© DIE ZEIT, 6.4.2006
Dr. habil. Kinderlos
Erstmals belegt eine Studie, wie kinderfeindlich es an deutschen Universitäten zugeht
F ast alle bekämen gerade Kinder, erzählt Martina Schlüter – Freundinnen, Bekannte, ehemalige Studienkolleginnen. Viele Lehrerinnen seien darunter, mit sicherem Beamtenjob und festen Arbeitszeiten. Die können es sich leisten. Sie selbst kann es sich nicht leisten, glaubt Schlüter, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Zwar lehrt auch sie, doch nicht an der Schule, sondern an der Universität. Ihre Assistentenstelle läuft in einem Jahr aus, dann muss die Habilitation fertig sein, dann will sie sich um eine Professur bewerben: »Können Sie sich vorstellen«, fragt sie, »welche Chancen ich habe, wenn ich mit dickem Bauch vor eine Berufungskommission trete?«
Auch in den Jahren davor fanden eigene Kinder keinen Platz in ihrem Leben. Denn Schlüter ist Erziehungswissenschaftlerin, in diesem Fach zieht sich der Weg vom Studium zum Lehrstuhl besonders in die Länge. Neben den üblichen akademischen Karrierestufen – Examen, Promotion, Habilitation – muss sie noch ein Referendariat, ein zweites Staatsexamen und Schulpraxis vorweisen, und zwar möglichst bis Mitte Dreißig. »Ein Kind hätte mich ein bis zwei Jahre gekostet«, rechnet die 36-Jährige vor. Die waren nicht drin, für sie nicht wie für die meisten ihrer Zunft, wie eine Erhebung der Universität Dortmund belegt.
Manche verzichten auf Kinder, andere auf die Karriere
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Die Untersuchung dokumentiert erstmals auf verlässlicher Grundlage die verbreitete Kinderlosigkeit junger Wissenschaftler(innen). Im Gegensatz zu anderen Studien beruht sie nicht auf Stichproben oder Umfragen, sondern bezieht sämtliche Jungforscher an den Universitäten eines ganzen Bundeslandes ein. Die Ergebnisse sind dramatisch. Von den rund 22000 nordrhein-westfälischen Doktorandinnen, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Juniorprofessorinnen und Habilitanden sind demnach 73,1 Prozent ohne Nachwuchs, und zwar Frauen (78 Prozent) nahezu gleichermaßen wie Männer (70,7 Prozent). Bei den männlichen Forschern ist die Zahl der Kinderlosen in den vergangenen zehn Jahren sogar noch gestiegen.
Zwar können manche der in der Studie Erfassten noch auf Nachkommen hoffen. Doch auch in der Altersgruppe der 37- bis 42-Jährigen, also in der Spätphase weiblicher Fortpflanzungsfähigkeit, sind mehr als die Hälfte aller Frauen (58,2 Prozent) ohne Kinder; bei den Männern sind es kaum weniger (50 Prozent). Während die einen Wissenschaftler auf Kinder verzichten, entsagen andere der Wissenschaft. »Wir gehen davon aus«, sagt Nicole Auferkorte-Michaelis, Mitarbeiterin der Dortmunder Studie, »dass die meisten Frauen, die sich für eine Familie entscheiden, die Universität verlassen.« Darunter leidet nicht zuletzt die Forschung in Deutschland, die auf einen möglichst großen Pool an Talenten angewiesen ist.
»Unsere Gesellschaft hat das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerade in der Wissenschaft noch nicht verstanden«, kritisiert der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Ernst-Ludwig Winnacker. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Obwohl die Frauen am Ende des Studiums mit den Männern zahlenmäßig gleichauf liegen, fällt ihr Anteil, je höher sie die akademische Karriereleiter erklimmen. Bei den C4-Professoren beträgt ihr Anteil nur noch 9,2 Prozent. Dieser Verlust hoch qualifizierter Frauen beunruhigt zunehmend auch die Forschungsorganisationen. Selbst die besten Universitäten, sagt Winnacker, hätten auf diesem Gebiet einen enormen Nachholbedarf.
Genau dies war auch den internationalen Gutachtern aufgefallen, welche die Auswahl im derzeit laufenden Exzellenzwettbewerb mit ihrem Urteil unterstützen sollen. Mit Sorge sehen sie die »zahlreichen befristeten Positionen«, welche die Universitäten mit den Elitegeldern schaffen wollen, heißt es in einem Dokument der DFG. Mit solchen Stellen würde man kaum »im internationalen Wettbewerb die Besten gewinnen«. Zudem bemängelten die internationalen Experten die fehlende Frauenförderung bei den Anträgen. Man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, schreibt die DFG, »dass dieses Thema vorrangig mit Lippenbekenntnissen behandelt würde«. Wer die stets zurückhaltend formulierende Wissenschaftlerprosa kennt, kann diese Worte in eine Note übersetzen: Vier minus, Antrag noch einmal schreiben.
Kinderlosigkeit gehörte schon immer zum Berufsrisiko von Wissenschaftlerinnen. Als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ersten Professorinnen berufen wurden, waren diese selbstverständlich nicht verheiratet. Hierzulande jedoch wird es Hochschulangehörigen besonders schwer gemacht, Forschung und Familie zu vereinbaren. Extrem lange Ausbildungszeiten spielen eine Rolle: Deutsche Studenten haben ihr Diplom mit Ende Zwanzig, Wissenschaftler ihre erste Professur mit Ende Dreißig. Das ist weltrekordverdächtig. Bis dahin müssen sich die Kopfarbeiter mit befristeten Verträgen, Phasen der Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Hilfsjobs begnügen. Schlechte Umstände, um eine Familie zu gründen.
Die Alma Mater ist eine Rabenmutter. Sie fordert von ihrem Nachwuchs Opfer, die die wenigsten freiwillig erbringen. Denn die überwältigende Mehrzahl angehender Akademiker wünscht sich Nachwuchs. Nur sechs Prozent der Studenten geben laut Hochschul-Informations-System zu Beginn ihrer Ausbildung an, nicht irgendwann Eltern werden zu wollen. Doch die Universität scheint eine verhütende Wirkung zu haben. Der Optimismus, Kinder zu haben, sinkt proportional zur Studienzeit – und kommt vollends ins Wanken, sobald die Wissenschaft zum Arbeitgeber wird.
Denn wann und vor allem wo, fragt sich Martina Schlüter, hätte sie »ein Nest bauen sollen«? Ihr Studium absolvierte sie in Münster, ihre Promotion in Essen. Als eine Dozentenstelle in Köln frei wurde, packte sie für ein Jahr die Koffer. Nun lehrt und forscht sie für ihre Habilitation in Würzburg, während ihr Mann an der Universität Dortmund beschäftigt ist. Zweimal die Woche pendelt sie. »Als Wissenschaftler weiß man nie, wo man als Nächstes hinkommt«, sagt Schlüter. Besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften warten Hunderte von Privatdozenten auf einen Ruf. Wenn dieser endlich erschallt, zieht man überall hin, egal, ob die Professur in Flensburg oder Zürich ist.
Ihre beste Zeit verbringen angehende Professoren auf Tingeltour
»Häufige Jobwechsel gelten in der Wissenschaft als Qualitätsausweis«, sagt Sigrid Metz-Göckel, die Initiatorin der Dortmunder Kinder-Studie. Als sie einmal Professorinnen nach ihrem Zuhause fragte, zeigte sich, dass drei Viertel nicht am Unistandort wohnten. Das Nomadentum beschränkt sich nicht auf die Jobsuche. Wer als Jungwissenschaftler nur am Schreibtisch sitzt und auf die Kraft seiner Worte und Werke vertraut, kommt nicht weit. Hier muss man auf einer Tagung mit einem Vortrag glänzen, dort gilt es, das Referat einer Koryphäe auf einem internationalen Kongress zu kommentieren. Selbst wenn man nichts zu sagen hat, muss man sich sehen lassen. »Gesichtspflege« nennt das Martina Schlüter.
Auch andere Berufe fordern Flexibilität. Wissenschaftler aber müssen ihre höchste Produktivität genau in jenem Lebensabschnitt, in dem andere Akademiker ihre ersten Berufserfahrungen schon hinter sich haben und in fester Stellung ans Kinderkriegen denken, also zwischen Anfang und Ende Dreißig entfalten. Dann warten auf den angehenden Professor die Nächte im Labor, die längsten Zeiten in der Bibliothek, die Tingeltouren durch die Republik. »Der Wettbewerb ist hart, die Zeit knapp, und es gibt immer mehr zu tun, als man leisten kann und möchte«, schreibt Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Sie hat eine Stiftung gegründet, die herausragend qualifizierten jungen Frauen mit Kindern den Berufsweg in der Wissenschaft erleichtern soll.
Eine spezielle Regelung, die Zwölf-Jahres-Frist, verschärft den Druck auf die Nachwuchsforscher. Wer es in dieser Zeitspanne nach dem Studium nicht auf eine Dauerstelle geschafft hat, dem droht das wissenschaftliche Aus. Zwar lassen sich Mutterschutz und Erziehungszeiten anrechen, doch nur, wenn die Forscher für diese Zeit ihre Arbeit offiziell vollständig ruhen lassen. Das ist in naturwissenschaftlichen Fächern kaum möglich. Wer seine Arbeit um eines Kindes willen auf eine halbe Stelle reduziert, verlängert die Zwölf-Jahres-Frist nicht und schädigt die Karriere: »Der Halbtagsdoktorandin wird nur das langweiligste Projekt angeboten werden«, weiß Biologin Nüsslein-Volhard.
So verschieben viele den Kinderwunsch von einem Jahr aufs andere, in der Hoffnung, dass »es irgendwie doch noch klappt«, sagt Martina Schlüter. Dabei gehört die Erziehungswissenschaftlerin noch zu den privilegierten Bewohnern des akademischen Mittelbaus. Fünf Arbeitsjahre an einem Ort, Vollzeit, gewährt ihr der Assistentenvertrag. Viele Nachwuchswissenschaftler fristen ihr Dasein auf halben oder gedrittelten Stellen, die selten länger als zwei Jahre ein Gehalt sichern. »Wer etwas werden will, muss dennoch vollen Einsatz zeigen«, weiß Nicole Auferkorte-Michaelis. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin, 33, verheiratet und kinderlos, forscht mit dem Dortmunder Kinderprojekt sozusagen auch über sich selbst. Ihr Vertrag läuft bis Ende Juni. Weitere sechs Monate darf sie sich einen Arbeitsplatz teilen. Dann heißt es, Drittmittel für ein neues Projekt ranschaffen – oder arbeitslos werden.
Die Furcht vor dem beruflichen Scheitern – C4 oder Hartz IV – wirkt für viele als größte Fertilitätsbremse. Dabei ist keinesfalls ausgemacht, dass Kinder tatsächlich Karrierekiller sind. So zeigt ein Vergleich der Universität Mainz zwischen Wissenschaftlerinnen mit und ohne Kindern keine großen Unterschiede bezüglich ihrer Produktivität und ihrem beruflichen Fortkommen. Umgekehrt erleichtert Kinderlosigkeit für Frauen nicht unbedingt den Weg zur Professur. »Da kinderlose Frauen als mögliche Mütter betrachtet werden, haben auch sie bei Bewerbungen schlechtere Chancen als ihre männlichen Konkurrenten«, sagt Inken Lind vom Bonner Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung.
Mittlerweile haben einige deutsche Universitäten das Problem erkannt. Lange Zeit waren ihnen Kinderfragen und die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie schlicht egal. Eine Untersuchung an nordrhein-westfälischen Hochschulen aus dem Jahr 2004 ergab ein »eklatantes Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bei Betreuungsplätzen«. Selbst die wenigen hochschuleigenen Kindergärten sind in erster Linie Studenten oder Verwaltungsangestellten vorbehalten. »Die Nachwuchswissenschaftler fallen durch den Rost«, bekennt der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff.
In Zukunft will sich Heidelberg nicht nur mit exzellenter Forschung einen Namen machen, sondern ebenso mit hervorragender Kinderbetreuung. Ein Servicebüro soll Tagesmütter und Kindergartenplätze vermitteln, ein Kinderhotel Wissenschaftlerinnen entlasten, die kurzfristig für einen Kongress ins Ausland müssen. Andere Universitäten stocken ihre Kita-Kapazitäten auf oder vergeben Stipendien für Mütter, die zurückwollen in die Wissenschaft.
Lange Zeit war es den Forschungseinrichtungen wie Universitäten nicht erlaubt, Kinderbetreuungsplätze aus dem eigenen Etat zu finanzieren. Die Max-Planck-Gesellschaft hat dieses Verbot vor einiger Zeit aufgehoben. Das Institut für Zellbiologie und Gentechnik in Dresden hat daraufhin eine Stillgruppe eingerichtet. Schon wenige Wochen nach der Geburt können Wissenschaftlerinnen nun wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, während zwei Mitarbeiterinnen die Säuglinge betreuen. »Zum Stillen oder Kuscheln gehen die Mütter aus dem Labor rüber«, sagt Max-Planck-Direktor Tony Hyman. Die Stillgruppe habe einen »echten Babyboom« im Institut ausgelöst, so der aus England stammende Wissenschaftler.
Auch an den drei Berliner Universitäten wird die Kinderbetreuung immer öfter zum Thema. Dort werden besonders qualifizierte Wissenschaftlerinnen in einem Mentorenprogramm mit Bewerbungstraining oder Seminaren zum Forschungsmanagement betreut. Kinderfragen stehen offiziell zwar nicht im Curriculum, doch ergeben sie sich zwangsläufig, wenn Frauen über ihre berufliche Zukunft sprechen.
Vorreiterinnen wie Doreen Werner beginnen Schule zu machen. Die Biologin, die gerade an der Humboldt-Universität habilitiert, hat drei Kinder im Alter von sechs, neun und elf Jahren. Erkauft wurde die Doppelfunktion mit hartem persönlichem Verzicht. Bücher ohne Fachbezug liest sie grundsätzlich nicht mehr, das letzte Mal im Kino war sie vor Jahren auf einem Kindergeburtstag. Auf Forschungsreisen jedoch musste sie niemals verzichten – Werner hat ihre Kinder stets mitgenommen. In den USA nahm sie ihren Ehemann in Anspruch, der Elternzeit beantragte. In Oxford meldete sie ihre ältesten Kinder in der Schule an, die jüngsten im Universitätskindergarten. Egal, wann man die Betreuung brauchte, stets stand ein Bus am Hochschultor, nahm die Kinder in Empfang und brachte sie zu jeder gewünschten Zeit auch dorthin wieder zurück. Ihr Beispiel machte anderen Mut, erzählt Werner. Als sie im Berliner Mentoringprogramm anderen Wissenschaftlerinnen mit Kind von den positiven Auslandserfahrungen berichtete, nahmen diese sich vor, Ähnliches zu wagen.
Eine bessere Kinderbetreuung allein aber wird das Problem nicht lösen, meint Werner, Wissenschaftler brauchten auch eine sicherere berufliche Perspektive. Als sie kürzlich einen internationalen Kongress organisierte, hatten fast alle ausländischen Kollegen Dauerstellen, selbst wenn sie nicht Professoren waren. Nur die Deutschen bangten dem nächsten Vertragsende entgegen.
Das droht auch Werner bald wieder. Seit Monaten schaut sie sich um, aber die Stellen für Insektenexperten sind rar in Deutschland. Sie liebt ihre Forschung. »Doch wenn ich nicht bald etwas Neues finde, muss ich mir einen Beruf außerhalb der Uni suchen.«
Eine weitere Studie zum Thema Kinderbetreuung an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen finden sie hier.
© DIE ZEIT, 6.4.2006











leser-kommentare (18) »
Von coldi Ein Gegenbeispiel: Grigorij Perelman zeigt was Wissenschaft letztlich ist!
Wenn man sich die Kommentare hier und den auslösenden Artikel genau anschaut, sieht man, das es gar nicht um die Wissenschaft geht! Diese ist unabhängig von der »
Von tzeuch Danke für diesen Artikel !
Herr Spiewak spricht die zentralen Probleme der Nachwuchsförderung in Deutschland an: Zu wenig Dauerstellen, die oft auf BAT/TvÖD Basis im Mittelbau alles ander »
Von CarolineCornelius Stellungnahme der IWiFa
Vielen Dank für diesen Artikel, der die drei Hauptprobleme des wissenschaftlichen Nachwuchses gelungen auf den Punkt bringt: die unsichere berufliche Perspektiv »
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