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- OBERNDÖFER,
Dieter (2002): Altersheim Deutschland.
Ein drastisches Plädoyer
für mehr Zuwanderung,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 19.01.
- Kommentar:
Der Freiburger
Politikwissenschaftler OBERNDÖRFER
kritisiert nicht die - keinesfalls
unumstrittene - Prognose von Herwig BIRG, sondern
forciert dessen Rhetorik
des Aussterbens noch,
indem er sogar Voraussagen bis zum Jahr
2075 vorträgt. Offenbar möchte er nur
BIRGs These, dass eine Trendwende beim
demografischen Wandel ohne Zuwanderung
möglich sei, widerlegen. Eine solche
Strategie ist um keinen Deut besser als
jene von BIRG, sondern geht auf Kosten
der Singles.
Singlefeindlichkeit statt
Fremdenfeindlichkeit, das darf nicht die
Alternative sein!
- Singlefeindlicher
Beitrag:
OBERNDÖRFER, Dieter (2002): Nur Zuwanderung
sichert den Wohlstand Deutschlands.
Dieter Oberndörfer über die
kollektive Verdrängungsmentalität der Politiker
und die verfehlte Ausländerpolitik,
in: Frankfurter
Rundschau v. 22.01.
- Kommentar:
Die FR dokumentiert
eine Erwiderung des emeritierten
Politikwissenschaftlers Dieter
OBERNDÖRFER, der erster Vorsitzender des
Deutschen Rats für Migration ist. Er
vernimmt in BIRGs Gutachten "die
Grundmelodie für den bevorstehenden
Wahlkampf".
OBERNDÖRFER
stimmt mit Herwig BIRG bezüglich
der Faktenlage zur demografischen
Entwicklung überein und kritisiert
deswegen nur dessen Kritik am
Zuwanderungsgesetz. Gemeinsam ist den
beiden Wissenschaftlern die Singlefeindlichkeit, die sich
aus dem Ziel einer "energischen
Familienpolitik" herleitet.
Frankreich hält auch OBERNDÖRFER für
das familienpolitische Musterland. Seine
Einschätzung des bevorstehenden
Verteilungskonfliktes liest sich
folgendermassen:
"Der
Aufbau einer wirklich wirksamen
Familienpolitik wäre überaus
kostspielig und wird daher ganz neue und
tief greifende wirtschaftliche
Umverteilungen notwendig machen. Er wird
in einer Gesellschaft der 'Singles', in
der Familien mit Kindern schon seit
längerem als politische Lobby eine
ungeliebte Minderheit geworden sind, nur
gegen hinhaltenden politischen Widerstand
durchsetzbar sein."
OBERNDÖRFER
setzt Familie mit der Haushaltsfamilie gleich,
d.h. Familienpolitik soll sich zukünftig
auf eine einzige Lebensphase im
Familienbildungsprozess konzentrieren.
Die familieninternen
Generationenbeziehungen der
Familienmitglieder werden damit weiter
aufgelöst und staatlich normiert, d.h.
die Individualisierung der Familie wird
forciert. Eine solche Familienpolitik,
die eine einzige Generation fördert,
forciert den Generationenkonflikt.
OBERNDÖRFER
dramatisiert die
Bevölkerungsentwicklung, indem er im
Vergleich der Geburtenraten von
Deutschland und Frankreich bewusst
unterschiedliche Definitionen der
betrachteten Bevölkerungsgruppen
gegenüberstellt
und somit die
Kinderlosigkeit in Deutschland höher
erscheint, um Frankreich als Vorbild
darstellen zu können:
"Seit
Ende der 70er Jahre betrug die jährliche
Geburtenrate Deutschlands (...) nur 1,35
bis 1,3. Sie lag damit weit unter der
Bestandszahl. Ohne die Zuwanderung von
Ausländern und deutschstämmigen
Aussiedlern hätte sich die Bevölkerung
Deutschlands schon bis heute um zirka
drei bis vier Millionen verringert. Auch
wenn es gelänge, die derzeitige
Geburtenzahlen allmählich auf das
höhere Niveau Frankreichs von 1,7
anzuheben, wären die Auswirkungen auf
die ab 2005 sich beschleunigende
Schrumpfung der Bevölkerung
gering."
Aus der
Darstellung muss man davon ausgehen, dass
OBERNDÖRFER hier die Geburtenrate
"deutscher" Frauen (statt der
Geburtenrate in Deutschland) mit denen
"französischer" Frauen
vergleicht. Dies ist jedoch nicht der
Fall. Das geht erst aus einer Passage
hervor, die sich eine Seite weiter
befindet:
"Wenn
'Ausländer' nicht allein nach ihren
Pässen, sondern auch nach der
ausländischen Herkunft der
Wohnbevölkerung definiert werden, fällt
Deutschland in der Rangordnung der
Aufnahmeländer Europas auch noch weit
hinter Frankreich, Großbritannien und
die Niederlande zurück. Ihre Zuwanderer
kamen zum großen Teil aus ehemaligen
Kolonialgebieten und wurden daher in der
nationalen Statistik nicht unter der
Rubrik 'Ausländer' registriert. Zudem
verringerte sich die Zahl ihrer
Pass-Ausländer kontinuierlich durch
großzügige Einbürgerungsregelungen. So
beläuft sich inzwischen auch die Zahl
der moslemischen Franzosen auf 5,5
Millionen bei einer Gesamtbevölkerung
von nur 58 Millionen (Deutschland 2,3
Millionen Moslems, die meisten aber sind
im Unterschied zu Frankreich nicht
eingebürgert)."
Aus
dieser Passage lässt sich die
Schlussfolgerung ziehen, dass die
Geburtenrate "deutscher" Frauen
im Vergleich mit
"französischen" Frauen gar
nicht so niedrig ist, wie sie eingangs
von OBERNDÖRFER dargestellt wird.
Singles
werden aufgrund
argumentationsstrategischer Überlegungen
zum Buhmann gemacht. Während nämlich
BIRG mit seinen Ausführungen belegen
wollte, dass die Geburtenrate der
deutschen Frauen ohne Zuwanderer auf ein
ausreichendes Niveau zurückzuführen
wäre, bestreitet OBERNDÖRFER gerade
dies. Um zu zeigen, dass Zuwanderung
notwendig ist, muss er deshalb die
Bevölkerungsentwicklung noch stärker
dramatisieren als BIRG dies tut, z.B.
indem er den betrachteten Zeitraum
ausweitet und zur Rhetorik
des Aussterbens greift.
Beiden
Wissenschaftlern sind die Belange der
Singles in der Phase vor der Gründung
eines Familienhaushalts bzw. nach Auszug
der Kinder gleichgültig. Sie sind das
Bauernopfer im Familienwahlkampf. Die
Dramatisierung gilt der Durchsetzung
einer als Familienpolitik getarnten
Bevölkerungspolitik.
Die
Bevölkerungsprognosen divergieren
durchaus, weswegen es aufschlussreich
ist, die Prognosen verschiedener
Institute zu vergleichen. Das Eurostaat-Jahrbuch
2001 (PDF-Format, 1 MB Grösse)
ermöglicht einen Überblick. Wenig
erstaunlich: Die nationale Statistik von
Deutschland ist jene, die mit den
niedrigsten Geburtenraten operiert.
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