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Medienrundschau:

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News vom 10. - 13. April 2012

 
 
   
  • Frühjahrsthema: Die mediale Inszenierung des Baby-Booms im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg - Eine kommentierte Bibliografie
 
 
   

Zitat des Monats:

Mythos Kultur der Kinderlosigkeit

"Der Kanon in der öffentlichen Debatte geht in Richtung, dass der hohe Anteil von Kinderlosen einer »Kultur der Kinderlosigkeit« oder einem »Lebensstil kinderlos« geschuldet ist (...). Meine Analysen bestätigen dies nicht, sondern stellen vielmehr heraus, dass die sozialstrukturelle Positionierung im Sozialgefüge, basierend auf den vertikalen Ungleichheitsdimensionen Bildung, Ausbildung, Berufsprestige und letztlich in der sozialen Schichtzugehörigkeit, wichtige Determinanten sind, die im Paar wirksam werden und das Fertilitätsverhalten beeinflussen - nicht aber die Lebensführung. Es scheint vor diesem Hintergrund nicht zuzutreffen, was exemplarisch die Welt am Sonntag schreibt:

»Wir werden dreißig, fünfunddreißig, vierzig beim Grübeln im Drei-Zimmer-Single-Appartement über die Frage, ob der derzeitige Partner wohl der Richtige ist und ob ein Kind mit drei Reisen pro Jahr vereinbar sein könnte.« (Keese 2006:2)

Auch wenn diese vielgetätigte Vermutung, dass der gewählte Lebensstil eine Familiengründung verhindert, unseren Erfahrungen im Alltag partiell entspricht, so muss doch konstatiert werden - wie die empirische Analyse hier zeigt - dass sie vielleicht nur einer phänomenologischen Alltagsbeschreibung für bestimmte soziale Gruppen entsprechen."
(aus: Rabea Krätschmer-Hahn "Kinderlosigkeit in Deutschland", 2012, S.216)

 
 
       
   

SCHOBIN, Janosch (2012): Mit Würde allein sein.
Einsamkeit: Dauerhafte Kontaktlosigkeit gilt heute als individuelles Scheitern. Diese Deutung zementiert die Isolation. Dabei gibt es Alternativen,
in:
TAZ v. 13.04.

Janosch SCHOBIN glorifiziert eine angeblich positiv erfahrende Einsamkeit in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland. Damals soll man noch in Würde einsam gewesen sein:

"In der Nachkriegszeit traf die Einsamkeit diejenigen, die ihre Familienangehörigen und Freunde in den Konzentrationslagern, auf den Schlachtfeldern, im Bombenhagel oder in den Nachkriegswirren verloren hatten: also potenziell alle. Vereinsamung gehörte zum kollektiven Schicksal einer gescheiterten Gesellschaft. Das Wirtschaftswunder und die darauf folgenden Wohlstandsjahre brachten hingegen eine prädestinierte Trägergruppe der Einsamkeit hervor: die Aufsteiger und ihre Familien"

Es handelt sich dabei um eine Heroisierung des Aufsteigertums der 68er-Generation im Nachhinein, das eher eine sehr kleine Gruppe betraf, die sich jedoch medial herausragend inszenierte. Die Normalität des Aufsteigers dagegen hat mit diesem inszenierten männlichen Heroentum nichts zu tun.

"Das Selbstverständnis von der geopferten Generation trägt in den Jahrgängen geringer Geburtenzahlen und kleiner Aussichten nicht mehr weit",

doziert SCHOBIN. Hier wird den geburtenstarken Jahrgängen ein Selbstverständnis untergeschoben, das nicht existiert. Die Babyboomer eine geopferte Generation? Schön wäre es, denn dann würde die reaktionäre Rhetorik unserer Eliten nicht verfangen, sondern es gäbe einen Aufschrei der Empörung angesichts der gegenwärtigen bevölkerungspolitischen Medienkampagne.

Die Soziologisierung der Einsamkeit wie sie hier propagiert wird, passt zur Umdeutung der Einsamkeit der letzten Jahre, in denen das unternehmerische Selbst im Mittelpunkt steht.

"Das Gefühl des Einsamseins häuft sich mittlerweile in einer disparaten Gruppe von Menschen, die sich nicht so recht zusammenbringen lassen: bei den Alten, Erwerbslosen und Alleinstehenden",

berichtet SCHOBIN. Und das soll in der Nachkriegszeit anders gewesen sein? Man spürt hier eine gewaltige Sehnsucht nach Verklärung, die sehr viel mit dem Ideal des unternehmerischen Selbst und der Inszenierung der neuen Bürgerlichkeit der Generation Berlin zu tun hat.

 
   

BAUREITEL, Ulrike (2012): "Jetzt fehlen nur noch die Spielregeln".
Embryonencheck: In Lübeck warten die Reproduktionsmediziner noch auf eine Verordnung, um die PID durchführen zu können, sagt Professor Klaus Diedrich. Ein erstes PID-Kind kam dort schon zur Welt,
in:
TAZ v. 13.04.

 
   

SCHULTE, Ulrich (2012): "Das Betreuungsgeld ist modern".
Familienpolitik: In Thüringen wird Eltern, die ihr Kleinkind zu Hause betreuen, "Landeserziehungsgeld" gezahlt. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hält die Befürchtungen der KritikerInnen für überzogen,
in:
TAZ v. 13.04.

 
   

BAUM, Carla (2012): Gegrillte Heuschrecken und "Pussy-Pingpong".
Brief aus Bangkok: Hier hemmungslose Mallorca-Touris und dort kultivierte Individualreisende? Von wegen! Eine Abrechnung mit der Backpackerszene,
in:
TAZ v. 13.04.

Das Gegenmodell zum Hipster ist der Tourist, behauptete Tobias RAPP im modischen Hipster-Buch. Auf Carla BAUM angewandt: der Hipster-Backpacker muss sich gegenüber dem gewöhnlichen Touristen-Backpacker unterscheiden können. Die Blaupause für diese Art der feinen Unterschiede hat Christian KRACHT bereits vor über einem Jahrzehnt geliefert:

"Das ist eben Schantih. Oder, anders ausgedrückt. Drittwelttourismus der allerübelsten Art. Denn moralisch fragwürdig, das ist nicht die Chartertouristen in ihren ausgegrenzten Kluburlaubsghettos. Nein, diese bringen Arbeitsplätze nach Goa (...). Verachtenswert, das sind diejenigen, die sich aus Hedonismus der Welt entsagen".
(aus: "Après nous le déluge. Goa 1998", 2000, S.103)

 
   

Der Kampf gegen die späte Elternschaft wirft unangenehme Fragen auf

BAHNSEN, Ulrich (2012): Gefährliche Spermien.
Behinderungen: Nicht nur alte Mütter, auch alte Väter stellen für den Nachwuchs ein genetisches Risiko dar,
in:
Die ZEIT Nr.16 v. 12.04.

Der späten Elternschaft, in erster Linie also der späten Mutterschaft, vermehrt aber auch der späten Vaterschaft, wird seit einigen Jahren nicht nur in Deutschland vehement der Kampf angesagt. Sie wird bevölkerungspolitisch als Ursache für die Kinderarmut betrachtet und eine reaktionäre Familienpolitik à la Paul KIRCHHOF verspricht sich davon eine Rückkehr zur Natürlichkeit:

"Die Ausbildungs- und Erwerbsbiographien sind so umzugestalten, dass die jungen Menschen in Zukunft die Frage der Familiengründung nicht mehr verspätet stellen. Während wir derzeit deutlich nach Vollendung des 30. Lebensjahres, wenn der Eintritt in das Berufsleben vollzogen und die Berufsposition gefestigt ist, die Frage einer Familiengründung ernstlich erwägen, sollte in Zukunft die Entscheidung über eine Familie um zehn Jahre vorverlegt werden. Nach einem schulischen Abschluss - auch dem im Gymnasium - mit spätestens 17 Jahren sollte sich eine Phase der Berufsqualifikation - einschließlich eines Hochschulabschlusses - von etwa fünf Jahren anschließen. Danach, also im Alter von 22 bis 25 Jahren, sollten die Menschen ihre Freiheit zur Familie, zum Kind wahrnehmen. Bei der Bewerbung um Arbeitsstellen oder um eine weitere Berufsqualifikation sollten sie sodann vorrangig berücksichtigt werden, weil sie eine Doppelleistung - die familiäre und die berufliche - erbringen. Der Lebensrhythmus wird wieder natürlicher."

Es stellt sich dann aber eine unangenehme Frage: Wurde etwa einer ganzen Generation, also den Babyboomern, ein   unnatürlicher Lebensrhythmus von jenen aufgezwungen, die sie nun durch eine reaktionäre Familienpolitik zum zweiten Mal bestrafen wollen? Wenn jetzt die Rücknahme der Verlängerung von  Ausbildungszeiten unproblematisch erscheint, wirft dies eben auch ein bezeichnendes Licht auf die Ursachen der Verlängerung. Wurde die Arbeitsmarktkrise seit den 1970er Jahren nicht zu Lasten der Babyboomer dahingehend gelöst, dass sie im Bildungssystem ruhig gestellt wurden? Jetzt, da sich am Horizont ein möglicher Arbeitskräftemangel abzeichnet, lassen sich die Bildungswege plötzlich ohne Probleme auflösen?

Es könnte also gut sein, dass die Babyboomer den reaktionären Eliten in Zukunft ein paar unangenehme Fragen stellen. Denn die bevölkerungspolitischen Implikationen, die Reaktionäre von Jens SPAHN über Meinhard MIEGEL, Hans-Werner SINN bis Paul KIRCHHOF bislang entworfen haben, könnten ganz andere Schlussfolgerungen aufwerfen.

Wurden die Babyboomer betrogen? Sind sie nicht die wahren Opfer, statt die angeblichen Täter als die sie von den Reaktionären gesehen werden? Was, wenn der Hedonismus in Wahrheit ein Zwangshedonismus war? Ruhig gestellt in den Bildungsanstalten der Republik? Ist Individualisierung dann nicht ein Schönreden von unnatürlichen Lebensrhythmen gewesen?

Man darf also in Zukunft auf die Nebenwirkungen dieser reaktionären Politik gespannt sein!

 
   

Katja Kullmann - Rasende Ruinen

SCHMITZ, Katharina (2012): Ist das wirklich das neue Berlin?
Reportage: Katja Kullmann besucht das gebeutelte Detroit und trifft dort auf zupackende Menschen,
in:
Freitag Nr.15 v. 12.04.

 
   

SCHMOLLACK, Simone (2012): Personalausweis ohne Geschlechtsangaben.
Serie - Was wollen die Piraten?: Für Piraten ist Familie da, wo sich Erwachsene um Kinder und Alte kümmern. Die Partei will das Ehegattensplitting abschaffen sowie Homosexuellen Adoptionen erleichtern. Und im Ausweis soll nicht mehr die Angabe "weiblich" oder "männlich" stehen,
in:
TAZ v. 11.04.

 
   

NW (2012): Mehr als Statistik.
Demographie-Fachleute wollen künftig mehr miteinander kommunizieren,
in:
Neue Westfälische v. 11.04.

"Logisch auch, dass mehr Singles in der Gesellschaft mehr kleinere Wohnungen nachfragen. »Die Anzahl der Haushalte nimmt bei abnehmender Bevölkerung zu«, sagt Diplom-Volkswirt Reinhard Loos von der Uni Bielefeld. Und als Mitarbeiter im Forschungsprojekt kennt er auch die Hintergründe. »Single-Frauen ziehen nicht zum Arbeitsort, wenn sie befristete Arbeitsverhältnisse haben, das ist zu teuer. Verwitwete Ehepartner bleiben allein in der angestammten Wohnung.«"

lautet der etwas zu einfach dargestellte Sachverhalt. Aufgrund der Heterogenität der Alleinlebenden, sind Prognosen selten zutreffend. Wurde in der Vergangenheit der Zuwachs an Einpersonenhaushalten meist unterschätzt, so könnte er in Zukunft überschätzt werden. 

 
   

KIRCHHOF, Paul (2012): Deutschland wächst mit seinen Kindern.
Wachstumsdebatte: Die Zukunft der Sozialsysteme hängt nicht an der abstrakten Wirtschaftsleistung, sondern vor allem an den Kindern: ein Plädoyer gegen den blinden Ökonomismus,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.04.

Der BIERDECKEL-Professor Paul KIRCHHOF widmet sich nach seinem gescheiterten Bierdeckel-Steuerreformvorhaben seiner reaktionären Bierdeckel-Familienpolitik.

 
       
 

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Bernd Kittlaus
[email protected] Stand: 23. April 2012