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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
   
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Medienberichte über single-dasein.de
 
 
 
   

News vom 11. - 31. Juli 2014

 
 
     
 
   

Zitat des Monats:

Wie die Singlephase zur normalen Lebensphase geworden ist

"Blickt man nur etwa 60, 70 Jahre zurück, galt es als suspekt, allein zu leben, und wer keinen Partner hatte, fühlte sich oft ausgegrenzt. Ledige Frauen, »ewige Jungfern«, standen im Verdacht, frigide zu sein oder sonst einen Makel zu haben, unverheiratete Männer galten als Käuze.
Doch Deutschland hat sich gewandelt. Je größer die Bildungschancen für alle wurden, desto geringer war die Notwendigkeit, einen solventen Partner finden zu müssen. Die wachsende Zahl der Alleinlebenden rief die Wissenschaft auf den Plan: Eine der ersten großen Studien zum Thema verfasste der Soziologe Stefan Hradil 1995 (...). Sie hieß
(...) »Die Single-Gesellschaft« (...).
Damals ging man davon aus, dass »Single« eine selbst gewählte Lebensform sei, für die sich besonders karrierefixierte Menschen entschieden. (...).
Zwischen Paaren und Alleinstehenden gibt es gibt es (...) immer noch eine Trennlinie (...): Die gegenseitigen Vorbehalte erinnern an den Konflikt zwischen berufstätigen und nicht berufstätigen Müttern. Man wertet sich gegenseitig ab. (...). Dabei ist die Trennlinie in Wahrheit längst fließend. Wer heute Single ist, war gestern meist Teil einer Paarbeziehung, jede dritte Ehe wird geschieden. Zwei Drittel aller Singles sind nach etwas zwei Jahren sowieso wieder liiert.
Der Mensch braucht beides. Autonomie, um sich weiterzuentwickeln. Bindung, um sich sicher zu fühlen."
(Inga Olfen, Nina Poelchau & Cathrin  Wißmann "Ich habe 728 Verehrer" im Stern Nr.27 v. 26.06.2014, S.73f.)

 
       
       
   

PENNEKAMP, Johannes (2014): Die neue deutsche Wachstumsbescheidenheit.
Deutschland muss sich auf Jahrzehnte mit Mini-Wachstum gefasst machen, sagen Forscher. Das liegt vor allem an der demographischen Entwicklung. Sind die fetten Jahren tatsächlich bald vorbei?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31.07.

Anlässlich eines Kongresses der "Degrowth"-Bewegung, die eine Wachstumswende propagiert, hinterfragt Johannes PENNEKAMP die Grundannahmen dieses Demographismus:

"Die erweiterte Freizügigkeit in der EU und die Krise in mehreren europäischen Ländern des Euroraums haben einen »temporären Zuwanderungsboom« gebracht, fassen die Ökonomen der Deutschen Bank zusammen. Man bräuchte eine Nettowanderung von 500000 Menschen jedes Jahr in den kommenden beiden Jahrzehnten, um das Schrumpfen zu verhindern. »Das ist unrealistisch«, sagt der Ökonom Weidensteiner."

Bedroht aber eine schrumpfende Bevölkerung tatsächlich den gesellschaftlichen Wohlstand? PENNEKAMP wirft ein, dass das individuelle Pro-Kopf-Einkommen trotz Schrumpfung wachsen kann.

"Unsicherheiten über künftige Innovationen und damit einhergehende Produktivitätssprünge (sind) die große Unbekannte in allen Berechnungen",

meint PENNEKAMP. Mit Verweis auf das Buch The Second Machine Age von Erik BRYNJOLFSSON & Andrew McAFEE sieht PENNEKAMP neue Innovationen kommen, die die negativen Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs auffangen können. 

 
   

ZUCKER, Lou (2014): Daddy, lass was springen.
Käuflich: Mehr als drei Millionen Menschen weltweit suchen im Internet explizit nach einem Partner, der entweder Status oder Jugend verspricht,
in:
TAZ v. 30.07.

 
   

GEYER, Christian (2014): Ein Fall von Tendenzforschung.
Eine vom Familienministerium in Auftrag gegebene Studie will herausgefunden haben, dass das Betreuungsgeld die Bildungschancen von Migrantenkindern schmälert. Doch die Untersuchung ist methodisch fragwürdig und liefert verzerrte Ergebnisse,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.07.

"145.769 Familien bekamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im ersten Quartal dieses Jahres Betreuungsgeld. Rund 100.000 Elternpaare von ihnen haben die ForscherInnen des DJI und der TU Dortmund befragt",

schrieb vorgestern Simone SCHMOLLACK in der taz. Nun behauptet Christian GEYER:

"Die Befragung fand obendrein vor Einführung des Betreuungsgeldes statt und konnte also nur die Pläne, nicht das tatsächliche Verhalten der Eltern erheben."

Was also stimmt? Wann bekommen wir endlich die Studie zu lesen, um uns selber ein Bild machen zu können, statt der angeblichen Qualitätspresse ausgeliefert zu sein, die jeweils nur ihre eigenen politischen Standpunkte gelten lassen will?

 
   

LOHRE, Matthias (2014): Dit wird nüscht mit uns.
Wohngemeinschaften galten als Links. Heute sind sie die Heimat der Strukturkonservativen,
in:
TAZ v. 30.07.

Matthias LOHRE hat im Jungle World-Dossier die WG-Annoncen studiert. Wohngemeinschaften werden gerne gegen das Alleinwohnen abgegrenzt, was zum einen statistischer Blödsinn ist und zum anderen dem Mythos geschuldet ist, dass WGs sozialer als Alleinwohnende seien. Tatsächlich sind es jedoch in erster Linie Wohngemeinschaften, die mit Familien um Wohnungen konkurrieren. In dem Beitrag Zurück in die Stadt des Bundesinstituts für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) heißt es dazu:

"Studierende suchen in der Regel zwar preisgünstigen Wohnraum. Da sie jedoch meist noch nur wenig Wohnfläche brauchen und sich häufig zu Wohngemeinschaften zusammenschließen, sind sie auch in eher hochpreisigen Stadtquartieren am Wohnungsmarkt konkurrenzfähig bzw. verdrängen Familienhaushalte."
(2011, S.16)

Entgegen der politisch korrekten Propagierung der Wohngemeinschaften und der Verdammung junger Alleinwohnender, sind gerade WGs gut gebildeter Mittelschichtler die Hauptkonkurrenten junger Familien auf den großstädtischen Wohnungsmärkten.   

 
   

RÜFFER, Lisa (2014): Der verhinderte Vater.
Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 100 000 Kinder abgetrieben. Die Entscheidung, ob eine Schwangerschaft abgebrochen werden soll, ist allein den Frauen vorbehalten. Die Erzeuger müssen damit leben. Manche Männer aber können das nicht. Porträt eines Ohnmächtigen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.07.

 
   
Aus Politik und Zeitgeschichte-Thema: Nachhaltigkeit

BOJANOWSKI, Axel (2014): Verwirrende Werbefloskel,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.31-32 v. 28.07.

"Der Begriff »Nachhaltigkeit« verschleiert die komplexen Zusammenhänge in der Natur und die zwischen Umwelt und Gesellschaft. Er liefert keine Antwort, sondern wirft Fragen auf. Der Begriff ist schädlich. Überlassen wir ihn listigen Verkäufern,"

meint Axel BOJANOWSKI. Nachhaltigkeit bedeutet als  "nachhaltige Familienpolitik" lediglich eine Umverteilung von unten nach oben, also eine qualitative Bevölkerungspolitik, die in erster Linie das Akademikermilieu subventioniert. In der Generationenrhetorik wird mit Nachhaltigkeit die Zunahme sozialer Ungleichheit innerhalb einer Generation verschleiert.

 
   

SCHMOLLACK, Simone (2014): Herdprämie macht dumm.
Familie: Kinder entwickeln sich dann am besten, wenn sie in ihrem ersten Lebensjahr zu Hause betreut werden und danach in die Kita gehen, haben Experten herausgefunden,
in:
TAZ v. 28.07.

"Mütter oder auch Väter im Hartz-IV-Bezug, die ihr einjähriges Kind nicht in eine Kita schicken wollen, müssen Betreuungsgeld beantragen. Dies erklärte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit auf Anfrage. Wenn die Frau sich entscheide, ihr Kind nicht in die Kita zu geben, dann greife Paragraf 12 im Sozialgesetzbuch II, nach dem andere Sozialleistungen »vorrangig« in Anspruch genommen werden müssen, so die Sprecherin",

heißt es auf taz.de vom Oktober 2013. Die hohen Zahlen beim Betreuungsgeld, die nun erhoben worden sind, zeigen offenbar vor allem eins: Der Erfolg des Betreuungsgeldes bei gering Qualifizierten ist im politischen System vorprogrammiert worden.

Zudem würde man die Studie lieber selber lesen, statt unüberprüfbare Zahlen von Meinungsmedien vorgesetzt zu bekommen. Aber die Studie wurde bislang offenbar nur dem Spiegel zugänglich gemacht und wird erst noch veröffentlicht. Im Bericht von Simone SCHMOLLACK vermisst man die wichtigsten Zahlen: Wie viele der Betreuungsgeldbezieher sind allein nur aufgrund der Regelungen des Sozialgesetzbuchs II gezwungen das Betreuungsgeld zu beziehen, um die Betreuungsgeldstatistik aufzuhübschen?

"Und noch etwas zeigt die Meldung exemplarisch: Wie Fakten im eigenen Sinne ausgelegt werden können. (...) Ein Zeichen dafür, dass es häufiger um Selbstdarstellung geht und seltener um die Betroffenen",

schreibt SCHMOLLACK über die Parteiinterpreten. Leider gilt das auch für sie selber, denn ein Hinweis auf die Mechanismen, die das Betreuungsgeld erst zum fragwürdigen Erfolg gemacht haben, wäre im Sinne journalistischer Aufklärung angebracht gewesen. 

 
   

ROST, Norbert (2014): Von Hoyerswerda lernen.
Aufstieg und Fall der Lausitzer Braunkohle und ihrer Städte: Hoyerswerda und Weisswasser mahnen, wie wacklig unsere fossile Industriekultur sein kann,
in:
Telepolis v. 27.07.

"Binnen 20 Jahren versiebenfachte die Kleinstadt Hoyerswerda im 20. Jahrhundert ihre Bewohnerzahl. Braunkohle war der Magnet, dem alle folgten, und seit er seine Kraft verlor, schrumpft die Stadt ins Bodenlose", meint Norbert ROST. Bereits im Jahr 2003 behauptete die Stadtsoziologin Christine HANNEMANN, dass Hoyerswerda überall sei. Schrumpfende Städte werden uns gerne als demografisches Problem, d.h. verursacht durch den demografischen Wandel, verkauft. Tatsächlich wird Schrumpfung in erster Linie durch die Wirtschaftsstruktur bestimmt. Erst wenn die Wirtschaft im Niedergang begriffen ist, kommt es zum Bevölkerungsrückgang und zum dadurch ausgelösten Altersstrukturwandel. ROST macht es sich jedoch zu einfach, die Bevölkerungsentwicklung von Hoyerswerda allein auf den Bedeutungsverlust der Braunkohle zu schieben. Damit werden Deindustrialisierungsprozesse im Zuge der Wiedervereinigung sowie der Imageschaden durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in den 1990er Jahren verharmlost.     

 
   

SCHRENK, Jakob (2014): Wird schon.
Sind Männer wirklich nur als Patriarchen oder Schluffis unterwegs? Auf dem Weg zur Gleichberechtigung sind sie weiter, als sie selber glauben. Darüber darf man sich auch mal freuen, findet unser Autor,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 26.07.

 
   

Deutsche Kommunen im demografischen Wandel. Oder: Wie die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme die deutsche Politik bestimmt

ZSCHIECK, Marco (2014): Eine Stadt läuft aus dem Ruder.
Potsdam: Brandenburgs Hauptstadt boomt: Touristen lieben sie, Familien leben gern dort, die Wirtschaft wächst. Nun zeigen sich die Schattenseiten der raschen Veränderungen: Bezahlbare Wohnungen sind Mangelware, Schulen fehlen, und auch beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs gibt es Probleme,
in:
TAZ Berlin v. 26.07.

Deutschland ist durch ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung gekennzeichnet. Während jedoch schrumpfende Städte im Fokus der Debatte um den demografischen Wandel standen, wird schnelles Wachstum aufgrund der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme nicht als Problem wahrgenommen. Potsdam gehört zu den deutschen Großstädten, deren Problem das schnelle Wachstum ist. Marco ZSCHIECK schildert die Probleme und im Berliner Thema der taz geht es um (ausbleibende) Gentrifizierungskritik und Statistik.

 
   

SEIBOLD, Karin (2014): Freiheit statt Liebe - Singles über 70 wollen allein bleiben.
Die Hälfte der alleinstehenden Senioren bleibt gern solo. Das ergab eine repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg. Die eigene Person mit allen Marotten geht vor,
in:
Augsburger Allgemeine Online v. 25.07.

Alleinstehende Senioren galten in den 1970er Jahren, als der Single-Begriff in Deutschland populär wurde, eher nicht als Singles. Die repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung ist eine Auftragsstudie für ein Apothekenmagazin, d.h. PR. Alleinstehend definiert Wikipedia folgendermaßen:

"Als Alleinstehender oder umgangssprachlich als Anglizismus als Single wird eine erwachsene Person bezeichnet, die ohne feste soziale Bindung an eine Partnerin oder einen Partner sowie ohne minderjährige Kinder im Haushalt lebt. Nach dieser Definition sind Alleinerziehende keine Singles."

Ein Alleinstehender wäre demnach ein Alleinlebender. Partnerlose sind jedoch nicht identisch mit Alleinlebenden, die auch Partnerschaften führen können, jedoch mit getrennter Haushaltsführung. Oder anders formuliert: Alleinleben und feste Partnerschaften müssen heutzutage keine Gegensätze sein, sondern können in unterschiedlichen Abstufungen vermischt sein. Hinter dem Gegensatz steckt das Ideal der symbiotischen Partnerschaft.

Der Begriff "alleinstehend" wird aber auch im Sinne von unverheiratet, d.h. als Familienstand verwendet. Insbesondere ältere Menschen könnten also ein anderes Begriffsverständnis haben. In diesem Zusammenhang wäre es also wichtig zu wissen, wie die Frage in der Umfrage genau formuliert wurde.

Während der Begriff "Senioren" auf ältere Männer hindeutet, dominieren im Alter alleinlebende Seniorinnen, das gilt umso mehr als es um über 70-Jährige geht. Und es galt vor einem Jahrzehnt in Westdeutschland noch stärker als heutzutage.   

 
   

GÖBEL, Malte (2014): Bye-bye Lovelite.
Abschied: Das Lovelite war mehr als ein Club. 15 Jahre lang bot es Raum für Kunst, Theater und Kiezinitiativen. Nun muss es doch Eigentumswohnungen weichen. Für den Kiez in Friedrichshain bedeutet das eine Zäsur,
in:
TAZ Berlin v. 25.07.

 
   

HAFNER, Gerhard (2014): Mann, oh Mann.
Studie: Sie kämpfen vor allem im Internet gegen Feminismus und Emanzipation. Aber eine einheitliche Bewegung sind Maskulisten nicht,
in:
Freitag Nr.30 v. 24.07.

Gerhard HAFNER berichtet u.a. über neue Tendenzen bei der Männerrechtsbewegung:

"Der Verein »Väteraufbruch für Kinder« wurde noch vor vier Jahren in der Vorgängerstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung von Thomas Gesterkamp in die Riege derjenigen Organisationen eingeordnet, die den »Geschlechterkampf von rechts« vorantreiben. Inzwischen ist der Verein aber Mitglied im Bundesforum Männer, in dem sich vor vier Jahren Organisationen zu einem »Interessenverband für Jungen, Männer und Väter« zusammengeschlossen haben. Er ist komplementär zum Deutschen Frauenrat als Dachverband zahlreicher Frauenverbände konzipiert und soll – gefördert vom Bundesfamilienministerium – die Männerpolitik in den Fokus der Geschlechterveränderungen rücken."

 
   

HAMMER, Bettina (2014): Wahlrecht für Kinder und Jugendliche: vermeintliches Einzelproblem.
Die Forderung nach einem Wahlrecht für Kinder und Jugendliche, die Felix Finkbeiner mit viel Medienbegleitung erhebt, streift auch viele andere Themenbereiche. Doch eine Auseinandersetzung damit fehlt bisher,
in:
Telepolis v. 24.07.

 
   

KONICZ, Tomasz (2014): Raum ohne Volk.
Der Boom der deutschen Metropolregionen geht mit der Entvölkerung weiter Landstriche in der Peripherie der Bundesrepublik einher,
in:
Telepolis v. 23.07.

Deutschland ist durch ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung gekennzeichnet. Insbesondere die Großstädte wachsen, während die Peripherie verödet. Ursache ist die Wissensökonomie, deren Konzentrationsprozesse von der Politik zusätzlich verschärft werden. Der neoliberalen Standortlogik folgend, geraten schrumpfende Kommunen in einen Abwärtssog. Anders als es das private Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung propagiert, ist Schrumpfung aber kein Problem des demografischen Wandels an sich, sondern ein ökonomisches Problem, das demografische Folgen zeitigt. Schrumpfungsprozesse verstetigen sich in ökonomisch abgehängten Regionen, während andernorts Großstädte an ihre Wachstumsgrenzen gelangen. Statt dem jedoch politisch entgegen zu wirken, erfolgt das genaue Gegenteil. Die boomenden Städte überbieten sich mit der Schaffung von neuem Wohnraum. Was aber wenn neue wirtschaftliche Entwicklungen diese Trends obsolet machen? Was aber, wenn die Bevölkerungsentwicklung ganz anders verläuft und sich nicht an die Bevölkerungsvorausberechnungen hält? Die Zukunft ist offen auch wenn Bevölkerungswissenschaftler das Gegenteil verkünden. Die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme bietet scheinbaren Halt in unsicheren Zeiten. Dies könnte jedoch fatale Folgen für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands haben.   

 
   

ENGELEN-KEFER, Ursula (2014): Freihandel gegen Sozialstaat.
TTIP: US-Konzerne könnten Deutschland wegen Wettbewerbsnachteilen infolge der erheblich höheren Sozialversicherungsbeiträge verklagen,
in:
TAZ v. 22.07.

 
   

BECKER, Wiebke (2014): Deutschland wächst und schrumpft.
Jahrelang hieß es, die Bevölkerung schrumpfe. Jetzt stimmt das nicht mehr - aber viele Wissenschaftler glauben immer noch daran,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.07.

Wiebke BECKER erzählt nochmals die Geschichte, wie mit der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung die Agenda 2010 gerechtfertigt wurde, verschweigt aber, dass der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG insbesondere von Frank SCHIRRMACHER in der FAZ hofiert wurde, in der er in 10 Lektionen die FAZ-Leser belehrte und diese Belehrung als Die ausgefallene Generation auch als Buch veröffentlichte. BIRG gehört immer noch zu den Uneinsichtigen, die ihre Zahlen aus dem Jahr 1997, wonach im Jahr 2050 (Gerd BOSBACH bezeichnet das zu Recht als Kaffeesatzleserei) in Deutschland 68 Millionen Menschen leben werden, weiterhin - gegen jegliche Realität - verteidigen.

BECKER kritisiert nun, dass die Bevölkerungswissenschaftler die Entwicklung weiterhin als unausweichlich ausgeben, obwohl Wanderungen nicht vorhersehbar seien. Das kann man höchstens als schlechten Witz bezeichnen. Tatsächlich sind alle Faktoren unvorhersehbar. Auch die Geburtenentwicklung kann sich ändern genauso wie die Entwicklung der Lebenserwartung. Es verwundert deshalb kaum, dass Bevölkerungswissenschaftler immer nur jenen Faktor als unvorhersehbar betrachten, der ihnen gerade einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Nachdem der Babyboom in den 1960er Jahren für alle Bevölkerungswissenschaftler völlig überraschend kam - wurde auf einmal die Geburtenentwicklung als unvorhersehbar eingeordnet. Zu deutsch: Von Bevölkerungswissenschaftlern wird immer nur das zugeben, was überhaupt nicht mehr zu leugnen ist. Ansonsten gilt ihr schlichtes Motto: Die Zukunft wird sein wie die Vergangenheit.

Ende des Jahres will das Statistische Bundesamt eine erneute Bevölkerungsvorausberechnung veröffentlichen. Dagegen hat das Statistische Landesamt Baden-Württemberg bereits im Juni eine neue Bevölkerungsvorausberechnung auf Basis des Zensus 2011 vorgelegt, die zeigt, wohin die Entwicklung geht: Innerhalb von nur 12 Jahren hat das Statistische Landesamt seine Bevölkerungsvorausberechnung für 2050 von 8,8 Millionen Baden-Württemberger auf 10,3 Millionen erhöht, d.h. um 1,5 Millionen Menschen bzw. 17 Prozent.

WEBER zitiert Axel BÖRSCH-SUPAN, der statt von BIRGs 68 Millionen von 78 Millionen Menschen ausgeht, die 2050 in Deutschland leben werden:

"Axel Börsch-Supan (...) meint, die hohe Zuwanderung verschiebe das Schrumpfen Deutschlands um etwa 10 Jahre in die Zukunft und schwäche es weiter ab."

Viel besser wäre es, solche Langfristvorausberechnungen ganz zu verbieten oder als Alternative die Pflicht einzuführen, die Differenz zu den vorangegangenen Vorausberechnungen detailliert aufzuzeigen. Man würde damit der politischen Willkür einen Riegel vorschieben. Solange die Devise lautet Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? werden wir weiter mit unrealistischen Horrorszenarien traktiert, die lediglich ein Ziel haben: Politik als unausweichlich zu rechtfertigen.

Welche fatalen Folgen es hat, dass Deutschland auf Schrumpfung fixiert ist, das wird hier und hier thematisiert. 

 
   

SCHAAF, Julia (2014): Ich muss ihr doch dankbar sein.
Seit Jahren pflegt die Tochter ihre hinfällige Mutter. Recht machen kann sie es ihr nie. Doch Aufgeben kommt für sie nicht in Frage,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.07.

 
   

FRITZEN, Florentine (2014): Kita-Deutschland kurz vorm Ziel.
Jahrelang hieß es, die Bevölkerung schrumpfe. Jetzt stimmt das nicht mehr - aber viele Wissenschaftler glauben immer noch daran,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.07.

Florentine FRITZEN macht Front gegen den Kitaausbau, indem sie hervorhebt, dass die "private Betreuung" durch Mütter immer noch von der Mehrheit der Eltern gewünscht wird.

 
   

SIEDENBIEDEL, Christian (2014): Versuchen Sie einmal, ein Haus wegzutragen.
Immobilien sind eine ganz eigene Art von Eigentum: Man kann sie nicht verpflanzen, kann nicht einfach die Mieter feuern, und wenn es ganz schlimm kommt, werden sie auch noch Objekte von Spekulationsblasen. Ein Essay über das Haus in Zeiten steigender Preise,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.07.

 
   

SCHIPPER, Lena (2014): Überleben in London.
Die Immobilienpreise in London steigen in irrwitzige Höhen. Banker flüchten aufs Land. Und junge Leute hausen schon mal im Wandschrank ihrer Freunde,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.07.

 
   

Andreas Bernard - Kinder machen

AWA (2014): "Künstliche Fortpflanzung bedroht die Familie nicht".
Der deutsche Journalist Andreas Bernard hat eine packende Historie der Reproduktionsmedizin verfasst. Den "Ferticheck" sieht er kritisch,
in:
Die Presse v. 20.07.

Für Andreas BERNARD hat der Meinungsumschwung in Sachen Reproduktionsmedizin gegen Mitte der 1990er Jahre stattgefunden. Seit damals sei das "Drama der Unfruchtbarkeit" in den Vordergrund getreten und habe die bis dahin vorherrschende Skepsis überwogen.  

 
   

Späte Mütter - Ein Bibliografie

BERNDT, Christina (2014): Glück auf Eis,
Kinder oder nicht? Um diese Entscheidung aufzuschieben, lassen immer mehr Frauen Eiszellen einfrieren. Kann das Folgen haben wie einst die Anti-Baby-Pille?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.07.

Für Christina BERNDT tickt die biologische Uhr von Frauen mit 34 Jahren. Dies ist kaum ein Zufall, denn mit 35 Jahren gilt in der Wissenschaft eine Frau als späte Mutter - das Feindbild einer auf die Geburtenrate fixierten Gesellschaft.

34 Jahre, das ist gemäß BERNDT das Alter, in dem sich zwei Frauen für das Einfrieren ihrer Eizellen entschieden haben: Christy Jones, eine US-Amerikanerin, die das Unternehmen Extend Fertility gegründet hat und eine Spiegel-Reporterin. 34 Jahre, das ist ein Alter, das weniger für die Gesellschaft als vielmehr die Akademikerinnen bedeutsam ist, denn das durchschnittliche Erstgebäralter liegt in Deutschland bei ungefähr 30 Jahren.

BERNDT unterscheidet vier Reaktionsweisen auf das Ticken der biologischen Uhr, wobei die vierte neu ist: das Einfrieren von Eizellen (neudeutsch: "Egg-freezing"). Zuerst wurde dieses Verfahren bei krebskranken Patientinnen angewandt. Die Ausweitung auf gesunde Akademikerinnen, die sich ihre Chancen aufs Kinderkriegen erhalten wollen, wird dagegen als "social freezing" abgegrenzt. Für die einen ist das eine neue Freiheit, anderen erscheint das widernatürlich.

Bislang wurden weltweit lediglich 1500 Kinder nach dieser neuen Methode geboren und die Klientel ist finanziell gut gestellt, nichtsdestotrotz tobt ein neuer Glaubenskrieg um dieses reproduktionstechnische Verfahren. BERNDT fürchtet gar, dass dadurch das Verständnis für berufstätige Mütter sinken könnte oder die für frühere Generationen selbstverständliche Erfahrung für Kinder ohne Großmütter aufzuwachsen wieder zunehmen könnte. Für die Bioethikerin Heidi MERTES sind Aufschieberinnen mit Klischees konfrontiert, während es in Wirklichkeit um eine "Notfallintervention" geht, weil in der Regel der richtige Mann zum Kinderkriegen fehlt.             

 
   

SEUBERT, Annabelle (2014): "Wichtig ist, unglücklich zu sein".
Ars Vivendi: Der viel beschäftigte Philosoph Wilhelm Schmid erklärt, warum Arbeit nicht alles ist,
in:
TAZ v. 19.07.

 
   

MASKOS, Rebecca & Andrea TRUMANN (2014): Diagnose Mensch.
Im Jungle World-Dossier "Die Angst vor der Norm" (25/2014) kritisierte Carsta Langner den Artikel "Das genormte Wunschkind" aus dem Sammelband »The Mamas and the Papas«. Eine Erwiderung,
in:
Freitag Online v. 17.07.

 
   

Jörg Fauser und der deutsche Männerroman

TUSCHICK, Jamal (2014): Rohstoff in der Rohfassung.
Jörg Fauser "Ich bin kein netter Mensch, sondern ein Schriftsteller",
in:
Freitag Online v. 17.07.

 
   

WAIBEL, Ambros (2014): Er war der Champ.
Mythos: Gedanken zu einem Autor, der vielen als uncool galt, aber immer Stil hatte - im Leben und in seiner Literatur. Zum 70. Geburtstag von Jörg Fauser,
in:
TAZ v. 16.07.

Ambros WAIBEL, Angehöriger der Generation Golf und Mitautor einer FAUSER-Biografie, setzt sich mit dem Verdikt der Loser-Literatur (Christiane RÖSINGER) auseinander:

"Vor allem aber dachte ich bei »Literat der Loser«, dass ja ich, der mit meinem Freund Matthias Penzel eine Biografie über Jörg Fauser geschrieben und auf Anfrage immer preisende Worte für ihn gefunden hatte, dann ja einer ebendieser Loser sein musste, den Christiane Rösinger für das Westberlin der späten 1980er Jahre als »männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und von düsterem, leicht verwahrlostem Äußeren« beschrieben hat: »In Fauser-Leserkreisen war es nicht en vogue in Gesellschaft lustig, charmant oder gar höflich und unterhaltsam zu sein. Fauser-Leser waren einsame Wölfe, die gern schweigend allein am Tresen vor einem Glas Whisky saßen.« Aber in den späten 1980er Jahren war ich doch ein in einem Schwabinger Off-Theater-Café abhängender Postabiturient, der die Gesellschaft lustiger Mädchen der trister Buben um Längen vorzog."

WAIBEL hebt im Gegensatz zu Katja KULLMANN das Überzeitliche der Literatur von FAUSER hervor, das immer wieder neue Lesergenerationen anspricht:

"Und dieses Publikum erneuert sich beständig, weil all die Emanationen Fausers - Harry Gelb, Blum, Harder, Kant - jenseits ihres gerade im Freitag von Katja Kullmann wunderbar aufgefächerten Mackertums sich als Kunstfiguren über ihre Epoche erheben. Heute stehen sie nicht mehr für streng riechende 80er-Jahre-Wölfe am klebrigen Tresen, sondern für Einzelne, die sich ihre eigenen Gedanken machen, die der niederschmetternden Konformität entkommen wollen, die ihr eigenes Leben leben und, wenn es sein muss, beenden wollen."

 
   

Späte Mütter - Ein Bibliografie

FLEISCHHAUER, Jan (2014): Die befreite Frau.
Moderne Fortpflanzungstechnik: Das wird das Verhältnis der Geschlechter revolutionieren: Frauen können ihre unbefruchteten Eizellen einfrieren lassen - und so selbst bestimmen, wann sie Kinder haben wollen. Damit ändert sich auch die Machtbalance in Beziehungen,
in:
Spiegel Online v. 15.07.

 
   

ABÉ, Nicola (2014): Gefrorene Zeit.
Essay: Warum das Konservieren von Eizellen Frauen Freiheit verschafft,
in:
Spiegel Nr.29 v. 14.07.

 
   

ROSSBAUER, Maria (2014): "Scheidungskinder werden früher selbstständig".
Knacks: Weil Scheidungskinder angeblich nicht glücklich werden können, bleiben zerstrittene Eltern häufig zusammen. Ein Fehler, meint der Scheidungsforscher Ulrich Schmidt-Denter. Oft ist Trennung die beste Lösung. Für alle,
in:
TAZ v. 12.07.

Scheidungen sind die Ausnahme von der Regel, weshalb sie in den Medien gehypt werden. Überschriften wie "Wir sind nicht unglücklicher", "Ich habe nur gewonnen", "Alle verstehen sich" oder "Kleinfamilie hab ich nie vermisst", mit denen die Porträts von Scheidungskindern betitelt sind, müssen als positive Diskriminierung aufgefasst werden. Durch positive Diskriminierung treten jedoch nur die dahinter stehenden Ängste umso deutlicher hervor...

 
   

SCHIPKOWSKI, Katharina (2014): "Süffig und charmant".
Ehrenamt: Seit 1912 bietet das Ledigenheim Rehhoffstraße alleinstehenden Männern ein Zuhause. Die Initiative Rehhoffstraße will das Heim durch einen Rückkauf retten,
in:
TAZ Nord v. 12.07.

 
   

MEMARNIA, Susanne (2014): Kita-Pflicht für die Versager.
Fordern: b kommendem Kitajahr müssen Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen zwangsweise in die Kita. Andere Wege, Kinder früher in die Kita zu bringen, werden dagegen nur halbherzig beschritten,
in:
TAZ Berlin v. 12.07.

Susanne MEMARNIA berichtet im Berliner Thema über die Stille Revolution im Kindergarten.

 
   

ROTHER, Richard (2014): Bau auf, bau auf, bau auf!
Leben: Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) will Wohnungsmangel und steigende Mieten durch mehr und günstigen Neubau bekämpfen. Bündnis mit allen Vertretern aller Beteiligten soll Lösungen finden,
in:
TAZ v. 11.07.

"In dem Buch Demografie und Demokratie von Jens KERSTEN, Claudia NEU und Berthold VOGEL plädieren die Autoren für eine Demographisierung gesellschaftlicher Probleme und damit eine Politik, die angeblich "gesellschaftsschädigenden Bevölkerungsgruppen" die Lasten für eine verfehlte Strukturpolitik aufbürden will. Nicht stark schrumpfende Städte sind aber das Hauptproblem, sondern die Polarisierung und das Nebeneinander zwischen schrumpfenden und wachsenden Städten. Dafür aber ist nicht der Rückgang der Geburten als Hauptursache des demografischen Wandels verantwortlich, sondern eine Wirtschafts- und Stadtpolitik, die diese Entwicklung noch verstärkt hat statt gegenzusteuern:

"Ursache für die Binnenwanderung ist die stark unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Wer einen guten Job finden will oder wer eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren will, muss in die wachsenden Zentren oder Universitätsstädte ziehen. Das führt dort zu einer steigenden Nachfrage nach Wohnraum - was stark steigende Preise bedingt, wenn das Angebot nicht mitwächst. Allenfalls gemildert wird diese Entwicklung nur durch Fernpendler".

Die Politik war dermaßen auf starkes Schrumpfen fixiert, dass gegenteilige Entwicklungen ignoriert und damit erst zum Problem werden konnten. Nun wird der eine Aktionismus durch einen anderen Aktionismus abgelöst. Die Politik hechelt dem jeweiligen Zeitgeist hinterher, statt eine auf Ausgleich abzielende Strukturpolitik zu verfolgen.       

 
       
 

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