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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
       
     
       
       
   

News vom 16. bis 30. Juni 2001

 
       
       
     
     
     
       
       
   
  • WI (2001): Singles haben mehr Platz als Haushalte mit Kindern,
    in: Berliner Zeitung v. 30.06.
    • Kommentar:
      Während "die durchschnittliche Mietwohnungsgröße von Singles und kinderlosen Paaren in Westdeutschland zwischen 1972 und 1998 um 28 Prozent von 52 auf 66,5 Quadratmeter zulegte, verbesserte sich die Durchschnittsgröße bei Haushalten mit Kindern nur um 16 Prozent von 75 auf 86,9 Quadratmeter", wird gemeldet.
            Was soll der Leser mit einer solchen Meldung anfangen? Familien sind benachteiligt ist die offensichtliche Behauptung! Schauen wir uns die Nachricht deshalb genauer an.
            Es geht erstens nur um die Mietwohnungen, d.h. der Wohnflächenzuwachs bei Eigentumswohnungen und Eigenheimen bleibt ausgeklammert. "Familien" wohnen aber in höherem Masse in Eigentumswohnungen oder Eigenheimen als "Singles". Daraus kann geschlossen werden, dass die wohlhabenderen Familien und damit ein Grossteil des Wohnflächenzuwachses von Familien einfach weggefallen ist.
            Zweitens wird nichts über das Alter der Mieter gesagt. Es wird also der Familienzyklus ignoriert. Nach dem Auszug der Kinder aus der elterlichen Wohnung bleibt ein Paar zurück und hat dadurch mehr Wohnraum. Stirbt der eine Partner, dann zieht eine ältere Witwe selten gleich in eine kleinere Wohnung. Wenn sie es sich finanziell leisten kann, dann behält sie die Paarwohnung sogar ihr ganzes Leben bei. Die Wohnraumverschwendung ist also in erster Linie die Folge des modernen Familienzyklus.
            Mit der Meldung sollen egoistische Singles gegen benachteiligte Familien ausgespielt werden. Dies ist nur deshalb möglich, weil beide Lebensformen als einander ausschliessende Lebensformen dargestellt werden, aber nicht als Lebensphasen im Lebenslauf.
 
     
   
  • SEEßLEN, Georg (2001): Fremd ist der Fremde auch nicht in der Fremde.
    Wer heute von einer Urlaubsreise zurückkommt, hat manchmal etwas zu erzählen. Nur zuhören will niemand. Denn entweder waren die Nachbarn selbst schon mal da, oder sie kennen alles Sehenswerte aus dem TV. Ein Rückblick auf die bürgerliche Reise,
    in: Tagesspiegel v. 30.06.
    • Kommentar:
      Der Untergang der bürgerlichen Familie am Beispiel des Reisens, wird uns von SEEßLER geboten: "Zu den Katastrophen in einem bürgerlichen Leben gehört der 'getrennte Urlaub'. Er läutet die große, vielleicht letzte Krise des Paares ein, er macht schmerzhaft bewusst, dass die Kinder das Haus verlassen werden. Logisch, dass jede Krise der Familie auch zu einer Krise der Urlaubsreise führt. So wird daher von der Anbieterseite das Zentrum, der Familienurlaub, vom Rand her aufgerollt. Das Angebot wird aufgefächert, ohne das Zentrum mythisch in Frage zu stellen. Die 'Single-Reisen' versprechen die Möglichkeit einer Paarbildung, bei der Gruppe in der Abenteuerreise schwärmt jeder glückliche Beteiligte davon, wie sehr man einander, irgendwo im Busch, 'zur Familie' geworden ist. Sogar der Individualtourist, der die Massentouristen in den Betonburgen verachtet, ist erst richtig glücklich, wenn er anderen Individualtouristen trifft. Wenn drei, vier, viele Individualtouristen zusammenkommen (und das tun sie immer), machen sie sich merkwürdigerweise kaum Gedanken darüber, dass sie nun nicht mehr ganz so individualtouristisch, sondern nur unerträglich sind.
      Und auch für die Familie gibt es neue Möglichkeiten. Die Familie bricht im Urlaub nicht katastrophisch auseinander, weil das Ferienparadies bereits eine Inszenierung des Auseinanderbrechens anbietet: Im Club Mediterrané und seinen vielen Nachkömmlingen werden durch die besonderen Angebote die Kinder den Eltern, die Eltern einander 'abgenommen'. Ein perfekter Mythos: die Familie, die zugleich gemeinsam und getrennt Urlaub macht."
      Wer die Individualisierung der Familie und das Alleinreisen nicht mit dem Untergang des Abendlandes verwechselt, der findet bei Single-dasein.de
      Infos zum Alleinreisen.
 
   
  • PLATEN, Heide (2001): Erste Messe für Fische ohne Fahrrad.
    Die SingleWorld in Wiesbaden macht als weltweit erste Messe für Single-Produkte vor allem fit für die Partnersuche. Die Zahl der Einpersonenhaushalte hat sich seit 1957 verdreifacht. Den größten Anteil daran haben die über 55-Jährigen
    in: TAZ v. 30.06.
    • Kommentar:
      Der Präsident des Statistischen Bundesamtes weist auf die sehr grossen Einkommensunterschiede bei den Alleinlebenden hin, aber im Artikel wird nur das Durchschnittseinkommen genannt. Ein Widerspruch, der typisch für die Berichterstattung über Singles ist.
            Alleinerziehende gehören statistisch gesehen nicht zu den Alleinlebenden, denn diese werden durch ihr Kind sozusagen geadelt.
            Als Non-Plus-Ultra wird die Einpersonenkochplatte mit Keramikfeld und Henkeln angepriesen, denn: "wer immer allein isst, braucht auch nur einen Topf". Wo steht aber geschrieben, dass Alleinlebende auch Alleinesser sein müssen? Die Behauptung, dass der Single "ein der Marktforschung längst bekanntes Wesen" ist, dürfte eher Wunsch als Wirklichkeit sein...
 
   
  • HOHMANN, Angela (2001): Die Revolte als Pose.
    Die bürgerliche Protestkultur ist im postideologischen Zeitalter endlich bei sich selbst angekommen. Als bourgeoise Boheme kultiviert sie einen Lebensstil, der höfischen Gepflogenheiten immer näher kommt. Aus langhaarigen Establishmentgegnern sind Konservative in Jeans geworden, die Mainstream und Subkultur zu einer geschmeidigen Allianz verbinden. Ein Auf- und Abgesang auf den modernen Weltbürger,
    in: TAZ v. 30.06.
    • Kommentar:
      HOHMANN beschreibt die bundesrepublikanische Situation folgendermassen: "Es knistert allerorten im Gebälk, und fröhlich spielt man jenen Konsens, der noch gar nicht erzielt ist. Denn wer dazugehört und wer die Deutungskompetenz für die neue Ordnung erhält, wird gerade entschieden: über die Generationendebatte und die leichtfertige Rede von Gewinnern und Verlierern." Die Revolte ist mit den "Bobos" (David BROOKS) zur Pose geworden, wer aber dazu gehört und wer nicht, das kann sich von Tag zu Tag ändern. Die Angst vor dem Karriereknick, gehört deshalb genauso zur neuen Elite, wie deren Vorstellungen vom guten Leben.
 
     
   
  • ADAM, Konrad (2001): Die neue Familien-SPD.
    Partei wagt es wieder, von der "Kernfamilie" zu sprechen,
    in: Welt v. 30.06.
    • Inhalt:
      ADAM begrüsst die Abkehr von einer Familienpolitik, die sich an den Alleinerziehenden orientiert.
  • BRUNS, Tissy (2001): Die SPD erinnert sich an die Familie - und an Frau Schmidt.
    Neuorientierung gilt "fast als Revolution",
    in: Welt v. 30.06.
    • Kommentar:
      BRUNS beschreibt die Familienpolitik der SPD, die sich an den Familien der Neuen Mitte orientiert. Das neue Feindbild der SPD ist die gewollt kinderlose Einverdienerehe. Damit soll der Abbau des Ehegattensplittings gerechtfertigt werden. Die gewollt kinderlose Einverdienerehe ist nicht gerade ein weitverbreitetes Modell, passt aber argumentativ zur Ausrichtung der Familienpolitik auf die Doppelverdiener und Doppel-Karriere-Paare der Neuen MItte.
 
   
  • BELZ, Christopher (2001): Kochtopf und Kontaktbörse.
    "Single-World" in Wiesbaden: kurioses Angebot für Alleinlebende,
    in: Allgemeine Zeitung Wiesbaden v. 29.06.
    • Inhalt:
      BELZ beschreibt das Angebot und fasst seine Eindrücke folgendermassen zusammen: "Irgendwie erinnert die 'Single-Word' an eine Mischung aus 'Hafa', Fitness- und Esoterikmesse.
      Dazwischen gibt es aber auch Angebote, die tatsächlich speziell auf Singles zugeschnitten sind. Die meisten davon wenden sich jedoch an die, die ihr Single-Dasein satt haben."
 
   
  • GERMIS, Carsten (2001): Umverteilung für die Kinder.
    Die SPD braucht Geld zur Familienförderung - und will deshalb das Ehegatten-Splitting abschaffen,
    in: Tagesspiegel v. 29.06.
 
   
  • RAMMELT, Renate (2001): Und was war unsere Mission?
    Lebenswege von Frauen in Ost und West. Kinder als kalkuliertes Abenteuer oder als Vorzeigeobjekt für die angestrebte Karriere,
    in: Freitag Nr.27 v. 29.06.
    • Kommentar:
      Mütter der Single-Generation und eine kinderlose Vorzeige-Frau aus Ost und West parlieren über Muttersein.
 
   
  • KULKE, Uli (2001): Wer liebt , wählt aus.
    Auch Paarbildung ist Selektion - tun wir nicht so, als wäre sie erst mit der Gentechnik in die Welt gekommen,
    in: Welt v. 29.06.
    • Kommentar:
      KULKE argumentiert biologistisch: "Das Design des Wunschnachkommens ist, zumindest unbewusst, aber auch willentlich, das Movens der Partnerwahl - der Partnerauslese im evolutionären Prozess der Menschheit." Die Gentechnik möchte KULKE einsetzen, um den ansonsten "Übriggebliebenen" grössere Chancen am "Reproduktions- und Attraktionszirkus" zu ermöglichen. Bei KULKE existiert keine Kultur als eigenständige Instanz zwischen "genetischem Wert" und Paarbildung. Der einzige Sinn des Lebens ist für KULKE die eigene Fortpflanzung. Andreas HEJJ hat sich dagegen Gedanken gemacht, warum der kinderlose Single keine evolutionäre Fehlentwicklung ist. Auch bei HEJJ geht es nur um die Fortpflanzung, aber es geht dabei nicht nur um die eigene, sondern um den Reproduktionserfolg der Verwandtschaft.
 
   
  • SCHULTE, Bettina (2001): Heirat nicht ausgeschlossen.
    Die Sache ist ernst geworden: "Liebesordnungen" - das aktuelle "Kursbuch" zu einem ewig neuen Thema,
    in: BADISCHE ZEITUNG v. 28.06.
 
   
  • FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG.Net-Spezial: Single

    • JURZIG, Katrin (2001): Auf der Single-Messe findet jeder Fisch ein Fahrrad,
      in: FAZ.Net v. 28.06.
      • Kommentar:
        JURZIG beschreibt hier die Singles als Wunschbild der Organisatoren: "Die Organisatoren haben eine ganz besondere Spezies im Visier: nicht den deprimierten Single, womöglich mit Frust-Pölsterchen um die Hüfte, sondern ein neues Phantasieprodukt der Trendforschung, den Alpha-Single. Der ist nach Meinung der Marketing-Gurus ehrgeizig, legt Wert auf Attraktivität, hält sich fit, ist kommunikativ und auch allein glücklich. Diesen 'neuen' Typus des Partnerlosen will man aus Umfragen herausgefiltert haben."
              Die Industrie scheint dem Single nicht recht über den Weg zu trauen, während der Hauptverband des Einzelhandels den "Yuppie" im Auge hat.
              JURZIG selbst ist da eher skeptisch und weist - was bei Journalisten eine rühmliche Ausnahme ist - auf die Spaltung bei den Einkommen bei den Alleinlebenden hin: "Nach Informationen des Statistischen Landesamts verdienen 40 Prozent der weiblichen Singles monatlich netto weniger als 1.800 Mark, nur acht Prozent der männlichen Singles verdienen mehr als 5.000 Mark."
    • JURZIG, Katrin (2001): Single-Messe bietet nichts Neues,
      in: FAZ.Net v. 28.06.
      • Kommentar:
        "'Wir haben eigentlich keine bestimmte Zielgruppe, aber dazu gehören auf jeden Fall Singles.' Das war die Standardantwort der Aussteller auf die Frage, warum sie ihre Produkte und Dienstleistungen auf einer Messe für Singles anbieten.
        Und damit brachten sie das Problem auf den Punkt. Auf der ersten deutschen Messe für Singles, die am Donnerstag in Wiesbaden eröffnete, wird allerlei feilgeboten, doch vielfach lässt sich der Nutzen für einen Single nur einfallsreich konstruieren."

              Dies deckt sich erstaunlich gut mit meiner Einschätzung (siehe meinen Kommentar zum Artikel im Wiesbadener Kurier vom 26.06.2001)
    • JURZIG, Katrin (2001): Der Single - Dichtung und Wahrheit.
      Beim Thema Single liegen Dichtung und Wahrheit eng zusammen,
      in: FAZ.Net v. 28.06.
      • Kommentar:
        Für einen Pressebericht eine erstaunlich differenzierte Analyse des Single-Daseins. Man könnte denken, die Autorin hat sich heimlich bei single-dasein.de informiert. "Yetties" und "Nerds" werden als typische Single-Klischees genannt.
              JURZIG bezieht sich wie die WIRTSCHAFTSWOCHE (26.06.2001) auf den Soziologen HRADIL und seine Studie "Die Single-Gesellschaft". Sie zitiert jedoch nicht dessen weite, statistische Definition, sondern die enge Definition, in die auch Motive des Alleinlebens einfliessen: "Single, der alleine in einem Ein-Personen-Haushalt lebt, 25 bis 55 Jahre alt ist, keinen festen Partner haben will und das für längere Zeit". In dieser Definition treffen sich das "Yuppie"- und das "swinging Single"-Stereotyp. Mit geschätzten 3 % der Bevölkerung ist diese Zielgruppe für die Wirtschaft natürlich ziemlich irrelevant, weswegen die Zurückhaltung nur verständlich ist. Kein Potenzial also für einen Megaboom.
              Die Werbung ist deshalb auf den weitverbreiteten Single auf Zeit fixiert. JURZIG führt Boris BECKER als einen solchen Prototyp an, was aber wohl eher als eine Art Auslaufmodell verstanden werden muss.
              "Die statistische Erhebung - Mikrozensus genannt - gibt Auskunft darüber, dass es im Jahr 2000 über 3,8 Millionen Haushalte gab, in denen nur ein Mensch ohne oder mit Kindern wohnte." Hier ist zumindest ein Druckfehler vorhanden, denn in Deutschland gibt es ca. 13,8 Millionen Einpersonenhaushalte. Die Haushalte der Alleinerziehenden gehören jedoch nicht dazu, aber Mensch mit Kind stimmt letztlich irgendwie doch, denn in den Einpersonenhaushalten leben auch Menschen, deren Kinder nicht zum gleichen Haushalt gehören bzw. nicht permanent im Haushalt leben, d.h. zumindest nicht am Stichtag des Mikrozensus. Das mag mancher vielleicht als Haarspalterei ansehen, ist es aber keineswegs, wenn man bedenkt wie sehr die Verteilungspolitiker gerade die angebliche Kinderlosigkeit der Alleinlebenden in den Mittelpunkt einer Anti-Singlekampagne stellen.
              JURZIG weist auf die heterogenen Einkommensverhältnisse der Singles hin, was nicht oft genug erwähnt werden kann, da es hier in der Bevölkerung ziemlich absurde Vorstellungen zu geben scheint. Single und Sozialhilfe, das passt nicht so recht in das Klischee vom Yuppie.
              JURZIG stellt zum Abschluss die berechtigte Frage, ob der "Alpha"-Single (anderer Ausdruck für stilbildende Leitfigur, hier speziell der Singles) nicht eher ein Wunschbild der Messeveranstalter ist.
    • JURZIG, Katrin (2001): Die Single-Gesellschaft.
      "Ein Single braucht gute Freunde",
      in: FAZ.Net v. 27.06.
      • Kommentar:
        Interview mit der Psychologin Gisela STEINECKE. Hier werden leider die üblichen Vorurteile zu Singles verbreitet.
              Psychologen haben aufgrund ihres Berufes natürlich vor allem Einblick in die negativen Seiten des Single-Daseins. Aber alles was hier den Singles zugeschrieben wird, könnte man genauso gut bei Vätern und Müttern finden.
              Immer wieder wird auch die Tatsache, dass Singles zur Erwerbsarbeit quasi verdammt sind, mit Karrieristentum gleichgesetzt. Tatsache ist jedoch, dass verheiratete Männer beruflich erfolgreicher sind als männliche Singles. Wenn also männlichen Singles - was nicht bewiesen ist - Ellenbogen-Mentalität zugeschrieben wird, dann könnte dies auch mit der Diskriminierung von männlichen Singles in der Wirtschaft zusammenhängen.
 
   
  • THOLL, Gregor (dpa)(2001): Kreditkarten, Reisen und Tütensuppen im Angebot
    in: Offenbach Post v. 28.06.
    • Kommentar:
      THOLL berichtet erstaunlich differenziert über Alleinlebende, was man in heutigen Zeiten gar nicht hoch genug bewerten kann. Er geht auf die typischen Klischees über Singles ein und verweist auf die mangelhafte Datenlage.
            Die Lebensstil-Definition des Freizeit-Papstes Horst OPASCHOWSKI konfrontiert er mit der statistischen Definition "Einpersonenhaushalt", um die Probleme beider Definitionen sichtbar zu machen:
            "Das Statistische Bundesamt bezeichnet 'Personen, die für sich alleine in einem Haushalt leben und wirtschaften' seit einigen Jahren generell als Singles. Auch in sozialpolitischen Debatten werden alle Alleinlebenden gerne als Singles bezeichnet und mit einem bestimmten Lebensstil in Verbindung gebracht. Doch gilt Opaschowskis Definition für alle Alleinlebenden? Eher nein: Nicht alle Ein-Personen-Haushalte passen ins Klischee, denn zu den Alleinlebenden gehören auch Paare mit getrennten Wohnungen, Geschiedene, deren Kinder im Haushalt des ehemaligen Partners leben, oder auch ältere Witwen und Witwer. Umgekehrt leben viele der "Klischee-Singles" noch bei den Eltern oder in Wohngemeinschaften."
            THOLL erwähnt sogar die Nesthocker, die so gut wie nie mit dem Single-Dasein in Verbindung gebracht werden, weil Nesthocker wenigstens noch so sozial sind, dass sie aus dem Elternhaus das "Hotel Mama" machen. Für Familienpolitiker ist das immer noch besser als jeder asozial lebende Single, auch wenn er täglich seinen Vater pflegt, der in der gleichen Stadt wohnt.
            Ob jedoch die Einschätzung von THOLL stimmt, dass die Veranstalter eher auf den überzeugten Langzeit-Single und weniger auf den Single auf Zeit abzielen, das erscheint fraglich. Diese Gruppe ist für die Wirtschaft aufgrund ihres geringen Verbreitungsgrades unattraktiv.
 
   
  • TIB (2001): Leitantrag: SPD entdeckt die Kernfamilie.
    Die klassische Kernfamilie - erwachsenes Paar mit leiblichen Kindern - "erweist sich beständiger als vermutet",
    in: Welt v. 28.06.
    • Kommentar:
      "Es wird eine erkennbare Spaltung der Gesellschaft in einen Familien- und Nichtfamiliensektor konstatiert", mit diesem Satz ist die Kontroverse "Familien versus Singles" sozusagen vorprogrammiert. Die SPD sagt damit den Singles den Kampf an.
 
   
  • FTHENAKIS, Wassilios E. (2001): Mehr als (nur) ein Kind.
    Viele Kinder bleiben einzeln, obwohl deren Eltern eins Geschwister wollten. Wo Politik ansetzen muss, um Familien das Verwirklichen von Kinderwünschen zu erleichtern,
    in: Welt v. 28.06.
    • Kommentar:
      FTHENAKIS konstruiert einen Zusammenhang, der so nicht stimmt: "bekanntermaßen stehen die ökonomische Situation der Familie und die Geburtenrate in negativem Zusammenhang zueinander: Studien belegen, dass Familien mit niedrigerem Einkommen mehr Kinder haben und Männer und Frauen mit hohem Einkommen überproportional hoch repräsentiert sind bei den Kinderlosen." Die Oberschicht ist weniger von der Kinderlosigkeit betroffen als spezifische Mittelschichtmilieus. Eine Wohlstandstheorie der Kinderlosigkeit ist deshalb nicht haltbar. Ausserdem wird gleichwohl eine hohe Kinderlosigkeit und eine hohe Zahl von Einkindfamilien behauptet. Dies ist eine Folge des verkürzten Familienbegriffs, der Familie mit Haushaltsfamilie gleichsetzt. Wenn das ältere Kind in einer Einliegerwohnung im gleichen Haus wohnt, dann ist das jüngere Kind statistisch geschwisterlos. Wenn FTHENAKIS fordert, dass der Lebenslauf und die Lebensplanung von Familien stärker berücksichtigt werden müssen, dann gilt das für alle Lebensformen und nicht nur für Familien.
 
   
  • FISCHER, Frauke (2001): Beginenhof gilt bei der UN als vorbildhaft.
    Die Finanzlage ist ungeklärt, doch die Bremer Vision hat Zukunft in anderen Ländern,
    in: Weser Kurier v. 28.06.
 
   
  • Coverstory: Abenteuer Kind.
    Spaßbremse oder Glücksturbo? Wie die Kleinen unser Leben umkrempeln

    • SIEGERT, Almut (2001): Abenteuer Kind.
      Wie ist das eigentlich, wenn man auf einmal zu dritt ist? Kinder krempeln das Leben ihrer Eltern so richtig um. Sind Spassbremse und Glücksturbo zugleich, kosten Geld und machen doch reich. Eine Annäherung an das schönste Thema der Welt,
      in: MAX Nr.14 v. 28.06.
    • POTTHOFF, Antje (2001): Sechs Geschenke.
      Zahnpastaspucke im Waschbecken, Tee in der Computertastatur, heimlicher Sex: die sechsfache Mutter und MAX-Autorin Antje Potthoff über Lust und Frust inmitten ihrer Kinderschar,
      in: MAX Nr.14 v. 28.06.
 
   
  • ADAM, Konrad (2001): Mehr für mehr Kinder.
    Nicht der Mangel an Finanzkapital, sondern das ausbleibende Humankapital könnte das Wirtschaftswachstum zum Stillstand bringen,
    in: Welt v. 27.06.
    • Kommentar:
      ADAM fordert eine "geburtenfreundliche Politik", nicht weil ihm Kinder am Herzen liegen, sondern weil Kinder als "Humankapital" notwendig für zukünftiges Wirtschaftswachstum sind. Die Kinderzahl muss gross genug sein, damit die Wirtschaft eine sinnvolle Auswahl treffen kann!
            "Dies nämlich hat noch niemand gewagt: den Nachweis zu führen, dass sich der Stolz des Landes, seine Wirtschaftskraft, auch mit anhaltend niedrigen Geburtenraten verteidigen lasse."
            Möglicherweise muss ADAM seine Ansichten bald revidieren, denn die Gentechniker und Reproduktionsmediziner könnten ADAM beim Wort nehmen und den Beweis antreten wollen, dass die geforderte Bestenauslese auch vorgeburtlich erfolgen könnte. Ökonomisch gesehen ist die vorgeburtliche Auslese kostengünstiger, schliesslich fällt der "Ausschuss" dann nicht lebenslang der Gemeinschaft der Besten zur Last.
            Beide Argumentationslogiken unterscheiden sich nicht voneinander, sie reduzieren Kinder auf ihre ökonomische Funktion. Dies mag gut für eine effektive Volkswirtschaft sein, aber wer möchte in solch einer Gesellschaft leben?
 
   
  • FUCHS, Ursel (2001): Fortpflanzung wird Chefsache.
    Max-Planck-Präsident Mark hat gesprochen - und die "Enteignung der Mütter" schreitet voran,
    in: Welt v. 26.06.
    • Kommentar:
      FUCHS entwirft eine Vision wie die Fortpflanzungsplanung einer Frau im Jahr 2025 aussehen könnte:
      "Mit 21 lässt sie Eizellen einfrieren. Nach Ausbildung und Karriere taut sie sie auf und lässt sie künstlich befruchten. Die Embryonen werden kloniert, also Kopien gemacht. Eine davon im Acht-Zell-Stadium untersuchen Wissenschaftler in der Präimplantationsdiagnostik (PID) mikroskopisch. Hat der Embryo einen Gendefekt, werden die übrigen Embryonen repariert mittels Keimbahn-"Therapie", Elternwünsche werden berücksichtigt, Gendaten gespeichert. Einige Embryonen werden tiefkühlkonserviert, auf Vorrat, andere der Frau eingepflanzt. Sie werden durch Pränataldiagnostik überwacht. Falls doch was schief geht: Abtreibung. Die Geburtsrate beträgt 13.9 Prozent. Sollte ein Kind später krank werden oder sterben - identischer Ersatz kann jederzeit aufgetaut und eingepflanzt werden."
 
   
  • MÄRKISCHE ODERZEITUNG (2001): Schwedt.
    Die Stadt junger Familien wurde zur Single-Stadt,
    in: Märkische Oderzeitung v. 26.06.
    • Kommentar:
      Wer einen Einpersonenhaushalt führt, der ist so etwas wie ein Untermensch.
            Berichte über die Veränderung der Haushaltszahlen klingen deshalb so ähnlich wie Berichte von der Front, wenn klar ist, dass die Schlacht verloren ist. Welche Stadtteile sind schon in der Hand der Singles? Wann fällt der nächste Stadtteil? Bange Fragen. Familien sind schliesslich eine aussterbende Gattung!
            Solange Journalisten nur Haushalte zählen und nicht die Menschen, lässt sich dieses verzerrte Gesellschaftsbild aufrechterhalten. Aber da 85 % der Bevölkerung in Deutschland nicht im Einpersonenhaushalt lebt, wäre eine solch stumpfsinnige Auflistung ziemlich öde und langweilig. Kriegsberichtserstattung ist da eben spannender!
 
   
  • EB (2001) Ein Paradies für Singles,
    in: Wiesbadener Kurier v. 26.06.
    • Kommentar:
      Das Gegenteil zur Kriegsberichtserstattung (siehe Märkische Oderzeitung vom 26.06.2001) ist die Zielgruppenansprache jener, die an den Singles verdienen möchten: "Der Frankfurter Veranstalter Demat verspricht eine Verbrauchermesse, die 'ein neues Lebensgefühl mit Alltags-, Freizeit- und Kontakt-Ideen' vermitteln will."
            Auch hier wird die hohe Zahl der Ein-Personen-Haushalte angeführt, aber nicht, um von einer verlorenen Schlacht zu berichten, sondern um das riesige Potenzial der anvisierten Zielgruppe zu verdeutlichen. Kriegsberichtserstattung und Zielgruppenansprache haben einen gemeinsamen Nenner: der Realität wollen beide nicht ins Auge blicken. Was für die einen der Schrecken par excellence ist, das ist für die anderen pure Freude: Der vermutete Trend zur "Single-Gesellschaft".
            In Wiesbaden gibt es 58.749 Einpersonenhaushalte wird verkündet. Bei fast 270.000 Einwohnern sind dies ca. 22 % der Einwohner. Da Familien vor allem in Umlandgemeinden leben ist dies wenig verwunderlich. Bei den Alleinlebenden handelt es sich jedoch mehrheitlich um ältere Witwen - kaum jene Zielgruppe, die den Messeveranstaltern vorschwebt.
            Aber glücklicherweise ist das Potenzial für solch eine Messe wesentlich grösser, denn die vielen Nesthocker und jungen Paare sind einer Freizeitmesse gegenüber sicher aufgeschlossen, zudem sind sie zahlungskräftiger als die Alleinlebenden, schliesslich müssen sie nicht einen Großteil ihres Geldes für teure Wohnungen ausgeben.
            Es gehört zu den Mythen unserer Gesellschaft, dass der Einpersonenhaushalt als der Nabel der Single-Gesellschaft angesehen wird und dass die Single-Gesellschaft zu einer Art Synonym für die Spassgesellschaft geworden ist.
            Solange Berichte über Singles mit Zahlen über Einpersonenhaushalte beginnen, ist an eine realitätsnahe Berichterstattung jedenfalls nicht zu denken...
 
   
  • Wirtschaftswoche: Netzwelt - Spezial Partnerbörsen

    • WIRTSCHAFTSWOCHE (2001): Singles, die keine sein wollen,
      in: Wirtschaftswoche v. 26.06.
      • Kommentar:
        Angesichts der katastrophalen Desinformation ist es ein Wunder, dass es überhaupt noch florierende Branchen gibt. Es gibt wohl keine gesellschaftliche Gruppe, über die so viele Mythen existieren wie über Alleinlebende. Wenn selbst eine angesehene Wirtschaftszeitung Informationen liefert, die man höchstens in sozialpolitischen Debatten vermutet, aber nicht dort, wo seriöse Information existenznotwendig ist, dann ist dies ein Trauerspiel.
              "Der Trend zur Single-Gesellschaft ist da. 13,3 Millionen Menschen in Deutschland lebten 1998 in Einpersonen-Haushalten. Ein weiterer Trend ist: Die Singles wollen meist nicht Single sein. Deshalb versuchen sie ständig, diesen Zustand zu ändern", jubelt die Wirtschaftswoche.
              Wer Alleinwirtschaftende mit Partnersuchenden verwechselt und dann noch vom Alter dieser Gruppe absieht, der möchte Unternehmern ein Potenzial vorgaukeln, das nicht existiert!
              Die mangelhafte Ausstattung von Einpersonenhaushalten mit Internetanschlüssen wird unbesehen den veralteten Daten, aber nicht der Alters- und Einkommensstruktur zur Last gelegt. Das angeblich vorhandene Potenzial schrumpft unter Berücksichtigung dieser Faktoren schnell auf unter 5 Millionen Menschen - eine Zahl, die noch viel zu hoch gegriffen ist, da exakte Daten über partnersuchende Alleinwirtschaftende nicht existieren.
              Ignoriert wird zudem die Tatsache, dass viele Partnersuchende als "Nesthocker" im "Hotel Mama" untergebracht sind. Wenn es ein Potenzial für Kontaktsuchende (dieses ist weit grösser als das Potenzial von Partnersuchenden!) gibt, dann ist dieses nicht auf die Alleinlebenden zu beschränken.
              Gerade in den sogenannten intakten Ehen gibt es ein Bedürfnis nach unverbindlichen Seitensprüngen. Sogenannte "Krypto-Singles" sind weiter verbreitet als so mancher denkt.
    • WIRTSCHAFTSWOCHE (2001): Ein idealer Marktplatz zur Bildung "temporärer Allianzen",,
      in: Wirtschaftswoche v. 26.06.
      • Kommentar:
        In dem Artikel wird der Zeitgeist-Visionär Matthias Horx zitiert, der die Individualisierung zum „Megatrend“ erhoben hat:
              " Hatten noch in den 50er Jahren Arbeitsvertrag, Heirat und Lebensplan ihre Gültigkeit für möglichst die gesamte Dauer des irdischen Daseins, so sind sie heute kündbar, austauschbar und höchst variabel. Was dazu führt, dass die lebenslange Bindung, die Ehe oder Partnerschaft, so genannten 'temporären Allianzen' weicht.
        Im Klartext: Der Wechsel zwischen Single- und Nicht-Single-Dasein. Obwohl gerade erst ein paar Jahre alt, hat sich das Internet schnell als ideales Mittel zur Bildung dieser temporären Allianzen herausgestellt."

              Der Denkersatz "Individualisierung" wird immer dann hervorgeholt, wenn der angebliche "swinging single" gebraucht wird. Wer seine Wohnung wechselt, der muss jedoch noch lange nicht seine Partnerin wechseln und wer alleinwirtschaftet, der ist noch lange nicht partnerlos. Die angebliche Bindungslosigkeit ist in erster Linie ein Artefakt der amtlichen Statistik, das sich mit dem Wunschdenken von verzweifelten Existenzgründern und den Befürchtungen von Sozialpolitkern vereinbaren lässt, aber nicht mit der Wirklichkeit.
    • WIRTSCHAFTSWOCHE (2001): Liebe geht immer: Doch wie damit Geld verdienen?
      in: Wirtschaftswoche v. 26.06.
      • Kommentar:
        Hier wird der Knackpunkt zwar angesprochen, aber zugunsten unbegründeter Euphorie ignoriert:
        "Allen demographischen Daten zufolge müsste das Geschäft mit den Singles das Potenzial zum Mega-Business haben. Der Mainzer Soziologie Professor Stefan Hadril beschreibt in seiner
        Studie 'Die Single-Gesellschaft' den Single als 'finanziell besser gestellt, gebildet und konsumfreudig'.
        Luxusgüter gehören zu des Singles bevorzugter Einkaufsbeute."

              Was die Wirtschaftswoche jedoch verschweigt: HRADIL bezieht sich mit dieser Aussage nicht auf die 13,3 Millionen Menschen in Einpersonenhaushalten, sondern auf die 25-55jährigen Alleinlebenden. Das waren im Jahr 2000 ca. 5,6 Millionen Menschen. HRADIL zieht davon noch die Nicht-Erwerbstätigen ab und unterscheidet zwischen Männern und Frauen.
              Männer dominieren im mittleren Lebensalter, verdienen aber weniger als gleichaltrige Verheiratete. Zudem gehören viele Männer zu den Geringverdienern und nur wenige zu den gutverdienenden Yuppies, die als Zielgruppe der Geschäftemacher anvisiert werden.
              Davon ist jedoch in diesem Artikel nichts zu lesen, stattdessen sieht man die Probleme woanders: "Doch dieses Potenzial ist nur schwer zu nutzen. 'Die Singles können nicht sehr zielgerichtet angesprochen werden, weil sie verschiedenste Altersgruppen und Interessenlagen vereinen', sagt Henrike Fröchling, Geschäftsführerin bei Partnerbörsen-Newcomer Parship.de in Hamburg".
              Das Problem der immensen Einkommensunterschiede und der heterogenen Altersstruktur wird als Problem der Zielgruppen-Ansprache gewertet, aber nicht als Fehleinschätzung des Potenzials selbst.
              Das zweitrangige Problem der Zielgruppen-Ansprache ist das Ergebnis der sozialpolitischen Debatte, in deren Verlauf der Single-Begriff so verwässert worden ist, dass er für die Beschreibung von Partnersuchenden unbrauchbar geworden ist. Die Sozialschmarotzer-Debatte der letzten Zeit dürfte da noch mehr Schaden angerichtet haben.
 
   
  • BEYER, Susanne (2001): Liebe zum Loft.
    Das Leben in umgebauten Fabrikgebäuden ist so populär wie nie zuvor. Da nicht mehr genug alte Gebäude zur Verfügung stehen, bauen Architekten jetzt neue Lofts,
    in: Spiegel Nr.26 v. 25.06.
 
   
  • GROLLE, Johann & Beate LAKOTTA (2001): Heerscharen auf Eis.
    Deutsche Reproduktionsmediziner fordern, Eizellspenden und das Einfrieren von Embyonen zu erlauben. So könnte es bald Zigtausende herrenlose Embryonen geben. Auch dafür haben die Ärzte schon ein Patentrezept: die Adoption,
    in: Spiegel Nr.26 v. 25.06.
    • Kommentar:
      Die Berufsverbände deutscher Gynäkologen und Fortpflanzungsexperten verweisen in einem Positionspapier darauf, "dass Deutschland im internationalen Vergleich suboptimale Schwangerschaftsraten aufweist". Mit solchen bevölkerungspolitischen Argumentationen sind wir meiner Vision vom Deutschland im Jahr 2030 bereits heute näher als so mancher glaubt. Für Bernd Wacker von der Kinderhilfsorganisation "Terre des hommes", leben wir in einer "babysüchtigen Gesellschaft". Adoption verkommt dadurch von einem "Instrument der Kinder- und Jugendhilfe (...) zur Hilfe für unfruchtbare Menschen"
 
   
  • ALBERS, Regina (2001): Neue Chance für Embryonen.
    Fortpflanzungsärzte in Deutschland fordern mehr Rechtssicherheit für den Einsatz neuer Verfahren bei der künstlichen Befruchtung,
    in: Focus Nr.26 v. 25.06.
 
     
   
  • NOLTE, Dorothee (2001): "Migration war der Normalfall, Sesshaftigkeit ein Luxus".
    Die Historiker Klaus Bade und Piet Emmer über Wanderungsbewegungen in Geschichte und Gegenwart,
    in: Tagesspiegel v. 25.06.
 
   
  • TERKESSIDIS, Mark (2001): Rebellion in der Geschmacksdiktatur.
    Pop-Kultur ist anstrengend: Man muss die richtigen Sachen tragen und die richtige Musik hören. Pop ist ganz und gar Konsum geworden. Nun regt sich zaghaft Widerstand. Aber kann man in der Pop-Kultur gegen die Pop-Kultur arbeiten?
    in: Tagesspiegel v. 23.06.
    • Inhalt:
      Die zentrale These von TERKESSIDIS lautet: "Werbung und Marketing haben die rebellischen Gesten der Populärkultur übernommen und deren Protagonisten sprachlos gemacht". Die Kulturkritik ex-linker Provenienz ist demnach heute fester Bestandteil der Konsumideologie geworden. "Was ist heute cool?" gehört zur entscheidenden Frage derjenigen, die in der Konsumgesellschaft nicht sozial isoliert sein wollen. Das Buch "Generation Golf" von Florian ILLIES ist Ausdruck einer Sozialisation durch Massenkultur, die Rebellion durch Konsum ersetzt hat. Das Buch gehört zusammen mit der Popliteratur zur neuesten "Version des bürgerlichen Bildungsromans". TERKESSIDIS erläutert am Beispiel der Band "Blumfeld" sowie der Musiker Jan Delay und Matthew Herbert die verschiedenen Artikulationsweisen von Kritik innerhalb der Populärkultur. Die von David BROOKS als "Bobo" bezeichnete Bildungselite ist das Sinnbild einer sozialen Gruppe, die den rebellischen Gestus mit einem wohlhabenden und erfolgreichen Leben in Einklang gebracht haben. Hinter der Bobo-Fassade verbirgt sich nach Meinung von TERKESSIDIS jedoch das "Schwanken zwischen Angst und Ekel", wie es auch von Jochen Distelmeyer (Blumfeld) und Michel HOUELLEBECQ zum Ausdruck gebracht wird. Was für frühere Bildungseliten die Hochkultur war, das ist für die neue Elite die Populärkultur: "Platten, Videos und Stilfragen sind für die Identität der heutigen Neobürger ebenso bedeutungsvoll wie die Hochkultur in vergangenen Tagen". Jegliche Totalopposition ist für TERKESSIDIS unmöglich: "Auch der Einspruch gegen die konsumistische Differenzkultur ist - eine Differenzgeste. Vor allem dann, wenn dem 'Ihr', von dem sich der Kulturschaffende abwendet, kein soziales 'Wir' mehr gegenübersteht, sondern zunächst bloß ein Individuum." Einzig die Aufklärung über die Popkultur - "Alphabetisierung in Sachen Pop" - weist einen Ausweg aus der "Differenzhölle".
 
   
  • HENKEL, Gabi (2001): Paarorientierte Gesellschaft.
    Eine Studie der Mainzer Uni zufolge gibt es keine Vereinzelungstendenz,
    in: Allgemeine Zeitung Mainz v. 23.06.
    • Kommentar:
      "Auf Basis der Amtsstatistik, die ihre Auswertung auf Haushalte bezieht, wird laut Schneider der Anteil von Singles und Alleinerziehenden in der heutigen Gesellschaft überschätzt. Auch wenn heutzutage 38 Prozent aller Haushalte Ein-Personen-Haushalte sind, machen Singles im Sinne überzeugt Alleinlebender lediglich drei bis vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus."
            Kaum ein Soziologe wagt heute öffentlich solch deutliche Worte. Gemäß SCHNEIDER lebt von den 25- bis 55-Jährigen "jeder Elfte in einer Beziehung ohne gemeinsame Haushaltsführung". Damit sind Partnerschaftsformen wie "Living apart together", "Liebe auf Distanz" oder die Wochenendehe bzw. die Fernliebe gemeint.
            Nicht erwähnt wird jedoch, dass viele zusammenwohnende Paare ebenfalls zu den Einpersonenhaushalten gezählt werden.
 
     
   
  • KNITTLER, Friedrich (2001): Der programmierte Eros.
    Die Liebe im Zeitalter technischer Medien,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 23.06.
    • Textauszug:
      "Es gibt keine Liebe im Zeitalter der Medien, solange diese Zukunft existiert. Es gibt, von der Mätressenwirtschaft bis zur sogenannten Informationsgesellschaft, nur Medien, die Liebe heischen. Nichts wäre daher vermessener, ja trügerischer als der Versuch, eine ursprüngliche Reinheit der Liebe zu beanspruchen, die erst nachträglich von der Mediengeschichte verderbt worden wäre. Im Gegenteil scheint jedes neue Medium neue Versionen oder Perversionen der Liebe wahrhaft hervorgerufen zu haben (...). Heute, nachdem die Mediengeschichte in universalen Turingmaschinen an ein triumphales Ende gelangt ist, stellt sich eher die Umkehrfrage, ob Medien diese Liebe auch in Zukunft noch brauchen werden. Seit Menschengedenken hat Macht darauf beruht, die kulturelle und technische Produktion an die biologische Reproduktion rückzukoppeln. Der Bildungsstaat beruhte auf Literatur, die Massendemokratie auf Broadcast-Medien. Neben die biologische Reproduktion auf Kohlenstoffbasis tritt eine technologische Reproduktion auf Siliziumbasis, deren Wachstumsraten zumindest bisher spielend übertreffen, was immer Natur und Kultur an Wachstumsraten vorgewiesen haben (...). Was aber, wenn der herbeigefürchtete oder herbeigesehnte Cyborg nur ein Trostpflaster auf narzisstische Wunden abgäbe? Wenn die altehrwürdige Kopplung von Medientechnik und Reproduktion zerfiele, weil die Technik von morgen - frei nach Rilke - nicht nur unsere Vernichtung gelassen verschmäht, sondern auch unsere Liebe?
 
   
  • BECK, Ulrich (2001): Zivilgesellschaft light?
    Die Gefahr wächst, dass die Reformidee verwässert wird - oder gar zu einer Parole des Neoliberalismus verkommt,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 23.06.
    • Textauszug:
      "Das Faszinosum der Zivilgesellschaft erklärt sich daher, dass dieser Begriff alte Grenzziehungen aufhebt und an die Stelle der Exklusion Inklusion, Aktivierung, neue Identitäten, Verantwortlichkeiten, Macht- und Aufgabenteilung setzt. Wer also von Zivilgesellschaft in einem politisch gehaltvollen Sinne spricht, meint damit (...) eine Reformidee, die die gesamte Gesellschaft, also auch Politik, Staat, Verwaltung, Wohlfahrtsverbände, Interessenorganisationen, politische Parteien etc. einschließt. Meine Idee der bezahlten, freiwilligen, selbstorganisierten Bürgerarbeit ist in diesem Sinne als inklusives Konzept gedacht, das gerade auch die vermeintlich Nicht-Aktivierbaren aktivieren will, also den Mittelschicht-Bias des bürgerschaftlichen Engagements überwinden will.
      Darauf zielt das Schlüsselkriterium der Bezahlung, weil nur dann diejenigen, die herausgefallen sind, oder herauszufallen drohen, überhaupt eine Chance haben, an den Aktivitäten der Zivilgesellschaft teilzunehmen. Darauf zielt das Merkmal der Mobilität zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Gesellschaft (Bürgerarbeit, Hausarbeit, Erwerbsarbeit). Denn nur wenn die Barrieren abgebaut werden, die einen Wechsel zwischen diesen Tätigkeitsbereichen erschweren oder ausschließen, kann Bürgerarbeit zur Qualifizierungschance, zum Sprungbrett zurück in die Erwerbsarbeit werden.
      (...)
      Zivilgesellschaft ist also gerade kein Kostensenkungsprogramm, nicht die größte denkbare Rationalisierungsmaßnahme im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft. Der Neoliberalismus missbraucht die Lobpreisung der „Zivilgesellschaft“, um Kosten und Probleme auf den so genannten „selbstverantwortlichen Bürger“ abzuwälzen, der dadurch zum „Müllschlucker“ systemischer Widersprüche gemacht wird.
      Die Zivilgesellschaft ist mehr als eine Mittelschichtsveranstaltung. Sie muss für diejenigen geöffnet werden, die von den Gewerkschaften nicht erreicht werden – die Modernisierungsverlierer, die sich oft gar nicht mehr als Bürger begreifen. Die Ersetzung des Begriffs „Bürgerarbeit“ durch den Begriff „bürgerschaftliches Engagement“ signalisiert dagegen einen Rückzug: Bürgerarbeit meint schöpferischer Ungehorsam. „Bürgerschaftliches Engagement“ dagegen ist Zivilgesellschaft light."
 
   
  • DUBIEL, Helmut (2001): Warum ist das Anrufen der Zivilgesellschaft so beliebt?
    Über die bewussten und unbewussten Unbestimmtheiten eines modernen Begriffs,
    in: Frankfurter Rundschau v. 23.06.
 
   
  • BECKMANN, Gerhard (2001): Die Meister des kürzesten Wegs.
    Arbeiten ohne Boss, ohne Druck und ohne Antrieb on außen: Warum die Selbstorganisation der Ameisen so vorbildlich ist,
    in: Süddeutsche Zeitung v. 23.06.
    • Kommentar:
      Für alle, die wie BECKMANN das Menschliche als Last empfinden:
      "Wir sind traumatisiert von innenpolitischen und sozialen Konflikten, von den Verkehrsinfarkten, von den verstopften Verbindungen bei Telefon und Internet, von Selbstblockaden in den Arbeitsabläufen der Firmen, von Blackouts unserer isolierten Denkwege – und moralisieren. Wir fluchen, unentwegt: über 'das System'; über unsere politischen und sozialen, unsere technischen und wirtschaftlichen Strukturen, über die Organigramme der Unternehmen – Probleme, die Ameisen nicht haben." Welche Probleme Ameisen haben, darüber lässt sich BECKMANN leider nicht aus. Irgendeinen Grund muss es aber gehabt haben, dass die Evolution nicht bei den Ameisen stehen geblieben ist...
 
   
  • WINGEN, Max (2001):Die Gesellschaft schrumpft sich krank.
    Familienpolitik und Bevölkerungsrückgang,
    in: Rheinischer Merkur Nr.26 v. 22.06.
    • Kommentar:
      1968 wurden erstmals unter 1.000.000 Kinder in Westdeutschland geboren. 1978 wurde mit 576.000 Kindern der Geburtentiefststand erreicht. Wenn jetzt also - eine Generation später - die Bevölkerung zurückgeht, ist dies eine Folge des Geburtenrückgangs von 1968-1978. Genauso gut lässt sich aber deshalb der Wendepunkt in der Geburtenentwicklung voraussagen - vorausgesetzt es tritt kein Verhaltenswandel ein.
            Seit 1978 sind die Kinderzahlen mehr oder weniger konstant geblieben. Dass also gerade jetzt die Debatte geführt wird, ist also kein Zufall und das Ende wäre auch kein Zufall. In den 70er Jahren wurde die Debatte unter ähnlichen Bedingungen geführt.
            Damals konnte man jedoch noch nicht auf die Single-Haushalte deuten, da deren Zahl noch nicht so bedeutend war. Dieses Kunstprodukt ist geradezu wie geschaffen, um Bevölkerungspolitik durchzusetzen. Mit dem Anstieg der Single-Haushalte kann man Handlungsdruck erzeugen, der sonst nicht so offensichtlich zu Tage treten würde. Die Zahl der Single-Haushalte und überhaupt die Reduzierung des Familienbegriffs auf Familienhaushalte, verbergen das Problem dieser Gesellschaft.
            Sowohl die Änderung der Wirtschaftsweise als auch die Erhöhung der Lebenserwartung sind die eigentlichen Ursachen für die Veränderung der Lebensverhältnisse in Deutschland.
            Mit der Zunahme von Doppelverdienern - vor allem bei Paaren und Familien - ist zwangsläufig eine Explosion der Haushaltszahlen verbunden. Mit Singles hat das also nur wenig zu tun. Alleinlebende haben einen geringeren Lebensstandard als doppelverdienende Paare und doppelverdienende Familien.
            Der Geburtenausfall in den neuen Bundesländern wird von WINGEN totgeschwiegen. Dieses Problem passt einfach nicht zu der Proganda, weil es sich nicht einfach auf Hedonismus zurückführen lässt, sondern den Zusammenhang von Kinderlosigkeit und politisch-ökonomischen Konjunkturen deutlich macht.
  • MERZ, Friedrich (2001): Unser aller Zukunft.
    Kinder zu bekommen ist eine persönliche Entscheidung. Richtig ist aber auch: Kinder haben ist keine Privatsache. Der Staat muss den Rahmen schaffen, dass Paare sich ihren Kinderwunsch heute erfüllen können, ohne nur Nachteile zu haben,
    in: Rheinischer Merkur Nr.26 v. 22.06.
 
     
   
  • GASCHKE, Susanne (2001): Jenseits von Bullerbü.
    In Deutschland wird wieder über Erziehung debattiert: Was brauchen Kinder? Ein Minimum an Idylle. Sie bekommen Fernsehen, Freizeitpartks und Fruchtzwerge,
    in: Die ZEIT Nr.26 v. 21.06.
    • Kommentar:
      Vor 15 Jahren hat man den Unzufriedenen der Republik den guten Rat gegeben: "Geh' doch mal rüber!". Heutzutage benötigt man für die Unzufriedenen der Neuen Mitte schon eine Zeitmaschine, justiert auf die 50er Jahre. Dort könnten sie sich austoben. Aber vielleicht hat das ja bereits jemand getan, denn wie sollte man sonst die Entstehung des Feminismus in den 50er Jahren erklären?
 
   
  • NIEJAHR, Elisabeth (2001): Ein Mann für die Frauen.
    Arbeitgeberchef Braun fordert mehr Unterstützung und größere Chancen,
    in: Die ZEIT Nr.26 v. 21.06.
 
   
  • UCHATIUS, Wolfgang (2001): Wieviel ist die Hausfrau wert?
    Ein Gerichtsurteil bringt den Markt in die Küche,
    in: Die ZEIT Nr.26 v. 21.06.
 
   
  • BOGNER, Alexander (2001): Von Riesen und Zwergen.
    Das Institut für Sozialforschung verhalf der deutschen Soziologie zu Weltruhm. Was wurde aus der Frankfurter Schule? Ein Hausbesuch,
    in: Die ZEIT Nr.26 v. 21.06.
    • Kommentar:
      Der Niedergang einer Disziplin liest sich so: "Der Forscher von heute ernährt keine Familie mehr, weiß Friedeburg. 'Der braucht eine berufstätige Frau, die Lehrerin ist oder so.'" Ansonsten bleibt Heiligenverehrung und ein Strauß von Klischees, die heute vor allem von Ulrich BECK und seiner Individualiserungsthese tradiert werden.
 
     
   
  • DRIBBUSCH, Barbara (2001): Der Niedergang der Hausfrau.
    Auch Mütter finden vor allem im Beruf Identität und Anerkennung,
    in: TAZ v. 21.06.
    • Kommentar:
      DRIBBUSCH übernimmt unkritisch Arbeitsmarktzahlen aus Nürnberg und schliesst aus Zwängen des Arbeitsmarktes unvermittelt auf Identitäten.
 
   
  • REITER, Markus (2001): Geschlossene Gesellschaft.
    Die Leistungsgesellschaft als geschlossene Veranstaltung,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.06.
    • Kommentar:
      Der Darmstädter Soziologe Michael HARTMANN hat die Leistungsgesellschaft an ihren Ansprüchen gemessen und festgestellt, dass nicht allein die Leistung zählt, sondern die Herkunft ausschlaggebend ist (der Franzose Pierre BOURDIEU verwendet dafür den Begriff "Habitus"). Gehobenes Bürgertum und Großbürgertum dominieren die Führungsetagen der Wirtschaft - auch der New Economy. Also nichts mit Yetties! Einen Trost gibt es dann doch noch: "Die politischen Eliten, vor allem in den Volksparteien, sind, was ihre soziale Herkunft angeht, deutlich heterogener. Dies liegt an den unterschiedlichen Rekrutierungsmechanismen von Politik und Wirtschaft. Schließlich muß sich ein Minister auch im Bierzelt wohl fühlen."
 
   
  • KOHSE, Petra (2001): Leerlauf an den Schnittstellen.
    Das sprechende Ich und die Textbausteine: Das gesellschaftliche Reden wandelt sich,
    in: Frankfurter Rundschau v. 20.06.
    • Kommentar:
      Für KOHSE ist das "Ende der Ironie" gleichbedeutend mit einem Aufgehen in der Markenwelt und dem Sprechen in Zitaten (aus der Werbung), aber selbst dort geht es nicht fröhlich zu:
      "Von dem, was uns einander gleichmachen könnte, gibt es letztlich so viel, dass wir am Ende doch wieder einsam und frierend dastehen mit unseren - Metapher! - fünf Paar Socken, sieben Mänteln und drei Hüten am Leibe, unter denen wir fast selbst vergessen, ob wir von Natur aus eher dick oder eher dünn sind." Das sind für KOHSE die Schrecken der
      Individualisierung, die den gesellschaftlichen Konsens gefährden. Aber dort, wo das ICH so wichtig geworden ist, da ist Pop nicht weit. Damit ist die neueste Mode gemeint, mit der sich dem Abgründigen noch etwas Erhabenes abgewinnen lässt.
 
   
  • SCHNEIDER, Rolf (2001): Erlösung aus der Schmuddelecke.
    Warum Pornografie immer gesellschaftsfähiger und langweiliger wird,
    in: Welt v. 19.06.
    • Kommentar:
      Die Sexualdebatte ist gekennzeichnet durch lautes Schweigen! SCHNEIDER behauptet:
            "Unsere abendländische Welt erlebt, das Liebesleben betreffend, die liberalste Epoche ihrer Geschichte (...). Wir wären töricht, wollten wir die Vorzüge dieses Zustandes ignorieren, da Doppelmoral, Verklemmungen und Geschlechtsnöte früherer Zeitalter nunmehr beseitigt sind".
            Verwechselt der Autor vielleicht Medienwelt ("Kulissen des Glücks") und Leben? Sex ist kulturell von etwas Verbotem zu etwas Gebotenem geworden. Dies bezieht sich jedoch zuallererst auf das Reden über Sex und das Zeigen von Sex. (siehe hierzu auch meinen Kommentar zu DRIBBUSCH in der TAZ vom 21.04.2001)
            Über das Vorhandensein von Dopppelmoral, Verklemmungen und Geschlechtsnöte IN der Gesellschaft sagt dies jedoch nichts aus, auch wenn SCHNEIDER schreibt: "Es handelt sich dabei um die verbale Entsprechung zu Vorgängen, die nachdrücklich die Ästhetik prägen, welche ihrerseits mindestens in unserem Kulturraum in einem dialektischen Rückwirkungsverhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit steht."
            Was viel eher zu beobachten ist, das ist die Selbstreferenzialität von Feuilletonschreiberlingen (hierzu gehört vor allem Mariam LAU), die eine Art fröhlichen Zitierclub bilden. Das Werk des Systemtheoretikers und Gesellschaftsanalytikers LUHMANN (siehe hierzu auch den Tagesspiegel vom 16.06.2001) kreist genau um diese Eigenlogiken, die UNABHÄNGIG von anderen gesellschaftlichen Phänomenen existieren.
            Aus dem Verkaufserfolg der Bücher von Michel HOUELLEBECQ könnte man sogar folgern, dass unsere Gesellschaft von einer sexuellen Demokratie weit entfernt ist. Das laute Schweigen der Sexualdebatte zu diesem Thema würde für diese These sprechen.
 
   
  • LAU, Mariam (2001): Madonna: Wer sie gewesen sein wird, bleibt vorerst offen,
    in: Welt v. 19.06.
 
   
  • FLEISCHMANN, Daniel (2001): Man ist nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt.
    Auch zwischen 40 und 60 Jahren ist man vor Lebenskrisen nicht gefeit. Ein Gespräch mit Soziologieprofessor François Höpflinger,
    in: Schaffhausener Nachrichten v. 19.06.
    • Inhalt:
      Der Familiensoziologe HÖPFLINGER nennt Gründe für das neue Interesse an den 40-60jährigen: "Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen steigt die Zahl der über 40-jährigen und der über 50-jährigen Frauen und Männer aus demografischen Gründen rasch an; gleichzeitig handelt es sich bei den 40- bis 60-Jährigen oft um wohlhabende Frauen und Männer, welche auch die Werbung entdeckt. Zum anderen erfordern gesellschaftliche und technische Wandlungen in dieser Lebensphase verstärkte Neuorientierungen. Immer mehr Frauen und Männer wechseln nach 40 ihren Beruf, und immer mehr Personen fühlen sich auch mit 50 und 60 Jahren durchaus aktiv, leistungsbereit oder modisch ausgerichtet."
      Das Problem der Vierzigjährigen umreisst HÖPFLINGER folgendermassen:
      "Erstens verschiebt sich die Lebensperspektive, weil das Leben, welches vor einem liegt, kürzer sein wird als das bisherige. Man ist nicht mehr «jung», aber auch noch nicht «alt». Die postmoderne Version einer «midlife crisis» kann sich daraus ergeben, dass endgültig von einer jugendnahen Freizeitwelt Abschied genommen werden muss. Zweitens erfahren viele Menschen zwischen 40 und 60 Jahren das Erwachsenwerden ihrer Kinder und das Altern und Absterben ihrer eigenen Eltern. Plötzlich gehört man selbst zur «ältesten Generation». Drittens werden in dieser Lebensphase biografische Festlegungen erstmals in ihrer ganzen Härte sichtbar. Die einen sehen, dass ursprüngliche berufliche und familiäre Ziele nicht mehr erreichbar sind. Im Beruf wird man von Jüngeren überholt, und man kommt an seine Karrieregrenzen. Die anderen realisieren umgekehrt, dass sie zwar fast alles erreicht haben, was sie sich in der Jugend erträumt haben - gutes Einkommen, hohes Ansehen -, aber sie merken, dass sie damit am Sinn des Lebens vorbeigelebt haben. Beides - Misserfolg oder hohler Erfolg - kann zu einer «midlife crisis» beitragen."
      • Kommentar:
        Möglicherweise ist die fatalistische Sichtweise der "Generation Luhmann" Ausdruck ihrer "midlife-crisis"...
 
   
  • HEILBRUNN, Jacob (2001): Alles Schall und Raum.
    Historischer Lichtspielpalast im Wohnzimmer: Amerikas neue Lieblingsfreizeitbeschäftigung heißt "Home Theater",
    in: Süddeutsche Zeitung v. 19.06.
    • Kommentar:
      "Früher-war-alles-besser"-Lamento auf Feuilletonniveau und auf dem neuesten Stand der Technik. Seit Faith POPCORN den schillernden Begriff "Cocooning" geprägt hat, wandert er in allen möglichen Versionen durch die zivilsationskritischen Feuilletons:
            "Wie auch immer, das Kino in den eigenen vier Wänden ist zur Zeit der große Renner. 'Das Heimtheater fördert die Familienwerte!' behauptete der Chef der Consumer Electronics Association, Gary Smith, in Manhattan. Das Gegenteil ist richtig. Das Heimtheater erlaubt es jedem Zuschauer, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen; vor allem macht es ihn aber zum Sklaven der Technik."
            Was das Schöne daran ist: die Technikkritiker dieser Art von Technikkritik besitzen einen blinden Fleck: Die Technik, mit der diese Kritiker aus einer gealterten Technik-Generation gross geworden ist, ist so zur Selbstverständlichkeit geworden, dass sie gar nicht mehr als Technik wahrgenommen wird. Eines ist jedoch sicher: Die nächste Technik-Generation kommt bestimmt und ihre Kritiker leben bereits, denn sie richten sich gerade im Heimtheater ein!
 
   
  • THÜRINGER ALLGMEINE (2001): Eine Liebe für den Sonntag.
    Mobilität, Flexibilität, das wünschen sich viele Firmen von ihren Mitarbeitern. Rund 80 000 Thüringer pendeln zur Arbeit in Nachbar-Bundesländer. Manchmal ziehen sie der Arbeit auch weit hinterher. Dann muss die Liebe, muss die Familie warten -meist bis zum Wochenende,
    in: Thüringer Allgemeine v. 18.06.
 
   
  • JAHBERG, Heike (2001): Bahnfahren,
    in: Tagesspiegel v. 18.06.
 
   
  • LSW (2001): Weibliche Singles verdienen weniger,
    in: Stuttgarter Nachrichten v. 18.06.
    • Kommentar:
      Wie Nachrichten zustande kommen, das zeigt sich an der Pressemeldung der Stuttgarter Nachrichten, die sich auf eine Pressemeldung des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg vom 13.Juni 2001 bezieht: demnach verdienen 28 % der allein stehenden Männern unter 1800 DM, während 40 Prozent der weiblichen Singles zu den Wenigverdienern zählen.
            Das Statistische Landesamt meldet ausführlicher: "Deutliche Einkommensunterschiede zeigen sich auch zwischen Männern und Frauen: Das Statistische Landesamt verwies darauf, dass z.B. von den weiblichen Singles nahezu 40 Prozent mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1 800 DM auskommen mussten, von den männlichen Einpersonenhaushalten hingegen nur 28 Prozent. Demgegenüber verfügten mehr als 8 Prozent der alleinlebenden Männer, jedoch nur knapp 3 Prozent der alleinlebenden Frauen über ein Einkommen von mehr als 5 000 DM. Nicht nur zwischen männlichen und weiblichen Singles, sondern beispielsweise auch zwischen erwerbstätigen Männern und Frauen sind Einkommensunterschiede zu beobachten. Hinter dem Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen dürften verschiedene Gründe stehen: So führen u.a. die – oftmals familienbedingte – geringere Erwerbsbeteiligung der Frauen, der höhere Anteil an Teilzeiterwerbstätigkeit sowie das durchschnittlich geringere berufliche Ausbildungsniveau zu einer insgesamt schlechteren Einkommenslage bei Frauen."
            Was sowohl die Zeitung als auch das Statistische Landesamt verschweigt, ist ein Skandal ganz anderer Art.
            Die Zahlen sind wenig aussagekräftig, weil weder das Alter noch die Zahl der Betroffenen genannt wird.
            Nicht die gering verdienenden Frauen sind der Skandal, sondern die geringverdienenden Männer!
            Dieses Thema wird in der Öffentlichkeit aufgrund familienpolitischer Interessenlagen tabuisiert! Alleinlebende Frauen sind in erster Linie verwitwete Rentnerinnen, während alleinlebende (und nicht alleinstehende, wie die Stuttgarter Nachrichten fälschlicherweise schreibt) Männer im mittleren Lebensalter dominieren. Es ist ein Skandal, wenn ältere Frauen mit Männern im mittleren Lebensalter verglichen werden und dies so dargestellt wird, als ob vergleichbare Gruppen miteinander verglichen werden. Eine solche Verfälschung mittels statistischer Daten ist jedoch die Regel und nicht die Ausnahme. Was möchte man damit erreichen, dass Lohn- bzw. Gehaltsempfänger mit Renten- bzw. Pensionsempfängerinnen verglichen werden, ohne dass dies aus den Zahlen sichtbar wird? Wenn schon Zahlen, dann bitte solche, die etwas aussagen! Wenn ein Mann im mittleren Lebensalter zu den Geringverdienenden gehört, dann ist das anders zu bewerten als eine "geringverdienende" Frau im hohen Alter. Es zeigt, dass das Yuppie-Klischee für alleinlebende Männer nicht stimmt, wenn nur 8 % (vor allem im besten Alter!) zu den Spitzenverdienern gehören, dafür aber 28 % zu den Geringverdienenden. Durchschnittszahlen bei den Einkommen von Alleinlebenden verschleiern üblicherweise die einkommensmässige Spaltung der Alleinlebenden.
 
   
  • HONDRICH, Karl Otto (2001): Eine globale Wirtschaft braucht eine kulturelle Basis.
    Sozialpolitische Herausforderungen in den alten Industrieländern,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.06.
    • Kommentar:
      "Nicht die grosse Zahl der Arbeitenden und des Arbeitsnachwuchses, sondern ihre Produktivität und Solidarität mit der nicht arbeitenden Bevölkerung sind die beiden Pfeiler, auf denen der Sozialstaat materiell ruht", heisst das Credo des Frankfurter Soziologen. In Gefahr sieht er die Solidarität, einerseits durch Private Versicherungen und andererseits durch die Grundrente.
            Wie lange müssen wir auf den «Krieg der Generationen» warten? "Die Antwort lautet: unendlich lange. Zumindest so lange, wie die Wirtschaft produktiv ist, die politischen Institutionen zur Regelung von Verteilungskonflikten funktionieren und die Generationen durch persönliche Zuneigung, durch die Liebe zwischen Eltern und Kindern, einander verbunden sind.
      Destabilisierung droht dem Gesamtsystem vielmehr aus einer ganz anderen Richtung, nämlich aus dem Zusammenhang zwischen steigender Produktivität und sinkender Reproduktivität (...). Die Befürchtung, dass dadurch die Wirtschaftskraft mangels Arbeitskräften und die sozialen Sicherungssysteme mangels Beitragszahlern erlahmen würden, ist aber unbegründet: Produktivitätssteigerungen ersetzen die fehlenden Arbeitskräfte, sie stellen sozusagen die künstliche Jugend der alten Gesellschaften dar."

            Es wäre nicht HONDRICH, wenn diese schizoide Argumentation (HONDRICH argumentiert mit makrosoziologischem Pessimismus gegen seinen mikrosoziologischen Optimismus) nicht am Schluss doch noch den Einsatz der Moralkeule erforderlich machen würde:
            "Zu den tiefsten moralischen Voraussetzungen aller Sozialität gehört das Gegenseitigkeitsprinzip «Wie du mir, so ich dir». Es gebietet uns, uns auch tätig zurückzuwenden zu den Eltern, um ihnen das zu vergelten, was sie für uns getan haben. Gerade in der Beziehung zu den eigenen Eltern kann aber Reziprozität nicht nur ein Zurückgeben sein. Denn das Wichtigste, was uns die Eltern gegeben haben, ist das Leben. Das Leben können wir den Eltern nicht zurückgeben. Wir können es nur weitergeben, indem wir selbst Eltern werden. Die fortgeschrittenen Industriegesellschaften, die von Generation zu Generation immer mehr Elternschaft und Jugend empfangen, als sie zurück- und weitergeben, geraten damit in ein Ungleichgewicht, das sie vielleicht in ihrem moralischen Innersten erschüttert."
            Der Krieg der Generationen, den HONDRICH oben noch abstreitet, kommt also durch die moralische Hintertür!
 
   
  • NASSEHI, Armin (2001): Die melancholische Theorie.
    Niklas Luhmann hat Adorno als soziologische Leitfigur abgelöst. Denn die Systemtheorie beschreibt die Gesellschaft in Paradoxien - und passt damit zu unserem skeptischen Lebensgefühl,
    in: Tagesspiegel v. 16.06.
    • Kommentar:
      NASSEHI bekennt sich zur "Generation Luhmann" (siehe hierzu Diedrich DIEDERICHSEN), die Gesellschaft fatalistisch als Kommunikationszusammenhang auffasst. Anscheinend hat diese Generation ihre Erfahrungen wie Matthias HORX oder Reinhard MOHR in der zerfallenden Wohngemeinschaftskultur unter Über-ICH-Einfluss der 68er "Generation Kritik" gewonnen und neigt deshalb zum gegenteiligen Affekt:
            "Die Kritik-Generation hatte noch ein unbändiges Vertrauen in Kommunikation, in die Kraft der kommunikativen Verflüssigung, wie man sagte. Ehen und Partnerschaften, Erziehung und Kunst, Politik und Religion wurden radikalen Verständigungsprozessen ausgesetzt. Doch vielleicht lässt sich Gemeinsamkeit, Übereinstimmung, vielleicht sogar: Versöhnung, nur schweigend erreichen, durch bloße wechselseitige Wahrnehmung, vielleicht nur als Mimesis. Das Problem ist nur, dass man zuvor durch das Fegefeuer der Kommunikation muss. Und das trennt eher. Auch das Schweigen wird wieder Kommunikationsanlässe bieten. Es gibt kein Entrinnen. Exakt das ist vielleicht die neue generationstypische Denkfigur, an die die systemtheoretische Soziologie andockt: die Denkfigur einer Dynamik der Geschlossenheit, die noch die Ausbruchsversuche aus der Geschlossenheit in sie hineinsaugt."
            NASSEHIs Sicht vom "Fluch der Kommunikation" ist wohl genauso irrwitzig wie die naive Vorstellung vom "Segen der Kommunikation". Aus dem gleichen Missverständnis heraus ist möglicherweise aber heute Familie wieder Pop! Aber wie man Familie nicht herbeireden und das Single-Dasein nicht wegreden kann, ist der Gesellschaft vielleicht die ganze Kommunikation total egal...
      • Infos zu Armin NASSEHI
 
   
  • BOHRER, Karl Heinz (2001): Erinnerungslosigkeit.
    Ein Defizit der gesellschaftskritischen Intelligenz,
    in: Frankfurter Rundschau v. 16.06.
    • Kommentar:
      BOHRER steht für den Frontalangriff auf die in die Jahre gekommene "Nouvelle Vague der Geschichtswissenschaft". Darunter versteht er die Versozialwissenschaftlichung der Geschichtswissenschaft. BOHRER möchte der nationalen Identitätsbildung nachhelfen, damit in Deutschland endlich eine "nationale Zivilisation" entstehen kann.
 
       
       
   

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Zu den News vom 1. bis 15. Juni 2001

 
       
   
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