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Drei Wellen der
Beschäftigung mit dem Geburtenrückgang sieht der
Bevölkerungswissenschaftler Ralf E. ULRICH in den letzten 100
Jahren. Single-generation.de hat im Jahr 2008
Drei Wellen der Generation Kinderlos in hundert Jahren
beschrieben.
Bereits am 5.
September hat single-dasein.de Dementis zur
Trendwende bezüglich der Geburtenrate erwartet. Nun kommt ein
Dementi von ULRICH, das nur scheinbar stichhaltig ist:
"»Deutsche
Frauen bekommen wieder mehr Kinder«, berichteten die
Medien Anfang des Monats.
ULRICH: Da wurden Forschungsergebnisse offenbar
missverstanden. Frauen in Deutschland bekommen Kinder heute
biografisch später als vor zehn oder 30 Jahren. Man kann die
Kinderzahl so kalkulieren, dass der Effekt dieser Verschiebung
herausgerechnet wird und kommt dann auf 1,6 Kinder pro Frau,
statt der vom Statistischen Bundesamt ausgewiesenen 1,4. Aber
der Vergleich der beiden Zahlen liefert keine Aussage über
einen Anstieg."
Tatsächlich gibt es zwei
klassische Methoden, die Geburtenrate zu ermitteln: zum einen die
durchschnittliche Kinderzahl (TFR) aller gebärfähigen Frauen
zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die Geburtenrate eines oder
mehrerer Geburtsjahrgänge (CFR). Beide Methoden werden zur
Ermittlung eines Anstiegs/Rückgangs der Geburtenrate
genutzt.
Fakt ist: Die endgültige
Kinderzahl für den westdeutschen Geburtsjahrgang 1962 liegt bei 1,56 (KREYENFELD
2011). Dieser Geburtsjahrgang liegt also bereits definitiv
über der hypothetischen TFR von 1,4. Das kann nicht einmal
Herr ULRICH bestreiten. Der westdeutsche Jahrgang 1961 erreichte noch eine
endgültige Kinderzahl von 1,6, d.h. die Kinderzahl pro
gebärfähiger Frau hat vom Geburtsjahrgang 1962 auf 1961 um
0,04 abgenommen.
Bald lässt sich auch für
den
prominenten Geburtsjahrgang 1965 die endgültige Kinderzahl
pro Frau ermitteln. Sie wird mit Sicherheit über 1,5 liegen.
Nach CFT-Berechnungen von Olga PÖTZSCH liegen seit dem Jahr
2008 alle in den 1960er Jahren geborenen west- und
ostdeutschen Frauenjahrgänge über dem Wert von 1,4, obwohl sie
das Ende der Gebärfähigkeit noch nicht erreicht haben (CPOS
Heft 1/2010, S.183). Aber darum geht es bei der
obigen Frage nach dem Anstieg gar nicht!
Worum geht es aber dann?
ULRICHs Aussage, dass der Vergleich der beiden Zahlen 1,4 und
1,6 keine Aussage über einen Anstieg liefert, ist eine Finte.
Das hat ja das Max-Planck-Institut für demografische Forschung
(MPIDR) in dem obigen Zusammenhang gar nicht behauptet. Das
Argument des MPIDR ist nämlich zweiteilig:
Es wird erstens behauptet,
dass die Zahlen der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) das
tatsächliche Geburtenniveau unterschätzt. Dies ist zumindest . Das hat aber nichts
mit der behaupteten Trendwende beim Kinderkriegen zu tun, wie
ULRICH suggeriert.
Der Anstieg wird vom MPIDR
dagegen - zweitens - aus dem Vergleich jüngerer und älterer
Geburtsjahrgänge gewonnen, wie das nachfolgende Schaubild
beweist, das der
Pressemeldung vom 2. September entnommen ist.
Bis zum Geburtsjahrgang
1961 handelt es sich um die Berechnung der endgültigen
Kinderzahl (CFR). Für die Geburtsjahrgänge nach 1961, die ihre
endgültige Kinderzahl noch nicht erreicht haben, wird die
Geburtenrate nach einer "tempobereinigten Geburtenziffer"
ermittelt. Dies ist eine Berechnungsmethode die
realitätsnähere Ergebnisse verspricht. 1998 brachten
John BONGAARTS & Griffith FEENEY den so genannten
Tempo-Ansatz in die demografische Debatte ein. Das
aktuelle Heft der Comparative Population Studies,
das vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
herausgegeben wird, widmet sich diesem Ansatz. In Deutschland
führte das bevölkerungspolitische Datendesaster dazu, dass
dieser Ansatz nicht angewandt werden konnte. Erst seit 2009
werden auch in Deutschland die notwendigen Daten erhoben.
Vorher verhinderte dies die
normative, eheorientierte amtliche Statistik.
Der Statistiker Gerd BOSBACH spricht in seinem Buch Lügen
mit Zahlen in diesem Zusammenhang auch von politischen
Zahlen.
Wenn jemand wie ULRICH auf
eine Frage antwortet, die gar nicht gestellt
wurde, dann verbergen sich dahinter politische Strategien und
Interessen, die verschleiert werden sollen.
Warum
wird der Tempo-Ansatz in Deutschland erst jetzt angewandt,
obwohl er international bereits seit über 10 Jahren diskutiert
und erprobt wird?
Für Deutschland gilt: Der
Tempo-Ansatz hätte vorher dazu geführt, dass europäische
"Musterländer" in der demografischen Debatte nicht als Vorbild
hätten fungieren können, weil deren angeblicher Babyboom
teilweise oder ganz auf einem veränderten Gebäralter bzw.
Geburtenabstand beruhen.
Nun aber könnte die bislang
verwendete zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) dagegen einen
Babyboom vorgaukeln, den es nicht gibt. In dem
programmatischen Aufsatz Wie Politik durch falsche
Interpretationen der konventionellen Perioden-TFR in die Irre
geführt wird: Sollten wir aufhören, diesen Indikator zu
publizieren? von
Tomas SOBOTKA &
Wolfgang LUTZ heißt es:
"»Tempo-orientierte
politische Maßnahmen« mit dem Ziel der Stimulation eines
früheren Geburtentimings, um die Anzahl der Geburten zu
steigern, ohne dass sich dies zwangsläufig auf die realisierte
Fertilität auswirkt, stellen hingegen ein legitimes und
potenziell nützliches Ziel dar (...). Diese politischen
Maßnahmen stellen in der Tat einen Ausnahmefall dar, in dem
die TFR ein nützlicher Indikator hinsichtlich ihrer
Auswirkungen sein könnte" (2010, S.685f.)
Oder anders ausgedrückt:
Die TFR diente bislang dazu den notwendigen Druck aufzubauen,
um familienpolitische Reformen wie höherer Pflegebeitrag für
Kinderlose, Elterngeld usw. als alternativlos erscheinen zu
lassen.
Nun aber könnte die TFR
auch in Deutschland zunehmend kontraproduktiv werden:
"Seit dem Ende der 1990er
Jahre haben viele europäische Länder einen deutlichen Anstieg
der konventionellen Perioden-TFR verzeichnet. (...) Dies wurde
allgemein als erfreuliches Zeichen für den dringend
notwendigen Umschwung des bisherigen, langanhaltenden
Trends sinkender periodenspezifischer Geburtenziffern
interpretiert, der dafür gesorgt hatte, dass die TFR in vielen
europäischen Ländern auf ein »Rekordtief« von 1,3 oder weniger
gefallen war (Kohler et al. 2002). Einige Regierungen haben
diesen Trend voller Stolz auf ihre politischen Maßnahmen
zurückgeführt und eine der führenden deutschen Zeitungen, Die
Zeit, kommentierte einen minimalen Anstieg der Anzahl der
Geburten im Jahr 2007 mit dem freudigen Ausruf
»Politik funktioniert!« (Gaschke 2009). Eine alternative
Erklärung liefert jedoch einen anderen Blick auf den
kürzlichen Anstieg der Perioden-TFR. Es ist möglich, dass der
jüngste Anstieg dieser Maßzahl in europäischen Ländern zu
einem großen Teil einer Verlangsamung oder der Beendigung des
Aufschiebens von Geburten zuzuschreiben ist (Goldstein et al.
2009, Bongaarts/Sobotka 2010)."
Der Tempo-Ansatz wird nun
also benötigt den politischen Druck weiter aufrecht halten zu
können, um weitere bevölkerungspolitische Reformen in
Deutschland durchzusetzen zu können. Durch zu viele
Babyboom-Medienberichte könnten nämlich weiteren geplanten
Reformen mehr Widerstand entgegengesetzt werden.
Wie steht es nun aber um
die behauptete Trendwende? Das MPIDR verwendete den
Tempo-Ansatz zur Vorausberechnung, d.h. der Anstieg könnte
also tatsächlich einen Anstieg des Geburtenniveaus in den
jüngeren Geburtsjahrgängen bedeuten. Aber einzig die
endgültige Kinderzahl pro Frau (CFR) kann das letztendlich
wirklich belegen. Politik braucht jedoch heute und nicht erst
morgen Zahlen, um Handeln zu rechtfertigen. Der Tempo-Ansatz
verspricht zumindest realitätsnähere Ergebnisse. Der
Geburtsjahrgang 1975 wird im Jahr 2025 das Ende der
Gebärfähigkeit erreichen (so wie es gegenwärtig definiert
wird!). Die Politik wird sich ihre Erfolge früher zurechnen
wollen, woraus sich der Bedarf an politischen Zahlen ergibt.
Man sollte die Demografen
an ihren eigenen Prognosen messen, was zum Abschluss getan
wird.
Im Jahr 2008 hat sich
single-generation.de den Mythen und Fakten des
Geburtenrückgangs gewidmet. Damals wurden auch die
Fehleinschätzungen zur Geburtenentwicklung in Ostdeutschland
betrachtet. Ralf ULRICH & Rainer MÜNZ haben im Heft 4/1993-94
der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft für
Ostdeutschland eine Prognose bis zum Jahr 2010 errechnet, die
in der nachfolgenden Tabelle mit der tatsächlichen Entwicklung
verglichen wird.
| Jahr |
tatsächliche Entwicklung TFR (Ost) |
Vorausschätzung
(Variante
1-3) |
| 1990 |
1,52 |
|
| 1991 |
0,98 |
|
| 1992 |
0,83 |
|
| 1993 |
0,77 |
|
| 1994 |
0,77 |
|
| 1995 |
0,84 |
|
| 1996 |
0,95 |
|
| 1997 |
1,04 |
|
| 1998 |
1,09 |
|
| 1999 |
1,15 |
|
| 2000 |
1,21 |
unter 0,95 (V 1)
0,95
(V 3)
1,1 (V2) |
| 2010 |
1,46 |
1,35 (V 1) -1,4 (V 2) |
Es zeigt sich, dass das
Szenario der Angleichung mit Geburtenausfall von
Ostdeutschland übertroffen wurde. Der Osten hat die
Angleichung 2007 erreicht und liegt seitdem bei der TFR über
dem Westniveau ( Geburtenraten 2001-2009 siehe
hier).
Betrachtet man die
Geburtenraten der west- und ostdeutschen Geburtsjahrgänge (CFT),
dann hatten die ostdeutschen Geburtsjahrgänge sogar schon 2005
höhere Geburtenraten, wie die Tabelle 1 von
KONIETZKA & KREYENFELD (2007, S.4) zeigt.
Im Fall Ostdeutschland hat
der Indikator TFR gewaltig in die Irre geführt.
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