Ralf Dahrendorf in
Zitaten:
Die Hauptlinien der
neuen Konflikte
"Die globale Klasse sieht
sich mit zwei Hauptlinien des Konflikts
konfrontiert. Da ist einmal der sozusagen
klassische Konflikt, also der Kampf der neuen
Klasse mit ihrer historischen Vorgängerin.
Charles Leadbeater hat die Sprache geliefert,
die Tony Blair und andere seither aufgenommen
haben.
(...).
Die andere Hauptlinie des Konflikts ist die
schwierigere und beunruhigendere, die sich
aus der neuen Ungleichheit ergibt (...).
»Ungleichheit ist zu einem akuten,
chronischen und endemischen Merkmal moderner
Gesellschaften geworden.« Aber so wie
»Bildung, Bildung, Bildung« das Hormon zur
Stärkung der Macht der globalen Klasse ist,
ist »Arbeit, Arbeit, Arbeit« ihr Mittel
gegen die neue Ungleichheit, und es wird
nicht funktionieren. Jedenfalls wird es dann
nicht funktionieren, wenn wir jenen höchsten
Wert bewahren wollen, die Freiheit."
(Ralf Dahrendorf in Merkur
H.11/2000, S.1066f.)
Die neue Klasse der
Überflüssigen
"Die aufsteigende globale
Klasse (...) braucht nicht alle prinzipiell
verfügbare Arbeit. Sie braucht Computer,
aber nicht Arbeiter. (wenn ich ein Buch über
diese Klasse und die neuen Konflikte
schreibe, werde ich es Kapital ohne
Arbeit nenen.) Die Arbeit, die für
viele gefunden wird, hat daher etwas
Beliebiges, fast Überflüssiges."
(Ralf Dahrendorf in Merkur
H.11/2000, S.1065.)
Die Zivilgesellschaft
der Integrierten
"Freiwillige Tätigkeiten
werden von sozial Ausgeschlossenen nicht
ernst genommen. Im Gegenteil; wie wir gesehen
haben, sind es die gut Ausgebildeten und
Erfolgreichen, die aktiv am Leben der
Bürgergesellschaft teilnehmen."
(Ralf Dahrendorf in Merkur
H.11/2000, S.1065.)
Die Grenzen des
Kommunitarismus und Folgen
"Die globale Klasse will
(...) Gesellschaften haben, die
zusammenhalten. Der Kommunitarismus allein
wird das nicht erreichen und auch nicht die
Stärkung des freiwilligen Sektors von
Nicht-Regierungsorganisationen. Eben darum
ist Arbeit für alle so ein verzweifelt
wichtiges Thema geworden. Arbeit für alle
sit besonders nötig als Instrument der
sozialen Kontrolle. Was aber, wenn Menschen
die verfügbare Arbeit nicht wollen, weil sie
wohl wissen, daß sie nicht eigentlich
gebraucht werden? Dann muß man sie zur
Arbeit zwingen. Sozialleistungen müssen
gekürzt werden für alle, die nicht
arbeiten, auch wenn sie ledige Mütter mit
ganz kleinen Kindern sind. Sozialbetrug muß
schärfstens bekämpft werden, auch wenn
seine Ausmaße durchaus bescheiden bleiben.
(Ralf Dahrendorf in Merkur
H.11/2000, S.1066f.)
Entdemokratisierung und
neuer Autoritarismus
"Es gibt keinerlei
Beispiele für wirksame demokratische
Institutionen jenseits des Nationalstaates.
Doch operiert die globale Klasse eben dort,
also jenseits des Nationalstaates. Damit wird
die Demokratie zum Teil der »Kräfte des
Konservatismus«
(...).
An Stelle der Demokratie finden wir neue
Formen des Autoritarismus. Zum Teil sind
diese durchaus beabsichtigt. Menschen zur
Arbeit zu zwingen, auch wenn es durch
indirekte Mittel geschieht, ist eine
autoritäre Politik. (Das Recht auf Arbeit
ist ein Mißbrauch der Sprache, da es nicht
erzwingbar ist; das Recht, nicht zu arbeiten,
ist hingegen ein liberales Prinzip.)"
(Ralf Dahrendorf in Merkur
H.11/2000, S.1067)
Plädoyer für die
offene Gesellschaft
"es lässt sich wohl doch
darüber streiten, wie lobenswert es ist,
dass Singapur die einzige Regierung hat, die
arme Familien mit niedrigem Bildungsstand
dafür bezahlt, keine Kinder zu haben, und
umgekehrt gut verdienende Akademikerpaare
unter anderem durch Reisen auf
»Heiratsschiffen« zum Kinderkriegen
ermuntert.
Der Schluss aus solchen Erfahrungen ist
einfach, wenn auch nicht nur ermutigend. Die
gute Gesellschaft von oben - also die
gemachte und daher machbare gute Gesellschaft
- ist fast notwendig autoritär. Der
verordnete Einschluss aller macht
Andersdenkende zu Kriminellen und raubt den
vielen Mitmachern jene Chancen und Freuden,
die nur eine freie, offene Gesellschaft
vermitteln kann. Lebenswert sind
Gesellschaften nur, wenn ihre Qualität das
Werk ihrer Bürger ist (...).
Vielleicht ist es am Ende doch besser, die
Rede von der guten Gesellschaft aus unserem
Vokabular zu streichen. Offene Gesellschaft,
freie Gesellschaft - das sind ganz und gar
zureichende Ziele."
(Ralf Dahrendorf in der Zeit
Nr.41 vom 05.10.2000)