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News vom 15. - 31. Dezember 2012

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Mythen und Legenden

"»Hochgebildete Frauen bekommen kaum noch Kinder«

Was wir heute wissen: Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen ist deutlich höher als die anderer Frauen. Jedoch wurde das Ausmaß der Kinderlosigkeit in der Vergangenheit aufgrund fehlender Daten zu hoch eingeschätzt. Zum Beispiel zeigen aktuelle Mikrozensusergebnisse aus dem Jahr 2008 für Deutschland, dass 28 Prozent der um 1965 geborenen Akademikerinnen kinderlos bleiben."
(aus: Zukunft mit Kindern, herausgegeben von Günter Stock u.a., 2012, S.26f.)

 
 
       
   

SZ (2012): Ideen, die uns bleiben & Gefällt mir,
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.12.

JHL geht im Feuilleton dem neuen Biedermeier im Jahr 2012 nach. Eine Idee, die wahrlich seit dem 19. Jahrhundert ständig neu ausgerufen wird. Witzigerweise wird es in der SZ mit der Zeitschrift Landlust und der Wochenzeitung Die Zeit assoziiert, letztere hat 2007 das Bionade-Biedermeier im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg gesichtet. Nicht nur in der SZ findet man das neue Biedermeier dagegen unter dem Stichwort neue Bürgerlichkeit. Den Mummy Porn gibt es nicht online, sondern nur gedruckt. Wie bieder!

Auf der Medienseite haben einige SZ-Autoren den Gefällt mir-Button gedrückt, natürlich nur bildlich gesprochen. Hans-Jürgen JAKOBS lobt das neoliberale Kampfblatt The Economist, Heribert PRANTL ist für das Münchner Lokalkolorit zuständig: Die Gazette. Holger GERTZ findet im TV-Mainstream der Tatort-Reihe, das anscheinend ganz andere: den Homo Faber, denn nur die Irren sind heutzutage noch normal. Und Marc Felix SERRAO hat in Harald MARTENSTEIN (schwimmt seit geraumer Zeit auf der Welle der Konformität des Anderssein) den letzten Hippie ausgemacht.          

 
   

BARTSCH, Michael (2012): Eltern tatkräftig unterstützt.
Sachsen-Anhalt: Das Bundesland will ab August nicht nur den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige garantieren, sondern auch deren Ganztagsbetreuung,
in: TAZ v. 31.12.

 
   

JELLEN, Reinhard (2012): Großfamilie 2.0.
Der Trendforscher Eike Wenzel über die Zukunft,
in: Telepolis v. 31.12.

 
   

DITTRICH, Monika (2012): Bei den Krippenplätzen mangelt es an der Qualität.
Familienpolitik im Jahr 2013: Betreuungsgeld versus Krippenausbau,
in: DeutschlandRadio v. 30.12.

 
   

HELD, Gerd (2012): Verteidigung des Herdes.
Der Streit über das Betreuungsgeld wird zum Kulturkampf, der die Bedeutung der Privatsphäre angreift. Das wird der Vielfalt der Beziehungen, die das häusliche Leben bietet, nicht gerecht,
in: Welt v. 29.12.

 
   

MÜLLER, Wolfgang (2012): Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse.
Szene West: Sunshine trifft Karl Lagerfeld, die Genialen Dilletanten treiben Unfug im piefigen Westberlin. In "Subkultur Westberlin 1979-1989" erzählt Wolfgang Müller, was im Exil, im Risiko und im Anderen Ufer los war und was es zu bedeuten hat. Ein Auszug,
in: TAZ Berlin v. 29.12.

 
   

KARRER, Sabine (2012): Großstadtliebe gesucht.
Singles auf urbaner Partnersuche: Viel Auswahl macht noch keine Liebe,
in: Wiener Zeitung Online v. 26.12.

 
   

SCHADE, Alexandra & Roderick PANCAUD (2012): "Natürlich sind wir eine Bühne für Hipster".
Das Sankt Oberholz ist als Heimat der digitalen Boheme über die Stadtgrenzen Berlins hinaus bekannt. Gespräch mit dem Betreiber Ansgar Oberholz über Start-up-Groupies, die sich ändernde Arbeitswelt und die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen,
in: The Europeen v. 26.12.

 
   

MINKMAR, Nils (2012): Die große Müdigkeit.
Ausgebrannt zu sein ist heute kein persönliches Schicksal mehr, sondern ein gesellschaftliches. Es rührt von einem System, das die Kosten historischer Umbrüche immer nur auf denselben Schultern ablädt. Von der politischen Ursache eines privaten Gefühls,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.12.

 
   

LEYEN, Ursula von der (2012): Kinder sind willkommen.
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ist zuversichtlich: Deutschland wird familienfreundlicher, und junge Paare werden mehr Lust auf Nachwuchs bekommen,
in: Welt am Sonntag v. 23.12.

 
   

BAUM, Antonia (2012): Töchter einer Revolution.
Warum der Feminismus noch lange nicht erledigt ist,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

lm Einklang mit der BIB-Broschüre, die westdeutschen Frauen ein veraltetes Mutterbild bescheinigt, erklärt die Schriftstellerin Antonia BAUM:

"Wie viel leichtsinniger, lebensgefährlicher, ja kopfverdrehter ist es, den eigenen Kopf an eine fremde Firma zu verkaufen, die ihn, über kurz oder lang, zu einem passenden Firmenwürfel deformiert, als einfach zu Hause zu bleiben. Es wäre so schön, würden die feministischen Schwestern und die über ihre Würfel-Förmigkeit erbitterten einem diesen Wunsch nicht zum Vorwurf machen. Zu Hause könnte ich (Akademikerin, gebärfähig, kinderlos) mir auch vorstellen, Kinder zu bekommen, die ich mit viel Liebe zu Akademikern erziehen würde. Denn wie viel leichtsinniger, lebensgefährlicher, ja kopfverdrehter wäre es, würde ich, wie es weithin für richtig gehalten wird, meinen Kopf an eine Firma verkaufen UND ein Kind bekommen? Das arme Kind! Von einer gestressten Würfel-Mutter und dem dazugehörigen Würfel-Vater unausgesetzt wegrationalisiert zu werden, möchte ich ihm nicht zumuten."

Damit outet sich Antonia BAUM als wahre Enkelin von Norbert BLÜM.

Auch Karen KRÜGER hält sich strikt an die Vorgaben der BIB-Broschüre, kritisiert höchstens deren Fokus auf die Kultur der Kinderlosigkeit bzw. die freiwillige Kinderlosigkeit.

Im dem kürzlich erschienenen Buch Zukunft mit Kindern wird ein Paradigmenwechsel gefordert: im Fokus des Aufklärungsunterrichts soll zukünftig die ungewollte Kinderlosigkeit stehen. In diesem Sinne kritisiert KRÜGER:

"Im »Guardian« stand kürzlich (Anmerkung: vor fast einem halben Jahr) ein kluger Artikel über ungewollte Kinderlosigkeit. Die Journalistin Kate Brian wies darauf hin, dass es im Sexualunterricht letztendlich immer nur darum gehe, wie Schwangerschaften verhindert werden können. Um ungewollte, nicht medizinisch begründete Kinderlosigkeit ginge es hingegen nie, und das, obwohl in einer Klasse, in der dreißig Schüler sitzen, mindestens fünf Mädchen davon betroffen sein werden (die Zahl ungewollter Schwangerschaften ist weitaus geringer). Noch viel wichtiger als diese Beobachtung, die, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke oder mich mit meiner Schwester, die Lehrerin ist, unterhalte, offenbar auch immer noch für Deutschland gilt, war das, was ein gewisser Professor Michael Reiss dazu der Journalistin vom »Guardian« erklärte. Früher sei die Situation immer so dargestellt worden, als wolle jedes Mädchen möglichst früh Mutter werden: »Unbewusst werden solche Themen noch immer durch die Sichtweisen vorangehender Generationen abgesteckt.«". 

KRÜGER, Karen (2012): Kinder einer Generation.
Warum wir ein neues Mutterbild brauchen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

 
   

HOFFMANN, Christiane (2012): Markt und Familie,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

 
   

MAAK, Niklas (2012): Ungewohnte Nähe.
Die heilige Kleinfamilie gibt es nicht mehr: Japanische Architekten bauen Häuser für die Familien der Zukunft,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

 
   

WEIGUNY, Bettina (2012): Generation Weichei.
Freizeit statt Karriere, Sabbatical statt Stress: Die jungen Leute geben für den Beruf nicht mehr alles: Fortschritt oder Verfall?
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.12.

Bettina WEIGUNY benutzt das angestaubte Etikett "Generation Y", das bereits seit Anfang der 1990er Jahre im Umlauf ist, und seitdem für die Generation, die nach Douglas COUPLANDs Generation X kommt, steht. In Deutschland hat der BWL-Professor Christian SCHOLZ vor 10 Jahren die Generation Y als Anfang der 1970er Jahre Geborene definiert. Nun also definiert WEIGUNY als Echo von KarriereSpiegel und anderen Wirtschaftspostillen, die Generation Y als nach 1985 Geborene. Mehr als Klischees, die man in nachrichtenarmen Zeiten gerne mal wieder aus der Mottenkiste hervorkramt, um Seiten zu füllen, gibt es nicht, weshalb WEIGUNY am Schluss "Beruhigendes über die Generation der Karriereverweigerer" zu berichten hat.   

 
   

SCHIRG, Oliver (2012): Allein, aber nicht einsam.
Hamburger Haushalte: In 52 Prozent von Hamburgs Haushalten lebt nur eine Person. Viele der Singles in der Hansestadt sind mit der Situation aber ganz zufrieden,
in: Hamburger Abendblatt v. 22.12.

 
   

Die Broschüre (Keine) Lust auf Kinder? in den Medien

FAZ-Thema (2012): Warum ist das mit den Kindern so kompliziert?
Trotz aller Anreize werden wenig Kinder geboren. Das größte Hindernis, so fand das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heraus, sind die kulturellen Einstellungen: Das Leben mit Kindern gilt als anstrengend und soll perfekt gelingen. Muss das so sein? Was sollte sich ändern?

GEYER, Christian (2012): Kinderhirn in der Vaterzeit,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

KARICH, Swantje (2012): Morgen, Kinder, wird's euch geben,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

STROBEL Y SERRA, Jakob (2012): Familienfreunde sind ein Fluch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

HUCKLENBROICH, Christina (2012): Mütter im Konflikt,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

SCHULZ, Stefan (2012): Firma anstatt Familie,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

MÜHL, Melanie (2012): Gestrandet auf der Familieninsel,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

KILB, Andreas (2012): Macht Kinder endlich steuerfrei!
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

LÜBBERDING, Frank (2012): Kochen und Kinder als Lifestyle,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

KEGEL, Sandra (2012): Kinder als Schule der Improvisation,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.12.

 
   

MESSMER, Susanne (2012): Kommt mal zur Besinnung!
Durchatmen: Was tun, wenn einem der Stress in der Stadt über den Kopf wächst? Ein Spaziergang mit dem Flaneur und Autor David Wagner - und eine Gebrauchsanweisung, wie man im dichtesten Gewimmel zur Ruhe kommt,
in: TAZ Berlin v. 21.12.

 
   

TAN, Daniela (2012): Wie man in Japan die Jahreswende begeht.
Aufbruch zum Leben: Unter dem Firnis der (post)modernen Industrie- und Informationsgesellschaft lebt in Japan eine Zeit weiter, die tief vom Glauben an die Naturgewalten und ihre Rhythmen geprägt war. Selbst junge Leute wenden sich heute vermehrt der shintoistischen Tradition zu,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 21.12.

 
   

ROSENDORFF, Kathrin (2012): Mann, wo steckst du bloß?
Die Frankfurter Autorin Juli Rautenberg hat einen Dating-Marathon absolviert – und ein hochkomisches Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch über Putz-Autisten, Verdauungsprobleme und echte Liebe,
in: Frankfurter Rundschau Online v. 20.12.

 
   

DUWE, Silvio (2012): Altersarmut? Selber schuld!
Der Wissenschaftliche Beirat bei Röslers Wirtschaftsministerium betreibt Klassenkampf von oben,
in: Telepolis v. 19.12.

 
   

Die Broschüre (Keine) Lust auf Kinder? in den Medien

RASCHE, Uta (2012): Immer weniger Deutsche wollen Kinder.
Bei Geburtenrate und Kinderwunsch gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Hinderlich sei nicht zuletzt das kulturelle Leitbild einer „guten Mutter“, die zu Hause erzieht, so eine Studie,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.12.

"Die Studie weist auch daraufhin, dass fast ein Drittel (31,6 Prozent) der Akademikerinnen Geburtsjahrgänge 1965 bis1969 kinderlos geblieben seien",

lügt uns Uta RASCHE an. Datenstand war zum einen 2008 und nicht 2012. Die Akademikerinnen des Jahrgangs 1969 waren also erst 38 bzw. 39 Jahre alt, obwohl westdeutsche Akademikerinnen auch in diesem Alter noch erste Kinder bekommen, wie die überhöhten Zahlen zur Akademikerinnenkinderlosigkeit bis Mitte der Nuller Jahre gezeigt haben.

Zudem handelt es sich lediglich um die westdeutschen Akademikerinnen (Broschüre S.52). Der Wert für Deutschland betrug 2008 nur 29,9 % (Broschüre S.24), aber dann könnte man eben nicht von "fast einem Drittel" faseln. Eine Zahl, die Herwig BIRG  Anfang des Jahrtausends den gesamten Jahrgängen  1965 - 1969 und nicht nur den Akademikerinnen andichtete. Eine Zahl, der inzwischen sozusagen mythische oder sogar magische Bedeutung im Bevölkerungsdiskurs zukommt.

SCHMOLLACK, Simone (2012): Schuld ist der Perfektionismus.
Familie: Trotz Kinder- und Elterngeld und verbesserter Betreuungsangebote bleibt die Geburtenrate niedrig,
in: TAZ v. 18.12.

"Geht es hierzulande endlich aufwärts mit der schwachen Reproduktionsfreudigkeit? Nein. Das belegt seit Montag eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden und bestätigt damit bekannte Fakten: Die Geburtenrate in Deutschland beträgt seit vielen Jahren 1,39 Kinder pro Frau",

behauptet Simone SCHMOLLACK. Dagegen heißt es in der Broschüre:

"Die zusammengefasste Geburtenziffer, berechnet nach Kalenderjahren, liegt in der Bundesrepublik seit 1975 zwischen 1,24 und 1,45 Kindern pro Frau und erreichte im Jahr 2010 einen Wert von 1,39."

SCHMOLLACK verkauft uns also den Wert von 2010 als Wert der letzten Jahre. 2011 lag der Wert bei 1,36. Warum werden wir mit alten Werten abgespeist? Weil es gerade zu den Argumenten passt?

GAULHOFER, Karl & Ulrike WEISER (2012): Lieber kinderlos als "Rabenmutter".
Warum bekommen Frauen so wenige Kinder? Eine deutsche Studie zeigt, dass sich viele die Elternrolle nicht mehr zutrauen. Zudem gibt es zunehmend andere Ziele im Leben. Das gilt auch für Österreich,
in: Die Presse v. 18.12.

 
   

DDP/EPD/AP (2012): Die Deutschen haben keine Lust auf Kinder.
Der Kinderwunsch ist hierzulande deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Ländern Europas. Schuld daran ist laut Studie das Mutterbild,
in: Berliner Morgenpost v. 17.12.

Es gibt nichts Neues zur Geburtenentwicklung in Deutschland? Macht nichts! Bringen wir einfach eine Broschüre mit den Best of Hits heraus, weshalb das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nun eine neue Broschüre mit dem Titel (Keine) Lust auf Kinder? in der nachrichtenarmen Vorweihnachtszeit lanciert. Das BIB wärmt darin nochmals seine altbekannten Thesen zur Kinderlosigkeit in Deutschland auf.

Die Daten zur Kinderlosigkeit stammen aus dem Jahr 2008, weil die Politik aktuelle Daten erst wieder mit dem Mikrozensus 2012 erheben ließ, dessen Ergebnisse aber erst nächstes Jahr veröffentlicht werden. Man darf nicht zu Unrecht vermuten, dass diese wieder einmal zu Wahlkampfzwecken missbraucht werden. Oder warum hat man sonst diesen Veröffentlichungstermin gewählt?

 
   

KLOEPFER, Inge (2012): "Der Kapitalismus zersetzt die Familie - ganz subtil".
Die Wirtschaft verlangt größte Flexibilität. Die Familie beruht auf Stabilität - und zieht den Kürzeren, sagt der Philosoph Dieter Thomä,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.12.

 
   

SIEMS, Dorothea (2012): Die Mär vom Absturz.
Wer heute jung ist, wird im Alter weniger Geld haben als seine Eltern. Wer sehr jung ist, noch weniger. Länger arbeiten müssen alle. Damit muss man erst mal klarkommen,
in: Welt v. 15.12.

"Allein in dieser Woche kamen zwei Studien auf den Markt, die hierauf eine gegensätzliche Antwort geben. Die konservative Konrad-Adenauer-Stiftung kommt zu dem Schluss: Deutschlands Mitte ist stabil. Das eher gewerkschaftsfreundliche Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) attestiert der hiesigen Mittelschicht dagegen Schwindsucht. Erstaunlicherweise argumentieren beide Lager auf der gleichen Faktenbasis. Es ist die Interpretation, die den Unterschied macht. Definiert man die Mittelschicht breit und rechnet alle Personen dazu, die mindestens 60 Prozent und höchstens das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, hat sich die Bevölkerungsstruktur in den vergangenen Jahren wenig verändert. Beschränkt man die Mittelschicht dagegen wie das DIW auf den Einkommensbereich zwischen 70 und 150 Prozent, zählen heute weniger dazu als noch 1998",

behauptet Dorothea SIEMS, um dann zum Fehlschluss zu kommen:

"Die bürgerlichen Schichten sind in aller Regel nicht auf die fürsorgliche Unterstützung von Vater Staat angewiesen. Eigenverantwortung, Fleiß und Bildungswillen gehören hier zum Selbstverständnis."

Tatsächlich widerspricht sogar die von SIEMS als "konservative Deutung" bezeichnete Mittelschicht der Konrad-Adenauer-Stiftung dieser Sichtweise:

"Die mittlere Einkommensschicht ist in Deutschland also wesentlich größer, als sie ohne Steuern, Abgaben und Transferzahlungen des Staates wäre. Der staatliche Eingriff wirkt folglich mittelschichtsvergrößernd." (2012, S.41)

Ergo: Ohne Umverteilung wäre auch die Mittelschicht im Sinne der Konrad-Adenauer-Stiftung, definiert zwischen 60 bis 200 Prozent des Medians, nicht stabil, sondern geschrumpft. Der Soziologe Berthold VOGEL spricht deswegen von der Staatsabhängigkeit der Mittelschicht, während der Zyniker Walter WÜLLENWEBER in seinem Pamphlet Die Asozialen diesen Aspekt ausblendet, denn nicht die Unterschicht ruiniert das Land, sondern große Teile der Mittelschicht profitieren von der Problemdefinition "Unterschicht".   

 
   

POLITYCKI, Matthias (2012): Was bringt den Schriftsteller zum Schreiben?
Der Autor und die Schräglage zur Welt,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 15.12.

 
       
 

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[email protected] Stand: 19. Februar 2013