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Medienrundschau:

News zum Single-Dasein

 
     
       
     
       
       
   

News vom 16. - 30. November 2001

 
       
     
     
     
       
   
 
       
     
   
  • KOHSE, Petra (2001): Mandate fürs Puppenhaus.
    Biedermeier-Alarm: Der neue Staatsbürger und seine Liebe zur Dekoration
    in: Frankfurter Rundschau v. 30.11.
    • Kommentar:
      Petra KOHSE widmet sich dem trendigen Cocooning. Im Gegensatz zu dem üblichen 11.September-Geplapper, weist sie auf einen Aspekt hin, der langfristiger angelegt ist: den "Umbau" des Sozialstaats:
            
      "Es ist kein Zufall, dass Schöner Wohnen, die sprichwörtliche Zeitschrift für Wohnkultur in Deutschland, in jüngster Zeit Konkurrenz bekommen hat: Häuslichkeit sells, und Magazine wie das im Webdesign gestaltete H.O.M.E. oder das familienorientierte Living at home versorgen alle, die bisher im nackten Loft im Eisenbett schliefen oder nur bei Ikea kauften, mit Ideen für das neue Jahrtausend. Im Augenblick des Umschlags vom Sozialstaat in eine neue Klassengesellschaft ist es nicht mehr egal, ob und wenn ja, welche Gardinen an den Fenstern hängen. Schließlich sollen die anderen nicht mehr reinschauen können, aber eben doch wissen, wie es drinnen aussieht."
 
   
  • SCHNEIDER, Wolfgang (2001): Die Generation X des Biedermeier.
    Das Private als Zeitgeschichte: Eine Magdeburger Tagung zu Karl Immermann,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.11.
    • Inhalt:
      Auch die FAZ widmet sich dem Cocooning, aber dem Original-Zeitalter: "Biedermeier". Karl IMMERMANN (1796 - 1840) beschrieb nach SCHNEIDER die "Umbrucherfahrungen einer ganzen Generation, die früh durch die Freiheitskriege gegen Napoleon geprägt worden war und sich dann in der Restaurationszeit einrichten mußte. Die 'Memorabilien' können als Ursprung eines Denkens in Generationsmodellen gelten, das inzwischen zu einem Hauptmittel kollektiver Identitätsfindung geworden ist."
 
   
  • LAU, Mariam (2001): Carl Djerassi, Erfinder der Pille, setzt sich nicht zur Ruhe.
    Der Chemiker Djerassi wollte ein Mittel gegen Arthritis entwickeln und entdeckte einen Stoff, der die Welt revolutionierte,
    in: Welt v. 30.11.
    • Kommentar:
      Mariam LAU widmet sich einem Lieblingsmythos der 68er
 
   
  • GASCHKE, Susanne (2001): Familie haben heißt verzichten.
    Naiv ist die Vorstellung, mehr Geld vom Staat brächte automatisch mehr Zufriedenheit,
    in: Die ZEIT Nr.49 v. 29.11.
    • Kommentar:
      Susanne GASCHKE betätigt sich als Theoretikerin einer unverblümt neoliberalen Familienpolitik für die individualisierte Familie der Berliner Republik.
            
      Ihre Zielgruppe sind die Yuppies der "Generation Kombi". GASCHKEs Ansatz setzt die Individualisierungsrhetorik der 90er Jahre ebenso voraus wie den Anti-Single-Gesellschafts-Diskurs der Sozialpolitiker.
             Vor diesem Hintergrund fordert GASCHKE nun einen Paradigmenwechsel:
      Die Familie soll in den Medien nicht mehr defizitär, sondern als positives Leitbild dargestellt werden. Dazu gilt es u.a. die verstaubte Fernsehfamilie "Hesselbach" für die Generation Golf zeitgemäss aufzumotzen.
            
      Hierzu passt, was Bernd ULRICH kürzlich zu Thomas MANN geschrieben hat ("In spaßiger Hoffnungslosigkeit", Neue Rundschau Heft3, 2001):
            
      "Als sich 1965 der Todestag Thomas Manns zum zehnten Male jährte, wartete ein Kritiker mit einer bemerkenswerten Analogie auf. Er verglich die Familie des Schriftstellers in ihrer Gesamtheit mit den »Hesselbachs«, einer damals berühmten Fernsehfamilie. Deren hessisch-mundartlich geprägte häusliche Idylle - gruppiert um den »Babba« - kam ihm wie die zeitgemäße, nämlich kleinbürgerliche Umsetzung des großbürgerlich agierenden Familienverbandes der Manns vor."
             Der vollindividualisierte Mensch ist für GASCHKE nicht der Single, sondern der Familienmensch!
      Dieser Erfolgsmensch steht im Gegensatz zur "Benachteiligungsdiskussion" der Sozialstaats-Familienpolitiker im Mittelpunkt von GASCHKEs Individualisierungsthese, die im Einklang mit Helmut SCHELSKYs 50er Jahre-Individualsierungsthese von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" steht.
            
      Wer als Familie arm ist, der ist selbst schuld! Individuelle, "zurechenbar herbeigeführte Armut" entsteht gemäss GASCHKE durch unterhaltssäumige Väter oder durch "leichtfertig sich trennende Eltern".
            
      GASCHKEs Prototyp ist die gutsituierte Erbengeneration, die nicht erst auf die Zuteilungsreife des Bausparvertrags warten muss, um sich das Eigenheim fürs Kind leisten zu können.
            
      Deshalb ist GASCHKEs Ideal nicht die "Vollkasko-Familie" der Sozialstaats-Familienpolitiker, sondern die neoliberale, individualisierte Familie. Diese biedermeierliche Familie fürchtet nichts mehr als den Staatseingriff, der gleichbedeutend mit zunehmender "Qualitätskontrolle" ist:
            
      "Dürfte eine Familienkasse der Zukunft das »Erziehungsgehalt«, das »Familiengeld« oder wie auch immer der fragliche Transfer schließlich hieße, kürzen, wenn die Eltern ihre Kinder schlagen, fehlernähren, nächtelang Horrorvideos anschauen lassen?"
            
      GASCHKE geht es im besonderen um die Normalisierung der Normalfamilie:
      "Mehr als alles Geld braucht die Familie die anerkannte Überzeugung, dass sie in diesem Land der erstrebenswerte Normalfall ist."

            
      Dies ist gleichbedeutend mit einer Kampfansage an die "Pluralisierung der Lebensformen".
 
   
  • SCHEPP, Matthias (2001): "Sie hat sich für das Land geopfert".
    Endlich! Ein Baby für Japans Thronfolgerpaar - und ein Lichtblick für die weltgewandte Prinzessin Masako, die sich seit acht Jahren den strengen Regeln des Kaiserhofes unterordnet,
    in: Stern Nr.49 v. 29.11.
    • Kommentar:
      So stellen sich Monarchisten die Disziplinierung der Karrierefrau vor...
 
     
   
  • AP (2001): Vor der Trennung fliegen Tassen.
    Studie: Gewalt bei Paaren geht oft von Frauen aus,
    in: Frankfurter Rundschau v. 29.11.
    • Inhalt:
      Bericht über die Väterstudie an der FH Nürnberg
 
   
  • HENTSCHEL, Stefanie (2001): Frauen allein zu Haus.
    Keinen Mann fürs Leben, aber jede Menge Sex: Großstadt-Singles sind die neuen Lieblinge der Popkultur. Wieso eigentlich?
    in: Brigitte Nr.25 v. 28.11.
    • Kommentar:
      HENTSCHEL kann zwischen Bridget Jones, Ally McBeal, Cora Hübsch ("Mondscheintarif") und Carrie Bradshaw ("Sex and the City") keinen Unterschied sehen, sondern nur eine Gemeinsamkeit:
            
      "Sie haben Männer. Nicht den einen, den sie unbedingt wollen, den zum Kinderkriegen und Über-den-Feiertag-Wegfahren. Aber jede Menge andere". HENTSCHEL wundert sich über den Rückfall ins Single-Dasein, nachdem vor kurzem erst Heiratsfilme "in" gewesen sind und fragt sich, deshalb warum diese Single-Serien so erfolgreich sind.
            
      Ihre Analyse beginnt sie mit dem Satz:
      "Denkbar wäre natürlich, dass die 13,8 Millionen Singles in Deutschland, oder zumindest deren weibliche Hälfte, in den Büchern, Serien und Filmen Trost und Bestätigung finden."

            
      Es ist immer noch nicht bis zu HENTSCHEL durchgedrungen, dass Menschen, die einen Einpersonenhaushalt führen, nicht identisch sind mit Partnerlosen im mittleren Lebensalter! Weibliche Partnerlose zwischen 30 und 40 Jahren sind eine Minderheit . Die meisten Frauen, die einen Einpersonenhaushalt führen, sind ältere Witwen und im mittleren Lebensalter dominieren die Männer. Der Umstand, dass Berichterstatter in den Medien überproportional zu dieser Minderheit gehören, verleiht dieser zwar eine überdeutliche Stimme, nichtsdestotrotz sind diese Medien-Yuppies zahlenmässig irrelevant!
            
      Von daher ist HENTSCHELs zweite These auch ohne Umweg über den "Mythos Single" glaubwürdiger:
            
      "Wahrscheinlicher ist, dass gerade Nicht-Singles diese Erzeugnisse brauchen." Single-Serien dienen also der Identitätsstabilisierung von unzufriedenen Paarfrauen und Müttern:
            
      "Wäre Single bleiben nicht auch ganz dufte gewesen? Aber dann lesen sie, wie Bridget Jones ihr Gewichts-Tagebuch führt, und freuen sich, dass sie (...) jemanden haben, der sie nicht gleich wegen der kleinen Speckrolle unterm Bauchnabel verlassen wird. Und dann ist alles gut, und alle sind glücklich."
            
      Aber vielleicht liegt HENTSCHEL doch nicht ganz so richtig, wenn sie keinen Unterschied zwischen den genannten Serien macht. Im Gegensatz zu Bridget Jones, Ally McBeal oder Cora Frost hat "Sex and the City" mehr zu bieten als pure Identitätsstabilisierung für Paarfrauen und Mütter...
 
     
   
  • HILGERS, Micha (2001): Zwischen Himmel und Hölle.
    Verliebtheit ist ein Aufbruch der Seele zu einer Wunschfantasie, mit der der reale Partner nur selten übereinstimmt / FR-Serie (11).
    in: Frankfurter Rundschau v. 27.11.
 
     
     
   
  • SPIEGEL (2001): Flirten mit Fernbedienung,
    in: Spiegel Nr.48 v. 26.11.
    • Inhalt:
      Die Szene-Bar "Remote Lounge" in East Village, New York, wird vorgestellt. Dort geschieht die Kontaktaufnahme per Computer oder Telefon. Das Objekt des Begehrens wird über das Kamerasystem ausgesucht.
 
   
  • BREDOW, Rafaela von (2001): Kleben gegen Leben.
    In den USA ist ein neues Mittel zur Empfängnisverhütung zugelassen worden: das Antibaby-Pflaster. Es wirkt wie die Pille - nur besser,
    in: Spiegel Nr.48 v. 26.11.
 
   
  • SPIEGEL (2001): Ein leasender Verleger.
    Die österreichische Schriftstellerin Margit Schreiner, 47, über ihre Situation nach dem Konkurs ihres langjährigen Zürcher Verlegers Gerd Haffmans,
    in: Spiegel Nr.48 v. 26.11.
    • Inhalt:
      u.a. wird berichtet, dass ihr neuestes Buch "Haus, Frauen, Sex" in der letzten Sendung des Literarischen Quartetts vorgestellt wird.
 
   
  • SCHMOLL, Heike (2001): Kinder brauchen Wurzeln.
    Ein Kongreß von Erziehern und Psychiatern sieht Kinder auf der Suche nach Orientierung,
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.11.
    • Kommentar:
      SCHMOLL sieht die "autistische Gesellschaft" nahen:
            
      "Kinder, die ohne emotionale Bindungen groß werden, entwickeln keine Wurzeln, die sie in der Gemeinschaft verankern (...). Sie bleiben in hohem Maße abhängig von fremden Einschätzungen und damit manipulierbar (...). Dramatisch wird diese Entwicklung für eine Gesellschaft dann, wenn immer mehr Erwachsene selbst keine Orientierung mehr haben. Denn sie sind auch nicht in der Lage, gemeinsame Ziele und Sinngebungen an die Kinder weiterzugeben. So kann eine ganze Gesellschaft in die Orientierungslosigkeit stürzen."
            
      In den 50er Jahren war diese Vorstellung ebenso weit verbreitet wie heutzutage. Filme wie Don SIEGELs"Die Dämonischen" waren Ausdruck dieser diffusen Angst.
            
      Man kann diesen Beitrag auch als Plädoyer für die "deutsche Mutter" lesen und somit als Absage an eine Effizienzrevolution wie sie FREEMAN & SCHETTKAT vorschwebt.
 
     
   
  • JACOBI, Claus (2001): Die unheilige Familie als Sinnbild unserer Zeit.
    Wie Schildkröten kennen viele deutsche Kinder ihre Väter nicht,
    in: Welt am Sonntag v. 25.11.
    • Kommentar:
      Der Apokalyptiker JACOBI kennt zwei Konstruktionen: "Immer mehr" und "Immer weniger". Und beide Aussagen weisen logischerweise in die gleiche Richtung: Untergang der Familie.
            
      Mit welchen Zahlen der Autor operiert, ist nicht ersichtlich. Die angegebenen Geburtenzahlen liegen jedenfalls unter jenen Zahlen, die das Statistische Bundesamt für die alten Bundesländer ausweist.
             Die Angaben der absoluten Zahlen bei den Scheidungen sind wenig aussagekräftig.
      Diese sind einerseits abhängig von der Bevölkerungsstruktur und andererseits von den Mehrfachscheidungen. In den 80er Jahren sind die geburtenstarken Jahrgänge ins Heiratsalter gekommen. Gleichbleibende Scheidungszahlen müssten deshalb bereits als ein Rückgang der Scheidungen interpretiert werden.
            
      Hinter dem "immer mehr" könnte sich also auch ein "immer weniger" verbergen, wenn man damit die Anzahl der Personen meint, die sich scheiden lassen. Auch eine niedrige Scheidungsquote sagt nichts über die Lebensverhältnisse der Menschen aus. Sie könnten auch verheiratet sein, aber getrennt leben. Die amtliche Statistik ist unzureichend, wenn Aussagen über den Wandel der Lebensformen in Deutschland ausgesagt werden soll.
 
   
  • FREEMAN, Richard B. & SCHETTKAT (2001): Verschenkte Zeit.
    Deutsche Frauen leisten mehr Hausarbeit als Amerikanerinnen - und schaden so der Wirtschaft,
    in: Tagesspiegel v. 24.11.
    • Kommentar:
      Die beiden Autoren haben die Dienstleistungsgesellschaft vermessen und Deutschland im Vergleich zu Amerika für schlecht befunden. Ihr Credo:
            
      "Eine deutsche Mutter mit Kindern unter sechs Jahren verwendet etwa 20 Stunden pro Woche auf die Kinderbetreuung; eine amerikanische Mutter dagegen nur elf Stunden pro Woche - rund neun Stunden weniger. Aber gleichzeitig ist die Geburtenrate in den Vereinigten Staaten höher als in Deutschland. Amerikanerinnen nutzen in höherem Maße kommerzielle, nicht kommerzielle und gemeinschaftlich organisierte Kindertagesstätten, und sie nutzen den Fernseher als 'Babysitter'."
            
      Neill POSTMAN und die Erziehungsnotständler dürften beim letzten Punkt auf die Barrikaden gehen. Der Bericht ist ansonsten im typischen Ökonomistenslang verfasst.
            
      Wohl noch nie etwas von Zeitwohlstand oder "working poors" gehört! Am wichtigsten jedoch: Wie wurde das Zeitbudget erhoben? Mit Stoppuhr oder Fragebogen? Bitte bei Erving GOFFMAN nachlesen, denn "Wir spielen alle Theater"!
 
   
  • Neu:
    WACKWITZ, Stephan (2001): Im Zaubermantel der Verneinung.
    Fünfzig Jahre "Minima Moralia", fünfzig Jahre "Fänger im Roggen": Ein Plädoyer dafür, Adornos Kulturkritikbuch als Zwilling von Salingers Roman zu begreifen. Zugleich ein Rückblick auf die Siebzigerjahre, als das Ganze noch das Unwahre war
    in: TAZ v. 24.11.
    • Kommentar:
      WACKWITZ outet sich als "zu dünner, tolpatschiger, pickliger und bebrillter Erstsemester", der er Anfang der 70er Jahre war. Heute würde man dies kurz als "nerdisch" (abgeleitet von "Nerd") bezeichnen.
            
      Damals las WACKWITZ die Bibel der moralischen Individualisten und kompensierte damit den Frust, dass er bei einer uschiobermeierhaften (Angehörige der Generation Golf können hier veronafeldbuschhaften einsetzen) Kommiliton in nicht ankam.
            
      Damals las er die "Minima Moralia" von ADORNO am Germanistischen Seminar (Angehörige der Generation Golf setzen hier das wirtschaftswissenschaftliche Institut und "Elementarteilchen" von Michel HOUELLEBECQ ein). Für WACKWITZ ist Adorno der "J. D. Salinger der Philosophie" und die Komentarstimme der "Minima Moralia" der "Holden Caulfield der Kritischen Theorie". Er kritisiert beide als Verführer unglücklicher Jugendlichee und ärgert sich, dass er stattdessen keine Benimmbücher gelesen hat, in dem ihm beigebracht worden wäre, wie er diese Angebete rumgekriegt hätte. Leben statt Politik ist seine jetzige Devise und deshalb beneidet er die Generation Golf:
            
      "Und wenn ich viele junge Leute des Jahres 2001 kennen lerne - ihre unbefangene Zutraulichkeit, ihr entspannter Umgang mit gesellschaftlichen Anforderungen, ihre Freundinnen und oft sogar schon Ehefrauen -, dann bin ich einfach neidisch. Nicht nur, weil ich älter werde und alle Älteren auf alle Jungen in gewisser Weise neidisch sind. Sondern ich bewundere und neide ihnen ein bisschen eine Jugend ohne unsere Vorbilder."
            
      Dies ist zwar besser als die Position jener, die sich hinter dem "Narzissmus-Vorwurf" verschanzen, aber dann doch zu einfach, wenn politisches Engagement auf den Ausdruck pubertären Unglücks verkürzt wird.
            
      Der Erfolg von Michel HOUELLEBECQ bzw. von Christian KRACHT zeigt, dass WACKWITZ die heutige Jugend durch die rosarote Brille des Alters sieht.
            
      Wahrscheinlich gehörte er Ende der 70er Jahre zu jenen, die Jochen SCHIMMANGs "Der schöne Vogel Phönix" verschlungen haben, denn die Bilanz ähnelt frappant jener von SCHIMMANG.
            
      Der von WACKWITZ genannte "Meister RUTSCHKY" hat nicht nur 1984 seine Leseerfahrung der "Minima Moralia" niedergeschrieben, sondern auch in der Welt vom 17.11.2001 seine neueste Bilanz veröffentlicht.
 
   
  • ULLMANN, Gerhard (2001): Das Schöne und das Private.
    Urdeutsches Rückzugsgebiet. Zur Restaurierung der ersten deutschen Gartenstadt "Marga" im brandenburgischen Brieske,
    in: Freitag Nr.48 v. 23.11.
 
   
  • Singlefeindlicher Bericht:
    GASCHKE, Susanne (2001): Gleichberechtigung allein ist nicht die Lösung.
    Sozialdemokraten und Union entdecken die Familienpolitik als Wahlkampfthema. Es wird auch höchste Zeit für neue Ideen,
    in: Die ZEIT Nr.48 v. 22.11.
    • Kommentar:
      "Die Geburtenrate ist von 2,02 Kindern pro Frau im Jahr 1970 auf 1,37 Kinder in den Neunzigern gesunken. Und die Gesellschaft fängt an zu ahnen, was das bedeutet", schreibt GASCHKE.
            
      Sie verschweigt aber, dass in den Jahren 1978 und 1979 die Geburtenrate bei 1,38 Kindern lag (aus: Peter MARSCHALCK "Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert", 1984), Mitte der 80er Jahre sogar noch tiefer.
            
      Der gravierendste Einschnitt erfolgte jedoch durch die Wiedervereinigung.
      Die Geburtenrate in den alten Bundesländern liegt weit höher als in den neuen Bundesländern, obgleich dort die Betreuungsangebote besser sind.

            
      Anfang der 90er Jahre fiel die Geburtenrate in den neuen Bundesländern sogar unter 1,0.
            
      Herwig BIRG schreibt in seinem neu erschienenen Buch "Die demographische Zeitenwende":
      "Die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau betrug 1998 in den neuen Bundesländern 1,09, in den alten 1,41 und in Deutschland insgesamt 1,36."

            
      GASCHKE versucht mit ihrer Darstellung einen kontinuierlichen Geburtenrückgang seit 1970 zu konstruieren, obwohl das Geburtenniveau seit Ende der 70er Jahre mehr oder weniger konstant geblieben ist. Es handelt sich also um einen Versuch der zusätzlichen Dramatisierung.
 
   
  • GREFE, Christiane (2001): Von wegen Privatsache.
    Kinder, Alte und Beruf: Die Familie ist zu klein geworden für immer größere Aufgaben,
    in: Die ZEIT Nr.48 v. 22.11.
    • Kommentar:
      GREFE stellt das Mütterzentrum in Salzgitter als Modell für eine familienfreundlichere Gesellschaft vor.
            
      Sie kritisiert, "dass viele Politiker und Publizisten die Lösungen der Probleme immer wieder an diese überforderte Kleinfamilie delegieren - statt mehr städtische Dörfer wie das Mütterzentrum zu schaffen."
            
      Eine Ursache sieht GREFE in dem Mütterbild, das Barbara VINKEN als "deutsche Mutter" bezeichnet. Sie beklagt, dass, "vor allem Mittelschichtsmütter gar nicht mehr auf die Idee kommen, ihre Kinder 'Dritten' anzuvertrauen: Auf die öffentliche Missachtung ihrer Aufgabe haben sie mit deren Professionalisierung reagiert. Erziehung ist ihr Beruf, das Kind ihr Projekt - und wer weiß, was die Tante ihm beibringt!"
            
      GREFE geht es letztendlich um die Zurückverlagerung von privaten Aufgaben auf die Zivilgesellschaft: "Von unmittelbarer Öffentlichkeit profitierten neben den Frauen vor allem die Alten, erzählt Hildegard Schooß: 'Sie sind wieder Teil von etwas. Sie erfahren nicht nur Berichte von außen, sie erleben selbst - zum Beispiel, wenn sie nach einem langen Leben ohne Kinder mit Enkeln spielen.'"
 
   
  • MEISTER, Martina (2001): Le Porno chic.
    Frankreichs neue erotische Literatur ist wie die Nouvelle Cuisine: Weniger Sauce und am Ende bleibt man hungrig
    in: Frankfurter Rundchau v. 22.11.
    • Kommentar:
      MEISTER kämpft mit Existenzialismus, SENNETTs "Tyrannei der Intimität" und Michel HOUELLEBECQs "Plateforme" gegen die neue "Emanzenliteratur" von Cathrine MILLET & Co.
 
     
   
  • PESSL, Fritz (2001): Beim Flirt der Landwirte ist nichts Zufall.
    Management-Methoden für Einsame - Stilberatung, dann Hüttenabend,
    in: Salzburger Nachrichten v. 22.11.
 
   
  • wichtige Single-Studie:
    KLAUS, Birgit (2001): Lust oder Frust mit dem Single-Dasein?
    in: SWR1 LIVE. Sendung des Südwestrundfunk v. 20.11.
    • Kommentar:
      Moderatorin KLAUS war auf der Suche nach dem Mythos Single. Gibt es ihn überhaupt, den "Swinging Singles"? Wahrscheinlich war er jedoch gerade auf der Pirsch, denn die Sendung lief erst ab 22 Uhr.
            
      Interessanter war da schon das Gespräch mit Beate KÜPPER, die letztes Jahr eine Dissertation zum Thema "Sind Singles anders als die anderen? Ein Vergleich von Singles und Paaren" an der Bochumer Ruhr-Universität vorgelegt hat.
      Die
      370seitige Studie ist als PDF-Datei downloadbar (fast 1 MB).
            
      Die Studie zeichnet sich durch ihren sozialpsychologischen Zugang aus. Im Gegensatz zu den üblichen sozialstaatlich oder frauenpolitisch motivierten Single-Studien, die den Einpersonenhaushalt in den Mittelpunkt stellen, ist für diese Arbeit eine Beziehungsdefinition kennzeichnend: Singles werden als "Personen im beziehungsfähigen Alter ohne feste Partnerschaft" (S.16) definiert. Obwohl viel über Partnerlose geredet wird, besteht ein eklatantes Empirie-Defizit. Plausible Vorurteile ersetzen die Forschung in diesem Bereich.
            
      Dieses Defizit wird besonders deutlich, wenn KÜPPER die zahlenmässige Verbreitung der Partnerlosigkeit in Deutschland zu bestimmen versucht. Dies scheitert kläglich! Ihr Fazit:
            
      "Alles in allem schwankt die Zahl der geschätzten Singles von ca. 3 % bis 30 % je nach gewählter Definition und Bezugsgröße. Genaueres kann leider aufgrund fehlender Datengrundlage zu diesem Zeitpunkt nicht über die Häufigkeit von Singles im hier definierten Sinne als Partnerlose im mittleren Erwachsenenalter gesagt werden. Zu vermuten ist auf jeden Fall, daß die Angaben der amtlichen Statistik über Alleinstehende und Alleinwohnende die Zahl der partnerlosen Singles überschätzt."(S.27f).
            
      KÜPPER hätte die Daten des Familiensurvey selber entsprechend ihrer Definition auswerten müssen, um exaktere Angaben machen zu können. Stattdessen hat sie nur die vorhandenen Daten zitiert, ohne sie übersichtlich zu strukturieren oder das Problem anhand eines Schaubildes plakativ sichtbar zu machen. Dies wäre eine Herausforderung für das Buch, das nächstes Jahr erscheinen soll. Die Daten beziehen sich zudem auf die Situation Mitte der 90er Jahre. Da die quantitative Bestimmung nicht unbedingt im Zentrum der Arbeit stand und auch so mancher Soziologe an einer exakteren Bestimmung scheitern würde, da die Sozialstatistik sich nicht für Partnerlose interessiert, ist dieses Manko hinzunehmen.
      Partnerlose haben keine Lobby, sondern sind in erster Linie die Zielgruppe von Geschäftemachern. Das Geschäft mit der Einsamkeit gehört zu den profitabelsten Wirtschaftsbereichen unserer "Paargesellschaft".

            
      Studien, die den Beziehungsaspekt in den Vordergrund rücken, sind sehr selten. Noch seltener sind Studien, die sich kritisch mit der vorherrschenden Sicht auseinandersetzen. Deshalb ist diese Studie umso wichtiger.
            
      Es wird auf die "Symbol-Funktion" der Single im Rahmen der Mediendebatte und ihren apokalytischen Visionen vom Untergang der Familie oder der atomisierten Gesellschaft eingegangen. Der Single wird von KÜPPER als Gegenentwurf zur Normalfamilie thematisiert.
            
      Der Standardsatz "Es gibt immer mehr Singles" wird kritisch hinterfragt, denn diese so leichtfertig in den verschiedensten Kontexten verwendete Phrase - die gebetsmühlenartig von diversen Kritikern oder gierigen Profiteuren verbreitet wird, muss keineswegs richtig sein.
            
      Ganz offensichtlich wird das Defizit der Forschung, wenn es um eine Sozialgeschichte der Partnerlosigkeit geht. Nicht die Erforschung abweichenden Verhaltens, sondern die Herausarbeitung der jeweiligen historischen Normen, d.h. das Normale, steht im Zentrum der historischen Familienforschung. Die Pluralität der Lebensformen ist der historische Normalfall. Die Debatten legen Zeugnis vom Kampf um die Definition der Normalfamilie ab, nicht jedoch über die Lebensverhältnisse derjenigen, die jenseits dieser Konventionen leben mussten.
            
      "Insgesamt scheint es eine durch die systematische Ausblendung bestimmter Gesellschaftsschichten bei der Geschichtsschreibung bedingte, verbreitete Simplifizierung zu sein, die Vergangenheit als homogene Einheit zu behandeln, in der alle Menschen die weitgehend, strikt festgelegte Lebensform der Ehe und Familie tatsächlich über viele Jahrhunderte hinweg lebten", resümiert deshalb KÜPPER.
            
      Heutzutage ist der Single als Gegenentwurf zum Normalen eine "Projektionsfläche für alles (...), was an utopischen oder apokalyptischen Zukunftsentwürfen von Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung des Individuums in einer gerechten Welt inklusive feministischer Befreiungsideale und Sinnsuche 'umherspukt'. (S.60).
      Eine solche Sichtweise hebt sich wohltuend vom Zeitgeistgeschnatter ab, das die Mediendebatten und oftmals leider auch die wissenschaftliche Forschung selber beherrscht.

            
      Wichtig ist auch die Erwähnung der Mediendebatte. KÜPPER schreibt dazu, dass sich die Singles nur schwer dem medial vermittelten Bild entziehen könnten.
            
      Das sozialstaatlich und bevölkerungspolitisch motivierte Feindbild "Single" zwingt Singles ein Fremdbild auf. Sie müssen sich selbst ablehnen, resignierend den Rückzug antreten oder offensiv ein positives Stereotyp dagegen setzen. Diese Funktion hatte der "Swinging Single" in den 60er Jahren. Für die gegenwärtige Situation fehlt ein solches Gegenbild zur dominierenden Debatte.
 
   
  • Singlefeindlicher Bericht:
    KREBS, Andrea (2001): Familie ist da, wo Kinder leben.
    Ein erster Bericht. Zukunftswerkstätten sollen bis zum Sommer Antworten finden
    in: Neue Ruhr Zeitung v. 20.11.
    • Kommentar
      KREBS berichtet über die Vorstellung des ersten kommunalen Familienbericht von Düsseldorf.

            
      Um dem Bericht Nachdruck zu verleihen zitiert sie den Sozialdezernenten Göbel, "dass Düsseldorf die Hauptstadt der Alleinerziehenden und Singles ist". Danach liefert sie statistische Daten, die das belegen sollen:
            
      "Von den 480 001 Frauen und Männern über 18 Jahren sind 227 626 Singles. Mit 47,9 Prozent besteht fast die Hälfte aller Haushalte aus einer Person, im Bundesdurchschnitt sind das nur 35,7 Prozent."
      Ein Vergleich mit den Daten des Statistischen Amtes
      ergibt folgendes: Am 31.12.1999 lebten 480.001 über 18Jährige in Düsseldorf. Davon führten 147.023 einen Einpersonenhaushalt und werden deshalb als Singles bezeichnet.
      Dies sind zwar 47,9 Prozent der Haushalte, aber nur knapp über 30 Prozent Singles.
            
      KREBS nennt eine um 80.000 erhöhte Zahl (ca. 17 %). Würde man die Zahlen ernst nehmen, dann würde Düsseldort statt der 570.000 nur 396.000 Einwohner haben. Kein Wunder also, dass die Deutschen Angst vor dem Aussterben haben, wenn Journalisten derart falsche Zahlen verbreiten.
            
      Desweiteren wird nicht nach dem Alter der "Singles" unterschieden. Eine alleinwohnende Witwe wird genauso dazu gezählt wie ein Student in einer Wohngemeinschaft. Aus der Altersstruktur von Düsseldorf ergibt sich, dass die grösste Zahl von "Singles" alleinwohnende Witwen sein dürften.
            
      Ausserdem sollte sich eine Stadt wie Düsseldorf mit anderen Grossstädten messen und nicht mit einem Bundesdurchschnitt ihre angebliche Ausnahmesituation hervorheben. Städte zeichnen sich generell durch eine andere Bevölkerungsstruktur als Umlandgemeinden oder ländliche Gegenden aus.
 
   
  • OBERMAUER, Ralph (2001): Enkel an die Macht!
    Jonathan Franzen wollte nur für Eingeweihte schreiben. Und hat mit "The Corrections" den US-Hit der Saison gelandet. Ein Porträt
    in: Tagesspiegel v. 20.11.
    • Kommentar:
      Im Jahre 1991 erschien in Amerika das Buch "Embattled Paradise" der kalifornischen Psychologin Arlene SKOLNICK. Sie beschrieb darin die Familie als "umkämpftes Paradies". Das zentrale Thema war die Romantisierung der 50er-Jahre-Kleinfamilie.
            
      Die von SKOLNICK kritisierte nostalgische Sichtweise hat nun 10 Jahre später mit Jonathan FRANZEN ihren popliterarischen Ausdruck gefunden.
            
      Nachdem Bret Easton ELLIS ebenso wie Michel HOUELLEBECQ die sexuelle Befreiung und ihre Folgen kritisiert haben, führt FRANZEN nun deren Werk fort, indem er zur Rehabilitierung der 50er-Jahre-Familie beiträgt.
            
      Diese Sicht wird nahegelegt, weil er das äusserlich gelungene Leben der Eltern den Lebenskrisen der Kinder gegenüberstellt. In diesem unfairen Vergleich liegt das Geheimnis der romantischen Verklärung.
            
      Auch das Gegenteil ist eben wahr: gescheiterte Leben in den 50ern und erfolgreiche Lebensentwürfe danach!
            
      FRANZEN ist auf jeden Fall die konsequente Weiterführung der Themen von ELLIS und HOUELLEBECQ gelungen. Die Familien der Neuen Mitte werden ihn hierzulande ebenso begeistert aufnehmen wie die Amerikaner. Bis zum nächsten Herbst müssen sie jedoch noch auf dieses "Coming home for Christmas" warten.
 
   
  • DEGEN, Rolf (2001): Karriere ist nicht die Barriere.
    Kinderlose Frauen gelten als "Karrieretypen" - aber gerade sie träumen von der Frühpensionierung,
    in: Tagesspiegel v. 20.11.
    • Kommentar:
      Rolf DEGEN versucht das sozialpolitisch motivierte Stereotyp von der kinderlosen Karrierefrau zu entkräften.
            
      Er zitiert hierzu die beiden Sozialwissenschaftlerinnen Fiona MCALLISTER und Lynda CLARKE vom Family Policy Studies Center in London, die 176 freiwillig kinderlose Frauen zwischen 33 und 49 Jahren befragt haben. Über die Repräsentativität der Studie sagt DEGEN leider nichts aus. Ausserdem muss bedacht werden, dass die Ergebnisse nur für Grossbritannien aussagekräftig sind und nicht umstandslos auf deutsche Verhältnisse übertragen werden dürfen.
            
      Offenbar bezieht sich DEGEN auf die bereits im Juli 1998 publizierte Studie "Choosing childlessness: a study of childlessness in Britain".
            
      Keineswegs aussergewöhnlich ist das Ergebnis, dass sich die befragten Kinderlosen nicht selbst durchgängig als karriere-orientiert betrachten. Die angebliche Neuheit dieser Tatsache ist das Ergebnis einer selektiven Wahrnehmung der deutschen Studien zu diesem Thema.
            
      Es stellt sich deshalb die Frage, warum gerade jetzt das Stereotyp der Karrierefrau einer Revision unterzogen werden soll.
            
      Die Gründe hierfür müssen in erster Linie im Kontext der veränderten sozialpolitischen Debatte gesehen werden. Mit dem
      beabsichtigten Paradigmenwechsel von Welfare zu Workfare
      und damit von der "sozialen Hängematte" zum "Trampolin" einerseits (siehe auch heutige FAZ) und der bevölkerungspolitisch motivierten Debatte um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit andererseits, gerät die "Frühpensionierung" (der Begriff verweist weniger auf die britischen als auf die deutschen Verhältnisse) zum zentralen Kritikpunkt.
            
      DEGEN geht es also weniger um eine Entstigmatisierung von kinderlosen Berufstätigen, sondern um eine Anpassung des Stereotyps an die gegenwärtige sozialpolitische Faulenzer-Debatte.
            
      Wenig überraschend ist auch der Befund von Sonja Bischoff, BWL-Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg:
            
      "Sie hat 1998 zum dritten Mal - nach 1986 und 1991 - jeweils 1000 Männer und Frauen in Führungspositionen in Deutschland befragt. Der Anteil der kinderlosen Frauen ging zurück. Frauen auf der ersten Führungsebene haben heute zu 60 Prozent Kinder und in der zweiten und dritten Ebene noch zu 45 Prozent."
 
   
  • SCHELKLE, Waltraud (2001): Das große Sparschwein des Robin Hood.
    Die Rezession setzt den Wohlfahrtsstaat unter Druck: Welchen Leitbildern soll die soziale Hilfe folgen?
    in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.
    • Kommentar:
      SCHELKLE befasst sich weniger mit der Frage, die in der Schlagzeile suggeriert wird. Stattdessen stellt sie das angelsächsische Modell vor, das die Umstellung von "Welfare" auf "Workfare" als Lösung des Problems propagiert.
            
      Ziel ist die Kopplung von staatlichen Leistungen an individuelle Gegenleistungen, sowie die Einschränkung des Sozialstaats auf eine Grundsicherung. Dies soll einerseits die Zahlungsbereitschaft der Besserverdienenden und andererseits die Legitimität des Bezugs von Staatsleistungen erhöhen. Ob dies die Debatte um die Neidgesellschaft verhindert, scheint jedoch mehr als fraglich. Zentraler als diese Pseudobegründungen ist das Problem der "Working poors" in der Dienstleistungsgesellschaft.
            
      Den britischen Verfechter dieses Modells - Anthony GIDDENS - erwähnt SCHELKLE nicht, sondern nur die US-amerikanischen Verfechter.
 
   
  • BAYER, Gudrun (2001): Mehr Spaß durch Gewalt?,
    in: Nürnberger Nachrichten v. 19.11.
    • Kommentar:
      BAYER interviewt Norbert MERZ, den Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug. In seiner Argumentation treffen sich die Ressentiments gegen die Gegenwartsgesellschaft, die abwertend als Spaßgesellschaft bezeichnet wird, mit der romantischen Verklärung der bislang quantitativ unbedeutenden Großfamilie:
            
      "In der Spaßgesellschaft ist leider eine Portion Gewalt programmiert. Man handelt aus lauter Egoismus und schädigt andere dabei (...). Wir müssen bei den Kindern ansetzen. Wenn wir von Anfang an keine Zeit für die Kinder haben, lernen die doch nicht, wo die Richtschnur ist. In der Schule ist es schon fast zu spät. Die ersten drei oder vier Jahre sind wichtig. Der Hautkontakt; das Umfeld, in dem das Kind Vertrauen schöpfen kann. In der Hinsicht bedauere ich es auch, dass es keine Großfamilien mehr gibt. Die konnten das ausgleichen. Wir leben in Hochhäusern direkt nebeneinander und haben doch die größten Entfernungen. Wir merken nicht einmal, wenn – nur getrennt durch zwölf Zentimeter Wand – einer stirbt."
            
      Angesichts der gängigen Großfamilienfolklore sollte man sich Hermann HESSEs Beschreibung der bürgerlichen Familie Anfang des 20. Jahrhunderts ins Gedächtnis rufen:
            
      "Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und Nacht.
      Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfaßte eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt (...) hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule. Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider, gute Sitten daheim (...).
      Die andere Welt indessen begann schon mitten in unserem eigenen Hause und war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte anderes. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen, Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine Flut von ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, (...) Erzählungen von Einbrüchen, Totschlägen, Selbstmorden" (aus: Hermann HESSE "Demian", 1919).

            
      Hermann HESSE beschreibt im Demian die Tristesse Royale der "Spaßgesellschaft am Vorabend des 1. Weltkrieg" aus der Sicht des Bürgersohns Emil Sinclair.
 
   
  • RED (2001): Für die Besserstellung von Familien.
    KKV-Diözesanverbandstag verabschiedete "Wiesbadener Erklärung,
    in: Wiesbadener Kurier v. 19.11.
    • Kommentar:
      Der Sozialrichter Jürgen BORCHERT, der sich gerne als DER Hauptakteur der Kontroverse "Familien versus Singles" sieht, hat den Stand der Kontroverse im Sinne meines Essays vom "Ende der Spaßgesellschaft" upgedated:
            
      "Kinderlose lebten in der 'Spaß-Gesellschaft' auf Kosten der Familien – ein 'unsoziales Verhalten des Gesetzgebers' mache dies möglich", wird er zitiert.
            
      BORCHERT schätzt die Arbeit von single-dasein.de, auch wenn er natürlich nicht die hier vertretene Position teilen kann.
            
      Im Gegensatz zu sogenannten Zukunftsforschern wie Matthias HORX, die Altbekanntes in trendige Worte fassen, widmet sich single-dasein.de den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und ihren Folgen für Singles. Ein solches Informationsangebot dürfte im deutschsprachigen Bereich alternativlos sein.
 
   
  • BALDINGER, Inge (2001): Die Rückkehr des Risikos.
    Sicherheitsboom, Krisenvöllerei und "ehrliche" Produkte: Wie die Zukunftsforschung die Wirtschaft in Zeiten des Terrorkrieges sieht
    in: Salzburger Nachrichten v. 19.11.
    • Kommentar:
      Matthias HORX möchte zu den Terrorgewinnlern gehören und hat schnell seine Begrifflichkeiten dem neuen (alten) Zeitgeist angepasst.
            
      "Das (Un)Sicherheits-Zeitalter - Der Terrorkrieg und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft" heisst diese schnelle Neuverwertung.
            
      Statt "Entschleunigung" heisst es horxianisch "Slowness-Kultur".
            
      Man lese nochmals "Das Wörterbuch der 90er Jahre. Ein Gesellschaftspanorama" aus dem Jahre 1991. Unter dem Stichwort "Biedermeier" findet man alles, was HORX jetzt wieder predigt.
            
      Damals reagierte HORX auf die Wiedervereinigung, für HORX sozusagen die damalige Fassung des Terrors: "In den nächsten Jahren erwartet uns auf breiter Front die Rückkehr des Gartenzwerges. 16 Millionen DDR-Bürger werden schaffen, was die Allianz aus Bayernkurier und Bild seit 1968 nicht vermochte: die Renaissance der alten, spießigen Wirtschaftswunder-Werte".
            
      Für die "Rückkehr des Gartenzwerges" muss man nur den Begriff "Cocooning" einsetzen und schon ist das Update fast fertig.
 
   
  • CORSTEN, Volker (2001): Tragödienstoff im Wartestand.
    Reality-TV mit Herz: Eine Dokumentation begleitet kinderlose Paare bei ihren Versuchen, dem Glück nachzuhelfen,
    in: Welt am Sonntag v. 18.11.
    • Kommentar:
      "Ungewollte Kinderlosigkeit" ist im Zeitalter von Reproduktionsmedizin und Bevölkerungspolitik das Topthema. RTL2 zeigt die Serie "Wunschkinder", in der das Thema zeitgeistmässig aufgegriffen wird. "Glücklichsein ohne Kind", das darf in der heutigen Zeit nicht sein!
 
   
  • LAMPRECHT, Peter (2001): Neue Visionen vom Eigenheim.
    Ein Wettbewerb zeigt, wie sich angehende NRW-Architekten das citynahe Wohnen der Zukunft vorstellen,
    in: Welt am Sonntag v. 18.11.
 
   
  • LORENTZ, Frank (2001): Workout um Mitternacht.
    Einige Fitness-Studios im Land sind rund um die Uhr geöffnet. Was sind das für Menschen, die zu nachtschlafender Zeit trainieren? Ein Besuch,
    in: Welt am Sonntag v. 18.11.
 
   
  • LAU, Mariam (2001): Der neue Mensch als Bote des Eros.
    Folgen und Spätfolgen der sexuellen Revolution,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.11.
    • Kommentar:
      Mariam LAU befasst sich mit den Folgen der sexuellen Revolution. Sie grenzt ihre Position gegen Michel HOUELLEBECQ ab, um danach die sexuelle Befreiung als Überforderung anzuprangern.
            
      Die Folie für diese Sichtweise ist die BECKsche Individualierungsthese, die als Wahlfreiheitspostulat des "Anything goes" interpretiert wird:
            
      "Wo weder die Kirche noch ökonomischer Zwang noch der Druck sozialer Kasten dem Einzelnen oder der Paarbindung etwas vorgeben, wo Familien nicht mehr staatstragend sind, wo Differenzen zwischen den Partnern, was die Motivation der Eheschliessung angeht, immer mehr abnehmen - wo all dies der Fall ist, da muss man sich völlig neu erfinden."
            
      Angesichts der bevölkerungspolitischen Debatte um die Kinderlosigkeit und die Tatsache, dass die Heiratsmuster seit Jahrzehnten stabiler sind als dies die Debatte vermuten liesse, erscheint LAUs Credo der Missachtung der strukturellen Kontinuitäten und der Verschleierung der gegenwärtigen Ausgrenzungsversuche gegen Singles geschuldet zu sein.
            
      Misstrauisch macht auch die Tatsache, dass LAU die Debatte der 80er Jahre in den Mittelpunkt rückt, während heutzutage der Postfeminismus der Generation Golf die Debatte bestimmt. Nicht Alice SCHWARZER, sondern Verona FELDBUSCH prägt das Bild der Frau in der Berliner Republik. LAU kämpft wie SCHWARZER die Kämpfe der Vergangenheit.
            
      LAU beruft sich wie Susanne GASCHKE auf den Systemtheoretiker Niklas LUHMANN ("Liebe als Passion").
            
      Der Unterschied zwischen beiden besteht nur darin, dass LAU noch die Problemdefinition "Liebesheirat" zum Thema macht, während GASCHKE mit der "Revolution im Reihenhaus" bereits die Lösung des Problems anbietet. Gemeinsam ist ihnen also die Arbeit an der Baustelle "Familie der Neuen Mitte".
 
   
  • MESSMER, Matthias (2001): Die Rückkehr der Konkubinen.
    Die sexuelle Revolution ist nun auch in China angekommen,
    in: Neue Zürcher Zeitung v. 17.11.
 
   
  • STELZER, Tanja (2001): Neurosen zum Dessert.
    Mit ihren Romanen trifft sie den Nerv von Hunderttausenden von Frauen. Sie weiß: Schwäche zeigen kommt gut an. Ein Abendessen bei Ildikó von Kürthy.
    in: Tagesspiegel v. 17.11.
 
   
  • SLOTERDIJK, Peter (2001): Von Terror und von Genen.
    Ein Plädoyer für die Enthysterisierung zweier Selbsterregungskampagnen
    in: Frankfurter Rundschau v. 17.11.
 
     
   
  • JANSSEN, Susanne (2001): Altenhilfe am Bedarf orientieren.
    Wie wird die Altenhilfe in 20 Jahren aussehen? Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat Leitlinien für den zukünftigen Bedarf entwickelt. Denn die Ansprüche der jetzt 40- bis 50-Jährigen werden sich nach Ansicht des Verbandes stark verändern.
    in: Stuttgarter Zeitung v. 17.11.
 
   
  • Abschied von der Ich-AG
    Im RM-Gespräch erklärt der Freizeitforscher Horst Opaschowski, warum die Kirchen als moralische Sinnstifter künftig stärker gefordert sein werden,
    in: Rheinischer Merkur Nr.46 v. 16.11.
 
       
       
   

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Zu den News vom 01.-15. November 2001

 
       
   
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