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- HONDRICH,
Karl Otto (2000): Von Generation zu Generation
wird die Liebe weniger.
Die
Gesellschaft hat Angst vor Unfruchtbarkeit und
Kinderarmut, aber traut sich nicht, darüber zu
reden. Stattdessen lenkt sie ihre Ängste auf die
Homosexuellen-Ehe,
in: Tagesspiegel
v. 02.09.
- Kommentar:
Der Soziologe
HONDRICH unternimmt eine
Interessenanalyse, deren Fazit heißt:
"im Verteilungskampf sind die
Kinderarmen längst auf dem Weg zur
numerischen und moralischen Mehrheit der
Modernisierungsgewinner".
Mit einem
Taschenspielertrick macht HONDRICH aus
einer Minderheit eine Mehrheit, indem er
die Interessengleichheit verschiedener
Gruppen wie Homosexuellen, Singles,
unverheirateten Paaren und verheirateten
kinderlosen Doppelverdienern unterstellt.
Er fasst diese unter dem Begriff
"Kinderarme" zusammen, ohne
diesen Begriff zu definieren.
Bevölkerungspolitisch
ist eine Kinderzahl von 2,3 pro Paar
notwendig, um die Reproduktion zu
sichern, d.h. die sog. Normalfamilie
(Eltern mit zwei Kindern) muss
bevölkerungspolitisch zu den Kinderarmen
gezählt werden.
Die
Begriffe "Singles" und
"unverheiratete Paare" sagen
darüber, ob es sich um Eltern handelt,
erst einmal gar nichts aus. Singles - ob
als Alleinlebende oder Alleinstehende -
können genauso Eltern sein wie
unverheiratete Paare. Zahlen muss
HONDRICH schuldig bleiben, weil die
Statistik in dieser Hinsicht grosse
Lücken aufweist.
Singles
sind im Gegensatz zu HONDRICHs
Interessenanalyse nicht konfliktfähig.
Es gibt weder eine soziale Bewegung der
"Kinderarmen" (nicht einmal der
Kinderlosen), noch einen einheitlichen
Verband, der "Kinderarme"
politisch vertreten würde. Singles sind
eine heterogene Gruppe. Ältere Witwen,
die mehr als zwei Kinder aufgezogen
haben, bevor sie nun als Alleinlebende
ihren Lebensabend verbringen und junge
Ledige, die kinderlos sind, aber
irgendwann Kinder wollen, sind im
statistischen Sinne Singles. Sie passen
jedoch nicht so recht in das Bild von
HONDRICH, der sich lieber den Medienstar
"alleinlebender Yuppie" zu
eigen macht - eine statistisch gesehen
unbedeutende Gruppe.
- HONDRICH, Karl Otto
(2001): Ausblick auf das 21. Jahrhundert.
in: Neue Zürcher Zeitung
v. 20.01.
- HONDRICH,
Karl Otto (2001): Eine globale Wirtschaft braucht
eine kulturelle Basis.
Sozialpolitische
Herausforderungen in den alten Industrieländern,
in: Neue
Zürcher Zeitung v. 16.06.
- Kommentar:
"Nicht die
grosse Zahl der Arbeitenden und des
Arbeitsnachwuchses, sondern ihre
Produktivität und Solidarität mit der
nicht arbeitenden Bevölkerung sind die
beiden Pfeiler, auf denen der Sozialstaat
materiell ruht", heisst das Credo
des Frankfurter Soziologen. In Gefahr
sieht er die Solidarität, einerseits
durch Private Versicherungen und
andererseits durch die Grundrente.
Wie lange müssen
wir auf den «Krieg der Generationen»
warten? "Die Antwort lautet:
unendlich lange. Zumindest so lange, wie
die Wirtschaft produktiv ist, die
politischen Institutionen zur Regelung
von Verteilungskonflikten funktionieren
und die Generationen durch persönliche
Zuneigung, durch die Liebe zwischen
Eltern und Kindern, einander verbunden
sind.
Destabilisierung droht dem Gesamtsystem
vielmehr aus einer ganz anderen Richtung,
nämlich aus dem Zusammenhang zwischen
steigender Produktivität und sinkender
Reproduktivität (...). Die Befürchtung,
dass dadurch die Wirtschaftskraft mangels
Arbeitskräften und die sozialen
Sicherungssysteme mangels Beitragszahlern
erlahmen würden, ist aber unbegründet:
Produktivitätssteigerungen ersetzen die
fehlenden Arbeitskräfte, sie stellen
sozusagen die künstliche Jugend der
alten Gesellschaften dar."
Es wäre nicht
HONDRICH, wenn diese schizoide
Argumentation (HONDRICH argumentiert mit
makrosoziologischem Pessimismus gegen
seinen mikrosoziologischen Optimismus)
nicht am Schluss doch noch den Einsatz
der Moralkeule erforderlich machen
würde:
"Zu den
tiefsten moralischen Voraussetzungen
aller Sozialität gehört das
Gegenseitigkeitsprinzip «Wie du mir, so
ich dir». Es gebietet uns, uns auch
tätig zurückzuwenden zu den Eltern, um
ihnen das zu vergelten, was sie für uns
getan haben. Gerade in der Beziehung zu
den eigenen Eltern kann aber
Reziprozität nicht nur ein Zurückgeben
sein. Denn das Wichtigste, was uns die
Eltern gegeben haben, ist das Leben. Das
Leben können wir den Eltern nicht
zurückgeben. Wir können es nur
weitergeben, indem wir selbst Eltern
werden. Die fortgeschrittenen
Industriegesellschaften, die von
Generation zu Generation immer mehr
Elternschaft und Jugend empfangen, als
sie zurück- und weitergeben, geraten
damit in ein Ungleichgewicht, das sie
vielleicht in ihrem moralischen Innersten
erschüttert."
Der Krieg der
Generationen, den HONDRICH oben noch
abstreitet, kommt also durch die
moralische Hintertür!
- HONDRICH, Karl Otto
(2001): Der Neue Mensch - und seine Grenzen,
in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung v. 13.10.
- Inhalt:
In seinem Essay
kritisiert der Soziologe HONDRICH die
Vorstellungen vom individualisierten,
flexiblen Menschen als neue Utopien, die
alte Großutopien abgelöst hätten.
Der Angriff auf
Amerika zwingt dagegen zur
"Besinnung auf seine eigene
Kollektivität". SF-Phantasien der
"Dritten Kultur" gehen noch
weiter, wenn sie den Neuen Menschen als
einen von Leib und Lebenszeit (Klone à la
HOUELLEBECQ oder
Cyborgs) befreiten Menschen denken.
Für
HONDRICH ist vollkommene Flexibilität
weder willkommen, noch möglich. Auch ein
"Ende der Arbeitsgesellschaft"
vermag er nirgends zu erkennen. HONDRICH
fordert eine Neuorientierung der
Soziologie - weg von unwichtig gewordenen
Fragen der Herrschaft oder Klasse - hin
zur Erforschung der "Differenzen
zwischen Kulturen", denn in
"der globalen Welt, in der sie
aufeinanderstoßen, gewinnen die
Unterschiede zwischen Kulturen eine
besondere Sprengkraft".
Aber auch das ist
nicht ausreichend, denn die
übergreifende Gemeinsamkeit aller
Menschen ist nicht in den Menschenrechten
begründet, sondern in den sozialen
Beziehungsgesetzen: "Das sind
Prozesse und Gesetzmäßigkeiten des
Zusammenlebens, denen sich niemand
entziehen kann: Das Gesetz der
Gegenseitigkeit ('Wie du mir, so ich
dir'), das Gesetz der Präferenz für das
Eigene, das Gesetzt der Unantastbarkeit
des Heiligsten ('Tabu')...".
HONDRICHs Ansatz
versteht sich als eine Absage an die sich
historisch verstehende Soziologie à la
Ulrich BECK.
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Klappentext
"Dieser Band
beschäftigt sich mit den
verschiedenen Visionen und Versionen
des Neuen Menschen: dem
individualisierten, dem
kommunizierenden, dem genetisch
verbesserten Menschen. Alle Essays
haben gemeinsam, daß sie den
sozialen Utopien und Atopien der
letzten Jahre ihre Grenzen aufweisen.
Karl Otto Hondrich zeigt, daß die
sozialen Prozesse und
Gesetzmäßigkeiten, die unweigerlich
kultur- und fortschrittsunabhängig
ablaufen, wo immer Menschen
miteinander in Beziehung treten,
letztlich alle Ideen eines
grundsätzlich anderen Menschen oder
anderen Lebens zunichte machen. Die
Tatsache der Sozialität selbst, die
Eigengesetzlichkeit der Gesellschaft
ist mächtiger als alle Politik,
Pädagogik, Technologie, ja sogar
Genetik. Mit der Ausarbeitung dieser
Grundthese, aus der alle Essays ihren
Zusammenhang beziehen, erdet Hondrich
die Zeitdiagnostik an der
Zeitlosigkeit elementarer
soziologischer Einsichten und gewinnt
damit der Soziologie im öffentlichen
Diskurs eine Relevanz zurück, deren
Verlust sie sonst immer larmoyant
beklagt."
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