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Karl Otto Hondrich: Der Neue Mensch aus der Perspektive der Skeptischen Generation

 
       
   
  • Kurzbiographie:

    • 1937 in Andernach geboren
    • Studium der Volkswirtschaftslehre, politische Wissenschaft und Soziologie
    • Professor für Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
    • 2001 Buch "Der Neue Mensch"
 
       
     
       
   

Karl Otto Hondrich in seiner eigenen Schreibe

 
   
  • HONDRICH, Karl Otto (2000): Von Generation zu Generation wird die Liebe weniger.
    Die Gesellschaft hat Angst vor Unfruchtbarkeit und Kinderarmut, aber traut sich nicht, darüber zu reden. Stattdessen lenkt sie ihre Ängste auf die Homosexuellen-Ehe,
    in: Tagesspiegel v. 02.09.
    • Kommentar:
      Der Soziologe HONDRICH unternimmt eine Interessenanalyse, deren Fazit heißt: "im Verteilungskampf sind die Kinderarmen längst auf dem Weg zur numerischen und moralischen Mehrheit der Modernisierungsgewinner".
            
      Mit einem Taschenspielertrick macht HONDRICH aus einer Minderheit eine Mehrheit, indem er die Interessengleichheit verschiedener Gruppen wie Homosexuellen, Singles, unverheirateten Paaren und verheirateten kinderlosen Doppelverdienern unterstellt. Er fasst diese unter dem Begriff "Kinderarme" zusammen, ohne diesen Begriff zu definieren.
            
      Bevölkerungspolitisch ist eine Kinderzahl von 2,3 pro Paar notwendig, um die Reproduktion zu sichern, d.h. die sog. Normalfamilie (Eltern mit zwei Kindern) muss bevölkerungspolitisch zu den Kinderarmen gezählt werden.
            
      Die Begriffe "Singles" und "unverheiratete Paare" sagen darüber, ob es sich um Eltern handelt, erst einmal gar nichts aus. Singles - ob als Alleinlebende oder Alleinstehende - können genauso Eltern sein wie unverheiratete Paare. Zahlen muss HONDRICH schuldig bleiben, weil die Statistik in dieser Hinsicht grosse Lücken aufweist.
            
      Singles sind im Gegensatz zu HONDRICHs Interessenanalyse nicht konfliktfähig. Es gibt weder eine soziale Bewegung der "Kinderarmen" (nicht einmal der Kinderlosen), noch einen einheitlichen Verband, der "Kinderarme" politisch vertreten würde. Singles sind eine heterogene Gruppe. Ältere Witwen, die mehr als zwei Kinder aufgezogen haben, bevor sie nun als Alleinlebende ihren Lebensabend verbringen und junge Ledige, die kinderlos sind, aber irgendwann Kinder wollen, sind im statistischen Sinne Singles. Sie passen jedoch nicht so recht in das Bild von HONDRICH, der sich lieber den Medienstar "alleinlebender Yuppie" zu eigen macht - eine statistisch gesehen unbedeutende Gruppe.
  • HONDRICH, Karl Otto (2001): Ausblick auf das 21. Jahrhundert.
    in:
    Neue Zürcher Zeitung v. 20.01.
  • HONDRICH, Karl Otto (2001): Eine globale Wirtschaft braucht eine kulturelle Basis.
    Sozialpolitische Herausforderungen in den alten Industrieländern,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.06.
    • Kommentar:
      "Nicht die grosse Zahl der Arbeitenden und des Arbeitsnachwuchses, sondern ihre Produktivität und Solidarität mit der nicht arbeitenden Bevölkerung sind die beiden Pfeiler, auf denen der Sozialstaat materiell ruht", heisst das Credo des Frankfurter Soziologen. In Gefahr sieht er die Solidarität, einerseits durch Private Versicherungen und andererseits durch die Grundrente.
            Wie lange müssen wir auf den «Krieg der Generationen» warten? "Die Antwort lautet: unendlich lange. Zumindest so lange, wie die Wirtschaft produktiv ist, die politischen Institutionen zur Regelung von Verteilungskonflikten funktionieren und die Generationen durch persönliche Zuneigung, durch die Liebe zwischen Eltern und Kindern, einander verbunden sind.
      Destabilisierung droht dem Gesamtsystem vielmehr aus einer ganz anderen Richtung, nämlich aus dem Zusammenhang zwischen steigender Produktivität und sinkender Reproduktivität (...). Die Befürchtung, dass dadurch die Wirtschaftskraft mangels Arbeitskräften und die sozialen Sicherungssysteme mangels Beitragszahlern erlahmen würden, ist aber unbegründet: Produktivitätssteigerungen ersetzen die fehlenden Arbeitskräfte, sie stellen sozusagen die künstliche Jugend der alten Gesellschaften dar."

            Es wäre nicht HONDRICH, wenn diese schizoide Argumentation (HONDRICH argumentiert mit makrosoziologischem Pessimismus gegen seinen mikrosoziologischen Optimismus) nicht am Schluss doch noch den Einsatz der Moralkeule erforderlich machen würde:
            "Zu den tiefsten moralischen Voraussetzungen aller Sozialität gehört das Gegenseitigkeitsprinzip «Wie du mir, so ich dir». Es gebietet uns, uns auch tätig zurückzuwenden zu den Eltern, um ihnen das zu vergelten, was sie für uns getan haben. Gerade in der Beziehung zu den eigenen Eltern kann aber Reziprozität nicht nur ein Zurückgeben sein. Denn das Wichtigste, was uns die Eltern gegeben haben, ist das Leben. Das Leben können wir den Eltern nicht zurückgeben. Wir können es nur weitergeben, indem wir selbst Eltern werden. Die fortgeschrittenen Industriegesellschaften, die von Generation zu Generation immer mehr Elternschaft und Jugend empfangen, als sie zurück- und weitergeben, geraten damit in ein Ungleichgewicht, das sie vielleicht in ihrem moralischen Innersten erschüttert."
            Der Krieg der Generationen, den HONDRICH oben noch abstreitet, kommt also durch die moralische Hintertür!
  • HONDRICH, Karl Otto (2001): Der Neue Mensch - und seine Grenzen,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.10.
    • Inhalt:
      In seinem Essay kritisiert der Soziologe HONDRICH die Vorstellungen vom individualisierten, flexiblen Menschen als neue Utopien, die alte Großutopien abgelöst hätten.
            Der Angriff auf Amerika zwingt dagegen zur "Besinnung auf seine eigene Kollektivität". SF-Phantasien der "Dritten Kultur" gehen noch weiter, wenn sie den Neuen Menschen als einen von Leib und Lebenszeit (Klone à la HOUELLEBECQ oder Cyborgs) befreiten Menschen denken.
            
      Für HONDRICH ist vollkommene Flexibilität weder willkommen, noch möglich. Auch ein "Ende der Arbeitsgesellschaft" vermag er nirgends zu erkennen. HONDRICH fordert eine Neuorientierung der Soziologie - weg von unwichtig gewordenen Fragen der Herrschaft oder Klasse - hin zur Erforschung der "Differenzen zwischen Kulturen", denn in "der globalen Welt, in der sie aufeinanderstoßen, gewinnen die Unterschiede zwischen Kulturen eine besondere Sprengkraft".
            Aber auch das ist nicht ausreichend, denn die übergreifende Gemeinsamkeit aller Menschen ist nicht in den Menschenrechten begründet, sondern in den sozialen Beziehungsgesetzen: "Das sind Prozesse und Gesetzmäßigkeiten des Zusammenlebens, denen sich niemand entziehen kann: Das Gesetz der Gegenseitigkeit ('Wie du mir, so ich dir'), das Gesetz der Präferenz für das Eigene, das Gesetzt der Unantastbarkeit des Heiligsten ('Tabu')...".
            HONDRICHs Ansatz versteht sich als eine Absage an die sich historisch verstehende Soziologie à la Ulrich BECK.
 
       
   

Der Neue Mensch (2001)
Frankfurt: Edition Suhrkamp

 
   
 
 

Klappentext

"Dieser Band beschäftigt sich mit den verschiedenen Visionen und Versionen des Neuen Menschen: dem individualisierten, dem kommunizierenden, dem genetisch verbesserten Menschen. Alle Essays haben gemeinsam, daß sie den sozialen Utopien und Atopien der letzten Jahre ihre Grenzen aufweisen. Karl Otto Hondrich zeigt, daß die sozialen Prozesse und Gesetzmäßigkeiten, die unweigerlich kultur- und fortschrittsunabhängig ablaufen, wo immer Menschen miteinander in Beziehung treten, letztlich alle Ideen eines grundsätzlich anderen Menschen oder anderen Lebens zunichte machen. Die Tatsache der Sozialität selbst, die Eigengesetzlichkeit der Gesellschaft ist mächtiger als alle Politik, Pädagogik, Technologie, ja sogar Genetik. Mit der Ausarbeitung dieser Grundthese, aus der alle Essays ihren Zusammenhang beziehen, erdet Hondrich die Zeitdiagnostik an der Zeitlosigkeit elementarer soziologischer Einsichten und gewinnt damit der Soziologie im öffentlichen Diskurs eine Relevanz zurück, deren Verlust sie sonst immer larmoyant beklagt."

 
 
       
   
  • Rezensionen:

  • Neu:
    GEYER, Christian (2001): Piff, paff - der neue Mensch.
    Karl Otto Hondrich sucht Josef Pieper,
    in:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.11.
 
   
  • Karl Otto Hondrich in der Debatte:

  • LAU, Mariam (2000): Auf der Suche nach dem Glück.
    Nie war sie so wertvoll wie heute, nie war sie so gefährdet wie heute: die Familie,
    in: Welt v. 16.09.
    • Inhalt:
      Mariam LAU setzt sich mit dem TAGESSPIEGEL-Artikel von Karl-Otto HONDRICH am 02.09. (siehe dort) auseinander. Sie widerspricht seiner kulturpessimistischen Sichtweise.
 
   
  • weitere Veröffentlichungen:

  • HONDRICH, Karld Otto (1997): Die Dialektik von Kollektivisierung und Individualisierung - am Beispiel der Paarbeziehung, in: Stefan Hradil (Hg.) Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28.Kongresses der DGS in Dresden 1996, Frankfurt, S.298-308
 
     
       
   
 
   

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© 2000-2001
Bernd Kittlaus
Bernds@single-dasein.de Erstellt: 25. November 2001
Update: 26. November 2001
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