"Sally, ich habe das alles
aufgeschrieben. Die Erzählung spielt im
August und September 1981 in Westberlin. Als
wir uns eines Nachts kennenlernten, floß
Blut. Auf einmal warst du weg. Ohne
Anschrift, ohne Nummer. Ich suchte dich,
schwirrte durch die Stadt, erster Teil. Ich
bin ein Berliner, aber das half mir nicht. Du
wurdest zur entfernten Geliebten. Ich traf
Freunde und Feinde, nur nicht dich. Nach
Wochen wußte ich nicht mehr, ob ich dich
suchte oder das Bild, das ich mir von dir
gemacht hatte. Ich gab die Suche auf. Bei
einem Rockkonzert sah ich dich wieder. Wir
umarmten uns, wir wälzten uns auf dem Boden.
Wir trafen uns im Raubtierhaus, wir trafen
uns auf dem Europa-Center. Du zogst bei mir
im kleinen Zimmer ein, zweiter Teil. Wir
waren kaum zu Hause; ich zeigte dir, wo du
angekommen warst, und du zeigtest mir, wo ich
herkomme. So wurden wir Komplizen. Du warst
weder die Entfernte noch die Geliebte,
sondern einfach aufs schönste da. Wir
tanzten den Big Spender. Berlin drehte sich.
Wir trafen Martin aus Zürich, Lora aus
Oldenburg, Terry aus New York und die
Streetfighter Tele und Bettina. Der
Häuserkampf wurde zum Straßenkampf. In der
Potsdamer Straße kam ein junger Mann ums
Leben. Wir waren da, wir gingen weiter. Ich
war der einzige Berliner und erzählte von
Berlin. Wir stiegen in Terrys
Straßenkreuzer, fuhren durch den Grunewald
und über den Q-Damm. In dem Kaufhaus tanzten
wir, Sally: Wir sind nicht mehr
empört."
Zitate aus
"Berliner Simulation"
"Nur einer in diesem
Ubahnzug läßt ein Rätsel bestehen. (...)
Voller Gefühl sieht er finster drein. Wir
haben den gleichen Weg. Er komme aus
Süddeutschland, wo er arbeite, zum
Wochenende nach Berlin, wo er wohne. Er macht
einen militärischen Gruß und sagt: »Diesen
hier! Vier Jahre freiwillig. Im Jahr verdiene
ich 25 000 Mark. 6000 gebe ich für die
Flüge oder Bahnfahrten aus. Am Wochenende muß
ich eben zu meiner Frau!« (...)
Der Vermissende ist der Idiot. Das höchste
der Gefühle anderer für ihn ist Mitgefühl
- was ihn rasend macht."
"Manchmal wünscht Sally
sich, daß jemand uns besuchen kommt. Gäste
ohne Anmeldung tauchen hier so gut wie nie
auf. Das kennt sie nicht. »Ihr macht eure
Wohnungen nicht schön für andre. Jeder
richtet seine Wohnung nur für sich selber
her. Ihr habt keine gastfreundlichen Häuser,
obwohl ihr nichts gegen Gäste habt. Ihr seid
so viel allein in euren Wohnungen. Was macht
ihr nur den ganzen Tag, neben euren großen
Telephonen?«"
Stimmen zu
"Berliner Simulation"
"Frühjahr 1981 (...) Ein
Mythos war geboren, zu dem drei heiße Sommer
lang tout Berlin hinpilgerte (...)
Es ist die Zeit, von der Bodo Morshäuser in
seinem Roman »Berliner Simulation« seinen
Helden sagen läßt: »In diesen Tagen
Schöneberg zu verlassen, das wäre, wie nach
Oldenburg zu fahren«."
(aus: Sighard Neckel
"Die Macht der Unterscheidung",
2000, S.148f.)