dargestellt, sondern eine Gesellschaft für Investmentprodukte GIP International aus Luxemburg. Die unseriösen Praktiken der Aachen-Münchener, die bei den fünf größten Anbietern aufgeführt ist, werden uns von SCHWERTFEGER sogar noch als Positivbeispiel präsentiert:

"Viele der von den aktuellen Flex-Pension-Fondschließungen betroffenen Kunden haben Policen der Aachen-Münchener Versicherung abgeschlossen. Vor allem Verkäufer der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) haben sie vertickt - das Deutsche-Bankd-Fondshaus DWS pflegt eine exklusive Vertriebskooperation mit der DVAG.
Deshalb bietet das Unternehmen den Anlegern nun auch DWS-Fonds als Alternative an. Darunter auch sehr gute Aktienfonds (...). Weil viele der Flex-Pensions-Fonds aber risikoarme Garantiefonds waren, ohne große Kursschwankungen, dürfte Kunden ein Umstieg auf riskantere Aktienfonds mitunter schwerfallen. Unter den DWS-Fonds bliebe dann der DWS Balance als Alternative."

Am Schluss macht SCHWERTFEGER aus dem DWS-Missmangement sogar noch einen angeblichen Vorteil des Kunden:

"Ohne die aktuellen Fondschließungen wäre sie ihrem Flex-Pensions-Fonds treu geblieben. Streng genommen muss sie der Fondsgesellschaft für die Schließung dankbar sein."

Nur eine gewiefte Verfechterin der Kapitaldeckung, kann auf solch eine absurde Wendung kommen und Missmanagement zur Wohltat für Kunden zu stilisieren! Freiwillige Einzahlungen in die gesetzliche Rente sind da sicher lukrativer als Altersvorsorge. Lebensversicherungen sind lediglich für Besserverdiener mit zuviel Geld und jene, die biometrische Risiken versichern müssen, sinnvoll.

Langfristig profitieren ist einer der Slogans. Das hat den Vorteil, dass eine Überprüfung nicht möglich ist. Erst am Ende kommt die Stunde der Wahrheit, aber dann sind unsere Ratgeber bereits über alle Berge und wir stehen allein da mit unserer Fehlentscheidung. Die Finanzdienstleister gewinnen immer: Wir haben Missmanagement betrieben? Kein Problem: der Kunde zahlt die Zeche!

SCHWERDTFEGER, Heike & Niklas HOYER (2016): Kostengünstig auf Börsentrends setzen.
Indexfonds/ETF: ETFs mit Gold und Schwellenländern sind die Gewinner des Jahres. Welche Indexfonds auch für 2017 noch Potenzial bieten,
in:
Wirtschaftswoche Nr.48 v. 18.11.

 
       
   

GINSBURG, Hansjakob (2016): Männer lügen gern am Telefon.
Interview mit Arie Kapteyn: Warum die Demoskopen bei der Trump-Wahl so falsch lagen - und was sich daraus für die empirische Wirtschaftsforschung ableiten lässt,
in:
Wirtschaftswoche Nr.48 v. 18.11.

"Große Demoskopieunternehmen wie Gallup und YouGov haben sich blamiert, ein in Kalifornien lehrender niederländischer Ökonomieprofessor und seine Mitarbeiter lagen dagegen richtig",

erklärt uns Hansjakob GINSBURG zu Arie KAPTEYN, der seine Forschungen im Auftrag der Los Angeles Times durchführte. Im Interview geht es in erster Linie um Kritik an Telefonumfragen und soziale Erwünschtheit als Problem.

 
       
   

17.11.2016

 
       
   

Der Rentenversicherungsbericht 2016 in den Medien

ÖCHSNER, Thomas (2016): Altersbezüge steigen leicht an.
Bundesregierung erwartet bis 2030 pro Jahr 2,1 Prozent Plus,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

 
       
   

ÖCHSNER, Thomas (2016): 47 statt 45.
Wie viele Jahre arbeitet ein Durchschnittsmensch bis zur Rente?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Bei der Debatte um das Rentenniveau versuchen Neoliberale die Debatte auf die Kosten zu reduzieren, um eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung durchzusetzen. Diese ist jedoch nicht allein Garant einer kostenlosen Rentenniveaustabilisierung, sondern es braucht auch eine Neudefinition der Standardrente. Thomas ÖCHSNER, der derzeit eine Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters aus taktischen Gründen ablehnt, stellt deswegen - im Gegensatz zur FAZ, wo es umgekehrt ist - diese Neudefinition nun isoliert von solchen Plänen vor. Dazu nennt er dessen Befürworter von der Bundesbank über die Wirtschaftsweisen bis zu IW Köln und BDA - also die ganze Phalanx der Unternehmenslobbyisten.

Unternehmenslobbyist Jochen PIMPERTZ vom IW Köln, der bereits im Frühjahr die Kosten von Rentenniveaustabilisierungen für die Arbeitgeberseite berechnet hat, hat nun die Neudefinition mit seinem Pamphlet Rente realistisch gerechnet wieder ins Spiel gebracht. Johannes STEFFEN hat dies im Sozialpolitikportal vorgestern kritisiert, was ÖCHSNER auch erwähnt.

Während die BDA die Lebensarbeitszeit künftiger Rentner schön rechnet, zeigt der Rentenversicherungsbericht, dass die tatsächliche Lebensarbeitszeit derzeit eher den 43 Beitragsjahren entspricht, die von dem IG Metall-Vorsitzenden Hans-Jürgen URBAN als Bezugspunkt der Standardrente gefordert werden:

"Derzeit ist der durchschnittliche Arbeitnehmer allerdings von den 45 Beitragsjahren und erst recht von 47 Beitragsjahren noch weit entfernt. Dem neuen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung zufolge kamen Männer Ende 2015 im Durchschnitt auf 41,5 Jahre, in denen sie Rentenansprüche erworben haben. Bei Frauen sind es sogar nur 30,8 Jahre."

Die Debatte ist jedoch unvollständig, wenn nicht der Ifo Schnelldienstartikel von Axel BÖRSCH-SUPAN u.a. berücksichtigt wird, denn erst dort wird die ganze Stoßrichtung dieser Debatte erkennbar.

 
       
   

GENTRUP, Anna (2016): Neue Kapitalquelle willkommen.
Die Versicherer freut es, dass die Regierung über Privatinvestoren nachdenkt. Das finden nicht alle gut,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Vor 6 Wochen hat die Versicherungslobby ein Gutachten veröffentlicht, mit dem sie ihre Interesse an mehr Privatinvestitionen kundtat. Kaum ist das geschehen, da will der Bundesfinanzminister diese Investitionen auch schon fördern. Anna GENTRUF zitiert Carsten ZIELKE, der bei der SZ die Versicherungsbranche in Regulierungsfragen vertritt. Der Begriff "Finanzanalyst" soll das verschleiern. Aber natürlich sind die Versicherungen nur unter bestimmten Bedingungen zu Investitionen bereit - schließlich wollen sie davon profitieren. Die Allgemeinheit soll also die Zeche zahlen, die sich die Versicherungen bei der Altersvorsorge selber eingebrockt haben: Mit hohen Garantieversprechen haben sie sich zur besseren Alternative zur gesetzlichen Rentenversicherung stilisiert - nun wollen sie sich ihrer Verantwortung entziehen und der Finanzminister hilft ihnen gerne dabei. Als einzigen Kritiker präsentiert uns Axel KLEINLEIN vom Bund der Versicherten.

 
       
   

FROMME, Herbert (2016): Herr Kaiser kommt nicht wieder.
Die klassische Lebensversicherung ist in der Krise. Dabei gibt es einen großen Markt für die Altersvorsorge,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Herbert FROMME erklärt uns, dass die Versicherer in den 1990er Jahren die Bundesregierung dazu gedrängt hat, die Obergrenzen für Zinsgarantien nach oben zu setzen, um gegenüber den Banken ein Alleinstellungsmerkmal zu haben:

"Der Garantiezins für die gesamte Dauer des Vertrags war das Alleinstellungsmerkmal, auch wenn er nicht auf die eingezahlte Summe, sondern nur auf den Sparanteil gutgeschrieben wird. Er beträgt bei den meisten Gesellschaften um die 90 Prozent der Zahlungen, bei manchen auch nur 80 Prozent oder noch weniger."

Nun wollen sie sich aus ihrer Verantwortung für die damaligen vollmundigen Renditeversprechen stehlen. Die Zinszusatzreserve stellt FROMME als Hilfestellung des Gesetzgebers dar, die jedoch neue Probleme aufgeworfen hat:

"Der Gesetzgeber hat geholfen und eine besondere Reserve für die Alt-Garantien eingeführt, die Zinszusatzreserve. Aufgebaut wird sie aber nicht von den Aktionären der Versicherer, die damals die Zinsgarantien abgaben, sondern von den übrigen Kunden mit niedrigeren Garantien. Ihre Renditegutschriften werden gekürzt, damit die Versicherer die hohen Garantien bedienen können."

FROMME weist auf unseriöse Praktiken hin, mit denen nun Versicherer versuchen ihre Kunden mit lukrativen Garantien loszuwerden. Bei den Alternativen stellt FROMME das Kostenproblem in den Mittelpunkt, das Friederike KRIEGER ausführlicher behandelt. Auch die Abwicklung von Altverträgen wird als Möglichkeit der Versicherer genannt.

Das Betriebsrentenstärkungsgesetz erklärt FROMME zum Rettungspaket für Lebensversicherer, denen ein lukrativer neuer Markt erschlossen werden soll. Dazu dient das Opt-Out-Modell, das mit sanftem Zwang auch Arbeitnehmer, die als Geringverdiener kaum profitieren können, in die Fänge der Finanzdienstleister locken soll.

"Bezieher kleiner Einkommen (...) haben selten die 100 Euro bis 200 Euro monatlich übrig, die sie zum Ansparen für eine fühlbare private Altersrente brauche. Wer im Berufsleben arm ist, weil er schlecht verdient, ist auch arm als Rentner",

meint FROMME, der vor allem bei den Besserverdienenden und Selbständigen einen Bedarf an privater Altersvorsorge sieht.

"Möglicherweise legen Banken und Sparkassen doch sinnvolle Sparpläne und Entnahmepläne auf, statt nur an den Provisionen aus der Vermittlung von Lebensversicherungen an ihre Kunden verdienen zu wollen",

hofft FROMME. Warum aber sollten Finanzdienstleister freiwillig ihre Profite schmälern wollen?

KRIEGER, Friederike (2016): Komplizierte neue Welt.
Neuartige Lebensversicherungen versprechen mehr Rendite, sind aber teuer und intransparent,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Friederike KRIEGER berichtet darüber wie uns die Lebensversicherer mit neuen Altersvorsorgeprodukten abzocken wollen. Es reicht ihnen nämlich nicht, dass sie keine Zinsgarantien mehr geben müssen, sondern selbst Beitragsgarantien sind ihnen zu viel. Dazu wird Lars HEERMANN von der Ratingagentur Assekurata zitiert:

"Heermann erwartet, dass die Gesellschaften die Produkte überarbeiten und nur noch zwischen 40 und 80 Prozent des eingezahlten Kapitals garantieren werden".

Zu den erhöhten Risiken der Versicherten kommen horrende Kosten hinzu, denn die neuen Produkte, vor allem fondsgebunde Policen, müssen nicht nur den Vertrieb, sondern auch noch die Fondsverwalter nähren. Sollten die Fonds nicht so laufen wie die Anbieter das wünschen, dann können sie zudem - auf Kosten der Versicherten einfach geschlossen werden.     

 
       
   

Das Betriebsrentenstärkungsgesetz in den Medien

TAUBER, Jonas (2016): Was die Rente vom Chef kann.
Die Reform der betrieblichen Altersversorgung soll mehr Geringverdiener zur Vorsorge motivieren,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.11.

Jonas TAUBER lobt vor allem das Opting Out-Modell, mit dem Arbeitnehmer in die Kapitaldeckung gelockt werden sollen - auch wenn sie davon nicht profitieren. Es reicht ja, wenn die Besserverdienenden und die Finanzdienstleistungsbranche davon profitiert.

"Sozusagen als Ausgleich für den Wegfall der Arbeitgeberhaftung ist schließlich geplant, dass Arbeitnehmer bei den Sozialabgaben besser gestellt werden, wenn sie aus dem eigenen Brutto-Einkommen betrieblich vorsorgen. Das heißt im Fachjargon »Entgeltumwandlung«",

erklärt uns TAUBER. Das sieht aber nur Herbert KARCH (ABA) so, der hier fünf statt vier Prozent sozialabgabenfrei stellen möchte.

"Eine Erhöhung des sozialabgabenbefreiten Rahmens bei der Entgeltumwandlung bedeutet nämlich, dass die Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung sinkt. Damit die Rechnung aufgeht, müsse die bAV bei der Rendite gegenüber der gesetzlichen Rentenverischerung im Vorteil sein. Das sei aber nicht unbedingt der Fall",

hält Axel KLEINLEIN als Vorsitzender des Bundes der Versicherten entgegen. Auch das ist nur die halbe Wahrheit der Verfechter der Kapitaldeckung. Viel gravierender ist, dass mit der sozialabgabenfreien Betriebsrente alle Versicherten der gesetzlichen Rentenversicherung geschädigt werden - und zwar über die Rentenformel. Dies wäre eine Schwächung der gesetzlichen Rente, die von den Verfechtern der Kapitaldeckung offenbar so gewollt ist.

Zum Schluss kommt noch der oberste Versicherungswirtschaftslobbyist Alexander ERDLAND zu Wort, der gegen jegliche Regulierung ist, die den Finanzdienstleistern Auflagen in Sachen Altersvorsorge machen will. Schließlich möchten die Versicherer weiterhin Garantien abgeben dürfen - die Kosten und Risiken  trägt dann schließlich der Versicherte allein! Alleinstellungsmerkmale haben schließlich ihren Preis. 

CREUTZBURG, Dietrich (2016): Betriebsrente - ein giftiges Geschenk für die Tarifparteien.
Ein neuartiges Sozialpartnermodell soll aus der betrieblichen Altersversorgung eine starke Säule machen. Diejenigen, denen es vermeintlich in die Hände spielt, sind aber nicht begeistert,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.

Es war ungewöhnlich Still um das geplante Betriebsrentenstärkungsgesetz gewesen und hier wurde deshalb schon vermutet, dass Gewerkschaften und Arbeitgebervertreter einen für sie lukrativen Kompromiss auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgehandelt haben.

Nun präsentiert uns Dietrich CREUTZBURG doch noch etwas Unmut der FAZ:  Die FAZ-Unternehmenslobby hatte  ja eine umfassende Festschreibung des Pay-and Forget-Prinzips, d.h. eine vollkommene Enthaftung der Arbeitgeber, in Aussicht gestellt.

Eine Analyse des Metallarbeitgeberverbandes Südwest soll dieser Forderung Nachdruck verleihen, indem sie Pensionsrückstellungen und Gerichtsurteile zu gravierenden Risiken für die Arbeitgeber stilisiert. Die "Zielrente", eine Errungenschaft die der neoliberalen Rentepolitik der Niederlande zugeschrieben wird, spielt dort dem Rechtspopulisten Geert WILDERS in die Hände, was uns CREUTZBURG verschweigt. Dem lediglich die Profite der Finanzdienstleister und der Arbeitgeber am Herzen liegen.

Die FAZ-Unternehmenslobby ärgert insbesondere, dass im Gesetz die Zielrente nicht allgemein festgeschrieben ist, sondern dem Aushandlungsprozess der Tarifpartner überlassen wird.

"Betriebe, die gerade unter alten Betriebsrentenzusagen ächzen, suchen eher Kompromisse als solche, die bisher keine Betriebsrenten anbieten. Und Arbeitnehmer, die schon über garantierte Ansprüche verfügen, sehen die Zielrente im Zweifel anders als solche, die noch nichts haben",

beschreibt uns CREUTZBURG holzschnittartig die Interessenlage eines Teils der Belegschaft, denn es geht ja nicht um die Frage Stärkung der gesetzlichen Rente statt Ausbau der Betriebsrente zu Lasten von Arbeitnehmern, sondern nur um Verbesserungen bei der Kapitaldeckung.

Warum solch weitreichendes Entgegenkommen der Arbeitgeber? Die Hauptstoßrichtung liegt auf der Zähmung der Gewerkschaften. Diese soll ihre Aktivitäten zur Stabilisierung des Rentenniveaus zügeln:

"Zudem begleitet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die gesamte Betriebsrentenreform bisher eher halbherzig, denn sein Hauptziel ist die Rückkehr zu einer gesetzlichen Rente, die auch ohne Zusatzvorsorge ausreicht.",

klagt deshalb CREUTZBURG, der unterschlägt, dass auch innerhalb der Einzelgewerkschaften die Interessen breit gestreut ist zwischen jenen, die bereits eigene Versorgungswerke eingerichtet haben, und jenen, die den Niedriglohnsektor repräsentieren wie Ver.di. Und der DGB ist keineswegs gegen einen Ausbau der Betriebsrente wie CREUTZBURG zugibt:

"Der gesetzliche Weg, um Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären und alle Betriebe einer Branche unter deren Vorgaben zu zwingen, könnte ja noch deutlich geöffnet werden, heißt es: die Ausnahme würde dann zur Regel. Angeblich würde der DGB dann zum Dank im befürchteten Rentenwahlkampf 2017 milder auftreten."

Dies ist keineswegs abwegig, sondern durchaus eine Gefahr, dass die Interessen der gesetzlichen Rentenversicherung dem Eigeninteresse des Machtausbaus geopfert werden.

Herbert KARCH, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Altersversorgung, kurz ABA, und gleichzeitig Chef der Metallrente, ist da auch als Gewerkschafter ganz Lobbyist der Kapitaldeckung. Dem geht es auch nicht um Geringverdiener, sondern in erster Linie um die Besser- und Spitzenverdiener, die sich gerne stärker durch die unsolidarische Entgeltumwandlung bereichern würden.

Solche Positionen gefallen natürlich CREUTZBURG, der auf den lächerlich geringen Betrag von 350 Millionen Euro hinweist, die das Betriebsrentenstärkungsgesetz den Schwarze-Null-Verteidiger kostet. Subventionen für die Finanzdienstleister aber können natürlich nie hoch genug sein. 

 
       
   

OBERTREIS, Rolf (2016): Eine Aktie fürs Volk.
Vor 20 Jahren hat die Telekom mit ihren ersten Anteilsscheinen die Deutschen für die Börse begeistert - dann kam der Crash,
in:
Tagesspiegel v. 17.11.

"Insgesamt haben der Niedergang der einstigen Volksaktie, die hohen Verluste und die langjährigen Prozesse der deutschen Aktienkultur einen schweren Schlag versetzt. Das Papier der Telekom sollte die Deutschen zu einem Volk der Aktionäre machen. Doch stattdessen bleiben sie Aktienmuffel. Und zwar vor allem wegen der Telekom. Nur 9,5 Millionen Bundesbürger besitzen Aktien oder Aktienfonds",

jammert Rolf OBERTREIS. Die Telekom ist schuld? Das ist ziemlich blödsinnig! Schuld sind unsere Finanzexperten, die uns das Blaue vom Himmel herunterlügen, um uns mit unrealistischen Renditen zu ködern. Jeder, der kein Geld übrig hat, um es an der Börse zu verbrennen ("Streuung" heißt das im Finanzsprech), sollte die Finger vom Kapitalmarkt lassen und das ist gut so! Vor allem mit Indexfonds wollen wir verführt werden. Hier winken angeblich sagenhafte Renditen. Von den 30 Dax-Konzernen, die vor 28 Jahren bei der Einführung des Index existieren schafften es nicht einmal 50 Prozent durchgängig im Dax notiert zu sein. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus. Symbolträchtig ist die Tatsache, dass jene Bank, dessen Turm einst als Werbefläche für die T-Aktie diente, längst untergegangen ist: Die Dresdner Bank.

 
       
   

NIRP. (2016): Liberale Verwalter wider den Wettbewerb.
Von wegen passiv und harmlos: Vermögensverwalter wie Blackrock pochen auf marktgerechte Unternehmenspraktiken und hemmen gleichzeitig den Wettbewerb,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.11.

 
       
   

KOLF, Florian (2016): Unterschätzte Generation.
Demografischer Wandel: Die Alterung der Gesellschaft lässt den privaten Konsum steigen, wie eine Studie zeigt. Doch viele Händler haben Service und Angebot noch nicht auf die kaufkräftige Klientel eingestellt,
in:
Handelsblatt v. 17.11.

Florian KOLF berichtet macht viele Worte, sagt aber wenig Gehaltvolles zum Trendmonitor Konsum 2016 des Einzelhandelsverband. Mit möglichst wenig Aufwand will der Einzelhandel den älteren Menschen ihr Geld aus der Tasche ziehen. Angeblich sind die Alten kaufkräftig - eher ist es so, dass der Rest nicht zählt.

Eine Grafik argumentiert mit der Zunahme der Konsumausgaben an den "ausgabefähigen Einnahmen in Prozent". Aufschlussreicher wäre die Angabe von absoluten Zahlen, denn was nützt die Tatsache, dass ein größerer Anteil der Alterseinkünfte für Konsum ausgegeben werden kann, wenn diese Alterseinkünfte sinken? Aber natürlich weiß man beim Handelsblatt Research Institute genau, mit welchen statistischen Tricks man zum gewünschten Ergebnis kommt! Marketing ist alles.

 
       
   

HÖPFNER, Axel (2016): "Kein großer Sieg für die CDU".
Der Finanzminister im Gespräch über die Bundespräsidentenwahl, die Rente - und Donald Trump,
in:
Handelsblatt v. 17.11.

Bei der Rentenpolitik hat der Finanzminister keine eigene Meinung, sondern er gibt nur das weiter, was ihm die BDA auf ihrer Website als Leitlinie vorgegeben hat.

 
       
   

SIEMS, Dorothea (2016): Absturz wegen versteckter Schulden.
Die Sozialpolitik der großen Koalition und die Flüchtlingskosten treiben das deutsche Defizit ab 2020 in die Höhe. Selbst Italien und Portugal stehen besser da - wenn sie ihre Rentenreformen wirklich umsetzen,
in:
Welt v. 17.11.

Dorothea SIEMS hofiert den Unternehmenslobbyisten Bernd RAFFELHÜSCHEN, der mit Generationenbilanzen die Staatsschulden schlecht rechnet und damit der Finananzdienstleistungsbranche entgegenkommt, die nach Profiten und Stärkung des Kapitalmarktes zu Lasten der auf die Altersvorsorge angewiesenen Menschen giert.

Während Unternehmen gerne über ihre Pensionslasten jammern, um noch mehr Risiken auf die Arbeitnehmer und Steuerzahler abwälzen zu können, soll der Staat mit Subventionen Geringverdiener dem Kapitalmarkt in die Hände treiben. Statt Wettbewerb im Altersvorsorgebereich dominiert Abzocke der Kunden. Mit ihren vollmundigen Renditeversprechungen Anfang des Jahrtausends wollen die Versicherungsunternehmen nichts mehr zu tun haben. Die Kunden sollen jetzt umsteigen auf möglichst risikoreiche und teuere Altersvorsorgeprodukte, damit die Profite noch mehr steigen. RAFFELHÜSCHENs Generationenbilanzen, die angeblich für mehr Generationengerechtigkeit sorgen sollen, fördern das genaue Gegenteil: steigende Altersarmut für zukünftige Generationen.

Fazit: Wer seine Daten nicht offen legt, sondern wie bei diesem EU-Nachhaltigkeitsranking nur ein paar bunte Grafiken und belanglose Tabellen veröffentlicht, der hat offenbar Angst, dass man seine Berechnungen nachprüfen kann. Das ist kein Zeichen von Seriosität, sondern von PR, die nur den Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt.      

 
       
   

ETTEL, Anja & Holger ZSCHÄPITZ (2016): Immobilienblase wird offiziell zum Risiko.
Die Preise für Häuser und Wohnungen steigen rasant und flächendeckend. Das beunruhigt zunehmend die Bundesbank. Sie kennt die fatalen Folgen,
in:
Welt v. 17.11.

 
       
   

OTTO, Stefan (2016): Mehr Hilfen für Alleinerziehende.
Die Bundesregierung weitet staatliche Vorschusszahlungen massiv aus, wenn Elternteile für den Unterhalt ihrer Kinder nicht aufkommen,
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

 
       
   

Gebietsreformen in der Debatte

FRITSCHE, Andreas (2016): Mehr Geld oder größerer Landkreis.
Landratskandidat in Oder-Spree fordert Lösung für das hoch verschuldete Frankfurt (Oder),
in:
Neues Deutschland v. 17.11.

 
       
   

BAUREITHEL, Ulrike (2016): Wer sich Armut leistet, ist schlicht dumm: Auf Dauer verlieren nämlich alle.
Über den Index für soziale Gerechtigkeit,
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

Auch Ulrike BAUREITHEL zitiert unreflektiert die PR der neoliberalen Bertelsmannstiftung. Lassen sich Interpretationen einer neoliberalen Privatinstitution ohne Glaubwürdigkeitsverlust übernehmen, solange die Zahlen irgendwie mit der eigenen Intention verbinden lassen? Es ist das Hauptproblem Möchtegern-Linker, dass sie die Zahlen Neoliberaler einfach übernehmen und damit deren Position nur noch umso mehr stärken. So findet keine Abgrenzung statt, sondern lediglich eine selektive Lesart von angeblich unumstößlichen Fakten.

Weder lesen wir etwas über die Uneindeutigkeit des Begriffs "Vollzeitjob" in der Bertelsmann-PR, noch wird zwischen dem EUROSTAT-Begriff "Langzeiterwerbslosigkeit" und dem Begriff "Langzeitarbeitslosigkeit" unterschieden. Die Differenzen sind keineswegs unbedeutend. Wer so fahrlässig mit Fakten umgeht wie unsere Eliten, der darf sich nicht wundern, dass Begriffe wie "Lügenpresse" kursieren und die Glaubwürdigkeit der traditionellen Medien sinkt. Linke ärgern sich zwar über Falschdarstellungen der anderen, ihre eigenen Defizite kehren sie dagegen genauso unter den Tisch.    

 
       
   

KRÜGER, Anja (2016): Die Unvollendete.
Andrea Nahles hat sich für die Rolle der Arbeitministerin neu erfunden. Nun will sie die Rente reformieren,
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

Anja KRÜGER porträtiert Andrea NAHLES, die als Parteilinke begann und von Ihresgleichen immer noch als Hoffnungsträgerin gesehen wird.

"Für ihre politische Zukunft mitentscheidend ist, ob es ihr gelingt, beim Rentengipfel der Großen Koalition ein kluges Konzept vorzulegen und die weitere Ausweitung der Lebensarbeitszeit zu verhindern",

meint KRÜGER, die den Begriff der "doppelten Haltelinie" eher nicht als Schritt in die richtige Richtung deutet:

"Das klingt nach einem klassischen sozialdemokratischen Kompromiss, der die Erosion der SPD-Wählerschaft bescheunigen statt aufhalten dürfte." 

 
       
   

KULLMANN, Katja (2016): Furcht vor klugen Köpfen.
Klassenkampf: An Trumps Wahlerfolg seien vor allem linksliberale Intellektuelle schuld, ist nun vielfach zu lesen. Eine Widerrede,
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

"Die Gefahr des Aneinandervorbeiredens, der Kontaktverlust zwischen Gebildeten, Bildungsverlierern und denjenigen, die von Bildung gänzlich abgehängt sind (...) ist aktuell ein Schlüsselthema, gerade für viele linke und liberale Denkerinnen und Künstler",

behauptet Katja KULLMANN. Belege dafür sucht man jedoch vergeblich. Wenn überhaupt, dann wird darüber von oben herab schwadroniert. Die Verachtung für jene jenseits des individualisierten Milieus tropft aus jeder Zeile. KULLMANN will alle, die nicht die Anerkennung von Minderheiten über die Umverteilungsfrage stellen, sondern die Priorität bei der sozialen Frage sehen, ausgrenzen und in die rechte Ecke stellen. Es gibt bei ihr keinen Ort außerhalb dieses dämlichen Dualismus. Nancy FRASER nennt das zu Recht halbierte Gerechtigkeit.

Die entscheidende Frage ist dann, warum es überhaupt so weit kommen konnte und warum diejenigen, die sich für die besseren Menschen halten, nicht in der Lage waren, ein faires Angebot an das nicht-individualisierte Milieu zu machen. Statt also die eigene Position zu reflektieren, geht es in dem Artikel um simple Freund-Feind-Bilder.

Für Deutschland sieht sie die Anfänge der Verachtung bei neubürgerlichen Mitläufern wie Norbert BOLZ oder Jan FLEISCHHAUER. Die Anfänge des Problems liegen jedoch in der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme, die Rot-Grün entfachte und dadurch rechtes Gedankengut salonfähig machte. Wer die Doppel-Karriere-Familie und Gentrifizierung zum Maß der Dinge macht, der darf sich nicht wundern, dass damit die Klassengesellschaft genauso vorangetrieben wird wie durch die Hartz-Gesellschaft und die neue Niedriglohn-Dienstbotengesellschaft.

Ganz lächerlich wird es, wenn KULLMANN einen Gegensatz von "rechts oben" und "links unten" aufbaut. Wer soll das sein "links unten"? Sicher nicht die Öko-FDP namens Grüne und auch nicht die SPD oder die Demokraten als Partei der erfolgreichen Aufsteiger.

Eine "Neue Linke" soll es in den USA und hierzulande geben. Leider fehlen dafür jegliche Belege. Hierzulande ist die Linke ein zerstrittener Haufen, der sich höchstens selber zerfleischt. Feindbilder sind das eine, ein Programm, das Mehrheiten erreichen kann, ist das andere. Außer einem Feindbild hat KULLMANN nichts zu bieten und das ist traurig genug.

Man muss umblättern, um Konkreteres über "neue Ansätze" zu erfahren. Da ist von "Klassismus" die Rede von vom "bedingungslosen Grundeinkommen" - eher nichts Originelles.

"Schauen wir auf zwei hiesige Zeitgenossen: den Lagerarbeiter mit Zeitvertrag und den freigesetzten Journalisten mit Doktortitel und 80-Euro-Aufträge. (...). Bei beiden ist das Geld knapp. Doch der Journalist verfügt über kulturelles und soziales Kapital, das ihm erlaubt, gehört zu werden. Wenn er sich jetzt (...) dazu durchringen könnte, seine Statusangst abzulegen und seiner eigenen Prekarisierung und Marginalisierung ins Auge zu blicken, würden ihm vielleicht noch mehr Wege einfallen, mit dem Kollegen im Warenlager ins Gespräch zu kommen. Um gemeinsam die Schlagkraft zu erhöhen",

stellt KULLMANN eine Vision an den Schluss ihres Artikels. Diese Vorstellung erinnert fatal an die 1970er Jahre, als die Neue Linke die Arbeiter entdeckte und sich zu deren Führern aufzuschwingen wollte. Das Gespräch war damals genauso einseitig wie es heute sein würde. Der Lagerarbeiter müsste ebenfalls einen Doktortitel haben, damit ein Gespräch zustande kommen könnte. Eine Überwindung unserer Klassengesellschaft sieht anders aus.

 
       
   

Christian Baron - Proleten Pöbel Parasiten

VALIN, Frédéric (2016): Kettensägenmassaker.
Polemik: Christian Baron will die Verachtung aufdecken, mit der Arbeiter heute oft betrachtet werden. Eine gute Idee, ein schlechtes Buch,
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

Der Linke Frédéric VALIN rezensiert das Buch Proleten, Pöbel, Parasiten des Arbeiterkindes und Aufsteigers Christian BARON. Da geht es um den wahren "linken Fußball" und die richtige Lesart der Figur Richard David PRECHT. Das gibt Einblick in die typisch linke Abneigungen zwischen kultureller und sozialer Linker. Über das Buch erfährt man vor allem, dass dessen Stil VALIN nicht gefällt und er lieber eine Beschreibung der Arbeiterklasse - was immer das sein soll - gelesen hätte. Was er gerne hätte, ist offenbar mehr von sich seiner eigenen Schreibe.

"Am Ende geht es Baron nicht so sehr darum, die Klasse, der er entstammt, zu beschreiben. Er skizziert vielmehr ein Feindbild: die Bürgerkinder",

lautet seine Kritik. Aber kann jemand, der erfolgreich aufgestiegen ist, überhaupt noch über die "Klasse, der er entstammt" schreiben? Der erfolgreiche Aufsteiger gehört nicht mehr zu seiner Klasse und auch noch nicht zum eingefleischten Bürgertum. Er kann nur seine eigene Situation der Entfremdung und der Nicht-Zugehörigkeit beschreiben - und das tut BARON offensichtlich, auch wenn es nicht gefällt.        

 
       
   

ANGELE, Michael (2016): Very white trash.
Bericht: Es heißt nun, dass wir aus unserer "Blase" müssen. Das wir die "Abgehängten" verstehen müssen. Aber wie geht das? Eine erste Annäherung mit dem Comic "didi & stulle",
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

Michael ANGELE stellt uns einen Comic aus dem Berliner Stadtmagazin zitty vor, in dem das Punker-Ethos zum typischen Arbeiterklasse-Bild stilisiert wird. Wir lernen daraus nichts über die Arbeiterklasse, aber viel über die kulturelle Linke und ihre identitätspolitische Verkürzung der sozialen Frage. 

 
       
   

JÄGER, Michael (2016): Mehr wagen.
Teilhabe: Die US-Wahl hat gezeigt, dass die repräsentative Demokratie eine tiefgehende Krise erlebt. Wie lässt sich vermeiden, dass diese von rechts missbraucht wird?
in:
Freitag Nr.46 v. 17.11.

Michael JÄGER konstatiert bei den TRUMP-Wählern ein "falsches Bewusstsein", so wie die Neue Linke der 1960er und 1970er Jahre das bei den Arbeitern diagnostizierte, um ihren Führungsanspruch zu rechtfertigen.

Für JÄGER ist Deutschland nicht mit Amerika zu vergleichen, weil sich Deutschland "ökonomisch nicht nach unten" entwickele. Das ist ziemlich blauäugig, wenn sich Deutschland nämlich erst ökonomisch nach unten entwickelt, dann ist es längst zu spät zum umdenken!

Unlogisch ist es zudem, dass JÄGER zwar einerseits falsches Bewusstsein diagnostiziert und andererseits einen Volksentscheid herbeiwünscht. Das Ergebnis dürfte kaum den Hoffnungen von JÄGER entsprechen.     

 
       
   

THADDEN, Elisabeth (2016): "Es gibt keinen Weg zurück".
Was bedeutet Trump für Amerikas Neue Linke? Ein Gespräch mit der Feministin Nancy Fraser und ihrem Mann, dem Psychoanalytiker Eli Zaretsky,
in:
Die ZEIT Nr.48 v. 17.11.

Nancy FRASER, Autorin des Buchs Die halbierte Gerechtigkeit und Vertreterin der sozialen Linken kritisiert den Elitenfeminismus einer Hillary CLINTON:

"Clintons weißer liberaler Feminismus vertritt nur die erfolgreichen, gebildeten Elitefrauen an der Wall Street, nicht aber die Heerscharen von mexikanischen und schwarzen Kindermädchen, die unterdessen die Fürsorgearbeit leisten. Von Gleichheit keine Spur."

TRUMP nennt sie einen Nouveau Rich und "Unterschichtenmilliardär". Neureiche gelten als die Geächteten - nicht nur - beim Geldadel, der sein Vermögen einer langen Familientradition verdankt. Dem Soziologen Thorstein VEBLEN verdanken wir den Begriff des demonstrativen Konsums, der den Aufsteigern oder Neureichen zugeschrieben wird, während der Geldadel seinen ererbten Reichtum vor dem Volk versteckt.

Entsprechend ihrer These vom Kulturkampf zwischen kultureller ("Poplinke", "Lifestyle-Linke") und sozialer Linke, sieht FRASER in TRUMP jemanden, der diejenigen ansprach, die sich bei der Umverteilung benachteiligt fühlten, während die Demokraten lediglich die Anerkennung von Minderheiten bedienten:

"Die Mehrheit fühlt sich betrogen, weil im Reden über Anerkennung von Minderheitenrechten der Schutz von ökonomisch Schwachen durch Umverteilung abhandenkam. Ich nenne diese liberale Ignoranz gegenüber der sozialen Frage »halbierte Gerechtigkeit«.".

Im Gegensatz zum neoliberalen Mainstream beruft sich FRASER nicht auf den Gegensatz zwischen Fakten (CLINTON) und Lügen (TRUMP), sondern betont das Gerechtigkeitsdefizit der Demokraten:

"Sie reden von Anerkennung der Minderheiten, die Notwendigkeit der Ungleichheit ist ihnen egal, und die Reichen werden unterdessen immer reicher."

 
       
   

IWD (2016): Rente realistisch gerechnet.
Rentenniveau: Ein Jahr vor der Bundestagswahl scheint klar, dass die Rente wohl das alles beherrschende Wahlkampfthema sein wird. Deshalb wird die Bundesregierung nicht müde, den Bundesbürgern zu vermitteln, dass das gesetzliche Rentenniveau bis 2030 nicht unter 43 Prozent sinkt. Aller Voraussicht nach wird das tatsächlich nicht geschehen - erst recht wenn man berücksichtigt, dass die Menschen künftig länger arbeiten,
in: iwd Nr.34
v. 17.11.

Was bislang nur von Neoliberalen gefordert wird, aber in amtlichen Rentenversicherungsberichten noch nicht umgesetzt wurde, nämlich die Definition des Eckrentners gemäß der Verschiebung des Renteneintrittsalters, das hat das Lobbyinstitut der Arbeitgeber nun zur Grundlage von Berechnungen des Rentenniveaus gemacht. Eine solche Neudefinition wäre identisch mit einer Rentenkürzung, was uns der Beitrag aber verschweigt. Hier geht es erst einmal nur darum, Akzeptanz für die Neudefinition zu schaffen, indem die Vorteile aufgezeigt werden, nämlich ein höheres Rentenniveau ohne dass dazu Beitragserhöhungen notwendig wären. Die Folgen einer Neudefinition für die Rentenformel bleiben außen vor, denn wenn das Durchschnittseinkommen erst mit 47 statt mit 45 Versicherungsjahren erreicht wird, bedeutet dies ein niedrigeres Rentenniveau nach nur 45 Jahren.

So suggeriert eine Tabelle, dass wird 2029 nach 45 Jahren 1.824 Euro zu erwarten hätten. Dies entspräche nach 47 einer Rente von 1.905 Jahren. Das IW Köln legt also nahe, dass wir durch eine zwei Jahre längere Arbeitszeit eine um monatlich 81 Euro höhere Rente erhalten würden.

Dies stimmt jedoch nur, wenn die Rentenformel nicht angepasst wird. Dies ist aber das Ziel. In diesem Fall würden wir dann die 1.824 Euro nicht bereits nach 45, sondern erst nach 47 Jahren erreichen. Die 81 Euro, die den Arbeitnehmern vorenthalten werden, könnten die Arbeitgeber als Gewinn für sich buchen. Dies ist keineswegs abwegig, denn der Ökonom Axel BÖRSCH-SUPAN hat mit Mitarbeitern schon im August solche Berechnungen mit einer Änderung der Rentenformel im Zusammenhang einer Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung angestellt (mehr auch hier). Ein Eingriff in die Rentenformel ist für Neoliberale kein Tabu, wenn es denn weitere Kosten spart.

IWD (2016): Eines ist sicher: steigende Beiträge.
Rente: Aufgrund des demografischen Wandels müssen die Beitragszahler in Zukunft selbst dann höhere Lasten schultern, wenn das Rentenniveau sinkt. Ein konstantes oder gar höheres Rentenniveau würde den Beitragszahlern zusätzliche Kosten aufbürden,
in: iwd Nr.34
v. 17.11.

Auch diese Berechnung des IW Köln spiegeln nur die Interessen der Arbeitgeber und der Spitzenverdiener, aber nicht jene der Schlechterverdiener wider, weil er das Kosten-Nutzenverhältnis verschleiert. Zum einen werden die Eurobeträge pro Jahr statt pro Monat angegeben. Zudem wird so getan, als ob mit dem heutigen Einkommen, das gleich bleibt, ein immer höherer Betrag gezahlt werden, weil das Einkommen nicht wie im vorigen Beitrag bis 2029 hochgerechnet wurde. Dadurch erscheinen die Kosten untragbar, obwohl dies nicht der Fall ist. Solche Darstellungstricks hat der Statistikprofessor Gerd BOSBACH mit einem Ko-Autor in dem Buch Lügen mit Zahlen aufgelistet.  

 
       
   

16.11.2016

 
       
   

OTTO, Stefan (2016): Schwesig startet neue Kita-Offensive.
Bund und Länder wollen Milliardenbeträge einsetzen, um die Betreuung in den Kitas zu verbessern,
in:
Neues Deutschland v. 16.11.

Kita-Offensive? Davon ist im Artikel keine Rede. Vielmehr soll eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingesetzt werden, um Vorschläge für ein "Qualittäsentwicklungsgesetz" zu machen. Zu deutsch: Die Kinderbetreuung soll Wahlkampfthema werden. Mehr darf man davon nicht erwarten.  

 
       
   

HAGELÜKEN, Alexander (2016): Mehr für die Mehrheit.
Populismus: Die besten Instrumente in dieser Zeit: gerechte Steuern, Entlastung der Mittelschicht,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.11.

"Es bringt nichts, die Unzufriedenen abzutun, wie es auch in Deutschland geschieht. Das beginnt mit der Verniedlichung ihrer materiellen Sorgen. (...). Ebenso wenig bringt es, Abstiegsängste zu verharmlosen",

erklärt uns Alexander HAGELÜKEN, nur um uns mit Etikettismus abzuspeisen:

"Große Vermögen und Erbschaften müssen wieder besteuert und Schlupflöcher für Firmen gestopft werden. Mit den Einnahmen lässt sich mehr Netto für Normalverdiener finanzieren: Weniger Steuern für die Mittelschicht und weniger Sozialabgaben für Geringverdiener. Dazu müsste die Politik mehr Tarifverträge allgemein verbindlich erklären und all die Mini- und Zeitweise-Jobs unattraktiver machen."

Solange uns HAGELÜKEN nicht erklärt, wer "Normalverdiener", "Mittelschicht" bzw. "Geringverdiener" ist, können wir uns aussuchen wer wir sein wollen - auch wenn Ihr gar nicht uns meint. Es ist diese heuchlerische Unschärfe der Begrifflichkeiten in unseren Mainstreamzeitungen, die verbergen sollen, dass sich hier die obere Mittelschicht eine Rhetorik zugelegt hat, die allein ihnen zugute kommt.

Was heißt z.B. weniger Sozialabgaben für Geringverdiener? Heißt das vielleicht mehr Angewiesenheit auf Grundsicherung im Alter? Oder heißt es noch mehr Entsolidarisierung der Besserverdienenden, die per Entgeltumwandlung die gesetzliche Rentenversicherung schädigen? Wir pfeifen auf Eure schönen Etiketten und halten uns stattdessen an die Fakten. Die Quittung erhaltet ihr mit Eurer Abwahl oder Entlassung. Wie lange glaubt Ihr eigentlich, könnt Ihr so weiter machen wie bisher? Der Absturz Eurer Auflagen ist Euch offenbar nicht Warnung genug.    

 
       
   

DEHM, Diether & Wolfgang GEHRCKE (2016): Rot-Rot-Grün muss wachsen.
Gastbeitrag: Ein Bündnis zwischen Linken, SPD und Grünen lässt sich nicht diktieren oder herbeireden,
in:
Frankfurter Rundschau v. 16.11.

 
       
   

SPECHT, Frank (2016): Die große Harmonie.
Arbeitgebertag: Nur bei den Sozialbeiträgen gibt es Dissens zwischen Kanzlerin und Wirtschaft,
in:
Handelsblatt v. 16.11.

Frank SPECHT reitet sein Steckenpferd: die 40-Prozent-Marke bei den Sozialversicherungsbeiträgen. Angela MERKEL will dagegen diese Obergrenze der Unternehmenslobbyisten nicht gelten lassen und bringt die paritätische Finanzierung im Gesundheitswesen ins Spiel. Warum nur dort?

Der Opportunist GABRIEL spielt TRUMP, indem er von "Arbeitern im Rostgürtel" und "Hipstern im Silicon Valley" spricht. GABRIEL ist jedoch nur GABRIEL und die SPD eben nur die Agenda-2010-Partei der oberen Mittelschicht.

 
       
 

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Zu den News vom 09. - 15. November 2016
 

   
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Bernds@single-dasein.de Stand: 22. Januar 2017