[ [[[ News-Hauptseite ] [ Homepage ] [ Impressum und Datenschutzerklärung ]

   

Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
News 09.-11. August 2017
News 05.-08. August 2017
News 01.-04. August 2017
News 26.-31. Juli 2017
News 16.-25. Juli 2017
News 12.-15. Juli 2017
News 07.-11. Juli 2017
News 01.-06. Juli 2017
News 25.-30. Juni 2017
News 20.-24. Juni 2017
News 12.-19. Juni 2017
News 07.-11. Juni 2017
News 01.-06. Juni 2017
News 21.-31. Mai 2017
News 13.-20. Mai 2017
News 07.-12. Mai 2017
News 01.-06. Mai 2017
News 24.-30. April 2017
News 16.-23. April 2017
News 09.-15. April 2017
News 01.-08. April 2017
News 22.-31. März 2017
News 12.-21. März 2017
News 01.-11. März 2017
News 18.-28. Februar 2017
News 09.-17. Februar 2017
News 01.-08. Februar 2017

News 2000-2016

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 12. - 21. August 2017: [12.08.] [14.08.] [15.08.] [16.08.] [17.08.] [18.08.] [19.08.] [20.08.] [21.08.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Der Wandel der Umverteilungsnorm in der Sozialversicherung

"Die veränderte Balance zwischen Versicherungsprinzip und Solidarprinzip im Bereich der Sozialversicherung, die nur rhetorische Abkehr von der Ehezentrierung bei gleichzeitiger Stärkung der Erwerbsarbeitszentrierung und der Anerkennung von Familienarbeit sowie die Ausdifferenzierung des Fürsorgeprinzips bei gleichzeitiger Priorisierung der Aktivierungslogik kennzeichnen den Wandel der Umverteilungsnormen in der deutschen Sozialpolitik. Der Staat zieht sich aus der kollektiv organisierten Solidarität ein Stück weit zurück: nicht nur durch die Privatisierung von sozialen Risiken (in der Alters- und Pflegevorsorge, der PKV und der Berufsunfähigkeitsversicherung), sondern auch durch die Implementierung des Modells der allgemeinen Erwerbstätigkeit für alle Erwerbsfähigen und das Aktivierungsparadigma. Der Markt gewinnt als Ort der selbstverantworteten Wohlfahrtsproduktion an Bedeutung und damit auch die erwerbsarbeitszentrierte Leistungsgerechtigkeit. Dies ist zum einen ein Paradoxon, da die strukturellen Ausschlüsse vom Erwerbsarbeitsmarkt zunehmen, und hat zum anderen Auswirkungen auf soziale Ungleichheitsstrukturen: Eigenverantwortliches (Vorsorge-)Handeln ist nicht allen in gleicher Weise möglich, wird aber von allen in gleicher Weise eingefordert. Nach dem Bedarfsprinzip solidarisch geschützt werden nur noch die Alten und die Erwerbsunfähigen, und auch das nur auf Grundsicherungsniveau."
(Sigrid Leitner "Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit im Sozialstaat. Umverteilungsnorm im Wandel", in: Brigitte Aulenbacher u.a. (Hrsg.)(2017) Leistung und Gerechtigkeit. Das umstrittene Versprechen des Kapitalismus, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S.115 )

 
       
       
   

21.08.2017

 
       
   

BUDE, Heinz (2017): Anerkennung durch Differenz
Die Gegenwart: Migration nach und innerhalb von Europa hat einen wichtigen Anteil daran, dass sich in europäischen Gesellschaften eine neue Klassenstruktur herausgebildet hat. Gilt selbst dadür die neue Formel der postmigrantischen Gesellschaft?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.08.

Heinz BUDE, der mit seiner Soziologie der Berliner Republik, den Zeitgeist in der oberen Mittelschicht wiederspiegelt, befasst sich scheinbar aus europäischer Sicht mit der Migration. Am Anfang der Betrachtung steht das Buch Fear of Small Numbers von Arjun APPADURAI. Aus dieser Sicht sind kleine Einwanderungsgruppen lediglich die Vorhut einer Migrationsflut. Dieses Szenario wird nicht erst seit heute in rechten Kreisen beschworen und ist FAZ-Lesern bereits durch Christian GEYERs Artikel über das Das Heerlager der Heiligen wohlbekannt. Die Einführung von BUDE ist deshalb wohl kalkuliert.

"In Europa trifft die Angst vor der geringen Zahl auf eine insgesamt irritierende Zukunftserwartung. In zehn Jahren macht die Bevölkerung Europas (...) vielleicht noch sechs Prozent der Weltbevölkerung aus."

BUDE lässt hier das bildungsbürgerliche Sujet vom Untergang des Abendlandes neu aufleben: nicht nur Deutschland, sondern Europa ist angeblich vom Aussterben bedroht. Begleitet wird dieses Lamento über das "Ende einer vielleicht 150-jährigen Geschichte", womit nicht der bildungsbürgerliche oder rechte Kulturgutfetischismus gemeint ist, sondern das Erbe von Demokratie und Industrialisierung. Migration ist für BUDE ein Wohlstandsproblem. Mit Wohlstand ist derjenige im subsaharischen Afrika bzw. Zentralafrika gemeint - womit indirekt durch diese Bedrohungslage doch wieder der Kulturgutfetischismus zum Vorschein kommt: Die gelbe Gefahr des letzten Jahrhunderts wird durch die schwarze Gefahr ersetzt, die die zeitgeistgemäße Bedrohung darstellt.

BUDE unterscheidet drei Typen von Migration nach Europa:
1) Europäische Binnenmigration durch die Freizügigkeitsregelungen, die von BUDE - analog zur AfD - mit Wirtschaftsflüchtlingen. BUDE spricht von "Ländern des neuen in die Länder des alten Europa", aber die Rechten werden das als Südosteuropa und "Armutszuwanderung" lesen. Beispielhaft wird das in Deutschland populäre Brexit-Klischee vom "polnischen Klempner in Großbritannien" genannt.
2) Migration aus Gesellschaften ohne Staat: Bei den Syrern, die in der FAZ vor allem als Ärzte vorkommen, erklärt uns BUDE dementsprechend: "Es geht nicht ums nackte Überleben, sondern um ein Leben mit Zukunft".
3) Migration aus vom Weltmarkt entkoppelten Gesellschaften: Die hohe Verdienstmöglichkeiten und die Verfügbarkeit von Smartphones wird bei BUDE zum Dammbruch, der die Migrationsflut auslöst, die unvergleichbar sei mit bisherigen Migrationsfluten. Bekanntlich war schon in den 1990er Jahren das Boot immer schon viel zu voll!

Nach dieser Typologie der Migranten, die Europa bedrohen und die kaum von derjenigen abweicht, die Herwig BIRG schon seit über 20 Jahren immer von neuem beschwört hat, behauptet BUDE, dass die

"bisherigen Strategien der Absorption von Migration"

gescheitert sind. BUDE unterscheidet auch hier verschiedene Migrationsregimes:
1) USA: Die Integration durch Segregation ("Littly Italy", "China Town", "Lower East Side", "melting pot") sei der Intersektion gewichen:

"Wer männlich, schwarz und schlecht gebildet ist, landet ganz schnell auf der anderen Seite der Straße. Die Sonne scheint für die Weißen, die eine der wichtigen Universitäten besucht haben und die in einer Familie groß geworden sind, die in einem guten Viertel beheimatet ist. Wenn Familie und Bildung stimmen, kann man auch als »African, Latin oder Asian American« vorankommen - aber wenn man ohne College-Abschluss ist und aus den Suburbs von Detroit kommt, nützt es einem (...) nichts."

2) Frankreich: Das französische Modell der Republik durch die Integration durch Staatsbürgerschaft ist gemäß BUDE ebenfalls gescheitert:

"Zwar ist man Französin, wenn man auf französischem Staatsgebiet geboren ist. Und es soll offiziell niemanden interessieren, ob die Familie, aus der man stammt, ihre Wurzeln in der Bretagne, in Martinique oder in Algier hat. Aber im Leben und für die Lebenschancen der Einzelnen macht es einen großen Unterschied, ob man wie ein Nordafrikaner aus einem Hochhaus der Vorstadt, wie ein Vietnamese aus einem dürftigen Apartment aus dem Quartier Latin oder wie ine Pariserin aus dem 6. Arrondissement aussieht. Die Banlieues von Lyon, Paris oder Marseille, in denen knapp fünf Millionen Einwohner leben, gelten als urbane Gettos, in denen sich seit Mitte der 1970er Jahre zugewanderte Franzosen sammeln."

3) Großbritannien: Das Modell des Empire mit der wechselseitigen Akzeptanz verschiedener Gruppen sei ebenfalls gescheitert. Dazu zitiert BUDE den Klassiker Etablierte und Außenseiter von Norbert ELIAS S& John L. SCOTSON.
4) Deutschland wird bei BUDE mit dem Modell der "industriegesellschaftlichen Absorption von Migration" aufgeführt. In der Diktion der Arbeitgeberverbände und des Wirtschaftsjournalismus spricht man allgemeinverständlicher von "Integration in den Arbeitsmarkt". Im Grunde ist das kein deutsches Modell, sondern das OECD-Modell des Neoliberalismus. Die Sicht, die BUDE darlegt könnte genauso von einem AfD-Politiker oder dem Präsident der Arbeitgeberverbände stammen und gipfelt in der Frage:

"Drohen (...) Extremisierungen der öffentlichen Meinung wie in den Vereinigten Staaten, Vorstädte wie in Frankreich oder eine europafeindliche protektionistische Welle wie in Großbritannien?"

Für BUDE ergeben sich aus den unterschiedlichen Migrationsregimen der USA, Frankreich und Großbritannien Fingerzeige zur Lösung des Migrationsproblems. Einen "europäischen Asylparagraphen" schließt BUDE aufgrund der unterschiedlichen Historien als Lösung aus. Mit Blick auf die USA spricht BUDE von der "postmigrantischen Gesellschaft", die zu einem "Regime des Erfolgs ohne Maß und Mitte" tendiert. Zuletzt postuliert BUDE einen Einstellungwandel der Migranten:

"Die stille Mitgliedschaft, wie sie in den bundesrepublikanischen Zeiten der »Gastarbeiter« der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gang und gäbe war, ist einer Performanz der prononcierten Differenzmarkierung gewichen."

Daraus kondensiert BUDE dann die Formel von der "Anerkennung durch Differenz" als Merkmal einer "postmigrantischen Gesellschaft". BUDE schreibt damit den Religionen eine zentrale Rolle für das Zusammenleben in Europa zu.    

 
       
   

STEFFEN, Johannes (2017): Lohn, Grundsicherung und Rente.
Anzahl und Anteil von "Armutsrenten" im Aufwärtstrend,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 21.08.

 
       
   

HEISE, Volker (2017): Sachdienliche Geschlechtsakte.
Kolumne: Die Wahlplakate scheinen ein geheimes, nie offen ausgesprochenes Thema zu haben: Es geht um Sex - wenn auch nicht auf den ersten Blick,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.08.

Der Filmemacher Volker HEISE beschäftigt sich u.a. mit einem Wahlkampfplakat der AfD mit dem Slogan "Neue Deutsche? Machen wir selber".

Berlin, Foto: Bernd Kittlaus 2017
 
       
   

HONNIGFORT, Bernhard (2017): 700 Jahre Heimat für ein Jahr Feuer.
Das Dorf Pödelwitz bei Leipzig soll geschlossen werden, weggebaggert, damit dort Braunkohle abgebaut werden kann. Eine kleine Gruppe Anwohner will das verhindern,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.08.

Bernhard HONNIGFORT berichtet über das Dorf Pödelwitz, das ein Ortsteil der Gemeinde Groitzsch in Sachsen ist. Bereits vor 3 Jahren berichtete HONNIGFORT über den Widerstand in Pödelwitz.

"Fast dreihundert Jahre lang ist der Leipziger Süden Braunkohlerevier. So wie die Lausitz in Brandenburg und Ostsachsen oder das Rheinische Kohlerevier zwischen Aachen und Köln. Es ging los im Jahr 1669, als der Altenburger Stadtphysikus Dr. Matthias Zacharias Pilling »brennbare Erde« fand. 1718 entstand der erste Tagebau. Seit vier Generationen wird das Land hunderte Meter tief ausgegraben, Dörfer werden abgerissen, Menschen umgesiedelt. Bis heute: 51 000 aus 126 Dörfern oder Ortsteilen: Schleenhain, Pulgar, Piegel, Droßdorf, Peres, Breunsdorf, Leipen, Heuersdorf – alles Orte, die es nicht mehr gibt. Kleine Rundlingsdörfer mit einer Kirche, Wiesen drumherum und kleinen Bauernhöfen, alle verschwunden zwischen 1964 und 2008, insgesamt 400 Quadratkilometer Land",

skizziert HONNIGFORT die Geschichte des sächsischen Braunkohlereviers.

 
       
   

BÖGER, Heidrun (2017): Das Sterben der Landgasthöfe.
Bürokratie, Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel sorgen für einen drastischen Schwund in der ländlichen Gastronomie Thüringens,
in:
Neues Deutschland v. 22.08.

 
       
   

BELZ, Nina (2017): Szene trifft Szene.
NZZ-Serie Deutschland wählt: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist hip geworden - doch der offene Drogenkonsum beschäftigt nicht nur die Anwohner,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.08.

 
       
   

BEGLINGER, Martin (2017): Das Integrationswunder.
Wohin es sie auch verschlägt, Vietnamesen schaffen den Aufstieg in westlichen Gesellschaften besser als andere Migranten. Ihr Beispiel zeigt: Kultur spielt eine zentrale Rolle bei der Integration,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.08.

Martin BEGLINGER berichtet über den Erfolg vietnamesischer Einwanderer in den westlichen Ländern. Die erste Generation ist als Boat-People in den 1970er Jahren vor allem in den USA und Frankreich eingewandert. In den USA leben heute 1,8 Millionen Menschen mit vietnamesischen Wurzeln. In Frankreich sind es rund 300.000 und in Deutschland ca. 150.000, wobei hier viele von der DDR aus dem kommunistischen Norden als Vertragsarbeiter rekrutiert wurden.

Den - im Vergleich mit anderen Volksgruppen (Kubaner in den USA oder Türken in Deutschland) enormen Bildungserfolg wird auf die konfuzianisch-buddhistische Tradition mit ihrem Leistungsethos zurückgeführt:

"Von den zehn bestklassierten Ländern im Pisa-Ranking stammen nicht weniger als sieben aus diesem südostasiatischen Kulturkreis (...). Wie China, Japan oder Korea zählt auch Vietnam, das tausend Jahre lang von China kolonialisiert war, zu den konfuzianisch geprägten Gesellschaften".

Die Kultur des Herkunftslandes kann aus dieser kulturalistischen Perspektive mehr oder weniger gut zum Aufnahmeland passen:

"Kulturen können besser oder schlechter zusammenpassen, und es ist ziemlich offensichtlich, dass die konfuzianisch-buddhistische Kultur der Vietnamesen gut zu den christlich-säkularen Leistungsgesellschaften im Westen pass. Besser als etwa die muslimische. Die beiden deutschen Soziologen Gillmeister und Fijalkowski sprachen 1999 als erste von einer »kulturellen Kompatibilität«, die die Integration je nachdem erleichtert oder erschwert. Zu dieser These neigt auch der Ethnologie Frank Weigelt, der seine Dissertation über die vietnamesische Diaspora in der Schweiz geschrieben hat."

Erfolgreiche Integration führt nach dieser Sicht dazu, dass sich die Migranten der heimischen Kultur anpassen. Separation kann dies verhindern. Aus dieser kulturalistischen Sicht ergibt sich, dass die Eigenarten der Migrationskulturen einer Übertragung der Bildungserfolge von Vietnamesen auf andere Kulturkreise entgegenstehen.

BEGLINGER vermeidet zwar, daraus Schlüsse für die Integrationspolitik zu ziehen. Seine Interpretation der Integrationsfähigkeit unterschiedlicher Ethnien ist jedoch Wasser auf die Mühlen der Rechten.    

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

SCHÖCHLI, Hansueli (2017): Was die beiden Lager verschweigen.
Im Abstimmungskampf zur Altersvorsorge ist die Redlichkeit die grosse Verliererin,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.08.

Hansueli SCHÖCHLI wiederholt sein neoliberales Mantra. Die Umfrage über die Helmut STALDER berichtet zeigt jedoch, dass sein Mantra bei der Bevölkerung auf taube Ohren stößt:

"Wenig Glauben schenken die Befragten (...) dem Argument, dass die Reform die Jungen zu stark belaste".

Eine klare Absage also an die neoliberalen Generationengerechtigkeitskrieger zu denen SCHÖCHLI mit seinen Verweisen auf den Beamten Bernd RAFFELHÜSCHEN gehört..

STALDER, Helmut (2017): Befürworter leicht im Vorsprung.
"Fälliger Kompromiss" findet am meisten Zustimmung - Kritik am AHV-Ausbau "mit der Giesskanne",
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.08.

 
       
   

100 Tage Präsidentschaft in Frankreich

JARDINE, Anja (2017): Held seines Lebens.
Frankreichs Präsident Macron legt Tatkraft, Souveränität und ein majestätisches Gebaren an den Tag - nicht jedem gefällt das,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.08.

Anja JARDINE frönt anlässlich der ersten 100 Tage der Präsidentschaft von Emmanuel MACRON einem boulevardblattmäßigen Personenkult, das mit lebensgeschichtlichen und voluntaristischen Darstellungen nicht geizt.

"Selbstherrlichkeit wird ihm vorgeworfen, majestätisches Gebaren. Nur zu gut erinnern alle, dass er vor zwei Jahren in einem Interview sagte, den Franzosen fehle ihr König: mit der Hinrichtung von Louis XVI. sei ein emotionales Vakuum entstanden. Wie es scheint, traut er sich zu, es auszufüllen",

meint JARDINE. Biografietheoretisch kann man zwischen positiven und negativen Verlaufskurven sprechen, erstere beschreiben sich als Gestalter - insbesondere Elitenangehörige - letztere sind Getriebene. JARDINE beschreibt hier MACRONs Steigkurve. Inwiefern dies der Realität entspricht, wird die Zukunft zeigen.

KLINGSIECK, Ralf (2017): Unsozial, außenpolitisch geschickt.
ND-Tagesthema 100 Tage Macron: Präsident Emmanuel Macron enttäuscht viele seiner Wähler. Umfragewerte im freien Fall,
in:
Neues Deutschland v. 21.08.

"Nach jüngsten Umfragen sind heute nur noch 36 Prozent der Franzosen mit Macron zufrieden. Bei seiner Amtseinführung waren es noch 64 Prozent.
Noch nie in der seit 1958 bestehenden Fünften Republik hat ein Präsident in so kurzer Zeit so viel Vertrauensvorschuss verspielt. Am stärksten hat Macron viele links eingestellte Franzosen enttäuscht, deren Wunschkandidat er nicht war, die aber nach dem Versagen der sozialdemokratischen Parti socialiste und des Präsidenten François Hollande auf den jungen Hoffnungsträger Macron gesetzt hatten",

berichtet Ralf KLINGSIECK. Beispielhaft wird dafür die Sicht eines Ex-Bürgermeisters genannt:

"Stellvertretend für viele linke Wähler bringt das der ehemalige kommunistische Bürgermeister von Saint-Denis, Patrick Braouezec in einem Beitrag für die Zeitung »Le Monde« zum Ausdruck. Unter der Überschrift »Ich habe Macron unterstützt und bin enttäuscht«, schreibt der Kommunalpolitiker, der 2010 die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) aus Protest gegen deren Erstarrung verlassen hatte: »Ich habe vom ersten Wahlgang an für Emmanuel Macron gestimmt, trotz meines Engagements für die Linke. Meine Unterstützung für ihn war ohne Illusionen, aber ich habe auf Macrons Willen vertraut, mit der Unbeweglichkeit von Hollande und der reaktionären Politik von Sarkozy zu brechen.« Grund für seine Enttäuschung sei nicht die Außen-, sondern die Wirtschafts- und Sozialpolitik."

Hätte Patrick BRAOUEZEC keine Illusionen gehabt, wie er sagt, dann könnte er jetzt nicht enttäuscht sein!

SCHMID, Bernard (2017): Front National streitet über Euro-Austritt und Neonazis in den USA.
ND-Tagesthema 100 Tage Macron: Seit sich Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl geschlagen geben musste, debattiert die rechte Partei über die Gründe,
in:
Neues Deutschland v. 21.08.

"Sophie Montel ist Vorsitzende der FN-Franktion im Regionalparlament Bourgogne-Franche Comté in Ostfrankreich, wo die Partei bei den Regionalwahlen 2015 ihren höchsten Stimmenanteil erhielt. Sie steht dem Vize Florian Philippot nahe und schlug (...) nach dem Scheitern bei der Parlamentswahl vor, die Selbstdarstellung der Partei beim Thema Einwanderung zu überdenken. (...).
Doch dass sie (...) an ideologischen Grundfesten der Partei (...) zu rütteln beabsichtige, wurde der 47-Jährigen zum Verhängnis. Am 30. Juni dieses Jahres wurde sie durch Marine Le Pen kalt abserviert und verlor ihren Fraktionsvorsitz",

berichtet Bernard SCHMID über innerparteiliche Querelen. Was SCHMID nicht schreibt: Sophie MONTEL schied bei den Parlamentswahlen im Juni im 4. Wahlkreis des Departéments Doubs im 2. Wahlgang gegen den REM-Kandidaten aus.

 
       
   

20.08.2017

 
       
   

SCHERFF, Dyrk (2017): Weg mit dem Ehegattensplitting.
Der Steuervorteil für Ehepaare ist seit Jahren umstritten. Jetzt wird er zum Wahlkampfthema. Gut so, denn das Splitting ist ungerecht,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.08.

 
       
   

BEUL, Miriam (2017): Langsames Erwachen.
Wohnungsmarkt: Viele Jahre lag Krefeld tief im Dornröschenschlaf. Nun entdecken vor allem Düsseldorfer die prächtigen Gründerzeitbauten rund um den Stadtwald. Die Innenstadt muss noch wachgeküsst werden,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.08.

Miriam BEUL beschreibt den Krefelder Immobilienmarkt als Schnäppchen in der Region zwischen Ruhrgebiet und Düsseldorf und den Nachbargemeinden Mönchengladbach und Moers. Ursache des vergleichsweise günstigen Preisniveaus:

"Die Arbeitslosenquote liegt mit 10,7 Prozent deutlich über dem Durchschnitt in Nordrhein-Westfalen. (...). Die guten und teuren Wohnlagen finden sich ausnahmslos nördlich der Innenstadt, preiswerter wird es im Süden und Südwesten.
Den schlechtesten Ruf und die günstigsten Mieten hat die Krefelder Innenstadt",

erklärt BEUL. Noch dominieren Hartz-IV-Empfänger, aber die Stadt und BEULE arbeiten bereits an der Gentrifizierung, die mittels Sanierung der sogenannten Krefelder Häuser, einer Variante der Gründerzeitaltbauten, vorangetrieben werden soll.  

 
       
   

19.08.2017

 
       
   

HAGEN, Hans von der & Jan SCHMIDBAUER (2017): Baden gegangen.
Das Kurwesen wirkte wie ein Konjunkturprogramm für die deutsche Provinz. Es war für die Patienten ein Segen und für die Heilbäder auch. Dann stürzte Gesundheitsminister Seehofer viele Kurorte in die Krise,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.08.

HAGEN & SCHMIDBAUER greifen sich das hessische Bad Orb und das niedersächsische Bad Eilsen heraus, um den Wandel des Kurbetriebs in der deutschen Provinz zu beschreiben.

Bad Eilsen wird uns als Ort mit 6.700 Einwohner vorgestellt, obwohl der Ort lediglich rund 2.500 Einwohner zählt. 6.700 Einwohner zählt dagegen der Gemeindeverband Eilsen, der die Gemeinden Ahnsen, Bad Eilsen, Buchholz, Heeßen und Luhden umfasst. HAGEN & SCHMIDBAUER schreiben einmal von Bad Eilsen, dann wieder von Eilsen, wodurch sich ein Zerrbild ergibt:

"Eilsen zählte einst zu den bekanntesten Kurorten Deutschlands - heute ist es ein Fleck, in dem viele Hilfe brauchen (...), weil hier ungewöhnlich viele alte Menschen wohnen. (...). Der kleine Laden mit Bekleidung? Weg. Die Drogerie? Weg. Der alte Elektroladen, der seit mindestens 50 Jahren hier war? Weg."

Verglichen wird das dörfliche und schrumpfende Bad Eilsen mit der fast 10.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Bad Orb, die den Wandel durch den Bau einer teuren Therme angeblich geschafft hat. Der Wandel wird weg vom Kur- hin zum Wellnessbetrieb beschrieben:

"Deutschland und seine 350 Heilbäder und Kurorte, das gehörte mal zusammen wie Kaffee und Kuchen.
Es ist in dieser Form ein weltweit wohl einzigartiges Phänomen, das seine Anfänge schon vor vielen Hundert Jahren nahm. (...).
Die Kur, heute oft verlacht als staatlich alimentierter Gratisurlaub, sollte der »Erhaltung der Arbeitskraft« dienen. Die Generation, die dieses Angebot in den Boomjahren des Kurtourismus - allen voran die 1970er - und 1980er Jahre - nutzte, hatte den Krieg erlebt und überlebt. Viele übten Berufe aus, in denen körperlich gearbeitet wurde."

Der Kurtourismus wird also mit der Bonner Arbeitnehmerrepublik und der Kriegsgeneration verknüpft. Der Niedergang findet dann in der Berliner Republik statt:

"Die goldene Ära der deutschen Heilbäder, sie endete spätestens im Jahr 1996. (...). Die Dauer der Kuren wurde von vier auf drei Wochen verkürzt, Genehmigungen wurden erschwert, außerdem mussten Patienten jetzt Urlaubstage für die Kur opfern und deutlich höhere Zuzahlungen leisten. Es vergingen nur Monate, bis die Gästezahlen in den deutschen Heilbädern einbrachen. Deutschlands Kurorte gerieten in eine Schwere Krise, von der sich viele bis heute nicht erholt haben.
So wie Bad Elsen."

Bad Orb, das einst fünftgrößte Bad der Republik, soll den Wandel im Gegensatz zu Bad Eilsen geschafft haben, und zwar dank einer neuen Therme.

"Statt auf Kurgäste setzt Bad Orb nun stärker auf Wellness-Touristen und auf Reha-Patienten."

Anpassung an die neuen Verhältnisse wird das genannt. Bad Eilsen dagegen habe den Wandel verschlafen:

"Geblieben sind vor allem ältere Menschen, viele von ihnen sind ehemalige Kurgäste, die einst nach Eilsen zogen.
Aus den Pensionen wurden Altenheime - die Pflege von Menschen ist nun das Metier des Ortes."

Aber kann ein 2.500 Einwohner zählender Ort mit einem vier mal so großen Kurort verglichen werden? Bad Orb hat sich für seine Therme hoch verschuldet. Ob das jedoch den Ort wirklich voranbringen wird, bleibt dahin gestellt:

"Heute stehen in der Fußgängerzone viele Häuser leer, trotz Aufschwung und Toskana-Therme",

schreiben  HAGEN & SCHMIDBAUER über Bad Orb.

 
       
   

THIMM, Katja (2017): Eine Stadt räumt auf.
Integration: Duisburg hat viele Probleme: Schrottimmobilien, Armutsflüchtlinge, Arbeitslosigkeit. Viertel wie Marxloh gelten als No-go-Area. Nun reicht es den Bewohnern,
in:
Spiegel Nr.34 v. 19.08.

Katja THIMM beschreibt anlässlich der bevorstehenden Bürgermeisterwahl in Duisburg am Beispiel einer Räumung eines Mietshauses in Duisburg-Marxloh das Vorgehen der "Taskforce Problemimmobilien" (Auftrag: korrupte Hausbesitzer und unliebsame Bewohner verdrängen) vor dem Hintergrund der Armutszuwanderung - insbesondere aus Bulgarien und Rumänien:

"Rund 17.400 Zuwanderer aus Südosteuropa leben mittlerweile in Duisburg, es ist die offizielle Zahl, jeder 29. Bewohner. Im Stadtteil Marxloh sind es 4.400, jeder vierte."

New York wird von THIMM als Vorbild der Null Toleranz-Politik des SPD-Bürgermeisters bezeichnet. Die geräumten Häuser sollen idealerweise von der Stadt aufgekauft, abgerissen oder in Sozialwohnungen umgewandelt werden. Am Ende könnte aber die Gentrifizierung des Stadtteils stehen. Der Oberbürgermeister möchte die Säuberung des Stadtteils durchziehen, beklagt jedoch die mangelnde Unterstützung der EU:

"niemand sorge dafür, die gültige Richtlinie der EU durchzusetzen: Wer nach sechs Monaten noch keinen Arbeitsplatz gefunden oder in Aussicht hat, muss in sein Heimatland zurück."

Die überschuldete Stadt steht unter kommunaler Finanzaufsicht, hat also ein Interesse Sozialbetrug und Armutseinwanderung einzudämmen.   

 
       
   

KAISER, Lena (2017): Brownies gegen den Verfall.
Tristesse: Leere Häuser, viele Arbeitslose: Bremerhaven ist eine krisengeplagte Stadt. Einige stemmen sich gegen den Niedergang,
in:
TAZ v. 19.08.

"Lehe, das ist der an die Innenstadt angrenzende Stadtteil, von dem seit Jahren ein Schreckensbild gezeichnet wird. Seit den 1990er Jahren gilt Bremerhaven als Armenhaus des Westens und das zentrale Gründerzeit-Viertel, in dem ganze Häuserzeilen leer stehen, als Sinnbild für den Niedergang.
Noch in den 1970er Jahren arbeiteten 70 Prozent der Bremerhavener in der Fischindustrie oder im Schiffsbau. Dann begann die Werftenkrise. (...). Der Abzug der Amerikaner verstärkte den Effekt.
Die Arbeitslosenquote in Bremerhaven liegt bei etwa 14 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Jährlich verlassen rund 2.000 Menschen die Stadt, es leben nur noch 108.000 Menschen hier. Auch wenn die Abwanderung in den vergangenen Jahren etwas gebremst werden konnte, ist Bremerhaven eine schrumpfende Stadt.
Und nicht nur das: Ende Februar dieses Jahres hat die Bundesregierung Bremerhaven wegen der »stark unterdurchschnittlichen Lebensverhältnisse« zur abgehängten Region erklärt. Neben ländlichen Gebieten im Osten finden sich auf dieser Liste nur fünf Großstädte",

beschreibt Lena KAISER die Situation in Bremerhaven und speziell im Stadtteil Lehe. Die abgehängten Regionen entstammen einer Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage Stärkung strukturschwacher Regionen in Deutschland  der Linkspartei. Folgende Städte und Regionen wurden als abgehängte Regionen klassifiziert (vgl. Bundestagsdrucksache 18/11263, 2017, Tabelle 2, S.4):

Land Kreisregion
(stark unterdurchschnittlich)
Kreisregion
(sehr stark unterdurchschnittlich)
Brandenburg Oder-Spree/Frankfurt (Oder), Stadt
Uckermark
Prignitz
Ostprignitz-Ruppen
Elbe-Elster
Bremen Bremerhaven, Stadt  
Mecklenburg-Vorpommern Ludwigslust-Parchim
Vorpommern-Greifswald
Vorpommern-Rügen
Mecklenburger Seenplatte
Nordrhein-Westfahlen Herne, Stadt
Oberhausen, Stadt
Gelsenkirchen, Stadt
 
Sachsen-Anhalt Anhalt-Bitterfeld/Dessau-Roßlau, Stadt
Jerichower Land
Wittenberg
Saalekreis
Salzlandkreis
Altmarkkreis Salzwedel
Stendal
Mansfeld-Südharz
Burgenlandkreis
Harz
Thüringen Altenburger Land
Unstrut-Hanich-Kreis
Kyffhäuserkreis

Der Artikel zeigt zwei Beispiele für die Aufbruchsstimmung in Lehe. In der Gentrifizierungsforschung heißen solche Menschen Pioniere und sind Vorboten der Gentrifizierung.

"Von Gentrifizierung kann hier keine Rede sein, dafür fehlt der Wachstumsdruck. Viel zu viele Häuser stehen leer",

schreibt KAISER deshalb. Meist ist der schlechte Ruf dafür verantwortlich, dass Städte oder Stadtteile die Wende nicht schaffen:

"Laut Schuldneratlas des Wirtschafts- und Inkassodienstleisters Creditreform ist es einer der ärmsten Stadtteile Deutschlands. Die vielen Fernseh- und Zeitungsberichte haben Spuren hinterlassen."

 
       
   

FEDDERSEN, Jan (2017): AfD. Oder: Neulich in Bitterfeld.
Rechtspopulismus: Es braucht mehr als moralische Abgrenzung: fitte politische Konkurrenz,
in:
TAZ v. 19.08.

"Daniel Rot, er sitzt im Landesparlament von Magdeburg, weil er für seine Partei das Direktmandat in eben dieser Kommune gewinnen konnte - eines von 15 in Sachsen-Anhalt bei der Landtagswahl 2016,

erklärt uns Jan FEDDERSEN. Er will bei der AfD in Sachsen-Anhalt Ähnlichkeiten mit der Linkspartei sehen, was dem Politikstil widerspricht, den eine Studie als bewegungs- statt parlamentsorientiert eingestuft hat. Die AfD ist keine Sozialstaatspartei wie die Linkspartei, sondern eine neoliberale Partei. Das gilt insbesondere für die Bundespartei. FEDDERSEN gehört zu jenen, die zwischen Links und Rechts keinen Unterschied mehr machen wollen:

"Vieles, was auch manche Linke gut finden, trifft aufs Wohlgefallen der AfD: Kapitalismuskritik, das Identitäre, die Kritik an sogenannten Entfremdung der Lebensverhältnisse, Hass aufs Liberale. Verachtung fürs Parlamentarische."

Das trifft eben nur auf "manche Linke" zu, nämlich auf die staatsfeindlichen Linken in der 68er-Tradition. Aber mit den meisten Schlagworten von FEDDERSEN könnten sich sogar die Mitte-Parteien SPD/CDU/CSU identifizieren, weil es eben nur Parolen ohne Inhalt sind. Zu dieser oberflächlichen Darstellung passt auch das Buch von Thomas WAGNER ("Die Angstmacher"), das FEDDERSEN empfiehlt, das ideen- aber nicht sozialgeschichtlich argumentiert. Links kann heutzutage nur heißen: Verteidigung der Errungenschaften des Sozialstaats. Rechte und die AfD haben damit nichts am Hut! 

 
       
   

Ijoma Mangold - Das deutsche Krokodil

GUTMAIR, Ulrich (2017): Zwei zu eins für Deutschland.
Autobiografie: Keine Opfergeschichte: In seinem Buch "Das deutsche Krokodil" erzählt der Journalist Ijoma Mangold seinen Lebensroman über Fremdheit bei totaler Assimilation,
in:
TAZ v. 19.08.

 
       
   

Édouard Louis - Im Herzen der Gewalt

HOCHGESAND, Stefan (2017): Die Lektüre einer Nacht.
Analyse: Edouard Louis ist 24 Jahre jung und ein Literaturstar in Frankreich. Sein Roman "Im Herzen der Gewalt" ist ein Plädoyer für Empathie und ein Nachdenken über die Ursachen der Gewalt,
in:
TAZ v. 19.08.

 
       
   

Das Single-Dasein in der Schweiz

HOLZ, Wolfgang (2017): In der Idylle hat die EU keinen Platz.
StZ-Serie Leben in Europa (5): Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Reichmuth in der Schweiz,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 19.08.

Wolfgang HOLZ porträtiert eine Schweizer Familie mit 2 Kindern im Kanton Zug ("Steueroase zwischen Luzern und Zürich"), die im Urlaub von dem starken Preisgefälle zwischen dem Franken und dem Euroraum.

"(Die) starke jährliche Zuwanderung Tausender EU-Ausländer in die Schweiz (hat) Sorgen um die nationale Identität unter den Eidgenossen hervorgerufen. Immerhin leben und arbeiten mittlerweile rund 300.000 Deutsche in der Schweiz. Und gut 20 Prozent der 8,3 Millionen Menschen, die in der Schweiz leben, sind Ausländer. Zum Vergleich: In Deutschland ist unter den 82 Millionen Einwohnern nur knapp jeder zehnte ein Ausländer",

erklärt uns HOLZ die EU-Feindlichkeit in der Schweiz.

 
       
   

Das Single-Dasein in Großbritannien

ZASCHKE, Christian (2017): Bye-bye, ihr Briten.
Buch Zwei: Unser Korrespondent packt seine Kisten. Bevor er London verlässt, bleibt aber genug Zeit, das Land seiner Träume noch einmal nassforsch zu vermessen. Ein Abschied, geistig und körperlich,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.08.

 
       
   

18.08.2017

 
       
   

PRZYBILLA, Steve (2017): Große Flut.
Auf Rügen ging es bisher eher beschaulich zu. Jetzt haben neue Projekte und steigende Immobilienpreise eine hitzige Diskussion entfacht: Wie viel Neubau verträgt Deutschlands größte Insel?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 18.08.

Steve PRZYBILLA berichtet über ein umstrittenes Bauprojekt im verschlafenen 450-Seelen-Dorf Lohme auf der Insel Rügen:

Seit Ende der 1990er Jahre liegt die Fläche brach, nun möchte die Gemeinde ein Neubaugebiet mit Eigentumswohnungen, Ferienhäusern, Hotelanlage und privater Kurklinik errichten, genannt: »Medical Wellness«. Allein im Medical-Wellness-Hotel sollen 400 Betten entstehen. Welche Folgen ein solches Dorf im Dorf haben könnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen sehen die Chance, das von Abwanderung geplagte Dorf zu retten. Die anderen befürchten das Gegenteil: die Zerstörung von allem, was Lohme ausmache."

Lohme, Foto: Bernd Kittlaus 2017

Auch in Prora, einem Stadtteil von Binz, soll aus dem "ehemaligen Graffiti-Schandfleck", das von den Nationalsozialisten als riesiges "Kraft durch Freude"-Ferienzentrum geplant war, ein "lebendiges Viertel" werden:

"Derzeit wird ein Block nach dem anderen saniert. Eine Jugendherberge, ein Seniorenwohnheim, ein Aparthotel sowie 400 Eigentums- und Ferienwohnungen befinden sich bereits in der Anlage (...). Der Investor Ulrich Busche ersteigerte zwei komplette Blöcke für 455.000 Euro - ein guter Deal, wenn man bedenkt, dass eine einzige Eigentumswohnung heute mehr kostet als der gesamte Block."

Prora, Foto: Bernd Kittlaus 2017
 
       
   

STROHSCHNEIDER, Tom (2017): Wer wählt die Linkspartei?
Neue Zahlen zur Anhängerschaft: Sie altert langsamer und ist ziemlich pessimistisch,
in:
Neues Deutschland v. 18.08.

Tom STROHSCHNEIDER vergleicht die Umfrageergebnisse, die im ZEIT online-Artikel Partei der Überzeugungstäter von Tilman STEFFEN & Sascha VENOHR präsentiert werden, mit der Wähleranalyse des DIW.

 
       
   

17.08.2017

 
       
   

HARBARTH, Stephan/THOMALE, Chris/WELLER, Marc-Philippe (2017): Kinder auf Bestellung?
Fortpflanzungstourismus - die Leihmutterschaft als Prüfstein für Ethik und Menschenwürde,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.08.

 
       
   

BARTHÉLÉMY, Andrea (2017): Mutter, Mutter, Kind.
Schwule und Lesben dürfen in Deutschland künftig Adoptiveltern sein. Für den Nachwuchs ist das eine gute Nachricht, zeigt eine US-Studie,
in: Welt
v. 17.08.

 
       
   

TOETZKE, Paul (2017): Die vergessenen Mieter.
Delmenhorst: Einst stand der Wollepark für Aufbruch und Moderne. Heute gilt das Viertel als sozialer Brennpunkt, die Stadt wünscht den Abriss. Seit April hat sie BewohnerInnen das Gas und Wasser abgestellt,
in:
TAZ v. 17.08.

Paul TOETZKE berichtet über den sozialen Brennpunkt Wollepark in der über 76.000 Einwohner zählenden Stadt Delmenhorst:

"Früher einmal stand der Wollepark für Aufbruch und Moderne. Vier- bis fünfzehngeschossige Blöcke, darin 1.300 Wohnungen. »Urbanität durch Dichte« nannten das die Stadtentwickler. Die heutigen Straßennamen, Zwirnerei, Kämmerei oder Färberei, zeugen von einer vergessenen Zeit, in der die Textilindustrie der wichtigste Arbeitgeber war. Etwa 4.000 Menschen arbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts in den Fabriken. Schon damals wurden Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern angeheuert. Die jungen Frauen aus dem heutigen Polen und Tschechien (...) wurden von den Delmenhorstern »Wollmäuse« genannt. In den frühen 80ern schlossen die Fabriken, der Wollepark und die Menschen blieben.
Wann der Wollepark genau zum »sozialen Brennpunkt«, zum »Problemviertel« wurde, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gegen Ende der 90er. Deshalb wurde er ins Städtebauförderprogramm »Soziale Stadt« aufgenommen. 2012 standen so viele Wohnungen leer, dass es kurz so aussah, als würde die Stadt den Wollepark zumachen. Inzwischen gibt es Wartelisten für die Wohnungen, viele Migranten wollen hierherziehen." 

 
       
   

BREY, Marlene (2017): "Es gab bis heute keinen Kevin im Bundestag".
Kevin Hönicke macht Wahlkampf für die SPD. Er weiß aus Erfahrung, dass man um soziale Gerechtigkeit ringen muss,
in:
Freitag Nr.33 v. 17.08.

Geschichten erfolgreicher Aufsteiger sind en vogue. Marlene BREY erzählt eine solche rührende Geschichte über Kevin HÖNICKE:

"Er war der Erste in seiner Familie, der Abitur machte - und der Erste, der studierte. Er lebt den alten SPD-Traum: Aufstieg durch Bildung.
Rückblende, 1989 zieht Hönickes Familie nach Hellersdorf in einen Plattenbau (...) Seine Eltern sind Ossis, der Vater ein Wendeverlierer. Als Hönicke elf Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden. Der Kontakt zum Vater bricht ab. Nach der Trennung ist die Mutter mit den drei Söhnen wirklich allein, auch finanzielle. Sie arbeitet in der Pflege. (...).
Von seinen Freunden macht keiner Abitur, niemand studiert. (...).
Nach der Schule macht er zunächst eine Lehre als Kfz-Machaniker. (...). Abi auf dem zweiten Bildungsweg. (...).
Nach seinem nachgeholten Abitur geht Hönicke an die Humbold-Universität"

und ist heute Lehrer und Bundestagskandidat der SPD, um sich für die "einfachen Leute" einzusetzen.

"Als Direktkandidat für Lichtenberg sind seine Chancen eher gering. Hier regiert die Linke. Aber er hat auch Platz acht auf der Landesliste, das könnte für den Bundestag reichen",

meint BREY. Bei der letzten Bundestagswahl 2013 reichte Platz 8 gerade noch, für den Einzug in den Bundestag. Das waren 24,6 % der Zweitstimmen in Berlin, bundesweit waren es 25,7 %. Wenn die SPD nicht noch zulegt, dann könnte es für HÖNICKE nicht reichen.

Fazit: Dass mit einem sozialen Aufsteiger für die SPD geworben wird, zeigt, dass soziale Aufsteiger mittlerweile selbst in der SPD ziemlich rar geworden sind. Dabei war die SPD einmal die Partei der Aufsteiger:

"Die Sozialdemokratie hat sich seit den siebziger Jahren erheblich verändert (...). Viele von uns sind aufgestiegen. Wenn ich mir einen normalen Parteitag anschauen und frage würde: Wer ist dabei, der in der ersten Generation Akademiker ist, bei dem der Vater noch Arbeiter war? Dann würde die Antwort wahrscheinlich lauten: 80 Prozent. Ich selbst bin ja auch so ein Fall - Vater: Hilfsarbeiter auf dem Schlachthof; Sohn: Hochschullehrer. Dieser Prozess ist natürlich möglich geworden durch eine robuste, entschlossene Form der materiellen Umverteilung in den sechziger und siebziger Jahren. Ohne Umverteilung und den Ausbau des Staates (...) hätte es diesen massenhaften Aufstieg nicht gegeben. Und auch ich wäre wahrscheinlich genau wie mein Vater noch immer auf dem Schlachthof. Wir - oder doch die meisten von uns - sind also gewissermaßen die Gewinner von Umverteilung, reden aber jetzt nicht mehr von Umverteilung, fordern es jedenfalls nicht mehr, weil es uns möglicherweise auch zu teuer kommt, weil es vielleicht auch zu teuer ist. Nur ist das eine ganz merkwürdige Angelegenheit: In dem Moment, in dem wir aufgrund eines spezifischen politischen Instrumentariums sozial gewonnen haben, legen wir das Instrument zur Seite und lassen die anderen ziemlich kaltblütig zurück. Das aber wird moralisch möglicherweise nicht funktionieren, denn es nimmt de Sozialdemokratie ihre besondere Aura, ihren unverwechselbaren Ethos. Und am Ende wäre die SPD dann nichts anderes als - wenn man so will - die FDP der neuen Mitte aus der vorangegangenen Bildungsexpansion."
(Franz Walter in der Berliner Republik, H.5, 2003)

Was fehlt: Geschichten vom normalen Scheitern von Bildungsaufsteigern.

 
       
   

HAAK, Sebastian (2017): Spiel auf Zeit.
Die Koalition in Thüringen einigte sich zur Gebietsreform - sie wird länger dauern,
in:
Neues Deutschland v. 17.08.

Sebastian HAAK berichtet über die zeitliche Streckung der Verwaltungs-, Funktional- und Gebietsreform:

"Statt bis 2019 die Verwaltungs-, Funktional und Gebietsreform komplett abzuschließen, sollen der Einigung nach bis 2019 nur freiwillige Gemeindefusionen geschehen. Zudem sollen die Kreisfusionen zwar bis 2019 beschlossen, aber noch nicht umgesetzt sein. Erst im Jahr 2021 sollen diese wirksam werden".

Damit wird auch der geplante Abbau von rund 1000 Stellen in der Landesverwaltung hinausgeschoben. HAAK sieht das auch im Zusammenhang mit der Thüringer Landtagswahl, die nun mitten im Reformprozess stattfindet. Ob das Kalkül von Rot-Rot-Grün aufgeht, damit der "gebietsreformfeindlichen Stimmung im Land" den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird sich zeigen müssen. 

 
       
   

Das Gutachten Für ein modernes Rentenrecht: Die Einbeziehung von Selbständigen in die GRV in den Medien

ÖCHSNER, Thomas (2017): Pflicht zum Einzahlen.
Selbständige, die im Alter von Armut bedroht sind, sollen mehr vorsorgen. Da sind sich Union und SPD einig. Die Details sind umstritten. Experten wollen die Wahl - privat oder gesetzlich - den Freiberuflern überlassen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.08.

 
       
   

REZMER, Anke (2017): Gefragte Policen.
Bei fondsgebundenen Rentenversicherungen bilden die Fonds den Kern des Vertrags. Die Versicherungs-Ratingagentur Assekurata stellt in einer Auswertung für das Handelsblatt deutliche Unterschiede fest,
in:
Handelsblatt v. 17.08.

 
       
   

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Wirtschaftsthema: Südeuropa.
Warum Italien jetzt als der kranke Mann Europas gilt und Spanien seine Wirtschaftskrise überwunden hat

SAUER, Ulrike (2017): Das große Zittern.
Wenn EZB-Präsident Mario Draghi die ultralockere Geldpolitik beendet, dann bekommen seine Landsleute ein Problem. Sie müssen bis zu 25 Milliarden Euro auftreiben, um ihren Haushalt zu finanzieren,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.08.

URBAN, Thomas (2017): Jede vierte Bank hat überlebt.
Spaniens Wirtschaft wächst geschrumpft seit drei Jahren wieder,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.08.

 
       
   

Édouard Louis - Im Herzen der Gewalt

BORKENHAGEN, Christina (2017): Die Lüge als Chance.
Literatur: In seiner Ich-Erzählung such das französische Wunderkind Édouard Louis eine Heilung vom Sprachverlust,
in:
Freitag Nr.33 v. 17.08.

 
       
   

Das Single-Dasein in der Schweiz

KUCERA, Andrea (2017): Das Wunder von Jaun.
Das 660-Seelen-Dorf ist die einzige deutschsprachige Gemeinde im Bezirk Greyerz - die Frage ist, wie lange noch,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 17.08.

"Das Dorf auf 1000 Metern über Meer ist nicht nur die höchstgelegene Gemeinde des Kantons Freiburg, sondern auch das einzige deutschsprachige Fleckchen im Bezirk Greyerz", berichtet Andrea KUCERA über die schrumpfende Gemeinde Jaun in der Schweiz.

 
       
   

16.08.2017

 
       
   

SELL, Stefan (2017): Vorwärts zur "Rente mit 70"?
Eine große Koalition von "Top-Ökonomen" und die Untiefen der Rasenmähermethode,
in:
aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de v. 16.08.

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

SCHÖCHLI, Hansueli (2017): Der Schwindel in der Altersvorsorge.
Die Politik will bei den Pensionskassen regeln, was sie gar nicht regeln kann,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 16.08.

Hansueli SCHÖCHLI wiederholt sein bekanntes neoliberales Mantra. Neue Fakten oder Argumente finden sich nicht.

"1985, bei der Einführung des Obligatoriums der beruflichen Vorsorge, lag die Lebenserwartung für 65-Jährige (Durchschnitt der Geschlechter) bei etwa 17 Jahren, heute sind es rund 21 Jahre",

verkündet uns z.B. SCHÖCHLI, als ob diese Angaben belegen würden, dass dies zu Problemen führt. Dazu wäre jedoch zum einen die Rentenbezugsdauer nötig, denn eine höhere Lebenserwartung ist nicht gleichbedeutend mit einer Zunahme der Rentenbezugsdauer in gleicher höher, was aber suggeriert wird. Zum anderen ist die Entwicklung eines Alterssicherungssystems von sehr vielen Faktoren abhängig, die mit der Demografie nichts zu tun haben. SCHÖCHLI nennt aber immer nur Faktoren, die seine neoliberale Tunnelsicht stützen.   

 
       
   

15.08.2017

 
       
   

Der IW-Report Auswirkung einer längeren Lebensarbeitszeit auf die Rentenversicherung in den Medien

SIEMS, Dorothea (2017): Königsweg bei der Rente.
Von einer längeren Arbeitszeit profitieren Beitragszahler und Senioren gleichermaßen. Das zeigen neue IW-Berechnungen,
in: Welt
v. 15.08.

Dorothea SIEMS fungiert als Durchlauferhitzer für die Lobbyorganisation der Arbeitgeber, die wieder ihr Lieblingsthema ins Gespräch bringen möchte.

"Momentan stehen 100 sozialversicherungspflichtige Beitragszahler 58 Rentenempfängern gegenüber",

wird uns zum "Rentnerquotienten" erklärt. Dies entspräche einem Verhältnis von 1,72 und liegt damit unterhalb des "Rentnerquotienten" von 1,92 für das Jahr 2015, in den neben der Kopfzahl auch die Entwicklung der Löhne mit einfließt, weshalb dieser Faktor wesentlich genauer die künftige Entwicklung angibt als jener Faktor, der vom IW Köln benutzt wird (vgl. 2017, Abb. 4, S.16). Susanne KOCHSKÄMPER rechnet also das Verhältnis bewusst schlecht, um das Anliegen einer Rente mit 70 dringender zu machen.

Während die Ostrentenanpassung im Simulationsmodell berücksichtigt wird, bleiben die Auswirkungen der Entgeltumwandlung durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz unberücksichtigt. Dieses führt zu einer Senkung der Rentenansprüche. Oder anders formuliert: Was die Rente mit 70 dringlicher macht, wird in der Simulationsrechnung berücksichtigt, während gegenteilige Effekte außen vor bleiben.

"In seinem Szenario für die »Rente mit 70« geht das IW davon aus, dass die Altersgrenze 2035 auf 68 Jahre angehoben wird, 2039 auf 69 Jahre steigt und man 2043 schließlich erst mit dem 70. Geburtstag das Berufsleben beendet. Die Anhebung erfolgt damit deutlich rascher, als dies derzeit bei der Umsetzung der Rente mit 67 der Fall ist.
Denn momentan verschiebt sich die reguläre Altersgrenze lediglich um einen Monat pro Jahr",

behauptet SIEMS. Dagegen heißt es bei KOCHSKÄMPER:

"Dabei folgt das Szenario »Rente mit 67« der gegenwärtigen Gesetzgebung, in dem in der Simulation hier die Regelaltersgrenze in 2024 auf 66 Jahre und in 2031 auf 67 Jahre steigt und anschließend konstant bleibt; für die »Rente mit 70« gilt hingegen ein weitere Anstieg der Regelaltersgrenze nach 2031 im jeweils vierjährigen Rhythmus. (...).
Dabei wird hier auf ein monatliches Ansteigen der Regelaltersgrenze verzichtet, wie es die gegenwärtige Gesetzeslage vorsieht, und stattdessen ein sprunghafter Anstieg um jeweils ein Jahr modelliert; analog werden nur Versichertenjahrgänge betrachtet. Dies hat den Vorteil, dass keine Annahmen darüber zu treffen sind, wie sich die Geburtstage der Versicherten über das Jahr verteilen – wie viele Versicherte also beispielsweise im Januar und wie viele erst im Oktober die jeweilige Regelaltersgrenze erreichen. Nachteilig ist, dass es in der Simulation dadurch zu sprunghaften Veränderungen kommt, sobald eine neue Regelaltersgrenze erreicht wird und kein glatter Übergang in den Jahren zwischen zwei Regelaltersgrenzen stattfindet. Im Verhältnis zu einer monatsweisen Modellierung fallen die Änderungen von Beitragssatz und Netto-Standardrentenniveau vor Steuern zwischen einer Regelaltersgrenze bis zum Erreichen einer neuen Regelaltersgrenze stärker aus, ebenso ist die Korrektur des Anpassungspfades nach Erreichen der neuen Regelaltersgrenze abrupter als in einer Modellierung nach Monaten." (2017, S.13f.)

Die Simulation vereinfacht lediglich das Prinzip. Erst nach 2031 ist der Anstieg im Szenario "Rente mit 70" höher als bei der Rente mit 67. Dieses Arbeitgeber-Modell verschärft damit rasant das Modell der "Rente mit 69", das die Bundesbank bereits im August 2016 gefordert hat. Danach sollte jedoch erst im Jahr 2064 der erste Geburtsjahrgang 1995 mit 69 Jahren in Rente gehen.

Fazit: Obwohl sich die Situation der Rentenversicherung in den letzten Jahren verbessert hat, werden die Forderungen der Arbeitgeber und ihrer Claqueure unter den "Top-Ökonomen" und Medien immer dreister. 

 
       
   

REZMER, Anke (2017): Gefragte Policen.
Bei fondsgebundenen Rentenversicherungen bilden die Fonds den Kern des Vertrags. Die Versicherungs-Ratingagentur Assekurata stellt in einer Auswertung für das Handelsblatt deutliche Unterschiede fest,
in:
Handelsblatt v. 15.08.

 
       
   

Stefan Schabirosky - Mein Auftrag Rufmord

SCHÖNBERG, Kai (2017): Buch deutet AWD-Story um.
Medien: Angeblich Rufmordaktion gegen Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer,
in:
TAZ v. 15.08.

TUMA, Thomas (2017): "Ich habe eine Meute entfesselt".
AWD-Affäre: Der selbst ernannte "Rufmörder" Stefan Schabirosky über seine jahrelangen Schmutzkampagnen gegen Carsten Maschmeyer,
in:
Handelsblatt v. 15.08.

 
       
   

Das Single-Dasein in Irland

NONNENMACHER, Peter (2017): Der schwierige Neustart der Heimkehrer.
StZ-Serie Leben in Europa (4): Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Allen in Irland,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 15.08.

Peter NONNENMACHER beschreibt die Folgen der Finanzkrise für Irland anhand einer Familie mit fünf Kindern (2015: 1,92 Kinder pro Frau), die in Strokestown im ländlichen Mittelwesten lebt. Als Reaktionen auf die Krise wird die Emigration oder die Rückkehr zu den Eltern und Arbeitslosigkeit als einzige Optionen beschrieben. Trotz Wirtschaftsaufschwung besteht in Irland weiterhin ein Stadt-Land-Gegensatz

 
       
   

14.08.2017

 
       
   

SANDER, Matthias (2017): Für Südpfälzer ist Paris wichtiger als Berlin.
NZZ-Serie Deutschland wählt: An der Grenze zu Frankreich bekommen die Deutschen die Politik des Nachbarlandes direkt zu spüren,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 14.08.

Matthias SANDER berichtet aus Schweigen-Rechtenbach in der Südpfalz an der französischen Grenze zu Wissembourg sowie aus dem französischen Lauterbourg, dem Sitz des Eurodistrikt Pamina.

 
       
   

SCHNELL, Christian (2017): Komplexe Altersvorsorge.
Allianz: Der Versicherer hat die Ansprüche einer Vertreterin falsch berechnet. Ein Präzedenzfall für alle ist unwahrscheinlich,
in:
Handelsblatt v. 14.08.

Christian SCHNELL positioniert sich gegen die SZ, in der Uwe RITZER den Fall von Falschberechnungen vor drei Tagen als allgemeines Problem darstellte. Dagegen stellt sich SCHNELL auf die Seite des Lebensversicherers, der von einem Einzelfall spricht. Zudem wird ein Fachanwalt zitiert, der keine Gefahr für die Allianz sieht, weil nur ein Urteil des Bundesgerichtshofs einen Präzedenzfall schaffen könnte, das aber würde Jahre dauern. Dies passt zum Bild der Lebensversicherungsbranche in Deutschland, in der Kunden nur selten Ansprüche gegen die Versicherer durchsetzen können. Insbesondere bei der Altersvorsorge sind die Belange der Versicherer gut geschützt.   

 
       
   

Stefan Schabirosky - Mein Auftrag Rufmord

HUSSLA, Getrud/TUMA, Thomas/VOTSMEIER, V. (2017): "Unternehmen Donnerwetter" .
Das
AWD-Komplott: Ein Versicherungsvertreter gesteht jahrlange Schmutzkampagnen gegen seinen Ex-Arbeitgeber Carsten Maschmeyer und dessen AWS. Jetzt erscheinen seine Bekenntnisse als Buch. Im Fokus der Vorwürfe: AWD-Konkurrent DVAG - und viel Journalisten, die sich angeblich instrumentalisieren ließen,
in:
Handelsblatt v. 14.08.

NAGEL, Lars-Marten (2017): Erbitterte Konkurrenz.
AWD gegen DVAG,
in:
Handelsblatt v. 14.08.

SCHABIROSKY, Stefan (2017): Enthüllungen eines Saboteurs.
Buchauszug: Stefan Schabirosky beschreibt seine Rufmordkampagne in einem Buch. Das Handelsblatt druckt ab heute Passagen. Teil 1: Geheimtreffen mit der Konkurrenz und Angriffe aus dem Netz,
in:
Handelsblatt v. 14.08.

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

ENZ, Werner (2017): Die AHV gerät bald in Schieflage.
Die Rentenreform 2020 verursacht mittelfristig hohe Zusatzkosten vor allem für die Jungen - ein Faktencheck,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 14.08.

"Bekanntlich lässt sich die Ausgabenseite ziemlich genau schätzen, weil die Anspruchsberechtigten in der Zahl und mit Jahrgang bekannt sind. Die Babyboomer werden in den späten zwanziger Jahren gehäuft in Rente gehen, was den Quotienten zwischen Aktiven und Rentenbezügern schnell verschlechtern wird",

erklärt uns Werner ENZ. In Deutschland sollen die Babyboomer dagegen schon Anfang der 20er Jahre das Rentensystem belasten, obwohl doch das Renteneintrittsalter in Deutschland höher liegt. Zudem ist auch in der Schweiz der Jahrgang 1964 mit 112.890 Geburten der geburtenstärkste Jahrgang.

Betrachtet man die Babyboomer als jene Jahrgänge mit mehr als 99.000 Geburten pro Jahr, dann wären dies die Geburtsjahrgänge 1961 - 1970. Im Jahr 1960 waren es 94.372 Lebendgeborene und 1971 nur noch 96.261. Daraus folgt, dass die Babyboomer bereits jetzt das Alterssicherungssystem der Schweiz belasten und nicht erst in 10 Jahren. 

Bekanntlich lassen jedoch Neoliberale auch jene Faktoren weg, die nichts mit der Demografie zu tun haben und die dennoch entscheidend die Entwicklung der Alterssicherung prägen, was in Deutschland besonders deutlich wird.

 
       
   

12.08.2017

 
       
   
taz-Titelgeschichte: Dating mit 60.
Unser Autor ist nach langer Zeit wieder Single - im fortgeschrittenen Alter. Er macht sich auf die Suche nach der ganz großen Liebe. Nach einem Jahr zieht er Bilanz

ANONYMUS (2017): Sechzig.
Amore: Von einem, der auszieht, aber keine mehr auszieht. Und sich auch nicht. Wie ging eigentlich Liebe machen? Eine Betrachtung über das Geschlechterleben im fortgeschrittenen Alter,
in:
TAZ v. 12.08.

 
       
   

CREUTZBURG, Dietrich (2017): Auch Alte gönnen Jungen mehr.
Genug Rentenerhöhung. Umfrage für Junge Unternehmer,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.08.

Der Lobbyverband der jungen Unternehmer hat eine Umfrage zu Wahlkampfzwecken lanciert. Dietrich CREUTZBURG nimmt das dankend an, um sich zum Sprachrohr des Lobbyverbandes zu machen. Zur Umfrage werden keine Informationen geliefert, die dem Leser ein eigenes Bild ermöglichen, stattdessen zitiert CREUTZBURG lediglich Passagen, die den Unternehmensinteressen entsprechen.

"Anhänger der Union (machen) sich deutlich weniger Sorgen (...), die junge Generation könne zu kurz kommen",

erzählt uns z.B. CREUTZBURG, die Ergebnisse zur Wählerschaft der anderen Parteien werden dagegen verschwiegen. Dies ist nur ein unter zahlreichen Beispielen für die Selektivität des Artikels.

 
       
   

BUDE, Heinz (2017): Die Deutschen sind zufrieden im Unbehagen.
Insofern passt eine Kanzlerin wie Angela Merkel, die nicht immer noch mehr verspricht,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 12.08.

Der Popsoziologe Heinz BUDE, selbsternannter Interpret der Berliner Republik, macht Wahlkampf für Angela MERKEL und bedient eine Angststimmung, die als Treibstoff für den Weiter-So-Neoliberalismus dient. BUDE zeichnet das Bild einer Klassengesellschaft,

"in der die tonangebenden Gruppen auf ihre »lovely jobs« (...) stolz sind und die zwanzig Prozent mit den »lousy jobs« mit (...) einem Einkommen, mit dem man in Reutlingen, Bielefeld oder Reinbek nicht leben und nicht sterben kann, abgespeist werden."

Diese Klassengesellschaft führt bei BUDE nicht etwa zu Aufständen, sondern ohne zu Murren wird rangeklotzt. Es braucht dazu nur eine charismatische Führungsperson, die dem "verborgenen Ernst der Lage gerecht" wird - mit einer Vision für die Zukunft für einen "Anfang in einem Ende".

"Wer nur schimpft und meckert wie die AfD, wer das Land schlechtredet wie die Grünen und viele Sozialdemokraten, manövriert sich selbst ins Aus."

Bleibt im Grunde also nur noch Schwarz-Gelb als Option. Die Linkspartei spielt für BUDE dagegen gar keine Rolle.

 
       
   

Das Single-Dasein in Frankreich

KLINGSIECK, Ralf (2017): Schnell, bequem, erfolgreich, aber viel zu teuer.
Mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV entstand ein Zwei-Klassen-System im französischen Bahnverkehr,
in:
Neues Deutschland v. 12.08.

"Am 20. September 1981 wurde die erste Strecke zwischen Paris und Lyon eingeweiht. Im Abstand von jeweils mehreren Jahren folgten die Strecken von Paris nach Tours, Le Mans und Lille, nach Calais und durch den Eurotunnel nach London, nach Marseille und Straßburg. Durch die jetzt in Betrieb genommenen (...) Streckenabschnitte Tours-Bordeaux und Le Mans-Rennes verkürzt sich die Fahrtdauer zwischen Paris und Bordeaux von 3 Stunden 15 Minuten auf 2 Stunden, 5 Minuten und zwischen Paris und Rennes von 2 Stunden, 4 Minuten auf 1 Stunde, 25 Minuten,"

beschreibt Ralf KLINGSIECK den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken in Frankreich. Als problematisch beschreibt er, dass die TGV-Züge auch auf unwirtschaftlichen Strecken, jenseits der Hochgeschwindigkeitsstrecken, eingesetzt wurden:

"Die 500 TGV-Züge, die täglich 350.000 Fahrgäste befördern (...) fahren landesweit 200 Bahnhöfe an, also nicht nur die der Großstädte. Wo es keine spezielle TGV-Strecke gibt (...) können sie im Schnitt nur 160 km/h schnell fahren, oft sogar nur 80 km/h, selten bis zu 220 km/h. Die Ursache für diese unwirtschaftliche Nutzung liegt in der Innenpolitik. Die wurde jahrzehntelang durch Politiker dominiert, die in Personalunion Bürgermeister und Parlamentsabgeordneter oder Senator waren. Diese setzten bei den Regierungsbehörden in Paris ihren Einfluss ein, damit auch ihre Stadt ins TGV-Netz einbezogen wurde."

In Deutschland sieht es mit dem ICE auch nicht besser aus, der auf vielen Strecken lediglich als teurer IC eingesetzt wird.

Emmanuel MACRON gilt KLINGSIECK als Hoffnungsträger, denn er legt die Priorität nun auf Verbesserungen auf den Regionalbahnstrecken und hat den weiteren Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken auf Eis gelegt. Inwiefern das nicht nur Programm, sondern auch umgesetzt werden wird, muss sich jedoch zeigen.     

 
       
   

Das Single-Dasein in Bulgarien

ROSER, Thomas (2017): Armenhaus - und trotzdem lebenswert.
StZ-Serie Leben in Europa (3): Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Denkow in Bulgarien,
in:
Stuttgarter Zeitung v. 12.08.

Thomas ROSER stellt eine hauptstädtische Akademikerfamilie (mit deutscher Normfamiliengröße) vor, die zu den Globalisierungsgewinnern zählt. Zu Bulgarien erfährt der Leser wenig:

"Zehn Jahre nach dem Beitritt dümpelt das ärmste EU-Mitglied noch immer am Ende fast aller Sozialstatistiken von Europas kriselndem Wohlstandsbündnis. (...).
Im Doppelpack mit Rumänien war Bulgarien 2007 der EU beigetreten. (...).
Folgen der 2007 einsetzenden Weltwirtschafts- und Finanzkrise erreichten Bulgarien verspätet: Erst 2009 rutschte die Wachstumsrate mit minus 4,2 Prozent kräftig, dafür aber nur kurz, in den Negativbereich. (...).
Fast ein Fünftel seiner Bevölkerung hat der Balkanstaat im letzten Vierteljahrhundert verloren."

Die Abwanderung wird jedoch nicht als Problem dargestellt, denn:

"Viele Bulgaren sind wegen der Arbeit ins Ausland gezogen. Aber es sind auch viele ausländischen Investoren wegen des guten Businessklimas und der hoch qualifizierten und günstigen Arbeitskräfte hierhergekommen",

wird der porträtierte Akademiker zitiert. Neben dem Schulsystem wird das Rentensystem als Problem beschrieben:

"Mit der Minimumrente von 150 Lewa (75 Euro) könne ihre Mutter wie viele andere Rentner nicht über die Runden kommen und sei gezwungen, zwei Zusatzjobs zu machen",

wird die Ehefrau zitiert, die es sich leisten kann, als "Stay-at-Home-Mom" zuhause zu bleiben. 

 
       
 

[ zum Seitenanfang ]

Zu den News vom 09. - 11. August 2017
 

   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
 
   

Bitte beachten Sie:
single-dasein.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
 
  [ Homepage ]
 
   
© 2000-2017
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 19. September 2017