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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
   
News 15.-24. September 2018
News 01.-14. September 2018
News 23.-31. August 2018
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News 07.-11. August 2018
News 01.-06. August 2018

News 1-7/2018
News 2000-2017

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 15. - 30. September 2018: [25.09.] [26.09.] [27.09.] [28.09.] [29.09.] [30.09.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Die Betonung des Bevölkerungsrückgang als Ursache schrumpfender Städte als deutscher geschichtskonservativer Sonderweg in der internationalen Stadtforschung

"Bevölkerungsrückgang ist nie die eigentliche Ursache von Schrumpfungsprozessen, sondern der unmittelbarste Anzeiger städtischen Wandels bzw. eine Folge zumeist wirtschaftsstruktureller Probleme oder Krisen. (...).
Ein spezieller Fall sind Bergbauzentren. Sie sind als Monozentren zu sehen, welche in völliger oder sehr hoher Abhängigkeit von einer Industrie bzw. einem Rohstoffabbau wachsen oder schrumpfen. Hierfür gibt es auch in der älteren Historie zahlreiche Beispiele. (...). Wenig verwunderlich weisen Bergbauzentren häufig die dramatischsten Schrumpfungsgeschichten auf, also die höchsten Verluste (bis zu 90 %) in kurzer Zeit. Beispiele sind Städte wie etwa Yūbari in Japan, Murmansk in Russland oder Johanngeorgenstadt in Ostdeutschland."
(aus:
Annegret Haase "Schrumpfende Stadt" in Dieter Rink & Annegret Haase (Hrsg) Handbuch Stadtkonzepte, Verlag Barbara Budrich, Opladen & Toronto 2018, S.407f.)

 
       
       
   

30.09.2018

 
       
   

KILB, Andreas & Mark SIMONS (2018): Ich bin ja nicht Heidegger.
Haben die Deutschen, mit ihrem Kult um Herkunft, die "Rückkehr nach Reims" falsch verstanden? Hat Sahra Wagenknecht eine Mitschuld an Chemnitz? Ein Gespräch mit dem Soziologen Didier Eribon,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 30.09.

Die FAS unterstellt, dass die Deutschen das Buch Rückkehr nach Reims falsch verstanden hätten. Eigentlich wird damit die unterstellte Lesart von Sahra WAGENKNECHT mit der Lesart aller Deutschen gleichgesetzt. Was insbesondere etwas über die FAS aussagt, die sich als Sprachrohr des individualisierten Mitte-Milieus versteht:

"Vor zwei Jahren hat sie (Anm.d.V.: Sahra Wagenknecht) in einer Rede vor dem Bundestag »Rückkehr nach Reims« zitiert. Wenn sie jetzt das Thema der verratenden Arbeiterklasse wieder auf den Tisch bringen will, hat sie völlig recht. Aber wenn Sie mein Buch richtig lesen, stellen Sie fest, dass ich keinen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und denen des Feminismus, Antirassismus, der LGBT-Bewegung und der Ökologie aufmache. Eine wirklich linke Partei kann nur all diese Themen gemeinsam angehen."

Didier ERIBON unterstellt - im Gegensatz zu den beiden Interviewern - nicht, dass WAGENKNECHT tatsächlich einen Gegensatz zwischen beiden Aspekten sieht, sondern präsentiert nur seinen politischen Standpunkt. Auf dieser Website wurde das Buch nicht als "individueller Bildungsroman" gelesen, sondern ganz im Sinne von ERIBON als Ausdruck von Klassenstrukturen, weshalb das Buch in einen Zusammenhang mit dem vergleichbaren Bildungsaufstieg von Christian BARON in Deutschland gelesen wurde. Dabei stand im Vordergrund, dass sich historisch gesehen die Gelegenheitsstrukturen verändert haben und soziale Mobilität immer vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels gesehen werden muss.

In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, dass soziale Bewegungen die Gelegenheitsstrukturen verändern und damit neue soziale Ungleichheiten entstehen, die nicht vernachlässigbar sind. ERIBON prägt ein Bild der sozialen Bewegungen, das der Vergangenheit angehört, während sich die sozialen Bewegungen neu strukturiert haben. Der Rechtspopulismus wird getragen von neuen sozialen Bewegungen, weshalb es ziemlich naiv erscheint, wenn ERIBON fordert:

"Statt neuer politischer Bewegungen sollten wir lieber soziale Bewegungen stärken und die Impulse in die Politik tragen."

Nähme ERIBON das ernst, dann wäre dies eine Zustimmung zur AfD, die ja z.B. die Belange der identitären Bewegung in die parlamentarische Politik trägt, also Impulse sozialer Bewegungen aufgreift. Es führt also nichts daran vorbei, dass bei sozialen Bewegungen differenziert werden muss. Das gilt auch z.B. für den Feminismus, wenn er lediglich Privilegien für Akademikerinnen durchsetzt wie der neoliberale Elitenfeminismus und dabei die Bedürfnisse von nicht-akademischen Frauen  vernachlässigt oder sogar abwertet. Als ERIBON jung war, da gab es eine völlig andere historische Konstellation und der damalige orthodoxe Marxismus nicht auf der Höhe der Zeit. Die Frage stellt sich deshalb, was heißt es, wenn heute von einer Klassengesellschaft gesprochen wird und wie die Interessen von Benachteiligten organisiert werden können. ERIBON sieht in der Internationalisierung der Arbeitnehmerinteressen und einem "sozialen Europa" den Weg. Im Grunde plädiert ERIBON für eine vereinigte Linke, die ihre Spaltung in einer soziale und eine kulturelle Linke überwindet:

"Man kann eine Arbeiterin sein, die versucht, den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen und gleichzeitig ihre Rechte als Frau, zum Beispiel zur Abtreibung. Man kann ein schwuler Arbeiter sein, der seinen Partner heiraten will, der ein Migrant ist und deshalb, weil er nicht die Staatsbürgerschaft hat, nicht heiraten darf. Alles ist miteinander verbunden. Die Linke muss ihre Energie aus all diesen verschiedenen Bewegungen beziehen, statt sich ihnen entgegenzustellen."

Das eignet sich zwar für die Sonntagsreden von Politikern, aber die Realität der fragmentierten Linken lässt sich damit nicht aufbrechen. Die Linken sind zu sehr damit beschäftigt ihre identitätspolitischen Vorstellungen zu verteidigen. Verfestigung statt Aufbruch prägt die derzeitige Situation und das obwohl jetzt das Gegenteil nötig wäre.     

 
       
   
29.09.2018
 
       
   

SCHRÖRS, Tobias (2018): Immer mittwochs klingelt es.
Irmgard Anna Fischer hadert nicht mit der Einsamkeit. Aber wie so viele Rentner fehlt ihr das Miteinander,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.09.

In Hessen ist Wahlkampf und Konservative lieben Einsamkeit als politisches Thema, das sich gefahrlos instrumentalisieren lässt:

"In Großbritannien wurde eigens ein Ministerium gegen Einsamkeit geschaffen",

lautet eines der meist verbreiteten Fake-News. Tatsächlich wurde ein vorhandenes Ministerium einfach nur um einen Aufgabenbereich erweitert, der nichts kosten soll, aber möglichst viel Aufmerksamkeit bietet.

"Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag angekündigt, Vereinsamung zu bekämpfen",

lautet eine mantrahaft in der FAZ vorgetragene Botschaft. Mit Inhalten gefüllt wird das jedoch nur rhetorisch, d.h. vorhandene Projekte, die sich mit Einsamkeit irgendwie verbinden lassen, werden nun besonders hervorgehoben:

"Immerhin verweist das Ministerium auf bestehende Projekte, wie die 540 geförderten Mehrgenerationenhäuser. In Wiesbaden ist der Besuchs- und Begleitungsdienst Anknüpfungspunkt für ein Modellprojekt gegen Einsamkeit älterer Menschen."

Fazit: Die politische Instrumentalisierung der Einsamkeit ist für die Union etwa das, was das Rentenniveau für die SPD ist - ein Placebo!

 
       
   

Seehofer muss weg! Die Kanzlerin schaut tatenlos ihrer Demontage zu

CREUTZBURG, Dietrich & Manfred SCHÄFERS (2018): Sehnsucht nach Aufbruch.
Die Koalition beschäftigt sich zwar viel mit sich selbst, tatenlos war sie in ihrem ersten Jahr aber keineswegs. Doch der Wirtschaft passt der Kurs der Regierung nicht. Wird sich das ändern?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.09.

CREUTZBURG & SCHÄFERS sind vorsichtiger als Handelsblatt und WirtschaftsWoche bei ihrer Beschreibung von Ralph BRINKHAUS als Hoffnungsträger der Wirtschaft. Für sie ist die Abgabe des Parteivorsitzes notwendige Voraussetzung für eine grundlegendere Neuorientierung, denn der Koalitionsvertrag trägt der FAZ eine viel zu starke Handschrift der SPD:

"Durch bloße Willenserklärungen werden die Konfliktherde zwischen der Union und der SPD, die im Frühjahr aus einer Position der Schwäche heraus einen stark sozialdemokratisch gefärbten Koalitionsvertrag durchgesetzt hat, nicht kleiner".

Danach folgen jene Gesetze, die Neoliberale vollkommen gegen den Strich gehen, allen voran das Rentenpaket. Die Europapolitik sehen die Autoren als gefahrloses Politikfeld zur Profilierung und auch die Abschaffung des Solis.

"Doch klar ist auch, solange Merkel Parteivorsitzende und Kanzlerin ist, wird sich die Linie der Politik nicht groß ändern. Umso mehr politischer Kunstfertigkeit bedarf es, (...) das Gefühl der Lähmung zu betreiben."

Bayern- und Hessenwahl sollen Angela MERKEL weiter unter Zugzwang setzen, so die Hoffnung der Neoliberalen.    

 
       
   

Die Endphase des Wahlkampfs zur Landtagswahl in Bayern in den Medien

FRIEDMANN, Jan (2018): "Fahrt ins Paradies".
Bayern: Die Grünen sonnen sich in guten Umfragewerten. Doch bis zur Regierungsbeteiligung ist der Weg noch weit - für eine Koalition mit der CSU müssten sich beide Partner verbiegen,
in: Spiegel Nr.40 v. 29.09.

"Sollten sieben Parteien in den Landtag kommen, wären die Grünen womöglich die Einzigen, mit denen die Christsozialen nach dem 14. Oktober ein Zweierbündnis bilden können",

erklärt uns Jan FRIEDMANN, der uns lediglich eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GMS präsentiert. FRIEDMANN nennt bereits mögliche Gewinner der Grünen bei den Direktmandaten:

"In Bayern stellen die Grünen (...) zwei Landräte, dazu einige Bürgermeister. Laut Prognose werden künftig auch einige Direktmandate dazukommen, Hartmann etwa ist Favorit in München-Mitte, auch in Schwabing, München-Milbertshofen, Nürnberg und Würzburg haben grüne Direktkandidaten Chancen."

FRIEDMANN vergleicht die Situation mit dem Wahlsieg von Winfried KRETSCHMANN in Baden-Württemberg im Jahr 2011. Als Gegner einer schwarz-grünen Koalition wird CSU-Fraktionschef Thomas KREUZER genannt. Als Schwäche der Grünen wird deren mangelnde Mobilisierungskraft genannt, die in der Endphase entscheidend sein kann.

BECK, Sebastian (2018): Liebesentzug.
Lange Zeit war Bayern in CSU-Hand. Bei der Landtagswahl droht nun eine Eruption. Auch weil die Kluft zwischen Stadt und Land immer größer wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.09.

Der Gesellschaftsteil hat sich heute dem Thema Bayern verstehen verschrieben. Unsere urbanen Kosmopoliten fällt angesichts der aktuellen Meinungsumfragen nichts anderes ein, als den Fall Bayern als Normalisierung zu beschreiben und Koalitionen mit der AfD damit letztendlich resigniert als neue Möglichkeit zu denken - zumindest was die Zukunft betrifft, denn eigentlich ist Bayern das Paradies auf Erden, gäbe es nur die AfD und die Grünen nicht:

"Die CSU wird freilich auch nach der Landtagswahl weiterregieren, wie schon seit 1957 ohne Unterbrechung, aber womöglich nur noch als ganz normale Partei und nicht mehr als Synonym für alles, was auf der Welt als Bayerisch und stark gilt. Einer Demütigung käme das gleich.
(...).
Söder kann es weder den Flüchtlingsfeinden auf dem Land noch den Flüchtlingsfreunden in der Stadt recht machen. Diese Gegensätze sind sogar für eine pragmatische Volkspartei wie die CSU zu große geworden, und deshalb steht sie auf einmal ziemlich verloren in ihrer Heimat. (...).
Denn was gerade in Bayern passiert, das passiert in vielen Ländern der westlichen Welt. Die Gesellschaften spalten sich in Special-Interest-Gruppen auf (...). In der politischen Mitte aber, (...) ist es plötzlich leer",

jammert Sebastian BECK. Diese Sicht beruht zum einen auf einer Idealisierung, denn Bayern und die CSU sind längst keine unzerbrechliche Einheit mehr gewesen, und zum anderen auf einer neoliberalen Blindheit, die alles ausblendet, das nicht ins heile Welt-Schema passt. Was wollt ihr Deppen eigentlich? fragt diese arrogante Blindheit. Alle Kennzahlen sind super und ihr seid dennoch unzufrieden? Vor allem versucht BECK alles allein auf die Politik abzuladen und die die Wir schaffen das-Medien außen vor zu lassen, obwohl sie eine große Mitschuld an der derzeitigen Stimmungslage tragen.

Fazit: Nicht nur die CSU, sondern auch die SZ kollidiert mit der Realität im Lande. Und das ist das eigentliche Drama. Wurde letztes Jahr im Bundestagswahlkampf noch ausführlich über die Situation in den einzelnen Landesteilen berichtet, so scheint man dieses Mal mit Schönfärberei den Wahlkampf vor Ort einfach ausblenden zu wollen. Drei Wochen vor der Landtagswahl in Bayern wird nur noch über die Sorgen und Hochstimmungen der etablierten Parteien berichtet, aber nur noch ganz selten über die konkrete Situation vor Ort. Wie ist dieser Schwenk bei der Berichterstattung zu erklären? Offenbar befürchten unsere Mainstreammedien, dass eine Fokussierung auf die Probleme beim Wahlkampf vor Ort die AfD stärkt. Aber ist dieser Versuch die wahre Schwäche der etablierten Parteien zu tabuisieren nicht noch schlimmer?               

 
       
   

HORN, Karen (2018): Hausaufgaben für Liberale.
Die Freiheit ist bedroht. Für viele gilt sie nicht mehr als Wert. Zeit, sich zu fragen: Was haben Liberale falsch gemacht?
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 29.09.

Die marktradikale Karen HORN, 2015 aus dem wissenschaftlichen Lobbyverein der Marktradikalen wegen dem dortigen Rechtsruck ausgetreten, fragt sich nun wie es so weit kommen konnte:

"Die Lehren der freiheitlich inspirierten politischen Ökonomie vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass uns oft das Gespür für politische Dynamiken abgeht. Es fehlt an Einsicht in die Wucht sozialpsychologischer Prozesse, ganz zu schweigen von der Kunst, in deren Wirbel das für die Freiheit Wesentliche zu erkennen und in langfristigen Strategien zu sichern."

Von wirklicher Einsicht ist HORN jedoch noch weit entfernt:

"Eingeübt haben wir, als Antwort auf soziale Fragen auf die Wohlstand schaffende Kraft der Märkte zu verweisen. Und gleich danach geisseln wir die effizienzmindernde und bevormundende Wirkung des Wohlfahrtsstaats."

Typisch für eingefleischte Neoliberale wie HORN ist es den Sozialstaat auf seine wirtschaftliche Funktionalität zu reduzieren. Ungleichheit gilt Neoliberalen als problemlos, so lange sie die Produktivität bzw. die Profite nicht behindert. Ein fataler Irrtum, dem Neoliberale unterliegen!

"Aber glatt zu ignorieren, welche humanitäre Relevanz der sozialen Frage zukommt, ist ein Fehler. (...). Gegen linke Rufe nach immer noch mehr Regulierung wissen wir mit guten Argumenten zu protestieren. Nach rechts gelingen oft nur Lippenbekenntnisse."

Einen starken Staat setzen Neoliberale mit einem Staat gleich, der den Wettbewerb sichern soll - notfalls militärisch. Dass der Sozialstaat zentral für die Sicherheitspolitik ist, das gehört nicht zu ihrem Repertoire, weshalb Neoliberalen das Gespür für die Alltagsprobleme der Menschen abhanden gekommen ist (wenn sie es je hatten!). HORN ist eine Art neoliberale Heimatvertriebene, was der Schluss ausdrückt:

"Falls es uns Liberalen nicht gelingen sollte, Antworten zu finden, die über arg simple Gewissheiten und ein abgekautes antietatistisches Mantra hinausgehen, dann könnte es mit der Freiheit wieder einmal schneller vorbei sein, als wir es uns vorstellen können."

Es hat erst des Aufkommens der AfD bedurft, um Teile der Neoliberalen aufzuschrecken. Daraus lässt sich die ganze Tragik dieser Ideologie erkennen. Sie ist unfähig, rechtzeitig die Folgen ihrer Weltanschauung zu bedenken. Die Hausaufgaben hätten die Neoliberalen bereits vor 10 Jahren machen müssen. Jetzt können nur noch Notoperationen helfen.

 
       
   
taz-Titelgeschichte: Das hätte ich sein können.
Unser Autor war zehn, als die Mauer fiel. Männer tranken, der Staat war schwach. Jungs entdeckten ihre Macht. Nach den Nazi-Aufmärschen in Chemnitz blickt er zurück auf die prägenden Jahre seiner Generation

SCHULZ, Daniel (2018): Wir waren wie Brüder.
Unser Autor ist vor Neonazis weggelaufen und war mit Rechten befreundet. In den neunziger Jahren in Ostdeutschland ging das zusammen. Wenn er heute in Chemnitz Männer um die vierzig sieht, die Hitlergrüsse zeigen, dann fragt er sich: Was habt ihr mit mir zu tun? Und ich mit euch?
in: TAZ v. 29.09.

Die autobiografisch inspirierte Reportage von Daniel SCHULZ lässt sich als identitätspolitische Erzählung lesen, die sich einreiht in den Trend einer Literatur, bei der die Erklärung der Entstehung rechter Gewalt in Ostdeutschland im Fokus steht. SCHULZ nennt mit Manja PRÄKELS' Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß und Christian BANGELs Roman Oder Florida zwei Bücher, die seine Sicht stützen bzw. erweitert untermauern sollen, wobei BANGELs Roman lediglich erwähnt wird, während PRÄKELS' Sicht auch zitiert wird.

"Gerade fast dreißig Jahre nach der Wende erzählt die Generation meiner Eltern und Großeltern ihre Geschichte. Nicht das erste Mal, aber es scheint die richtige Zeit zu sein. Die sächsische Staatsministerin für Integration Petra Köpping hat einige dieser Geschichten aufgeschrieben in ihrem Buch »Integriert doch erst mal uns« und sie füllt damit in Ostdeutschland zur Zeit jedes Haus. (...).
Ist da noch Platz für die Erzählungen der 90er Jahre aus der Sicht derjenigen, die beim Fall der Mauer zu alt waren, um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte? Über das Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute Hitlergrüße zeigen und brüllen?
»Mit den 90er Jahren verbinde ich persönliche Erlebnisse, die derzeit wieder hochkommen«, sagt Manja Präkels, »und wenn ich im Land unterwegs bin, sehe ich jetzt oft genau die Leute bei der AfD wieder, die sich als Sieger der Kämpfe der 90er Jahre begreifen.« (...).
Wann fängt man also eine Geschichte über damals an? Für mich begann es nicht 1989. Für mich begann es in der DDR",

fasst Daniel SCHULZ seinen Blick auf die Entstehung der rechten Hegemonie in Ostdeutschland zusammen, die er aus dem antifaschistischen Mythos der DDR, der Schwäche von Staat und Eltern in der ostdeutschen Nachwendezeit und dem Macht- und gleichzeitigen Ohnmachtsgefühl der Jugendlichen zu erklären versucht.

Fazit: Der Artikel zeigt anschaulich und zuweilen recht brutal, welche autobiografischen Erfahrungen Grundlage der derzeitigen identitätspolitischen Verfestigungen in Teilen des linken Lagers vorhanden sind. Es handelt sich dabei lediglich um ein Mosaiksteinchen, das erst zum Gesamtbild linker Fragmentierung zusammengefügt, das tatsächliche Ausmaß der derzeitigen Situation zeigt. Dabei bleibt offen, inwieweit solche authentischen Berichte auf Konstruktionen beruhen, die ihre Plausibilität nicht unbedingt aus den realen Ereignissen der Vergangenheit, sondern mitunter auch aus der Anschlussfähigkeit zu öffentlichen Debatten beziehen.         

 
       
   

AUGUSTIN, Kersten (2018): Rechter Haken.
Vor genau einem Jahr starb in Wittenberg ein Deutscher bei einem Streit mit einem Syrer. Eine Anklage gibt es bisher nicht. Und anders als in Chemnitz oder in Köthen auch keine bundesweite Aufmerksamkeit. Was ist hier anders?
in: TAZ v. 29.09.

"Wittenberg ist so etwas wie das Potsdam von Sachsen-Anhalt. Hier arbeitet ein liberales und privilegiertes Bürgertum, rund um die evangelische Akademie gibt es zahlreiche christliche Einrichtungen. Es gibt eine aktive Zivilgesellschaft, Zehntausende amerikanische Touristen kommen im Jahr, das prägt das Klima der Stadt.
Ein Anruf bei David Begrich, Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein Miteinander e.V. Sucht man nach einem Experten für Neonazis in Sachsen-Anhalt, dann sagen alle: Frag Begrich.
Begrich hat mit seinen Kollegen analysiert, wann aus einem Einzelfall ein Erfolg der rechten Szene wird, »Mobilizing Ressources« nennt er das. (...).
Nötig seien drei Bedingungen: Erstens brauche es einen Anlass, der skandalisiert werden könne. Zweitens eine handlungsfähige rechte Struktur (...,) drittens Personen, die ein bürgerliches Publikum ansprechen. (...).
Zweitens und drittens fehlten in Wittenberg. (...).
Begrich sieht noch einen Unterschied, es ist ein Unterschied in der politischen Kultur: In Sachsen-Anhalt sei die AfD zwar mit fast 25 Prozent sehr stark im Parlament, aber schwach auf der Straße. In Sachsen dagegen sei die Rechte auf der Straße erfolgreich und habe sogar einige Unterstützer in der Polizei und anderen Staatsorganen",

berichtet Kersten AUGUSTIN über die Unterschiede der rechten Szene in verschiedenen lokalen Umfeldern. In welcher Weise soziale und regionale Ungleichheit eine Rolle spielt, das bleibt hier unterbelichtet - nur as Adjektiv "privilegiertes" Bürgertum verweist auf diesen Aspekt. 

 
       
   

FRITSCHE, Andreas (2018): Ex-Ministerin will in den Landtag.
Brandenburg: Diana Golze (Linke) möchte als Direktkandidatin 2019 ihren Heimatwahlkreis 4 gewinnen,
in: Neues Deutschland v. 29.09.

Die linke Skandalpolitikerin Diana GOLZE soll mit einem sicheren Wahlkreis für ihren Rücktritt im brandenburgischen Pharmaskandal belohnt werden:

"Zu diesem Wahlkreis gehören Teile der Landkreise Havelland und Ostprignitz-Ruppin, darunter die Städte Rathenow und Premnitz. Hier kennt sich Golze aus, hier in Rathenow lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Bevor Diana Golze Ende 2014 brandenburgische Sozial- und Gesundheitsministerin wurde, saß sie im Bundestag - und da gehörte Rathenow auch schon zu ihrem Wahlkreis."

Der Wahlkreis wurde dreimal von Christian GÖRKE (Linkspartei) gewonnen. Ob GOLZE dafür die richtige Kandidatin ist? Es könnte der Partei ergehen wie der SPD im Fall Maaßen. Zuerst muss jedoch die durch die Regierungsbeteiligung geschwächte Linkspartei dieses Postengeschacher absegnen. 

 
       
   

Das Single-Dasein in Großbritannien

MÜLLER, Jan-Werner (2018): Der Arbeiter muss doch links wählen!
Für sie ist jetzt der Moment gekommen, neoliberale Hegemonie aufzubrechen: Chantal Mouffe redet einem linken Populismus das Wort und setzt dabei auf Emotionen statt Ideen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.09.

"Chantal Mouffe betont, der Linkspopulismus würde in verschiedenen Kontexten ganz unterschiedliche Formen annehmen, deswegen könne sie keine allgemeinen Inhalte liefern. Wie aber soll Hegemonie ohne Ideen erobert werden? Margaret Thatcher stand einst bei einer Parteikonferenz auf und knallte mit den Worten »Daran glauben wir!« ein Buch auf den Tisch. Es handelte sich um Friedrich von Hayek »Verfassung der Freiheit«. Wer so etwas auf der Linken nicht kann, sollte vielleicht erst mal sitzen bleiben und weiter nachdenken",

fertigt der Politikwissenschaftler Jan-Werner MÜLLER, dem ein formaler Populismusbegriff vorgeworfen wird, das Buch Für einen linken Populismus von Chantal MOUFFE ab.

"Mouffe hat Pedemos und Jean-Luc Mélenchons France Insoumise beraten. (...). Das Resultat? Ungefähr drei Prozent von Front-National-Wählern liefen zu France Insoumise über. (...). Dabei, so Fassin, vergesse sie ganz die Nichtwähler. Die warteten vielleicht nicht auf eine nette linke Erzählung über die Nation, sondern wollten ehrliche sozialdemokratische Politik - wie bei Jeremy Corbyn",

meint MÜLLER, der mit dem französischen Soziologen Eric FASSIN einen Vertreter der kulturellen Linken zitiert.  

 
       
   

Das Single-Dasein in Frankreich

RÜHLE, Alex (2018): Welt ohne Ich.
Zu Besuch bei der Schriftstellerin Annie Ernaux, die eine stilprägende Form des Schreibens über die eigene Herkunft und as Drama sozialer Klassen erfunden hat,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.09.

Der Wechsel des deutschen Verlags (Suhrkamp statt Goldmann) zeigt, dass es sich bei Übersetzungen eines fremdsprachigen Autors auch um zeittypische Interpretationen von Autorenwerken geht:

"Es hatte in den Neunzigerjahren schon einige Ernaux-Übersetzungen in Deutschland gegeben, die meisten wurden aber bei Goldmann mit bescheuert poetischen Titel verlegt und landeten in obskuren Blütencovertischen."

Anlass des Porträts - ein Interview wagte man nicht (warum?) ist die Veröffentlichung des Buchs Erinnerung eines Mädchens, das uns Alex RÜHLE als zentrales Puzzleteil präsentiert,

"ohne das man das ganze Bild, die restlichen 20 Bücher dieser »Ethnografin meiner selbst« nicht versteht."

Ohne den Erfolg von Didier ERIBONs Rückkehr nach Reims wären die Bücher von Annie ERNAUX in Deutschland nicht bei Suhrkamp erschienen. ERNAUX stammt im Gegensatz zu ERIBON nicht aus der Arbeiterklasse, sondern aus dem Kleinbürgertum ("sie ist 1940 geboren, in eine Familie, die ein Café mit Krämerladen im normannischen Yvetot betrieb") und sie ist nicht in die Professorenschaft aufgestiegen, sondern führt nur "das Leben einer Frau aus der herrschenden Klasse":

"In ihrem wunderschönen Wohnzimmer nennt sie sich mehrmals »transfuge sociale«, soziale Überläuferin. Da schwingt im Deutschen wie Französischen das Wort »Verräter« mit, Schuld und Scham. »ich komme aus einer kleinbürgerlichen Welt, aus der ich unbedingt wegwollte, und lebe jetzt in diesen Räumen«, sagt sie (...)."

Die Anerkennung dieser Art von Literatur ist nicht etwa der Soziologie zu verdanken, sondern dem Druck durch den Aufstieg der französischen Rechten und dem Niedergang der Sozialdemokratie. Aus diesem Grund wird das Werk auch erst seit kurzem in Deutschland verlegt. Was bedeutet es, wenn es erst einer Partei der AfD bedarf, um unsere Eliten aufzuschrecken? Und verstärkt diese Uneinsicht nicht zusätzlich die Erfolgsaussichten der AfD in Deutschland?

"Sie war mit ihrer soziologisch-historischen Literatur lange Zeit allein auf weiter Flur. Und musste sich dafür vom Pariser Establishment zuweilen anhören, sie betreibe plumpe Elendsmalerei. Der Altpopper und Werbetexter Frédéric Beigbeder etwa rümpfte kürzlich die Nase, das sei doch unerträglich larmoyant. Mittlerweile aber ist die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, nach Klassenunterschieden und der Schwere (Anm. d.V.: soll wohl Schere heißen) zwischen Arm und Reich mit Macht zurückgekehrt",

schreibt RÜHLE im Feuilleton einer Zeitung, die in ihrem Wirtschaftsteil immer noch neoliberal ist und deren Feuilleton nicht unbedingt zum Progressiven gehört. ERNAUX jedenfalls kann dem französischen Literaturbetrieb nichts abgewinnen.   

 
       
   

Das Single-Dasein in Finnland

HERMANN, Rudolf (2018): Mutter Nokia und ihre Kinder.
Die nordfinnische Stadt Oulu ist aus den Ruinen der Handyproduktion auferstanden,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 29.09.

 
       
   

28.09.2018

 
       
   

Seehofer muss weg! Die Kanzlerin schaut tatenlos ihrer Demontage zu

SIGMUND, Thomas/HILDEBRAND, Jan/AFHÜPPE, Sven/RICKENS, Christian (2018): Kanzlerin auf Abruf.
Wochenendthema: Noch hat es kein Bundeskanzler geschafft, seinen Abschied selbstbestimmt einzuleiten. Auch Angela Merkel droht an dieser Aufgabe zu scheitern. Sie muss jetzt die richtigen Schlüsse aus der Abwahl Volker Kauders ziehen,
in:
Handelsblatt v. 28.09.

Mit schöner Regelmäßigkeit versucht das Handelsblatt aus Regierungskrisen Kapital zu schlagen und Stimmung gegen die Kanzlerin zu machen, statt Aufklärung zu betreiben. Das liegt daran, dass der Wähler aus Sicht unserer Eliten der Emotionalisierung des politischen Geschehens bedürfe, weil er zu dumm ist, um die Wahrheit zu begreifen. Dieser Trend zur Personalisierung führt letztlich zum demokratischen Despotentum wie es in Frankreich bereits in seinen Anfängen unter Emmanuel MACRON zu studieren ist. Wie weit ist es noch zu türkischen und osteuropäischen Verhältnissen angesichts des Niedergangs journalistischer Glaubwürdigkeit in Deutschland?

Das Handelsblatt unterfüttert seine Darstellung anhand von Grafiken, aus einer Online-Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov, die das Blatt selber bestellt hat, und deren genauer Erhebungszeitpunkt fehlt. Umfragen, zumal sie stark ereignisgetrieben sind, spiegeln in erster Linie die desolate Informationslage in der Medienlandschaft wieder. Seriöse Berichterstattung hat nicht nur die Ergebnisse eines einzigen (meist mit ganz speziellen politischem Bias) Meinungsinstitut zu berücksichtigen, sondern die Gesamtheit der verfügbaren Umfragen. Online-Umfragen sind kaum repräsentativ, weil sie den nicht-Internetaffinen Teil der Bevölkerung nicht angemessen berücksichtigen kann, sondern deren Nicht-Berücksichtigung - aufgrund intransparenter Korrekturen ergänzt.

Auf wahlrecht.de lässt sich die aktuelle Sonntagsfrage bei YouGov und deren Abweichungen in der Vergangenheit zu den Umfragen anderer Meinungsforschungsinstitute ersehen. Die CDU/CSU lag bei YouGov bereits am 30.08. nur bei 28 % und ist am 27.09. nur ein Prozent niedriger gewesen. Die CDU-affine ZDF-Umfrage sah die CDU/CSU Ende August dagegen noch bei 31 % und nun bei 28 %. Aufschlüsse über die Parteipräferenzen der einzelnen Institute ergeben sich aus der Umverteilung von Stimmen auf die anderen Parteien, da hier ein großer Spielraum herrscht, und ein Vergleich zwischen Prognosen und tatsächlichen Wahlergebnissen. Beides sollte eigentlich skeptisch machen, aber der Mainstreamjournalismus sucht sich jedoch nur die Institute heraus, die ihnen genehm sind. Seriöse Analysen sind hier sehr selten.

Statt über die unionsinterne Interessenlage zu berichten, die den Wahlsieg von Ralph BRINKHAUS erst ermöglicht hat. Wer waren jene, die für ihn gestimmt haben? Und welche Interessen verbinden sie damit? Diese Frage wäre zuerst zu beantworten, wenn es um Aufklärung ginge. Stattdessen werden uns 6 mögliche Nachfolger präsentiert, deren Austauschbarkeit sich daran ermessen lässt, wenn man sie mit früheren potenziellen Nachfolgern vergleicht. Dabei spielen Namen gegenüber den Positionen, die sie jeweils innehaben, und deren zugeschriebene politische Ausrichtung, eher eine untergeordnete Rolle.

BECKER, Benedikt/BÖLL, Sven/NIEJAHR, Elisabeth/RAMTHUN, Christian/TUTT, Cordula (2018): Dieser Mann will die Wirtschaft zurückgewinnen.
Die Wahl von Ralph Brinkhaus zum Chef der Unionsfraktion läutet die Endphase der Ära Merkel ein. Der CDU-Mann setzt auf Akzente in der Steuer- und Europapolitik - und kämpft um enttäuschte Wähler,
in:
WirtschaftsWoche v. 28.09.

Die WirtschaftsWoche sieht in Ralph BRINKMANN jenen Mann, der ihre neoliberale Position stärken soll:

"Seine Wahl zeigt (...), (...) dass die Abgeordneten nicht länger abnicken wollen, was zwar im Koalitionsvertrag steht, aber doch nur nach SPD-Programm klingt, während die eigene Parteibasis den Drang nach Reformen verspürt."

Wie in der FAZ wird also auch hier das Feindbild der Sozialpolitik gepflegt, obwohl die SPD viel zu schwach ist, um sozialdemokratische Politik durchzusetzen, was selbst die Autoren des Artikels zugeben:

"Das von der Union mehr gefühlte als real existierende Primat der SPD in der Regierungsarbeit soll gebrochen werden."

Kann es sich die SPD eigentlich noch leisten, diese Koalition unter allen Umständen aufrechtzuerhalten? Besser wäre dieses Drama endlich zu beenden, statt mit dieser Koalition endgültig dem Weg der französischen Sozialisten in die Bedeutungslosigkeit nachzueifern!

Im Gegensatz zum Handelsblatt nennt die WirtschaftsWoche Namen, die für die Macht des Netzwerkes von Ralph BRINKHAUS stehen sollen. Das reicht von Gesundheitsminister Jens SPAHN über Sepp MÜLLER, Katja LEIKERT und Günter KRINGS bis zu Carsten LINNEMANN, dem Chef der Mittelstandsvereinigung.

Fazit: Die SPD könnte die ganze Verärgerung über den Machtkampf in der CDU abbekommen, wenn sie nicht endlich mit Koalitionsbruch droht, sollte die Union weiterhin die Sozialpolitik sabotieren wollen. Rentenniveau-SCHOLZ sehen die WirtschaftsWoche-Neoliberalen als ihren Verbündeten bei der SPD, was deutlich macht, dass dessen Rentenvorstoß nichts als eine Farce ist. Wie weit rechts das Blatt inzwischen gerückt ist, lässt sich erkennen, dass es gerne gesehen hätte, wenn die CDU einen AfD-Antrag zur vollständigen Abschaffung des Soli durchgewinkt hätte. Neoliberale paktieren notfalls mit Antidemokraten, wenn es ihren Interessen dient, so lässt sich das beschreiben.  

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

ELING, Martin (2018): Höheres Rentenalter - nicht länger tabu.
Gastkommentar: In Dänemark wird das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt. Und kaum jemand protestiert,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 28.09.

 
       
   

Das Single-Dasein in Russland

STEINER, Christian (2018): Höheres Pensionsalter löst das Problem nicht.
Kommentar: Rentenreform in Russland,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 28.09.

 
       
   

Das Single-Dasein in Japan

KÖLLING, Martin (2018): Tokios Innenstadt vibriert.
Japan: Die bevorstehenden Olympischen Spielen wirken wie ein Katalysator auf die Stadtentwicklung der japanischen Hauptstadt. Der Immobilienmarkt läuft heiß,
in:
Handelsblatt v. 28.09.

Es ist erstaunlich, dass sich die Klischees über die Auswirkungen von Olympischen Spielen seit der Olympiade 1964 in Tokio unverändert halten. 1970 erschien das Buch Der unterschätzte Gigant von Robert GUILLAIN. Darin werden die Impulse auf die Stadtentwicklung Tokios folgendermaßen beschrieben:

"Shinyuku, ein belebtes und bekanntes Viertel, Treffpunkt der Jeunesse dorée und der - weniger wohlhabenden - Intellektuellen, ist für die Umgestaltung Tokios ein treffendes Beispiel. Bis vor wenigen Jahren bestand es größtenteils aus einem unheimlichen Gewirr von verfallenden Gemäuern, hier und a von einer Reihe Kneipen aufgeheitert, in denen man einen phantastischen Sake trinken und am Spieß gebratenes Geflügel essen konnte. Heute ist Shinyuku ein hochmodernes Viertel, das durchaus mit Marunuchi konkurrieren kann, dem großartigen Geschäftszentrum im Herzen der Stadt." (1970, S.10)

 
       
   

27.09.2018

 
       
   

DESTATIS (2018): Rund jede fünfte Person in Deutschland ist 65 Jahre oder älter,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 27.09.

"Zum 31. Dezember 2017 lebten rund 17,7 Millionen Personen ab 65 Jahren in Deutschland. Das entsprach einem Anteil von 21,4 % an der Gesamtbevölkerung. (...) Die Zahl der älteren Menschen (erhöhte sich) um 36,6 % innerhalb der letzten 20 Jahre. Zum 31. Dezember 1997 hatte es etwa 13,0 Millionen Personen der Generation 65+ gegeben. Das waren 15,8 % der Gesamtbevölkerung gewesen.
Im Ländervergleich zeigt sich die Alterung der Gesellschaft unterschiedlich stark: In Brandenburg (+67,6 %), Mecklenburg-Vorpommern (+61,1 %) und Schleswig-Holstein (+49,8 %) ist die Zahl der Seniorinnen und Senioren seit 1997 am deutlichsten gestiegen.
Die Mehrheit der älteren Menschen sind Frauen: Während etwa die Hälfte (50,7 %) der gesamten Bevölkerung weiblich ist, liegt der Frauenanteil bei den älteren Menschen derzeit bei 56,4 %. Dieser Anteil hatte Ende 1997 noch 63,0 % betragen und ist somit in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen. Es erreichen mehr Männer als früher das Seniorenalter.
Im EU-weiten Vergleich ist der demografische Wandel in Deutschland weit vorangeschritten. Der EU-Statistikbehörde Eurostat liegen bislang nur Daten zum Jahresbeginn 2017 vor. Höher als in Deutschland (21,2 %) war der Anteil der ab 65-Jährigen demnach nur in Italien (22,3 %) und Griechenland (21,5 %). Die niedrigsten Quoten hatten Irland (13,5 %) und Luxemburg (14,2 %). Der EU-Durchschnitt lag bei 19,4 %", meldet das Statistische Bundesamt.

STALA BW (2018): 290.500 Hochbetagte in Baden-Württemberg – höchste Anzahl seit Bestehen des Landes.
Zahl der 85-Jährigen und Älteren hat sich seit 1970 versechsfacht,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Baden-Württemberg v. 27.09.

"In Baden-Württemberg lebten am 31.12.2017 rund 290.500 Personen, die 85 Jahre oder älter waren. Zwei Drittel in dieser Altersgruppe der Hochbetagten sind Frauen (194.100) und lediglich ein Drittel Männer (96 400). Die Zahl der Hochbetagten hat damit seit 1952, dem Gründungsjahr des Südweststaats, einen neuen Höchststand erreicht und sich allein seit 1970 versechsfacht. Bis zum Jahr 2060 könnte sich deren Zahl nochmals annähernd verdreifachen (...).
Die Gründe für diese Entwicklung sind zum einen auf die Altersstruktur der Bevölkerung und zum anderen auf die stetig steigende Lebenserwartung zurückzuführen: Ein neugeborener Junge kann heute in Baden-Württemberg auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 79,5 Jahren hoffen, ein neugeborenes Mädchen sogar auf 84,0 Jahre. Damit liegt die Lebenserwartung Neugeborener nach Angaben des Statistischen Landesamtes um knapp 10 Jahre bei den Frauen bzw. um 11 Jahre bei den Männern höher als zu Beginn der 1970er-Jahre.
Die meisten Hochbetagten leben im Stadtkreis Stuttgart (16.000), dem einwohnerstärksten Kreis in Baden-Württemberg. Allerdings liegt deren Anteil an der Gesamtbevölkerung mit 2,5 % nur knapp im Landesdurchschnitt (2,6 %). Am höchsten ist dieser Anteil in Baden-Baden: Dort sind 3,8 % der Bevölkerung 85 Jahre oder älter, damit leben in der Kur- und Bäderstadt knapp 2.100 Hochbetagte. Am geringsten ist der Hochbetagtenanteil in den Landkreisen Tübingen, Heilbronn und Biberach mit jeweils 2,3 %. Alle Werte im Text sind auf 100 Personen gerundet", meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg.

 
       
   

DPA (2018): Scholz: Plan für stabiles Rentenniveau.
Bundesfinanzminister hält keine Steuererhöhungen für notwendig. Im Jahr 2030 seien rund 30 Milliarden Euro zusätzlich erforderlich,
in: ihre-vorsorge.de v. 27.09.

 
       
   

BLANK, Florian (2018): Renten rauf, Riester runter!
Alter: Die Finanzkrise hat auch die private Vorsorge zerschossen. Doch das Beispiel Österreich zeigt: Ein nachhaltiges öffentliches Rentensystem ist möglich,
in: Freitag Nr.39 v. 27.09.

Ist Österreich ein rentenpolitisches Vorbild für Deutschland? Neoliberale bestreiten dies, Gewerkschaftler und Sozialverbände schwören darauf. Beide Seiten lassen den Machtkampf um das Rentensystem in Österreich außen vor. Was sind Debatten wert, die sich Rosinen aus landesspezifischen Sozialsystemen herauspicken, während die landesspezifischen Verhältnisse ignoriert werden? Unterstützt diese Strategie nicht falsche Vorstellungen, die von der historischen Gewachsenheit der Systeme und den spezifischen Machtverhältnissen abstrahiert? Die Übernahme der neoliberalen "Best Practise"-Rhetorik unter entgegengesetzten Vorzeichen stärkt nur die neoliberale Ideologie, dass sich Elemente aus Systemen ohne Rücksichten auf deren Verschiedenheit, einfach übernehmen lassen. Scheitern nicht Firmenübernahmen in erster Linie daran, dass die Firmenkulturen unvereinbar sind? Bei Sozialsystemen ist das nicht anders.

Fazit: Politik, Medien und Wissenschaft verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn sie die besonderen Verhältnisse bei internationalen Vergleichen außen vor lassen und stattdessen mit selektiver Auswahl falsche Alternativen vorgaukeln. Schon gar nicht können Gegner der Neoliberalen damit punkten, dass sie deren Argumentationsmuster einfach übernehmen und nur die Inhalte austauschen. Der Neoliberalismus muss grundsätzlicher bekämpft werden, indem die Grundstruktur seiner Argumentation in Frage gestellt wird. Ein Beispiel, das jedoch nicht weit genug geht, nennt Florian BLANK:

"Rentenpolitisch ist nicht das Verhältnis von Jung zu Alt die relevante Größe, sondern das Verhältnis von Beitragszahlerinnen  und -zahlern zu Leistungsempfängerinnen und -empfängern. Dieses Verhältnis kann durch eine gute Arbeitsmarktpolitik beeinflusst werden, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung fördert und brachliegende Potenziale nutzt."

Hier wird das Kriterium "Altenquotient" als unbrauchbar für die Beurteilung des demografischen Wandels dargestellt. Was aber nützt dies, wenn sich beide Seiten auf die gleichen oder ähnliche Prognosen berufen, deren Grundannahmen bereits fragwürdig sind? Die Interessen hinter diesen Prognosen aufzudecken ist notwendig. Es zeigt sich ja inzwischen, dass interessengeleitete Bevölkerungsvorausberechnungen ganz gravierende Folgen in anderen Politikbereichen zeitigen. Nur die Zusammenschau verschiedener Politikbereiche kann das simple neoliberale Theoriengebäude zum Einsturz bringen!         

 
       
   

LEINKAUF, Maxi & Lutz HERDEN (2018): "Bloß nicht in Verdacht geraten".
Debatte: Maxi Leinkauf und Lutz Herden sind die letzten ostdeutschen Redakteure des Freitag. Was macht diese Erfahrung mit ihnen?
in: Freitag Nr.39 v. 27.09.

"Osten für Wessis" heißt das heutige Freitag-Thema. Der Freitag war einmal eine ostdeutsche Wochenzeitung und ist mittlerweile eine West-Übernahme. Ostdeutschen bleibt angesichts dieser Lage nur die Unterwerfung, weshalb das Thema im Grunde verfehlt ist.

BARON, Christian (2018): Der Ork in deinem Kopf.
Billig: Der "Nazi-Proll aus dem Osten" ist gerade unter Wessis ein beliebtes Klischee, das ein politisches Problem verharmlost,
in: Freitag Nr.39 v. 27.09.

Christian BARON ist kein Ossi, sondern ein westdeutscher Bildungsaufsteiger, der mit dem Buch Proleten Pöbel Parasiten seine eigenen Erfahrungen in die Debatte um die Unterschicht eingebracht hat.

 
       
   

Lukas Rietzschel - Mit der Faust in die Welt schlagen

HOBRACK, Marlen (2018): Ständig fallen Kastanien.
Abhänger: Lukas Rietzschel lotet die ostsächsische Seele aus: Sie besteht zu 80 Prozent aus Ennui und dazu ein wenig Bautzener Senf,
in: Freitag Nr.39 v. 27.09.

"Zwischen Tobis und Philipps ganz kleiner Welt in dem winzigen Örtchen Neschwitz bei Bautzen gelegen, und der großen Welt da draußen gibt es eigentlich keine Überschneidungen. Selbst die Nachbardörfer wie Königswartha (...) sind schon die Welt da draußen. (...).
In dieser Region Ostsachsens sind Dörfer wahlweise deutsch oder sorbisch geprägt, auch wenn jede Ortschaft stets zweisprachige Straßenschilder besitzt. Neschwitz ist eher deutsch, die Sorben aus den Nachbardörfern werden misstrauisch beäugt und sind zunächst die Lieblingsfeinde der dauergelangweilten Jugendlichen",

erklärt uns Marlen HOBRACK die Ausgangssituation der Dorfgeschichte. HOBRACK betont besonders, dass die Eltern der beiden Brüder keine Wendeverlierer sind:

"Die Brüder wachsen wohlbehütet auf, mit dem Einzug ins eigene Häuschen, vom Vater eigenhändig kurz vor Tobias' Einschulung errichtet, gelingt ein sozialer Aufstieg, der es fortan erlaubt, auf die anderen Dörfler herabzusehen."

Aber was hat dies mit der aktuellen Situation zu tun?

"In den 2010ern kippt die Stimmung. Die Brüder geraten in schlechte Kreise, wie man so gerne sagt. (...).
Der Vater verbringt mehr und mehr Zeit mit seiner Geliebten, die Mutter vereinsamt, der Großvater stirbt. Irgendwann geht alles Schlag auf Schlag. Tobis Welt zerbricht.
Als dann auch noch die längst stillgelegte örtliche Grundschule als Unterkunft für Flüchtlinge hergerichtet werden soll, ist das Maß für Tobias voll."

Wenn die private Situation den Zulauf zur rechten Szene erklären soll, dann müsste Ostdeutschland eigentlich schon längst den Rechten in die Hände gefallen sein. Oder ist die Abwanderung eine einleuchtende Erklärung?

"Ob sich Menschen so wie Tobias radikalisieren? In jedem Fall wirkt seine Geschichte plausibel, weil er so durchschnittlich ist. Er leidet allenfalls an unendlichem Ennui, dem er eventuell entgehen könnte - zöge er vielleicht in eine der Großstädte Sachsens, gar nicht so fern von der Heimat."

Es muss den kosmopolitisch urbanen Lebenslügen angerechnet werden, dass der Glaube weiterhin existiert, dass ein Umzug in die Großstadt vor rechtem Mitläufertum schützt. In Leipzig und anderen Großstädten zeigt sich, dass durch die zunehmende Gentrifizierung und Segregation immer mehr Viertel jenseits der schicken Mitte-Quartieren entstehen, in denen die Rechte Zulauf erhält. Es könnte also genauso gut sein, dass im ländlichen Raum nur schneller sichtbar wird, was zukünftig auch in Großstädten auf uns zukommt.

"Tobias ist nicht abgehängt, irgendwie hat er sich selbst abgehängt",

lautet die Erklärung von HOBRACK, was doch arg nach der neoliberalen Parole klingt, dass jeder seines Unglücks Schmieds ist.  

 
       
   

Seehofer muss weg! Die Kanzlerin schaut tatenlos ihrer Demontage zu

SCHÄFERS, Manfred (2018): Fraktionschef Brinkhaus gegen Finanzminister Scholz.
Der Fraktionschef verhandelt künftig mit dem SPD-Politiker auf Augenhöhe. Was verschiebt sich noch im Berliner Spiel der Kräfte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.09.

Der FAZ ist die Betonung wirtschaftsfreundlicher Positionen die einzige relevante Agenda. Manfred SCHÄFERS hat lobende Stimmen für Ralph BRINKHAUS aus der Wirtschaft eingeholt und versucht ihn als gewichtigen Gegenspiel zum Rentenniveau-SCHOLZ aufzublasen. Tatsächlich hat er es in erster Linie mit Andrea NAHLES zu tun. Das Feindbild der FAZ ist bekanntlich die Sozialpolitik der SPD. Die Abwahl von KAUDER wird im Sinne der FAZ instrumentalisiert. Aufklärung bietet also auch die FAZ nicht.

 
       
   

TAZ (2018): 11.742 Tage später,
in: TAZ v. 27.09.

Die taz druckt die Nullnummer nach. 1978 war die taz als Gegenpresse zur damaligen "Lügenpresse" gestartet. Mittlerweile sehen sich andere als Gegenpresse und die taz ist in ihren Augen Teil der "Lügenpresse". Statt sich mit dieser pikanten Angelegenheit auseinanderzusetzen, wird Selbstbeweihräucherung betrieben.

 
       
   

Das Single-Dasein in Großbritannien

WOHLFARTH, Tom (2018): Von Thatcher lernen.
Berührungsängste: Chantal Mouffe fordert einen linken Populismus und plädiert für eine Radikalisierung der Demokratie,
in: Freitag Nr.39 v. 27.09.

Tom WOHLFARTH stellt das Buch Für einen linken Populismus der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal MOUFFE vor. Das Problem des Ansatzes liegt darin, dass es eine nicht-fragmentierte Linke voraussetzt, die nicht existiert. In den Nuller Jahren wurde von Multitude gesprochen, heute hat der Begriff "Sammlungsbewegung" das Phänomen ersetzt. Nur sind die linken Strömungen viel zu schwach, um eine übergreifende Kooperation zustande zu bringen. Diese Fragmentierung stärkt nur die Rechte.

 
       
   

Die Ära Trump in den USA

THOLL, Max (2018): Politik ist kein Moralwettbewerb.
Der Politologe Mark Lilla über die Schwäche der Linken, Identität und weltfremde Popkultur,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.09.

Mark LILLA erteilt dem popkulturellen Kampf um die Deutungshegemonie eine Absage:

"Politik ist (...) ein Machtkampf. Um Minoritäten zu schützen und politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit herzustellen, braucht man Macht und die erlangt man nur über politische Institutionen. Und dazu muss man Wähler überzeugen und um sie zu überzeugen, muss man einen Schritt auf sie zugehen. Man muss sie dort treffen wo sie sind, nicht wo man sie sich wünscht."

 
       
   

Das Single-Dasein in Russland

STEINER, Christian (2018): Duma beschließt umstrittene Rentenreform.
Präsident Putin lenkt ein. Strukturprobleme bleiben weitgehend unangetastet,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.09.

 
       
   

Das Single-Dasein in Japan

COULMAS, Florian (2018): Einwanderungsland Japan.
Gastkommentar: Schleichende Immigration,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 27.09.

 
       
   

26.09.2018

 
       
   

KERSTING, Silke/KOCH, Moritz/RIEDEL, Donata (2018): Boomtowns und Geisterdörfer.
Gleichwertige Lebensverhältnisse,
in:
Handelsblatt v. 26.09.

LOCKE, Stefan (2018): Annäherung durch Wandel.
An diesem Mittwoch tagt die Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse zum ersten Mal. Sachsens Ministerpräsident fordert mehr Autonomie für Länder und Regionen, andere warnen jedoch schon vor zu hohen Erwartungen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.09.

ALTENBOCKUM, Jasper vom (2018): "Wir brauchen mehr Lust auf Zukunft".
Im Gespräch: Markus Lewe (CDU), Präsident des Städtetags,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.09.

LÖHR, Julia (2018): "Manche Dörfer sollten wir besser schließen".
Im Gespräch: Die Politik hat im Osten viele Fehler gemacht, sagt Joachim Ragnitz, Ifo-Institut Dresden. Er rät zu Prämien, damit die Menschen in die größeren Städte ziehen. Und ist froh, über jeden Arbeitsplatz, der im Osten nicht entsteht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.09.

Joachim RAGNITZ steht für die Hardliner des Neoliberalismus, die die Stärkung der Starken fordern und damit die Spaltung der Gesellschaft noch weiter vorantreiben:

"Leipzig, Jena, Berlin, das funktioniert alles wunderbar. Mit Abstrichen gilt das auch für die Städte aus der zweiten Reihe, Erfurt Eisenach, Halle oder Rostock zum Beispiel. Aber weite Teile Ostdeutschlands sind mies dran. Die Lausitz, Nordsachsen, Ostthüringen, das südliche Mecklenburg-Vorpommern. Als Ökonom sage ich: Manche Dörfer sollten wir besser schließen und die Menschen zu einem Umzug in die Zentren bewegen. (...). Warum nicht den Menschen in kleinen Siedlungen eine Prämie zahlen, wenn sie in die nächste 10.000-Einwohner-Stadt ziehen, und diese dafür gescheit anschließen?"

meint RAGNITZ, der jedoch von "einer insgesamt stark schrumpfenden Bevölkerung" ausgeht, obwohl dieses Szenario inzwischen keine Bevölkerungsvorausberechnung stützt. 

 
       
   

Klimawandel im Emsland

HAHN, Thomas (2018): Moorglühen.
Zu Besuch bei erstaunlich gelassenen Bewohnern im Emsland, wo die Bundeswehr vor drei Wochen versehentlich ein Feuchtgebiet in Brand gesetzt wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.09.

Das Emsland ist eine Bastion der CDU und gilt gleichzeitig Neoliberalen als Vorbild für die Bewältigung des "demografischen Wandels". Die SZ versucht nun die Brandstiftung der Bundeswehr zu verharmlosen. Feuchtgebiet? Davon kann keine Rede sein, längst handelte es sich um ein brandgefährliches Trockengebiet. Zuerst wochenlange Vertuschung des Vorfalls und dann Beschönigung. Im Emsland zeigt sich das wahre Ausmaß des Klimawandels in Deutschland. Das fahrlässige Vorgehen der Bundeswehr passt zur derzeitigen Lähmung der Regierung.    

 
       
   

Das Single-Dasein in Schweden

WOLFF, Reinhard (2018): Rot-grün verliert Votum.
Parlamentsmehrheit wählt Schwedens Ministerpräsidenten ab. Dabei stimmten die bürgerlichen Parteien mit den rechtspopulistischen Schwedendemokraten,
in: TAZ v. 26.09.

Bullerbü ist längst abgebrannt, aber Linksliberale wollen uns Schweden und andere neoliberalisierte Länder Skandinaviens immer noch als Vorbilder präsentieren. Eher zeigt Skandinavien, dass eine Sozialdemokratie, die sich dem Neoliberalismus unterwirft, den Weg für rechte Regierungen ebnet.    

 
       
   

Die Ära Trump in den USA

HAAF, Meredith (2018): American Way of Sozialismus.
Mit 22 gründete Bhaska Sunkara "Jacobin", ein Magazin für popaffinen Linksradikalismus. Nun will er es nach Europa bringen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 26.09.

Unsere urbanen Kosmopoliten sind immer noch der Meinung, man könnte mit Popkultur den Rechtspopulismus bekämpfen. Ein fataler Irrtum. Die Hipster-Blätter, die die Welt umkrempeln wollten. Was ist aus ihnen geworden? Es ist noch nicht lange her, da galt n+1 als der Hoffnungsträger dieses selbstverliebten Milieus und der Suhrkamp-Verlag brachte eine Anthologie mit Texten dieser supercoolen Autoren heraus. Kennt heutzutage noch jemand diese damals so gehypten Autoren? Nun verkündet uns die Postfeministin Meredith HAAF, die auch für das untergegangene Lifestyle-Magazin Neon schrieb:

"Der Suhkamp-Verlag hat einen Sammelband für deutsche Leserinnen und Leser herausgegeben, in der einige der wichtigsten und interessantesten Texte aus den letzten Jahren vereint sind. Der Klappentext von »Jacobin. Die Anthologie« verspricht, dass der Kapitalismus auf jeden Fall enden wird und kündigt Antworten auf die Frage an, was danach geschehen soll."

Auseinandersetzung mit der derzeitigen Realität sieht anders aus! Eher geht es um Eskapismus. Die Lifestyle-Linke bastelt sich ihre Traumwelt zusammen, in der sie sich mit den Alltagsproblemen nicht mehr auseinandersetzen muss. Die Rechte darf sich bedanken bei dieser Schützenhilfe!

Interessant ist, dass Jacobin gleichzeitig mit n+1 ins Rennen ging, aber von den Mainstreammedien nicht so gehypt wurde wie n+1. Was sagt uns das? Im Kampf gegen den Rechtspopulismus wurde ein ganzes Jahrzehnt verschenkt, weil unser Fastfood-Buchmarkt auf "Bücher der Stunde" und nicht auf Bücher mit Weitblick gerichtet ist. Reagiert wird immer erst dann, wenn das Problem unübersehbar geworden ist und nicht mehr zu leugnen ist. Das Kind muss erst in den Brunnen fallen. Dann jedoch werden in schneller Folge potenzielle Anschluss-Bestseller auf den Markt geworfen, bis die Aufmerksamkeit des Publikums erschöpft ist und ein neuer Hype gebraucht wird. Für eine vernünftige Erneuerung aus dem Geiste einer Minderheitenbewegung bleibt in solchen Zeiten keine Aufmerksamkeit mehr übrig.

Die Literatur ein Frühwarnsystem, wie das Soziologen einmal glaubten, weil ihre Massenstatistik zu träge ist? Der Fastfood-Buchmarkt ist zur neuen Nachhut geworden.       

 
       
   

25.09.2018

 
       
   

Seehofer muss weg! Die Kanzlerin schaut tatenlos ihrer Demontage zu

MHO/DPA/AFP (2018): Kauder abgewählt - Brinkhaus neuer Fraktionschef.
CDU/CSU im Bundestag: Große Überraschung im Bundestag: Der Merkel-Vertraute Volker Kauder ist als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion abgewählt worden. Nachfolger wird der Finanzpolitiker Ralph Brinkhaus,
in: Spiegel Online v. 25.09.

"Brinkhaus' Erfolg kann nach zwei dramatischen Regierungskrisen innerhalb weniger Monate als deutliches Zeichen des schwindenden Rückhalts für Merkel in der Fraktion gedeutet werden",

heißt es auf Spiegel Online. Der gestrige Versuch MERKELs die Angelegenheit MAAßEN zu bereuen, wurde von den Medien sofort als Machtverlust gedeutet. Welche Eskapaden kann sich SEEHOFER also noch erlauben, bis er endlich von der Kanzlerin entlassen wird? Kann es sich MERKEL wirklich noch erlauben die Personalie SEEHOFER der Abstimmung in Bayern zu überlassen?

 
       
   

CREUTZBURC, Dietrich (2018): Mehr Mütterrente für Reiche.
Linkspartei gegen Kappungsgrenze für Gutverdienerinnen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.09.

"(I)m Osten (sind) zwei Drittel der Mütter von der Kappung der beitragsfreien Mütterrente betroffen (...) - weil sie während der Kindererziehungszeit als Arbeitnehmerinnen hohe reguläre Rentenansprüche erworben haben. Im Westen gilt dasselbe nur für 18 Prozent. Die Zahlen hatte die Rentenversicherung 2015 veröffentlicht. Linkspartei und »Redaktionsnetzwerk Deutschland« ließen sich nun mittels einer Anfrage an das Bundessozialministerium noch einmal »exklusiv« darüber informieren.
(...) Die Bemessungsgrenze beträgt derzeit monatlich 6.500 Euro im Westen und 5.800 Euro im Osten",

hetzt Dietrich CREUTZBURG gegen die Linkspartei, die sich wieder stärker als Anwalt der Ostdeutschen zu profilieren versucht. Die Linkspartei steht im Osten in vielen Teilen des Landes mit dem Rücken zur Wand. Regierungsbeteiligungen, bei denen sie die neoliberale Demografisierung gesellschaftlicher Probleme mitgetragen haben, und eine Neuausrichtung im Westen, die die Linkspartei immer mehr in die Nähe der anderen Mitte-Parteien rückt, haben ihr Wählerpotenzial nicht erhöht, sondern lässt es stagnieren oder gar schrumpfen.

 
       
   

GENAZINO, Wilhelm (2018): Wie ich ich wurde,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.09.

 
       
   

Lukas Rietzschel - Mit der Faust in die Welt schlagen

HASSENFRATZ, Celestine (2018): "Manchmal denke ich, ihr seid verrückt".
Feuilletons zeichnen ein Bild des sächsischen Romanautors Lukas Rieztschel, das in die Zeit von Chemnitz und Köthen passt. Aber der junge Schriftsteller widerspricht,
in: Neues Deutschland v. 25.09.

Celestine HASSENFRATZ zeichnet die Ereignisse nach, die dazu führten, dass Lukas RIETZSCHELs Roman auf dem deutschen Fastfood-Buchmarkt als Roman der Stunde vermarktet wurde. Mit dem Manuskript des Romans bewarb sich RIETZSCHEL bereits 2016 für den Retzhof-Preis junger Literatur:

"Ein Literaturagent, selbst kaum älter als Rietzel, nimmt Kontakt zu ihm auf. Bis das Manuskript fertigt ist, dauert es noch ein Jahr.
September 2017, wenige Tage nach der Bundestagswahl, schickt der Literaturagent das Manuskript an fünf große Verlage. Die AfD holt 12,6 Prozent und zieht ins Parlament ein, in Sachsen wird sie mit 27 Prozent stärkste Kraft."

Beim Ullstein-Verlag, der zum schwedischen Bonnierkonzern gehört, bei dem gerade auch Thilo SARRAZIN publiziert wurde, stieß das Buch bei der Lektorin Linda VOGT und dem vom Aufbau-Verlag gewechselten Verleger Gunnar CYNYBULK auf Interesse. Auch die anderen vier Verlage hätten das Buch gedruckt. Mit großer Verlagsmacht wurde der Spitzentitel - nach den Ereignissen im Chemnitz - in die Feuilletons der Mainstreammedien gebracht:

"Sommer 2018, das Werk ist fertig. In Chemnitz gehen 6.000 Menschen auf die Straße (...). Ganz Deutschland will verstehen, weshalb der rechte Hasse im Osten weiter wächst. (...).
Der Ullstein-Verlag hat zum »Literatourbus« geladen. Safari durch Ostdeutschland, dorthin, wo Lukas' Buch spielt, in die Gegend, wo die AfD 44 Prozent geholt hat. (...).
Noch acht Tage bis zur Veröffentlichung. Der Verlag hat eine Rezensionssperre bis zum 7. September erbeten, das offizielle Datum der Veröffentlichung, der »Stern« hält sich nicht daran. Sie sind die Ersten, bringen die Story über den Jungautor des Jahres. Die »Berliner Zeitung« zieht nach, die »Frankfurter Rundschau«, die »Welt«, der »Spiegel«. Sie alle sind sich einig. (...). Der Autor wird noch vor Erscheinen seines Buches zum gefragten Rassismusexperten, spricht in einer Talkrunde mit Politikern und Wissenschaftlern über die »Gemengelage«, wie er es nennt, in Sachsen. Der Ullstein Verlag beschließt die Veröffentlichung vorzuziehen."

HASSENFRATZ lässt dann Silke HORSTKOTTE vom Institut für Germanistik der Universität Leipzig zu Wort kommen, die das Buch nicht als Erwachsenenbuch bzw. als Gewalterklärungsbuch sieht, sondern als solides Jugendbuch. HORSTKOTTE sieht wie diese Website einen

"Trend der Literaturkritik, von literarischen Neuerscheinungen zu fordern, dass sie aktuelle Ereignisse darzustellen haben, eine Art Pflicht, dass Schriftsteller ein komplexes Geschehen erläutern soll, das wir anderweitig nicht erfassen können. (...).
Es sei letztlich auch ein journalistischer Trend, sagt Horstkotte, eine Großerklärung für den Osten zu fordern. Rietzschels Roman sei (...) interessant, so gebe ihr die Debatte über den Roman darüber Auskunft, dass sich die Gattungsregeln des Romans wie wir sie kennen, zu wandeln scheinen. »Ein Roman ist ein fiktionaler Text. Er bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern simuliert Wirklichkeit. Wenn man den Roman als Erklärung für den Osten liest, versteht man ihn (...) gerade nicht als Simulation, sondern als Abbild.«"

Mit diesem Trend geht ein anderer Trend zwangsläufig einher: Der Autor muss mit seiner Biografie für die Wahrheit des Geschriebenen stehen. HASSENFRATZ zeigt nun auf, wie die Biografie des Autors so zurecht gebogen wurde, dass er zu den Buchprotagonisten passt, aber sich im entscheidenden Detail unterscheidet:

"Rietzschels Geschichte ist die eines literarischen Underdogs, einer, der es geschafft hat, auf der anderen Seite zu stehen. Und der sich nicht, wie die beiden Brüder in seinem Roman, in rechten Kreisen stetig mehr und mehr radikalisiert. Rietzschels Geschichte ist auch die Suche nach der Bedeutung von Literatur in aktuellen Debatten.
Die Spurensuche beginnt im Jahr 2014. Lukas Rietzschel, 1994 in Ostsachsen auf die Welt gekommen, Sohn einer Krankenschwester und eines Fliesenlegers, hätte eigentlich eine Ausbildung machen sollen, so erzählt er es. Sein Vater motivierte ihn, doch noch das Fachabitur zu machen. (...) Er zieht nach Kassel, schreibt sich für Germanistik und Politik ein. Kassel, Westen, sei für ihn zuerst ein Kulturschock gewesen, erzählt er. Der Landkreis Bautzen, aus dem er stammt, hat nicht einmal zwei Prozent Ausländer. In Kassel Nordstadt ist es jeder Dritte.
(...).
13. September 2018, zwei Wochen ist das Buch schon im Verkauf. Der Verlag hatte gehofft, es würde bereits jetzt auf der Bestsellerliste stehen. (...).
Lukas Rietzschel bekommt einen eigenen Wikipediaeintrag. (...) Die Medienberichte zu Rietzschels Biografie werden immer verdrehter. In einem Bericht heißt es, das Buch habe er geschrieben, um zu verstehen, weshalb sein Bruder auf rechtsextreme Demos gehe, ein anderes Mal erzählt er von der gähnenden Leere der Bücherregale seines Zuhauses. Nie wolle er vergessen, wo er herkomme. Aus der unteren Mittelschicht. So, berichten die Medien, habe er es ihnen erzählt. Die Journalisten graben tiefer in seiner Biografie. (...). Immer mehr Parallelen zwischen seiner Lebensgeschichte und der seiner Romanfiguren tauchen auf. (...). Es scheint, als wolle der Autor seine eigene Lebensgeschichte mehr und mehr mit der seiner Protagonisten verweben. Die Leser und Medien nehmen es begeistert an. Endlich spricht da einer, der auch noch Ahnung hat, weil er es doch quasi selbst erlebt hat.
Das alles, sagt Rietzschel habe er so gar nie gesagt. Irgendetwas habe sich da verselbständigt. Sein Bruder sei nie auf einer rechtsextremen Demo gewesen und aus der unteren Mittelschicht komme er schon dreimal nicht. (...). Die Geschichte, in der Lukas Rietzschel der aufgestiegene bildungsferne Autor ist, der literarische Underdog, einer ohne Abi, einer, der fast Nazi, aber dann Schriftsteller geworden ist, beginnt zu bröckeln."

Der Trend, der hier beschrieben wird, ist wahrlich nicht neu. Spätestens mit Michel HOUELLEBECQ gehört Imagedesign zum Handwerk des Literaturbetriebs. Man könnte auch von einem Authentizitätswahn sprechen. Notfalls werden Legenden, um die eigene Biografie gewoben, bei der selbst vor der Fälschung von Fakten nicht Halt gemacht wird. Solche Fälle lassen sich bereits Ende der 1970er Jahre aufzeigen, eine Zeit, in denen ähnliche Motive eine Rolle spielten. Damals strebte die Linke und nicht die Rechte die Deutungshoheit an. Romane und Autoren können dann allzu schnell politisch instrumentalisiert werden, insbesondere wenn dies nicht als Intention bewusst geplant ist, wie das z.B. auf jene französische Literatur zutrifft, die eine Erneuerung im Geiste einer Minderheitenbewegung anstrebt.

"Selbst als Sachbuch sei der Text schwach, erzähle nichts von rechten Strukturen und Akteuren, sondern von labilen Mitläufertypen, die aus Langweile zu Nazis werden",

kritisiert HORSTKOTTE den Versuch, den Roman von RIETZEL als Gewalterklärungsbuch zu lesen, statt als Symptom des Literaturbetriebs.  

 
       
   

Die AfD-Hochburg Sachsen in der Debatte

LASCH, Hendrik (2018): Zum Wunder fehlten 98 Stimmen.
Sachsen: Schwarz-blauer Erfolg bei Wahl des Oberbürgermeisters in Meißen,
in: Neues Deutschland v. 25.09.

Hendrik LASCH schiebt den schwarzen Peter der AfD zu, um die Niederlage von Frank RICHTER zu erklären. Das macht es sich zu einfach, denn die Stimmen zum Sieg hat der FDP dem "Mitte-Links"-Kandidaten weggenommen. Es ist die fatale Rolle der neoliberalen FDP, die immer wieder das Zünglein an der Waage spielt und einen Aufbruch verhindert. Das gilt umso mehr im neoliberalen Musterland Sachsen. Die Sache beschönigen zu wollen, hilft bei den anstehenden Wahlen in Sachsen nicht weiter.

MALINOWSKI, Bernadette & Winfried THIELMANN (2018): Unser Chemnitz.
Eine Stadt als Chiffre,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.09.

Bernadette MALINOWSKI, Dekanin der TU Chemnitz 2013-2016 und Winfried THIELMANN, Prodekan von 2014 - 2016, Angehörige der Generation Golf, und aus Bayern nach Chemnitz gewechselt, verteidigen ihr gutbürgerliches Chemnitz gegen Nestbeschmutzer:

"(D)ie Stadt Chemnitz unter Führung der sozialdemokratischen Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig - die geschichtsträchtige Industriestadt ist seit 1993 kontinuierlich sozialdemokratisch regiert (...) ist (...) trotz ihres äußerst umsichtigen Agierens zu Unrecht in Kritik geraten, a ihr Vorfälle, die sich in der unmittelbar am Stadtrand befindlichen und allein vom Freistaat Sachsen kontrollierten Erstaufnahmeeinrichtung in Ebersdorf ereigneten, angelastet wurden. (...). Es soll hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass die kleine Nachbargemeinde Stollberg, mit der wir in engem Austausch gestanden sind, unter der Führung ihres Bürgermeisters Marcel Schmidt (Freie Wähler Union) ebenso vorbildlich agiert hat.
Durch die Ankunft der Flüchtlinge in Chemnitz hat sich das Stadtbild grundlegend verändert. Man muss sich klarmachen, dass Chemnitz - abgesehen von seit Jahrzehnten hier lebenden Vietnamesen und natürlich der bunten Studierendenpopulation der internationalen TU Chemnitz - eine weitgehend bevölkerungshomogene Stadt gewesen ist. (...).
Man kann sagen, dass der Umgang mit Zuwanderung, der in Westdeutschland über etliche Jahrzehnte - und keineswegs unproblematisch - erlernt worden ist, für die Bürgerinnen und Bürger von Chemnitz eine Übernachtanforderung gewesen ist. (...).
Wenn dann ein bundesweit angereister rechtsradikaler (...) Mob (...) der Zivilgesellschaft das Fürchten lehrt, ist dies weder ein Versagen der Regierung der Stadt Chemnitz noch ein Versagen ihrer Bürgerinnen und Bürger, sondern es ist das Versagen der Exekutive, die es kontinuierlich versäumt, verfassungsfeindliche Aktionen gerichtswirksam zu dokumentieren, die Straftäter dingfest zu machen und der Anklage zuzuführen."  

 
       
 

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Bernds@single-dasein.de Stand: 09. Oktober 2018