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News vom 21. - 31. März 2011

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Das Leitbild des pädagogischen Früh-Förderstaates: Ressourcentheoretische Perspektive und Umsetzungsgefahren im konservativen Wohlfahrtsstaat à la Deutschland

"Betrachtet man das Leitbild des pädagogischen Früh-Förderstaates aus einer ressourcentheoretischen Perspektive, so haben Kindertagesstätten dort eine mehrfache Funktion: Einerseits vermitteln Sie den Kindern Bildung und Fähigkeiten. Dabei ist die Qualität der Betreuungsangebote von entscheidender Bedeutung (...). Des Weiteren stellen sie Einrichtungen dar, die den Eltern die Ressource Zeit zur Verfügung stellen. Diese Zur-Verfügung-Stellung von Ressourcen interagiert allerdings auch mit den ökonomischen Ressourcen: Esping-Andersen weist darauf hin, das gerade der egalisierende Effekt nur dann erreicht werden kann, wenn die Betreuungs- und Bildungsangebote möglichst viele und insbesondere auch Kinder aus »bildungsfernen« Familien erreichen (...). Andernfalls wären sie nur ein neuer Mechanismus der Stratifikation. (...). Kaum diskutiert werden in der Öffentlichkeit bisher die Auswirkungen des Besuchs von Kindertagesstätten auf die Gesundheit (...).
            Soweit es zu einer Umsetzung des Leitbildes des pädagogischen Früh-Förderstaates kommt, ist allerdings zu erwarten, dass die konkrete Ausgestaltung je nach Wohlfahrtsregime divergiert: (...). (Im konservativen Wohlfahrtsstaat) könnte man auf die Idee kommen, dass nach der Welt der Arbeit und der Schule nun die Welt der Frühpädagogik als neue Sphäre der Stratifikation entdeckt wird. In der Schule wird Stratifikation durch einen Glauben an genetische Begabung, also durch Naturalisierung, legitimiert - und zugleich produziert. Ein Transfer dieser stratifizierenden Mechanismen könnte darin bestehen, die Dreigliedrigkeit der Sekundarstufe auf Kindergarten, Vorschule und Grundschule auszudehnen."
(aus: Alban Knecht "Lebensqualität produzieren" 2010, S.277ff.)

 
 
       
   

WANZECK, Markus (2011): Revolte der Rentnerinnen.
Tausende Hausfrauen, die in der DDR von ihren Männern geschieden wurden, leben heute in Altersarmut,
in: Die ZEIT Nr.14 v. 31.03.

 
   

Richard Kämmerlings - Das kurze Glück der Gegenwart

BUCHELI, Roman (2011): Mehr Umwege, mehr Parallelwelten!
Warum die Literatur zuerst an das andere Ende der Welt gehen muss, ehe sie die Wirklichkeit darzustellen vermag,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 31.03.

 
   

SCHOETTLI, Urs (2011): Auch die Toten gehören zur Gemeinschaft.
Vom Umgang mit der Vergänglichkeit in Japan,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 30.03.

 
   

SCHRÖDER, Christian (2011): "Es gibt keine German Angst mehr".
Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist nichts mehr wie vorher. Der Soziologe Heinz Bude über die neue Mitte, den Sieg der Grünen und die Prinzipien der CDU,
in: Tagesspiegel v. 29.03.

 
   

KÄMMERLINGS, Richard (2011): Die grün-alternative List.
Stromausfall im Biomarkt: Trotz Erderwärmung und Restrisiko will das Smartphone auch morgen geladen werden,
in: Welt v. 29.03.

 
   

LAUDENBACH, Peter (2011): Vom Nutzen der Katastrophe.
Krisen managen: Der Soziologe Gerhard Schulze plädiert für gesunde Skepsis statt Alarmismus,
in: Tagesspiegel v. 28.03.

 
   

REIMANN, Katja (2011): Die Pflege der Anderen.
Wie zigtausende polnische Frauen versorgt Paula in Deutschland die Eltern fremder Leute – und was macht ihre eigene Familie?
in: Tagesspiegel v. 27.03.

 
   

STEINBUCH, Anja (2011): Job-Nomaden aus Überzeugung.
Viel Freiraum und kaum Langeweile: Für Akademiker kann Leiharbeit eine spannende Sache sein
in: Tagesspiegel v. 2703.

 
   

BARTELS, Gerrit (2011): Das letzte Tabu.
Der nächste Bestseller von Charlotte Roche: "Schoßgebete"?
in: Tagesspiegel v. 27.03.

Bereits 1999 fasste Benjamin von STUCKRAD-BARRE Heiraten als Rebellion gegen die Rebellion auf. Das geschah vor dem Hintergrund der Individualisierungsprosa der Popsoziologie. Ein Jahrzehnt später proklamierte sein Generationsgenosse Sven HILLENKAMP das Ende der Liebe, um gleichzeitig das Zurück zur Vernunftehe als Rebellion gegen den Verfall zu fordern. In den nuller Jahren wird der Spießer zum neuen Hipster. Wenn jetzt Charlotte ROCHE die Frage danach stellt, wie heutzutage die lebenslange Ehe in der Praxis lebbar ist, dann ist das nicht das letzte Tabu, sondern der im Sachbuchbereich bereits vorgezeigte Weg im Zeitalter des Postfeminismus, den die Individualisierungsprosa der letzten beiden Jahrzehnte bahnte. Der zwei Jahrzehnte sich entwickelnde neue Familialismus ist die Kehrseite von zwei Jahrzehnten Single-Rhetorik, wie auf dieser Website seit einem Jahrzehnt nachgewiesen wird. Entgegen allem Verfallsgezetter in den Medien: Nie hatten Ehe (nur in Westdeutschland) und Familie einen höheren Stellenwert als heutzutage, wenngleich die katholische Statistik, mit ihrer Unfähigkeit die neue Lebenswirklichkeit einzufangen, weiterhin den Blick verstellt. Aber auch hier ist die Wende eingeleitet: lediglich die Politik sperrt sich noch vehement gegen eine Erfassung aller  haushaltsübergreifenden Lebensformen. Daran wird auch die Volkszählung 2011 leider nichts ändern. Das ist das wirkliche Tabu.
 
   

Der Schriftsteller Peter Glaser zur nuklearen Katastrophe in Japan

GLASER, Peter (2011): Stabilere Helden.
Japanische Roboter musizieren und treiben Sport. Warum schickt man sie nicht nach Fukushima?
in: Berliner Zeitung v. 26.03.

 
   

BENDER, Jesko (2011): Warum sind Gefühle nicht das Wahre, Herr Peltzer?
Die Schokoladenplätzchen auf dem Tisch des tristen Universitätsbüros, in dem wir uns treffen, rührt Ulrich Peltzer nicht an. Der Romanautor ist auch nicht zum Kaffeekränzchen gekommen, sondern um über die Veränderung der Verhältnisse durch Literatur zu sprechen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.03.

 
   

TAN, Daniela (2011): Nach der Apokalypse.
Gross ist in Japan das Mitleiden mit den Opfern, und erst nach und nach erwachen die Menschen aus ihrer Schockstarre,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 26.03.

 
   

Sven Regener  - Meine Jahre mit Hamburg-Heiner

SCHACHINGER, Christian (2011): "Es geht nur noch mit Alarm".
Im Gespräch: Der Berliner Autor und Musiker Sven Regener, ("Herr Lehmann") veröffentlicht seine Blogs in Buchform: "Meine Jahre mit Hamburg-Heiner",
in: Der Standard v. 26.03.

 
   

Die Schriftsteller Ralf Bönt und T. C Boyle zur nuklearen Katastrophe in Japan

BÖNT, Ralf (2011): Wer ist schon gerne Atomkraftgegner?
In den Debatten wurde das ganze Denken der an der Rettung der Kernenergie Interessierten erkennbar: Über einige Begleiterscheinungen der Katastrophe wie Angstlust, Fühllosigkeit und Techniken der Selbsttäuschung,
in: Frankfurter Rundschau v. 25.03.

SCHOLZ, Martin (2011): "Bis uns die Dinger um die Ohren fliegen".
Der US-Schriftsteller T.C. Boyle spricht über seine Sorgen als Nachbar eines Atomkraftwerks im erdbebengefährdeten Kalifornien,
in: Berliner Zeitung v. 25.03.

 
   
ZEITmagazin-Titelgeschichte: Warum wart ihr euch so sicher?

BURGER, Jörg/RAETHER, Elisabeth/STOLZ, Matthias (2011): Generation Fukushima.
Sie sind 11 bis 13 Jahre alt und erschüttert von den Bildern aus Japan. Es ist ihre erste Begegnung mit Politik. Das wird sie prägen.,
in: ZEITmagazin Nr.13 v. 24.03.

 
   

MAIER, Andreas (2011): Natur war gestern.
Wo stehen wir? Als wir Kinder waren, war die Welt, was sie war. Das ist vorbei. Gedanken am Rande der japanischen Katastrophe,
in:
Die ZEIT Nr.13 v. 24.03.

 
   

SENNETT, Richard (2011): Schlauer, als der Chef erlaubt.
Die Mächtigen sind selten die Klügsten: Trotz moderner Kommunikationsmittel wird wertvolles Wissen häufig vergeudet,
in:
Die ZEIT Nr.13 v. 24.03.

 
   

Colson Whitehead - Der letzte Sommer auf Long Island

CORDSEN, Knut (2011): Eine ironisch-melancholische Erinnerung,
in: DeutschlandRadio v. 23.03.

 
   

Peter Handke - Der Große Fall

BÖTTIGER, Helmut (2011): Zeitlose Erkundung des Inneren,
in: DeutschlandRadio v. 23.03.

 
   

ALBER, Jens (2011): Doppelstandards der Gleichstellung.
Wenn es um Gleichberechtigung geht, wird weiterhin oft mit zweierlei Maß gemessen. Aber wenn eine soziale Bewegung erst einmal unterwegs ist, kennt sie oft keine Logik mehr. Einige Beispiele aus der Geschlechterdebatte,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.03.

 
   

STEINFELD, Thomas (2011): Die Legende vom großen Draußen.
Was tut die Kritik, wenn sie keine Kritik mehr sein will? Sie erzählt vom wilden, echten, wahren Leben,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.03.

Image-Designer Thomas STEINFELD ist schwer beleidigt. Ganze  zwei Zeitungsspalten müllt er mit seinem Gesülze über das wahre Leben - sozusagen sein Vorgarten - voll. Georg DIEZ hatte zuvor  am Beispiel von Richard KÄMMERLINGS Literaturgeschichte Das kurze Glück der Gegenwart den akademischen, also weltfremden, Literaturbetrieb verspottet. Nun echauffiert sich der Feuilletonchef über Krebsliteratur und meint eigentlich das Buch Der Tod meiner Mutter von Georg DIEZ, zieht über den Hipster und Empathiker her: Ironie dieser Geschichte ist, dass KÄMMERLINGS, den er gegen DIEZ verteidigen muss, zu den Empathikern zählt. Aber als Wutfeuilletonist kennt STEINFELD weder Freund noch Feind, sondern verheddert sich in seinem Rundumschlag, der mit dem Satz endet: "Das Leben ist ein Glaube für Spießer". Das war zum Schluss dann noch ein  Eigentor, denn das SZ-Feuilleton hat an vorderster Front den Spießer salonfähig gemacht. Was Thomas STEINFELD für das wahre Leben hält, das lässt sich an seinen Lobeshymnen auf Michel HOUELLEBECQ ablesen.
            
Angesichts der Normalität der Katastrophe in Japan, fragt man sich allerdings, ob unsere Edelfedern keine anderen Probleme haben.
 
   

SCHMITT, Uwe (2011): Mit erschöpftem Stolz.
Kenzaburo Oe hat sein Vertrauen verloren, Ryo Murakami kann wieder hoffen: Wie Japans Schriftsteller auf die nicht enden wollende Katastrophe reagieren,
in: Welt v. 23.03.

 
   

DOWIDEIT, Anette & Ileana GRABITZ (2011): Baby oder an die Bar?
Gibt es die "gläserne Decke" für Frauen in Führungspositionen wirklich? Eine Managerin sagt: eindeutig Ja,
in: Welt v. 21.03.

 
   
Aus Politik und Zeitgeschichte-Thema: Ökonomische Bildung

SCHLÖSSER, Hans Jürgen/NEUBAUER, Maria/TZANOVA, Polia (2011): Finanzielle Bildung,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.12 v. 21.03.

Die Agenda-Politik hat den Alltag verändert. Nicht nur die Altersvorsorge ist im Zeichen des Paradigmenwechsels vom "fürsorglichen" zum "gewährleistenden Staat" immer weniger eine Sache des Staates und immer mehr Sache jeden einzelnen Bürgers. Davon profitiert nicht nur die Finanzdienstleistungsbranche, sondern auch die junge Generation durch neue Karrieremöglichkeiten:

"Das Spektrum neuer Möglichkeiten vorgeblich souveräner Konsumenten reicht von der Wahl einer leistungsfähigen Krankenversicherung über die richtige Höhe der privaten Altersvorsorge und günstigste Telefonanbieter bis hin zu Finanzdienstleistungen und Angeboten zur Geldverwaltung. Hier öffnen sich unter anderem neue und aussichtsreiche Märkte für das Versicherungs- und Bankwesen. (...). Alles in allem charakterisiert den Gewährleistungsstaat wesentlich, dass er den Beratungsbedarf in Fragen der Gesundheit, der Familie und der »richtigen«, das heißt selbstbeherrschten und eigenverantwortlichen, Lebensführung erhöht. Hierzu zählt auch die Sparte der neuen Haushaltsökonomie, die sich als Schul- und Studienfach die »finanzielle Allgemeinbildung« auf ihre Fahnen geschrieben hat. (...).". (Berthold VOGEL "Wohlstandskonflikte", 2009)

Der Paradigmenwechsel hat auf Konsumentenseite Defizite aufgetan, die es vorher in dieser Weise gar nicht gab. Beat WEBER spricht in diesem Zusammenhang von Finanzialisierung.

"Finanzbildungsoffensiven, die mit der Abgrenzung gegenüber »finanziellen Analphabeten« werben, (können) als distinktionsorientierter Diskurs begriffen werden, der in Deutschland im Kontext eines Kulturkampfs neuer Bürgerlichkeit zu verorten ist (...).
            Initiativen zur Hebung der Finanzbildung transportieren ein Leitbild, das mit dem Begriff Finanzbildungsbürgertum charakterisiert werden kann. Dieser bezeichnet eine neuartige Aufladung des Bildungsbürgertums und seiner sozialen Mechanismen unter Bedingungen der Finanzialisierung.
            (...).
Die vom Leitbild Finanzbildungsbürgertum geprägte Kultivierung der Eigenverantwortung und persönlichen Kompetenz trägt zu einer gesellschaftlichen Ordnungsvorstellung bei, in der gesellschaftliche Verantwortung und Lastenteilung für Risikovorsorge delegitimiert wird." (Prokla, Nr.3, 2010, S.388f.)

Das Themenheft Ökonomische Bildung gibt Einblicke in den aktuellen Stand zum Thema Finanzialisierung.  

 
       
 

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Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Stand: 01. April 2011