[ [ News-Hauptseite ] [ Homepage ] [ Impressum und Datenschutzerklärung ]

   

Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
News 12.-15. Juli 2017
News 07.-11. Juli 2017
News 01.-06. Juli 2017
News 25.-30. Juni 2017
News 20.-24. Juni 2017
News 12.-19. Juni 2017
News 07.-11. Juni 2017
News 01.-06. Juni 2017
News 21.-31. Mai 2017
News 13.-20. Mai 2017
News 07.-12. Mai 2017
News 01.-06. Mai 2017
News 24.-30. April 2017
News 16.-23. April 2017
News 09.-15. April 2017
News 01.-08. April 2017
News 22.-31. März 2017
News 12.-21. März 2017
News 01.-11. März 2017
News 18.-28. Februar 2017
News 09.-17. Februar 2017
News 01.-08. Februar 2017
News 25.-31. Januar 2017
News 19.-24. Januar 2017
News 08.-18. Januar 2017
News 01.-07. Januar 2017

News 2000-2016

 
 
   
Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 16. - 25. Juli 2017: [16.07.] [17.07.] [18.07.] [19.07.] [20.07.] [21.07.] [22.07.] [23.07.] [24.07.] [25.07.]

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Lob der Mittelstadt

"Das in den Medien gehegte Schreckensbild einer sich verhärtenden Provinzbastion aus populistischem Ressentiment bedarf ebenso einer Revision wie die unterstellte Aura der jung-dynamischen Metropolen. (...).
Auf die Frage nach dem Ort jener Dynamik, die intellektuelle Erneuerung und die Expansion des Kapitals gleichermassen beflügelt, haben vor allem die deutschsprachigen Kulturen eine altehrwürdige Antwort gegeben. Ihr Kern war das heute unwahrscheinlicher denn je wirkende Motiv von der Provinz als einzigem Ort starken Denkens. Vor allem die thüringischen Kleinstädte Weimar und Jena, aber auch Freiburg, Tübingen und Heidelberg, Marburg, Göttingen und Halle weckten schon um 1800 Bewunderung aufgrund vielfacher Erneuerungsbewegungen, die dort begonnen hatten und weithin Resonanz fanden. (...).
Doch nicht etwa in die Metropolen ist die Energie dieses Geistes gezogen, sondern in eine andere Lage der Provinz. Die zwanzig besten Universitäten unserer Zeit, Harvard, Stanford, Princeton und Yale etwa, Cambridge, Oxford und die ETH, gehören zu Städten, die schon allein aus Quantitätsgründen nicht als globale Metropolen gelten können. Dies trifft vor allem auf das Silicon Valley als jene kompakte Kreativzone zu, deren Erfindungen während der vergangenen drei Jahrzehnte den globalen Alltag grundlegend verändert haben.
Google, Apple, Oracle und die meisten jener Startups, die Weltmarken geworden sind, haben Adressen in Mountain View, Sunnyvale oder Palo Alto, in Gemeinden mit etwa sechzigtausend Einwohnern, welche die fünfzig Kilometer zwischen den kleinen Millionenstädten San Francisco und San Jose ausfüllen."
(Hans-Ulrich Gumbrecht "Suburbia!" in der Neuen Zürcher Zeitung v. 07.07.2017)

 
       
       
   

25.07.2017

 
       
   

HERZ, Carsten (2017): Amerikanischer Schnäppchenjäger.
Lebensversicherungen: Das US-Unternehmen Athene will Lebensversicherern unliebsame Altverträge abkaufen und damit zur Nummer eins im Markt werden. Verbraucherschützer sind skeptisch,
in:
Handelsblatt v. 25.07.

Carsten HERZ berichtet über den Einstieg des deutschen Ablegers Athene Lebensversicherung des siebtgrößten US-Lebensversicherers in das Geschäft der Run-off-Plattformen, d.h. der Abwicklungsplattformen, die sich durch den Aufkauf von Versicherungsbeständen ein lukratives Geschäft erwarten. Deutschland gilt als Eldorado, weil es hier um besonders große Versichertenbestände geht.

"Wir brauchen keinen Vertrieb, wir brauchen keine Produktentwicklung und wir schleppen keine alte IT mit uns herum",

wird die Vorstandschefin der Athene Lebensversicherung zu den Vorteilen des Geschäftszweigs zitiert. Ob die Versicherten davon profitieren ist jedoch eine ganz andere Frage. HERZ stellt die Generali Leben als lukrativen Bestand für eine Übernahme durch die konkurrierenden Abwicklungsplattformen dar:

"Das Portfolio wäre mit mehr als 44 Milliarden Euro Kapitalanlagen der bisher größte Bestand an Lebensversicherungen, der in Deutschland auf den Markt käme."

Die Marktmacht der Verbraucher wird von den Abwicklungsgesellschaften darin gesehen, dass sie ihre Policen kündigen könnten. Bekanntlich wird jedoch Versicherten selbst von Verbraucherschutzorganisationen die Kündigung nur als allerletzte Option gepredigt, weil sie mit hohen Verlusten verbunden ist. Mit der Marktmacht der Verbraucher ist es also nicht weit her! 

 
       
   

HÄRING, Norbert (2017): Uneingeschränkt positiv.
Konjunkturausblick: Im Währungsfonds weicht die Skepsis vor dem Aufschwung. Die Schwäche im Euro-Raum gilt als überwunden,
in:
Handelsblatt v. 25.07.

 
       
   

24.07.2017

 
       
   
AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Familienpolitik

GERLACH, Irene (2017): Familienpolitik in der Bundesrepublik.
Kleine Politikfeldgeschichte,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.30-31 v. 24.07.

"In der Familienpolitikforschung werden seit ihren Ursprüngen in den 1960er Jahren vier Motive für Familienpolitik identifiziert: das bevölkerungspolitische, das familieninstitutionelle, das sozialpolitische sowie das emanzipatorische. Dabei spielten in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik vor allem das familieninstitutionelle (Förderung beziehungsweise Rekonstruktion von Familie in der Form der "Hausfrauenehe" mit väterlicher Erwerbstätigkeit) und das sozialpolitische Motiv (monetärer Ausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen sowie Unterstützung von Mehrkinderfamilien) wesentliche Rollen. Mit der Politik der 1970er Jahre gewann das emanzipatorische Motiv an Bedeutung. Das bevölkerungspolitische Motiv wurde (ausdrücklich) erst nach der Jahrtausendwende mit der von der damaligen Familienministerin Renate Schmidt (SPD) vorsichtig vorgebrachten Forderung nach einer bevölkerungssensiblen Politik wieder in den Diskurs eingeführt. Bis dahin hatten sich deutsche Politiker aufgrund der ausschließlich bevölkerungspolitischen Ausrichtung der Familienpolitik unter den Nationalsozialisten gescheut, auch bevölkerungspolitische Ziele zu formulieren",

erläutert Irene GERLACH in ihrer oberflächlichen Beschreibung der deutschen Bevölkerungspolitik, die seit 2007 in erster Linie qualitative Bevölkerungspolitik im Interesse der oberen Mittelschicht ist, was in der politisch korrekten Ausführung ausgeblendet wird.

 
       
   

HÖHN, Matthias (2017): Die kleinen Wünsche groß machen.
Die Linkspartei will im Wahlkampf die Sorgen und Hoffnungen des Alltags ins Zentrum stellen. Ein Gastbeitrag,
in:
Neues Deutschland v. 24.07.

Matthias HÖHN, Wahlkampfleiter der Linkspartei, gibt eine Kostprobe seines Könnens. Man darf bezweifeln, dass diese die potentiellen Wähler erreicht:

"Über zehn Millionen Menschen sagen derzeit, sie könnten sich vorstellen, uns zu wählen. Das ist eine tolle Zahl, die Mut macht. 2013 haben uns 3,7 Millionen Menschen ihre Stimme gegeben."

In zwei Monaten werden wir wissen, was daraus geworden ist. 

 
       
   

GILLMANN, Barbara & Dana HEIDE (2017): Das Rennen der Königsmacher.
Wahlkampf: FDP und Grüne liegen gleichauf. Aktuell könnten beide allein mit Merkel koalieren,
in:
Handelsblatt v. 24.07.

"(D)ie entscheidende Schlacht findet zwischen FDP und Grünen statt. Denn anders als Linke und AfD kommen beide als Partner für Angela Merkel in Betracht - als Alternative zur Großen Koalition.
Aktuell hätte sowohl Schwarz-Gelb als auch Schwarz-Grün eine Mehrheit",

erklären uns GILLMANN & HEIDE, die jedoch auch für eine Jamaika-Koalition im Bund vorbauen. Dazu greifen sie auf den DIW-Wochenbericht zur Wählerschaft der Parteien zurück:

"Hilfreich ist, dass sich die Klientel der Konkurrenten kaum überschneidet: Die FDP wird nach einer Studie des DIW zu 60 Prozent von Männern gewählt, bei den Grünen dominieren ebenso sehr weibliche Wähler. Obwohl beide Anhängerschaften überdurchschnittlich gut gebildet sind und daher auch gut verdienen - die der FDP mit Abstand am meisten, es folgen die Grünen -, ticken sie extrem unterschiedlich."

Entscheidend für eine Schwarz-Gelb-Grüne-Koalition sehen GILLMANN & HEIDE jedoch die steuerpolitische Annäherung:

"Die FDP will nicht mehr die Steuersenkungspartei schlechthin sein, und die Grünen haben ihre exzessiven Steuererhöhungspläne beerdigt."

 
       
   

HÄRING, Norbert (2017): Die Reform einer Volkswirtschaft.
Statistik: Weil die irische Wirtschaftsstatistik nicht viel mit der tatsächlichen Produktionsentwicklung zu tun hatte, wird sie modernisiert,
in:
Handelsblatt v. 24.07.

Norbert HÄRING berichtet über Korrekturfaktoren für Irland, die das BIP als Maßzahl retten soll. Eine internationale Statistik-Kommission, bei der sowohl EUROSTAT als auch der IWF Einfluss hatten, hat abgestimmt auf die irischen Verhältnisse zwei gravierende Aspekte übertüncht, die im Grunde in allen Ländern das BIP verzerren - nur in Irland war das nicht mehr zu verheimlichen.

Durch die Korrekturen liegt nun die Staatsschuldenquote nicht mehr bei 73 Prozent, sondern bei 106 Prozent. Irland ist zudem ein Steuerparadies (bei anderen fällt das weniger ins Gewicht!), was die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ebenfalls verfälscht.

Mit Berufung auf einen niederländischen Ökonomen fordert HÄRING eine Kehrtwende in der Statistik:

"Statt der zunehmenden Ausrichtung an Eigentumsrechten müsse man zu Standards zurückkehren, die sich an der physischen Produktion von Gütern und Diensten durch Einsatz von Arbeit ausrichten. Denn wenn die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen immer schlechter mit der Entwicklung des Arbeitsmarkts und der Einkommen harmonierten, schade das der Glaubwürdigkeit und dem Informationsgehalt dieser Rechenwerte."  

 
       
   

23.07.2017

 
       
   

PETERSDORFF, Winand von (2017): Der amerikanische Traum verblasst.
Woran liegt es, dass nur so wenige Amerikaner aufsteigen? Die Trägheit der Unterschicht und die Abschottung der Mittelschicht wirken zusammen verheerend,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.07.

Winand von PETERSDORF erklärt uns den amerikanischen Traum, der eher ein Alptraum ist. Die "Bildungsromane" eines Horatio ALGER jr. werden zum Inbegriff dieser Ideologie stilisiert:

"Der amerikanische Traum gilt als verwirklicht, wenn die Schuhputzer und Tellerwäscher in die Mittelschicht vorgedrungen und existentiellen Nöten enthoben sind",

erklärt uns PETERSDORF. Mobilität wird - ganz im Sinne des Neoliberalismus - zur Voraussetzung des sozialen Aufstiegs stilisiert. Scheitert der eigene Aufstieg, dann soll er auf die nächste Generation projiziert werden:

"Wenn sich die Anstrengung des Wegziehens für einen selbst nicht auszahlte bis zum Ende des Lebens, dann sollten es wenigstens die Kinder einmal besser haben."

Der amerikanische Traum hat also viel mit einer Religion zu tun: Das Jenseits sind in dieser Religion die eigenen Kinder. Den Deutschen wird von PETERSDORFF zum einen "Herablassung" unterstellt:

"Wie unterentwickelt ist der amerikanische Sozialstaat, wenn er seine Bürger zu Umzug und Selbstausbeutung zwingt?"

Zum anderen wird der ausufernde Sozialstaat in den USA selber beklagt:

"Ein wachsender Anteil von entlassenden Arbeitern verlässt den Arbeitsmarkt. Er sucht nicht mehr nach einer Stelle, sondern rettet sich in eine Berufsunfähigkeitsrente und andere Sozialleistungen."

Die mangelnde Mobilität ist in dieser neoliberalen Sicht also der mangelnde Aufstiegsmotivation geschuldet, deren Indikator die mangelnde Umzugsmobilität ist. Dazu wird uns ein Ökonom als "neuer Superstar" präsentiert. Die quantitative Sozialforschung heißt bei PETERSDORFF dann großspurig "Big Data". Offenbar hält PETERSDORFF die Leser der FAS für ausgesprochen doof. In der Studie The Fading American Dream von Ray CHETTY u.a. wird die Ideologie des amerikanischen Traums mit der Realität verglichen, wobei die Herangehensweise durchaus kritisiert werden kann, denn Ideologien müssten im Grunde als individuelle Einstellungen gemessen werden. Stattdessen stellen die Indikatoren des Amerikanischen Traums lediglich die Realität des Landes dar. Es wird also gar nicht gemessen, ob der amerikanische Traum verblasst ist, sondern nur, ob die Ideologie überhaupt etwas mit der Realität des Landes zu tun hat. Oder anders formuliert: Die Ökonomen haben das Thema verfehlt! Auch die Messung selbst ist kritisch zu sehen, denn es wird nicht etwa der soziale Aufstieg, sondern nur die Überschreitung von Einkommensklassen gemessen. Betrachtet man die Studie, dann unterliegen ihr ganz spezifische Annahmen, die durchaus fragwürdig sind. Die Daten unterliegen Brüche, sodass die Vergleichbarkeit leidet. Inwiefern es sich überhaupt um einen Generationenvergleich handelt, das dürfte auch strittig sein, denn es handelt sich um Querschnittsdaten, d.h. Altersunterschiede werden als Generationenunterschiede interpretiert.

Als Sozialwissenschaftler würde man sich wünschen, dass diese Studie von anderen Wissenschaftlern überprüft wird, was jedoch meist unterbleibt, wenn sie mit dem Zeitgeist übereinstimmt. Und darauf deuten ja die Versuche der Immunisierung durch PETERSDORFF hin.

"Chettys Studien zeigt, dass schon allein Umzüge in bessere Stadtviertel sich auszahlen, vor allem, wenn die Kinder noch jung sind.
Das Problem ist: Die Amerikaner wollen das nicht mehr. Sie ziehen längst nicht mehr so schnell um wie ihre Väter und Mütter",

behauptet PETERSDORFF, obwohl die Studie das gar nicht hergibt. Belegt wird höchstens das Umzugsverhalten, aber nicht die Einstellung zu Umzügen. Die kann höchstens unterstellt werden.

"Die interessanteste Deutung (...) präsentiert Richard Reeves, gebürtiger Brite, promovierter Philosoph und Historiker, der heute für die Denkfabrik Brookings arbeitet. Seine These lautet: Die Oberschicht (Einkommen über 117.000 Dollar pro Haushalt) trägt ein gerüttelt Maß an Schuld",

schreibt PETERSDORFF. Man liegt nicht falsch, wenn man das nicht als Oberschicht, sondern als obere Mittelschicht interpretiert, d.h. es geht um erfolgreiche Akademiker/innen, die sich auch als Handlanger der Oberschicht betätigen. Das Beispiel, das PETERSDORFF in Houston, Texas ansiedelt, könnte genauso in Hamburg, München oder Berlin spielen. Es geht darum die Segregation aufrecht zu erhalten und die eigene Kinder auf gute Schulen zu schicken, in denen sie nicht mit der so genannten Unterschicht konfrontiert sind. In Deutschland mag das noch nicht derart extrem sein wie in den USA, aber die Tendenzen gehen dahin.

Fazit: Für PETERSDORFF ist der Rückgang des sozialen Aufstiegs in den USA (und natürlich erst recht in Deutschland!) in erster Linie ein Mentalitätsproblem. Würden die Armen wie ihre Eltern dorthin ziehen, wo sie Arbeit finden, dann wäre alles in Ordnung. Am Ende legt PETERSORFF deshalb nahe, dass der soziale Aufsteiger von einst heutzutage Sozialleistungsempfänger wäre.

"Hohe Sozialleistungen begünstigen die Immobilität, argumentieren klassische Ökonomen",

heißt es an einer Stelle. Die Klassische Ökonomie heißt volkstümlich Neoliberalismus. Dass die obere Mittelschicht mit ihren Schließungstendenzen die Aufstiegsmobilität behindert, ändert nichts Grundlegendes, denn schließlich haben Studien gemäß PETERSDORFF herausgefunden, dass die Aufwärtsmobilität in den USA regional unterschiedlich ist:

"Man ist nach dem Studium der Daten zwar froh, kein armer Schlucker in Atlanta, Georia, zu sein. Aber in Salt Lake City, Utah oder in San José, Kalifornien, sind die Aufstiegschancen deutlich besser."

Was aber wäre, wenn die Armen tatsächlich auf Völkerwanderung gingen? Würden sich dann die Aufstiegschancen dort nicht schnell als Illusion herausstellen?         

 
       
   

22.07.2017

 
       
   

BRANKOVIC, Maja (2017): Der teuerste Tag des Lebens.
Die "coolste Location", die ausgefallenste "Goodie-Bag", das märchenhafteste Kleid: Wenn sich die junge Generation heute das Jawort gibt, muss ein Fest nach amerikanischem Vorbild her. Da Internet befeuert diesen Trend - und das Geschäft mit der Liebe,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.07.

 
       
   

NIMZ, Ulrike & Cornelius POLLMER (2017): Unser Land.
Das politische Klima im Osten hat sich verändert - nicht bloß an den Rändern, sondern gerade in der Mitte der Gesellschaft. Sind die Rechten bürgerlich geworden oder die Bürgerlichen rechts?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 22.07.

NIMZ & POLLMER sind durch Sachsen gereist, um den Rechten auf den Grund zu gehen. Ihre erste Station ist Aue im Erzgebirgskreis, wo sie eine engagierte Sozialarbeiterin treffen. Über die Gegend erfahren wir nur:

"Das Erzgebirge gilt als Heimat des Kunsthandwerks, als Land der Klöppler und Drechsler. (...). Kreativ war hier immer auch der Protest gegen die Asylpolitik und Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen",

was bereits die Haltung zeigt, mit der den Menschen begegnet wird. Die nächste Station ist Niederdorf:

"einer der kleinsten, aber wirtschaftsstärksten Gemeinden im Erzgebirge. 1.200 Einwohner, weiße Einfamilienhäuschen. (...). Es gibt keine Schule mehr."

Dort treffen sich die Journalisten mit dem Gründer des Vereins Heimattreue Niederdorf. Was man nicht erfährt: Dort ist die CDU mit 75 % im Gemeinderat die mit Abstand stärkste Partei und die NPD kam auf 7,8 %. Station 3 ist Bautzen, wo ein Treffen mit einer Holocaust-Forscherin stattfindet, mit der sie dann in einem Gewerbegebiet den Vortrag Wider die Spaltung der Bürgergesellschaft anhören. Das Fazit zur anschließenden Diskussion:

"Optimistisch bilanziert, erleben die Gäste hier einen weitgehend sachlichen Streit (...).
Pessimistisch bilanziert, muss sich nach solch einem Abend die Frage stellen: In was für einem Land leben wir eigentlich? Bürger einer Stadt sitzen zusammen und diskutieren in ihrer Mehrheit »das System« als etwas irgendwie Verkommenes."

Da stellt sich die Frage, ob die staatsfeindliche Linke, die in der Antiparteien-Partei der Grünen nur ihren sichtbaren Ausdruck fand, nicht auch einen großen Teil zur Systemverachtung beigetragen hat. Und auch Aufrufe wie jener von Arnulf BARING (Bürger auf die Barrikaden!) Anfang des Jahrtausends waren nicht unbedingt hilfreich, sondern Ausdruck eines Extremismus der Mitte.

Zwangsläufig endet die Reise bei der sächsischen Innenministerin Petra KÖPPING (SPD) und der gescheiterten Integration der Wendeverlierer. Der Ruf nach mehr "Zwischenmenschlichkeit" wird uns ernsthaft als "der beste Vorschlag, der derzeit auf dem Markt ist" verkauft. Die Rolle der Medien, die das gesellschaftliche Klima entscheidend prägt, bleibt bei dieser Sicht außen vor! 

 
       
   

ARAB, Adrian (2017): Rente? Echt jetzt?
Ich bin erst 20 und soll schon fürs Alter vorsorgen. Weil die Rente nicht mehr sicher ist. Wieso haben wir so etwas nicht in der Schule gelernt? In die Unterrichtspläne gehört mehr Wirtschaft,
in: Welt
v. 22.07.

Adrian ARAB hält Beamte für weltfremd. Da fragt man sich höchstens, warum er dann dem Beamten Bernd RAFFELHÜSCHEN nachplappert? Wer über das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern schreibt, sollte sich vorher über die Fakten informieren und nicht Vorurteile in die Welt setzen:

"die Babyboomer, haben weniger Kinder geboren, als seinerzeit ihre Eltern. Daher müssen schon heute immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren",

meint der 20-jährige Volontär. Das Verhältnis lag 2010 bei 1,81 und 2015 bei 1,92. In diesen Zahlen des Nachhaltigkeitsfaktors wird das Verhältnis exakter abgebildet als im Altenquotient, der für das Rentensystem - im Gegensatz zur Arbeitsmarktlage und der sozialpolitischen Gesetzgebung - eine geringere Bedeutung hat als ihm in den Medien gerne zugeschrieben wird.

Ausgewiesen wird dieses Verhältnis erst seit dem Jahr 2003. Würde man die Angabe dieses Faktors bis ins Jahr 1957 als Pflichtangabe einführen, dann wäre eine Beurteilung der Entwicklung des demografischen Faktors für die Rentenversicherung für alle ersichtlich. Da dies nicht geschieht, kann jeder Dahergelaufene Unsinn über die Bedeutung des Altenquotienten für die Rentenversicherung erzählen.

Fazit: Vor der Einführung eines Schulfachs Wirtschaft, das nur die Interessen des Finanzkapitalismus im Auge hat, wäre die politische Bildung mit einer Aufklärung über die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme und deren fatalen Folgen hinsichtlich der Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft notwendig!     

 
       
   

DPA/ND (2017): Kommunen fahren auf Verschleiß.
Thüringen: Zahlt das Land zu wenig - oder ist Kleinteiligkeit das Problem?
in:
Neues Deutschland v. 22.07.

Bericht über das geplante Finanzausgleichsgesetz in Thüringen, mit dem kleine Gemeinden zu Fusionen gezwungen werden sollen. Damit soll auch Druck aufgebaut werden, um die geplante Gebietsreform besser durchsetzen zu können. Gemeinen mit weniger als 10.000 Einwohner sollen zukünftig schlechter gestellt werden. Statt dem demografischen Wandel mit dem Finanzausgleich gegenzusteuern wird im Gegenteil die Kluft zwischen Land und Stadt verschärft. Das Ergebnis solcherart von Politik kann man in den USA, Großbritannien und Frankreich sehen. Die dortigen Konflikte werden durch die hiesige neoliberale Standortkonkurrenz auch in Deutschland aufbrechen. Die Erfolge der AfD sind lediglich ein harmloses Vorspiel dessen, was uns erwarten könnte, wenn der Aufschwung in Deutschland zu Ende geht.    

 
       
   

21.07.2017

 
       
   

LACHMANN, Harald (2017): Siegen statt verlieren.
Statistisch kommt die einstige Residenz der Nassauer an der Sieg mittelmäßig daher - doch das täuscht,
in:
Neues Deutschland v. 21.07.

Harald LACHMANN tritt an, um das schlechte Image von Siegen aufzupolieren:

"Es gibt Städte, denen ein beharrliches Negativimage anhaftet. (...). Das hessische Kassel gehört für manchen dazu, das fränkische Fürth - oder auch Siegen. »Was ist schlimmer als verlieren? Siegen!«, lautet ein böses Bonmot, dessen sich die südwestfälische Stadt seit Jahrzehnten zu erwehren hat.
Verstärkt wurde das Etikett durch diverse Zukunftsrankings, wie sie immer wieder mal durch die Medien geistern. So bilden laut dem Forschungsinstitut Prognos die Stadt Siegen und ihr Umland das personifizierte Mittelmaß, unter 402 analysierten kreisfreien Städten und Landkreisen: Ob Geburtenrate oder Zahl der Schulabbrecher, Arbeitslosigkeit oder Unternehmensgründungen, Wohlstand, Kultur oder Patentquote - nirgends gibt es Ausreißer nach oben oder unten. Willkommen bei Frau und Herr Mustermann",

stellt LACHMANN die Großstadt Siegen vor. Die Universität hat LACHMANN zufolge ihre Studentenzahl auf rund 20.000 verdoppelt. LACHMANN ist jedoch was die Einwohnerentwicklung betrifft, nicht auf der Höhe der Zeit, wenn er schreibt:

"Selbst die Hoffnung, irgendwann wieder Großstadt zu werden, knüpft man im Rathaus - wo die Linke mit vier Abgeordneten übrigens ebenso stark wie die FDP ist - an das studierende Volk. Denn nachdem Siegen mit dem Zensus von 2011 unversehens unter die 100.000 Einwohner-Marke gerutsch war, peilt man hier nun wieder ehrgeizig die Sechsstelligkeit an. Längst wächst die Stadt wieder - gerade dank steigender Studentenzahlen. Ist die Großstadtmarke erst wieder erreicht, kann Siegen auch mit deutlich höheren Schlüsselzuweisungen des Landes rechnen und allein bei den Konzessionsabgaben mit einem jährlichen Plus um 900.000 Euro kalkulieren."

Gemäß Bevölkerungsstatistik des Landes Nordrhein-Westfahlen hat Siegen bereits 2014 die Einwohnerzahl von 100.000 wieder überschritten.

 
       
   

SPECHT, Frank (2017): Mehr fördern als fordern?
Die Parteien suchen Konzepte gegen Langzeitarbeitslosigkeit. Der BA-Chef will vor allem mehr Geld,
in:
Handelsblatt v. 21.07.

 
       
   

SCHMELZER, Thomas und Mark FEHR (2017): Zwischen Hayek und Höcke.
AfD: Spitzenkandidatin Alice Weidel soll der Partei neue Wirtschaftskompetenz verschaffen. Ob der rechte Rand der Partei das will, ist aber noch nicht ausgemacht,
in:
Wirtschaftswoche Nr.30 v. 21.07.

 
       
   

Die Altersvorsorge in der Schweiz in der Debatte

SCHÄFER, Michael (2017): Drohende Bevormundung von Pensionskassen.
Der Bundesrat will zur Bekämpfung der Klimaerwärmung auch institutionelle Investoren in die Pflicht nehmen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.07.

SCHÄFER, Michael (2017): Keine Klimapolitik auf Kosten der Rentner.
"Klimatest" für Pensionskassen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.07.

Rentner sind für Neoliberale meist nur Kostenfaktoren. Nur wenn es um die Profitsteigerung der Finanzdienstleister geht, werden Neoliberale auch einmal zu Anwälten aller Rentner und nicht nur der erwerbstätigen Jungen.

 
       
   

20.07.2017

 
       
   

BSG (2017): Fehlende Beitragsentlastung für Eltern in der gesetzlichen Rentenversicherung nicht verfassungswidrig,
in:
Pressemitteilung des Bundessozialgericht v. 20.07.

 
       
   

Der DIW-Wochenbericht Wählerschaft der Parteien in den Medien

Wer heute nur seine Mainstreamzeitung aufschlägt und den Bericht über die DIW-Studie liest, der wird kaum bemerken, dass sich die Berichte hinsichtlich der Darstellung der Einkommensverhältnisse der Parteienwählerschaft unterscheiden. Ein Vergleich zeigt, dass sich nicht nur die Einkommenshöhen, sondern auch die Rangfolgen der Parteien zwischen den vier Tageszeitungen Welt, Frankfurter Rundschau (FR), Handelsblatt (HB) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) unterscheiden, wie die nachfolgende Übersicht zeigt:

  Nichtwähler AfD Linke SPD Union Grüne FDP
  R Euro R Euro R Euro R Euro R Euro R Euro R Euro
Welt 6 2.460       2.540         3 3.379 1 3.900
FR     4 2.600 5 2.391 3 2.700 2 3.000 2 3.000 1 3.400
HB     4 2.600 5 2.390 3 2.700 2 3.000 2 3.000 1 3.400
FAZ 6 1.333 5 1.543 4 1.598 3 1.667 2 1.800 2 1.800 1 2.125

Wie kommen die Zeitungen jedoch auf die unterschiedlichen Angaben zu den Einkommensverhältnissen? Der Artikel Wählerstruktur im Wandel von Karl BRENKE & Alexander S. KRITIKOS schreibt zur Rangfolge der Einkommensverhältnisse:

"Das Medianeinkommen der FDP-Wählerschaft liegt weit oberhalb des gesamtem Medianeinkommens, gefolgt von der der Grünen und der der CDU/CSU. Das der SPD-Wählerschaft befindet sich in etwa beim Median. Dahinter rangieren AfD und Linkspartei. Das Schlusslicht bilden jene, die nicht zur Wahl gehen wollen." (2017, S.595)

BRENKE & KRITIKOS verwenden in ihrer Untersuchung zwei verschiedene Datenquellen, die sich deutlich bezüglich der Erfassung der Parteienwählerschaft unterscheiden. Dazu führen sie folgendes aus:

"Grundlage der Untersuchung sind die Erhebungen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaft (ALLBUS) mit Daten bis 2016. Zudem wurde auf die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) des Jahres 2015 zurückgegriffen (...). Da bei der ALLBUS die »Sonntagsfrage« gestellt wird, die auch von kurzfristigen Stimmungen geprägt sein kann, somit also die Wahlabsicht erfasst wird, ist im Folgenden von den Wählerinnen und Wählern oder der Wählerschaft einer Partei die Rede. Im SOEP wird nach der »Zuneigung« zu einer Partei gefragt, die auf die längerfristige Parteibindung abstellt. Bei der Verwendung dieser Quelle wird der Begriff Anhängerschaft verwendet."

Alle Zahlen, die von den Tageszeitungen präsentiert werden, gehen auf die Tabelle 3 (2017, S.600) zurück. In der Tabelle werden eine Vielzahl von Indikatoren ausgewiesen, von denen sich die Medien jene herauspicken, die ihnen genehm sind.

  Nettoeinkommen (Euro; Rang)

Nettoeinkommen (bedarfsgewichtet in Euro)

Insgesamt

Mittelwert
(Welt)
Median
(FR/HB)
Mittelwert Untere 25 % Median
(FAZ)
Obere
25 %
Ver-hältnis
oben zu
unten
FDP 3.901 (1) 3.400 (1) 2.349 (1) 1.500 (1) 2.125 (1) 3.000 (1) 2,00
CDU/CSU 3.388 (2) 3.000 (2) 2.035 (2) 1.300 (3) 1.800 (2) 2.500 (2) 1,92
Grüne 3.379 (3) 3.000 (2) 2.006 (3) 1.333 (2) 1.800 (2) 2.500 (2) 1,88
SPD 3.010 (4) 2.700 (4) 1.872 (4) 1.267 (4) 1.667 (4) 2.333 (4) 1,84
AfD 2.933 (5) 2.600 (5) 1.809 (5) 1.100 (6) 1.553 (6) 2.245 (5) 2,04
Linke 2.542 (6) 2.391 (6) 1.635 (6) 1.200 (5) 1.598 (5) 2.000 (6) 1,67
Unentschlossene 2.611 2.500 1.656 1.081 1.504 2.119 1,96
Nichtwähler 2.462 2.050 1.514 0.943 1.333 1.786 1,89
Insgesamt 3.096 2.750 1.866 1.200 1.667 2.333 1,94

Die Linkspartei stellt sich als die Partei mit der homogensten Wählerschaft dar. Die AfD, die programmatisch Neoliberalismus mit Nationalkonservatismus kombiniert, hat die heterogenste Anhängerschaft. Inwiefern eine Betrachtung der obersten 10 Prozent eine Verschiebung gebracht hätte, bleibt unbeantwortet. Die FDP ist in jeder Hinsicht die Partei der Besserverdienenden.

Was wäre passiert, wenn man statt der Einkommen die Kaufkraft als Indikator verwendet worden wäre? Da die CDU/CSU im Gegensatz zu den Wählern der Stadtparteien SPD und Grüne ihre Wählerschaft vorwiegend aus dem ländlichen Raum bzw. kleinstädtischen Raum rekrutiert, könnten sich auch hierdurch Verschiebungen ergeben.

Was die überwiegenden Medienberichte herausstreichen, das ist der Rückgang der Arbeiterschaft bei der SPD und die Aussage, dass die AfD die neues Arbeiterpartei sei. Aber stimmt das überhaupt? Hat sich die Wählerschaft der Parteien dramatisch verändert oder sind die Wähler eher ihrer Partei treu geblieben? Dazu bedürfte es einer Längsschnittuntersuchung, die mit dem SOEP möglich wäre, aber nicht genutzt wurde.

Denn was geschieht mit einem Arbeiter, wenn er in Rente geht? Ist er dann kein Arbeiter mehr? Die Entgegensetzung der Begriffe Arbeiter und Rentner verschleiert die Tatsache, dass das Arbeitsleben auch den Ruhestand prägt. Hat die SPD ihre Stammwählerschaft verloren wie das Handelsblatt suggeriert oder ist die Stammwählerschaft nur älter geworden? Einige Zeitungen betrachten die Veränderung beim Haushaltseinkommen zwischen 2000 und 2016 und interpretieren diese jedoch ganz unterschiedlich. So heißt es in der Welt:

"Einkommensverbesserungen gegenüber dem Jahr 2000 waren 2016 bei den Grünen-Anhängern niedriger als bei allen anderen Parteienwählern. Erklären lässt sich das vor allem mit zwei Umständen: Grünen-Wähler sind überproportional im öffentlichen Dienst mit seinen oft nur geringen Tarifsteigerungen beschäftigt. Auch gibt es bei ihnen immer mehr Rentner, die im Durchschnitt weniger Geld zur Verfügung haben als Berufstätige."

Die SZ schreibt dagegen die Veränderungen dem hohen Frauenanteil bei den Grünen zu:

"Die Grünen sind der Studie nach die einzige Partei, für die deutlich mehr Frauen stimmen als Männer, das erklärt vermutlich auch ein anderes Merkmal dieser Gruppe: Während die Einkommen der Wähler von FDP, Union, Linke in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind und auch die der SPD, haben sich die Einkommen der Wähler der Grünen nur schwach entwickelt - viele von ihnen arbeiten in Teilzeit."

Ist nun der Renteneintritt oder der hohe Frauenanteil bei den Grünen-Wählern für die schlechtere Einkommensposition verantwortlich? Das lässt sich aufgrund des Studiendesigns gar nicht ermitteln. KRITIKOS & BRENKE haben jedoch das Verhältnis zwischen Arbeitsvolumen und Stundenlohn betrachtet:

"Werden die persönlichen Einkommen auf die üblicherweise geleistete Arbeitszeit bezogen, kamen die Personen mit einer Wahlpräferenz für FDP und Grüne 2016 auf die höchsten Stundeneinkommen, die Wählerschaft der AfD auf geringe." (2017, S.602)

Selbst wenn die Grünen-Wählerinnen also vermehrt Teilzeit arbeiten, dann sind ihre Stundenlöhne jedoch vergleichsweise hoch. Es handelt sich hier also um ein Jammern auf hohem Niveau, denn die Grünen-Wählerinnen verdienen offensichtlich im Vergleich zum Durchschnitt - trotz Teilzeit - überhaus gut.

Die Linkspartei wird überdurchschnittlich von Arbeitslosen gewählt, während die FDP die Partei der (leitenden) Angestellten und Selbständigen/Freiberufler ist (vgl. 2017, 599).

KAMANN, Matthias (2017): Grünen-Wähler sind nicht mehr so jung wie früher.
Eine Analyse zeigt: Die Klientel der Öko-Partei verändert sich dramatisch. Und bei der AfD ist der Arbeiteranteil viel höher als bei der SPD,
in:
Welt v. 20.07.

"Während bei den Anhängern der größeren Parteien das mittlere Nettoeinkommen von 2.540 Euro bei Linke-Wählern bis zu 3.900 bei FDP-Wählern reicht, kommen Nichtwähler nur auf 2.450 Euro pro Monat. (...).
Bemerkenswert ist zum anderen, dass die Grünen-Klientel immer weniger der oberen Gruppe der Besserverdienenden zugerechnet werden kann. Beim mittleren Nettoeinkommen liegen Grünen-Wähler mit monatlich 3.379 Euro nur an dritter Stelle hinter FDP- und Unions-Wählern",

erklärt Matthias KAMANN den Welt-Lesern die Einkommensverhältnisse der Wähler- und Nichtwählerschaft.

GILLMANN, Barbara & D. NEUERER (2017): SPD verliert ihre Stammwähler.
Wählerwanderung: Die Arbeiter wandern ab zur AfD. Laut einer Studie ist die SPD "Rentner- und Angestelltenpartei",
in:
Handelsblatt v. 20.07.

Das Handelsblatt begnügt sich bei den Einkommensverhältnissen mit einer Grafik, das die Zahlen als Mediannettoeinkommen bezeichnet. Alle Parteien zusammen kommen dabei auf 2.750 Euro.

SAUER, Stefan (2017): Arbeiter stimmen kaum für die SPD.
Studie zeigt: Partei der kleinen Leute ist jetzt die AfD,
in:
Frankfurter Rundschau v. 20.07.

"Das mittlere monatliche Haushaltsnettoeinkommen der CDU/CSU-Wähler lag 2016 bei 3.000 Euro, das eines SPD-Haushalts bei 2.700 Euro. (...).
Linken-Haushalte verfügen im Mittel über 2391 Euro, bei der AfD sind es 2.600 Euro",

berichtet Stefan SAUER über die Einkommensverhältnisse bei der Wählerschaft.

RATZESBERGER, Pia (2017): Abschied vom Arbeiter.
Eine Studie zeigt, wer heute welcher Partei den Vorzug gibt und warum sich die SPD-Anhänger stark verändert haben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.07.

Pia RATZESBERGER weist auf die große Streuung der Einkommen unter der AfD-Wählerschaft hin:

"Manche Klischees mag die Studie belegen, zum Beispiel, dass die Alternative für Deutschland vor allem Männer mit niedrigem Einkommen wählen. Allerdings sei die Streuung  in keiner anderen Partei so groß wie in der AfD, schreiben die Autoren. Es wählen also nicht nur viele Menschen mit sehr geringem Einkommen die Partei, sondern auch viele mit sehr hohem."

CREUTZBURG, Dietrich (2017): SPD und FDP ziehen viele Ruheständler an.
Was unterscheidet und was verbindet die Anhänger der Parteien? Eine Studie hellt auf. Einkommen der Linken- und FDP-Wähler steigen stark,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

"Blickt man auf die Geldbörsen der Wähler, steht die FDP nicht ganz überraschend als »Partei der Besserverdienenden« da, während die Linkspartei Geringverdiener und Arbeitslose anspricht. Hier nutzt das DIW das sogenannte bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen als Maßstab (...). Nach diesem Maßstab können FDP-Wähler im Mittel über 2.125 Euro im Monat verfügen, Union und Grüne belegen mit 1.800 Euro gemeinsam den zweiten Platz. SPD-Wähler sind indes mit 1.667 Euro annähernd repräsentativ für die Gesellschaft. Dagegen liegen Linken-Wähler mit 1.598 Euro ein Stück zurück, haben damit laut DIW aber 55 Euro Vorsprung auf die Wähler der AfD. Eine Gruppe liegt indes noch weiter zurück: die bekennenden Nichtwähler. Für sie ermittelten die Forscher nur 1.333 Euro",

berichtet Dietrich CREUTZBURG über die Einkommensverhältnisse, der auf einen anderen Sachverhalt hinweist, nämlich die Tatsache, dass die Alterseinkünfte polarisiert sind, denn sowohl FDP als auch SPD sind durch einen hohen Rentneranteil geprägt, aber die Einkommensverhältnisse unterscheiden sich in beiden Parteien stark. Das deutet darauf hin, dass sich unter den FDP-Wählern die wohlhabenden Rentner befinden, während die SPD eher Rentner mit durchschnittlichem Einkommen wählen.

FUNK, Albert (2017): Gewachsene Nähe.
DIW-Studie: Wählerschaften von Union und SPD werden immer ähnlicher - die anderen Parteien wichen vom Mainstream ab,
in:
Tagesspiegel v. 20.07.

"Die Grünen-Wählerschaft setzt sich von allen anderen Parteien durch einige Merkmale ab: deutlich höherer Frauenanteil mit 60 Prozent, erheblich höherer Akademikeranteil, viele Anhänger im öffentlichen Dienst, geringster Arbeiteranteil. (...). Die Grünen sind zugespitzt, die Partei der Besserwissenden, aber nicht unbedingt der Besserverdienenden - das ist eindeutig die FDP. (...).
Was auffällt: Die FDP-Wählerschaft hat kein Thema, bei dem sie sich wirklich größere Sorgen macht - es sind die Sorgenfreien Demokraten.
Die Besorgten (...) zieht es dagegen vor allem zur AfD und den Linken. Die AfD ist eine Männerpartei (mit zwei Dritteln der Anhänger der höchste Anteil) und am stärksten dörflich-kleinstädtisch geprägt. (...). Linken-Wähler haben im Schnitt die niedrigsten Haushaltseinkommen. Nur die Gruppe der Nichtwähler hat weniger",

meint Albert FUNK zu den Einkommensverhältnissen der Wählerschaft.

 
       
   

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Wirtschaftthema: Altersvorsorge.
Wer privat für den Ruhestand spart, zahlt dafür oft einen hohen Preis

FROMME, Herbert (2017): Die Renten sind nicht sicher.
Anbieter von privaten Rentenversicherungen kürzen immer öfter ihre Zusagen oder sogar laufende Renten. An die hohen Vertriebskosten gehen die Versicherer dagegen nur zögernd heran. Das wird sich bald ändern,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.07.

Die Allianz senkt den Rentenwert von 44 Euro auf 38 Euro pro 10.000 Euro angespartem Geld, berichtet Herbert FROMME, der wieder sein Steckenpferd reitet:

"Im vergangenen Jahr gaben die Gesellschaften sieben Milliarden Euro für Vertriebskosten aus, das meiste davon für Provisionen. Aufgebracht werden diese Mittel allein von den Kunden."

Ausgeblendet wird dabei jedoch, dass insbesondere die Allianz hohe Dividenden zahlt auf Kosten der Versicherten bezahlt. Statt also die Kunden zu bedienen, wirft - nicht nur - die Allianz den Aktionären das Geld in den Rachen. Davon aber lesen wir nichts.

Auch darüber wie die Versicherungslobbyisten Reformen erfolgreich verweigert haben, lesen wir so gut wie nichts.

"2016 trat das Lebensversicherungsreformgesetz in Kraft. Die Lebensversicherer drängten damals auf Veränderungen bei der Überschussbeteiligung, die ihrer Ansicht nach ausscheidende Kunden bevorzugten. Der Bundestag änderte die Regeln."

Statt die Provisionen zu deckeln, wurden Grenzwerte definiert, die die Versicherungswirtschaft ignorieren konnte und das obwohl der Staat die Altersvorsorge mit hohen Summen subventioniert. Davon sehen die Kunden nichts, sondern das steigert lediglich die Profite der Versicherungen.

FROMME macht den Versicherten nun Hoffnung, dass mit Erleichterungen bei der Zinszusatzreserve Verbesserungen für die Kunden durchgesetzt werden könnten. Das ist nichts als Illusion wie die Verwässerung der EU-Richtlinie für die Versicherungsvermittlung zeigt:

"Zwar haben sich die Befürworter eines EU-weiten Verbots der Provisionen für Lebensversicherungen nicht durchgesetzt, wie es schon in Großbritannien, den Niederlanden und den nordischen Ländern in Kraft ist. Zu stark war der gerade von Deutschland geführte Widerstand."

Nichtsdestotrotz behauptet FROMME, dass dies nichts mache, weil die Bafin ja noch da sei. Die Bafin ist jedoch keine Verbraucherschutzorganisation, sondern vertritt die Interessen der Versicherungswirtschaft. Wer auf die Bafin setzt ist blauäugig. Und auch die Verbraucherzentrale ist nicht wirklich ein Anwalt der Kunden, weil sie von den staatlichen Mitteln abhängig ist - und bekanntlich soll die private Altersvorsorge - koste es was es wolle - ausgebaut werden.

TAUBER, Jonas (2017): Mehr Honorar statt Provision.
In Deutschland werden fast alle Versicherungsverträge gegen Provision verkauft. Das ist intransparent, monieren Kritiker. Ein Gesetz könnte die Wende bringen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.07.

Der Artikel von Jonas TAUBER ist auch nicht hilfreich, denn das Gesetz zum Versicherungsvertrieb, das im Februar 2018 in Kraft tritt, wurde von den Versicherungslobbyisten bis zur Unkenntlichkeit verwässert und bedient nun vor allem die Interessen der Vermittlerbranche. Ob sie sich nun Makler, Vertreter oder Berater nennen, ist für den Kunden egal, denn er zahlt auf alle Fälle, denn die Lebensversicherer sind nicht dazu gezwungen Netto-Tarife anzubieten, sondern sie haben sich erfolgreich dagegen wehren können.

"Damit Berater (...) mit Vermittlern konkurrieren können, erlaubt das Gesetz ihnen die Vermittlung von Verträgen mit Provision. Dann fließt das Geld aber nicht an den Berater, sondern zu 80 Prozent an den Kunden, 20 Prozent bleiben beim Versicherer."

Oder anders formuliert: Der Kunde sorgt weiterhin für die Profite der Lebensversicherer, die in Deutschland immer noch wie die Made im Speck leben. Jammern hilft! 

 
       
   

KEILHOLZ, Christine (2017): Eine Fünf in Demografie.
Bildung: Hunderttausende Schüler mehr kommen in die Schulen. Ein Segen - wenn die Kultusminister nur Lehrer eingestellt hätten,
in:
Freitag Nr.29 v. 20.07.

Eine Fünf in Demografie könnte man auch der Wochenzeitung ausstellen, denn schließlich hat sie mit der Herde mitgeblökt, wenn es darum ging den demografischen Wandel zu beklagen.

"Das ewige Gerede von Dörfern, in denen bald keiner mehr wohnt, und von ganzen Landstrichen, die der Wolf zurückerobert, verdüstert die Stimmung. Und jetzt das: 2015 wurden fast 2.000 kleine Sachsen mehr geboren als 2013. Der Boom betrifft freilich nicht die Dörfer, sondern die schickeren Viertel von Dresden und Leipzig, wo bio gegessen und Rot-Grün gewählt wird. Es geht wieder aufwärts",

meint jetzt Christine Keilholz.

 
       
   

Die Wahlen zur Nationalversammlung in Frankreich in den Medien

WALTHER, Rudolf (2017): Neoliberaler Bonapartismus.
Frankreich: Emmanuel Macron will das Wahl- und das Arbeitsrecht reformieren. Er regiert technokratisch, bisweilen autoritär. Und der Ausnahmezustand? Auch damit hat er etwas vor,
in:
Freitag Nr.29 v. 20.07.

Rudolf WALTHER berichtet nur kurz über die Fraktionsbildung in der Nationalversammlung:

"Die Sozialisten (PS) haben 90 Prozent ihrer Sitze verloren und verfügen über eine Fraktion von nur noch 29 Mitgliedern. Eine Versammlung des böse gescheiterten PS-Präsidentenbewerbers Benoît Hamon wird als Auftakt zur Gründung einer neuen Partei gedeutet, während die Parteilinke um Arnaud Montebourg beabsichtigt, die alte PS wiederzubeleben und zu »rekonstruieren«. Zwischen der Linken von Mélenchons La France Insoumise und den Kommunisten der PCF scheiterten die Verhandlungen über eine gemeinsame Fraktion."

Die ehemaligen Sozialisten ("nouvelle gauche") haben zwar 29 Sitze erobert, bilden aber mit weiteren Abgeordneten zusammen eine Fraktion mit 31 Mitgliedern. 

WIEGEL, Michaela (2017): Ein Generalstreik der Wähler?
Wie Frankreich zu einem Land ohne echte parlamentarische Opposition geworden ist,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

Michaela WIEGEL berichtet über die Fraktionsbildung in der französischen Nationalversammlung:

"Die Nationalversammlung zählt erstmals sieben Fraktionen, ein Rekord in der Geschichte der V. Republik. Fünf Fraktionen ordnen sich selbst der Opposition zu. François Bayrous Mouvement démocrate mit 47 Abgeordneten gehört zur Präsidentenmehrheit, die sich aus 313 Abgeordneten zusammensetzt. (...).
Die Republikaner (...) teilen sich fortan in zwei Fraktionen auf: 100 Abgeordnete für die Republikaner und 35 Abgeordnete für Les constructifs. (...). Die sozialistische Fraktion zählt nur noch 31 Abgeordnete (...). Ihre Mitglieder nennen sich künftig »neue Linke«. Die Kommunisten verfügen über 16, das »Unbeugsame Frankreich« über 17 Abgeordnete. Der Front National hat nicht einmal Fraktionsstärke erreicht."

17 Abgeordnete gehören keiner der Fraktionen an, darunter auch die Mitglieder von Front National.

WERNICKE, Christian (2017): Patriotisch, rechts, lauwarm.
Front National,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

Christian WERNICKE berichtet nur über innerparteiliche Konflikte in der Partei Front National.

 
       
   

Das Single-Dasein in Großbritannien

THEURER, Marcus (2017): Briten dürfen erst später in Rente gehen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.07.

Marcus THEURER berichtet nicht etwa über ein in Kraft getretenes Gesetz, sondern lediglich über eine "Ankündigung der Regierung". Die Briten der Geburtsjahrgänge April 1970 bis April 1978 sollen ab 2039 erst mit 68 Jahren in Rente gehen.

Neoliberale berichten gerne über Ankündigungen, als ob diese schon durchgesetzt wären - zumindest wenn ihnen die Richtung passt, ansonsten wird dies unter den Tisch gekehrt.  

 
       
   

19.07.2017

 
       
   

FABRICIUS, Michael (2017): Gefährliche Flucht in die Immobilie.
Die Preise für Wohneigentum stiegen im vergangenen Jahr in vielen Städten schneller als erwartet. Experten warnen jetzt nicht mehr nur vor Überhitzung, sondern auch vor Mini-Renditen,
in:
Welt v. 19.07.

Michael FABRICIUS berichtet über eine Auftragsstudie der Zeitschrift Finanztest, in der 115 Städte und Kreise berücksichtigt wurden.

 
       
   

BRANKOVIC, Maja (2017): Warum die Löhne nicht stärker steigen.
Der deutsche Arbeitsmarkt ist fast leergefegt, viele Stellen bleiben unbesetzt. Doch die Löhne ziehen eher langsam an. Dafür gibt es Gründe,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.07.

 
       
   

Die Wahlen zur Nationalversammlung in Frankreich in den Medien

HANKE, Thomas (2017): Erster Test für Macron.
Die Generäle sind wütend wegen Einsparungen, Regionen und Gemeinden kritisieren geplante Steuersenkungen: Frankreichs Präsident steht Ärger ins Haus,
in:
Handelsblatt v. 19.07.

BRÄNDLE, Stefan (2017): Populisten ohne Perspektiven.
Marine Le Pen und der FN kommen auf ihrem Weg in die Bedeutungslosigkeit gut voran,
in:
Frankfurter Rundschau v. 19.07.

 
       
   

18.07.2017

 
       
   

METZLER, Friedrich von (2017): Altersvorsorge ist eine Pflicht.
Standpunkt,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.07.

Der adlige Bankier möchte sich gerne noch stärker aus der Rentenkasse bedienen. Nichts anderes als ein dreister Angriff auf die gesetzliche Rentenversicherung ist dieser Artikel, um die Profite der Finanzdienstleister zu steigern. METZLER will die Entgeltumwandlung weiter ausweiten, die alle Renten schmälert - egal ob die Möglichkeit zur betrieblichen Altersvorsorge existiert oder nicht. Das reicht dem gierigen Bankier jedoch nicht, sondern er möchte zudem noch die Einnahmen des Staates zu Gunsten der Profite der Finanzdienstleister reduzieren. Der herrschende Finanzkapitalismus trägt jedoch dazu bei, dass der Wohlstand im Lande geringer ausfällt als er müsste. Betroffen sind davon in erster Linie die Arbeitnehmer.

 
       
   

SEZGIN, Hilal (2017): Menschen sind wie Pilze.
Dur unzählige Wurzeln miteinander verwoben sind die Menschen doch nie ganz allein. Deswegen gilt bei Missständen: "Nichtstun ist keine Lösung". Mit ihrem neuen Buch setzt die Autorin ein Zeichen für Gemeinschaft und Engagement,
in:
Frankfurter Rundschau v. 18.07.

 
       
   

ÖCHSNER, Thomas (2017): Abgehängt.
Trotz bester Konjunktur finden immer weniger Langzeitarbeitslose einen Job,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 18.07.

Obwohl die SZ genauso wie das Neue Deutschland über Langzeitarbeitslose berichten, werden ganz andere Akteure und ganz andere Zahlen verwendet, um das Problem aufzuzeigen. Während Thomas ÖCHSNER die Kritik der Grünen Brigitte POTHMER in den Mittelpunkt stellt, ist es bei Florian HAENES die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linkspartei Sabine ZIMMERMANN.

"Im vergangenen Jahr sind rund 1,2 Millionen Langzeitarbeitslose aus der Arbeitsmarktstatistik gestrichen worden, obwohl sie überhaupt keinen Arbeitsplatz erhielten. Tatsächlich hatte nur jeder achte Langzeitarbeitslose, den die Bundesagentur nicht mehr als solchen zählte, auch eine reguläre Beschäftigung gefunden. (...).
Unter den Langzeitarbeitslosen, die in der Arbeitsmarktstatistik nicht mehr auftauchen, befinden sich 308.984 Personen, die eine Aus- oder Fortbildung anfingen. (...). (N)ur 10.340 Personen hatten ein Studium oder eine Berufsausbildung begonnen. 298.644 hingegen nahmen an (...) in der Regel von der Agentur für Arbeit geförderte Seminare zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt (teil). Der statistische Trick, den die Bundesagentur dabei anwendet, ist, nach Beendigung der Maßnahme die Teilnehmer nicht länger als Langzeitarbeitslos zu zählen. Genauso wenig wie jene 507.304 Personen, bei denen eine Arbeitsunfähigkeit festgestellt worden war, oder jene 45.27, die (...) in Rente gingen",

erläutert Florian HAENES. Bei ÖCHSNER heißt es dagegen lapidar:

"Viele Jobsuchende fielen (...) aus der Statistik, vor allem weil sie etwa wegen einer Krankheit arbeitsunfähig wurden oder weil sie als über 58-Jährige auf Grund eienr Sonderregel aus der Statistik gestrichen werden."

Die fast 300.000 Langzeitarbeitslosen, die per nutzloser Bildungsmaßnahme vom Langzeitarbeitslosen zum Kurzzeitarbeitslosen wegdefiniert wurden, bleiben bei ÖCHSNER also völlig unerwähnt.

"Nicht einmal jeder 20. Langzeitarbeitslose Hartz-IV-Empfänger bekomme einen Job auf dem staatlich geförderten zweiten Arbeitsmarkt. 2010 galt dies noch für etwa jeden Zehnten",

zitiert ÖCHSNER. Bei HAENES liest sich das dann so:

"2016 gelangten (...) nur 58.228 Langzeitarbeitslose an einen staatlich geförderten Arbeitsplatz - zehn Jahre zuvor waren es noch 236.191 gewesen.

Während ÖCHSNER uns die schönfärberischen Formulierungen der Bundesarbeitsagentur nacherzählt, weist HAENES auf die Überschüsse auf, die Neoliberale gerne als Senkung der Beiträge zu Arbeitslosenversicherung zurückerstattet hätten, während die Linkspartei dafür plädiert das Geld für eine bessere Qualifizierung zu verwenden. Die Bundesregierung dagegen will das Geld für schlechtere Zeiten horten, d.h. den Kapitalmärkten für deren Profitsteigerung überlassen.

Zuletzt nennt ÖCHSNER Zahlen, wonach die Langzeitarbeitslosigkeit im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 100.000 zurückgegangen sei - wie viele statistische Umdefinitionen sich darunter befanden, das wird uns von ÖCHSNER nicht verraten.

HAENES, Florian (2017): Langzeitarbeitslose: Einfach weggerechnet.
Konjunktur sorgt für Milliardenüberschüsse bei Arbeitslosenversicherung. Trotzdem keine zusätzliche Förderung für Langzeitarbeitslose,
in:
Neues Deutschland v. 18.07.

LEUBECHER, Marcel (2017): Migrant und arbeitslos.
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte finden seltener eine Anstellung. Im Westen der Republik hat bereits jeder zweite Arbeitslose ausländische Wurzeln,
in:
Welt v. 18.07.

 
       
   

Der Europäische Beschäftigungs- und Sozialbericht 2017 in den Medien

TÜGEL, Nelli (2017): Generation arm und arbeitslos.
EU-Jahresreport zu Beschäftigung und sozialer Lage setzt Schwerpunkt auf junge Menschen,
in:
Neues Deutschland v. 18.07.

 
       
   

SCHENKEL, Lena (2017): Die Kirche als Heiratsvermittlerin.
In einem Jahr, einem Monat und einem Tag sollen sich zwei Singles in der reformierten Kirche Stäfa das Ja-Wort geben,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 18.07.

 
       
   

Die Wahlen zur Nationalversammlung in Frankreich in den Medien

ALTWEGG, Jürg (2017): Lügen für den Präsidenten.
Burnout in Paris: Macrons Amtsantritt hat auch eine neue Ära in der Beziehung zwischen Macht und Medien eingeleitet. Was als Allianz begann, ist Distanz und offener Feindseligkeit gewichen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.07.

Der Umgang von MACRON mit den Medien zeigt, dass hier Tendenzen vorhanden sind, die bei ERDOGAN bereits deutlicher aufscheinen. Es werden von MACRON nur jene Journalisten bedient, die ein angenehmes Bild von MACRON zeichnen. Die Hofberichterstattung ist monopolisiert.

Die französischen Medien, die wie in Deutschland eng mit der Politik verbunden waren, müssen sich nun neu ausrichten, was dazu führt, dass die alten Seilschaften nicht mehr funktionieren und Berichterstatter sich neuen Sujets zuwenden müssen:

"Ein für die Sozialisten zuständiger Korrespondent muss sich künftig auch um die Linksextremisten kümmern. Bei »tf1« wird die Berichterstattung über die verbleibenden »Republikaner« mit dem Front National zusammengelegt. Das Boulevardblatt »Le Parisien« will sich »weniger auf die Parteien und mehr auf die Orte der Macht konzentrieren«. In zahlreichen Medien scheint ein Generationenwechsel in Gang zu kommen",

berichtet Jürg ALTWEGG, der merkwürdigerweise ausgerechnet die "Promiskuität von Macht und Medien" als "Teil des Verlusts von Vertrauen in die Eliten" beklagt, die ja auch in Deutschland die Mainstreammedien prägt. Und wenn er schreibt:

"Unter Ministern war es gang und gäbe, sich in zweiter oder dritter Ehe mit prominenten Fernseh-Journalistinnen zu vermählen",

dann gilt das für Deutschland ebenfalls. Was aber vor allem daran lag, dass die obere Mittelschicht noch nicht die Politik prägte, was jedoch inzwischen vermehrt der Fall ist. Der Politikstil sagt von daher auch viel über die Herkunft der Politiker aus. MACRON ist kein sozialer Aufsteiger, sondern als Arztsohn Teil der oberen Mittelschicht. Und wenn ihn schon ein liberaler Publizist als "aufgeklärten Despoten" bezeichnet, dann dürfte den Franzosen in den nächsten Jahren noch einiges bevorstehen. Noch sind Säuberungen in westlichen Demokratien noch nicht so weit verbreitet, doch mit MACRON könnte sich das nun ändern!   

 
       
   

17.07.2017

 
       
   

LEBENS, Konstantin (2017): Eiskaltes Geschäft mit der heißen Liebe.
Im Urlaub fallen Menschen besonders oft professionellen Herzensbrechern zum Opfer. Der finanzielle Schaden kann sich dabei schon mal auf eine halbe Million Euro belaufen,
in:
Welt v. 17.07.

 
       
   

VOGELSANG, Lucas (2017): Auf seinem Hügel steht und siegt der Waldemar.
Die AfD holte mit Waldemar Birkle in Pforzheim ihren deutschen Spitzenwert: 54,2 Prozent. Jetzt will der Spätaussiedler in den Bundestag,
in:
Welt v. 17.07.

"54,2 Prozent der Wähler auf dem Haidach, dem Aussiedlerviertel auf dem Buckenberg, haben ihre Stimme bei Baden-Württembergs Landtagswahl 2016 an die AfD vergeben. Es ist das bis heute deutschlandweit beste Ergebnis der Partei. (...). Waldemar Birkle ist das Gesicht zu dieser Zahl. Er hat sie groß gemacht und ist selbst an ihr gewachsen. Vor einem Jahr hatte ihn die Partei, (...) zum Wahlkämpfer auf dem Hügel gemacht. (...).
Birkle, der damals noch Stadtrat war, wurde später, eine Belohnung wohl auch, zum Direktkandidaten im Wahlkreis 279, Pforzheim und Enzkreis, bestimmt. Die AfD möchte mit ihm in den Bundestag",

erzählt uns Lucas VOGELSANG ("Heimaterde"). Die Zahl von 54,2 Prozent lässt sich jedoch nirgends verifizieren. Eine Liste der Pforzheimer Zeitung weist für den Buckenberg dagegen für die AfD nur 43,2 Prozent aus. Den Wahlkreis 42 Pforzheim hat der AfD-Kandidat mit 24,2 Prozent gewonnen.

"Vier Millionen Spätaussiedler leben derzeit in Deutschland, die Russlanddeutschen sind die größte wahlberechtigte Zuwanderungsgruppe der Bundesrepublik. Schon bei der kommende Wahl könnten ihre Stimmen entscheidend sein, das sehr schwere Zünglein an der Waage",

berichtet VOGELSANG nicht gerade als erster, denn bereits Ende Mai und Ende Juni erschienen Berichte über das Phänomen. Die SZ streifte in ihrer Pforzheim-Reportage das "Spätaussiedler-Brennpunktviertel" nur.

 
       
   

HÄRING, Norbert (2017): Kann man Zinsen essen?.
Wachstum und Wohlstand: Die gemessene Produktion besteht zum Teil aus fiktiven Finanzdiensten,
in:
Handelsblatt v. 17.07.

Norbert HÄRING berichtet darüber wie sich der herrschende Finanzkapitalismus vom Nichtsnutz zum Produktivitätsillusionist entwickelt hat, indem seine illusionären Produkte ("Finanzserviceleistung Indirekte Messung" kurz FISIM) Teil des Bruttoinlandsprodukts wurden. In Deutschland passierte dies im Vergleich zu anderen Ländern jedoch sehr spät:

"In Deutschland wehrte sich das Statistische Bundesamt jahrelang dagegen, dass die von den Banken in Höhe ihrer Netto-Zinseinnahmen fiktiv erbrachte Finanzdienstleistung auf die anderen Sektoren aufgeteilt wird - 2005 wurde dieser Schritt dennoch vollzogen. (...). Wenn (...) der Staat oder private Haushalte die Bankzinsen zahlen, gilt die fiktive Dienstleistung seit 2005 als Konsum und erhöht so das BIP. (...).
In den ausführlichen Tabellen des Statistikamtes wird bis heute bei Größen wie dem privaten Verbrauch und den Einkommen separat ausgewiesen, wie viel davon aus FISIM besteht, also aus imaginären Bankdienstleistungen, die tatsächlich nur Kaufkraftentzug in Form von Zinsen sind. 2016 waren das beim privaten Konsum 27 Milliarden Euro, nicht ganz zwei Prozent. (...). Nicht eigens ausgewiesen sind die Dienstleistungen, die als Gegenwert der Gebühren und Provisionen der Finanzdienstleister unterstellt sind, sowie die Provisionen sonstiger Finanzinstitute und Immobilienmakler, bei denen auch nicht immer klar ist, ob sie aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht doch eher reine Kosten und nicht etwa Gegenwert für eine produktive Leistung sind."

Der Ökonom Jakob ASSA ("The Financialization of GDP and its Implications for Macroeconomic Debates") sieht im wachsenden Finanzsektor sogar das Hauptproblem der schwächelnden Lohnentwicklung, denn die Geldwirtschaft sei der einzige Wirtschaftssektor, bei dem Wachstum nicht mit Jobschaffung einhergehe, sondern sich im Gegenteil eine unheilvolle Polarisierung (einerseits Millionengehälter, andererseits Jobabbau) entwickelt hat. Der Finanzsektor trägt so zu einem "jobless growth" bei und ist damit für einen großen Teil des ungesunden Wachstums in den westlichen Industrieländern verantwortlich.

Fazit: Wer die kapitalgedeckte Altersvorsorge stärkt, der sorgt nicht nur für die Auslieferung der Alten an die gierigen Kapitalmärkte, sondern der befördert zudem noch ungesundes Wirtschaftswachstum, das nicht der Realwirtschaft zugute kommt, sondern nur die nächste Finanzkrise mitfinanziert.

 
       
   

BABAROWSKI, Jörg (2017): Die Bürgergesellschaft ist am Ende.
Ein Abgesang,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 17.07.

Jörg BABAROWSKI, Historiker der Babyboomer-Generation, kritisiert die Identitätspolitik aus einer nationalkonservativen Sicht, wobei er in der dämlichen Berichterstattung über den Populismus einen Garanten für deren Erfolg sieht:

"Im Justemilieu (...) reagiert man auf Provokationen genau so, wie die Provokateure es erwarten: Man lacht über ihren Habitus und ihre Sprache, ohne zu begreifen, dass diese Akzidenzien Garanten ihres Erfolges sind; man diskreditiert sie als dumpfe Einfaltspinsel, ohne zu verstehen, dass diese Diskreditierung für viele der eigentliche Grund ist, eine Protestpartei zu wählen. Wer sich zum schlechten Geschmack bekennt, in anstössiger Sprache spricht, verwandelt das Stigma in eine Auszeichnung. Wozu soll man sich noch schämen, wenn man von den feinen Leuten ohnehin verachtet wird?"

BABAROWSKI trifft in einem Punkt sehr genau ins Schwarze:

"Wer den Konsequenzen von Entscheidungen nicht ausweichen kann, wird dem Wandel der Verhältnisse anders begegnen als Menschen, die jederzeit das Weite suchen können. Wer keine Wahl hat, wird zu einer Schachfigur, die nach Belieben hin und her geschoben werden kann. Wandel, der nur noch als Diktat erlebt wird, erzeugt Ohnmacht und Wut, im besten Fall Resignation. Das ist die Welt, in der wir leben."

Auf der einen Seite stehen die kosmopolitischen Akademikermilieus, die von den globalen Märkten profitieren, auf der anderen Seite stehen dagegen die lokal gebundenen Arbeitnehmer, die die neoliberale Politik knechtet, indem sie ihnen faire Löhne, eine gerechte Besteuerung und einen Sozialstaat, der ihnen die Würde lässt, verweigert. Die FLORIDArisierung der Stadtpolitik zielte genauso wie der binnennationale Standortwettbewerb auf die Akademiker, während die Probleme der Nicht-Akademiker ignoriert wurden. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme verschärfte dies noch zusätzlich, indem Städter und Bewohner ländlicher Räume genauso wie Junge gegen Alte ausgespielt wurden. 

 
       
   

WAIBEL, Ambros (2017): "Ich hätte ihn damals nicht gemocht".
Subkultur: Heute vor dreißig Jahren kam der Schriftsteller Jörg Fauser ums Leben. Sein Schlüsselroman "Rohstoff" wird nächstes Jahr verfilmt. Ein Gespräch mit dem Drehbuchautor Stefan Weigl,
in:
TAZ v. 17.07.

"Fauser beschreibt, wie sich Subkulturleute als Geschäftemacher darstellen. Diese Dialektik der Subkultur kannte ich nur von den Amis, heute als »kalifornische Ideologie« bezeichnet. Wo Politik und Kultur schon ein Teil von Marketing sind, ohne dass man das zu dieser Zeit schon auseinanderdividieren kann, in der Hausbesetzerszene, in den alternativen Nachtclubs. Das hat mir unheimlich gut gefallen",

beschreibt der Drehbuchautor Stefan WEIGL sein Interesse am Roman "Rohstoff" von Jörg FAUSER. Spätestens seit dem Roman Das Geschäftsjahr 1968/69 von Bernd CAILLOUX ist dieses Sujet in Deutschland populär geworden. In den USA wurde der Zusammenhang zwischen der Gegenkultur und der Geschäftskultur bereits 1997 von Thomas FRANK in dem Buch The Conquest of Cool aufgegriffen. Auf die Rolle der Hausbesetzungen für die Entstehung eines neuen linken Mittelstands wurde auf dieser Website bereits 2003 in dem Beitrag über die Rückkehr der Klassengesellschaft hingewiesen.

 
       
   

SCHMIEDER, Jürgen (2017): Hass für Millionen.
Der Straßenkünstler Sabo diffamiert Muslime, Schwarze und Schwule. Warum sollte man ihn treffen? Weil seine Werke ein Licht darauf werfen, was Amerika noch bevorstehen könnte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.07.

Die Berichterstattung über die USA in den Mainstreammedien ist blamabel. Es herrscht das Motto, dass mit dem Aufbau von dummen Feindbildern die bisherigen Eliten einfach so weiter machen könnten wie bisher. Selbstkritik? Nirgendwo in Sicht! Diese Art von Verachtung gegenüber den Menschen, die vom herrschenden Finanzkapitalismus nicht profitieren, wird die Gräben nur noch weiter vertiefen.  

 
       
   

16.07.2017

 
       
   

Wie wir von der FAS verdummt werden, indem Statistiken falsch zitiert werden

OBERHUBER, Nadine (2017): Kinder, geht's uns gut!
Deutschlands Rentner leben lange, haben viel Freizeit und jede Menge Geld. Es geht ihnen besser als allen Generationen vor ihnen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.07.

Wie Altersarmut wegdefiniert wird, das zeigt Nadine OBERHUBER in der Zeitung für die obere Mittelschicht:

"Die Rentner von heute haben ein langes Leben, viel zu tun und jede Menge Geld. Ruhestand rockt. (...).
Hierzulande sind inzwischen 17 Millionen Köpfe grau und weiß, das ist jeder fünfte Deutsche und fünf Millionen Bundesbürger mehr als noch 1990. Im Jahr 2030 wird mehr als jeder Vierte älter als 65 sein, also 22 Millionen."

Gemäß Rentenversicherungsbericht 2016 gab es am 1. Juli 2015 ca. 20,8 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland. Das sind rund 3,8 Millionen mehr als OBERHUBER auflistet. Die Differenz erklärt sich dadurch, dass nicht jeder bis zum 65. Lebensjahr arbeiten kann oder will. Gerade jene, die vor dem 65. Lebensjahr eine Erwerbsminderungsrente beziehen müssen oder als Hartz-IV-Empfänger zwangsweise früher verrentet werden, sind jedoch häufig von Altersarmut betroffen. Die geschickte Wegdefinition dieser altersarmen Rentner durch die Fokussierung der Betrachtung auf die 65-Jährigen und Älteren hat in den Mainstreammedien Methode.

Die Vermögensauflistung hat eine gravierende Lücke, denn die Pflegekosten werden nicht berücksichtigt, sodass das Nettovermögen schöngefärbt ist. Bei den Alterseinkommen greift OBERHUBER auf den Aufsatz Entwicklung der Lebensverhältnisse im Alter von Susanna KOCHSKÄMPER & Judith NIEHUES zurück.

Das hohe Altersarmutsrisiko der Frauen wird geleugnet, indem unterstellt wird, dass sie alle einen Ehemann hätten:

"Sie leben (...) mehrheitlich in Haushalten, in denen bereits der Hauptverdiener auf eine anständige Rente von mehr als 1500 Euro kommt. Sie bessern also selbst mit ihren Minirenten erheblich das Gesamteinkommen von Doppelrentnerpaaren auf. Zumal die Älteren ja auch noch mehrheitlich verheiratet sind und bis ins hohe Alter zusammenleben - mehr als in deren Elterngeneration jedenfalls, in der es viele alleinlebende Kriegerwitwen gab."

Das aber ist sehr absonderlich, denn gemäß KOCHSKÄMPER & NIEHUES gehören die 65- bis 74-Jährigen, die als besonders vermögend hervorgehoben werden zu den Geburtsjahrgängen 1920 bis 1930. Diese Jahrgänge gehören jedoch zu jenen Geburtsjahrgängen mit einem Frauenüberschuss, darunter auch Kriegerwitwen wie man in einer der wenigen wissenschaftlichen Studie Das Geschick der zwei Millionen von Regina BOHNE über die alleinlebende Frau nachlesen kann.

Diese Verwirrung mag daran liegen, dass OBERHUBER nur jene Passagen aus der Untersuchung herauspickt, die ihr genehm sind und damit verschwiegen wird, dass nicht immer die heutigen Rentner gemeint sind, wie das OBERHUBER in ihrem Artikel suggeriert:

"Denn in einer Hinsicht hat die Generation 65 plus über die Jahre die Jüngeren sogar abgehängt: Ihr Haushalts-Gesamteinkommen ist seit 1991 real um 52 Prozent gestiegen, schlüsselt das IW auf, während die Realeinkommen der unter 45-Jährigen nur um 20 bis 31 Prozent zugelegt hat."

In Wirklichkeit heißt es bei KOCHSKÄMPER & NIEHUES:

"In Westdeutschland zeigen sich seit Mitte der 1980er Jahre ähnliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Der durchschnittliche Zuwachs in der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen lag bei insgesamt 52 Prozent, bei den ab 75-Jährigen bei 46 Prozent, bei den unter 45-Jährigen lagen die Zuwächse hingegen zwischen 21 und 31 Prozent. Zur Einordnung der Ergebnisse ist es hilfreich, sich den Zeitraum der jeweiligen Erwerbsphase einer Alterskohorte zu vergegenwärtigen. Die Gruppe der 65- bis 74-Jährigen im Jahr 1995 ist im Zeitraum 1920 bis 1930 geboren und ist somit die erste Kohorte, die ihre Erwerbsphase zu großen Teilen vollständig in der Nachkriegsphase verbracht hat." (2017, S.120)

Die Rentnergruppe mit der höchsten Realeinkommenssteigerungen sind also nicht die Rentner, die gegenwärtig in Rente gegangen sind, sondern jene, die im Jahr 1995 65-bis 74 Jahre alt waren.

OBERHUBER zitiert die Zahlen falsch. Zwischen 1991 und 2014 haben sich stattdessen die Realeinkommen der 65- bis 74-Jährigen lediglich um rund 24 % erhöht, wie einer Grafik auf der gleichen Seite zu entnehmen ist. Die wohlhabenden Rentner sind heute also in Wirklichkeit bereits 85 Jahre und älter, also hochbetagt und damit öfters ein Pflegefall - und auch nicht mehr so wohlhabend wie sie beim Renteneintritt waren.

Wenn man also diese Falschdarstellung berücksichtigt, dann wird deutlich, dass sich die Alterseinkünfte ganz anders darstellen. Wie aber sieht es nun mit den Haushaltstrukturen und den alleinlebenden Frauen aus? Dazu schreiben KOCHSKÄMPER & NIEHUES:

"Demnach lebten im Jahr 2015 weniger 65-Jährige und Ältere in Singlehaushalten als noch Mitte der 1980er oder 1990er Jahre. Darüber hinaus ist der Anteil der ab 75-Jährigen, der in einem Paarhaushalt lebt, deutlich gestiegen. Lebten bis 1995 noch weniger als 30 Prozent der ab 75-Jährigen in einem Paarhaushalt, war es im Jahr 2015 beinahe die Hälfte der mindestens 75-Jährigen. Die zunehmende Tendenz zum Zusammenleben im Alter – entgegen des umgekehrten Trends in der Gesamtbevölkerung – dürfte somit einen relativierenden Einfluss auf das Armutsrisiko im Alter gehabt haben. Bis Mitte der 1990er Jahre dürften die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch zu einem überdurchschnittlichen Anteil besonders an alleinlebenden Frauen im Alter geführt haben, ein Sondereffekt, der in der Folge zunehmend ausläuft (Statistisches Bundesamt, 2015, 6 f.). Darüber hinaus könnte eine weitere Erklärung hierfür sein, dass Alleinlebende im Alter überdurchschnittlich oft in Einrichtungen leben, die im SOEP nicht abgebildet werden. Nimmt man allerdings den Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren (ab 75 Jahren) an der Gesamtbevölkerung im jeweiligen Alter, dann befinden sich im Jahr 2015 nur 2,6 Prozent (4,3 Prozent) der Männer in vollstationärer Pflege und leben somit in Einrichtungen, die im SOEP nicht erfasst sind. Bei den Frauen beträgt der Anteil 5,6 Prozent (9,4 Prozent). Einen weiteren Einfluss auf die Haushaltszusammensetzung kann der Altersunterschied zwischen den Ehepartnern haben, weil damit die Wahrscheinlichkeit variiert, im Alter für einen längeren oder kürzeren Zeitraum als hinterbliebener Single zu leben. Zuletzt könnten veränderte gesellschaftliche Strukturen eine Rolle spielen, die dazu führen, dass Personen sich im Alter in neuen Paarstrukturen zusammenfinden." (2017, S.128f.)

Die Daten des SOEP blenden also genauso wie die Altersgruppenbildung das Altersarmutsrisiko aus, das dadurch entsteht,

"dass Frauen ab 65 Jahren aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung mehr als doppelt so häufig allein leben wie gleichaltrige Männer. Auf Basis des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zeigt sich ein stärkerer Anstieg der Alleinlebendenquote älterer Frauen gegenüber Männern in den letzten Jahren (Statistisches Bundesamt, 2015, 5 ff.)."

Gemäß einer EUROSTAT Pressemeldung aus dem Jahr 2016 waren bei den 80-Jährigen und älteren in Deutschland 65,1 % Frauen und nur 34,9 % Männer.

Fazit: In keiner Weise wird OBERHUBER dem Phänomen Altersarmut gerecht. Neben der Falschdarstellung der IW Köln-Studie wird sowohl die Altersarmut durch Hartz IV und Krankheit vor dem 65. Lebensjahr als auch das Altersarmutsrisiko von Frauen über 75 Jahren verharmlost - ganz zu schweigen davon, dass die Problematik in Ostdeutschland noch nicht einmal erwähnt wird. Stattdessen verwechselt OBERHUBER ihren wohlsituierten Bekanntenkreis mit den gesamtgesellschaftlichen Zuständen.

 
       
   

SCHERFF, Dyrk (2017): Wer hilft der Mittelschicht?
SPD und CDU wollen Mittelschicht und Familien entlasten. Das klingt besser, als es ist,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.07.

Dyrk SCHERFF verdummt uns mit Berechnungen der Arbeitgeberlobbyorganisation IW Köln. Dabei wird nicht zwischen zu versteuerndem Einkommen und dem Bruttojahresverdienst unterschieden wie das für seriöse Berechnungen der Fall sein müsste. Dennoch wird deutlich, dass Schlechterverdiener deutlich weniger von den Steuerentlastungen profitieren würden als die Besser- und Spitzenverdiener.

 
       
   

ENCKE, Julia (2017): Man muss modern sein!
Theresia Enzensbergers Debütroman "Blaupause" erzählt von einer Frau am Bauhaus der zwanziger Jahre - und trifft und meint doch unsere Gegenwart,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.07.

 
       
   

MÜLLER, Rainer (2017): Zwischen Mittelalter und Moderne.
Die Hansestadt Lüneburg gilt als beschauliche Alternative zu Hamburg - viel günstiger lebt man dort nicht mehr,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.07.

 
       
 

[ zum Seitenanfang ]

Zu den News vom 12. - 15. Juli 2017
 

   
  • Rezensionen zum Single-Dasein finden sie hier

 
 
   

Bitte beachten Sie:
single-dasein.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
 
  [ Homepage ]
 
   
© 2000-2017
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 13. August 2017