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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
News 06.-10. November 2017
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News 22.-31. Oktober 2017
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News 01.-06. Juli 2017

News 1-5/2017
News 2000-2016

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 11. - 14. November 2017: [11.11.] [12.11.] [13.11.] [14.11.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Ungewissheit der Lebenssituation als Problem der privaten Altersvorsorge

"Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die allgemeinen Unsicherheiten bei der Organisation der privaten Altersvorsorge insbesondere dann für den Abschluss eines Produkts problematisch sind, wenn sich Individuen in einer unsichereren Lebenssituation befinden. So sind es gerade Jüngere und Personen in instabilen Beschäftigungslagen, die sich mit der Planung und dem Abschluss von Vorsorgeprodukten zurückhalten. Die betreffenden Personen handeln dabei nicht irrational oder kurzsichtig, sie sind sich vielmehr der problematischen Absicherungssituation im Alter bewusst, nur sind sie erst dann in der Lage größere Zeithorizonte und damit das Alterssparen in den Blick zu nehmen, wenn kurze Zeithorizonte hinreichend abgesichert erscheinen."
(Felix Wilke "Private Vorsorge zwischen Wunsch und Wirklichkeit - die ambivalente Rolle von Unsicherheit im neuen Rentenmodell" in der Zeitschrift Deutsche Rentenversicherung, September 2017, S.331)

 
       
       
   

14.11.2017

 
       
   

STATISTIK BAYERN (2017): Höchste Geburtenzahl seit 18 Jahren.
Deutliche Zunahme der Lebendgeburten in Bayern,
in:
Pressemitteilung des Bayerischen Landesamt für Statistik v. 14.11.

"Im Jahr 2016 wurden laut vorläufigen Zahlen des Landesamts für Statistik in Bayern insgesamt rund 125.700 Kinder lebend geboren. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr (mit 118.228 Geborenen) einem Plus von ca. 7.470 Geborenen (+6,3 Prozent). Damit gehört das Jahr 2016 zu den geburtenstärksten Jahrgängen der letzten 20 Jahre. Nur in den Jahren 1996 bis 1998 wurden mehr Geborene registriert als im vergangenen Jahr 2016.
Im gleichen Zeitraum verstarben in Bayern etwa 129.580 Menschen, was einem Rückgang von circa 4.000 Sterbefällen (-3,0 Prozent) gegenüber dem Vorjahr 2015 entspricht (2015: 133.536 Verstorbene). Somit liegt zwar noch immer ein Überschuss der Sterbefälle über die Zahl der Geborenen vor, dieser befand sich aber im vergangenen Jahr auf dem niedrigsten Niveau seit 2001", meldet das Bayerische Landesamt für Statistik.

 
       
   

SCHORB, Friedrich (2017): Nicht Verhalten, sondern Verhältnisse ändern.
Arme Menschen sind häufiger übergewichtig und sterben früher. Grund sind vor allem die sozialen Verhältnisse,
in:
TAZ v. 14.11.

Während derzeit in Deutschland über Steuern für Dickmacher geredet wird (vgl. Tagesthema des Kölner Stadt-Anzeigers), kritisiert Friedrich SCHORB ("Dick, doof und arm") eine solche neoliberale Anreizpolitik, die an den Lebensverhältnissen der Armen vorbei geht:

"Man kann darüber streiten, woran es liegt, dass arme Menschen statistisch gesehen früher sterben. Daran, dass arme Menschen häufiger dick sind als Wohlhabende liegt es wohl eher nicht",

meint SCHORB, der sich auf Kate PICKETT & Richard WILKINSON ("Gleichheit ist Glück") beruft, die zwischen sozialen Selektionsprozessen (Krankheit macht arm) und Verursachungsprozessen (Armut macht krank) unterscheiden. Stigmatisierungsprozesse, die sich gegen Dicke richten, verschärften diese Problematik noch. Beispielhaft präsentiert SCHORB den Fall von Gabrielle DEYDIER (keine Angehörige der Unterschicht wie sie z.B. Paul NOLTE zum Feindbild des neuen Bürgertums stilisierte), deren Memoiren ("One ne naît grosse", zu deutsch etwa: Man wird nicht dick geboren) in Frankreich zum Bestseller wurden. Deutschland ist für SCHORB in Sachen Fat-Acceptance-Bewegung noch ein Entwicklungsland. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt der aktivierende Sozialstaat, der statt zu fördern, allzu oft nur fordert und Probleme allein dem individuellen Verhalten zuschreibt. 

 
       
   

BEENEN, Janis (2017): Wann sich die Riester-Rente lohnt.
SPD und Grüne hatten das Modell der privaten Vorsorge vor 15 Jahren eingeführt, um insbesondere Geringverdiener vor Armut im Alter zu schützen. Damit das funktioniert, müssen Sparer einiges beachten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.11.

"Formal betrachtet hat Raffelhüschen recht. Fast jeder kann von der Riester-Rente profitieren, Geringverdiener im besonderen Maße. (...). Wie sehr sich Riester lohnt, hängt allerdings stark von persönlichen Lebensumständen ab. In der Praxis scheitert das Konzept an einem altbekannten Problem: Für viele Menschen sind Riester-Angebote und Verträge schlicht zu kompliziert gestaltet, um sie zu verstehen",

erklärt uns Janis BEENEN und gibt damit eine Steilvorlage für Thomas ÖCHSNER.

ÖCHSNER, Thomas (2017): Der Durchblick fehlt noch immer.
Neues Infoblatt hilft Verbrauchern nicht viel weiter,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.11.

Die Riester-Rente braucht dringend eine Image-Aufbesserung, damit verschleiert werden kann, dass diese in erster Linie eine Subvention für die Finanzdienstleister ist. Produktinformationsblätter können die Probleme der privaten Altersvorsorge nicht wirklich beseitigen, sondern sind ein Placebo.

Thomas ÖCHSNER zitiert die Kritik des Verbraucherschützer Axel KLEINLEIN, der moniert, dass Vergleiche nur innerhalb einer der fünf Chancen-Risiko-Klassen möglich seien. Er fordert deswegen, dass

"Anleger darlegen müssen, wie viel vom eingezahlten Beitrag überhaupt angespart wird."

Bei Fonds- und Banksparplänen vermisst er die Kosten in der Auszahlungsphase. Die Lösung sieht KLEINLEIN in einem einfachen und günstigen Standardprodukt. Das klingt schön, doch auch ein solches Produkt kann die Unsicherheit der Finanzmärkte nicht aufwiegen.      

 
       
   

HAGELÜKEN, Alexander (2017): Wenn liberal asozial bedeutet.
Ökonomen erforschen, warum die Globalisierung für Arbeitnehmer, Linke und Rechtspopulisten gleichermaßen zum Feindbild wird,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.11.

Alexander HAGELÜKEN berichtet über die Konferenz Die Krise der Globalisierung, wo  "Ökonomen eher jenseits des Mainstreams" Lösungen anboten. Die Betonung liegt wohl auf "eher" und nicht auf "jenseits des Mainstreams". Genannt werden Samuel BOWLES, Branko MILANOVIC, Hans-Jörg HERR und Moritz SCHULARICH. Es mag an der selektiven Auswahl der Berichterstattung liegen, dass dieser Eindruck entsteht. 

 
       
   

CREUTZBURG, Dietrich/SCHÄFERS, Manfred/ROßBACH, Henrike  (2017): Sozialkassen werden zur Verhandlungsmasse.
Alle blicken auf Donnerstagnacht. Dann wollen die Koalitionäre sich einigen. Sozialbeiträge könnten sinken. Die Rente aber dürfte steigen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.11.

"(E)rste Hochrechnungen aus dem Entwurf des neuen Rentenversicherungsberichts (zeigen), dass die gesetzlichen Renten zum 1. Juli 2018 um rund 3 Prozent steigen könnten und gleichzeitig die Finanzreserve hoch genug bleibt, um den Beitragssatz von 18,7 auf 18,6 Prozent des Bruttolohns zu senken (...). Neue Hochrechnungen zur Rentenanpassung 2018 werden für die kommenden Tag erwartet, die endgültigen Zahlen für März",

heißt es in dem verstümmelten Artikel. Ob es "für die kommenden Tage" oder "für den kommenden Tag" heißen sollte, darüber darf der Leser rätseln. Mehr steht zum Thema Rente nicht. Ansonsten wird uns die Sicht des FDP-Unterhändlers Michael THEURER vermittelt.

 
       
   

Das Rentenvorbild Österreich in der Debatte

SEISER, Michaela (2017): Trügerische Rentenidylle.
Alte Menschen bekommen mehr Geld als in Deutschland und gehen früher in Ruhestand. Das macht das System teuer und wirft Fragen auf, ob es nachhaltig ist. Private Vorsorge gibt es kaum,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.11.

Das Rentensystem in Österreich ist Neoliberale ein Dorn im Auge, weil es zeigt, dass es Alternativen zur deutschen Situation gibt. Deshalb zielt die Argumentation darauf ab, dass die demografische Situation besser sei:

"Österreicher (haben) eine günstigere Bevölkerungsstruktur. Auf einen Menschen im Rentenalter kommen dort 3,4 Personen im Erwerbsalter, in Deutschland sind es 2,9. Ein Grund dafür ist, dass es dort seit langer Zeit eine höhere Zuwanderungsrate als Deutschland gibt."

Tatsächlich ist der Indikator, den Neoliberale benutzen, um das Demografieproblem zu dramatisieren ein Täuschungsmanöver. In der deutschen Rentenformel wird dagegen ein Faktor verwendet, der das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern wesentlich besser darstellt. Dieser lag 2015 in Deutschland bei 1,92. Für internationale Vergleiche sollte dieser Nachhaltigkeitsfaktor verwendet werden. Warum wird das nicht getan? Offenbar würde dann die Argumentation in sich zusammenfallen.

Was Neoliberale wie Michaela SEISER als Nachteil beschreiben, ist für andere wie Holger BALODIS dagegen ein Vorteil: Die Sicherung des Lebensstandards jenseits privater Altersvorsorge. Die sollte es uns wert sein. 

 
       
   

13.11.2017

 
       
   

RÜRUP, Bert (2017): Die Macht des Öffentlichen.
Chefökonom: Demokratie findet nicht nur im Bundestag statt: Nachhaltige Rentenreformen brauchen breiten Konsens,
in:
Handelsblatt v. 13.11.

Bert RÜRUP, Vorsitzender der Rentenkommission unter Rot-Grün, bereitet auf die kommende Rentenkommission vor, die eingesetzt werden soll, um den Unmut gegen die Politik zu verringern:

"Aufgabe (ist es), stellvertretend für die Politik unbequeme Wahrheiten auszusprechen und den so aus der Schusslinie genommenen Politikern Zeit für Entscheidungen zu verschaffen."

RÜRUP sieht solche Expertenkommissionen nicht als postdemokratische Elemente an, sondern als Element moderner Demokratie. Das ist natürlich Vernebelung, denn wenn Expertenkommissionen nur zum Ziel haben, postdemokratische Mechanismen, wie z.B. die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung, zu installieren, dann hat das mit Demokratie nichts zu tun, sondern versucht politische Entscheidungsfindungen auszuhebeln.

Für Politik, so erzählt uns RÜRUP, gibt es im Englischen zwei Begriffe. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn es gibt deren drei: Neben der Policy und der Politics, die RÜRUP nennt, existiert die Polity, was das institutionelle Zusammenspiel der Politik und somit die Grundlagen betrifft, in deren Rahmen der Gesetzgebungsprozess und die politische Auseinandersetzung stattfindet. Dass Expertenkommissionen z.B. auch Einfalltore für Lobbyismus sind, das bleibt bei RÜRUP außen vor. Er malt ein Idealbild von Expertenkommissionen, das mit der politischen Realität nichts zu tun hat.

"Reine Expertenkommissionen arbeiten im Stillen und erregen erst dann mediales Interesse, wenn ihr Abschlussbericht dem zuständigen Ministerium zugeleitet wurde und in die Öffentlichkeit gelangt",

erklärt uns z.B. RÜRUP. Die "reine" Expertenkommission ist ein Phantom. Bei großen Expertenkommissionen und heiklen Themen - wie es die Rente ist - gibt es nicht selten Zwischenberichte oder Anhörungen weiterer Experten. Und zudem werden Mitglieder immer wieder von den Medien als Mitglieder solcher Kommissionen besonders gerne zu den die Kommissionen betreffenden Themen interviewt. Im Stillen agieren? Das ist das Wunschbild, erst recht, wenn wissenschaftliche Forschung immer stärker von Sponsoren aus der Wirtschaft abhängig ist. 

 
       
   

BAG/DRI/SIG/SOM/FSP (2017): Weitsicht statt Kurspflege.
Politiker, Gewerkschafter und Ökonomen kritisieren Aktienrückkäufe, wie sie etwa die Allianz finanziert,
in:
Handelsblatt v. 13.11.

 
       
   

MARTIN, Mirko (2017): Aufsteiger gesucht.
Es gibt sie, die vielen Migranten hierzulande, die sich aus ihrem Milieu herausgearbeitet haben. Wer ihnen zuhört, kann viel über falsche Anreize unseres Sozialstaates lernen,
in:
Welt v. 13.11.

"Eine Gesellschaft (...), die (...) Aufstiegswillen und Erfolgssehnsucht unter Egoismusverdacht stellt, unterstützt genau jene immobilen und homogenen Zuwanderungsmilieus, die dann vom ausufernden Sozialstaat entsprechend betütelt werden müssen oder zum Fall für die überforderte Justiz werden",

hetzt Mikro MARTIN in Umkehrung der Sozialschmarotzerdebatte der Nuller Jahre. Damals wurde die Unterschicht unter generellen Sozialschmarotzerverdacht gestellt. Die zunehmende Abschottung der neuen Mittelschicht gegen sozialen Aufstieg wurde zum Mentalitätsproblem der Unterschicht umdefiniert. Nun soll gemäß MARTIN in der Schule durch Ethik- und Sozialkundeunterricht sowie durch den umverteilenden Sozialstaat der Aufstiegswillen unterdrückt werden. Das macht es sich entschieden zu einfach, denn wo angemessene Positionen in der Arbeitswelt fehlen, da läuft die Bildungsrepublik ins Leere. Elitenforscher wie Michael HARTMANN weisen zu Recht darauf hin, dass Bildung immer weniger entscheidend für den individuellen Erfolg ist, sondern Herkunft und damit der Habitus wichtiger ist als solche küchenpsychologischen Vorstellungen von Aufstiegswillen und Erfolgssehnsucht. Habitus umfasst dabei mehr als nur die Einstellung, nämlich soziales und kulturelles Kapital.   

 
       
   

NEIßE, Wilfried (2017): Abwanderung aus Brandenburg hält an.
Schlechte Bevölkerungsentwicklung setzt sich einem Gutachten zufolge fort - Politik hat kaum Mittel dagegen,
in: Neues Deutschland
v. 13.11.

Wilfried NEIßE berichtet über das Gutachten Binnendifferenzierung der demographischen Entwicklungsmuster und -perspektiven im metropolenfernen Raum des Landes Brandenburg von Tim LEIBERT.

Bevölkerungsvorausberechnungen werden von Statistikern inzwischen sogar öffentlich als  Ideologien begriffen. Treffsicherheit gehört nicht zu den Kriterien. Rudolf FREES vom brandenburgischen Statistikamt nennt das in seinem Vortrag "die richtige Signale senden". Nichtsdestotrotz tun Journalisten - und nicht nur wie hier NEIßE - als ob es um die tatsächliche Entwicklung Brandenburgs ginge. Das ist Verdummung. Am Beispiel Sachsen kann man sehen, wohin solche Verdummung führt. Dort nämlich nutzte die Regierung die ideologischen Bevölkerungsvorausberechnungen, um Schulen zu schließen und das Lehrpersonal knapp zu halten. Die Folge: Nun fehlen die Lehrer und es wird so getan als ob das Problem nicht hausgemacht worden wäre, sondern vom Himmel gefallen. Das Problem von Ideologien ist, dass sie in der Regel kontraproduktiv sind, weil Bevölkerungsentwicklungen keineswegs nur Effekte haben, die in eine Richtung weisen. Akrobatik ist dann gefragt, wenn spezielle Politiken unterschiedliche Interpretationen erfordern. Solche Akrobatik wird insbesondere von der IW Köln beherrscht, die Bevölkerungsprognosen nach Gutsherrenart erstellt.

Fazit: Bevölkerungsvorausberechnungen sind ein Mittel, um bestimmte Politiken zu rechtfertigen. Treffsicherheit ist deshalb kein Kriterium, sondern es geht um Dramatisierung bzw. Entdramatisierung von Entwicklungen, die der eigenen Politik förderlich sind.

 
       
   

FRITSCHE, Andreas (2017): Linke wählten offenbar AfD-Bürgermeister.
Brandenburg: Alexander Gaulands früherer Pressesprecher Detlev Frye steht nun an der Spitze der Kleinstadt Lebus,
in: Neues Deutschland
v. 13.11.

 
       
   

STEINHAGEN, Martin  (2017): Petrys Alternative zur Alternative.
Im hessischen Nieder-Roden stellt die AfD Aussteigerin ihr neues politisches Projekt vor. Gemeinsam mit ihrem Mann will sie die "Blaue Wende" als Bürgerbewegung inszenieren,
in:
Frankfurter Rundschau v. 13.11.

 
       
   

HONNIGFORT, Bernhard  (2017): Der Bauch hat das Wort.
Michael Kretschmer ist nicht zu beneiden. Ministerpräsident von Sachsen muss er werden, die gedemütigte CDU wiederbeleben und er hat weder Zeit noch einen echten Plan,
in:
Frankfurter Rundschau v. 13.11.

"1000 Schulen hat Sachsen seit 1990 wegen des Geburtenknicks geschlossen und dann den Zug verpasst, als ab 2010 die Kinderzahlen wieder stiegen. Seit einem Jahr will die Regierung gegensteuern",

erklärt uns Bernhard HONNIGFORT ein Problem das keineswegs nur für Sachsen typisch ist. Die Mainstreammedien haben ihren Teil dazu beigetragen, dass der Zug verpasst wurde, denn seit Jahren leugnet das Statistische Bundesamt eine Trendwende bei den Geburten und verweist darauf, dass wir lediglich ein "demografisches Zwischenhoch" erleben. Tatsächlich wurde der Babyboom der 1960er Jahre genauso wenig erkannt, sondern erst als er bereits vorbei war, was zu Bevölkerungsvorausberechnungen führte, die weit weg jeglicher Realität waren.

Am Mittwoch verkündet das Statistische Bundesamt die Geburtenzahlen für das Jahr 2016. Dann wird sich zeigen müssen, ob die Schätzung der Bertelsmann-Stiftung vom Juli diesen Jahres realistisch war.

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

STALDER, Helmut (2017): Sturheit führt nicht zum Ziel.
Kommentar: Neuer Anlauf zur Rentenreform,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.11.

Helmut STALDER verkündet die Marschrichtung einer Rentenreform, die von einem Mitte-Rechts-Bündnis getragen werden soll. Ziel ist die Isolierung von Gewerkschaft und SP. Dazu präsentiert uns STALDER Lehren einer Nachbefragung, die merkwürdigerweise mit der NZZ-Blattlinie der vergangenen Monaten identisch ist. Die Ergebnisse werden uns dagegen vorenthalten, sodass eine eigene Meinungsbildung unmöglich ist. 

 
       
   

Das Single-Dasein in Tschechien

BAUMANN, Meret (2017): Für das Wunschkind nach Tschechien.
Im ostmitteleuropäischen Land blüht das Geschäft mit der künstlichen Befruchtung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.11.

BAUMANN, Meret (2017): Tschechien - die liberale Insel Ostmitteleuropas.
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 13.11.

 
       
   

Das Single-Dasein in China

LEE, Felix (2017): 22.860.000.000 Euro gegen die Einsamkeit.
Mit Konsumrabatten wollte der chinesische Internetgigant Alibaba ursprünglich die vielen Singles im Land am 11.11. über ihr Alleinsein hinwegtrösten. Inzwischen hat sich dieser Tag zum größten Verkaufstag der Menschheitsgeschichte entwickelt,
in:
TAZ v. 13.11.

"Den »Tag des Singles« am 11.11. gibt es in China schon seit mehr als 20 Jahren. Weil das Datum an diesem Tag nur aus Einsen besteht, hatten chinesische Studenten ihn in den späten neunziger Jahre zu einer Art Anti-Valentinstag erkoren, um mit Single-Partys oder Blind Dates aus der Not eine Tugend zu machen. Denn Singles gibt es in der Volksrepublik eine Menge. Über 143 Millionen Chinesen gelten offiziell als alleinstehend. Sie machen 11 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung aus.
Und das in einem Land, in dem Ehe und Familie einen hohen Stellenwert haben. Vor allem Männer zwischen 30 und 40 haben es heutzutage schwer, eine Partner in fürs Leben zu finden. (...). Auf 100 Frauen kommen 117 Männer.
Alibaba-Gründer Jack Ma griff die Idee auf und machte sich Gedanken, wie er aus dem Tag der einsamen Herzen Profit schlagen könnte. Und was kann im modernen China besser über Einsamkeit hinwegtrösten? Ausgiebiges Shoppen",

erzählt uns Felix LEE die Legende zum "Singles Day". Weder das deutsche, noch das englischsprachige Wikipedia nennen Quellen, die älter sind als 2011. Auch unter dem Begriff "Guanggun Jie" existieren keine Artikel, die vor 2008 erschienen sind. Es spricht also viel für eine geschickte Legendenbildung, denn der Konsumtag soll auch außerhalb von China populär gemacht werden.

Ein Männerüberschuss passt ebenfalls nicht so recht zum Shopping, denn bekanntlich ist das eher eine Frauensache, weshalb der Economist Anfang des Jahrtausends von "Bridget-Jones-Ökonomie" sprach. Damit sind die kaufkräftigen, alleinlebenden Karrierefrauen als Zielgruppe gemeint und keineswegs die frustrierten Single-Männer. Das Single-Image muss also wieder einmal für den Konsumrausch der ganzen Bevölkerung herhalten, der von Rabatten angeheizt wird.

HUA, Sha (2017): Das Märchen vom Kaufrausch.
Onlinebandel: Für rund 22 Milliarden Euro kauften Chinesen am Singles' Day über Alibaby ein. Der Onlinehändler hat große Pläne,
in:
Handelsblatt v. 13.11.

Das Handelsblatt hält sich erst gar nicht lange mit der Vorgeschichte des "Singles Day" auf, sondern erzählt knapp:

"Ursprünglich galt der 11.11. in China wegen der vier Einsen im Datum als Tag der einsamen Singles. Sozusagen aus Trotz zum Valentinstag rief Jack Ma 2009 die Singles dazu auf, sich an dem Tag selbst etwas zu gönnen und sich glücklich zu kaufen." 

 
       
   

12.11.2017

 
       
   

FRANZEN, Günter  (2017): Das ist die Liebe der Senioren.
Wie ich einmal im Internet meine Haut zu Markte trug. Teil 3: Draußen nur Kännchen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.11.

 
       
   

11.11.2017

 
       
   

Der Alleinesser in der Debatte

KABISCH, Jörn/DITTMER, Lisa/TUTMANN, Linda/BRAKE, Michael (2017): Me, myself and Ei.
Mit anderen zu speisen - das ist der Unterschied, ob mann isst oder sich nur ernährt. Könnte man meinen. Vier Liebeserklärungen an das Dinner for one,
in:
TAZ v. 11.11.

Die taz feiert den heutigen "Singles' Day"!

 
       
   

Profitable Arbeitsteilung bei der Springer-Presse? Setzt Bild Fake-News in die Welt, die in der Welt dann wieder zurecht gerückt werden können?

HINRICHS, Per (2017): Die Wahrheit über das Ende der Liebe.
Nordisch by nature: Nirgendwo scheitern mehr Ehen als in der Stadt Emden. So lautet eine Meldung. Wir haben uns vor Ort umgesehen. Ist das wirklich so?
in:
Welt v. 11.11.

"Emden - angeblich die Scheidungshochburg des ganzen Landes, glaubt man einer Meldung der »Bild«-Zeitung.
Nirgendwo sonst sollen sich so viele Eheleute ihr Neinwort geben wie in Ostfrieslands größter Stadt. Etwa 51.000 Menschen leben hier, und nach den Berechnungen kommen auf eine Eheschließung 0,8 Scheidungen, also ein fast ausgeglichenes Verhältnis",

erzählt uns Per HINRICHS und verspricht Aufklärung, indem er zuerst Anwälte und Scheidungsrichter konsultiert, bevor der Bürgermeister seine Sicht darlegt:

"»Viele Leute kommen sogar zum Heiraten nach Emden, obwohl sie hier gar nicht wohnen«, sagt Bornemann.
Gut, und was die Scheidungen angeht, da stimme die Zählung nicht. Denn der Amtsgerichtsbezirk reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus, umfasst noch die Gemeinden Krumhörn und Hinte sowie die Nordseeinsel Borkum. In diesen Kommunen leben 250.000 Menschen, die Hälfte der Einwohnerzahl Emdens",

erzählt uns HINRICHS. Wenn Emden ca. 50.700 Einwohner hat, dann sind die Hälfte keine 250.000, sondern lediglich rund 25.000 Einwohner. Zuletzt wird uns dann die Sicht des Statistischen Landesamtes von Niedersachsen präsentiert:

"»Eine direkte Gegenüberstellung der Eheschließungen und Ehescheidungen ist methodisch nicht wirklich sauber«, sagt Julia Schwarze vom Amt. Eheschließungen können nämlich, unabhängig vom Wohnort der Eheleute, überall stattfinden. Ehescheidungen hingegen seien an den Wohnort mindestens eines der beiden Ehepartner gebunden. »Ein direkter Vergleich der reinen Zahlen sagt also erst einmal nicht viel aus«, so Schwarze.
Die Statistiker (...) haben einen eigenen Wert, um das Phänomen der gescheiterten Ehen fassbar zu machen: Scheidungen pro 1.000 Einwohner. In Niedersachsen liegt dieser bei 2,1 Scheidungen pro 1.000 Einwohner.
Für die angebliche Scheidungshochburg ist der Wert schwierig zu ermitteln, weil das Amtsgericht Emden ja die anderen Kommunen mit betreut. Für diesen Bezirk klettert die Zahl immerhin auf 3,1 Scheidungen pro 100 Einwohner - deutlich mehr als in Rest Niedersachsen",

erklärt uns HINRICHS. Auch das ist falsch, denn es sind in Emden nur 3,1 Scheidungen pro 1.000 Einwohner.

Seriöse Aufklärung sieht anders aus, denn Soziologen wurden erst gar nicht befragt. Der Konstanzer Soziologe Kurt LÜSCHER kritisierte schon 1995 die Wahl der Bezugsgröße:

"Wird jede dritte Ehe geschieden - wie dies die zusammengefaßte Scheidungsziffer nahelegt - oder sind es 80 von 10.000 bestehenden Ehen?"

Er sprach damals von Familienrhetorik. Besser wäre der Begriff Singlerhetorik.

Die Scheidungsquoten werden z.B. durch Mehrfachheiraten und -scheidungen verfälscht. Je kleinräumiger die Zahlen, desto weniger aussagekräftig sind sie zudem. Macht es also überhaupt Sinn die "Scheidungshauptstadt" Deutschlands zu ermitteln? Oder befriedigt diese Frage nur die Medien, die dann Scheinprobleme als Sensation präsentieren können? Berichterstattung, die allein der Auflagensteigerung geschuldet ist?

Der Begriff Scheidungshauptstadt ist schon deshalb unsinnig, weil Zahlen nur für die kreisfreien Städte ermittelt werden. So titelte schon im Jahr 2015 der NDR Emden, die Stadt der erloschenen Liebe. Anlass war eine "Studie" der Arbeitgeberlobbyorganisation IW Köln. Die Lobbyisten konstatierten einen neuen Trend zur Treue (IWD 13.08.2015). Es wurden damals die 10 kreisfreien Städte und Kreise mit den meisten/wenigsten Scheidungen pro 10.000 Einwohner im Jahr 2014 präsentiert. Emden stand auch schon 2014 an der Spitze. Erstaunlich also, dass 2017 immer noch Fake-News kursieren. Sind Journalisten wirklich so unwissend?         

 
       
   

LEHNARTZ, Sascha & Silke MÜLHERR (2017): "Es ist höchste Zeit für die Konfrontation".
Der französische Soziologe Boris Grésillon warnt: Deutschland wiederhole im Umgang mit der AfD die Fehler Frankreichs,
in:
Welt v. 11.11.

"Wir sehen doch, dass sich die Rechten in den Parlamenten danebenbenehmen und in internen Machtkonflikten aufreiben. Auf diese Entwicklungen muss die Lupe gehalten werden",

erklärt uns der Geograf Boris GRÉSILLON, der bislang nicht als Rechtspopulismusforscher aufgefallen ist. Die AfD bloßstellen, das wird bereits seit ihrer Gründung versucht - genützt hat es nichts.

"Man muss zugestehen, dass es subjektiv unterschiedliche Wahrnehmungen von Realität gibt, ohne dass man deswegen die Welt der »alternativen Fakten« akzeptiert",

meint GRÉSILLON. Auch das ist Unsinn. Denn es geht nicht um Fake-News, die ja auch die Mainstream-Presse selber in Umlauf bringt, sondern um wissenschaftlich strittige Fragen und Interessengegensätze. Dies zum Kommunikationsproblem degradieren zu wollen, wird nicht funktionieren.

"Teil dieser Debatte ist auch, dass in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft und dass Rentner und Pflegebedürftige am wirtschaftlichen Wohlstand dieses Landes nicht teilhaben. Die nächste Bundsregierung muss diese Problem angehen",

fordert GRÉSILLON. Das aber wird wohl nur ein frommer Wunsch bleiben.      

 
       
   

MIHM, Andreas/CREUTZBURG, Dietrich/SCHWENN, Kerstin (2017): Jamaika: Ein Bündnis für soziale Wohltaten.
Die Steuer- und Beitragsquellen sprudeln. Die möglichen Koalitionspartner planen hohe Mehrausgabe für Pflege, Gesundheit und Rente,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.11.

Obwohl die Sondierungsgespräche bislang nur vage Ergebnisse gebracht haben, präsentieren uns MIHM/CREUTZBURG/SCHWENN eine Tabelle, die angebliche Mindestsummen präsentiert. Für die Rentenmaßnahmen werden uns folgende Zahlen geliefert:

Rentenversicherung

Jährliche Belastung
in Milliarden Euro

Bund Beitragszahler
Verbesserte Zurechnungszeiten für
Erwerbsminderungsrente (EMR)
- 0,3
Ausweitung der Anrechnungszeit für EMR auf 65 Jahre auch für Bestand - 4,0
Abschaffung des Rentenabschlags für EMR - 5,0
Verbesserungen bei der Mütterrente
(Freibetrag Grundsicherung)
0,2 -
Verbesserungen bei der Mütterrente
(3. Entgeltpunkt)
- 7,0
Mindestrentenmodelle je nach
Ausgestaltung
1,5 -

Die Maßnahmen der Jamaika-Koalition,  die in die richtige (neoliberale) Richtung weisen, finden sich dagegen nur im Text:

"Als eine (...) Sofortmaßnahme wollen CDU, CSU, FDP und Grüne die private Altersvorsorge stärken: Anlagemöglichkeiten sollen etwa über ein Standardprodukt verbessert werden, Geringverdiener sollen höher gefördert werden. Auch soll es eine säulenübergreifende digitale Renteninformation geben. Was das alles kosten soll, zeigt das Finanztableau nicht.

Die Erwerbsminderungsrente gilt den Neoliberalen zwar als "zielgenaue Maßnahme". Doch kosten soll auch das möglichst wenig - am besten gar nichts.

"(Im Finanztableau) finden sich (...) die enormen Milliardenbeträge, die eine Aufstockung von Erwerbsminderungsrenten kosten würde (...). Ob dafür wirklich mehr als 9 Milliarden Euro jährlich aufgewendet werden sollen, ist aber noch nicht im Detail entschlossen",

heißt es bei MIHM/CREUTZBURG/SCHWENN. Im Kommentar beklagt Holger STELTZNER Jamaika wird teuer. Er sieht die Beitragszahler als Verlierer, was jedoch im Gegensatz zum Grundtenor der Sondierungsgespräche steht. Dort heißt es:

"Unser gemeinsames Ziel ist die Stabilisierung der Sozialversicherungsbeiträge [unter 40 Prozent]. Dazu sollen unter anderem versicherungsfremde Leistungen künftig stärker als bisher über Steuern finanziert werden."    

 
       
   

BEBENBURG, Pitt von (2017): Bürgermeister lehnen Wahlkreisreform ab.
Gemeinden sehen sich abgeschoben. Juristen warnen vor Anfechtung der Landtagswahl,
in:
Frankfurter Rundschau v. 11.11.

Ptt von BEBENBURG berichtet über die Kritik von SPD-Bürgermeistern am geplanten Zuschnitt der hessischen Landtagswahlkreise. Es wird der Verdacht geäußert, dass sich die CDU sichere CDU-Wahlkreise zusammenschustern möchte.

BEBENBURG, Pitt von (2017): Problem verpennt.
Kommentar,
in:
Frankfurter Rundschau v. 11.11.

 
       
   

SEIBT, Gustav (2017): Selbstsicher.
Juli Zeh hat einen überzeichneten Zukunfts-Thriller geschrieben: "Leere Herzen" soll der Gesellschaft der Gegenwart einen schwarzen Spiegel vorhalten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 11.11.

 
       
   

MISTELI, Samuel (2017): Die lästigen Nachbarn zur Rechten.
In Halle provoziert die Identitäre Bewegung mit einem "patriotischen Hausprojekt" gleich neben der Universität,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.11.

 
       
   

BAUMGÄRTNER, Maik/DEGGERICH, Markus/HORNIG, Frank/WASSERMANN, Andreas (2017): Der Riss.
Einheit: 28 Jahre nach dem Mauerfall gibt es in diesem Jahr wenig zu feiern. Was sind die Gründe für den Rechtsruck in Deutschland? Und wie kann er überwunden werden?
in:
Spiegel Nr.46 v. 11.11.

BAUMGÄRTNER/DEGGERICH/WASSERMANN wollen dem ostdeutschen AfD-Wähler auf die Spur kommen, wobei sie vor allem gegen die These von den wirtschaftlichen Verhältnissen als Ursache angehen:

"Es sind die Reste einer DDR-Plattenbausiedlung, die keiner mehr braucht. Weißwasser in der Oberlausitz ist eine leere Stadt, viele haben das Weite gesucht, und wer geblieben ist, kann sich als Verlierer der Einheit fühlen. Knapp 28 Prozent von ihnen wählten bei der Bundestagswahl die AfD.
Neun Kilometer östlich, an der Neiße, liegt Bad Muskau. Es gibt ein Schloss und einen Park, der für viele Millionen Euro restauriert wurde und zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Das Städtchen und seine Bewohner profitieren vom Tourismus, Bad Muskau ist eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Trotzdem stimmte fast jeder Dritte bei der Bundestagswahl für die AfD. 3,6 Prozentpunkte mehr als in Weißwasser",

erklären uns die Spiegel-Autoren, als ob das Belege dafür wären, dass die sozioökonomischen Verhältnisse keine Rolle spielen würden. Die Gegenüberstellung sagt eher etwas über das Milieu aus, dessen Vorstellungen über sozioökonomische Verhältnisse die Berichterstattung in den Mainstreamzeitungen prägt. In Bad Muskau (ca. 3.600 Einwohner) erhielt die AfD 31,4 Prozent der Zweitstimmen und deklassierte damit die herrschende CDU, die nur auf 29,4 % kam. Auch in dem ca. 16.8000 Einwohner zählenden Weißwasser (siehe auch SZ) wurde die Sachsen-CDU deklassiert. Beide Gemeinden gehören zum Wahlkreis 157 Görlitz, in dem ein ehemaliger CDU-Kollege, der zur AfD gewechselt ist, dem designierten Ministerpräsidenten Michael KRETSCHMER den Wahlkreis abjagte. Das hatte der Spiegel genauso wenig auf dem Schirm wie der CDU-Kandidat, der seinen Mißerfolg der Kanzlerin zuschreibt. Ob ein Wahlverlierer wie KRETSCHMER eine gute Wahl für Sachen ist, das wird die nächste Landtagswahl zeigen. Ob dann die alten CDU-Kumpanen eine Koalition bilden werden? Der Spiegel hat an dem AfD-Mann jedenfalls nichts auszusetzen, denn er ist "bislang nicht als Demagoge aufgefallen".

Nach dem Abstecher nach Sachsen, wird der Ministerpräsident Reiner HASELOFF zum Held stilisiert, nachdem seine Herrscher-Herkunft ("In vielen Generationen hat sie dort Politiker gestellt") gewürdigt wurde:

"Im März 2016 gewann die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,3 Prozent, deutschlandweit ihr bisher höchstes Ergebnis auf Landesebene. (...).
Bei der Bundestagswahl hat Sachsen-Anhalt eine kleine Trendwende geschafft. Im Vergleich zur Landtagswahl sank das AfD-Ergebnis um fünf Punkte auf 19,6 Prozent."

Ob das als Trendwende zu sehen ist, das wird die nächste Landtagswahl zeigen und nicht ein solche wenig aussagekräftiger Vergleich. Dieser Vergleich hat lediglich die Funktion das Gewicht der Einschätzungen von HASELOFF gewichtig erscheinen zu lassen.

"Fürstenwerder in der Uckermark ist das Gegenteil von abgehängter Provinz. Es gibt zwar nur 650 Einwohner, aber zwei Arztpraxen, eine Grundschule, einen Bäcker, einen Fleischer, außerdem ein Heimatmuseum und eine Buchhandlung mit guter Stube (...).
Bei der Bundestagswahl erzielte die AfD in Fürstenwerder 24 Prozent",

erklären uns die BAUMGÄRTNER u.a. Hier werden uns "kleine, selbständige Handwerksleute, die glauben, dass die AfD sich um ihre Belange kümmern will" als Problem dargestellt, wobei ein Buchhändler zitiert wird.

In Neuruppin, einer brandenburgischen Stadt, die derzeit als Ankerstadt von den Mainstreammedien gehypt wird, kommt ein ehemaliger Bürgerrechtler und jetziger Grüner zu Wort, um zu zeigen, dass das für die doofen Wessis scheinbar Unvereinbare (Erststimme Grüne, Zweitstimme NPD) im Osten durchaus eine Option ist.

Danach geht es nach Erfurt, wo der aus dem Westen zugezogene Ministerpräsident Bodo RAMELOW seine Sicht auf die AfD-Wähler darlegen darf. Demnach wollen die Ossis ihre Schwester Agnes zurück haben. In Westdeutschland hieß das "Vollkaskomentalität" und war der Kampfbegriff der Eliten, die den Sozialstaat abbauen wollten.

Der nächste Schauplatz ist Potsdam-Babelsberg, der zeigen soll wie man mit Rechten richtig umgeht. Die letzte Station ist der Wahlkreis 63 Frankfurt/Oder, der nach der Spiegel-Legende von Alexander GAULAND gewonnen werden sollte, aber dann doch - wie erwartet - nicht an die AfD ging.

Am Ende wird die Bertelsmann-Studie Populäre Wahlen präsentiert, die eine Spaltung zwischen Modernisierungsbefürwortern und Modernisierungsskeptikern konstatiert. Darauf darf Reiner HASELOFF darauf erwidern, dass die AfD-Gründung ein Wessi-Produkt sei.

Der Erkenntnisgewinn des Artikels ist letztlich gering. Dass die AfD eine heterogene Wählerschaft anspricht, die sich von "neoliberalen", "nationalkonservativen" oder gar völkischen Elementen das Passende heraussucht, ist nicht sonderlich originell. Der Versuch den Anteil der sozioökonomischen Verhältnisse kleinzureden, ist der neoliberalen Stoßrichtung des Blattes geschuldet. Die Linkspartei, die einmal so etwas wie eine ostdeutsche Volkspartei war, ist für viele Ostdeutsche keine Alternative mehr, denn sie hat als Regierungspartei durchaus einen Anteil an dem Rechtsruck. Der Versuch Gebietsreformen als alternativlos darzustellen und von oben herab durchsetzen zu wollen, ist sowohl in Brandenburg als auch in Thüringen gescheitert. Kommunen durch Zuckerbrot (Förderung) und Peitsche (Zwang zu Fusion oder zumindest Kooperation) zu knechten, dürfte ebenfalls Kollateralschäden zur Folge haben. Statt den Strukturwandel und den demografischen Wandel abzufedern, ist die neoliberale Strategie darauf gerichtet die Lage zusätzlich zu verschärfen. Die dadurch erzeugte Angst kommt den rechtspopulistischen Parteien zugute, während die Linke hilflos agiert bzw. sich selber zerfleischt.    

 
       
   

BECKER, Benedikt & Cornelia SCHMERGAL (2017): Alter Schwede.
Soziales: Die angehenden Jamaikakoalitionäre wollen den Renteneintritt flexibler machen und starre Altersgrenzen aufbrechen - eine überfällige Reform. Vorbild dafür ist Skandinavien,
in:
Spiegel Nr.46 v. 11.11.

BECKER & SCHMERGAL preisen das neoliberalisierte Schweden als Rentenvorbild. Dazu präsentieren sie uns die dünne Broschüre Meine Zeit in Schweden - Arbeit und Rente europaweit. Die Neoliberalen greifen sich jene Elemente aus dem schwedischen Alterssicherungssystem heraus, das ihnen gerade in den Kram passt. In diesem Fall die flexible Altersrente, die dem angeblich "verkrusteten" deutschen Sozialrecht gegenüber gestellt wird. Individualisierung gilt BECKER & SCHMERGAL den pauschalen Vorgaben überlegen.

Neoliberale passen ihre Rhetorik jeweils den Umständen an, weshalb nun dem besserverdienenden, gesuchten Physiker ein arbeitsunfähiger Maurer zur Seite gestellt wird. Das ist der Kritik am neoliberalen Modell geschuldet, das den Akademiker zur Norm erklärt hat und dadurch in letzter Zeit viel Gegenwind bekam. Dies zeigt sich auch in Studien, denn vor allem Gutgebildete arbeiten weiter:

"Ausgerechnet dort, wo es keine feste Altersgrenze mehr gibt, bleiben Senioren besonders lange im Berufsleben (...). In Schweden sind es 16,4 Prozent, das ist Rekord in der EU",

erklären uns BECKER & SCHMERGAL. Dumm nur, dass Länder wie Japan mit fester Altersgrenze noch mehr berufstätige 65-Jährige und Ältere aufweisen als Schweden. Hinzu kommt, dass BECKER & SCHMERGAL uns verschweigen, dass sich die erwähnte Studie Arbeiten im Rentenalter - Erwerbstätigkeit 65plus in Europa sich gar nicht auf alle 28 EU-Länder bezieht, sondern nur auf 15 EU-Länder. Die Daten stammen aus dem Jahr 2014. Just im gleichen Jahr beschwerte sich der Neoliberale Carsten LINNEMANN darüber, dass zwar in Schweden mehr Menschen über 65-Jahre weiterarbeiten, dafür aber noch mehr bereits früher aussteigen - möglichst mit 61 Jahren. Aus diesem Grund sollen die Abschläge für "Frührentner" möglichst so gestaltet werden, dass sich das nur sehr wenige Menschen leisten können. Bei BECKER & SCHMERGAL wird dies jedoch verschwiegen. Die Autoren preisen das lebenslange Lernen, d.h. der Maurer, der seine Arbeit nicht mehr ausführen kann, soll zum Bürohengst umfunktioniert werden. Ob das funktioniert, ist die andere Frage. Als letzter Ausweg gilt die Erwerbsminderungsrente, die jedoch so gestaltet werden soll, dass sie möglichst wenig kostet.

Ausgerechnet der Neoliberale Thomas STRAUBHAAR - ein Wolf im Schafspelz - wird als Lobpreiser der schwedischen Mindestrente präsentiert. STRAUBHAAR plädiert bekanntlich für ein garantiertes Grundeinkommen (das durchaus sehr niedrig sein darf!), das letztlich alle Sozialversicherungssysteme von Krankenkasse bis Rente überflüssig machen soll. Der Gedanke dahinter: mit der Aussicht auf ein Grundeinkommen lässt sich ein radikaler Abbau der sozialen Sicherung besser vermarkten. Am Schluss malen uns BECKER & SCHMERGAL ein idyllisches Bild einer Rentenreform à la Jamaika:

"Die Liberalen verfolgen seit Jahren ausdrücklich das Ziel, die Regelaltersgrenze flexibler zu machen. Die Grünen träumen von einer steuerfinanzierten Mindestabsicherung, die Union unterstützt mehr Hilfe für Erwerbsgeminderte. Diese Konzepte (...) ließen sich vereinen."

Man darf sicher sein, dass die Umsetzung nicht die Bedürfnisse der Arbeitnehmerschaft widerspiegeln wird, sondern die Kostensenkungsinteressen der Wirtschaft.     

 
       
   

Das Single-Dasein in Polen

BENZ, Matthias (2017): Polen wird zum Einwanderungsland.
Fokus der Wirtschaft: Ukrainer sind nicht nur im Baugewerbe und Gastronomie, sondern auch als Informatik-Spezialisten gefragt,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.11.

 
       
   

Das Single-Dasein in Rumänien

BOROS, Crina (2017): Dorf ohne Mütter.
Viele Rumäninnen müssen im Ausland arbeiten, um über die Runden zu kommen. Darunter haben sie enorm zu leiden - und noch mehr ihre Kinder,
in:
TAZ v. 11.11.

"Hunderttausende Kinder in Rumänien wachsen mit Eltern auf, die im Ausland arbeiten. Geschätzt handelt es sich um 10 Prozent aller im Lande lebenden Kinder.
An der Grund- und Mittelschule in Liteni haben 115 von 350 SchülerInnen mindestens ein Elternteil, das im Ausland arbeitet",

berichtet Crina BOROS. Interessant ist jedoch, in welchen Branchen die weiblichen Arbeitskräfte eingesetzt werden:

"Rumänien ist Spitzenreiter: In keinem anderen Land sind so viele Bürgerinnen und Bürger im europäischen Ausland. Viele von ihnen kommen aus ländlichen Gegenden wie Liteni. Die Dorfbewohner sind ins Ausland gegangen, um auf Baustellen, bei der Obsternte, als Reinigungskräfte oder in der Pflege zu arbeiten - in Italien, Spanien, Deutschland und Zypern.
Doch seit der Bauboom in Südeuropa durch die Finanzkrise kollabierte, ist der Bedarf an Arbeitskräften gewachsen, deren Anforderungsprofil eher mit Frauen assoziiert wird - was in Rumänien ein völlig neues Phänomen hervorgerufen hat: Dörfer mit wenigen - oder gar keinen - Frauen im arbeitsfähigen Alter und einer großen Anzahl von Kindern, die ohne Mutter aufwachsen."

Das Thema "Global Care Chain", das mit Haushaltshilfen z.B. Putzen und Pflege verbunden ist, erscheint hier nur mehr als Randproblem der Dienstleistungsgesellschaft.

 
       
 

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Zu den News vom 06. - 10. November 2017
 

   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
 
   

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 29. November 2017